Freitag, 25. Dezember 2015

Oh les beaux jours

Vom Glück des Schreibens

Wie zu recht festgestellt wurde, lesen wir Sebalds Bücher mit Bewunderung und in reiner ästhetischer Freude, der Dichter selbst aber nimmt nach eigener Auskunft an diesem Glück nicht teil. Angenehm sei die Vorbereitungsphase der Recherche, die künstlerische Umsetzung aber eine Qual und der Abschluß immer verbunden mit einer großen Leere. Banville andererseits warnt vor einer allzu ausgedehnten Vorbereitung, Flaubert etwa habe es, verleitet vielleicht von einer trügerischen Behaglichkeit des schriftstellerischen Verligens, mit den vorbereitenden Studien zu Salammbô übertrieben und dann die Prosa nicht mehr recht in Gang gebracht. Selbst weist Banville gern darauf hin, was er vorbereitend noch alles hätte lesen können, aber nicht gelesen hat. Den Satz hält er für die größte Entdeckung der Menschheit und die Arbeit mit den Sätzen für das größte Privileg. Seine Frau allerdings berichtet, wenn er nach einer Schreibsession aus seinem Arbeitszimmer hervorkomme, wirke er immer wie ein Serienmörder nach einem besonders blutigen Massaker. Er hasse, so Banville, seine fertiggestellten und ihm im gleichen Augenblick fremd gewordenen Bücher. Voll Freude an der eigenen Arroganz verschweigt er dabei aber nicht, daß seine Bücher trotz ihres Ungenügens naturgemäß besser seien als die der Kollegen. Bei Kafka dürfte die unverbindliche Vorbereitungsphase ausgefallen sein, es ist nicht wahrscheinlich, daß er, um sich einzustimmen, Werke über Schlösser in Europa oder über das Gerichtswesen gestern und heute gelesen hat. Der Ausweg war, ständig Neues zu beginnen und wenig abzuschließen oder auch, die Sachen so kurz zu halten, daß Anfang und Abschluß mehr oder weniger zusammenfallen. So konnte er ständig die Euphorie des Beginnens genießen, mehr konnte er seiner alles in allem wenig euphorischen Natur auch kaum zumuten. Proust hat für die längste Zeit seines Lebens das Schreiben vor sich her und von sich weg geschoben, um dann nur noch zu schreiben, zwischen Freud und Leid war da schon nicht mehr zu unterscheiden. Von Bernhard sagt man, er habe sich mit dem Kauf seiner Landhäuser absichtlich verschuldet und so zum Schreiben genötigt. In einer Reihe von Romanen verschafft er sich zusätzlich Erleichterung in Gestalt eines Protagonisten, der ein Werk, wie er meint, mehr oder weniger fertig im Kopf hat, es aber nicht aufs Papier bringt, der Dichter selbst gleitet also gewissermaßen mit einem Bericht über die Unmöglichkeit des Schreibens schräg ins Erzählen hinein. Seine erste Alpenreise tritt Selysses an in der Hoffnung, über eine besonders ungute Zeit nach Abschluß einer größeren Arbeit hinwegzukommen, die Reise endet im Fiasko. Bei der zweiten Reise geht ihm am Gardasee das Schreiben mit erstaunlicher Leichtigkeit von der Hand, Zeile um Zeile füllt er die Bogen des linierten Schreibblocks. Luciana wirtschaftet hinter der Theke und blickt immer wieder aus den Augenwinkeln zu ihm herüber. In regelmäßigen Abständen bringt sie ihm einen Expreß und ein Glas Wasser, und einmal ist es ihm gewesen, als spürte er ihre Hand auf seiner Schulter, oh les beaux jours! Am nächsten Tag reist er ab, man darf die Götter nicht herausfordern.

Freitag, 18. Dezember 2015

Klausner

Something in between

Das wenige, das wir über den Major George Wyndham Le Strange wissen, ist einer knappen Todesnachricht in der Zeitung entnommen, aus der drei Seiten Prosa entstehen. Gerade die äußerste Knappheit der Angaben aber läßt für einen Augenblick ein Bild der Vollständigkeit vor uns erscheinen, so als sei das Leben des Majors plan ausgebreitet vor unseren Augen. Und in der Tat, wenn es zutrifft, daß alle Information und keine Information sich nicht unterscheiden voneinander, dann mögen geringe Kenntnisse und Einsichten eher Vollständigkeit suggerieren als eine Flut von Einzelheiten. Versuchen wir allerdings, das vermeintlich vollständige Bild des Majors zu fixieren, wird schnell klar, daß das wenige Feststehende nicht ausreicht, die immensen Lücken zu füllen. Die Le Strange-Episode hat den Charakter eines hagiographischen Berichts, auf realistische Amendments sollte im Grunde verzichtet werden. Fragen lassen sich aber nur schwer abweisen, wenn sie einmal aufgetreten sind, und zudem ist kein Leser unnützer Geschichten gehindert, unnützen Gedanken nachzuhängen.

Nichts wissen wir von der Kindheit und Jugend des Majors, seinen Eltern und seinen Geschwistern, wenn es welche gab. War er ein stilles, introvertiertes Kind wie der kleine Marcel, oder war er, wilden Spielen zugetan, den ganzen Tag im Gelände unterwegs mit Freunden; wie verlief seine Schul- und Studienzeit, wie waren seine Freund- und Liebschaften, welchen Beruf hat er erlernt, wie war seine militärische Karriere vor Bergen Belsen verlaufen - we know so little of him. There is no early work, no juvenilia, no remnants of his apprenticeship.
Der Blick des Dichters ist allein auf die dreißig Jahre Einsamkeit gerichtet, nachdem er die Verwaltung der ererbten Güter eingestellt und in kurzer Zeit alle Angestellten und Hausbediensteten entlassen hatte, aber auch dieser Blick fördert nur wenig Einzelheiten an den Tag. Die Haushälterin Barnes, der einzige Mensch, zu dem Le Strange noch Kontakt hat, schweigt, und nur selten lassen Blicke über den Gartenzaun einges erhaschen. Dreißig Jahre, das sind mehr als zehntausend Tage und zehntausend Nächte, von denen wir so gut wie nichts erfahren. An anderer Stelle spielt der Dichter selbst mit dem Gedanken seiner Eremitierung und stellt sich vor, er wohne in einer steinernen Burg, bis an sein Lebensende mit nichts anderem beschäftigt als dem Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit. Es ist das denkbar kürzeste Klausnerdasein, das sich kaum länger als einen Wimpernschlag allein im Kopf abspielt und schon verdrängt wird von dem Bedürfnis, den Nachmittag irgendwie auszufüllen, und also fand er sich auch schon in der Eingangshalle eines Museums mit Notizbuch und Bleistift und einem Billet in der Hand. Zehntausend Tage und Nächte aber, wie wurden die ausgefüllt. Alexander Cleave, der Held in Banvilles Roman Eclipse, scheitert ebenfalls beim Versuch der Eremitierung, aber nicht so prompt wie Sebalds Erzähler, bei ihm können wir uns Anregungen holen. Schwer vorstellbar etwa, daß die zehntausend Nächte in ruhigem Schlaf und traumlos verstrichen sind. In the dream I dreamed one recent night I was a torturer, a professional of long experience, skilled in the art of pain, whom people came to - tyrants, spy-catchers, brigand chiefs - to hire my unique services, when their own efforts and those of their most enthusiastic henchmen had all failed. Wäre es verwunderlich, wenn es Le Strange, den Befreier von Bergen Belsen, in schweren Träumen immer wieder auch auf die andere Seite getragen hätte?

Auch tagsüber sehen wir ihn nur selten und nur, wenn er aus dem Haus tritt, immer auffällig, mal ähnlich dem heiligen Franz, mal ähnlich dem heiligen Hieronymus, mal in einem kanarienfarbenen Gehrock und mal in einer Art Trauermantel aus verschossenem veilchenfarbenen Taft mit vielen Knöpfen und Ösen. Erkennen wir eine fortschreitende seelische Erkrankung oder einen im Grunde glücklichen Menschen. Die Frage verliert ihre Schärfe, wenn wir sie verbinden mit der Frage: What is happiness but a refined form of pain? Was aber ist mit den langen Stunden, die er im Hause verbringt, sitzt er nur stumm da, an hour has gone by and he has not moved his hand, liest er, hat er Zeitschriften abonniert oder ist er mit einer Arbeit beschäftigt, etwas Handwerkliches, Drechslerarbeiten wie der alte Fürst in Krieg und Frieden, oder eine größeren Schreibarbeit vielleicht sogar, Das Leben der Heiligen etwa oder Bergen Belsen mon amour. Dann kommt wieder der Abend, the hour is late. Ghosts ring me round, gibbering. Away.

Das von Le Strange allein mit der schweigsamen Köchin Florence Barnes bewohnte große Steinhaus ist weitläufig und leer aber nicht schweigsam, it attends him, monitoring his movements, as if it had been set the task of keeping track of him, floorboards creak under his tread, door hinges squeal tinnily behind him. If he coughs, or slams shut a book, the whole house like a struck piano will give him back in echo a low, dark, jangling chord. Ist er überhaupt allein, abgesehen von Florence Barnes? The living are too much for the dead, von den Lebenden hat Le Strange sich getrennt, aber was ist mit den Toten? It is not the dead that interest him now. Who, then? The living? No, something in between, some third thing. He turned his head and caught sight of something in the doorway, not a presence but an intense absence, something more substantial than a ghost. His phantoms were his own, that was the point of them, they were a little family together.

Am Ende aber verflüchtigen sich alle Phantome, alle Überlegungen und Ergänzungen, die Geschichte vom Major Le Strange steht wieder rein und klar da, schön wie am ersten Tag, bereit, neu und anders ausgesponnen zu werden.

Samstag, 12. Dezember 2015

Im steinernen Haus

Ausgewandert

Es sind nicht nur die Protagonisten der vier langen Erzählungen, die ausgewandert sind, in der Erzählung Ambros Adelwarth ist ohnehin eine ganze Sippe nach Amerika gezogen. Vor allem aber müssen auch die hinzugezählt werden, die das innere Exil gewählt haben. Der emeritierte Richter Farrar züchtet Rosen und blickt mit einigem Entsetzen zurück auf die Jahrzehnte, die er in Gerichtssälen und Kanzleien verbracht hat. Garrad zieht sich immer mehr aus der Landwirtschaft zurück und widmet sich in der Scheune dem Bau des Tempelmodells. Die Ashburys haben sich seit jeher ausschließlich unnützen Beschäftigungen verschrieben, und noch heute reut es den Dichter, daß er nicht bei ihnen geblieben ist, um ihr immer unschuldiger werdendes Leben zu teilen. Ganz nach seinem Herzen aber ist der Major George Wyndham Le Strange; GWS und WGS, wer könnte das überhaupt zuverlässig auseinander halten.

Als Erzählfigur erblickt Le Strange 1945 bei der Befreiung Bergen Belsens das Licht der Welt, ist also ungefähr gleichaltrig mit dem Dichter. Und andererseits: Wie Modiano die Okkupationszeit zu einem Teil seines Lebens gemacht hat, so reicht Sebalds pränatale Lebensphase zurück bis 1914 und auch bei dieser Berechnung sind Le Strange und er Altersgefährten. Synchrone Lebensläufe ergeben sich naturgemäß nicht, wohl aber vergleichbare Lebensphasen. Nach dem Austritt aus der Armee unmittelbar nach dem Waffenstillstand verwaltet der Major für lange Jahre vorbildlich die Güter seines Großonkels. Dem entspricht auf der Seite des Dichters die Verwaltung der Literatur, zunächst in Arbeiten mit wissenschaftlichem Gepräge, dann stärker im Genre des Essays und schließlich lädt er nur noch Freunde zu sich ins Landhaus ein. Damit ist er nahe an dem Punkt, an dem Le Strange nurmehr allein mit der schweigsamen Köchin aus Beccles in dem großen Steinhaus lebt. Davon träumt auch der Dichter, als er durch die Straßen von Ajaccio geht und sich vorstellt, wie es wohl wäre, wenn er in einer dieser steinernen Burgen wohnte, bis an sein Lebensende mit nichts anderem beschäftigt als dem Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit. Schwerelos würde aus dieser Zeitmeditation die Prosa auf das Papier schweben, ähnlich wie er den Erzähler von Tlön sieht, den nichts kümmert in der Welt und der in der stillen Muße seines Landhauses an einer tastenden, an Quevedo geschulten Übertragung des Urn Burial von Thomas Browne arbeitet, die er nicht drucken zu lassen gedenkt. So könnte es sein, denkt der Leser, unversehens aber gerät die ruhende Anschauung zur verzehrenden Arbeit. Thomas Bernhard hat von steinernen Landhäusern nicht allein geträumt, er hat sie erworben, restauriert und in ihnen gewohnt und gearbeitet. In der Gestalt des Protagonisten von Beton sehen wir ihn vor uns. Die geplante Studie hat er fertig im Kopf, bereit für die Niederschrift, der Besuch seiner geistlosen Schwester läßt aber jeden Gedanken ans Schreiben ersticken. Nach der Abreise der naturgemäß in keiner Weise geistlosen Schwester ist die Lage störungsfrei und scheinbar ideal, tatsächlich aber ist die Niederschrift nun völlig ins Unmögliche entrückt. Sebalds Erzähler muß ähnliches geahnt haben, er beschädigt den Traum nicht und schließt die Tür des steinernen Hauses bevor er sie noch geöffnet hat.

Mittwoch, 9. Dezember 2015

Membran

Unversorgt

In einem Gespräch stellt Sebald klar, was ohnehin klar ist: irgendwelche künstlerischen Ansprüche sind mit den in das Prosawerk eingegangenen Photos aus der eigenen Kamera nicht verbunden; das gilt ebenso auch für die Photos aus anderer Quelle. Gerade ein sogenannter Schnappschuß aber könne, anders als ein gemaltes Bild oder eine Kunstphotographie, einen Erzählreiz auslösen, das Verlangen, eine dazu passende Geschichte zu schreiben. Der Unterschied zwischen einfachem Photo und gestaltetem Bild sei diffizil und reiche in metaphysische Tiefen. Er mag tief reichen, aber auch an der Oberfläche läßt sich einiges feststellen. Der Schnappschuß ist aus der Zeit gerissenes Fragment und hinterläßt Wunden auf beiden Seiten des Risses, im mit großem Zeitaufwand gemalten Bild sind die Wundränder versorgt, die Wunden so gut wie verheilt.

Längst nicht von allen Photos im Prosawerk geht der Anreiz aus, eine Geschichte zu erzählen, wie es etwa bei dem Bild der Fall ist, das die Tante Fini und andere Familienmitglieder in der neuen Welt unter dem Gemälde des heimatlichen W. zeigt. Das Eintrittsbillet zum Giardino Giusti oder das vom Brigadiere ausgestellte Verlustdokument haben Souvenircharakter. Sebald selbst erläutert, daß er die Kamera als Notizbuch nutzt. In der Vorlichtbildzeit haben die Dichter ihre Manuskripte gern mit Zeichnungen versehen, zum Zeitvertreib, wenn die Worte sich nicht einstellen wollten, aber auch um sich, bei hinreichender graphischer Begabung, selbst ein Bild von dem verbalen Geschehen zu machen. In der Buchausgabe fehlen diese Randzeichnungen dann, in der sowjetischen Gesamtausgabe der Werke Puschkins, um dieses Beispiel zu wählen, sind aber zahlreiche Ablichtungen von Manuskriptseiten eingefügt. Sebald hat seine Photonotizen als Teil der Buchausgabe belassen. 

Was fangen wir an mit den Bildern? Mit den Worten des Argentiniers Sergio Chejfec lesen wir Sebalds Prosa voller Bewunderung und in reiner ästhetischer Freude, die Bilder können diesen Zustand allenfalls durch Kontrastwirkung noch steigern. Irgendwann geht es jedem Leser mit den Buchstaben so, wie es Rilkes Panther mit den Gitterstäben geht, und dann mag er sich gemeinsam mit Austerlitz über das doppelseitige Bild eines Wüstencamps in der walisischen Kinderbibel beugen, bald aber schon vertraut er wieder Austerlitz' Deutungsvermögen mehr als dem eigenen. Dann und wann begehren die Bilder auf gegen die geringe Beachtung, die ihnen zuteil wird. Man blättert um und stößt auf das aggressiv doppelseitige Bild zweier Billardkugeln, die eine weiß, die andere schwarz. Man blättert erneut um und liest weiter. Und doch können die Bilder beruhigt sein, man ist an sie gewöhnt und will sie nicht missen. Zwar würden die Texte auch ohne die Bilder ihre Leser finden, die Bilder ohne Texte dagegen kaum Betrachter, Verlangen nach einer bildbereinigten Ausgabe der Prosawerke hat niemand. Die Bilder sind da, wie die Welt außerhalb des Textes immer da ist, nur nicht gar so weit draußen, something in between, some third thing, eine Schutzschicht vielleicht, eher noch eine Membran.

Freitag, 4. Dezember 2015

Bellezza

Giacomettis Hilfe 

Elle était belle! Il ne la pas vue de près, mais cela ne fait rien: Elle était belle!

Jean Cau berichtet von einem gemeinsamen Cafébesuch mit Sartre und Giacometti. Giacometti, der bis dahin eigentlich nur geschwiegen hatte, habe plötzlich gesagt: Sartre, vous êtes beau. Das ging selbst Sartre - man kennt ihn von Bildern - im Prinzip in allen Richtungen und rundum von sich überzeugt und eingenommen, ein wenig weit. Giacometti aber habe nachgelegt: Vous ressemblez à Hamlet. Cau zieht für sich das Fazit: Un artiste sans mots, qui comme Dieu fabrique de l'homme avec de l'argile, m'avait révelé que j'étais libre de décider de la beauté. Soll man sich diesem Fazit aus einer besonders entscheidungs- und setzungsfrohen Zeit anschließen? Le donne belle sembrano sempre dapprima intelligenti. Un bel colore o una bella linea sono infatti l'espressione della intelligenza più assoluta. Während Giacometti Schönheit dort findet, wo sie niemand vermutet hätte, sucht Italo Svevo die Schönheit an einem als gesichert geltenden Ort auf, der Frauenschönheit. Wenn man, rückblickend von Svevo auf Giacometti, vermuten möchte, es sei Sartres unbestreitbare Intelligenz gewesen, die in den Augen des Malers Schönheit erschienen auftauchen ließ, so scheint bei Svevo umgekehrt Schönheit als das die Intelligenz erzeugende Moment. Zwischen Schönheit und Intelligenz bestünde jedenfalls ein unmittelbarer Zusammenhang unter Umgehung der Verstandeskraft. In Kreise der als intelligent bis zum Kopfschütteln angesehenen Mathematiker gelten Schönheit und Eleganz der Herleitung eines Beweises als Wahrheitsindiz, Klobigkeit begründet Vorbehalte. Den Zusammenhang zwischen mathematischer Schönheit und mathematischer Wahrheit können sie nicht erklären.

People spoke of him as the modern Henry James but he wasn't really. There were the long complicated sentences but with James I always thought they obscured the truth. With him they illuminated it. Mancher, der bei der Lektüre von Henry James das eine oder andere Mal schon für längere Zeit gegen das Geheimnis der Syntax angerannt ist und die Verdunklung gleichsam an vorderster Satzfront erlebt hat, mag für einen Augenblick meinen, mit seinem erlösenden Antipoden sei Sebald gemeint, es handelt sich aber nur um einen fiktiven Autor in einem Roman von P.D. James. Sebald selbst nimmt Maß an der schönen, Satz für Satz vor uns aufgerollten Bahn, die er bei Gottfried Keller erlebt. Der Argentinier Sergio Chejfec spricht aus, was als erstes gesagt werden muß, wenn man sich Sebalds Texten zuwendet: il ramène le lecteur à une position souvent perdue depuis longtemps: l'admiration et le pur plaisir esthétique*.

Auch in der Form reiner ästhetischer Freude kann Schönheit nicht isoliert, allein nur für sich auftreten, am allerwenigsten in der an die Worte und damit an den Sinn gebundenen Belletristik, schöne Literatur ist nicht denkbar, ohne daß Intelligenz aufscheint. Chejfecs Aufsatz beschäftigt sich des weiteren mit der Geschichte als Repräsentation und als Leid. Man kann sich an die Makrosemantik anlehnen, das Geschichtsverständnis, der Holocaust, oder an die Mikrosemantik, etwa die Geschichte des heiligen Georgs in Bildern erzählt. Bei der Makrosemantik besteht die Gefahr, daß sie das Buch zu verschlingen sucht - nicht wenige Kommentatoren sehen den Dichter in unmittelbarem Wettstreit mit diversen Historizitätstheoretikern -, aber das katastrophische und, beim Blick in die Zukunft dystopische Geschichtsbild des Dichters ändert nichts daran daß wir bei der Lektüre nie den Zustand der reinen Freude (pur plaisir) verlassen, Schillers Forderung, in der Kunst müsse die Form den Inhalt vertilgen, ist eingelöst. Schiller sagt nicht tilgen, sondern vertilgen, also nicht verschwinden lassen, sondern zur Stärkung der Schönheit in sich aufnehmen. Sebald bevorzugt die Metapher der Flugfähigkeit der Sätze, die sie bei aller mitzutragenden Inhalts- und Bedeutungslast nicht einbüßen dürfen.

Position souvent perdue depuis longtemps: die meisten Gegenwartsautoren sind Giacomettiautoren mit einer, sofern überhaupt vorhanden, verborgener Schönheit, Sebald ist einer der wenigen Svevoautoren, mit einer Schönheit, die offen in das Antlitz der Sätze geschrieben ist. Die Schönheit der Sätze färbt ab, le donne di Sebald sembrano sempre dapprima belle. Daß die beiden Mitreisenden im Zug nach Mailand, die Franziskanerschwester und das junge Mädchen, von vollendeter Schönheit sind, müßte uns gar nicht ausdrücklich gesagt werden, nicht weniger schön sind Adela Fitzpatrick, Marie de Verneuil oder Mme Landau. Die einzige, die wir im Bild zu Gesicht bekommen ist allerdings die philosophisch gestimmte Saaleschifferin mit türkischen Wurzeln, und bei der Würdigung ihrer Schönheit sind wir ein wenig auf Giacomettis Hilfe angewiesen.


*Kein Zugriff auf den originalen spanischen Text

Dienstag, 24. November 2015

Frühe Werke

Was bleibt
In der vordringlich Modiano gewidmeten Ausgabe 1038 der Revue mensuelle littéraire Europe beschäftigen sich zwei Beiträge mit dem Erstling des Dichters, La Place de l'Étoile. Einer der Beiträge gehört zur immer etwas unangenehmen Gattung, die ausgehend von Bourdieu den Kampf um Zugang zum literarischen Feld schildert, der andere untersucht die Unterschiede zwischen der Erstausgabe und der späteren, vom Autor überarbeiteten Fassung. Alle Änderungen laufen auf eine Milderung des ursprünglichen célinesken Sturm- und Drangansatzes hinaus. Modiano hätte möglicherweise, sofern ihm kein weiteres Buch mehr gelungen wäre, Place de l'Étoile, Änderungen hin oder her, aus dem Verkehr genommen, zu sehr ist das erste Buch vom stilistischen Ideal seiner schönsten, in ihrer rauhen Schlankheit Giacomettistatuen ähnelnden Erzählungen wie Chien de Printemps oder Un Pédigree entfernt.

Welche Autoren wären im Gedächtnis geblieben, wenn sie, aus welchen Gründen auch immer, nur ihr erstes Buch verfaßt hätten und dann keins mehr. Wer gerade im Ulysses gelesen hat, muß bei den Dubliners einige Gänge herunterschalten, um in langsamer Fahrt die Erzählungen überhaupt wahrzunehmen, so nahe dem Üblichen scheinen sie zu sein. Die ersten Geschichten sind kurz wie Tschechows frühe Erzählungen, die letzte, The Dead hat schon fast das Format dessen, was die Russen Powest nennen, Tschechows Скучная история etwa, die Langweilige Geschichte, und auf ihre Weise sind die Dubliners genau so langweilig, das heißt betörend wie diese. Banville erfährt bei den Dubliners, that literature could be very elevated but still be about life, about the rather grim, gray, mundane life. Banville selbst schwingt sich im weiteren Verlauf dann aber wie Joyce bis auf die Höhen der griechischen Mythologie. The Dead allein sollten, wenn es denn mit rechten Dingen zugeht, Joyce einen festen Platz im Pantheon der Dichter sichern. Det var i den Tid, jeg gik omkring og sulted i Kristiania, denne forunderlige By - Sult macht, was den Nachruhm anbelangt, Markens grøde ohne Frage überflüssig, da es ein recht schmales Bändchen ist, nehmen wir zur Sicherheit noch Pan hinzu, und Hamsun kann sich seiner Sache sicher sein. Frost ist ein unvergeßliches Buch, hat aber noch nicht den Bernhardton, zusammen mit dem ersten Satz der Verstörung ist die Angelegenheit aber, wie man sagt, in trockenen Tücher. Bei Proust geht es nicht ohne die Recherche, schon Combray allein aber würde, wenn es denn sein müßte, ausreichen für die Ewigkeit.

Kafka hat ständig geschrieben, wenig zu Ende gebracht und noch weniger veröffentlicht, alles, was zu Lebzeiten veröffentlicht wurde, kann als sein Frühwerk gelten, darunter der Landarzt, der völlig ausreicht für einen Sitz im höchsten Gremium. Eigentlich reicht jedweder Satz des Dichters aus Prag: Ein schwerer alter Kahn, verhältnismäßig niedrig und sehr ausgebaucht, verunreinigt, wie mit Schwarzwasser ganz und gar übergossen, noch troff es scheinbar die gelbliche Außenwand hinab, die Masten unverständlich hoch, der Hauptmast im obern Drittel geknickt, faltige, rauhe, gelbbraune Segeltücher zwischen den Hölzern kreuz und quer gezogen, Flickarbeit, keinem Windstoß gewachsen. Drei ganze Tage dauert es, bis die Barke, als werde sie über das Wasser getragen, leise in den Hafen von Riva schwebte. Die Barke segelt auch in Sebalds Schwindel.Gefühle, sein erstes Prosawerk, hier ist es einer der zahllosen Fäden in einem Netzwerk von Zeilen, in das er sich und die Leser auf immer einzuspinnen und zu verstricken sucht. Schöner ist ihm das nie wieder gelungen.

Sonntag, 15. November 2015

Tir o saint

Entmenscht


Vom Leben des Majors George Wyndham Le Strange bekommen wir nur die äußere Hülle zu Gesicht. Der Major ist bereits dreißig Jahre alt, als wir ihn zum ersten Mal treffen, als Befreier in Bergen Belsen, was gab es da noch zu befreien. Er quittiert kurz darauf den Dienst und widmet sich für zehn Jahre der Verwaltung der ererbten Güter, dann entläßt er in kurzer Zeit alle Angestellten und Hausbediensteten und führt für gut dreißig Jahre bis zu seinem Tod ein ausgeprägtes Eremitendasein. Er nimmt verschiedene Heiligenrollen an, bevorzugt die des heiligen Franz oder die des heiligen Hieronymus. Bei seinem Ableben sei, so heißt es, seine helle Haut olivgrün geworden, sein gänsegraues Auge tiefdunkel und sein schlohweißes Haar rabenschwarz. Wie diese wundersame Verklärung im Tode zu verstehen ist, bleibt unklar, und der Erzähler distanziert sich vorsichtig von der Nachricht, er wisse nicht, was von solchen Geschichten zu halten sei. So schützt er sich jedenfalls vor der Enttäuschung Aljoscha Karamasows, der nichts anderes erwartet hatte, als daß vom Leichnam des Starez Sossima ein wundersam aromatischer Duft ausgehen würde.

Der mit dem Gesamtwerk nicht vertraute Leser wird die Erzählung vom Major Le Strange als eine singuläre, isolierte Episode werten, tatsächlich aber erscheint sie wie das Konzentrat verschiedener anderer, umfänglicherer Lebensberichte, ihr Ausgangs- oder auch ihr Endpunkt. Als der Erzähler in Begleitung seiner Frau Clara Dr. Selwyns Garten betritt, ist es nicht viel anders, als hätten die beiden den Garten des Majors betreten, Selwyns Eremitenstatus ist kaum weniger streng. Auch in seiner Vergangenheit scheinen traumatische Erlebnisse auf, die Flucht noch im Kindesalter aus der litauischen Heimat, der tödliche Unfall des befreundeten Bergsteigers Naegeli. Die seelischen Folgen, wenn es denn zurechenbare Folgen sind, stellen sich nicht unmittelbar ein, Selwyn führt für über lange Jahre ein aktives, ja mondänes Leben, wie auch Le Strange in der Dekade nach Bergen Belsen tatkräftig seine Güter verwaltet hatte. - Bei entsprechend hoher Abstraktion ließe sich auch Bereyters Lebensverlauf ähnlich darstellen.

Sowohl die prototypische Kurzerzählung vom Major George Wyndham Le Strange als auch die längeren Erzählungen sind weitgehend freigeräumt von den Dingen des Lebens, die der Stoff üblicher Romane sind, von Irrungen und Wirrungen, verwandtschaftlichen Bindungen, Vater und Mutter, Liebesverhältnissen, auch vom Geld. Alle leben in finanziell auskömmlichen Verhältnissen, Le Strange ist reich, läßt sein Geld aber ungenutzt ruhen, aus Überdruß oder aus vollendeter Gleichgültigkeit, auch gegenüber der Möglichkeit, sogenanntes Gutes zu tun. Die Helden der Erzählungen sind entmenscht im gegengerichteten Sinn der üblichen Bedeutung, nämlich frei vom alltäglich Menschlichen. Aber auch in den üblichen Romanen voller Menschengetümmel zeichnet sich, wenn sie denn die notwendige Qualität haben, ähnliches ab. Banville erfährt bei Joyces Dubliners, that literature could be very elevated but still be about life, about the rather grim, gray, mundane life - das Bild eines Gipfels über dem Nebel zeichnet sich ab, bei Sebald ist es ein weites Hochplateau, Ort einer in der Höhe verborgenen Menschlichkeit anstelle des Allzumenschlichen. Aus der Verlegenheit, für diesen Ort keinen Namen zu haben, nennen wir ihn das Land der Heiligen, Tir o saint, es ist ein Bezirk, der, wenn die Dichter denn recht hätten, auch in uns selbst zu entdecken wäre.

Sonntag, 8. November 2015

Seybolt

Kunstschönfärber

Keiner, der einen alten Hitchcockfilm ein weiteres Mal sieht, will die Szene verpassen, in dem der Meister, in der Regel gleich nach Beginn, für einen Augenblick kurz hineinschaut in das Leinwandgeschehen. Auch die alten Meister, darunter Grünewald etwa, haben sich gern, augenfällig oder versteckt, in ihren Bildern plaziert. Sebald, der als namenloser Erzähler in seinen Prosabänden fortwährend präsent ist, hat das, sollte man meinen, nicht nötig. Ständige Anwesenheit kann aber das diebische Vergnügen des womöglich unerkannten Kurzauftritts nicht ersetzen.

Johannes de Eyck hic fuit, heißt es auf dem Rahmen des Rundspiegels, in dem die Szene auf Miniaturformat von rückwärts noch einmal zu sehen ist. Seybolt hic fuit. Grünewald geriet ins Gespräch mit Barthel und Sebald Beham, hier mag Sebalds namentlicher Auftritt dem Realbezug geschuldet sein, Grünewald konnte Sebald nicht aus dem Weg gehen. In Nürnberg aber, wo das Patriziat durch den Rotschmied Vischer für den heiligen himelsfursten Sand Sebolten ein sarch von messing hatte machen lassen, sucht er seinen Namenpatron ausdrücklich auf. In der Geschichte des um Holz geizenden Wagners, in dessen Herd der Heilige ein Feuer aus Eiszapfen entzündete, fühlt er sich ihm eng verbunden. Immer ist diese Geschichte von der Verbrennung der gefrorenen Lebenssubstanz für ihn von besonderer Bedeutung gewesen, und er habe sich oft gefragt, ob nicht die inwendige Vereisung und Verödung am Ende die Voraussetzung ist dafür, daß man, vermittels einer Art schwindelhafter Schaustellerei die Welt glauben machen kann, das arme Herz stünde noch in Flammen. Die Geschichte des Seidenbaus in Deutschland schließlich hätte leicht ohne die Erwähnung des Kunstschönfärbers Seybolt auskommen können, der in der Seidenanstalt bey der Abhaspelung und Filirung während neun Jahren angestellt war. Kunstschönfärber, dieses Prädikat hat sich der Dichter wohl mit besonderer selbstironischer Wonne zugelegt, ist er doch wie kaum ein zweiter Erzähler der Gegenwart so unmittelbar und offen auf die Schönheit der Sätze aus.

Die Brautleute Giovanni Arnolfini und Giovanna Cenami sehen wir bei van Eyck von rückwärts in einem Kristallspiegel, wenn auch vielleicht nicht von höchster Qualität, der Dichter spiegelt sich eher in einem wie zufällig angebrachtes Messingrund, nie kann man sicher sein, er ist es, immer kann er es bestreiten, ich weiß nicht, was du sagst, ich kenne den Menschen nicht. Im Messingspiegel sehen wir den anderen Schutzheiligen, Georg, oder ist es der Dichter selbst? Wir sehen George Wyndham Le Strange, GWS, oder müssen wir WGS entziffern, wir sehen Max Aurach, ist es einer oder sind es zwei, Max und Aurach?
Von Hitchcock heißt es, seine Kurzauftritte seien ursprünglich eine Verlegenheitslösung gewesen aus Mangel an Statisten, dann habe er Vergnügen daran gefunden, aber warum wohl. Calasso erläutert, die Aufgabe der Orientalen in Tiepolos Gemälden sei es, das Bildgeschehen zu beobachten und dafür zu sorgen, daß das Bild nie unbetrachtet und allein, verlassen in der Museumsnacht, in Panik gerät - ist dieser Sorge nicht noch entschiedener begegnet in den Bildern, in die der Maler sich selbst mehr oder weniger offen eingeschlichen hat? Häufig berichten Autoren, ihr Werk würde sich nach der letzten Korrekturlesung von ihnen entfernen und ihnen die Tür verschließen. Durch die verborgen eingelassenen Spiegelbildchen seiner selbst könnte sich der Autor eine Art Leibgedinge und Bleiberecht besorgt haben. Und vielleicht, wer weiß, ist auch der Text, der verlorene Sohn, froh nicht allein und schutzlos zu sein.

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Frau mit Handschuhen

Verurteilt

Die denkbar engste Verbindung zwischen einem Bildnis und seinem Betrachter entwirft wohl The Picture of Dorian Gray, eine Vorbildwirkung auf die Schwindel.Gefühle ist nicht anzunehmen, obwohl auch hier die Betrachtung von Bildwerken prägend ist. Das Sichversenken in die Kunstwerke, in die Bilder Giottos und Pisanellos vor allem, ist naturgemäß nicht obsessiv ichbezogen wie bei Gray, aber auch nicht formal kunsttheoretisch, Fläche und Linie, Farbgebung und Farbauftrag, Proportionen, das spielt eine geringe Rolle. Fachliche Überlegungen fehlen aber nicht völlig, nicht allein die für die damalige Zeit hoch entwickelte Realismuskunst Pisanellos ziehe ihn an, so Selysses, sondern die Art, wie es ihm gelingt, diese Kunst in einer mit der realistischen Malweise eigentlich unvereinbaren Fläche aufgehen zu lassen. Bei Giotto erscheinen ihm die wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde als das weitaus Wunderbarste, was wir uns jemals haben ausdenken können; wer auf Reproduktionen angewiesen ist, kann die hellgrünen Flecken so schwer entdecken wie Prousts kleinen gelben Mauerfleck auf dem Gemälde Vermeers, von dem nicht wenige behaupten, es gebe ihn gar nicht. Letztlich geht es darum, die künstlerische Größe der Werke an bestimmten Einzelheiten für alle sichtbar (oder auch unsichtbar) aufscheinen zu lassen. Der persönliche, wenn auch in Vergleich zu Gray milde Bezug zu den Bildern fehlt nicht, Pisanello erzählt in Bildern die Geschichte des heiligen Georg, Namenspatron des Dichters, und die seit mehr als achthundert Jahren über unserem Leid andauernde Klage der Engel Giottos ist ein Echo des dichterischen Welterlebens.

Frederick Montgomery in Glanvilles The Book of Evidence ist in gewisser Weise nahe bei Dorian Gray. Zu dem Portrait of a Woman with Gloves eines weniger bekannten niederländischen Meisters entwickelt er ein ähnlich obsessives Verhältnis wie Gray zu seinem mobilen Konterfei, nur ist es eben kein Bild seiner selbst. Grays Verhältnis zu seinem Selbstbildnis ist klar wenn auch dunkler Natur, Montgomery weiß nicht, was er von dem Bild halten soll. Keine Mona Lisa, a youngish woman in a black dress with a broad white collar. She is not beautiful, the gold brooch that secures the wings of her collar is expensive and ugly. But knowing all this and more you still know nothing, next to nothing.
Was hätte ich von dir schon groß anderes erwarten können, scheint die Frau mit den Handschuhen zu sagen, als Montgomery einen letzten Blick auf das Bild wirft, das er gestohlen und für das er gemordet hat. Er sieht sich verurteilt, bevor noch die Richter Gelegenheit haben. Gray ist ohnehin verurteilt. Verurteilt sieht sich auch Prousts Bergotte, so wie Vermeer den Mauerfleck gemalt hat, so hätte ich schreiben müssen und habe es nicht vermocht, denkt er, bevor ihn der Schlag trifft, und sind nicht Selysses und die Schreibarbeiten, mit denen er fortwährend beschäftigt ist, gerad ebenso verurteilt, wenn die hellgrünen Spuren der Veroneser Erde auf Giottos Engelsflügeln das weitaus Wunderbarste sind, was wir uns jemals haben ausdenken können und ausdenken werden. Bereits in Haft, läßt Montgomery sich dickleibige Bände zur niederländischen Malerei bringen, um so dem Geheimnis der Frau mit den Handschuhen auf die Spur zu kommen, vergebliche Liebesmüh, wie man sich denken kann. How could mere facts compare with the amazing knowledge that flared out at me as I stood and stared at the painting? Flammt auf, bleibt aber unkenntlich, er hätte nach einer winzigen grünen Spur suchen sollen als dem Ursprung seiner Verzauberung, seiner Verfehlung und Schuld oder nach einem kleinen gelben Fleck, den es vermutlich nicht gibt.

Samstag, 17. Oktober 2015

Humber Hawk

Farben der Zukunft
Morden hat den Eindruck, seine Gegenwart entspreche eigentlich recht genau der Zukunft, die er sich als Kind vorgestellt und gewünscht hatte: A man of leisurely interests and scant ambition sitting in a room just like this one, in my sea-captain's chair, leaning at my little table, in just this season, the year declining towards its end in clement weather. Yes, this is what I thought adulthood would be, a kind of long indian summer. Weiteres Nachdenken führt zu der Erkenntnis, die erwartete Zukunft habe gar nicht die Farbe einer wie auch immer gearteten Zukunft gehabt, sondern die der Vergangenheit, a genteelly outmoded atmosphere pervaded my dream of what was to come. So what I foresaw for the future was in fact, if fact comes into it, a picture of what could only be an imagined past. Das überrascht, obwohl nichts Überraschendes daran ist. Wie soll sich ein Kind die Zukunft anders ausmalen als mit den Farben, die es bereits kennt. Seit Jahrhunderten aber sind wir dressiert, die Vergangenheit im Archiv der Museen und der Geschichtskunde zu verstauen, und den Blick nach vorn in eine gleißend helle Zukunft zu richten, von der herrliche und ganz und gar ungeahnte Dinge zu erwarten seien.

In den fünfziger Jahren gab es Nachhilfe bei den Zukunftsvisionen, die auf eine Neugestaltung des Straßenverkehrs zielten. In Magazinen konnte man Entwürfe sehen von mit einem Atomreaktor und einer vollautomatischen Steuerung ausgestatteten Limousinen, die von aller Verantwortung entlasteten Passagiere vertrieben sich die auf zwei Stunden geschrumpfte Fahrzeit von Hamburg nach München mit Karten- und Würfelspielen. Manchem Betrachter im Kindesalter wurde es weh ums Herz, ersehnte er doch nichts mehr, als sich bald, wie der Vater oder der Onkel, als genialer Lenker auf engen und kurvigen Straßen am Steuer eines Wagens zu beweisen, nun fühlte er sich beraubt, ein Opfer des Fortschritts. Auch Morden hält nichts von automatischer Steuerung, I entertained a precise image of myself as a grown-up in the back seat of my chauffeured Humber Hawk, say, in three-piece pinstriped suit and with a blanket over my knees.

A man of leisurely interests sitting in a room, in a sea-captain's chair, leaning at a little table, man könnte Selysses ähnliche Zukunftsträume zutrauen, und tatsächlich entwirft er ein ganz ähnliches Gegenwartsbild: Wenn ich in der Gegend bin, ist der Sailors’ Reading Room bei weitem mein liebster Ort. Besser als sonst irgendwo kann man hier lesen, Briefen Schreiben, seinen Gedanken nachhängen oder, während der langen Winterszeit, einfach hinausschauen auf die stürmische, über die Promenade hineinbrechende See. A kind of long indian summer: Wie es wohl wäre, wenn ich in einer dieser steinernen Burgen wohnte, bis an mein Lebensende mit nichts anderem beschäftigt als dem Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit.

An der automobilen Komponente ist ihm offenbar weniger gelegen, nur ein Bild aus der Kindheit steht ihm deutlich vor Augen. Am unteren Ende der Gasse tauchte ein Fahrzeug auf, wie er zuvor noch nie eins gesehen hatte. Es war eine allseits weit ausladende lila Limousine mit einem hellgrünen Dach. Unendlich langsam und völlig geräuschlos glitt sie heran, und drinnen an dem elfenbeinfarbenen Lenkrad saß ein Neger, der ihm, als er vorbeifuhr, lachend seine gleichfalls elfenbeinfarbenen Zähne zeigte. - Zweifellos ist er von dem Gefährt, weit mehr aber noch von dem Insassen beeindruckt. Insgesamt werden wir so gut wie gar nicht in seine Kindheits- und Zukunftsträume eingewiesen - generell gibt er ja so wenig wie möglich von sich preis -, mit einer Ausnahme. Während der Genesung von einer schlimmen Krankheit wurde er, um im Lernen nicht den Anschluß zu verlieren, für zwei Stunden täglich bei dem Lehrerfräulein Rauch in Obhut gegeben. Bei schlechtem Wetter saß er neben der sanftmütigen Lehramtskandidatin auf der Ofenbank, bei schönem Wetterdraußen in dem drehbaren Gartenhaus, und bald schon war ihm, als wüchse er mit großer Geschwindigkeit und als sei es darum durchaus möglich, daß er im Sommer bereits mit seiner Lehrerin vor den Traualtar würde treten können. - Vermittels eines schwindelhaften Taschenspielertricks versucht er in die Zukunft zu springen, nur um sie für immer in eine dauerhafte Gegenwart zurückzuziehen. Das konnte kaum gelingen, und wir haben den Nachweis, daß es nicht gelungen ist. In Dr. Henry Selwyn, der ersten und kürzesten der vier langen Erzählungen, finden wir Selysses vermählt mit einem Wesen namens Clara, bei dem es sich, wie aus vielen Einzelheiten zu erkennen, nicht um das Fräulein Rauch handelt.

Donnerstag, 15. Oktober 2015

Am Canal grande

Gleichschritt

Mandelstam schließt sein Rundfunkfeature (радиокомпозиция) Goethes Jugend mit einem Blick auf die erste Italienreise. Von Jugend im engeren Sinne konnte da bereits nicht mehr die Rede sein, Goethe war älter als Selysses bei dessen erster Italienreise.

Прислушайтесь к шагам иностранца ... Hört auf die Schritte des Ausländers auf dem warmen Stein eines bereits menschenleeren Kais am Canal Grande. Das ist kein Mensch, der zu einem Stelldichein geht: zu groß der Schwung seiner Gangart, zu entschieden und jäh kehrt er um, wenn er zweihundert oder dreihundert Schritte getan hat. - Der Schritt eines Eroberers, eines Napoleons des Geistes auf dem Kai des Canal grande. Selysses betritt den Kai nach einer scharfen Rasur beim Bahnhofsbarbier, also auch irgendwie schneidig. Von einem erobernden Schritt ist dann allerdings in der Folge nichts mehr zu spüren, vielmehr verliert er sich schon bald in die für Klaustrophobiker nicht geigneten engen Gassen. Wer hineingeht in das Innere dieser Stadt, weiß nie, was er als nächstes sieht oder von wem er im nächsten Augenblick gesehen wird. Geht man in einer sonst leeren Gasse hinter jemandem her, so bedarf es nur einer geringen Beschleunigung der Schritte, um demjenigen, den man verfolgt, die Angst in den Nacken zu setzen.

Das Erleben der beiden Venedigbesucher hat soweit, abgesehen vom reinen Faktums des Gehens selbst, kaum Deckungsbereiche. Sehen wir uns also weiter um. Чему так непрерывно, так щедро ... - was war es denn, worüber sich Goethe in Italien so unablässig, so großzügig und funkensprühend gefreut hat? Die Popularität und Ansteckungskraft der Kunst, die Nähe der Künstler zur Menschenmenge, deren lebhaftes Echo, deren Begabtheit, Empfänglichkeit. Mehr als alles war ihm die Abtrennung von Kunst und Leben zuwider. - Auch wenn es zutreffen sollte, was Calasso sagt, mit Tiepolo sei die integrale europäische Hochmalerei an ihr Ende gekommen, hätte Goethe auf seiner Reise davon nichts wissen können. Giambattista Tiepolo war gerade einige wenige Jahre tot, sein Sohn Domenico Tiepolo, kaum minderen Ranges, lebte noch, Goethe bewegte sich inmitten der lebendigen venezianischen und italienischen Malerei, inmitten der großen Künstler. Diese Bedingungen waren für Selysses naturgemäß längst nicht mehr gegeben. Seine kulturelle Leitung vertraut er nicht Goethes Italienischer Reise, sondern Grillparzers Reise nach Italien an, Grillparzer also, der an nichts Gefallen findet und von allen Sehenswürdigkeiten maßlos enttäuscht ist. Mit ihm ist eher im Gleichschritt als mit Goethe, dessen ausdrückliche Nichterwähnung einer verkappten Erwähnung gleichkommt.
In Mandelstams Vorstellung ist der Kai am Canal Grande menschenleer, als Goethe ihn betritt. Er führt es auf die späte Stunde zurück, aber ist es nicht eher der Respekt vor dem großen Mann, der die anderen zurücktreten läßt? Auf eine vergleichbare Sonderbehandlung konnte Selysses nicht hoffen, und doch scheint auch er allein auf dem Kai, jedenfalls werden Passanten nicht erwähnt. Auch die beklemmende Szene in den Gassen des Stadtinneren geht nicht auf Überfüllung zurück, es ist nur ein Einzelner, der ihm folgt oder dem er folgt, und vielleicht ist auch der nur ein Gedankenspiel. Allein ist er immer mit den alten Meistern, mit Giotto und Pisanello, in Padua, Verona und London, selbst die Sixtinische Kapelle, vor der andere stundenlang ausharren in der Warteschlange, hätte sich für ihn, wäre er nach Rom weitergereist, zweifellos wie von Zauberhand geleert. Wenn Goethe, wie Mandelstam ihn sieht, sich einfügt in das in der Menschenmenge erklingende lebhafte Echo der Kunst, so versenkt sich Selysses in die abgeschiedene, einsame Bildbetrachtung, über achthundert Jahre hinweg vernimmt er die lautlose Klage der Engel Giottos. Venedig eignet sich nicht für seine Exerzitien, als er das zweite Mal anreist, findet er die Stadt gleichsam verbarrikadiert, in der Bahnhofshalle lagerte hingestreckt wie von schweren Krankheit ein wahres Heer von Touristen in ihren Schlafsäcken auf Strohmatten oder auf dem nackten Steinboden. Auch draußen auf demVorplatz lagen ungezählte Männer und Frauen, in Gruppen, paarweise oder allein auf den Stufen und überall ringsherum. Er reist gleich weiter.

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Darwin

Wissenschaftsprosa

In einem Roman der Autorin Patricia Highsmith wird der Protagonist, als er durch die Straßen einer am afrikanischen Ufer des Mittelmeers gelegenen Stadt flaniert, urplötzlich von einem derart starken Verlangen nach der Lektüre wissenschaftlicher Prosa erfaßt, daß er spornstreichs zurückläuft in seine Unterkunft. Gerade wer vorzugsweise und in nicht geringem Maße Belletristik konsumiert und dabei neben Freud' auch viel Leid und Pein erfährt, wird Verständnis haben für dieses Verlangen.

In seinem kurzen Aufsatz Rund um die Naturforscher gibt Mandelstam einen Einblick in die Entwicklung des wissenschaftlichen Schreibstils. Der wissenschaftliche Stil der alten, von Linné herkommenden Naturforschung kannte nur zwei Elemente: Gemeinplatzrhetorik, metaphysische wie theologische Moralpredigten und passiv-beschauliche Beschreiberei. Mit Buffon und Lamarck brach eine staatsbürgerliche, revolutionäre, publizistische Strömung in den wissenschaftlichen Stil ein. Darwin nimmt der Natur gegenüber die Haltung eines Kriegsberichterstatters ein, eines Interviewers, eines tollkühnen Reporters, dem es gelungen ist, das Ereignis an seinem Ursprung zu beschreiben.

Austerlitz trifft bei seinem Besuch in Andromeda Lodge auf die Spuren Darwins. Im Jahre 1869 hatte ein Vorfahre Geralds Bekanntschaft mit Darwin gemacht, als dieser in einem von ihm unweit Dolgellau gemieteten Haus arbeitete an einer Studie über die Abstammung des Menschen. In Gestalt des Onkels Alphonso lernt Austerlitz einen späten Jünger Darwins kennen, beschäftigt sich aber weiter nicht mit dem Evolutionstheoretiker. Wenn Darwins Lebensspanne das Ottocento so gut wie ausfüllte, so gilt das gleiche für Linné in Bezug auf das Sette- und für Thomas Browne in Bezug auf das Seicento. Browne gilt offensichtlich die Vorliebe des Dichters, er wird zu wissenschaftlichen Leiter, der uns durch die Ringe des Saturn führt. Bei Browne befindet sich die wissenschaftliche Prosa noch im Larvenzustand, hat sich noch nicht freigemacht, ist, in wissenschaftlicher Prosa ausgedrückt, noch nicht ausdifferenziert.

Unter Thomas Brownes nachgelassenen Schriften über den Nutz- und Ziergartenbau, das Anlegen künstlicher Hügel und Berge, die altsächsische Sprache, die Falknerei oder die Altersfreßsucht verliert sich das Musaeum Clausum nahezu. Das Musaeum wiederum handelt vom Schatten des Denkens, vom Briefwechsel in hebräischer Sprache zwischen Molinea von Sedan und Marie Schurmann, den beiden gelehrtesten Frauen ihrer Zeit, von den furchtbarsten Foltermethoden und zahllosen anderen Dingen und schließlich auch von den zwei persischen Mönchen, die zur Zeit Justinians in einem ausgehöhlten Wanderstab die ersten Eier der Seidenraupe nach Europa brachten. Die Seidenraupe hat sich im Verlauf der Zeit dann als Gegenstand theoretischer und angewandter Wissenschaft etabliert. In Frankreich besorgte Olivier de Serres, älter noch als Browne, mit seiner Publikation Théâtre d'agriculture et mesnage de Champs die wissenschaftliche Grundlegung des Seidenbaus, einen Einblick in das Werk und seinen Schreibstil erhalten wir nicht. Gründlicher werden wir mit seinem Widerpart Béthune de Sully vertraut, der sich ein wissenschaftliches Kleid anlegt, ohne irgend an Wissenschaft interessiert zu sein, vielmehr allein an seinen politischen, gegen den Seidenbau gerichteten Interessen. Zum einen sei das französische Klima nicht günstig für den Anbau von Maulbeerbäumen und zum anderen würde die Leichtigkeit des Seidenbaus zur Verweichlichung der Nation und zur fehlenden Kriegstauglichkeit des Heeres führen. Ersichtlich werden die später von Linné gesetzten Standards wissenschaftlicher Darlegung, mochte sie auch in Gemeinplatzrhetorik eigebettet bleiben, gründlich verfehlt.
Auf dem Boden des deutschen Staatsgebiets dürfen, was den praktischen Teil anbelangt, die Verdienste eines gewissen Seybolt nicht hintangestellt werden, Kunstschönfärber seines Zeichens und in der Seidenanstalt angestellt als Wärter der Seidenwürmer und Aufseher bei der Abhaspelung und Filierung. Wissenschaftlich hinkte das Vaterland hinterher, erst 1826 wurde Joseph von Hazzis Lehrbuch des Seidenbaus für Deutschland veröffentlicht. Auch Hazzi interessiert sich nicht zuletzt für das soziologische Beiwerk, die zu erwartende bürgerliche Verbesserung des Weibergeschlechts und aller anderen an ein regelmäßiges Arbeiten ungewohnten Teilen der Bevölkerung. Das änderte sich auch nicht, als gut hundert Jahre später das Deutsche Reich die Sache in die Hand nahm und ein neues Seidenbauaufbauprogramm einleitete. Der Dichter beschäftigt sich weniger mit den im engeren Sinne seidenbaukundlichen Ausführungen in Friedrich Langes grundlegendem Werk Deutscher Seidenbau, Aufzucht der Raupen, Verarbeitung des Trockenkokons, sondern schaut vor allem auf die nach wie vor virulente, hier vor allem im pädagogischen Bereich angesiedelte zeitgemäße Gemeinplatzrhetorik. Der Seidenraupe sei in jeder Entwicklungsstufe zu den verschiedensten Versuchsanordnungen verwertbar. Bau und Besonderheit des Insektenkörpers seien an ihr aufzuzeigen, desgleichen Domestikationserscheinungen, Verlustmutationen, Auslese und Ausmerzung zur Vermeidung rassischer Entartung.
Die Geburt der reinen, von Moralpredigten befreiten Wissenschaftsprosa erleben wir bei Descartes. Bekanntlich lehrte dieser, daß man absehen muß von dem unbegreiflichen Fleisch und hin auf die in uns bereits angelegte Maschine sich orientieren, auf das, was man vollkommen verstehen, restlos für die Arbeit nutzbar machen und, bei allfälliger Störung, entweder wieder instand setzen oder wegwerfen kann. Leider ist nicht erinnerlich, zu welcher Gattung in der reichen Palette wissenschaftlicher Prosa Patricia Highsmiths Romanheld Zuflucht genommen hatte, um den Seidenbau ging es jedenfalls nicht.

Sonntag, 4. Oktober 2015

Olfaktorien

Von den Sinnen

Veilchen und Rosen mögen in Lyrik und Prosa duften, abgesehen davon ist in der Prosa - lassen wir die Lyrik beiseite - die Wiedergabe olfaktorischer Eindrücke eher rar. Es gibt Ausnahmen, eine ist das von Geruchswahrnehmungen durchsetzte Prosawerk John Banvilles. Einige wahllos aus wenigen Seiten herausgegriffene Beispiele:

She stood very close to him, half a head shorter, her civet scent stinging his nostrils. - It was crowded and there were the mingled smells of coffee and fried sausages and sugary pastry.  - He was coming more and more to hate this city, its crowds, its dirt, its smells - the river was particularly foul today. - She, too, had a smell, very different from his mother's smell, delicate and cool, like the scent of wet lilac. - There was a smell of old cigarette smoke, sweat and urine. - He tried to imagine himself a damp and odoriferous infant on his knee. - He hated the smell of sheep his clothes gave off in the rain. - A slightly nauseating smell of hops was coming over the brewery wall.

Das Ausbleiben von Geruchshinweisen läßt sich naturgemäß nicht in der gleichen mühelosen Weise durch Zitate belegen, was nicht da ist, läßt sich nicht anführen. Es müssen Situationen gefunden werden, in denen olfaktorische Wahrnehmung erwartbar wäre und doch fehlt. Als Austerlitz sich auf den Weg von Losovice aus auf den Weg nach Terezín macht, liegt im Vordergrund ein giftgrünes Feld, dahinter ein vom Rost zerfressenes petrochemisches Kombinat, aus dessen Kühltürmen und Schloten weiße Rauchwolken aufsteigen, wahrscheinlich ohne Unterlaß seit einer Reihe von Jahren. Der üble Geruch, der zweifellos über der Landschaft liegt, wird nicht vermerkt. Als wir in den Canale della Giudecca hineinfuhren, lag ein totenstilles Betongebäude unter einer weißen Rauchfahne. Brucia continuamente, fortwährend wird hier verbrannt, allerdings ohne daß über den Geruchssinn eine Umweltbeeinträchtigung spürbar würde. Auch der Brand von London am Ende der Schwindel.Gefühle ist ein rein visuelles Spektakel. Als Selysses mit viel Müh' und Plag' im Stehbuffet der Ferrovia seinen Cappuccino ergattert hat, dürfen wir das köstliche Aroma nicht genießen. Selbst der Besuch des Bahnhofspissoirs in Desenzano wird zu einem optischen, geruchsfreien Erlebnis: Il cacciatore stand da in einer ungelenken Schrift an der Wand.

Besonders bedrängend bei Banville sind die Geruchswahrnehmungen bei körperlicher Nähe, stellenweise scheint es, als seien wir abgestiegen in das Reich der Hunde. Szenen körperlicher Nähe sind bei Sebald an sich schon selten und kommen aus, ohne den Geruchssinn zu beanspruchen. Una fantesca, hörte ich sie leis sagen, und es ist mir gewesen, als spürte ich ihre Hand auf meiner Schulter. Selten genug ist es mir vorgekommen in meinem Leben, daß ich von einer mir fremden Frau angerührt worden bin. - Das Gehör ist angesprochen, ohne durch Lärm strapaziert zu werden, und, in aller Flüchtigkeit, der Tastsinn. Schwer vorstellbar, Selysses würde auch noch Lucianas Wohlgeruch erwähnen und ausgeschlossen, Austerlitz würde, als er in Marienbad an der Seite Marie de Verneuils erwacht, von ihrem civet scent berichten.

Die Wahrnehmungssinne lassen sich ordnen nach der Distanz, die sie überbrücken können, Tastsinn, Geruchssinn, Gehör, Gesicht. Sebalds Prosa ist eine Prosa der Distanz, eine Gesichts- und Augenprosa, seine Prosareise beginnt er in Italien, dem Land des Lichts. Dublin ist nicht Venedig oder Verona, der Horizont liegt näher, die Eindrücke sind anders. Der Geruchssinn erzeugt, da die Wohlgerüche in der Minderzahl und oft artifiziell hergestellt sind, schnell eine aggressive Enge, vielleicht einer der Gründe dafür, daß Banville unter dem Pseudonym Black eine zweite Karriere als Kriminalschriftsteller aufgenommen hat, ein Vorhaben, mit dem Selysses, der Augenmensch, in den Schwindel.Gefühlen nur kurz kokettiert.

Freitag, 2. Oktober 2015

Spitaleremit

Nursery
Nabokow, wie jeder weiß, hatte sich, als er zu Geld gekommen war, auf Dauer im Montreux Palace eingemietet, Dylan Thomas hat sich im Chelsea Hotel New York mit Bedacht und Methode aus dem Leben getrunken, das Hotelzimmer also in ein Sterbe-, zunächst aber in ein Krankenzimmer verwandelt. Morden, der Protagonist in Banvilles Roman The Sea, vergleicht die Vorzüge des Hotel- mit denen des Krankenhauszimmers. Hotel rooms are always impatient for us to be gone. Hospital rooms, on the contrary are there to make us stay and be content. They have a soothing suggestion of the nursery, the miniature hand-basin in the corner with its demure little towel and the bed, of course, with its wheels and levers, where one might sleep and dream, and be watched over, and cared for, and never, not ever, die. I wonder if I could rent one, a hospital room, and work there, live there, even. Selysses hat, soweit uns bekannt, derlei Überlegungen nicht angestellt, so unbefriedigend, wie seine Hotelübernachtungen mehrheitlich verlaufen, hätte er sich aber womöglich überzeugen lassen. Die Einweisung in das Spital der Provinzhauptstadt Norwich nimmt er trotz des bedenklichen Zustands einer nahezu gänzlichen Unbeweglichkeit ausgesprochen gelassen hin. Das Schrumpfen der Außenwelt auf ein farbloses Stück Himmel im Rahmen des Fensters scheint er eher zu begrüßen. Geradezu euphorisch aber wird die Stimmung nach der Operation. In seinem eisernen Gitterbett fühlte er sich wie ein Ballonreisender, der schwerelos dahingleitet durch das ringsum ihn sich auftürmende Wolkengebilde. Droben am Himmel waren die Sterne, winzige Goldpunkte, in die Öde gestreut. An sein Ohr drangen durch die dröhnende Leere die Stimmen der beiden Schwestern, die ihm den Puls maßen und ab und zu die Lippen netzten. Katy und Lizzie hießen die beiden Wesen, die ihn von fern an die beiden Leserinnen im Zug nach Mailand, die Franziskanerin und das Mädchen in der bunten Jacke, erinnerten. Warum sollte er dieses paradiesische Krankenhauszimmer je wieder verlassen, so wie Le Strange ein Garteneremit, wäre er, wenn er bliebe, fortan ein Spitaleremit. Die englische Wallfahrt müßte deswegen nicht ausfallen, er wäre nicht in einer geschlossenen Anstalt.

Sonntag, 27. September 2015

Patois

Refugium

Un panier de houblon, Claude Vigées Erinnerungen an seine elsässische Kindheit in der Zwischenkriegszeit sind, so ist der Eindruck, in einem besonders reinen und reichen Französisch geschrieben. Gleichzeitig betont Vigée, né Strauss, immer wieder, nicht Französisch, sondern das Elsässerdeutsch sei seine Muttersprache, und zwar das Elsässerdeutsch in der Ausprägung des Ortes Bischweiler, und das wiederum in der besonderen Abwandlung der jüdischen Bevölkerung Bischwillers. Immer wieder sind kurze Proben des Patois eingeschoben, in dem sein ganzer Weltbezug und sein Gefühlswelt gewachsen sind: L'échange quotidien de paroles dans un dialecte haut et clair, entre les pauvres diables et les bons gens de la bourgeoisie dominante, constitue pour moi l'humanité réelle, au milieu de laquelle j'apprends à vivre en m'amusant et en jouant. Der Untergang dieser Sprache in Tateinheit mit der Deportation und Ermordung der elsässischen Juden war nicht der geringste Verlust, den er verschmerzen mußte. Der heimische Dialekt, ce dialecte haut et clair, ist für ihn, mehr noch als die Menschen und die Gegend, das heimische Elsaß: L'Alsace ne se livre en profondeur qu'à ceux qui savent écouter sa vraie voix rocailleuse en dialecte.

Sebald hat seine Bücher in einem besonders reinen und reichen Deutsch geschrieben, eine andere Sprache oder einen Dialekt stellt er nicht dagegen. Austerlitz kann plötzlich wieder in der Sprache seiner Kindheit, dem Tschechisch, sprechen, in die Mitte seines Empfindens rückt sie nicht. Mit Vĕra Ryšanová, seiner Kinderfrau, hatte er ohnehin Französisch gesprochen. Auch aus dem unerhörten Glücksfall, in Bala die walisische Sprache im Flug erlernt zu haben - o bydded i'r hen iaith barhau -, hat er wenig gemacht. Das Englische ist, als neutrales Terrain sozusagen, nicht der Rede wert, die deutsche Sprache war zu meiden.

Es steht ein Komet am Himmel endet mit einem Gedicht Hebels in alemannischer Sprache. Hebel ist das erlaubt, gegenüber minderen Heimatdichtern wie Weinheber, Kolbenheyer oder Burte besteht dagegen Mißtrauen, Dialekt und sogenannte volksnahe Sprache führen bei ihnen, so sieht es der Dichter, unmittelbar an den Abgrund des Völkischen. Im Ferienort Limone kommt die Abneigung gegenüber dem Dialektalen in aller Deutlichkeit zum Vorschein. An Einschlafen war nicht zu denken. Von der Terrasse her drang der Lärm der Musik und das Stimmgewirr der großteils schon angetrunkenen Gäste, bei denen es sich zu meinem Leidwesen fast ausnahmslos um meine ehemaligen Landsleute handelte. Schwaben, Franken und Bayern hörte ich in ihren auf das ungenierteste sich breitmachenden Dialekten die unsäglichsten Dinge untereinander reden. Einen hohen und klaren Dialekt vermag der Dichter nicht wahrzunehmen, ganz anders als Vigée hat Selysses die Heimatsprache nicht als Refugium mit in die Fremde genommen. Der Erwartung, wie Austerlitz die deutsche Sprache ganz aufzugeben, hat Sebald nicht entsprochen, sondern sich in einem gewissermaßen entrückten Deutsch eingerichtet, in das vereinzelt süddeutsche Einschübe wie Kleinode eingefügt sind.
Es ist nicht das gleiche, ob man Heimat und Heimatsprache in einem wie auch immer begründeten Groll verläßt, oder ob sie einem genommen werden. Auch Vigée hatte im übrigen Bedarf an einem reinen, nicht kontaminierten Französisch: Une bonne partie de la population appuya les allemands, la plupart laissèrent faire et détournèrent benoîtement les yeux de l'abomination. Voilà la vérité des années quarante, le reste n'est que bavardage trompeur.

Freitag, 18. September 2015

Nachtlager der Poesie

Timbre

Ossip Mandelstam weist uns auf den rechten Weg: Die Struktur der Erzählung entspring ihrem Timbre, keineswegs ist es so, als würde für die Erzählung ein passendes Timbre gesucht, um es ihr dann wie auf einen Leisten aufzuspannen. Ähnliches ist uns bei Peter Weiss unter dem Begriff der Klangfarbe und bei Walter Benjamin, Cajetan Freund aufgreifend, als Musikalität der Worte begegnet. Mandelstam beleuchtet die Angelegenheit auch von der anderen Seite: Eine vom Timbre geleitete literarische Erzählung läßt sich nicht nacherzählen. Damit gibt er uns gleichsam ein Werkzeug der Überprüfung in die Hand: Wann immer wir mit der Nacherzählung ähnlich zufrieden sind wie mit der Erzählung, können wir das Original guten Gewissens entsorgen, denn, wie der Dichter ausführt, die Laken sind unberührt, die Poesie hat hier nicht genächtigt. Drei Beispiele:

Krieg und Frieden wird im deutschen Lexikon mit gut tausend Wörtern, im russischen mit knapp viertausend Wörtern nacherzählt, auf das Nachtlager der Poesie stößt man so oder so nicht, obwohl doch jeder weiß, daß die Poesie in dem Roman eine ihrer schönsten Wohnungen hat. Horcht man in eine bestimmte Einzelheit hinein, etwa Nataschas Tanz nach der Jagd, oder betrachtet sie so hingegeben wie Bergotte den petit pan de mur jaune betrachtet, hört und sieht man die ganze Herrlichkeit der Behausung.

Modiano ist ein Dichter des nahezu reinen Timbres, zu dem immer das Timbre des Verbrechens gehört. Der jüngste Roman Pour que tu ne te perdes dans le quartier setzt mit einer genreüblichen Kriminalintrige ein, die dann, als dem Timbre in dieser Hinsicht Genüge getan ist, aufgegeben wird und folgenlos versandet.
Und schließlich die Schwindel.Gefühle. Mandelstam trifft seine Feststellungen im Gespräch über Dante, halten wir also Ausschau nach Dante. Auf seiner von Schwindelgefühlen beeinträchtigten Alpenreise trifft Selysses in Wien eine Reihe längst verstorbener Leute wie die Mathild Seelos und den einarmigen Dorfschreiber Fürgut und er trifft den bei Feuertod aus seiner Heimatstadt verbannten Dichter Dante. Er trifft ihn in der auf Mantua, die Geburtsstadt Vergils verweisenden Gonzagagasse, so daß recht besehen beide Höllenwanderer beisammen sind. Ist damit die Danteerzählung schon abgeschlossen? Dante wird am Motiv der Verbannung aufgegriffen, die Schwindel.Gefühle enden mit dem Ritorno in patria. Dante zählt fünfunddreißig Jahre, als er, vom Wege abgekommen, die Höllen- und Himmelswanderung antritt, Selysses, falls wir für ihn das Alter seines Autors ansetzen, bringt es auf sechsunddreißig Jahre, als er sich nach einer besonders unguten Zeit in Wien wiederfindet. Dante hat es zunächst mit einem Löwen, einem Gepard und einer Wölfin zu tun, Selysses mit Dohlen und einer weißköpfigen Amsel. Die Danteerzählung und die anderen subkutanen Miniaturerzählungen haben keine festen Konturen, der Leser kann sie nach seinem begründeten Belieben so weit spinnen, wie es ihm gelingt. Kann man in Luciana Michelotti Beatrice erkennen? Daß es sich um eine vierundvierzigjährige resolute und lebensfrohe, wenn auch im Augenblick von einer gewissen Schwermut befallene Frau handelt, widerlegt nichts, auch andere Gestalten aus der fernen Vergangenheit unterliegen einer gewissen Verbürgerlichung wenn nicht gar Verbiedermeierung. Der geheimnisvolle Jäger Gracchus wird nach seiner Verwandlung in den Jäger Schlag mit einer Repetieruhr ausgestattet, die das Lied Üb' immer Treu und Redlichkeit abspielt, und wer würde in Giorgio Santini, der in Begleitung seiner Frau, seiner Schwiegermutter und seiner drei Töchter im Konsulat zu Mailand wartet, den heiligen Georg erkennen, hätte er nicht als Identitätsnachweis seinen unverwechselbaren Strohhut in der Hand. Eine Vergil gleichrangige Führergestalt kann Selysses nicht auftreiben. Er muß sich mit dem in dieser Hinsicht weitaus weniger zuverlässigen Kafka begnügen. Bei ihrem Irrweg durch Oberitalien ähneln die beiden recht besehen denn auch eher Wladimir und Estragon als Vergil und Dante.

Zahlreiche subkutane Miniaturerzählungen unbestimmten Umfangs greifen ständig in die als Reisebericht gestaltete Haupterzählung ein und verhindern deren Nacherzählbarkeit. Wenn es denn eines Beweises bedurft hätte, in den Schwindel.Gefühlen sind die Laken zerwühlt, der Test ist bestanden.

Samstag, 12. September 2015

Bei Feuertod

Schwierige Heimkehr


Als Selysses in der Gonzagagasse zu Wien den bei Feuertod aus seiner Heimatstadt verbannten Florentiner Dichter Dante sieht, sieht er sein Spiegelbild. Wenn der mit fünfundreißig Jahren, nel mezzo del cammin di nostra vita, vom rechten Weg abgekommen ist und sich in einem dunklen Wald wiederfindet, versucht Selysses im gleichen Alter durch eine Ortsveränderung über eine besonders ungute Zeit hinwegzukommen. Bei genauer Betrachtung geht es aber weniger um Dante als Protagonist der Commedia als um den aus Florenz unter Androhung des Scheiterhaufens verbannten Staatsbürger Dante. In der Sprache der Schwindel.Gefühle lebt er All'estero (daß die Fremde, neben anderen italienischen Städten, nur Verona ist, hat nichts zu bedeuten, wir können das nicht mit unseren Augen sehen) und ein Ritorno in patria ist ihm verwehrt.

Der unbefangene Leser der Schwindel.Gefühle wird die Rückkehr des Erzählers, Selysses, in seinen Geburtsort W. als den Ritorno in patria ansehen, aber auch die anschließende Reise übers Meer nach England ist eine Heimkehr. Vielleicht auch ist Patria gar nicht geographisch, sondern metaphysisch zu verstehen. In jedem Fall ist die Weiterfahrt eine Fahrt ins Feuer: Es war ein grausig blutig böses Lohen, zu Hunderten die toten Tauben auf dem Pflaster, das Federkleid versengt. Am Gottesacker die Bäume fangen Feuer, ein rasend kurzer Fackelbrand, ein Krachen, Funkenstieben und Erlöschen. Ein dumpfer ungeheurer Schlag, das Pulverhaus fliegt auf. Um uns herum der Widerschein, und vor dem tiefen Himmelsdunkel in einem Bogen hügelan die ausgezackte Feuerwand. Die Rückkehr scheint ihm bei Feuertod verwehrt, wohin es ihn stattdessen führt, darüber gibt es keine Nachricht. Die Erzählung aus dem Sommer und Herbst des Jahres 1987 bricht ab im Feuer, es vergeht eine leere Zeit bis zum Jahr 2013, und dann ist Ende. Naturgemäß kann man die Dinge richtigstellen und darauf hinweisen, Selysses habe ja nur im Tagebuch des Samuel Pepys vom Brand der Stadt London gelesen, bevor er heil und wohlbehalten zuhaus eintraf.

Montag, 7. September 2015

Downsizing

Drei Wirklichkeiten

Die Schwindel.Gefühle sind nicht nur von Gestalten der Gegenwart, sondern auch von Gestalten der Mythologie und der weit zurückliegenden Historie bevölkert, ihre Geschichte ist fragmentarisch in der Erzählverlauf eingefügt. Zu nennen sind der Jäger Gracchus, der heilige Georg und der mittelalterliche italienische Dichter Dante. Wir sehen sie einmal in ihrer vergangenen Größe und dann in einer verbürgerlichten Gegenwartsvariante, sozusagen auf Normalmaß zurechtgestutzt. Als eine Barke in den Hafen von Riva einfährt und der Jäger Gracchus an Land getragen wird, fühlt Mme Gherardi sich derart ungut berührt, daß sie darauf besteht, ohne jeden weiteren Verzug abzureisen. Im Allgäu, wo Gracchus, erkenntlich an der am Oberarm eintätowierten Barke, unter dem Namen Hans Schlag unterkommen ist, sehen wir ihn in Begleitung eines Dackels mit Namen Waldmann und ausgestattet mit einer Repetieruhr, die das Lied Üb' immer Treu und Redlichkeit zum Besten gibt. Auf Pisanellos Bild hat San Giorgio schon die schwere blutige Arbeit im Blick, sieben Berittene stehen zu seiner Unterstützung bereit. Zu Giorgio Santini geworden, besteht seine vornehmste Kunst darin, auf dem Hochseil eine Eierspeise anzurichten. Als Selysses in der Gonzagagasse zu Wien den bei Feuertod aus seiner Heimatstadt verbannten Florentiner Dichter Dante sieht, sieht er sein eigenes Spiegelbild. Wenn Dante mit fünfundreißig Jahren, nel mezzo del cammin di nostra vita, vom rechten Weg abgekommen ist und sich in einem dunklen Wald wiederfindet, versucht Selysses, im gleichen Alter, durch eine Ortsveränderung über eine besonders ungute Zeit hinwegzukommen. Wenn Dante es eingangs mit einem Löwen und anderen großdimensionierten Raubtieren zu tun hat, spricht Selysses mit den Dohlen und einer weißköpfigen Amsel. Luciana Michelotti läßt sich nicht wie Beatrice in die obersten Himmelssphären katapultieren, mag sie sie auch an lebendiger Weiblichkeit in den Schatten stellen.

Was ist der gemeinsame Gedanke, der gemeinsame Impetus hinter diesen in gleicher Weise ablaufenden Vorgängen, Entmytho- logisierung? - wohl kaum, wenn man darunter versteht, daß im Augenblick des Abfallens der mythischen Verkleidung die Wahrheit zutage tritt. Hans Schlag ist nicht die Wahrheit des Gracchus, Giorgio Santini nicht die des heiligen Georg und schon gar nicht ist Selysses die Wahrheit Dantes. Banalisierung? - vielleicht in der Weise, daß der Dichter seine Geschöpfe nicht bewahren kann vor der Banalität der Gegenwart. Aber stimmt überhaupt die Blickrichtung, und ist nicht die entgegengesetzte die richtige, werden nicht die banalen Geschöpfe der Gegenwart mythologisiert und erhöht?

Treten wir aus der Erzählung heraus in eine plane Wirklichkeit, ist das eine so falsch wie das andere, der vermeintliche Dante in der Gonzagagasse ist ein beliebiger Passant, Giorgio Santini ist fälschlich in Verdacht, San Giorgio zu sein und gleiches gilt für den Jäger Hans Schlag im Verhältnis zum Jäger Gracchus, aber die plane Wirklichkeit ist aus der Erzählwirklichkeit verwiesen oder doch nur ein Drittes neben den Erzählwirklichkeiten der Erhöhung und der entgegengesetzten der Herabholung. Unter Schwindelgefühlen muß der Erzähler und müssen wir mit drei Wirklichkeiten zurechtkommen.

Mittwoch, 2. September 2015

Identitätsnachweise

À travers l'étoffe de ma veste

Identitätskrise war eines der Schreckensworte der sechziger und siebziger Jahre, Sebald rettet wenn nicht das Wort so doch die Sache und nicht ohne Spaß dabei zu haben in die Achtziger. Die Schilderung des Paßverlustes in Limone am Gardasee zählt zu den humoristischen Highlights im Werk. Selysses ist von dem Verlust wenig beeindruckt und hält auch die Verlustmeldung bei der Polizei für überflüssig. Später, im deutschen Konsulat zu Mailand, ist er weitaus mehr an der Artistenfamilie Santini interessiert als am neuen Identitätsnachweis. Den Ersatzpaß in der Hand, gerät er vollends in eine tiefe Orientierungs- und Identitätskrise. Von seinem Aussichtsposten auf der obersten Galerie des Doms aus kann er sich nur mit Mühe darauf besinnen, daß es sich bei weit unten über das Pflaster hastenden Personen um lauter Mailänder und Mailänderinnen handelt und wer er selbst ist, weiß er auch nicht so recht. Schließlich ist ein Paß auch mehr für die Außenwirkung, für die anderen, gedacht als für den Inhaber selbst. Eindeutig ist die Trennung von Innen- und Außenwirkung allerdings nicht: À la terrasse d'un petit café, au soleil, j'ai tâté à travers l'étoffe de ma veste l'extrait de mon acte de baptême. Depuis, bien de choses avaient changé, il y avait eu bien de chagrins, mais c'était tout de même réconfortant d'avoir retrouvé son ancienne paroisse. Auch der Taufschein ist als traditioneller Identitätsnachweis eher nach außen als nach innen gerichtet, für Modianos Erzähler aber wird er zu einem Talisman, den er zur Festigung seiner selbst nahe am Herzen trägt.

Wir begegnen auch weniger formellen, nichtamtlichen Identitätsnachweisen wie einem Hut und einer Barke. Im deutschen Konsulat zu Mailand wartet gemeinsam mit Selysses ein gewisser Giorgio Santini, Artist seines Zeichens. In der Hand hält er denselben Hut, mit dem Pisanello auf seinem Bild San Giorgio con cappello di paglia den heiligen Georg ausgestattet hat. Das Alias der leichten Namensveränderung ist aufgeflogen, hinter Giorgio Santini verbirgt sich San Giorgio. Wem aber gilt der Identitätsnachweis? Der Erzähler, Selysses, äußert sich nicht. Den Lesern, abgesehen von einigen ausgewiesenen Pisanellokennern, fehlt der Entschlüsselungsansatz, da Pisanellos Bild in der Erzählung erst hundert Seiten später vorgestellt wird. Und Giorgio Santini selbst, ist er über sein Vorleben als Heiliger orientiert oder nicht?

Eine andere über die Jahrhunderte sich erstreckende Identität: Nach einem Navigationsfehler des Ruderknechts scheint der Jäger Gracchus auf ewig an seine Barke gefesselt, wir sehen ihn verschiedentlich auftauchen und verlieren ihn dann aus den Augen. Als der Jäger Hans Schlag, ursprünglich ebenfalls eine Erfindung Kafkas, im Allgäu zu Tode stürzt, verzeichnet der Obduktionsbericht eine am linken Oberarm eintätowierte kleine Barke. Lebensläufe, die sich von der hinteren Wand der Ewigkeit lösen, kommen offenbar mit behördlichen Identitätsbescheinigungen nicht aus, Symbole überbrücken die verschiedenen Phasen ihrer für unser Auge lückenhaften Existenz.

Montag, 24. August 2015

Frank Auerbach

Unfehlbar ausgelöscht

Gleich beim Eingang zum ersten Saal der Bonner Ausstellung trifft man auf ein ganz in Grautönen gehaltenes Selbstbildnis des Künstlers. Das Gesicht ist unter der schweren Malarbeit erheblich zerstört und dann mit kruden, die Zerstörung, aber nicht ihre Spuren behebenden Mitteln geflickt worden. Das Bild wirkt wie ein Wahrheitsbeleg zur Darstellung des Max Aurach in den Ausgewanderten. Es wundere ihn, so läßt Sebald Aurach sagen, wie er am Ende eines Arbeitstages aus den wenigen der Vernichtung entgangenen Linien und Schatten ein Bildnis von großer Unmittelbarkeit zusammenbringe, und weitaus mehr noch verwundere es ihn, daß er diese Bildnis am darauffolgenden Morgen, sobald er nur einen ersten Blick auf es geworfen habe, unfehlbar wieder auslösche. Da Aurach die Farben in großen Mengen aufträgt und sie im Fortgang der Arbeit immer wieder von der Leinwand herunterkratzt, ist der Bodenbelag des Malstudios bedeckt von einer im Zentrum mehrere Zoll dicken mit Kohlestaub untermischten, weitgehend bereits verhärteten und verkrusteten Masse, von der er behauptet, daß sie das wahre Ergebnis seiner fortwährenden Bemühung darstelle und den offenkundigen Beweis für sein Scheitern. - Weitaus mehr Vernichtung als Schöpfung.

Sebald hat Eckdaten der Biographie Auerbachs aufgegriffen und ist offenbar fasziniert von seinem Bild als Eremit und Asket der Kunst. Aurach ist gestaltet als ein von seinen Lebensumständen, der frühen Flucht aus Deutschland, dem Tod er Eltern im KZ, dem Leben als Ausgewanderter im Exil mehr oder weniger zerstörter Mensch. Zehn Stunden Arbeit im Atelier an sieben Tagen der Woche, das galt für ihn und das gelte für Auerbach, so hört man, selbst jetzt, im hohen Alter, noch immer, auch die Aurach kennzeichnende, inzwischen völlig ortsfeste Lebensweise. Einmal in der Woche besuche Auerbach abends in Gesellschaft ein italienisches Eßlokal, dessen Niveau leicht über dem von Aurach in Manchester täglich frequentierten, von einem Massaihäuptling geleiteten und grauenvolle halb englische, halb afrikanische Gerichte ausliefernden Wadi Halfa liege, wahren Gourmetansprüche aber keineswegs genüge. Mit Hinweis auf den frühen Arbeitsbeginn mahne der Maler schon bald wieder zum Aufbruch.

Wie sehr Sebald Auerbach als Maler geschätzt und verstanden hat, ist schwer zu sagen, die eigenen dichterischen Arbeiten geben einen vergleichbar wüsten Entstehungshintergrund nicht zu erkennen, die Oberfläche der Prosa ist extrem geglättet.  Bei den alten und älteren Meistern scheint der Dichter sich alles in allem wohler zu fühlen, so wenn Aurach und der Erzähler gemeinsam Courbets Eiche der Vercingetorix betrachten oder wenn Aurach dem Erzähler den zermarterten Grünewald einerseits und den schwebenden Tiepolo andererseits nahebringt. Sebald hatte von den beiden in seinem Werk bereits zuvor gehandelt, so daß letztlich nicht klar ist, wer wen unterweist.

Sonntag, 23. August 2015

Zikaden

Hört den Reim!


In den Schwindel.Gefühlen, mehr noch als in den anderen Prosabänden, ist der Boden unter den Füßen weich. Da sind einmal die untergründigen Miniaturgeschichten, Geschichten über den Jäger Gracchus, den heiligen Georg, den Dichter Dante, die die Schritte des an der Oberfläche wandernden Lesers einsinken lassen, und es sind die vielen Entleihungen, nicht ausgewiesene Zitate, die ihn zum Stolpern bringen. Ossip Mandelstam aber beruhigt den Wanderer: Das Zitat ist kein Exzerpt, keine Abschrift, das Zitat ist eine Zikade, mithin ein willkommener Gefährte des Wanderers und keine Stolperfalle. Diese auf den ersten Blick überraschende Einsicht gründet offenbar auf dem Gleichklang, der Alliteration und dem Endreim, citata jest cikada. Immer wird vom Reim eine Ergänzung oder Vertiefung der Alltagsbedeutung erwartet, hier aber scheint er sie komplett zu verdrängten, um mit seiner verborgenen Bedeutung an ihre Stelle zu treten. Was im einzelnen mag der Dichter meinen? Ohne daß wir ihn recht verstehen, hat er uns schon dank der Kraft seines Wortes schon überzeugt.

Das Wesen der Zikade, so hören wir weiter, ist ihre Unfähigkeit zu schweigen, neumolkajemost, und, so wäre zu ergänzen, ihre Unsichtbarkeit. Bei einer Rast auf der Fahrt nach Spanien, Höhe Narbonne, hört man die Stille über der Buschlandschaft und stellt fest, es ist die lärmende Stille der Zikaden. Heerscharen der verborgenen Kreaturen singen unermüdlich das Lob des Herrn. In der Prosa haben die Zikaden Namen. Hat man in der Prosalandschaft erst die Zikade Kafka, die Zikade Büchner, die Zikade Thomas Browne entdeckt, vermutet man unsichtbare Artgenossen unter jedem Zweig, jedem Blatt und hört ihren anschwellenden Ruf nach Beachtung.

Montag, 17. August 2015

Freude

Letizia che trascende ogne dol(z)ore

Wenn man Tolstoi liest, scheint sie russische Sprache wie keine andere durchdrungen von der Freude des Lebens. Liegt es an der russischen Sprache oder an Tolstoi oder liegt es an beiden? In den beiden großen Romanen dringt das Glück des Daseins aus allen Poren der Prosa, obwohl doch auch von soviel Not und Verzweiflung, von Leiden und Tod erzählt wird. Es kann das Glück einer Schlittenfahrt sein, eines Pferderennens, bevorzugt ist es naturgemäß das Glück der jungen Liebe. Die Freude übertönt den Schmerz, das ist in einer Reihe von Erzählungen und auch in dem dritten Roman, Auferstehung, anders. Gleich im ersten Absatz des Romans wird die Freude in das Reich der Fauna und Flora verwiesen. Wessnja byla wessnoju, der Frühling war der Frühling geblieben, sogar in der Stadt. Fröhlich waren die Pflanzen, die Vögel und die Käfer und auch die Kinder und, möchte man ergänzen: die Sprache. Die Menschen aber hörten nicht auf einander zu betrügen und zu quälen.

Der russische Dichter Mandelstam hat, im Gespräch über Dante, die besonderen emotionalen Vorzüge wiederum einer anderen Sprache herausgestellt: Als ich anfing, Italienisch zu lernen, und einen kleinen Einblick in die Phonetik und Prosodie gewonnen hatte, begriff ich auf einmal, daß der Schwerpunkt der Sprechtätigkeit sich verlagert hatte: näher hin zu den Lippen, zum äußeren Mund. Die Zungenspitze kam plötzlich zu Ehren. Der Laut stürzte zum Verschluß der Zähne. Was mich außerdem faszinierte, war die Infantilität der italienischen Phonetik, ihre herrliche Kindhaftigkeit, die Nähe zum Kinderlallen, blisost k mladentscheskomu lepetu, hätte er darüber nachgedacht, müßte diese Eigenart des Italienischen auch den späten Tolstoi, der einzig die Kinder in ihrer Freude den Vögeln gleichstellt, begeistert haben.

Weiter spricht Mandelstam vom durch den Vokalreichtum ausgelösten Vershunger, stichotwornyj golod, des Italienischen. Im Vers, so Kurt Flasch, ebenfalls mit Blick auf Dante und eine Belehrung Fausts aufgreifend, seien die Wörter einander so freundlich. Er selbst hat die Commedia in deutsche Prosa übersetzt, da das Deutsche keinen dem Italienischen vergleichbaren Vershunger aufweist. Selysses liest Italienisch weder in Prosa noch in gebundener Sprache. Er bevorzugt die ent-bundene Sprache und greift zum Beredten Italiener, einem praktischen, überwiegend aus Vokabellisten bestehenden Hülfsbuch des Italienischen. Alles scheint hier aufs beste geordnet, so als setze sich die Welt bloß aus Wörtern zusammen, als wäre dadurch auch das Entsetzliche in Sicherheit gebracht, als gäbe es zu jedem Teil ein Gegenteil, zu jedem Bösen ein Gutes, zu jedem Verdruß eine Freude und zu jedem Unglück ein Glück: eine Weltordnung erstellt ohne viel Aufwand, um Längen weniger grandios als die Commedia, aber genauso unglaublich. Sebald hat wiederholt betont, die Prosa müsse sich nicht weniger um das Wohlbefinden der Wörter kümmern als die Lyrik. Das Deutsche hat nicht die fröhliche Kompaktheit der russischen Sätze und nicht die heitere Vokalfülle des Italienischen, aber wer wollte sagen, in den schönen weiten Sätzen des Dichters seien die deutschen Wörter in ihrer blassen Eleganz nicht liebevoll beieinander und würden sich nicht wohl fühlen.

Nel mezzo del cammin di nostra vita mi ritrovai per una selva oscura, ché la diritta via era smarrita. Im nahezu gleichen Lebensalter, als Dante in die Hölle einstieg, hofft Selysses durch eine Ortsveränderung über eine besonders ungute Zeit hinwegzukommen. Die Unrast trägt ihn erst nach Wien, dann weiter nach Italien, nicht nach Florenz, und auch in Verona, wo der größere Teil der Commedia verfaßt wurde, trifft er Dante nicht an. Vergil ging rechts vorn voraus, heißt es im Canto XIII der Purgatoriums, Dante, der, wie Mandelstam hervorhebt, auf der langen Wanderung seiner Schwindelgefühle nie Herr wird, also links hinter ihm. Noch in Wien, in der Gonzagagasse, hatte Selysses den bei Feuertod aus seiner Heimatstadt verbannten Florentiner Dichter Dante vorüberhuschen sehen. Gonzaga verweist auf Vergils Geburtsstadt Mantua. Nicht auszuschließen, daß die beiden, Dante und Vergil, insgeheim Selysses Italienreise veranlaßt haben, oft stellt das nur Angedeutete das breit Ausgeführte in den Schatten. Da aber weder der eine noch der andere Anstalten macht, ihn zu begleiten, werden Stendhal und Kafka sozusagen als Vorkommando losgeschickt.

Freude, die über allen Genuß hinausgeht. Die für Dante weit über alle anderen Freuden hinausgehende Freude ist der Anblick Beatrices im Paradies, nicht wenige haben die gesamte Commedia als ein einziges großes Liebesgedicht gelesen. In den Schwindel.Gefühlen sind die Frauengestalten nicht ganz so entrückt aber nicht weniger schön. Auch Stendhal ist nach einer längeren Reihe realer Geliebter jetzt ganz der von ihm selbst erdachten Mme Gherardi verfallen, Kafka ist bestrebt, die Schweizerin in eine literarische Gestalt zu verwandeln. Selysses ist für den Hauch eines Augenblicks mit Luciana vermählt. Auf der Heimfahrt trifft er im Zug die zugleich reale und irreale Winterkönigin, als sie in Bonn aussteigt ist sie für ihn verloren wie Beatrice für Dante bei ihrem Tod.
Die Schwindel.Gefühle enden mit dem Blick auf ein Höllenfeuer. Drastische Abschilderungen der uns alle erwartenden Pein hatte Selysses zuvor aus Gebetbüchern des 17. Jahrhunderts erfahren, die in der Bibliothek der Mathild versammelt waren, und die lautlose Klage, die seit nahezu siebenhundert Jahren von den über dem unendlichen Unglück schwebenden Engeln Giottos und Dantes erhoben wird, erklingt wie eh und je. Die Freude, die über allen Genuß (dolzore) hinausgeht, kann sie auch über allen Schmerz (dolore) hinausgehen? Dante, einmal im Paradies angelangt, hat mit dem in der Hölle zurückgelassenen Schmerz nichts mehr zu schaffen, aber seine Position als Paradiesläufer ist wahrhaft einzig. Tolstoi hat sich dem Dilemma von Freud und Leid mit aller irdischen Wucht gestellt, der Dichter stellt sich ihm mit verhalteneren Worten.

Dienstag, 11. August 2015

Sterbezimmer

Hej Boginie! Wszystko zginie

Wenn die Erinnerung nicht trügt, eröffnet Bondartschuks Verfilmung von Krieg und Frieden unmittelbar mit der Sterbeszene des Kirill Wladimirowitsch Besuchow, so daß sie noch mehr Gewicht erhält, als sie bereits im Buch hat. Llorenç Villalonga läßt einen kompletten, wenn auch eher kurzen Roman, Mort de dama, im Sterbezimmer sowie im Vorzimmer des Sterbezimmers der Obdúlia Montcada spielen. Zugang zum Sterbezimmer erhalten nur einige wenige, der Rest der vorgeblich Trauernden, vor allem aber die Aussichten auf ein Anteil am Erbe Berechnenden sind, wie auch bei Tolstoi, auf das Vorzimmer verwiesen. Ähnlich zahlreich wie die Stunden oder Tage vor dem Tod sind in der Literatur die Stunden oder Tage nach dem Tod, die Totenwache, erfaßt. Joyce hat der Totenwache, vertraut man dem Titel, mit Finnegans Wake ein umfängliches Buch gewidmet.

Nichts war ihm in der Kindheit sinnvoller erschienen als diese beiden Tage der Erinnerung, Allerheiligen und Allerseelen, Tage der Erinnerung an die Leiden der heiligen Märtyrer und der armen Seelen, an denen die dunklen Gestalten der Dorfbewohner seltsam gebeugt im Nebel herumgingen, als seien ihnen die Wohnungen aufgekündigt worden. Die bekundete frühe Hingezogenheit zu den Toten setzt sich fort und hinterläßt allenthalben Spuren im Werk. Selysses folgt den Spuren von Thomas Browne und den Fragen der Urnenbestattung. Auf Korsika fesselt ihn vor allem der Totenkult. Austerlitz wird in Wales vom Schuster Evans mit dem Reich der Toten vertraut gemacht. Später dann, bei der Erkundung Londons, wird offenbar, daß die großen Städte auf Leichenbergen erbaut sind, Gräber sind durch Gräber gegraben, bis auf dem ganzen Acker die Gebeine kreuz und quer durcheinander liegen. Es ist berechnet worden, daß in jedem aus der Grube entfernten Kubikmeter Abraum die Gerippe von durchschnittlich acht Menschen gefunden worden sind. Wen kann es da verwundern, wenn der Venezianer Malachi, der viel nachgedacht über die Auferstehung und zumal über den Satz, demzufolge unsere Gebeine und Leiber von den Engeln dereinst übertragen werden in das Gesichtsfeld Ezechiels, auf seine Fragen Antworten nicht gefunden hat.

Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt er auch. Ein Stück außerhalb des besiedelten Areals im Becken des Kongoflusses stößt man auf einen Platz, an dem die von Krankheit zerstörten und von Hunger und Arbeit Ausgehöhlten zum Sterben sich niederlegen. Wie nach einem Massaker liegen sie da in dem gräulichen Dämmer auf dem Grunde der Schlucht, Schattenwesen, die jetzt frei sind, frei wie die Luft, die sie umgibt und in die sie sich nach und nach auflösen werden. Auch die Protagonisten der Vier langen Erzählungen legen sich nieder, Selwyn und Bereyter auf eine dramatische Weise, bei Aurach wissen wir nicht, welche Art des Sterbens er wählen wird. So ausführlich der Umgang mit den längst Toten ist, so kurz angebunden und einsam das Sterben. Keine Rede von einem Sterbezimmer oder einer Totenwache, auch an der Bestattung nehmen wir nicht teil. Vermerkt wird der Tod und das Doppelbegräbnis von Evelyn und Alphonso Fitzpatrick. Als sich der Trauerzug auf den Friedhof von Cutiau zubewegt wird der Blick des Lesers sogleich zu Turners Aquarellskizze Funeral at Lausanne umgelenkt, auf der mit einigen Pinselstrichen die sogleich wieder zerfließenden Visionen des Malers festgehalten sind. Mit dem Sterben im Kreise der Lebenden und, wie man dachte, unter den Augen Gottes ist es vorbei. Die Toten haben keine Nachfahren oder Erben, eine Gegenwart ohne Zukunft läuft aus oder läuft endlos dahin.

Sonntag, 2. August 2015

Dunkelkammer

Am Ende des Weges

Strauch wird von dem Famulus korrekt als Kunstmaler geführt, selbst stuft er sich als Anstreicher ein. Alle von ihm gemalten Bilder habe er längst verheizt. Ansonsten spricht er, der pausenlos auf den Famulus einredet, kaum von seiner Kunst. In künstlerischen Fragen habe er am meisten seiner Haushälterin vertraut. Von ihr, die keine Ahnung von Kunst hatte, habe er die besten Urteile gehört. Im Gegensatz zu anderen Malern, die in hellen Räumen arbeiten müssen, konnte er nur in völlig abgedunkelten Räumen malen. Es muß finster sein, dann kann ich malen. Nur in völliger Finsternis. Glaubte er, ein Bild sei fertig, zog er die Vorhänge zurück und sah, daß es nichts geworden war, daß es wieder nur ein Ansatz war, daß es nichts war, nichts, nichts, nichts. Jetzt male er ja nicht mehr. Frost handelt von einem Künstler, der, wie er sagt, mit Dreiundzwanzig eigentlich schon fertig gewesen und am Ende des Weges angekommen war.

Bei Tiepolo sah es noch ganz anders aus. Als er schon auf die Sechzig ging und bereits sehr an der Gicht litt, lag er in der Kälte der Wintermonate zuoberst auf dem Gerüst einen halben Meter unter der Decke des Treppenhauses der Würzburger Residenz mit kalk- und farbverspritztem Gesicht und trug trotz der Schmerzen in seinem rechten Arm mit sicherer Hand die Farblasur ein in das Fleck für Fleck aus dem Verputz entstehende Weltenwunderbild. Aber: Tiepolo fu adatto ad assumere il ruolo di epilogatore della pittura, almeno in quel senso particolare, singolare, irrecuperabile che aveva assunto in terra europea per cinque secoli. Dopo, restavano gli artisti, pieni di umori, capricci, estri, insofferenze. E alla fine rischiarano di non esserci più neppure loro.

Wie Bernhards Kunstmaler Strauch, so zählt auch Sebalds Kunstmaler Aurach zu den artisti pieni di umori, capricci, estri, insofferenze. Aurach arbeitet in einem vom Staub verdunkeltem Atelier. Da er die Farben in großen Mengen aufträgt und sie im Fortgang der Arbeit immer wieder von der Leinwand herunterkratzt, ist der Bodenbelag bedeckt von einer im Zentrum mehrere Zoll dicken, nach außen allmählich flacher werdenden, mit Kohlestaub untermischten, weitgehend bereist verhärteten und verkrusteten Masse, die stellenweise einem Lavaausfluß gleicht und von der Aurach behauptet, daß sie das wahre Ergebnis darstelle seiner fortwährenden Bemühungen und den offenkundigsten Beweis für sein Scheitern. Einerseits arbeitet er zehn Stunden täglich in dem düsteren Atelier, andererseits ist er mit dem Ergebnis eines Schaffens nie auch nur annähernd zufrieden und das Werk, das ihm am meisten am Herzen gelegen war, das in einer nahezu ein Jahr sich hinziehenden schweren Arbeit abgeschlossene gesichtslose Porträt Man with a Butterfly Net sei zugleich sein verfehltestes. Mit der Anerkennung, die er inzwischen in der Kunstwelt findet, und dem eingehenden großen Geld hat er nichts zu schaffen. Obwohl Aurach seinen Weg innerhalb und nicht, wie Strauch, außerhalb der Malerei fortsetzt, ist auch er längst am Ende seines Weges angelangt.
Strauch und Aurach arbeiten in Dunkelkammern, wie sie eigentlich zum Milieu des Photographen gehören. Für Austerlitz war stets der Augenblick der wichtigste, in dem man auf dem belichteten Papier die Schatten der Wirklichkeit sozusagen aus dem Nichts hervorkommen sieht, genau wie die Erinnerungen, die ja auch inmitten der Nacht in uns auftauchen und sich dem, der sie festhalten will, so schnell wieder verdunkeln, nicht anders als ein photographischer Abzug, den man zu lang im Entwicklungsbad liegenläßt. Vielleicht hat der Photograph Francis Jansen, von dem Modiano uns das wenige erzählt, das er von ihm weiß, ähnliche Freude in der Dunkelkammer empfunden. Wir lernen ihn kennen, als er, am Ende seines Weges angekommen, das Photographieren aufgibt. Merkmale seiner Kunst bleiben erkennbar, aucun goût pour le pittoresque, mais tout simplement son regard à lui, un regard dont je me rappelle l'expression triste et attentive. Die Kamera handhabt er wie John Wayne den Colt, avec désinvolture, con sprezzatura, il jetait un œil furtif sur le cadre de l'appareil, à la hauteur de sa taille, et pourtant je savais que chacune de ses photos était d'une précision extrême. Prägend aber und zugleich eine Lektion für den Erzähler ist die Nähe zum Schweigen: Une photographie peut exprimer le silence, mais les mots? Il m'avait mis gentiment au défi de suggérer moi aussi avec les mots: le silence. Ob auch die modernen Dichter pieni di umori, capricci, estri, insofferenze sind und rsikieren, di non esserci più neppure loro alla fine, dazu sagt Calasso nichts.