Freitag, 29. März 2013

Drei kleine Feuerchen

Cessez le feu

Selysses ist in den vier Prosabüchern ständig vorhanden und tritt doch kaum in Erscheinung. Auch das Kind Selysses gewinnt in Ritorno in patria kaum mehr Kontur als irgendein anderer Bewohner der Ortschaft W. im Allgäu. Es bestimmt aber den Tonfall der Prosa durch die Fortführung der kindlichen Erwartung einer Welt, in der alles zum Besten geordnet ist, in der es zu jedem Teil ein Gegenteil gibt, zu jedem Bösen ein Gutes, zu jedem Verdruß eine Freude, zu jedem Unglück ein Glück und zu jeder Lüge auch ein Stück Wahrheit. Aber das Timbre der kindlichen Hoffnung kann nur in einer reduzierten, armen Welt vernommen werden, in der die Bauten das Ausmaß einer Kindervilla oder eines Bahnwärterhäuschens nicht übertreffen, und in der von der prometheischen Gabe des Feuers nur der sparsamste Gebrauch gemacht wird. Am Abend nach der Abreise des grünen Heinrichs hatte die Mutter sogleich die Wirtschaft geändert und beinahe vollständig in die Kunst verwandelt, von nichts zu leben. Sie erfand ein eigentümliches Gericht, welches sie jahraus, jahrein, einen Tag wie den anderen um die Mittagszeit kochte, auf einem Feuerchen, welches gleichermaßen von nichts brannte. Ein Feuer, das von nichts brennt, ist so gut wie kein Feuer.
Bei der Rückkehr nach W. herrscht denn auch eine Feuerpause sogar in Hephästs Werkstatt. Aus der Schmiede roch es nach verbranntem Horn. Das Essenfeuer war ganz in sich zusammengesunken, und das Werkzeug, die schweren Hämmer, Zangen und Raspeln lagen und lehnten herrenlos überall herum. Nirgends rührte sich etwas. Das Wasser im Bottich, in den der Schmied sonst jeden Augenblick mit dem glühenden Eisen, daß es zischte, hineinfuhr, war so still und glänzte von dem schwachen Widerschein, der vom offenen Tor auf seine Oberfläche fiel, so tiefschwarzdunkel, als hätte noch nie jemand es angerührt und als sei ihm bestimmt, in solcher Unversehrtheit bewahrt zu bleiben. Die Türschelle im Ladengeschäft nebenan schepperte und gleich darauf standen wir in dem kleinen Uhrenladen des Uhrmachers Ebentheuer, in dem eine Unzahl von Standuhren, Regulatoren, Wohnzimmer- und Küchenuhren, Weckern, Taschen- und Armbanduhren durcheinandertickten, gerade so als könne ein Uhrwerk allein nicht genug Zeit zerstören. Aber auch noch so viele Uhren können die Zeit nicht zerstören, sondern das Perpetuum Mobile der Zeit nur begleiten. Zeit kann nicht enden vor dem Ende der Tage, und auch das Feuer kann nicht erlöschen, die Feuerpause in der Schmiede ist ein Trugbild. Der Venezianer Malachio, Astrophysiker von Beruf, denkt nach über das Wunder des aus dem Kohlenstoff entstandenen, auf Verbrennung beruhenden Lebens, das im Incineritore Communale dann endgültig in Flammen aufgeht. Ein totenstilles Betongehäuse unter einer weißen Rauchfahne, brucia continuamente.
Das zweite kleine Feuerchen, das von außen betrachtet, dem der Mutter des Grünen Heinrichs auf den Span gleicht und doch ein ganz anderes Feuer ist, finden wir in Andromeda Lodge in Wales, wo es in der Wohnung des Onkels Evelyn brennt. Nur wenn mehrere Tage hintereinander die Temperatur auf dem Thermometer am Fensterrahmen zur Mittagszeit unter fünfzig Grad Fahrenheit sank, durfte die Haushälterin im Kamin ein winziges Feuerchen anschüren, das von fast gar nichts brannte. Einfluß auf das große Brennen draußen, das durch die Stoffumwandlung in der Technik exponentiell anwächst, hat das nicht. Die Schlote rauchen zu Tausenden, einer neben dem anderen, bei Tag sowohl als in der Nacht, viereckige und runde Schlote und ungezählte Kamine, aus denen ein gelbgrauer Rauch dringt. Als die Schlote in Manchester dann kalt dastehen, beginnen an verschiedenen Stellen Feuerchen zu flackern, um die als unstete Schattenfiguren Kinder herumstehen und -springen. Das gnomenhafte Feuerchen des Onkels Evelyn hat mit dem Aufflammen und Erlöschen des Industriefeuers nichts zu tun, es geht auf einen, wenn man so will, edlen Geiz zurück, indem alles gesparte Geld der Kongomission zufließt zur Errettung der noch im Unglauben schmachtenden schwarzen Seelen. Nicht zu retten aber sind die schwarzen Seelen der in den Minen von der Krankheit Zerstörten und von Hunger und Arbeit Ausgehöhlten, die ohne das Löschwasser der Taufe zum Sterben sich niedergelegt haben und wie nach einem Massaker in dem gräulichen Dämmer auf dem Grunde der Schlucht liegen. Ihr Schicksal ist vorgezeichnet in den in der Bibliothek der Mathild vorgefundenen Gebetsbüchern aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert mit zum Teil drastischen Abbildungen der sie erwartenden Pein, eine Pein, die, wie wir alle wissen und wie das beigegebene Bild noch einmal vor Augen führt, im wesentlichen auf dem Einsatz von Feuer beruht. Während über die Temperaturverhältnisse in der Hölle weitgehende Klarheit besteht, wissen wir von der Himmelswärme so gut wie nichts. Die Zeit, soviel ist sicher, hat sich hier in die Ewigkeit verloren, aber kommt es auch zu einer abschließenden Feuereinstellung? Der Astrophysiker Malachio hat in der letzten Zeit viel nachgedacht über die Auferstehung und ganz besonders über die Bedeutung des Satzes, demzufolge unsere Gebeine und Leiber von den Engeln dereinst übertragen werden in das Gesichtsfeld Ezechiels. Können Auferstehung und ewiges Leben in einem verbrennungsfreien Raum stattfinden? Antworten hat Malachio nicht gefunden, aber es genügen ihm schon die Fragen. Gerald Fitzpatrick, der andere Astrophysiker, bleibt näher beim Berufsbild, wenn er sich für die unendlich heißen Kinderstuben der Sterne in der tiefen Eiseskälte des Alls begeistert.

Gerald ist es auch, der das dritte kleine Feuerchen entzündet. Es ist ein Feuerchen ganz anderer Art, es soll ein großer Brand werden und will gar nicht brennen. Austerlitz beobachtet seinen Schulkameraden Gerald an einem trostlosen Samstagnachmittag, wie er am Ende eines Korridors Feuer zu legen versuchte an einem Stapel Zeitungen, der dort aufgeschichtet war auf dem Steinboden neben dem offenen, in einen Hinterhof hinausführenden Tür. In dem grauen Gegenlicht sah er seine kleine, zusammengekauerte Gestalt und die Flämmchen, die an den Rändern der Zeitungen züngelten, ohne daß es recht brennen wollte. Als er ihn zur Rede stellt, sagt Gerald, am liebsten wäre ihm ein riesiges Feuer und an der Stelle des Schulgebäudes ein Haufen Trümmer und Asche.
Im Traum geht die Welt mehrfach in Flammen auf und wird unter Asche begraben. Austerlitz, der Geralds reales Feuerattentat noch unterbunden hatte, träumt nach seinem Besuch in Terezín, wie die Schemen der Kraftwerke, in denen die Braunkohle glüht, gleich Schiffen treiben in der Düsternis, kalkfarbene Quader, Kühltürme mit gezackten Kronen, hochaufragende Schlote, über denen weiß gegen den in krankhaften Farben gestriemten westlichen Himmel die reglosen Rauchfahnen standen. Nur an der nachtfahlen Seite des Firmaments zeigten sich ein paar Sterne, rußig blakende Lichter, die eines um das andere ausgingen und Schorfspuren zurückließen in den Bahnen, durch die sie immer gezogen sind. Südwärts, in einem weiten Halbrund, erhoben sich die Kegel der erloschenen böhmischen Vulkane, von denen er sich in diesem bösen Traum wünschte, das sie ausbrechen und alles ringsum überziehen möchten mit schwarzem Staub. Am Ende der Schwindel.Gefühle, unterwegs im Zug von London nach Ostengland, blättert Selysses in der Everyman’s Library erschienenen Dünndruckausgabe des Tagebuchs von Samuel Pepys und erlebt dann im Traum noch einmal das große Feuer von London, ein blutig böses Lohen, vom Wind durch die ganze Stadt getrieben. Zu Hunderten die toten Tauben auf dem Pflaster, das Federkleid versengt. Die Kirchen, Häuser, Holz und Mauersteine, alles brennt. Ein rasender kurzer Fackelbrand. Ein Krachen, Funkenstieben und Erlöschen. Ist dies die letzte Stunde? Ein dumpfer, ungeheuerer Schlag, das Pulverhaus fliegt auf. Um uns der Widerschein, und vor dem tiefen Himmeldunkel in einem Bogen hügelan die ausgezackte Feuerwand bald eine Meile breit. Und andern Tags ein stiller Ascheregen – westwärts, bis über Windsor Park hinaus. - In beiden Fällen begraben am Ende Staub und erkaltete Asche das ausgebrannte Gelände, eine Feuereinstellung ist erreicht, aber um den Preis der völligen Vernichtung und des völligen Untergangs.

Das Feuer ist so allgemein und notwendig wie Zeit und Raum und in Sebalds Erzählwelt fast stärker noch präsent als diese, da es, anders als die Zeit durch tickende Uhren und der Raum durch die Reisebewegungen, nicht erst mit Hilfsmitteln aus der Verborgenheit transzendentaler Ästhetik hervorgeholt werden muß, sondern unmittelbar wahrnehmbarer Erzählgegenstand ist. Auch die vornehmlich außerhalb des Prosawerks sich geltend machende Obsession mit den Feuerstürmen des Luftkriegs ist im Zusammenhang des allgegenwärtigen Brands zu sehen. In seiner Allgegenwart und Vielgestaltigkeit, Grundlage des Lebens und Drohung seiner Vernichtung zugleich, im Incineritore Communale noch über den Tod hinaus, entzieht das Feuer sich jeder Bewertung. Ohnehin aber ist Erzählprosa kein Areal einer durch die beurteilende Vernunft einsichtig gemachten Welt.

Was aber die drei kleinen Feuerchen anbelangt, so läßt sich immerhin sagen, daß dem Dichter dasjenige im Haus des grünen Heinrichs das liebste ist, daß ihm auch Geralds Brandstiftung durchaus zusagt, während das vermeintlich seelenrettende Geizfeuerchen des Onkels Evelyn, ungeachtet seiner Brenngleicheit mit dem Schweizer Feuerchen, allenfalls auf der Grundlage kollateraler ökologischer Erwägungen Gnade finden kann.


Dienstag, 19. März 2013

Besucht Ernst Herbeck

Altamira

Bourdieu, geboren in der nahe den Pyrenäen gelegenen Ortschaft D., die eher kleiner noch ist als die Ortschaft W. am Fuß der Alpen, führt Duchamp und den Zöllner Rousseau als extreme Vertreter des Kunstfeldes vor. Der eine, so die Annahme, wäre aus eigener Kraft gar nicht hineingelangt, le Douanier Rousseau est entièrement fait par le champ dont il est le jouet. Marcel Duchamp wiederum ist die reine Verkörperung des unruhigen Feldes, rompant continûment avec les conventions, s’agirait-il de celles de l’avangarde, il ne cesse d’affirmer sa volonté d’aller plus loin, de dépasser toutes les tentatives passées et présentes, dans une sorte de révolution permanente. In einigen polemischen, gegen Sartre, Gadamer und andere gerichteten Passagen der Règles de l’art klingt es so, als sei Bourdieu angesichts der Erfolge und des großen Ertrags seiner Feldlehre zu der Überzeugung gelangt, es sei der einzig richtige Ansatz. Wenn wir aber die Höhle von Altamira betreten und uns umschauen, so wissen wir nicht, ob der Stier und die Gazelle von einem paläolithischen Duchamp oder von einem paläolithischen Zöllner Rousseau gemalt wurden, oder vielleicht der Stier von einem Duchamp und die Gazelle vom Zöllner, der überwältigenden Eindruck der Malereien wird dadurch nicht geringer. Durch die Odyssee führt uns der bärtige und augenlose Dichter, aber auch wenn er in dieser Gestalt eine Fiktion ist und wir von dem wahren Autor und dem Feld, in dem er gestanden ist, so gut wie nichts mit Sicherheit wissen, müssen wir deswegen die rosenfingrige Morgenröte nicht von uns weisen, andere Formen der Betrachtung und des Ausdrucks ästhetischer Freude sind möglich. Was aber notgedrungen möglich ist, bleibt auch dann möglich, wenn die Not entfällt. Das ist ohnehin klar, und eines strengen Beweises, wie er hier geführt wurde, bedarf es im Grunde nicht.

Sebald und Herbeck bilden ein Paar, das dem Paar Duchamp und Douanier Rousseau in mancher Hinsicht ähnelt. Sebald bewegt sich, wenn man Bourdieus Feldbegriff eine etwas andere Ausrichtung und zugleich eine konkrete Bildlichkeit verleihen will, schon in seinem ersten Prosawerk so souverän wie sonst nur der junge Austerlitz auf dem Rugbyfeld, wenn er die Reihen der Mitspieler durchquert wie keiner sonst. Naturgemäß aber gehören Kafka, Stendhal, Büchner, Browne, Bernhard und andere zu Sebalds Team, nur eine Mannschaft ertüchtigt sich auf dem Feld, der Gegner fehlt. Was Herbeck anbelangt, so wäre er, wie der Zöllner, ohne die Entdeckung durch anerkannte Literaten wie Gerhard Roth und vor allem auch Sebald selbst gar nicht erst auf das Spielfeld gelangt.
Der empfängliche Leser wird in den Schwindel.Gefühlen den Besuch bei Ernst Herbeck in Klosterneuburg als eine Art Fremdkörper empfinden, als den einzigen auf alltägliche Weise lebenswahren, nicht untergründigen und Schwindelgefühle erregenden Erzählabschnitt. Stendhal zieht sich in Beyle oder das merckwürdige Faktum der Liebe mit der von ihm erdachten Mme Gherardi in die eigene Literatur zurück, Kafka überantwortet sich dem Jäger Gracchus, der Artist Santini erweist sich als San Giorgio, der Venezianer Malachio und der Veronese Altamura verbergen in sich den Heiland und seinen Propheten. Ernst Herbeck dagegen ist Ernst Herbeck, aber wer ist er? Sebald ist der Frage in dem Aufsatz Des Häschen Kind, der kleine Hase nachgegangen.

Abgeschmackt kämen ihm die meisten Produkte der neueren Literatur schon nach kurzer Zeit vor, so beginnt Sebald den Aufsatz, ähnlich wie auch Bourdieu auf die oft rapiden Alterungsprozesse auf den Feldern der Kunst und der Literatur eingeht, eine fatale Entwicklung, vor der Leute wie Duchamp, die sich ständig an der Spitze der Neuerer abarbeiten, am wenigsten gefeit sind. Herbeck aber scheint völlig aus der Zeit gefallen und ihrem Zugriff entzogen. Er schreibt: Poesie lernt man vom Tiere aus, das sich im Wald befindet. Berühmte Geschichteschreiber sind die Gazellen – so mag auch bereits der Höhlenmaler in Altamira gedacht haben, als er die Tiere in eleganten Bildern voller Poesie an die Wände brachte.

Bourdieu geht den kleinbürgerlichen Elementen in den Bildwerken des Zöllners nach: Les moments qu’il fixe sont les dimanches de la vie petite-bourgeoise, et ses personnages sont pourvus de tous les accessoires inévitables de la fête, faux cols impeccables, moustaches luisantes de cosmétique, rédingotes noires -, und sieht von daher seine Auffassung bestätigt, Rousseau sei eine Art blinder Passagier im Feld. Ein besonders schneller Alterungsprozeß ergibt sich aus diesen Elementen der Zeitgebundenheit aber nicht, in manchen Augen mögen Rousseaus Dschungeltiere sich nicht schlechter behauptet haben als Duchamps Pissoir, das, um es mit einem gewagten Bild zu sagen, sein Pulver längst verschossen hat. Herbeck hat einen ähnlich vorschriftsmäßigen Kleidungsstil wie Rousseaus Sonntagsmenschen und fällt doch in eine ganz andere Kategorie. Er trug einen Glencheckanzug mit einem Wanderabzeichen am Revers. Auf dem Kopf hatte er einen kleinen Hut, eine Art Trilby, den er später abnahm und neben sich hertrug, genauso wie Selysses’ Großvater das beim sommerlichen Spazierengehen oft getan hatte. Das Photo, das, wollte man dem Text vertrauen, Herbeck zeigt, zeigt in Wahrheit Robert Walser. Schauen wir also auf Herbeck, so schauen wir auf ein Dichtertrio, denn Herbeck ist wie Walser und auch wie Selysses, weil der, wie wir aus Ritorno in patria wissen, seinen Großvater zum Verwechseln ähnelt. Herbeck ist gewissermaßen der Häuptling der kleinen Bande und hat, wie Sebald feststellt, ein Totemtier. Es ist nicht der Stier und nicht die Gazelle, sondern der Hase. Damit sind wir bei den von den Europäern im Paläolithikum angetroffenen Ureinwohnern Nordamerikas, deren Sandmalereien und Totemschnitzwerke, wie die Höhlenmalereien in Altamira, zwar und in besonderem Maße dem physikalischen Verschleiß in der Zeit, nicht aber dem Verschleiß im Kunstfeld unterliegen, und grad so unverwüstlich sind auch Herbecks Wortkunstwerke:
Der Hase habe, so heißt es, eine ambivalente Verfassung, in der Macht uns Ohnmacht, Kühnheit und Angst auf das engste miteinander verbunden sind. Wir treffen ihn leibhaftig in den Ringen des Saturn. Ich sehe den Rand des grauen Asphalts, jeden einzelnen Grashalm, sehe den Hasen, wie er hervorspringt aus seinem Versteck, mit zurückgelegten Ohren und einem vor Entsetzen starren, irgendwie gespaltenen, seltsam menschlichen Gesicht, und ich sehe in seinem im Fliehen rückwärtsgewandten, vor Furcht fast aus dem Kopf sich herausdrehenden Auge, mich selber, eins geworden mit ihm. Im Hasen, von dem Herbeck feststellt, daß er letzten Endes doch kein Tiger ist, erkennt auch Selysses sein Totemtier, seinen Urahn und damit in Herbeck seinen engen Verwandten. Wenn Ernst Herbeck in den Schwindel.Gefühlen niemand anderes als Ernst Herbeck ist, ohne einen mythologischen Schatten wie Santini, Malachio oder Altamura, so führt er uns andererseits, als der, der er ist, auf geradem Wege ins Paläolithikum.

In der vielleicht einzigen Bemerkung, die Niklas Luhmann dem französischen Distinktionssoziologen widmet, naturgemäß in seinem Kunstbuch, konzediert er, Bourdieus Analysen machten es möglich, über Bourdieu und seine Analysen zu sprechen, gibt aber zu bedenken, im Hause der Gastgeber würde man wohl kaum darüber sprechen, wie man sie einschätzt, wenn man Dürers Hasen über ihrem Klavier hängen sieht. Bourdieu und das Problem des Hasen, der Ring hat sich auf eine überraschende aber wohl wenig ergiebige Weise geschlossen.

Montag, 11. März 2013

Freundschaft

Zusammengekauerte Gestalt

so young and bold


Freundschaft, genauer gesagt Männerfreundschaft, war in der Antike ein großes Thema, Orest und Pylades, Herakles und Philoktet. Die Klassik hat in ihrer Rückbesinnung auf das Altertum auch dieses Motiv nicht vernachlässigt, Hyperion und Bellarmin, Goethe und Schiller. Die meisten begeisterten Leser hat in Deutschland wohl die transatlantische Freundschaft zwischen Old Shatterhand und Winnetou gefunden. Mit Holmes und Watson stand ein Freundespaar am Beginn der Detektivliteratur. Naturgemäß sind alle diese Verhältnissen, mit der möglichen Ausnahme desjenigen zwischen Goethe und Schiller, längst als homosexuell basiert verdächtigt wenn nicht entlarvt worden. Nach aufgeklärtem Verständnis wären sie damit aus dem Feld der Freundschaft in das der Liebesbeziehung übergewechselt und Freundschaft wäre mehr oder weniger zu einem Motiv der Kinder- und Jugendliteratur geschrumpft, der kleine Tiger und der kleine Bär können bis auf weiteres noch unbeschwert die besten Freunde sein. Da in Sebalds Werk das Motiv der Liebesbeziehungen, sowohl hetero- als auch homosexueller Art, programmatisch schwach entwickelt ist, könnte der Frage nachgegangen werden, ob im Wege eines Ausgleichs das Freundschaftsthema bei ihm Terrain zurückerobert hat.
Auch in Sebalds Werk sind die beiden Freundschaften, an die sich der Leser sogleich erinnert, Schul- und Jugendfreundschaften. Beide haben die gleiche Struktur, derjenige, der der Situation besser gewachsen ist, nimmt sich des Schwächeren an und hilft ihm auf dem Weg ins Leben. Sogar als alle Nachzügler längst fertig waren, hatte der Fritz nicht viel mehr als ein Dutzend Kreuzchen auf seinem Blatt. Nach einem stillschweigenden Blickwechsel führte ich geschwind sein fragmentarisches Werk zu Ende, wie ich in den zwei Jahren, die wir von diesem Tag an noch nebeneinander saßen, einen Gutteil seiner Rechen-, Schreib- und Zeichenarbeiten erledigte. Der Fritz hat an nichts so viel Interesse gehabt wie an allem, was mit Viktualien, mit ihrer Zubereitung und Einverleibung zu tun hatte. Es war beim Verzehren einer Kaiserbirne, daß der Fritz mir eröffnete, daß er Koch werden würde, und Koch ist er dann auch geworden, und zwar, wie ohne weiteres gesagt werden kann, ein Koch von Weltrenommé, der in New York ebenso gefragt war wie in Madrid oder London. Der Fritz und ich sind uns dann noch einmal wiederbegegnet, im Lesesaal des British Museum, wo ich der Geschichte der Beringschen Alaskaexpedition nachging, während der Fritz französische Kochbücher aus dem 19. Jahrhundert studierte. Als wir einmal zugleich von der Arbeit aufschauten, haben wir uns, trotz des inzwischen vergangenen Vierteljahrhunderts sogleich wiedererkannt.

Immerzu, in jeder freien Minute, ordnete Gerald in seiner Tuckbox die Sachen, die er von zu Hause mitgebracht hatte, und einmal, nicht lange nachdem er mir als Faktotum zugeteilt worden war, beobachtete ich ihn an einem trostlosen Samstagnachmittag, wie er am Ende eines Korridors Feuer zu legen versuchte an einem Stapel Zeitungen, der dort aufgeschichtet war auf dem Steinboden neben dem offenen, in einen Hinterhof hinausführenden Tür. In dem grauen Gegenlicht sah ich seine kleine, zusammengekauerte Gestalt und die Flämmchen, die an den Rändern der Zeitungen züngelten, ohne daß es recht brennen wollte. Als ich ihn zur Rede stellte, sagte er, am liebsten wäre ihm ein riesiges Feuer und an der Stelle des Schulgebäudes ein Haufen Trümmer und Asche. Von da an habe ich mich um Gerald gekümmert, habe ihm das Aufräumen und Stiefelputzen erlassen und den Tee selber gekocht und mit ihm getrunken. Gerald ging mir in der Dunkelkammer gern zur Hand, und ich sehe ihn noch, einen Kopf kleiner als ich, wie er neben mir in der von einem rötlichen Lämpchen schwach erleuchteten Kammer steht und mit der Pinzette die Bilder hin- und herbewegt in dem mit Wasser gefüllten Ausguß. Er erzählte mir bei diesen Gelegenheiten oftmals von seinem Zuhause, am liebsten aber von den drei Brieftauben, die dort, so meinte er, nicht weniger sehnlich seine Rückkehr erwarteten als er sonst die ihre. Die Liebe zu den Tauben hat ihn wohl daran gewöhnt, sich vornehmlich in den oberen Sphären wohlzufühlen. Er hat dann den Beruf eines Astrophysikers ergriffen, und seine Leidenschaft wurde das Fliegen. Später erzählte mir Gerald gern von den Ausflügen, die er in seiner Cessna machte über das schneeglänzende Gebirge oder die Vulkangipfel des Puy de Dôme, die schöne Garonne hinab bis nach Bordeaux. Daß er von einem dieser Flüge nicht heimkehrte, war ihm wohl vorherbestimmt. Es war ein schlimmer Tag, als ich von dem Absturz in den Savoyer Alpen erfuhr, und vielleicht der Beginn meines eigenen Niedergangs, meiner im Laufe der Zeit immer krankhafter werdenden Verschließung in mich selbst.
Das Ungleichgewicht am Beginn der beiden Freundschaften ist im Erwachsenenalter aufgehoben. Der Fritz ist längst ein Koch von Weltrang, bevor Selysses das von sich als Autor sagen kann. Die Freundschaft hat nur im Verborgenen fortbestanden und schließt den Abgrund zwischen zwei gänzlich verschiedenen Welten, steht Selysses doch, was die Viktualien anbelangt, vom Fritz fast so weit entfernt wie Paul Bereyter, dem Lehrer der beiden, von dem es heißt, niemand habe ihn jemals etwas essen sehen. Die Freundschaft zwischen Austerlitz und Fitzpatrick besteht fort bis zu Geralds frühem Tod und über den Tod hinaus, eine Kluft zwischen den Lebenswelten besteht nicht, beide sind Wissenschaftler, der eine im geistes- und der andere im naturwissenschaftlichen Bereich.

Herakles und die anderen an den antiken Freundespaaren Beteiligten waren Krieger, Hyperion ist in den in den griechischen Krieg gezogen, die Leistungen von Henrystutzen und Silberbüchse sind bekannt. Holmes hatte es nicht nur ständig mit Leichen zu tun, gegen Moriarty mußte er einen langen mörderischen Kampf ausfechten. Freundschaft gedeiht offenbar besonders gut vor dem Hintergrund des blutigen Kriegshandwerks oder doch eines kämpferischen Lebens. Sebald hat das Feld der Literatur als Krieger betreten, von Sternheim über Döblin zu Broch und Andersch zieht sich eine Spur der Vernichtung. Dann aber hat er Freunde zu sich ins Landhaus eingeladen, Hebel, Keller, Robert Walser und andere noch. Zum Emblem wird ihn sein Namenspatron, der kämpferische Heilige, der sich einen Strohhut aufsetzt, San Giorgio con cappello di paglia. Die Landhausstimmung setzt sich in das dichterische Werk hinein fort.

Von den Schwindel.Gefühlen hat Sebald als von einem Buch der Liebe gesprochen. Mit Stendhal und Kafka begegnen uns ein mehr oder weniger glücklicher und ein unglücklicher Meister des Metiers. Begleitend dazu bewegt sich auch Selysses, maßvoll, auf der Liebesbahn, er läßt sich von seinen Mitreisenden im Zug bezaubern, von dem jungen Mädchen mit der bunten Jacke und der Franziskanerin auf dem Weg nach Mailand und von der Winterkönigin auf der Rheinstrecke, und er erträumt zwei Trauungen, die frühe mit dem Lehrerfräulein Rauch und in schon reifem Alter die mit Luciana Michelotti. In den Ringen des Saturn fehlt das Liebesmotiv so gut wie ganz, zu verweisen wäre lediglich auf Chateaubriands Affäre in England und, falls als nötig erachtet, die Molluske am Strand. Es ist das Buch der einsamen Komparsen, Farrar, Garrad, Le Strange, Hamburger, die angesichts ihrer stationären Lebensweise kaum Gelegenheit haben, Liebesgeschichten zu beginnen oder Freundschaften einzugehen. Ihnen allen stattet Selysses Freundschaftsbesuche ab, dem bereits toten Le Strange naturgemäß nur in Gedanken.

Bereits tot sind auch Paul Bereyter und Ambros Adelwarth, als Selysses sich daranmacht, ihre Lebensgeschichte zu recherchieren und aufzuzeichnen. Die Vier langen Erzählungen und auch Austerlitz lassen sich als Dienst an den Protagonisten verstehen, wobei im Falle des Ambros Adelwarth nicht von einem Freundschafts-, sondern von einem Verwandtschaftsdienst, eine Rarität, wenn nicht eine Singularität im Werk des Dichters, dessen Blick über das familiäre Umfeld ansonsten hinweggeht. Hier aber sind sie alle vertreten, nicht nur der Ambros, auch die Theres, die Fini, der Kasimir, die Lina und die Rosa, fast so, als sei Blut dicker als Wasser. Paul Bereyter war bereits in der Freundschaft mit dem Fritz als Mentor so etwas wie der Dritte im Bunde. Erst nach seinem Tode aber kann ihm der erwachsene Selysses den Freundschaftsdienst einer Erzählung seiner Lebensgeschichte entrichten. Bei Dr. Selwyn geht die Freundschaft, die er als junger Mensch mit dem damals schon im vorgerückten Alter befindlichen Bergsteiger Naegeli geschlossen hatte, der unter umgekehrten Altersvorzeichen sich anbahnenden mit Selysses voran. Max Aurach und Austerlitz sind Berichte von einer langsam wachsenden, sich, anders als in der Jugend, nur von bloßer Bekanntschaft abhebenden Freundschaft zwischen dem jeweiligen Protagonisten und dem wandernden Selysses.

Am Horizont der Erzählungen toben die schlimmsten Verbrechensgewitter, Holocaust, Völkermord im Kongo, grausames Morden auf dem Balkan, Seeschlachten, Gruppe Ludwig, ein innerer Bezirk, in dem Selysses sich bewegt, ist weitgehend konfliktfrei und geprägt von einer Atmosphäre der Freundlichkeit und Freundschaft mit nur wenigen Übergriffen aus dem Außenbereich. Im Mailand wird Selysses Opfer eines Raubversuches, in Den Haag wird er Zeuge, wie ein morgenländischer Mann einen anderen mit dem Messer verfolgt, die Empfangsdamen sind zum Teil unmutig, die Engelwirtin in W. mustert den Gast mit unverhohlener Mißbilligung, im Hotel Boston richtet die Signora, ein fast völlig ausgetrocknetes Wesen von sechzig oder siebzig Jahren, skeptisch ihren Vogelblick auf ihn, die Bedienerin in den Innsbrucker Bahnhofsgaststätten hängt ihm auf die bösartigste Weise, die man sich denken kann, das Maul an: das sind schon die schwerwiegendsten Vorkommnisse, sonst herrscht Frieden unter den Menschen.
Wenn eingangs die insgesamt schwache Vertretung des Liebesgeschichtenmotivs eine korrespondierende Stärkung des Freundschaftsthemas vermuten ließ, so ist doch das eine nicht vertrieben vom anderen. Für Bereyter ist die Liebe zu Helen Hollaender mit ihrem unglücklichen Ausgang die wohl schlimmste Verletzung in seinem Leben, Selwyns Ehe hatte als Liebesgeschichte begonnen, und wenn man bereit ist, auch sparsamen Hinweisen nachzugehen, mag man ein Liebesverhältnis zwischen Aurach und der Flügelhornistin G.I. annehmen, der zu einem lebenslänglichen Junggesellentum verurteilte arme Poet Herbeck allerdings macht zur Einrichtung des Ehelebens nur ein paar vage und möglichst unverfängliche Anmerkungen. Bereyters Verhältnis zu Mme Landau ist bereits besser als Freundschaft beschrieben und Austerlitz’ Verhältnis zu Marie de Verneuil nimmt einen ähnlichen Weg. Liebe und Freundschaft verschwimmen ineinander, die furchtbare Separation der Geschlechter, das Unglück selbst der Heiligen, scheint behoben.

Ist Freundschaft das beste Wort für das Beobachtete, sollte man nicht eher von Brüderlichkeit, Fraternité sprechen? Abgesehen davon, daß Fraternité durch Sororité ergänzt werden müßte und dann durch einen dritten Begriff, der die beiden ersten übergreift und ihre Differenz neutralisiert, fehlt der revolutionäre Fanfarenklang ebenso wie der Anspruch des Allumfassenden, und auch Nächstenliebe könnte nur taugen, sofern man den Begriff wörtlich nimmt und nicht, wie verbreitet, im Sinne allgemeiner Menschenfreundlichkeit, die dem Dichter fremd ist. Immer wieder hört man sein Odi profanum vulgus, wobei vulgus der Angriffspunkt und profanum nicht etwa auf die einfachen Leute zielt. Er bekennt, von Jahr zu Jahr werde es ihm unmöglicher, sich unter ein Publikum zu begeben, das Ferienvolk erscheint ihm aus Hunden und Lemurengesichtern zu bestehen und die Arbeiter in den Goldminen der City einer in keinem Bestiarium beschriebenen Tierart zugehörig. Bei der Einrichtung der menschlichen Gattung ist dem Herrn ganz offensichtlich ein schwerer Kunstfehler unterlaufen, wie anders ließe sich unser von Grund auf kranker Verstand erklären.

Montag, 4. März 2013

Komparsen

Randlos

Den Hauptdarstellern und den Komparsen sei dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen: sollte Sebald diesen Gleichbehandlungsimperativ nicht allein bei Pisanello verwirklicht gesehen sondern auch als Aufforderung für das eigene Werk verstanden haben, so ginge es ihm um das Recht der Komparsen nicht mehr als um den Schutz der Hauptdarsteller, als der eher noch gefährdeten Gattung. In den beiden Reise- und Wanderbüchern, Schwindel.Gefühle und Ringe des Saturn, treten, sieht man ab von Selysses, der weder Haupt- noch Nebendarsteller ist, ausschließlich um ihre Rechte angesichts fehlenden übergeordenten Personals ganz unbesorgte Komparsen auf. Da ist es nur billig, wenn die beiden Lebensgeschichtenbücher, die Ausgewanderten und Austerlitz, dem Zwang ihrer Anlage folgend, dem jeweiligen Protagonisten mehr Raum zugestehen. Wer aber, nach reiflicher Überlegung, geneigt ist, unter den Lebensgeschichten Ambros Adelwarth den ersten Platz einzuräumen, folgt dabei womöglich auch dem Eindruck, daß der Hauptdarsteller hier von geringer Sichtbarkeit und von den Komparsen kaum unterscheidbar ist.

Persönlich begegnet ist Selysses dem bei dieser Gelegenheit unter der Vielzahl der Verwandten versteckten Onkel Ambros Adelwarth nur einmal, als Kind noch, auf einer Familienfeier. Versteckt bleibt der Onkel auch in der Folge hinter den Verwandten, die von seinem Leben Zeugnis geben, ein Zeugnis, das seinerseits zum großen Teil auf Hörensagen beruht und dessen Authentizität sich nicht näher überprüfen läßt. Adelwarth bleibt verborgen hinter dem japanischen Legationsrat, dessen Leben er für ein Jahr teilt, verborgen hinter Dr. Abramsky, der dabei war, als er im Sanatorium Samaria zu Tode gebracht wurde. Adelwarths Lebenslauf zeichnet sich nur fragmentarisch ab, immer wieder taucht er am Horizont auf wie ein Wüstenwanderer, und tatsächlich hat er Cosmo Solomon begleitend die türkischen Länder und palästinensischen Wüstenstriche bereist. Ohne die Verpflichtung gegenüber dem Titel Die Ausgewanderten, hätte die Erzählung auch nach Cosmo Solomon benannt werden können, und wir wissen nicht recht, ob wir es mit zwei Hauptdarstellern oder mit zwei Komparsen zu tun haben.
Nabokow macht in seiner Gogolstudie aufmerksam auf die zahlreichen Personen, die in den Toten Seelen jeweils einmal nur mit ihrem Namen erwähnt werden und keine andere Funktion erfüllen als die, sofort wieder zu verschwinden und vergessen zu werden, Komparsen der untersten Kategorie, denen die Daseinsberechtigung nur vorgegaukelt wird, Parias der Literatur, wie sie es in Sebalds Werk nicht gibt. Aber auch die meisten seiner Komparsen treten nur einmal auf. Der kurze einmalige Auftritt ist eine hinreichende nicht aber notwendige Bestimmung für die Einordnung als Komparse. Komparsen mit mehreren Auftritten finden sich verstärkt in den Büchern, die Protagonisten haben, in Austerlitz etwa das Predigerpaar oder Gerald Fitzpatrick. Das führt aber nicht zu einer Zurücksetzung der Komparsen mit nur einem Auftritt, man denke nur an die unvergeßliche Penelope, die linkshändig das Kreuzworträtsel auf der letzen Seite des Telegraph löst.

Nabokow selbst tritt mit seinem Schmetterlingsnetz in den Ausgewanderten mehrfach als namenloser geisterhafter Komparse auf, vergessen wird man ihn nicht, Aurach hält sein Auftauchen auf dem Grammont in einem Bild fest. Einige der typischerweise nur einmal auftauchenden Komparsen wurden in Gruppen erfaßt, so die Empfangsdamen, darunter die in der U-Bahnstation mit der dunklen Vorhalle in einer Art Schalterhäuschen sitzende sehr schwarze Negerfrau; unter den Mitreisenden treffen wir eine veritable Königin, die in einem Buch liest, das sich später auf keine Art und Weise bibliographieren läßt, obschon es ausfindig zu machen, für Selysses von der größten Wichtigkeit gewesen wäre; unter den Lesegefährten den Bibliothekar in Verona, der sich ruhig über seine Arbeit beugt und mit gleichmäßigen Schriftzügen die Zeilen füllt, die er zuvor gezogen hatte; die einfachen Leute in der Ortschaft W. und anderswo, wie die Frau Unsinn mit ihrem Konsumgeschäft, in dem sie eine Pyramide aus goldenen Sanellawürfeln errichtet hatte, eine Art Vorweihnachtswunder als Anzeichen der auch in W. anhebenden neuen Zeit. Über jeden einzelnen und jede einzelne sind wir froh und darüber, daß sie in so großer Zahl versammelt sind.

Wenn die nur für einen Augenblick gesehene sehr schwarze Negerfrau in ihrem Schalterhäuschen in der dunklen Vorhalle zur U-Bahnstation, an der nie jemand ein- oder aussteigt, tief zu denken gibt, so daß man sie, auch wenn das Buch längst geschlossen ist, immer wieder vor Augen hat, so gilt das nicht weniger für den auffallend hell gekleideten Giorgio Santini, der den Strohhut des San Giorgio in der Hand hat. Santini sehen wir einmal im Konsulat und dann nicht wieder, unsere Gedanken kann er gleichwohl dauerhaft beflügeln. Maleachi in Venedig und Salvatore Altamura in Verona erscheinen als einfache Reisebekanntschaften und erweisen sich dann als Prophet und Heiland, die tiefsten Geheimnisse werden eher von den Komparsen als von den Protagonisten verwahrt.

Die starke Stellung der Komparsen, ihre Freiheit und Eigenständigkeit, ihre Verpflichtung allenfalls gegenüber den tieferliegenden Motivgeschichten, ist nur denkbar in einem Prosawerk, das auf Romanintrigen ganz verzichtet, wie in den Schwindel.Gefühlen und den Ringen des Saturn oder aber doch weitgehend, wie in den beiden anderen Bänden. Entfernt noch scheinen Sebalds Bücher von François Julliens eigentlich einem ganz anderen Landstrich unseres Planeten zugedachten Éloge de la fadeur erfaßt, insofern als sich die Prosa unbeirrt auf ihrer schönen, Satz für Satz vor uns aufgerollten Bahn dahinbewegt, dabei alle Extreme einebnet, im monotonen Raum jeden Reichtum bewahrt und keine Ränder im Sinne benachteiligter Bezirke enthält. Der verschiedentlich erhobene Vorwurf, Sebald marginalisiere die Frauen, ist ist in einem Werk ohne Rand gegenstandslos. Die männlichen Protagonisten aber, die Ausgewanderten, treten vor uns unter dem Grußwort Morituri vos salutant und dann hinaus über den Rand der verlorenen Ewigkeit, den Rand, an dessen Beseitigung alle Worte scheitern.
Die Komparsen sind zum großen Teil stationär, an einen Ort gebunden, als schon fast pflanzenhafter Teil ihrer Umgebung. Alec Garrad wird sein Modellbauatelier nicht mehr verlassen, regungslos steht die chilenische Araukarie auf dem Vorplatz, sogar die Enten auf dem Wasser rühren sich nicht. Le Strange wird seine Ländereien um Manor House in Henstead gelegenen Ländereien nicht verlassen, Mathild, die sich lange hält, bis gut über achtzig, nicht die Ortschaft W. im Allgäu und der Dichter Herbeck nicht die Ortschaft Klosterneuburg bei Wien, Dr. Abramsky wird in seiner Bleibe verharren mit den einzigen Ziel zu erleben, wie die Narrenburg des Sanatoriums in sich zusammensinkt und nichts bleibt als ein Häufchen puderfeines blütenstaubähnliches Holzmehl. Während die Genannten sowohl als literarische Gestalten als auch in einer gedachten Realität stationär bleiben, wissen wir, daß die Empfangsdamen im wahren Leben am Abend irgendwann hinter ihren Tischen und aus ihren Gehäusen hervortreten würden, um in ein anderes, uns nicht bekanntes Dasein überzuwechseln, und doch sind sie für uns wie gebannt an ihren Platz, die sehr schwarze Negerfrau in ihrem Schalterhäuschen, die Dame unbestimmten Alters in einer lilafarbenen Bluse und mit einer altmodisch gewellten Frisur hinter dem Kassentisch im Ghettomuseum Terezín, die jüngere Frau in der Casa Bonaparte Ajaccio wird auf ewig hinter dem Tresen in einem schwarzledernen zurückgekippten Bürosessel sitzen, ja, beinahe hätte man sagen können, liegen, so daß man förmlich über den Tresenrand zu ihr hinunterschauen muß. Aber auch die Protagonisten nähern sich einer immer seßhafteren Lebensweise an. Aurach war ohnehin mit größter Mühe nur zu bewegen, Manchester noch einmal zu verlassen, Dr. Selwyn ist zu einem Teil seines Gartens geworden, und auch Bereyter scheint, bevor er über den Rand tritt, im Garten Mme Landaus seine Heimat gefunden zu haben.

Die ortsfesten Personen leben in der Regel allein für sich, ein dem Sebaldleser so vertrauter Umstand, daß er ihn kaum noch bemerkt. Le Stranges Arrangement mit der Haushälterin Florence Barnes akzentuiert nur sein Alleinsein. An den Hotelrezeptionen entsteht kein Gedränge und an den Einlaßkassen der Museen bilden sich keine Schlangen. Die einsamste von allen ist die sehr schwarze Negerfrau in ihrem Schalterhäuschen zum Eingang der Station, an der nie jemand aus- oder einsteigt. Auch Selysses wechselt nur aus gebührender Entfernung einige Blicke mit der dunklen Frau, dann verläßt ihn der Mut, und den entscheidenden Schritt hinein in den Schalterraum wagt er nicht zu tun. Der Leser reibt sich fast schon verwundert die Augen, als Selysses im deutschen Konsulat zu Mailand auf eine komplette Familie bestehend aus dem Elternpaar, drei Töchtern und einer Großmutter trifft. Aber die Artistenfamilie ist in keiner Weise ortsfest, und zudem trifft man sich sozusagen auf exterritorialem Gelände. Luciana Michelottis Familie tritt erst nach längerer Zeit in Erscheinung und dann nur kurz, im Zusammenhang mit dem verlorenen Paß. Von Selysses wird Lucianas Familie gezielt übersehen, wie sonst hätte er sich mit ihr trauen lassen können.
Die Textbewegung wird damit nicht allein von dem rast- und ortlosen Selysses bestimmt, sondern vom Gegensatz zwischen seinem Reisen und Wandern und den vielen stationären Komparsen, so daß der Bewegungsmodus dem eines äußerst langsamen Slalomläufers zwischen den Toren ähnelt. Naturgemäß aber sind bei diesem Lauf nicht alle menschlichen Richtungsmale unbeweglich. Als Selysses in Mailand den Zug verläßt, sind das Mädchen mit der vielfarbigen Jacke und die Franziskanerschwester längst schon verschwunden, anders als bei der immerfort in ihrem Schalterhäuschen in der dunklen Vorhalle zur U-Bahnstation sitzenden sehr schwarzen Negerfrau, es gibt es keinen Ort, an dem er sie wiedertreffen könnte, und als ein anderer Zug hinein nach Bonn rollte, ist die Winter­königin, die hier aussteigt, ohne daß er noch etwas zu ihr hätte sagen können, für immer verloren. Unter den Protagonisten sind Adelwarth und Austerlitz die Unsteten. Dabei bewegt sich Adelwarth, abgesehen von der frühen Begegnung beim Familienfest von Selysses zeitlich und räumlich wie ein Schatten am Horizont. Austerlitz und Selysses dagegen treffen einander immer an Überschneidungspunkten ihrer unterschiedlichen Reiserouten, eines der Charakteristika, das den Rhythmus dieses Buches von dem der anderen erheblich unterscheidet.

Pierre Bourdieu hat seinen Règles de l’art einen Prolog vorangestellt, in dem er zeigt, wie sich in Flauberts Éducation sentimentale die französische Sozialstruktur formgebend auswirkt. Dabei kommt dem Soziologen der hohe Soziologisierungsgrad der französischen Romanliteratur des neunzehnten Jahrhunderts entgegen, die er im Grunde fortschreiben kann. Die Romane handelt von Menschen, die vehement ihren Platz in der Gesellschaft suchen, während in der zeitgleichen deutschen oder auch in der unvergleichlichen russischen dieser Jahre eher nach dem Ausgang gesucht wird. Auch in Sebald mit seinen auf Auswanderung bedachten Hauptdarstellern und den vielen Komparsen, die ihr Leben hinter Rezeptionen und in Schalterhäuschen oder versunken in Bücher verbringen, hätte Bourdieu ein für seine Zwecke weniger ergiebiges Studienobjekt gefunden. Wollte ein zukünftiger Soziologe ausgehend von Sebalds Werk als einzigem verbliebenen Zeugnis ein Bild von der untergegangenen europäischen Gesellschaft entwerfen, wäre es ein Bild fern der Wirklichkeit und nahe der Wahrheit, ein Bild mithin, das den gegenwärtigen Leseeindruck bestätigen würde. Die Komparsin Janine Rosalind Dakyns hatte in ihren Flaubertstudien eine andere Forschungsrichtung eingeschlagen und sich den Fragen des Sandkorns verschrieben.