Donnerstag, 29. März 2012

Buch der Alpen

Alles nur Stein

Die Gründe für eine Überquerung der zwischen 150 und 250 Kilometer breiten Alpen als natürlichem Hindernis zwischen Mittel- und Südeuropa einerseits, West- und Osteuropa anderseits sind vielfältig; die wichtigsten Motive sind wirtschaftlicher, militärisch-politischer, religiöser, wissenschaftlicher, touristischer und alpinistischer Art.
Die legendärste Alpenüberquerung aus militärischen Gründen gelang 218 v. Chr. dem Karthagerführer Hannibal mit seiner Alpenüberquerung. Während des Zweiten Punischen Krieges überschritt Hannibal die winterlichen Alpen mit anfänglich circa 50 000 Soldaten, 9000 Reitern und 37 Kriegselefanten auf einem bis heute nicht genau zu bestimmenden Paß, um Rom anzugreifen. Die Hälfte seines Heeres und alle Elefanten gingen dabei verloren.

Mehr als zweitausend Jahre später, Mitte Mai des Jahres 1800 zog Napoleon mit 36 000 Mann über den Großen St. Bernhard, ein Unternehmen, das bis zu diesem Zeitpunkt für so gut wie ausgeschlossen gegolten hatte. Fast vierzehn Tage lang bewegte sich ein unansehbarer Zug von Menschen, Tieren und Material von aus über Orsières durch das Tal von Entremont und sodann in endlos scheinenden Serpentinen hinauf auf die zweieinhalbtausend Meter über dem Spiegel des Meers liegende Höhe des Passes, wohin die schweren Kanonenrohre von der Truppe in ausgehöhlten Baumstämmen teils über den Schnee und das Eis, teils über die bereits aperen Felsplatten geschleift werden mußten. – Es sind vor allem auch diese das Buch einleitenden Sätze, die die Schwindel.Gefühle in der Leseerinnerung als Buch der Alpen und der Alpenüberquerungen verbleiben lassen, ebenso wie dann die folgende Stelle:

Tiepolo war ihm wieder in den Sinn gekommen und die von ihm seit langem gehegte Vorstellung, daß der Maler, als er mit seinen Söhnen Lorenzo und Domenico im Herbst 1750 von Venedig aus über den Brenner gezogen ist, sich in Zirl entschlossen hat, nicht, wie ihm geraten worden war, über Seefeld aus dem Tirol hinauszugehen, sondern westwärts über Telfs hinter den Salzfuhrwerken her den Weg über den Fernpaß, den Gaichtpaß, durch das Tannheimer Tal, über das Oberjoch und durchs Illertal ins Unterland zu nehmen. Und er sah den Tiepolo, der um diese Zeit auf die Sechzig gegangen sein muß und bereits sehr an der Gicht gelitten hat, in der Kälte der Wintermonate zuoberst auf dem Gerüst einen halben Meter unter der Decke des Treppenhauses der Würzburger Residenz liegen mit kalk- und farbverspritzten Gesicht und trotz de Schmerzen in seinem rechten Arm mit sicherer Hand die Farblasur eintragen in das Fleck für Fleck aus dem nassen Verputz entstehende riesige Weltwunderbild. - Es fragt sich, warum der Meister des schwerelosen Deckengemäldes nicht einfach, wie es ihm ohne Zweifel möglich gewesen wäre, über die Alpen hinweggeschwebt ist.

Im Fall Napoleons hat die Überquerung des Gebirges zwei Wochen in Anspruch genommen und auch im Fall Tiepolos werden es einige Tage gewesen sein, so daß die Alpinisten notgedrungen auch genächtigt und geschlafen haben müssen, keine Rede kann aber davon sein, daß sie im Schlaf durch’s Gebirg gegangen wären. Selysses seinerseits nimmt den Nachtzug von Wien nach Venedig, draußen ist alles bald in die Dunkelheit eingetaucht und er in den Schlaf gesunken. Im Schlaf hat er dann, wenn man so will, einen Hochgebirgstraum: Draußen war alles längst in Dunkelheit eingetaucht, als er ein seither unvergeßliches Landschaftsbild gesehen hat. Über den Dächern erhoben sich dunkel bewaldete Kogel, die schwarzgezackte Höhenlinie wie ausgeschnitten aus dem Gegenschein des Abendlichts. Zuoberst aber glühend, transparent, feuerspeiend und funkenstiebend die Spitze des Schneebergs, hineinragend in die letzte Helligkeit des Himmels, an dem die seltsamsten graurosafarbenen Wolkengebilde trieben und zwischen diesen die Winterplaneten und die Sichel des Mondes. Aufgewacht ist er erst mit dem Gefühl, daß der Zug nun aus dem Gebirge heraus- und in die Ebene hineinstürzte. Dunkle schmale zerrissene Täler öffneten sich, Bergbäche und Wasserfälle, weiß stäubend in der kaum gebrochenen Nacht, waren so nah, daß der Hauch ihrer Kühle das Gesicht erschauern machte. Das Friaulische, ging es ihm durch den Kopf, und der äußere Eindruck verband sich in seiner Vorstellung mit einem Bild Tiepolos, das die von der Pest heimgesuchte Stadt Este zeigt, wie sie, äußerlich unversehrt, in der Ebene liegt. - Wieder Tiepolo. Von den Alpen hat Selysses nur die letzten Ausläufer gesehen und weder Glück noch Mühsal des Gebirges verspürt.
Bei Napoleon ist unter den vom modernen Lexikon für eine Alpenüberquerung in Betracht kommenden Gründen leicht der militärisch-politische auszumachen, für Tiepolo waren wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend, in Würzburg erwarteten ihn in der Gestalt des Fürstbischofs Carl Philipp von Greiffenclau ein zahlungskräftiger Auftraggeber. Der Begründungskatalog des Lexikons ist aber offenbar nicht vollständig, schon Goethes Italienreisen sind schwer unterzubringen, man müßte jedenfalls den inzwischen gründlich entwerteten Begriff des Touristischen ganz neu fassen, und auch bei Selysses ist die Einordnung schwierig. Es läßt sich nicht einmal mit Sicherheit feststellen, ob ein Plan, Venedig zu besuchen, von vornherein feststand, oder ob Venedig sich nur aus dem Augenblick heraus als Zielort angeboten hat für die Flucht, die irgendwohin schließlich führen mußte.

Die zweite Fahrt nach Venedig verläuft zwar im mancher Beziehung deutlich anders als die erste, nicht aber was die geringe Wahrnehmung der Alpenpracht anbelangt. Nachträglich wird bekannt, daß Selysses vor Jahren, bei seiner ersten Reise, in alleiniger Begleitung einer neuseeländischen Schullehrerin gereist war, die sie betreffenden Angaben bleiben aber zu karg, als daß sie Aufnahme unter den Mitreisenden finden könnte. Wieder ist es Nacht in dem diesmal ganz und gar überfüllten Zug, hinter den Fenstern nur Dunkelheit. Wollte man Tiepolos Bild von der Stadt Este die bei älteren Kunstwerken gern gestellte Fragen stellen, was sie uns Heutigen zu sagen haben, welche aktuelle Botschaft sie entfalten, so ließe sich mutmaßen - bei Berücksichtigung dessen, was sich bei der zweiten Anreise offenbart -, daß der Maler hellseherisch die neuzeitliche Pest des Tourismus vorausgeahnt und dementsprechend warnend den Malpinsel erhoben hat: In der Bahnhofshalle lagerte wie hingestreckt von einer schweren Krankheit ein wahres Heer von Touristen in ihren Schlafsäcken auf Strohmatten oder auf dem nackten Steinboden. Auch draußen auf dem Vorplatz lagen ungezählte Männer und Frauen, in Gruppen, paarweise oder allein auf den Stufen und überall ringsherum.

1913 fährt Kafka von Wien nach Triest. Gut zwölf Stunden verbringt er auf der Südbahn allein im Winkel eines Coupés. Die Landschaftsbilder reihen sich draußen nahtlos aneinander, überstrahlt vom Similiglanz eines ganz und gar unwahrscheinlichen Herbstlichts. Er hat vermutlich kaum hingeschaut in die Welt, ein Vorwurf, der ihm ganz allgemein zu machen ist. Wie schön es ist, und wie man es unterschätzt, ruft er gern, schweigt sich über Einzelheiten aber aus. Wir wissen daher nicht, was er in Wirklichkeit gesehen hat.

Den zwei Hinfahrten von Wien nach Venedig entsprechen zwei Rückfahrten über den Brenner. Bei der ersten Fahrt, nach der Flucht aus Verona, ist Selysses, ganz abgesehen davon, daß er wieder den Nachtzug genommen hat, bei weitem zu verstört für die Würdigung der Berglandschaft. Der Zug zieht bergan, so viel nimmt er wahr. Regenstriche schraffieren die Fenster. Wir halten am Brenner. Eine schwere Stille liegt über dem Areal, durchbrochen allein vom Brüllen namenloser, auf irgendeinem Abstellgleis ihren Weitertransport erwartender Tiere. – Damit bricht der Bericht von dieser Heimreise ab.

Die zweite Heimreise, die eine Heimreise im doppelten Sinn ist: in einem ersten Schritt nach W. und dann weiter nach England -, geht aus vom Gebiet oberhalb von Bruneck, also aus dem Hochgebirge, das uns aber nicht weiter nahe gebracht wird, abgesehen von der Feststellung, daß eines Nachmittags der Großvenediger auf eine besonders geheimnisvolle aus einer grauen Schneewolke auftauchte. Die Fahrt nach Innsbruck findet statt im Nachtexpreß, also ohne Blick auf die Alpen. Der wird uns dann nach der Abfahrt von Innsbruck vom Bus aus gewährt. Die brandroten Lärchenstände leuchteten an den Seiten der Berge, und es zeigte sich, daß es sehr weit heruntergeschneit hatte. Wir überquerten den Fernpaß. Geröllhalden griffen hinein in die Wälder wie Finger ins Haar, und in schleierhafter Zeitlupenhaftigkeit stürzten seit jeher unverändert die Bäche über die Felswände herab. An einer Wegkehre erblickte man in der Tiefe die dunkeltürkisgrünen Flächen des Fernsteinsees und des Samaranger Sees, die ihm schon in der Kindheit wie der Inbegriff aller nur erdenklichen Schönheit vorgekommen waren. Von Oberjoch wandern wir dann mit Selysses, eingenommen von der Allgäuer Vorgebirgslandschaft, hinab nach W.

Bereits zurück in England erscheinen Selysses die Alpen im Traum auf ganz anderer Weise. Die mit feinem weißen Schotter bedeckte Straße zog sich in endlosen Kehren durch die Wälder hinan und hinauf und führte zuletzt auf der Höhe des Passes durch einen tiefen Einschnitt auf die andere Seite des Gebirges hinüber, das, wie er im Traum wußte, die Alpen gewesen sind. Alles war einerlei kalkfarben, ein helles gleißendes Grau, in dem Myriaden von Quarzsplitten schimmerten. Dieses machte seltsamerweise den Eindruck, als zerstrahle der Stein. Zur Linken ging es in eine wahrhaft schwindelerregende Tiefe hinab. Nirgends war ein Baum zu sehen, kein Strauch, kein Krüppelholz, kein Büschelchen Gras, sondern es war alles nur Stein. - Es ist schwer zu entscheiden, ob das Alpenthema hier noch Eigenständigkeit hat oder ganz den Schlußakkorden der letzten Seiten eingeordnet ist.
Man schließt die Schwindel.Gefühle im guten Glauben, ein Buch über die Alpen gelesen zu haben. Das Geschehen spielt sich ab in der cis- und transalpine Vorgebirgslandschaft, das Hochgebirge kommt selten in den Blick und wenn, dann fast öfters im Traum als in der Wirklichkeit. Das Buch der Alpen ist nur eine Lesart der Schwindel.Gefühle und es würde sicher die Proportionen verderben, wenn wir auf jeder Seite von Schneegipfeln und Murmeltieren hören würden. Auffällig und, wenn man so will, erklärungsbedürftig bleibt gleichwohl, daß die Alpenüberquerungen fast durchwegs nachts und also blicklos stattfinden, und man kann auch rätseln, warum von allen Aufenthaltsorten nur der in Sichtweite des Großvenedigers unausgemalt bleibt. Der letzte mögliche Grund wäre, daß der Dichter den Herausforderungen des Hochgebirges sprachlich nicht gewachsen wäre, am Fernpaß führt er mühelos vor, was er im Gebirge erzählerisch zu leisten vermag. Hier sind die Alpen der Inbegriff aller nur erdenklichen Schönheit, im englischen Traum dann eine den Weltuntergang vorwegnehmende Todeszone. Das Gebirge steht stellvertretend für die Unvereinbarkeit unserer verschiedenen Wahrnehmungen. Die historischen Alpenüberquerungen Tiepolos und Napoleons strahlen weit aus über den knappen Erzählraum, den sie beanspruchen. Der suggestiven Kraft des Dichters reichen wenige Aufrufe.

Montag, 26. März 2012

Buch der Fluchten

Kopfüber ins Wasser


Die Schwindel.Gefühle haben wir als Buch zur Erheiterung Kafkas gelesen; als Buch der Zahl Dreizehn; als Wanderbuch, als Buch unvergeßlicher Mitreisender; jetzt sind sie zu lesen als Buch der Fluchten. Das Buch der Alpen wird nicht lange auf sich warten lassen.

Das erste Mal überhaupt ist uns Selysses in Wien begegnet, der Stadt, die wir alle lieben. Selysses aber ist ihr Innenbereich zum Gefängnis geworden mit unsichtbaren aber gleichwohl unüberwindlichen Mauern. Jeden Morgen machte er sich auf und legte in der Leopoldstadt in der inneren Stadt und in der Josefstadt anscheinend end- und ziellose Wege zurück, von denen keiner, wie sich zu seinem Erstaunen bei einem späteren Blick auf den Plan zeigte, über einen genau umrissenen, sichel- bis halbmondförmigen Bereich hinausführte, dessen äußerste Spitzen in der Venediger Au hinter dem Praterstern beziehungsweise bei den großen Spitälern des Alsergrunds lagen. Woraus die unsichtbaren Mauern bestehen, wird nicht deutlich. Es ist wohl ein Band von seinem Herzen, das nicht brechen will. Wie jeder Gefangene sinnt Selysses auf Flucht. Eines Nachts, am Bettrand sitzend, hatte ihn der inwendig schon gänzlich in Fetzen aufgelösten Schuhwerks geradezu entsetzt. Kaum hatte ich innerlich wieder festen Boden unter den Füßen, faßte er den Entschluß, mit dem Abendzug nach Venedig zu fahren.
In Venedig denkt er die längste Zeit nach über Casanovas Einkerkerung auf dem Dachboden des Dogenpalastes – Ratten so groß wie Hasen liefen da herum – und seine anschließende Flucht, kein Thema, das geeignet wäre zu der eigenen Beruhigung. Ein heißes Bad, die Butterbrote und der Rotwein von gestern und die Zeitung, die er sich heraufbringen ließ, setzten Selysses so weit wieder instand, daß er seine Tasche packen und sich wieder auf die Flucht machen konnte. Im Stehbuffet der Ferrovia gelingt es ihm, die innere Bedrückung in eine äußere Bedrohung zu verwandeln. Mit einemal war ihm, als sei er im Kreis der ihre Morgenkollation einnehmenden Gespenster unversehens jemandem in den Blick gekommen, und tatsächlich fand er zwei Augenpaare auf sich gerichtet. Diese Augenpaare werden ihn auf seinen weiteren Stationen verfolgen, nach seinem eigenen Urteil immer die selben, einen objektiven Beleg dafür gibt es nicht.

In Verona scheint zunächst alles gut zu gehen und Frieden einzukehren. Im Giardino Giusti beobachtete er eine Zeitlang ein weißes türkisches Taubenpaar, das mehrmals hintereinander mit einigen wenigen klatschenden Flügelschlägen steil über die Wipfel sich erhob, eine kleine Ewigkeit stillstand in der blauen Himmelshöhe und dann, vornüberkippend mit einem kaum aus der Kehle dringenden gurgelnden Laut, herabsegelte, ohne sich selbst zu rühren um die schönen Zypressen herum, von denen die eine oder andere vielleicht an die zweihundert Jahre schon gestanden hatte an ihrem Platz. Selbst das Auftreten derselben beiden Gestalten, die am Morgen früh in der Ferrovia von Venedig ihr Augenmerk auf ihn gerichtet hatten, vermag er zu verkraften. Vor einem Bild Pisanellos bewundert er, wie hier allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen ist. Beim Verzehr einer Pizza aber überkommt ihn wieder das Gefühl einer unmittelbar bevorstehenden Katastrophe und er muß sich mit den Händen an der Tischkante einhalten wie ein Seekranker an der Reling. Sein Herz setzt einen Schlag aus. Erlegt 10 000 Lire auf den Teller, rafft die Zeitung zusammen, stürzt auf die Straße hinaus, läuft zur Piazza hinüber, geht dort in eine hellerleuchtete Bar, läßt sich ein Taxi rufen, fährt ins Hotel zurück, packt in aller Eile seine Sachen und flüchtet mit dem Nachtzug nach Innsbruck.

Sieben Jahr nach dieser Flucht hat Selysses die Fahrt von Wien über Venedig nach Verona noch einmal gemacht, um, wie er schreibt, die schemenhaften Erinnerungen an die damalige gefahrvolle Zeit genauer zu überprüfen. Einen Aufenthalt in Wien gibt es diesmal nicht, mithin auch keine Flucht aus der Stadt. In Venedig kommt der Aufbruch wieder früher als geplant. Ein mit Bergen von Müll beladener Kahn kam vorbei, auf dem eine große Ratte die Bordkante entlang lief und sich kopfüber ins Wasser - capofitto nell'acqua - stürzte. Er weiß nicht, ob es dieser Anblick gewesen ist, der ihn den Entschluß fassen ließ, nicht in Venedig zu bleiben, sondern unverzüglich nach Padua weiterzufahren. – Der Leser weiß es nicht besser als Selysses, denkt aber sogleich an die riesenhaften Ratten, die Casanova in seinem venezianischen Kerker unerwünschte Gesellschaft leisteten, und ist bereit, die Ratte auf dem Lastkahn als Fluchtgrund anzuerkennen.
Padua verläßt Selysses, nachdem er die Fresken Giottos in der Kapelle Enrico Scrovegni besucht hat, schon bald darauf wieder, allerdings nicht überstürzt, nicht auf der Flucht, sondern sozusagen in geordneten Verhältnissen. Im Bus von Desenzano nach Riva peinigen ihn dann aber wieder zwei Augenpaare, diesmal die der Kafkazwillinge, und schließlich glaubt er, die Blicke aller Mitfahrenden seien auf ihn gerichtet, mit Ausnahme vielleicht der des Fahrers, der die Straße im Auge behalten muß, so daß er schließlich, als der Bus in Limone sul Garda hielt, seine Tasche aus dem Gepäcknetz heruntergeholt hat und ausgestiegen ist. Riva ist er entflohen, indem er es gar nicht erst erreicht.

In Limone verbringt er die glücklichsten Tage in der aktuellen Erzählzeit des Buches, und auch seine Flucht ist von ganz besonderer Art. Unter dem Vorwand eines verlorenen Passes brennt er mit der Wirtin Luciana Michelotti durch, läßt sich mit ihr auf dem Polizeiposten trauen, und als er und Luciana mit dem vom Brigadiere ausgefertigten Trauschein in der Hand wieder im Auto sitzen, da konnten sie nun miteinander hinfahren, wo sie wollten.

Nur wenig später ist Selysses gleichwohl wieder allein, unterwegs im Zug nach Mailand. Der Empfang in Mailand ist nichts weniger als freundlich. Noch vor dem Bahnhof kommen zwei junge Männer geradewegs auf ihn zu. An ein Ausweichen war nicht mehr zu denken. Erst in dem er auf dem Absatz sich die Tasche von der Schulter schwang und in die beiden hineinfahren ließ, gelang es ihm freizukommen. Eine sofortige Flucht aus der lombardischen Hauptstadt ist nicht möglich, da zunächst Ersatz für den verlorenen Paß beschafft werden muß. Selysses gerät aber in Zustände ganz ähnlich denen zu Beginn in Wien. Wo das Wort Mailand hätte auftauchen sollen, rührte sich nichts als ein schmerzhafter Reflex des Unvermögens, und er mußte sich einhalten, um von der Galerie des Doms herabschauen zu können auf die Piazza, wo sich die Menschen in seltsamer Neigung dahinbewegten. Laufet eilends vor dem Wind, ging es ihm durch den Kopf, und zugleich ging ihm der rettende Gedanke durch den Kopf, daß es sich bei den über das Pflaster hastenden Gestalten um nichts anderes handeln konnte als um lauter Mailänder und Mailänderinnen. In den Abendstunden gelingt die Flucht und er ist wieder auf dem Weg nach Verona.
In Verona verbringt er einigermaßen unbehelligt die ausgehenden Sommermonate beschäftigt mit seinen verschiedenen Arbeiten, die Oktobermonate dann in einem Hotel oberhalb von Bruneck, bevor er, ohne Fluchtgedanken, den Entschluß faßt, nach England zurückzukehren, zuvor aber noch eine gewisse Zeit nach W. zu fahren. In gewissem Sinn war es ihm eine Beruhigung, daß er, bei einem ersten Rundgang durch die in einem bleichen Licht daliegenden Straßen seines Geburtsortes, alles von Grund auf verändert fand. Das verschafft ihm die Gelegenheit zu einer neuen Form der Flucht, der Flucht aus dem aktuell vorgefundenen Ort, durch den er ohne sich groß aufzuhalten sozusagen hindurchgeht zurück in den Ort seiner Kindheit. Als der Erwachsene, der er ist, verwandelt er sich für den weiteren Aufenthalt in den eigenen Großvater, hat denselben Gang und bleibt beim Herauskommen aus einer Haustür gerade so wie er zunächst stehen, um nach dem Wetter zu schauen. Er erinnert sich an alle, an die Seelosfamilie, die Babett und die Bina und die Mathild, an den Buchdrucker Specht, an den untröstlichen Dr. Rambousek nicht weniger als an den Dr. Piazolo auf seiner siebenhundertfünfziger Zündapp und den Pfarrer Wurmser auf einem Gefährt gleicher Bauart, an den Jäger Schlag und die Romana, an das Lehrerfräulein Rauch und noch an viele andere. Als er schließlich wieder zurückfindet in die Wirklichkeit, in der Wirtsstube unter lauter Handlungsreisenden sitzend, hält ihn nichts mehr, er packt seine Sachen und sitzt tags darauf, nach einigem Umsteigen, bereits im Expreß nach Hoek van Holland. Auf der letzten Reiseetappe dann, von London in seine ostenglische Wahlheimat, fällt Selysses in den Schlaf und fährt durch bis ins Jahr 2013, dem erträumten Weltende, die endgültige Flucht.

Es hat wahrscheinlich irgendetwas mit alpenländischen Tonfolgen zu tun oder volksmusikhaften Tobfolgen und Halbtonschnitten, bei denen man das Gefühl hat, das ganze Welten aufgehen, von denen man vorher nichts gewußt hat. Und das ist in diesem langsamen Satz – und ich mag vor allem, meiner Grunddisposition entsprechend, die langsamen Sätze in der Musik -, deutlicher als fast allen seinen anderen Musikstücken. - Die langsamen Sätze, nicht nur in der Musik, möchte man hinzufügen, und nicht nur bei Schubert, sondern ebenso in der Literatur und, seiner Grunddisposition entsprechend, in der eigenen. Die nicht geringste Freude bei der Lektüre der Schwindel.Gefühle ist der ständige Kontrast zwischen einem gehetzten, in die Flucht geschlagenen Helden und dem ruhigen Fließen der Sätze, die nie bereit sind, wegen drängender Eile und Fluchtverlangen irgendein Gebot der Sorgfalt zu verletzten. Selbst wenn sie, wie bei der Flucht aus Verona, für Augenblicke eine staccatohafte Kürze annehmen, erreicht den Leser allenfalls der Eindruck eines maßvollen Portatos.

Selysses wollte, wie er zu Beginn der zweiten Reise notiert, die schemenhaften Erinnerungen an die damalige gefahrvolle Zeit genauer zu überprüfen und vielleicht einiges davon aufschreiben. Wollte man den Angaben im Text vertrauen, so wurden die Schwindel.Gefühle in Zeiten der Ruhe in Limone, Verona und oberhalb von Bruneck verfaßt, abgesehen naturgemäß vom letzten Teil, der erst Nach der Abfahrt aus Bruneck erlebt wurde. Mehr noch als der Bericht der Fluchten sind die Schwindel.Gefühle das künstlerische Medium rückblickender Kurierung der fluchtauslösenden Ängste. Zumal den geheilten Leser kann selbst der prognostizierte Weltuntergang nicht über die Maßen mehr schrecken.


Donnerstag, 22. März 2012

Wanderlust

Talwärts und in der Niederung

In a cloud of dust
Me and the wanderlust 


Ieu sui Arnaut, que plor e vau cantan

Bei seiner Erforschung und Begleitung fremder Schicksale muß Selysses weite Reisen machen und ist dabei auf Verkehrsmittel wie Bus, Zug und gar Flugzeug angewiesen, in seinem Herzen aber pocht die German Wanderlust, die Eingang gar in das Liedgut Marc Knopflers gefunden hat, den Sebald wiederum bei einem musikunterlegten Gespräch, neben Glenn Gould und nicht ohne Überraschung für seine Leser, als Wunschinterpreten benannt hat - so eng ist die Welt oft gefaßt.

Wegen der notwendig weiträumigen, auf schnelle Fortbewegungsmittel angewiesenen Reisetätigkeit fallen die Ausgewanderten und Austerlitz für das Wandermotiv weitgehend aus. Auch die diversen Italienreisen in den Schwindel.Gefühlen lassen sich nicht zu Fuß bewerkstelligen, wohl aber der Abstieg von Oberjoch nach W., und die Ringe des Saturn mit ihren Wegen durch das englische Land lassen sich uneingeschränkt als Wanderbuch beschreiben.

In der Stadt Wien macht sich Selysses jeden Morgen früh auf und legt end- und ziellose Wege zurück, aber das Absolvieren langer Strecken zu Fuß ist nicht gleichbedeutend mit Wandern, das städtische Pflaster ist kein Wanderweg und auch der Ausflug mit Ernst Herbeck nach Klosternneuburg ist eben ein Ausflug und keine Wanderung. In den italienischen Städten Venedig, Verona, Desenzano und Mailand ist es nicht anders als in Wien, lange Gänge sind möglich, aber keine Wanderung. Für die Zugfahrt, soll sie denn echt und glaubwürdig sein, hatten wir einige unverzichtbare Eigenschaften markiert, die vorbeiziehende Landschaft, das Geräusch der Räder und, sofern sich die Fenster noch öffnen lassen, der Fahrtwind. Entsprechende Feststellungen sind auch für das Wandern zu treffen. Es muß sich um eine Strecke nennenswerten Ausmaßes handeln, die dann und wann auch eine Rast erfordert; die Strecke kann durch Ortschaften führen, darf aber nicht auf städtisches Pflaster beschränkt bleiben; es kann kein bloßer Rundgang am Abend sein; und speziell im Fall des Selysses: der Wanderer muß einsam sein, die Wandergruppe ist Selysses gänzlich fremd. Der Abstieg von Oberjoch nach W., auf dem inzwischen nach Selysses Doppelgänger im wahren Leben, Sebald also, benannten und damit gleichsam selbstreferentiell gewordenen Weg, erfüllt die genannten Bedingungen.
Selysses reist an aus dem Gebiet des Großvenedigers, hat den Zug benutzt und dann den Bus und dabei vorwiegend unerfreuliche Eindrücke gehabt zunächst, das wie immer grauenhafte Wetter in Innsbruck, die ausgeschämte Bedienerin in den Tiroler Stuben, die Tiroler Weiber im Bus. Dann aber hatte es aufgeklart und er hatte ein paar Hühner mitten in einem grünen Feld gesehen, die sich, obschon es doch noch gar nicht lange zu regnen aufgehört hatte, für ein die winzigen Tiere, wie es schien, endloses Stück von dem Haus entfernt hatten, zu dem sie gehörten. Aus einem ihm nach wie vor nicht ganz erfindlichen Grund ist ihm der Anblick dieser weit ins Feld sich hinauswagenden Hühnerschar sehr ans Herz gegangen. Überhaupt weiß er nicht, was es ist an bestimmten Dingen und Wesen, das ihn manchmal so rührt. Er ist also in aufgeräumter Stimmung, als er sich, nachdem er im Zollamt das Gepäcks zurückgelassen hat, bloß mit dem kleinen ledernen Rucksack über der Schulter auf den Weg begibt durch die ans Niemandsland grenzenden Moorwiesen und den Alpsteigtobel hinab nach Krummenbach. Der Tobel war erfüllt von einer Dunkelheit, wie er es mitten am Tag nicht für möglich gehalten hätte. Als dann der Wiesengrund von Krummenbach sich auftat, blieb er lange unter den letzten Bäumen stehen und schaute, aus dem Dunkel heraus, das wunderbare weißgraue Schneien an. Unweit des Waldrandes steht die Kapelle, die so klein ist, daß mehr als ein Dutzend auf einmal darin gewiß nicht ihres Gottesdienst verrichten oder ihre Andacht üben konnten. Die Kreuzwegstationen im Inneren der Kapelle waren von einer ungeschickten Hand um die Mitte des 18. Jahrhunderts gemalt worden und zur Hälfte bereits von Schimmel überlaufen und zerfressen. Als Kind hatte Selysses mit dem Großvater oft in derartigen Kapellen gesessen und er erinnert sich der Angst vor den dort abgebildeten Grausamkeiten nicht weniger als in seiner Unerfüllbarkeit des Wunsches nach einer Wiederholung der in ihren Inneren herrschenden vollkommenen Stille. Als das Schneien nachgelassen hatte, machte er sich wieder auf seine Weg den Krummenbach entlang bis nach Unterjoch, wo er im Hirschwirt eine Brotsuppe aß und einen halben Liter Tiroler trank. Dabei ist ihm, ausgelöst durch die armseligen Bilder in der Kapelle, Tiepolo in den Sinn gekommen, der im Herbst 1750 von Venedig über den Brenner gezogen ist, und vielleicht hat sich der Krummenbacher Maler in der Winterzeit desselbigen Jahres an seinen Bildchen nicht weniger gemüht als Tiepolo an seinen großen Deckengemälden. Es wird schon gegen drei Uhr gewesen sein, als er durch die Wiesen unterhalb des Sorgschrofen und der Sorgalpe gegangen ist, um kurz vor der Pfeifermühle auf die Straße zu gelangen, und das letzte Tageslicht war im Schwinden, als er ins Enge Plätt kam. Linker Hand war der Fluß, zur Rechten die triefenden Felswände. Das letzte Wegstück zog sich endlos hin. Im Engen Plätt erinnert eine Gedenktafel an fünf im April 1945 in einem sogenannten letzten Gefecht gefallene junge Soldaten. Als er aus dem Plätt herauskam, war es auch draußen nahezu Nacht geworden und drunten am Flußlauf erhob sich die schwarze Sägmühle, die im fünfziger Jahr in einem großen, das ganze Tal erleuchtenden Feuer niedergebrannt war. Auf der steinernen Brücke kurz vor den ersten Häusern von W. blieb er lange stehen und Rauschen der Ach. Auf einem Schuttanger neben der Brücke, auf dem Salweiden, Tollkirschen, Klettenstauden; Königskerzen, Eisenkraut und Beifuß wuchsen, war hier in den Sommermonaten der Nachkriegszeit immer ein Zigeunerlager gewesen. – Wer möchte es sich versagen, diesen Weg ebenfalls zu gehen, gut ausgeschildert wie er überdies ist inzwischen.
Eine Wanderung besteht aus zwei Komponenten, der Landschaft und dem Wanderer, oder, wenn daraus Prosa wird, aus des Wanderers Wahrnehmung der Landschaft und seinen abschweifenden Gedanken. Während in den Schwindel.Gefühlen die Gedanken recht eng bei der Wegstrecke bleiben und nur für Tiepolo sich ein wenig weiter entfernen, hat Selysses in den Ringen des Saturn meistens kaum einen Schritt gemacht, und schon ist er mit seinen Erwägungen Tausende von Meilen entfernt, in Afrika, Asien oder Amerika, im Kongo, in China oder in Brasilien. Sieht man von all dem ab, streicht es und verfolgt ausschließlich die im Südosten Englands zurückgelegte Wanderstrecke, so ergibt sich eine Erzählung folgenden Zuschnitts:

Wandern in Ostanglien
(von Christian Wirth im einzelnen dokumentiert und illustriert)  
Ich ging den leeren Perron entlang, auf der linken Seite die scheinbar unendliche Weite des Marschlands, auf der rechten, hinter einer niedrigen Ziegelmauer, das Gebüsch und die Bäume des Parks. Nirgends ein Mensch, den man nach dem Weg hätte fragen können. Eine gute Stunde brauchte ich von Somerleyton nach Lowestoft, zu Fuß die Landstraße entlang und vorbei an dem großen, wie eine befestigte Stadt in der Ebene liegenden Gefängnis von Blundeston, in dem meist um die zwölfhundert Inhaftierte ihre Strafe verbüßten. Als ich am nächsten Morgen mit dem Rucksack über der Schulter das Hotel verließ, war Lowestoft, unter einem wolkenlosen Himmel, wieder zum Leben erwacht. Vorbei an den Hafenbecken, in dem Dutzende von ausgedienten und arbeitslosen Kuttern vertäut lagen, ging es nach Süden zu durch die untertags ständig vom Autoverkehr verstopften und von blauen Benzindampf erfüllten Straßen der Stadt. Von dem Fußpfad, der über die Grasdünen und niedrigen Klippen führt, sieht man unterhalb den von flachen Kiesbänken durchzogenen Strand, auf dem zu jeder Stunde des Tages und der Nacht und zu jeder Zeit des Jahres allerlei zeltartige Unterstände aus Stangen und Strickwerk, Segeltuch und Ölzeug aufgeschlagen sind. Eine Viertelstunde südlich von Benacre Broad, wo der Strand sich verengt und ein Stück Steilküste beginnt, liegen wüst durcheinander ein paar Dutzend toter Bäume. Ausgebleicht vom Salzwasser, vom Wind und von der Sonne, sieht das zerbrochene, rindenlose Holz aus wie die Gebeine irgendeiner vor langer Zeit an diesem einsamen Ufer zugrundegegangenen, selbst die Mammuts und Saurier überragenden Art. Der Fußpfad führte um den Verhack herum, durch eine Ginsterböschung auf die Anhöhe der Lehmklippe hinauf und dort in geringer Entfernung von dem stets von Einbrüchen bedrohten Rand des festen Landes zwischen Adlerfarnen hindurch, von denen die größten mir bis an die Schulter reichten. Draußen auf dem bleifarbenen Meer begleitete mich ein Segelboot. Nach und nach trat das Farnkraut auseinander und gab den Blick frei auf ein zur Kirche von Covehithe hin sich erstreckendes Feld. Der Himmel verdunkelte sich zusehends. Wolkenbänke schoben sich weit hinaus über das jetzt von weißen Streifen durchzogene Meer. Von der Klippe hinab ging ich über den leicht sich absenkenden Weg auf den Strand, der sich hier ausweitet nach Süden. Vor mir in der Ferne duckte sich die Stadt Southwold, eine Anzahl winziger Häuser, Bauminseln, ein schneeweißer Leuchtturm, unter dem dunklen Himmel. Unweit der Küste zwischen Southwold und der Ortschaft Walberswick führt eine schmale eiserne Brücke über den Blyth, auf dem vor Zeiten einmal schwere Wollschiffe seewärts gegangen sind. Heute gibt es so gut wie keinen Verkehr mehr auf dem weitgehend versandeten Fluß. Gegen die Landseite zu ist nichts als graues Wasser, Marschland und Leere. Allerlei Gedanken hatte ich im Kopf, als ich von der Brücke über den Blyth ein Stück weit entlang der aufgelassenen Bahnstrecke ging und dann von dem höher gelegenen Gelände hinab in die Marschebene, die sich von Walberswick südwärts erstreckt bis nach Dunwich, einer nur mehr aus wenigen Häusern bestehenden Ortschaft. Zu meiner Rechten das wogende Schilffeld, zur Linken der graue Strand hielt ich auf Dunwich zu. Es war ungewöhnlich dunkel geworden und schwül, als ich am Mittag nach einer Rast am Strand zu der einsam gelegenen Heide von Dunwich hinaufstieg. Mein Weg von Dunwich aus führte dann zunächst an den Ruinen des Franziskanerklosters vorbei, an etlichen Feldern entlang durch ein offenbar erst in jüngster Zeit aufgeschossenes, verwahrlostes Gehölz, in dem Krüppelkiefern, Birken und Ginsterstauden so dicht durcheinanderwuchsen, daß ich nur mit viel Mühe vorankam. Dann tat sich vor mir die Heide auf, und wie betäubt von dem wahnsinnigen Blühen wanderte ich auf der hellen Sandbahn dahin, bis ich zu meinem Erstaunen, um nicht zu sagen zu meinem Entsetzen, mich wiederfand vor demselben verwilderten Wäldchen, aus dem ich vor einer Stunde hervorgetreten war. Der tief herabhängende bleierne Himmel, das krankhafte, das Auge trübende Violett der Heide, die in meinen Ohren wie das Meer in einer Muschel rauschende Lautlosigkeit, die Fliegen, die mich dauernd umschwärmten, beängstigend und grauenvoll kam mir das alles vor. Ich kann nicht sagen, wie lange ich in dieser Verfassung herumgeirrt bin, und auf welche Weise ich zuletzt einen Ausweg gefunden habe, nur soviel, daß ich zwei Stunden zirka nach meiner wunderbaren Befreiung aus dem Heidelabyrinthendlich die Ortschaft Middleton erreichte, und die Schatten wurden schon lang, als ich von Boulge Park nach Woodbridge hineinwanderte, wo ich im Bull Inn über Nacht blieb. Gut vier Stunden geht man von Orford ans Meer hinunter. Die Straßen und Wege führen durch eine leere, sandige Gegend, die am Ende eines langen, trockenen Sommers über weite Strecken fast einer Wüste gleicht. Von jeher ist dieses Land äußerst spärlich besiedelt, kaum bewirtschaftet und eigentlich nichts als eine von Himmelsrand zu Himmelsrand reichende Schafweide gewesen. Ich näherte mich dem östlichen Rand des Waldes von Rendelsham, da verdunkelte sich innerhalb weniger Minuten der gerade noch strahlend hell gewesene Himmel. Das restliche Tageslicht begann zu erlöschen, sämtliche Umrisse verschwanden in der graublauen, bald ohne Unterlaß von mächtigen Böen durchtobten, alles erstickenden Dämmerung. Sogar in nächster Nähe gab es bald nicht mehr die geringste Linie oder Gestalt. Das Staubmehl strömte von links gegen rechts, von rechts gegen links, von allen Seiten gegen alle Seiten, ein einziges Flirren und Flimmern, das wohl eine Stunde fortdauerte. Als der Sturm sich endlich legte, war es ringsum totenstill, kein Hauch rührte sich mehr, kein Vogellaut war zu hören, kein Rascheln, nicht. Den Rest des Weges ging ich in einem Zustand der Benommenheit. Als ich endlich anlangt war in Orford und dort die Nacht verbracht hatte, habe ich mich am nächsten Tag in einem blauen Dieselkutter nach Orfordness übersetzen lassen und bin dort eine teilweise schon überwachsene Asphaltbahn entlang durch ein farbloses, weithin sich ausdehnendes Feld gewandert. Es war ein trüber, beklemmender Tag und so windstill, daß nicht einmal die Ähren des haarfeinen Steppengrases sich regten. Mit jedem Schritt, den ich tat, wurde die Leere in mir und die Leere um mich herum größer und die Stille tiefer. Wahrscheinlich durchfuhr mich deshalb ein nahezu tödlicher Schreck, als unmittelbar vor meinen Füßen ein Hase, der sich verborgen gehalten hatte zwischen den Grasbüscheln am Wegrand, auf und davon schoß, zuerst die brüchige Fahrbahn entlang und dann, mit ein, zwei Haken, wieder hinein ins Feld. Lange bin ich dann auf der Brücke gestanden, die hinüberführt in das Terrain des ehemaligen Secret Weapons Research Establishments. Weit hinter mir im Westen zeichneten sich kaum wahrnehmbar die leichten Anhöhen bewohnten Landes ab, nach Norden und Süden glänzte das von einem mageren Rinnsal durchzogene Schlammbett des toten Flußarms, und voraus war nichts als Zerstörung. Wie einem nachgeborenen Fremden, der ohne jedes Wissen herumgeht zwischen den Bergen von Metall- und Maschinenschrott, die wir hinterlassen haben, war es auch mir ein Rätsel, was für Wesen hier einst gelebt und gearbeitet hatten. Am nachfolgenden Tag bin ich von Orford aus mit einem der roten Autobusse landeinwärts nach Yoxford gefahren und von dort aus zu Fuß in nordwestlicher Richtung auf einer ehemaligen Römerstraße in die sehr dünn besiedelte Gegend hineingegangen, die sich unterhalb des Landstädtchens Harleston ausdehnt. Beinahe vier Stunden bin ich unterwegs gewesen und habe nichts gesehen als die großenteils bereits abgeernteten, bis an den Horizont reichenden Kornfelder, den von tiefem Gewölk überzogenen Himmel und die in Abständen von jeweils ein, zwei Meilen voneinander entfernt liegenden, meist von kleinen Bauminseln umstandenen Höfe. Kaum ein Fahrzeug ist mir begegnet, während ich auf der scheinbar endlosen Geraden dahinging, und ich wußte nicht, ob ich das einsame Gehen als eine Wohltat empfand oder als eine Qual. Bisweilen an diesem in meiner Erinnerung manchmal bleischweren, manchmal gewichtslosen Tag riß die Wolkendecke ein wenig auf. Dann kamen die gefächerten Strahlen der Sonne auf die Erde hernieder und erleuchteten den einen oder anderen Flecken, gerade so wie es dereinst üblich war in religiösen Darstellungen, die das Walten einer uns übergeordneten Instanz symbolisierten. Es war mit einer gewissen Erleichterung, daß ich am nächsten Morgen das Hotel verließ und in südlicher Richtung aus der Stadt in die Felder hinausging. Die Gegend, die ich nun in einem weiten Bogen durchquerte, ist kaum dichter besiedelt als die, die ich am Vortag gewandert war. Etwa alle zwei Meilen kommt man durch einen selten mehr als ein Dutzend Häuser zählende Ortschaft, und diese Ortschaften sind ausnahmslos benannt nach dem Namenspatron der jeweiligen Pfarrkirche, heißen also St. Mary, St. Michael, St. Peter, St. James, St. Andrew, St. Lawrence, St. John und St. Cross, weshalb auch der ganze Landstrich von seinen Bewohnern bezeichnet wird als The Saints. Ich hatte noch eine Stunde zu gehen von Ilketshall St. Margaret bis nach Bungay hinein und eine zweite Stunde von Bungay über die Marschwiesen des Waveney-Tals bis auf die andere Seite von Ditchingham. Der Nachmittag begann bereits sich zu neigen, und ich beschloß deshalb, wieder zur Hauptstraße hinauf und ein kleines Stück Richtung Norwich weiterzugehen bis zur Mermaid in Hedenham, wo man gewiß bald die Bar aufsperren würde. Von dort aus konnte ich zu Hause anrufen, um mich abholen zu lassen.
Auch diese kleine Erzählung - um ein Vielfaches kleiner als die Ringe des Saturn - ist herrlich zu lesen, ein Rohdiamant freilich erst, der dann noch sorgfältig geschliffen und üppig gefaßt wird von den Ringen des Saturn. Aber lassen wir die Finger von der Goldschmiedekunst und kehren zurück zum bereits besser erforschten Metaphernbereich des Spinnens und Webens, denn in der Tat ist es ja das Wegenetz weit mehr noch als der wenig reißfeste Seidenfaden, das die Zuverlässigkeit der Textur verantwortet.

Denkt man sich die Schwindel.Gefühle umgestaltet nach dem Strukturprinzip der Ringe des Saturn, so müßte Selysses die Geschichte von Beyle oder dem merckwürdigen Faktum der Liebe noch im Bus von Innsbruck nach Oberjoch durch den Sinn gehen, in der Krummenbacher Kapelle nicht nur Tiepolo, sondern der gesamte Aufenthalt All’estero, Dr. K.s Badereise dann unterhalb des Sorgschrofen und der Sorgalpe, und Il ritorno in patria hätte dort und so bleiben können, wo und wie er ist. - Man muß befürchten, daß die enorme Traglast für die im Vergleich dann doch begrenzte Wanderstrecke zu groß gewesen wäre.

Aus dem nichtabgeschlossenen Korsikaprojekt wäre wohl, nach allem was abzusehen ist, ein weiteres Wanderbuch geworden, schon in den nachgelassenen Fragmenten werden wir durch herrliche Hochwälder geführt, aber auch durch zerstörte und geschändete Landschaften. Welche abschweifenden Geschichten uns erzählt worden wären, und wie sie sich dem Rhythmus der Schritte angepaßt hätten, wissen wir nicht. 

Montag, 19. März 2012

Fahrtwind

Rheinabwärts

Like the train’s beat

Was könnte es scheinen, als führen die Züge gar nicht, bei der Ausfahrt aus dem Prager Bahnhof versinken sie sogleich, und die Gare d’Austerlitz schluckt sie, um sie nicht wieder hervorzulassen. Vom Gipfel des Grammont aus sehen wir auf die am jenseitigen Ufer in gewissen Abständen hin- und herfahrenden Eisenbahnzüge, aber bei der großen Entfernung läßt sich eine nur für die Touristen veranstaltete Fassadenveranstaltung nicht ausschließen. Während der Fahrt ist Selysses oft ganz von seinen Mitreisenden gefesselt, der Franziskanerin und dem Mädchen, der Dame mit der Zigarre und anderen. Wir sind uns sicher, daß in Filmen die Abteilszenen im Studio geschossen werden, der Blick auf die vorbeiziehende Landschaft wird hinzugeschnitten, das Rattern der Räder kommt vom Band; warum sollten wir in der Prosa nicht mit ähnlichen Taschenspielereien rechnen und daß man Selysses nicht immer beim Wort nehmen kann, ist ohnehin bekannt. Um wirklich überzeugt zu sein, in einem Zug zu sitzen, bedarf es des Blickes auf die Landschaft, die, schwer zu verstehen, stumm unser Verschwinden betrachtet, während wir vorbeifahren; bedarf es des weiteren der Fahrgeräusche und des Fahrtwindes.

Der Fahrtwind schlägt uns um die Ohren mit einer Deutlichkeit, die zu wünschen nichts übrigläßt, als wir, von Wien her kommend, mit Selysses in die oberitalienische Ebene einfahren. Aufgewacht bin ich erst mit dem Gefühl, daß der Zug, der sich so lange mit gleichmäßiger Geschwindigkeit durch die Täler gewunden hatte, nun aus dem Gebirge heraus- und in die Ebene hineinstürzte. Ich riß das Fenster herab. Krachend schlugen mir die Nebelfetzen entgegen. Wir befanden uns in einer halsbrecherischen Fahrt. Bläulichschwarze Steinmassen gingen in spitzen Keilen bis an den Zug heran. Ich beugte mich hinaus und suchte vergebens ihre Gipfel. Dunkle schmale zerrissene Täler öffneten sich, Bergbäche und Wasserfälle, weiß stäubend in der kaum gebrochenen Nacht, waren so nah, daß der Hauch ihrer Kühle das Gesicht erschauern machte. Das Friaulische, ging es mir durch den Kopf. Nach und nach brachte das Morgengrauen verschobenes Erdreich, Felsbrocken, in sich zusammengesunkenes Bauwerk, Schutt- und Schotterhalden an den Tag.

Austerlitz muß für ein ganz ähnliches Erleben gar nicht erst aufzuwachen. Aus der Vogelperspektive sah ich eine lichtlose Landschaft, durch die ein sehr kleiner Eisenbahnzug dahineilte, zwölf erdfarbene Miniaturwaggons und eine kohlschwarze Lokomotive unter einer nach rückwärts gewandten Rauchfahne, deren Spitze, wie eine große Straußenfeder, fortwährend hin und her gerissen wurde bei der geschwinden Fahrt. Dann wieder, durch das Coupéfenster heraus, sah ich dunkle Tannenwälder, ein tief eingeschnittenes Stromtal, Wolkengebirge am Horizont weit über den Dächern und Windmühlen, deren breite Segel, Schlag für Schlag, das Morgengrauen durchteilten.
Geruhsamer ist die lange Fahrt von Prag nach Deutschland und dann den Rhein abwärts zur Fähre nach England. Jenseits von Pilsen ging es auf das zwischen Böhmen und Bayern sich dahinziehende Gebirge zu. Bald traten dunkle Waldungen nah an die Trasse der Bahn heran und verlangsamte sich das Tempo der Fahrt. Nebelschwaden oder niedrig treibende Wolken hingen zwischen den triefenden Tannen, bis die Strecke nach etwa einer Stunde wieder bergan führte, das Tal nach und nach weiter wurde und wir hinauskamen in die heitere Gegend. Der Himmel hatte sich ein wenig aufgetan, freundliche Sonnenflecken erhellten hier und da das Gelände, und der Zug, der auf der tschechischen Seite oft nur schwer voranzukommen schien, eilte nun plötzlich dahin mit einer ans Unwahrscheinliche grenzenden Leichtigkeit. Fast die ganze Zeit stand ich am Gang und schaute zum Fenster hinaus. Zwischen Würzburg und Frankfurt ging die Strecke durch eine baumreiche Gegend, kahle Eichen- und Buchenbestände, auch Nadelholz, Meile um Meile. Jenseits des Binger Lochs dann konnte ich meine Augen nicht mehr abwenden von dem in der Dämmerung schwer dahinfließenden Strom, von den Lastkähnen, die, anscheinend bewegungslos, bis zur Bordkante im Wasser lagen, von den Bäumen und Gebüschen am anderen Ufer, dem feinen Gestrichel der Rebgärten, den deutlicheren Querlinien der Stützmauern, den schiefergrauen Felsen und den Schluchten, die seitwärts hineinführten in ein, wie ich dachte, vorgeschichtliches und unerschlossenes Reich. 
Weiter von Osten her kommend, aus W. im Allgäu, war Selysses seinerzeit auf die gleiche Rheinstrecke eingebogen. Ich saß im Expreß nach Hoek van Holland und fuhr durch das mir von jeher unbegreifliche, bis in den letzten Winkel aufgeräumte und begradigte deutsche Land. Seitwärts zogen die Felder vorbei und die Äcker, auf denen die blaßgrüne Wintersaat vorschriftsmäßig aufgegangen war; Waldparzellen, Kiesgruben, Fußballplätze, Werksanlagen und die entsprechend den Bebauungsplänen Jahr für Jahr weiter sich ausdehnenden Reihen- und Einfamilienhäuser hinter den Jägerzäunen und Ligusterhecken. Eigenartig, daß fast nirgends ein Mensch zu erblicken war, wenn auch über die nassen Landstraßen genügend in dichte Sprühwolken gehüllte Fahrzeuge brausten. Als wir den Rheinstrom entlangfuhren, schaute man durch die Scheiben des Abteilfensters auf das Wasser und die steilen Abhänge des jenseitigen Ufers hinaus. Es mußte ein starker Nordwind aufgekommen sein, denn die Heckflaggen der stromaufwärts die graue Flut durchpflügenden Lastkähne wehten nicht nach rückwärts, sondern wie auf einer Kinderzeichnung nach vorne zu, was dem ganzen Bild etwas ebenso Verkehrtes wie Rührendes gab. Das Licht draußen hatte zusehends abgenommen, bis nur mehr eine fahle Helle das Stromtal erfüllte. Bald weitete das Rheintal sich aus, in der Ebene erschienen die glitzernden Wohntürme, und der Zug rollte hinein nach Bonn, wo die Winterkönigin ausgestiegen ist.

Fahrtgeräusche und mechanisches Innenleben der Fortbewegungsmaschinerie werden hörbar, als Selysses mit dem Zug aufbricht zu seiner englischen Wallfahrt. Mit einem alten, bis an die Fensterscheiben hinauf mit Ruß und Öl verschmierten Dieseltriebwagen bin ich an die Küste hinuntergefahren. Meine wenigen Mitreisenden saßen im Halbdunkel auf den abgewetzten lilafarbenen Sitzpolstern, alle in Fahrtrichtung, möglichst weit voneinander entfernt und so stumm, als hätten sie noch niemals in ihrem Leben ein Wort über die Lippen gebracht. Die meiste Zeit rollte der unsicher auf den Schienen schwankende Wagen im Leerlauf dahin, denn es geht dem Meer zu fast immer leicht bergab. Nur zwischendurch, wenn mit einem das ganze Gehäuse erschütternden Schlag das Triebwerk in Gang gesetzt wurde, war eine Weile das Mahlen der Zahnräder zu hören, ehe wir unter gleichmäßigem Pochen weiterrollten wie zuvor, an Hinterhöfen und Schrebergartenkolonien und Schutthalden und Lagerplätzen vorbei in das der östlichen Vorstadt sich ausdehnende Marschland hinaus.

In jungen Jahren hatte er bereits auf der Fahrt nach Abermaw das ihn dort erwartende Glück verspürt: Schon zu Beginn des Sommers, wenn wir mit der kleinen Dampfbahn westwärts das Tal hinauffuhren, merkte ich, wie mir das Herz aufzugehen begann. Schleife um Schleife folgte unser Zug den Windungen des Flußlaufs, durch das offene Waggonfenster schauten die grünen Wiesen herein, die steingrauen und die geweißelten Häuser, die glänzenden Schieferdächer, die silbrig wogenden Weiden, die dunkleren Erlengehölze, die dahinter aufsteigenden Schafweiden und die höheren, manchmal ganz blauen Berge und der Himmel darüber mit den immer von Westen nach Osten ziehenden Wolken. Dampffetzen flogen draußen vorbei, man hörte die Lokomotive pfeifen und spürte den Fahrtwind kühl an der Stirn.

Eisenbahnzüge können, wie oft schon auf einer einzigen Reise bemerkbar, ein sehr unterschiedliches Format haben. Über Amsterdam, Köln und Frankfurt reisend, erreichte ich mein Ziel nach einigem Umsteigen und längeren Aufenthalten in den Bahnhofswirtschaften von Aschaffenburg und Gemünden. Die Züge wurden von Mal zu Mal langsamer und kürzer, und zuletzt, von Gemünden bis Kissingen, reiste ich tatsächlich, was ich bis dahin nicht für möglich gehalten hätte, in einem Zug – falls das hier noch die richtige Bezeichnung ist -, der nur mehr aus einer Lokomotive und einem einzigen Wagen bestand. Schon bald wird Selysses’ Blickfeld nahezu zur Gänze von dem debilen Brotzeitmachenden und der Apfelschnitzfrau verstellt, so daß von der am Fenster vorbeiziehenden Landschaft gerade soviel noch zu sehen ist: Der Zug folgte den Schleifen des Flußlaufs durch das Wiesental. Hügel und Wälder zogen langsam vorbei, Abendschatten legten sich über das Land.

Und nun fahren wir zusammen mit Selysses heraus aus dem Bild. Langsam bewegte sich der Zug aus dem Bahnhof Liverpool Street hinaus, vorbei an den rußigen Ziegelmauern die mir wegen der in sie eingelassenen Nischen immer wie Teile eines weitläufigen und hier an die Oberfläche tretenden Katakombensystems vorgekommen sind. Aus den Fugen und Ritzen des im letzten Jahrhunderts fertiggestellten Mauerwerks sind im Verlauf der Zeit zahlreiche Schmetterlingssträucher gewachsen, die ja bekanntlich mit den ärmlichsten Bedingungen vorliebnehmen. Als ich im Sommer zuletzt an diesen schwarzen Wänden vorbeigefahren war, standen die spärlichen Gewächse gerade ein bißchen in Blüte. Und beinahe hätte ich meinen Augen nicht trauen wollen, wie ich, während der Zug vor dem Signal wartete, von einer Stunde zur anderen, bald oben, bald unten, bald links, immer in Bewegung, einen Zitronenfalter sich herumtreiben sah. Wo die Häuserwüste jetzt weiter sich auftat, erhoben sich in der Entfernung drei ganz und gar eingerüstete, von wabernden grünen Blachen umgebene Wohntürme, und noch viel weiter draußen, vor dem lichterlohen Himmelstreifen am westlichen Horizont, wallte aus der die gesamte Stadt überziehenden blauschwarzen Wolkendecke wie eine ungeheure Trauerfahne ein Regenschauer herab.
Das herausgelöste Motiv der Zugfahrt ergibt keine eigene Sinnmelodie wie etwas das der Lichtverhältnisse, es ist nur einfach eine Freude, die Fahrten beisammenzuhaben. Die Lektüre kann das eigene Reisebegehren mildern, wie könnte man aus eigener Kraft gleich tiefes Erleben erreichen, und so bleibt man vielleicht mit seinen Landkarten und Fahrplänen zu Hause. Und umgekehrt, wem vielleicht das Warten auf den Bahnhöfen, die Lautsprecherdurchsagen, das Sitzen im Zug, das draußen vorbeiziehende, ihm nach wie vor vollkommen fremde Land, die Blicke der Mitreisenden, wem all das eine einzige Pein ist, dem verlaufen plötzlich die Fahrten auf das glücklichste. Es ist ein schöner Tag, er hat ein ganzes Abteil, wenn nicht gar den ganzen Waggon für sich, durch das Fenster strömt die Luft herein, und er spürt in sich erheben eine Art festtäglicher Heiterkeit.

Freitag, 16. März 2012

Kommentar Land und Leute

Abermals ist Selysses zur Kur, diesmal in der Schweiz, in einer Wasserheilanstalt. Gleich zu Anfang überqueren wir mit ihm einen See und im weiteren Verlauf sehen wir vom Gebirge herab auf den Lac Léman, um den es sich dann wohl auch eingangs gehandelt hat. Während die Landschaft sich vorzüglich auch schon durch das Waggonfenster betrachten läßt, versteht man die Menschen, und besonders dann, wenn es ältere Schweizer Frauen sind, doch besser vom festen Boden aus. Eine gleichsam ethnographische Betrachtung der Eingeborenen gewinnt, zumindest in der Einleitungsphase, erstaunlicherweise noch Schärfe, wenn die Sprache der Forschungsobjekte nicht zu verstehen ist, obwohl sie sich, das sei angemerkt, in einer Spielart des Deutschen unterhalten. In der zweiten Phase der Erforschung ist dann aber doch auf die Literatur zurückzugreifen, und hier, so wird uns verraten, soll C.F. Meyer ergiebiger sein als G. Keller oder R. Walser. Die genannten drei bedienen sich des Hochdeutschen, nur Hebel hat zeitweise auch auf die Mundart zurückgriffen. Ein literarisches Urteil ist im übrigen nicht impliziert, es geht allein um den völkerkundlichen Ertrag.

17.09.1911

Land und Leute

Montag, 12. März 2012

Colonel Chabert

Kernung

1817, ein unbekannter Mann im Anwaltsbüro des Herrn Derville sucht um einen Termin nach. Mit seinem altmodischen Mantel und seiner schmutzigen Krawatte, bleich und hungrig, gleicht er mehr einem Toten als einem lebenden Mann. Er solle doch um 1 Uhr morgens wiederkommen, sagt ihm der Sekretär und fragt ihn noch nach seinem Namen. Chabert, antwortet der Mann. Der bei Eylau gefallene Oberst? Derselbe, antwortet Chabert und geht. Der junge und brillante Rechtsanwalt Derville ist bereit, die Geschichte des Mannes anzuhören. Der berühmte Oberst Chabert war einst Napoleons beliebtester Kommandeur, der Retter der Schlacht von Eylau in Ostpreußen im Jahre 1807. Chaberts Regiment führte eine Kavallerieattacke gegen den russischen Vormarsch und konnte das Blatt für Napoleon wenden. Chabert selbst wurde mit einem Säbel auf den Kopf getroffen und unter seinem Pferd begraben. Man warf ihn zusammen mit Tausenden weiterer Gefallener dieser blutigen Schlacht in ein Massengrab. Begraben tief unten in dem Massengrab, erlangte der Oberst sein Bewußtsein wieder und arbeitete sich langsam und qualvoll durch die verwesenden Körper nach oben. Nach seiner Rettung durch eine arme Bauernfamilie, schwebte er monatelang zwischen Tod und Leben. Als er wieder im Vollbesitz seiner Sinne war, beschloß er, im fernen Frankreich seine Todesanzeige rückgängig zu machen und seinen Namen und Eigentum zurückzufordern. Aber die offizielle Gesellschaft hatte keinen Bedarf für einen toten Soldaten. Nur die armen und früheren Kameraden halfen ihm, als er ohne einen Sou und namenlos herumirrte. Wie Odysseus wanderte er zehn Jahre lang umher. Aber anders als Odysseus' Frau Penelope war Chaberts Frau ihm nicht treu geblieben. Sie ließ seine Briefe zurückgehen, bezeichnete sie als gefälscht und ihn als Betrüger. Graf Chabert hatte die ehemalige Straßendirne in den Status einer Gräfin gehoben, und als er tot gemeldet wurde, nutzte sie sein Vermögen und seine Ländereien, um in die Aristokratie einzuheiraten. Sie wurde dazu von Napoleon ermutigt, der an einer Versöhnung zwischen den neuen Elementen, die die Revolution nach oben gebracht hatte, und der alten Aristokratie interessiert war. Derville ist der erste der nach-napoleonischen Gesellschaft, der es wagt, den Oberst offiziell anzuerkennen. In einer der bewegendsten Szenen des Buchs wagt sich der Anwalt Derville in die Slums von Saint Marceau, das ärmste Viertel am Rande von Paris. Er fährt mit seiner Kutsche durch die schmutzigen, holprigen Straßen und kommt an einem baufälligen Gebäude an, vollständig zusammengezimmert aus Baumaterial, das man anderswo in der Stadt abgetragen hat. Hier haust Chabert zusammen mit Kühen, Ziegen, Kaninchen und einer verarmten Familie eines früheren Regimentssoldaten mit dem Namen Vergniaud. Der Oberst lebt in einem einzelnen Zimmer mit schmutzigem Boden und Strohbett. Derville ist schockiert. Wie kann Chabert - der Mann, der den Sieg der Schlacht von Eylau entschieden hat - so leben? Ich habe niemandem Unrecht getan, habe niemals jemanden von mir gewiesen und schlafe ruhig, so Chabert. Derville verabschiedet sich und fährt zum feinen aristokratischen Bezirk Faubourg Saint-Germain, wo sich der Graf und die Gräfin Ferraud mit Chaberts Vermögen ein luxuriöses Haus gebaut haben. Um die Karriereleiter hochsteigen zu können, engagiert Graf Ferraud einen korrupten Sekretär namens Delbecq, einen früheren Anwalt, versiert in kriminellen Aktivitäten. Die Gräfin läßt den Sekretär ihres Mannes nicht aus dem Auge. Skrupellos hat dieser Schurke die Schwankungen an der Börse und die steigenden Vermögenswerte in Paris während der Restauration ausgenutzt und war damit in der Lage, das Vermögen der Gräfin innerhalb von drei Jahren zu verdreifachen. Doch nun, inmitten ihres Triumphes, hat die Gräfin ein moralisches Leiden überfallen. All ihr Reichtum kann die Tatsache nicht verdecken, daß sie keinen sozialen Status hat. Ihre niedere Herkunft steht dem Pairsrang für ihren Gatten im Wege. In einer verhüllten Drohung spricht Graf Ferraud über die Scheidung zwischen Talleyrand und seiner Geliebten, die der berühmte Minister 1802 auf Geheiß von Napoleon geheiratet hatte. Welche Frau könnte solch einen Ausdruck des Bedauerns verzeihen, der den Keim ihrer eigenen Zurückweisung in sich trägt? Und wenn nun bekannt würde, daß der erste Mann der Gräfin noch am Leben ist? Sie muß ihn um jeden Preis besiegen! Balzac verleiht Derville die Rolle eines Kommentators und Schlichters der neuen Gesellschaft. In Balzacs Geschichten wimmelt es von guten und schlechten Anwälten. Abgesehen von den Juristen als Romangestalten bildet die Justiz auch den Rahmen, innerhalb dessen die neue Gesellschaft verstanden werden kann. Menschliche Beziehungen werden durch Gesetze, Verträge und unmenschliche Bindungen ersetzt, und Gerechtigkeit für die Armen besteht in Kriminalisierung und ständiger Gefangenschaft. Im Verlauf der Geschichte wird der Wunsch nach Rehabilitierung seitens des Obersten durch grausame Intrigen der Gräfin zerstört. Sie fühlt, daß der Oberst sie immer noch liebt, und lotst ihn in ihren Landsitz, umsorgt ihn dort liebevoll, erweicht sein Herz mit der Anwesenheit ihrer kleinen Kinder und versucht, eine Unterschrift unter Papiere zu erschleichen, in den der Oberst auf seinen Namen Chabert verzichtet. Am Ende revoltiert Chabert und rennt mit Verachtung fort, ohne die falschen Papiere unterzeichnet zu haben, aber auch ohne einen einzigen Pfennig seines Vermögens von seiner Frau zurückzuerhalten. Als Vagabund wird er in das ständige Gefängnis für Landstreicher Saint Denis eingeliefert, aber einige Zeit später trifft Derville Chabert noch einmal. Wie, sagt Derville überrascht, haben Sie nicht eine Rente für sich ausbedungen? Ich bin unversehens von einer Krankheit befallen worden, dem Ekel vor der Menschheit, antwortet Chabert. Wenn ich denke, daß Napoleon auf Sankt Helena ist, so ist mir alles hier gleichgültig. Zwanzig Jahre später, in der Nähe des schrecklichen Altersheims von Bicêtre, in dem geisteskranke, straffällig gewordene und verarmte alte Leute unter fürchterlichen Bedingungen des Hungers zusammengepfercht werden, trifft Derville ein letztes Mal den früheren Obersten Chabert, inzwischen ein gebrochener und geistig verwirrter alter Mann. 
(Die Zusammenfassung des Colonel Chabert, hier erheblich gekürzt, stammt von Christian Wirth, vollständig dort im Lexikon der fiktiven Namen unter Colonel Chabert
 
Eines Morgens waren mir aus irgendeinem Grund die fünfundfünfzig karmesinroten Bände in dem Bücherschrank in der Šporkova in den Sinn gekommen und ich habe mit der Lektüre der mir bis dahin unbekannten Romane Balzacs begonnen, und zwar mit der Geschichte des von Vĕra erwähnten Colonels Chabert, eines Mannes, dessen ruhmreiche Laufbahn im Dienst des Kaisers abbricht auf dem Schlachtfeld von Eylau, als er von einem Säbelhieb getroffen bewußtlos aus dem Sattel zu Boden sinkt. Jahre später, nach einer langen Irrfahrt durch Deutschland, kehrt der sozusagen von den Toten auferstanden Obrist nach Paris zurück, um sein Anrecht auf seine Güter, auf seine inzwischen wiederverheiratete Gemahlin, die Comtesse Ferraud und auf seinen eigenen Namen anzumelden. Gleich einem Gespenst steht er vor uns in dem Bureau des Advokaten Derville, ein alter Soldat, vollkommen ausgetrocknet und abgemagert, wie es an dieser Stelle heißt. Die Augen scheinen überzogen von einem halb blinden, perlmuttartigen Glanz und flackerten unstet wie Kerzenlichter, Sein messerscharf geschnittenes Gesicht ist bleich, um den Hals gebunden trägt er eine schäbige Krawatte aus schwarzer Seide. Je suis le Colonel Chabert, celui qui est mort à Eylau, mit diesen Worten stellt er sich vor und erzählt dann von dem Massengrab (einer fosse des morts, wie Balzac schreibt), in das man ihn am Tag nach der Schlacht zusammen mit den anderen Gefallenen geworfen hat und wo er schließlich wieder zu sich kommt, wie er berichtet, in einer äußersten Schmerzensempfindung. J’entendis, ou crus entendre des gémissements poussés par le monde des cadavres au milieu diquel je gisais. Et quoique le mémoire de ces moments spit bien ténébreuse, quoique mes souvenirs soient bien confus, malgré les impressions de souffrances encore plus profondes que je devais éprouver et qui ont brouillé mes idées, il y a des nuits où je crois entendre ces soupirs étouffées. Die Lektüre, so Austerlitz, bestärkte mich gerade in ihren kolportagenhaften Zügen in dem in mir von jeher sich rührenden Verdacht, daß die Grenze zwischen dem Tod und dem Leben durchlässiger ist, als wir gemeinhin glauben.
(Austerlitz’ Zusammenfassung des gleichen Buches)
Daß Sebald zu Balzac ein besonders enges Verhältnis hatte, ist schwer vorstellbar, er übergibt zu diesem Autor das Wort an Austerlitz, den wir ansonsten kaum mit schöner Literatur beschäftigt sehen. Es sind denn auch eher außerliterarische, nämlich sentimentale Gründe, die ihn zu Balzac und konkret zum Colonel Chabert greifen lassen: die Erinnerung an die fünfundfünfzig kleinen karmesinroten Bände der Comédie humaine im verglasten Bücherschrank von Vĕra Ryšanová. Die Comédie steht als mächtiges, unendlich verzweigtes Monument des neunzehnten Jahrhunderts vor unseren Augen, immer wieder stößt man auf Stellen von großer Kraft und Schönheit, insgesamt aber ist sie aufgrund dessen, was Austerlitz im Auftrage Sebalds einigermaßen nachsichtig ihre kolportagenhaften Züge nennt, für den modernen, hochempfindlichen gastrointestinalen Trakt nur mehr schwer verdaulich*. Es ist denn auch, als habe Austerlitz den Text hinter einem feinen Schleier gesehen, wodurch die Sätze verblaßten und das Gewicht der Themen und Handlungsstränge ihm vor den Augen zerging.

Während in Ch. Wirths Nacherzählung, mehr noch in der vollen Fassung, die Proportionen des Romans sehr gut erkennbar bleiben, kann davon bei Austerlitz’ Bericht nicht die Rede sein. Ein feiner Schleier kann, so ist bald klar, für die Veränderungen nicht hingereicht haben, kräftigeres Handwerkszeug war nötig. Im Bauwesen spricht man von Entkernung und meint damit die vollständige Zerstörung eines Gebäudes bei Verschonung der als erhaltenswert angesehenen Fassade. Hier haben wir es mit dem entgegengesetzten Vorgang zu tun, die gesamte Erzählfassade ist fort- und abgerissen, man könnte, wenn es den Gegenbegriff denn gäbe, von Kernung sprechen. Chaberts Frau tritt ohne viel Erklärung und mit großer Selbstverständlichkeit als Comtesse Ferraud in Erscheinung und wenig spricht dagegen, daß sie bald schon zu ihm zurückkehrt auf seine Güter, unter der ausdrücklichen Bedingung, daß sie dort die Mahlzeiten mit ihm gemeinsam, aber unter Wahrung absoluten Schweigens einnehme. Der Graf und Delbecq werden erst gar nicht erwähnt, Vergniaud ebensowenig. Es ist dabei keineswegs der Kern des Buches, der freigelegt zutage tritt, sondern ein abgelegner Nebenkern, auf den außer Austerlitz so schnell niemand gekommen wäre, Balzac am allerwenigsten: daß die Grenze zwischen dem Tod und dem Leben durchlässiger ist, als wir gemeinhin glauben. Andere Kerne wären denkbar gewesen. Wenn wir in Ch. Wirths Wiedergabe lesen: Ich bin unversehens von einer Krankheit befallen worden, dem Ekel vor der Menschheit, antwortet Chabert -, so hätte man das als den freizulegenden, Sebald nicht fernliegenden Kern erwarten können, mutmaßt doch etwa Mme. Landau, Bereyter hätte die ihm in tiefster Seele zuwideren Einwohner des elenden S. am liebsten zerstört und zermahlen gesehen. Bei Cosmo Solomon und auch bei Le Strange möchte man eine ähnliche Gemütslage vermuten, obwohl man keinen tatsächlichen Einblick in ihre Psyche hat. Keiner der drei, wenn er sich denn äußerte, würde aber wohl von Ekel vor der Menschheit sprechen, die Empfindungen sind zu unklar, und zudem liegt bei ihnen keine individuell zurechenbare Schuld eines ihnen nahestehenden Menschen als Auslöser der seelischen Niedergeschlagenheit vor, gemäß dem allgemeinen Befund, bei Sebald sei viel Klage und wenig Anklage zu finden.

Manch einer wird Austerlitz’ kleine Erzählung vom Colonel Chabert, die in ihrer Eleganz der Korsikaerzählung La cour de l’ancienne école nahekommt, Balzacs deutlich ausführlicherem Bericht vorziehen. Sebald hat wiederholt seine Nähe zur Prosa des neunzehnten Jahrhunderts erwähnt, dabei aber vor allem Autoren des heimatlichen Umfeldes wie Gottfried Keller gedacht und an Balzac vielleicht am allerwenigsten. Der Unterschied zwischen Balzacs originalem Roman und der gerafften Fassung des von Sebald beauftragten Austerlitz gibt ein ungefähres Maß der Distanz zwischen den beiden Autoren. Austerlitz’ Straffung des Originals unterliegt keiner erzählerischen Willkür. Offensichtlich ist der freigelegte Kern, die unscharfe Grenze zwischen Leben und Tod, in hohem Maße sebaldgemäß und mit den unzuträglichen kolportagenhaften Zügen muß auch der Stoff weichen aus dem sie sind, die Intrige im engeren und im weiteren Sinne, und mit der Intrige im engeren Sinn wiederum deren Antriebaggregate: Macht, Geld und sexuelles Begehren. Wenn all das entfällt, bleibt von Balzac wenig, gerade noch die von Austerlitz herausgefilterte Essenz. Bei Sebald hingegen ist damit erst der Boden für das Erzählwerk vorbereitet. In seinem gesamten Werk sind diese Dinge aus dem Fokus herausgenommen und an den Rand gedrängt, anders ließe sich sein erstes poetologische Anliegen nicht einlösen, allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zuzusprechen.

Daß er Intrigen im weiten Wortsinn (Handlung) und umsomehr im engen (Kabale) vermeidet ist eine von Sebald selbst immer wieder bestätigte Tatsache. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist Le Strange, der sich für ein Jahrzehnte dauerndes einförmiges und ereignisloses Leben einrichtet, sein bevorzugter Held. Wenn sich im Fall von Adela Fitzpatrick die Andeutung einer Intrige in Gestalt der Verehelichung mit einem Entomologen anbahnt, so nur um sie vom weiteren Verlauf des Buches auszuschließen.

Mit Intrige und Handlung entfallen, wie schon angedeutet, Macht, Geld und sexuelles Begehren als handlungstreibende Elemente. Die in Sebalds Büchern auftretenden Personen lassen sich in drei Gruppen ordnen, die einfachen Menschen, die flüchtigen Bekanntschaften, vor allem Mitreisende und Empfangsdamen, und die eigentlichen Sebaldmenschen, die Mitglieder der Compagnia. Weder in der jeweiligen Gruppe, noch gruppenübergreifend bestehen zwischen ihnen Machtverhältnisse, jedenfalls keine, die thematisiert und für den Leser erkennbar wären. Das Phänomen der Macht ist dabei keineswegs abwesend im Werk, ganz im Gegenteil, gleich die lange Eingangspassage von Austerlitz etwa ist ihren steingewordenen Monumenten, den Festungen und Justizpalästen gewidmet. Auch der bewaffnete Arm der Macht, die Gewalt, fehlt keineswegs, die Idee, in Sebald den Prime Speaker des Holocaust zu sehen, hätte sonst nicht aufkommen können. Der Völkermord im Kongo kommt gleich als nächstes in den Sinn, die Massaker in Jugoslawien, Sägen und Säbel, Äxte und Hämmer und eigens in Solingen zum Halsabschneiden gefertigte, an den Unterarm zu schnallende Ledermanschetten mit feststehenden Messern waren, nebst einer Art von primitiven Quergalgen, an welchem die zusammengetriebenen volksfremden Serben, Juden und Bosniaken reihenweise wie Krähen und Elstern aufgehängt wurden, waren die bevorzugten Hinrichtungsinstrumente. Ständig präsent ist die brutale Machtausübung des Menschen gegenüber der Natur. Macht und Gewalt werden aber nicht ausgeübt zwischen anwesenden Personen im Buch. Die zwei bedrohlichen Gestalten, die Selysses durch Oberitalien verfolgen, bleiben anonym, und die ausgeschämte Bedienerin, die ihm im Innsbrucker Bahnhof auf das bösartigste das Maul anhängt, wird nicht handgreiflich und hat auch keine Macht über ihn.
Das Geld ist, gemessen an seiner objektiven soziologischen Bedeutung, deutlich unterrepräsentiert. Wir kennen nicht die Zimmerpreise der Hotels, in denen Selysses übernachtet, nehmen an und sind einigermaßen sicher, daß er die Hotelrechnungen ordnungsgemäß begleicht, sehen aber kaum je die Quittung. Nur über den Zahlvorgang bei einem Restaurantbesuch in Verona werden wir genauer informiert: Ich lege 10 000 Lire auf den Teller, raffe die Zeitung zusammen, stürze auf die Straße hinaus. Wir erleben Geld und Reichtum als Objekt der Vernichtung (Cosmo Solomon), es bleibt ungenutzt (Le Strange) oder wird mißachtet (Aurach), alles Formen monetären Umgangs, die dem russischen Roman des neunzehnten Jahrhunderts weit näher stehen als dem französischen und zumal, um auf ihn zurückzukommen, den Romanen Balzacs.

Mit dem Dröhnen sexueller Betätigung bei Updike, Philip Roth und vielen anderen im Ohr, sind die feinen erotischen Melodien in Sebalds Werk kaum wahrzunehmen, am schönsten die der beiden naturgemäß scheiternden Heiratsversuche in den Schwindel.Gefühlen, zunächst der mit dem Lehrerfräulein Rauch und dann der mit der Wirtin Luciana Michelotti. Auch geladene Gäste haben sich dem Ton des Hauses anzupassen. Kafka, den wir aus seinen Tagebüchern als Bordellgänger kennen und der den Landvermesser und Frieda unter dem Schanktisch in einer Bierpfütze hat kopulieren lassen, tritt als Theoretiker der körperlosen Liebe auf; dem hochaktiven Stendhal verursacht die leichte Krümmung eines Ringfingers am Gipsabdruck der linken Hand Emotionen von einer Heftigkeit, wie er sie bislang noch nicht erfahren hatte, und die längste Zeit verbringt er in Begleitung der wunderschönen, von ihm aber nur erdachten Mme Gherardi; der, nach allem was man hört, hyperaktive Casanova schließlich ist zunächst in den Bleikammern des Dogenplastes an der Ausübung gehindert und dann, in Dux, bereits jenseits der Lust, das schüttere Haar schwebt als Zeichen gewissermaßen der Auflösung seiner Körperlichkeit wie ein kleines weißes Wölkchen über seinem Haupt.

Sebald hat im Zentrum seiner Prosa, dort wo sich bei Balzac die Intrigen verschlingen, einen weiten handelsfreien Platz angelegt, eine in Schönheit gestaltete Agora. Ohne die Schutzhülle der Betriebsamkeit aber sind die Bewohner den tödlichen Strahlen des Alls, dem Leid der Welt ausgeliefert und zu nicht geringem Teil den Untröstlichen zuzurechnen. Die Vier langen Erzählungen sind vier Erzählungen von Suizidanten. Der Leser seinerseits, sofern er über ausreichende Schutzbekleidung verfügt, genießt die Freiheit der Bewegung und die Klarheit der Luft, nicht immer ohne jedes Schuldgefühl angesichts seiner privilegierten Stellung.

*Witold Gombrowicz etwa bekennt in seinem Tagebuch, daß er Balzac, bei allem Respekt vor seiner Größe, nicht zu lesen vermag.

Dienstag, 6. März 2012

Lichtverhältnisse

Im Nocturama

and oh so bright

Antwerpen
Zu Beginn von Austerlitz betreten wir mir Selysses den Nocturamazoo in Antwerpen, sehen verschiedene Tiere, die ihr von einem fahlen Mond beschienenes Dämmerleben führen, und schauen schließlich des längeren auf den Waschbären, der am Bächlein sitzt und immer denselben Apfelschnitz wäscht, als hoffe er, durch dieses, weit über jede vernünftige Gründlichkeit hinausgehende Waschen entkommen zu können aus der falschen Welt, in die er gewissermaßen ohne sein eigenes Zutun geraten war. So unvergeßlich er uns bleiben wird, hat der Waschbär damit sein Leben im Roman auch schon beendet, während Lichtverhältnisse der einen oder anderen Art uns weiter begleiten werden. Grundsätzlich ist in der Prosa zu unterscheiden zwischen begrenzten, umrissenen und grenzenlosen, fortwährenden Realitäten. Selysses hätte die Käfigtür öffnen können und der Waschbär hätte ihm fortan folgen können wie der Hund Struppi seinem Herrchen Tim im Comic. Diese Wandlung von einer begrenzten in eine fortwährende Realität ist im Bildmedium sicher einfacher zu bewerkstelligen als mit Worten, wir denken aber an die Kröte, die ein Protagonist in den Büchern der Autorin Fred Vargas ständig in der Tasche trägt, um sie dann und wann zu ihrer Erholung, zum Erstaunen der Anwesenden und zur Erinnerung der Leser vor sich auf den Tisch in eine Brasserie oder auch in einer Amtsstube zu setzen. Um uns nicht weiter in Details wenig artgerechter Tierhaltung zu verlieren, zurren wir die Definition enger und beschränken die hier gemeinten fortwährenden Realitäten auf die unmittelbaren Reflexe von Zeit und Raum. Immer herrschen irgendwelche Lichtverhältnisse, immer ist irgendeine Jahreszeit, immer ist es warm oder aber kalt.

Der Roman wird in aller Regel den umrissenen Realitäten den Vorzug geben und kann von der ausdrücklichen Erwähnung der fortwährenden weitgehend absehen. Wenn sein Held ein Behördengebäude betritt, unterstellt der Leser, daß es Tag ist und eher hell. Sollte die Handlung allerdings in der Nähe oder gar jenseits des Polarkreises spielen, ist der Leser für seine Mitarbeit auf einen entsprechenden Hinweis angewiesen. Umgekehrt kann man sich einen weitgehend auf die Behandlung der fortwährenden Realitäten beschränkten Roman vielleicht wünschen aber doch nur schwer vorstellen. Der Grad der Erwähnung fortwährender Realitäten ist für ein Prosawerk ein wichtiges Stilmerkmal. Die Extremwerte an beiden Skalenenden werden nicht erreicht, bei Sebald ist der Grad der Berücksichtigung fortwährender Realitäten überdurchschnittlich hoch. Wenn sich das Dämmerlicht des Nocturamas sogleich in das metaphorische Dunkel wandelt, das Maler und Philosophen vermittels der reinen Anschauung und des reinen Denkens zu durchdringen versuchen, sind wir schon auf die hohe Bedeutung der Lichtverhältnisse im Buch eingestellt.
Der Text stellt das Nocturama und die Centraal Station von Antwerpen als ein Kontinuum dar. Versuche ich den Wartesaal mir vorzustellen, so sehe ich sogleich das Nocturama, und denke ich an das Nocturama, dann kommt mir der Wartesaal in den Sinn, eine Überblendung, die natürlich auch daher kommen konnte, daß die Sonne sich hinter den Dächern senkte, gerade als ich den Wartesaal betrat, den ein unterweltliches Dämmern erfüllte. Die mächtige Uhr hatte ein von Eisenbahnruß und Tabaksqualm eingeschwärztes Zifferblatt. Aus dem dusteren Himmel über dem Turm der Kathedrale ging gerade ein Schneeschauer nieder. Und weiter vom Bahnhof über die Behandlung dunkler Fragen des Festungsbaus bis nach Breendonk, das sich verdunkelt hatte in der Erinnerung, wohl auch weil es am Tag des Besuchs nur vom schwachen Schein weniger Lampen erhellt und für immer vom Licht der Natur getrennt war. Das Dunkel löste sich nicht auf, sondern verdichtete sich bei dem Gedanken, wie wenig wir festhalten können, was alles und wieviel in Vergessenheit gerät. - Antwerpen und Umgebung, ein Reich der Dunkelheit. In einem vor Zeiten vielleicht von Flußauen durchzogenen Tal loht der Widerschein der Hochöfen einer gigantischen Eisengießerei gegen den Himmel hinauf.

Bala
Ein Ort der Dunkelheit ganz anderer Art ist die kleine in Wales gelegene Stadt Bala und vornehmlich das Predigerhaus, in dem Austerlitz den zweiten Teil seiner Kindheit verbringt. In diesem unglücklichen Haus dämmerten die Zimmer in einem Halbdunkel dahin, das bald schon jedes Selbstgefühl auslöschte in mir. In der Finsternis senkten sich meine Lider. Wo eben nichts als eine bodenlose Düsternis gewesen war, leuchtete nun, umgeben von schwarzen Schatten, eine kleine Ortschaft herauf, und die Bergseiten traten hervor hell aus der Dunkelheit. Feuer- und Funkengaben stieben aus den Schmelzöfen eines Hüttenwerks bis hoch in den Himmel hinauf. In einer Tiefe aber von vielleicht hundert Fuß unter dem dunklen Wasser stehen die Kirche und drei Kapellen und drei Bierschenken. Gegen das allgegenwärtige Dunkel steht das Einweißen des Predigerhauses durch die hemmungslose Verwendung eines billigen Talkums, daß die Zimmer und Korridore mit einer weißen Schicht überzog, ähnlich einer Schneedecke. Nicht jede Erhellung aber führt zum Licht. Das verzweifelte Weißpudern kann aber nicht die noch verzweifeltere Frage unterbinden: What is it that so darkened our world. All die Tage war es nie richtig hell geworden.
Abermaw
Ganz anders sind die Lichtverhältnisse in Abermaw und dem ein wenig außerhalb dieses walisischen Seestädtchens gelegenen Landhaus der Fitzpatricks, Andromeda Cyfrinfa. Schon die Herfahrt führt vorbei an geweißelten Häusern mit glänzende Schieferdächer und an silbrig wogende Weiden. Am Ziel erstreckt sich bis an den hellen Horizont die Bucht von Abermaw und man weiß nicht, wo hinschauen vor Freude. Draußen schimmert das Meer, und über eine Felswand stürzt ein Bach zu Tal, dessen weißer Staub das Blätterdach der hohen Bäume durchweht. Weißgefiederte Kakadus umfliegen das Haus und rufen aus den Gebüschen heraus. In einem perlgrauen Dunst lösten sämtliche Formen und Farben sich auf; es gab keine Kontraste, keine Abstufungen mehr, nur noch fließende, vom Licht durchpulste Übergänge, ein einziges Verschwimmen, aus dem nur die allerflüchtigsten Erscheinungen noch auftauchten, und seltsamerweise ist es gerade die Flüchtigkeit dieser Erscheinungen gewesen, die so etwas wie ein Gefühl für die Ewigkeit gab. Aus der nebligen Tiefe des Gartens tritt uns Adela entgegen, in grünlichbraune Wollsachen gemummt, an deren hauchfein gekräuseltem Rand Millionen winziger Wassertropfen eine Art von silbrigen Glanz um sie bildeten.

Das Motiv des Paradieses, der hellen Ewigkeit, ist eins mit dem Motiv völliger Flüchtigkeit, des Schwebens auch. Die Abermawepisode schließt mit dem Tod der beiden Onkel. Evelyn hatte sich auf eine dunkle, ungute Weise um den schwarzen Kontinent und die vermeintlich im Unglauben schmachtenden schwarzen Seelen gesorgt, Alphonso hatte in seinem weißen Kittel und bedeckt mit einem hellen Strohhut die Umgebung in einer Weise aquarelliert, die die Farben verblassen und das Gewicht der Welt vor den Augen zergehen ließ. Das Doppelbegräbnis der beiden erinnert an eine flüchtige Aquarellskizze Turners, auf der wenige dunkle Figuren sich von der Lichtflut über dem Wasser absetzen. Durch das bewegte Gezweig eines Weißdorns dringen die letzten Strahlen der Sonne. Die schütteren Muster, die in ständiger Folge auf der lichten Fläche erschienen, hatten etwas Huschendes, Verwehtes. Gemeinsam blicken wir in die langsam verdämmernde Welt hinein.
London
Austerlitz denkt an die rußschwarze Glashallen der Bahnhöfe und das leise Davongleiten der hellerleuchteten, geheimnisvollen Pullmanzüge. Später nimmt er, um der Schlaflosigkeit zu entkommen, seine Nachtwanderungen auf durch die Stadt. Nur einzelne Nachtgespenster begegnen ihm auf diesen Wegen. Selbst an sonnigen Tagen dringt durch das gläserne Hallendach der Liverpool Street Station nur ein diffuses, vom Schein der Kugellampen kaum erhelltes Grau, und in dieser ewigen Düsternis bewegen sich ungezählte aus den Zügen entlassene oder auf sie zustrebende Menschen. Die hoch aufragenden gußeisernen Säulen sind eingeschwärzt von einer Schicht aus Koksstaub und Ruß. In einem wahren Lichtgewitter, das uns in Piranesis Kerker zu versetzen scheint, hat Austerlitz im Ladies Waiting Room des Bahnhofs sein Erweckungserlebnis: Eisgraues, mondscheinartiges Licht dringt durch einen unter der Deckenwölbung verlaufenden Gaden und hängt einem Netz oder einem schütteren, stellenweise zerfransten Gewebe über mir. Trotzdem diese Licht in der Höhe sehr hell war, eine Art Staubglitzern, hatte es den Anschein, als würde es von den Mauerflächen und den niedrigeren Regionen des Raumes aufgesogen, als vermehre es nur das Dunkel und verrinne in den schwarzen Striemen, ungefähr so wie Regenwasser auf den glatten Stämmen der Buchen oder an einer Fassade aus Gußbeton.

Prag in Böhmen
Das Lichtgewitter aus dem Ladies Waiting Room im Londoner Bahnhof überträgt sich bis nach Prag. Austerlitz, der mit dem Ziel anreist, sich Aufhellung über seine Herkunft zu verschaffen, lernt sogleich das grelle Licht fürchten, es könne zu viel des Schlimmen sein, das er sehen muß. Ich bin dort angekommen an einem viel zu hellen, gewissermaßen überbelichteten Tag, an dem die Menschen so krank und grau aussahen, als wären sie sämtlich chronische, nicht weit von ihren Ende entfernte Raucher. Im weiteren werden die Lichtverhältnisse auch in extreme Dunkelheit umschlagen, sich meistens aber in einem grauen Zwielicht bewegen, zu einer Gesundung des Lichts kommt es nicht. Ich schaute in das aus der Höhe herabsinkende Zwielicht. Angezogen vom Licht des Innenhofes bin ich achtlos vorübergegangen. Von den Faszikeln waren nicht wenige durch die Lichteinstrahlung gedunkelt und brüchig geworden. Der goldene Zierat der Ränge blinkte durch das Dämmer, das Proszenium war wie ein erloschenes Auge. Das schüttere Haar schwebte wie ein kleines weißes Wölkchen über seinem Haupt, die wäßrigen, schon halb blinden Augen waren nach der Helligkeit gerichtet. Das ganze von Teplice bis nach Most und Chomutov hinabreichende Gebiet lag in tiefer Finsternis, am Ende des Horizonts das Grenzgebirge als eine schwarze Wand. Wie Schiffe trieben in der Düsternis die Schemen der Kraftwerke, nur an der nachtfahlen Seite des Firmaments zeigten sich ein paar Sterne, rußig blakende Lichter. Die böhmischen Vulkane möchten ausbrechen und alles ringsum überziehen mit einem dunklen Staub. Bei der Abreise ist der Bahnhof von ein wahrhaft infernalisches Licht getaucht, das ausgeht von einer erhöhten Plattform, auf welcher gewiß an die hundert, in debilem Leerlauf vor sich hin dudelnde Spielautomaten standen.

Paris
In Paris müssen die Lichtverhältnisse unter den fortwährenden Wirklichkeiten den Primat an die Temperaturverhältnisse abtreten, bleiben in nachgeordneter Stellung aber wirksam. Es herrschten nach einer bereits mehr als zwei Monaten andauernden Trockenheit immer noch hochsommerliche Temperaturen. Die blaugraue Luft war unbeweglich, die hohen Steinfassaden zitterten wie Spiegelbilder in dem gleißenden Licht. Ich betrat das selbst mitten am Tag ziemlich dusteres Lokal. Jahre zuvor war der strahlend Himmel über Paris eisblau gewesen und in den Hohen Fensterscheiben spiegelte sich eine schneeweiße Wetterfahne. Jetzt aber hatte ich das Bedürfnis, mich niederzusetzen, bin dann aber doch weitergegangen gegen die blinkenden Strahlen der Sonne. In der Gare d’Austerlitz war die vollkommen leere Halle nur von einem spärlichen Licht erhellt. Gegen das Zwielicht hinauf blickte man gegen das kunstvolle Gitterwerk der Nordfassade, an der zwei winzige, wahrscheinlich mit Reparaturen beschäftigte Figuren sich an Seilen bewegten gleich schwarzen Spinnen in ihren Netz.


Maler und Philosophen, die vermittels der reinen Anschauung und des reinen Denkens versuchen, das Dunkel zu durchdringen - es ist nicht einfach, den Tonfall dieses Satzes, der das Motiv der Lichtverhältnisse in Austerlitz und darüber hinaus eigentlich das Buch insgesamt gewissermaßen philosophisch einleitet und unterlegt, zuverlässig einzuschätzen. Ist es ein philosophisch-künstlerisches Unterfangen, so ist zu fragen, das Selysses begeistert, oder eins, dem er eher skeptisch gegenübersteht. Von einem steten Aufstieg aus dem Dunkel ins Licht, de découverte en découverte, toujours plus haut, vers la lumière, kann jedenfalls nicht die Rede sein. Mit weißem Talkum verdeckt der Tod in Bala sein Gesicht, in Prag ist das Licht krankhaft hell und infernalisch, das wahre, beglückende Licht in Andromeda Lodge ist ephemer. Gegen Ende des ersten Buchdrittels ist doppelseitig eine Photographie abgedruckt, auf der nichts als zwei Billardkugeln zu sehen sind, eine schwarze und eine weiße. Später sieht Austerlitz über einen Brückenrand zwei schneeweiße Schwäne auf schwarzem Wasser. Austerlitz hinterläßt Selysses eine große Anzahl schwarzweißer Bilder, die als einziges übrigbleiben würden von seinem Leben. Offenbar kehrt das Buch wiederholt zu einem Ausgangspunkt sauberer Trennung von Schwarz und Weiß zurück. In einem anderen Buch Sebalds heißt es: Und die Malerei, was überhaupt ist sie, wenn nicht eine Art Prosekturgeschäft angesichts des schwarzen Todes und der weißen Ewigkeit? Verschiedentlich kehrt er wieder, dieser extreme Kontrast, beispielsweise in dem schachbrettartigen Bodenmuster des belgischen Billardbildes aus Tongeren, das nicht von ungefähr den Gedanken nahelegt, daß der Maler in dem Rahmen, den er sich jeweils vorgibt, auf ein risikoreiches Spiel sich einläßt, in dem mit einer falschen Bewegung alles vertan ist. Ist es ein risikoreiches Spiel nur in der Malerei, so könnte man fragen, oder ist es das immer tödliche Spiel unseres Lebens zwischen Hell und Dunkel. Sowohl Austerlitz als auch Selysses werden zeitweise von einer endogene Eintrübung und Verdunkelung der Augen befallen, in der die vertrauten Figuren und Landschaften sich unterschiedslos auflösen in eine bedrohliche schwarze Schraffur. Bereits Bereyter hatte an einem ähnlichen Sehfehler gelitten und sich von dem mausgrauen Prospekt, welcher nun vor ihm sich erstreckte, ein gewisses Gefühl des Komforts versprochen. In der Zirkusvorstellung gegen Ende des Austerlitzbuches tritt eine mit seherischem Wissen ausgestattete schneeweiße Gans auf, ganz gegen Ende ist es dann aber eine graue Gans, die auf dem dunklen Wasser rudert. Die Skepsis des Dichters gilt nicht nur der Aufklärung im neuzeitlichen Sinn, sondern bereits sowohl der allerersten göttlichen Einschätzung: vidit Deus lucem quod esset bona - als auch der allerersten göttliche Entscheidung: divisit lucem ac tenebras. Die Ursünde wurde womöglich schon am Ersten Tag begangen, bevor noch der Mensch sündig werden konnte, als Sünde der ersten Unterscheidung, der ersten Weltverletzung.

Bei diesen Überlegungen geht es nicht darum, einen vermeintlich tieferen Sinn freizulegen, sondern dem Sinn zu lauschen, den eine einzelne Stimme eines vielstimmigen Werkes für sich genommen entwickeln kann. Losgelöst von den anderen Stimmen können sich rätselhafte, zuvor nie gehörte Klänge ergeben. 

Donnerstag, 1. März 2012

Ferrovia

Gleisgelände

Wir haben die Eisenbahn bereits kennengelernt als das bevorzugte Verkehrsmittel des ständig beförderungsbedürftigen Selysses und als Ort zahlreicher Reisebekanntschaften, die die Merkmale von Flüchtigkeit und Unvergeßlichkeit vereinen. Unter den Bauwerken haben die Bahnhöfe den tiefsten Eindruck hinterlassen. Kaum ein Motiv ist bei Sebald in seinen Realitätsansichten und auch in seiner Symbolik vielfältiger als das der Eisenbahn, und wenn es in den Fokus gerückt wird, so nicht in der Hoffnung, es erschöpfend zu behandeln. Es geht nur um eine ordnende Übersicht. Zwei der Prosabücher, das erste, die Schwindel.Gefühle, und das letzte, Austerlitz, sind, wenn man so sagen kann, besonders eisenbahnträchtig. Dabei sind die Schwindel.Gefühle eher das Buch des Fahrens auf den Gleisstrecken, Austerlitz das Buch der Haupt- und Nebenbahnhöfe mit ihren Gleisanlagen.

In den Schwindel.Gefühlen haben wir es mit drei Reisenden in der Alpengegend zu tun, Stendhal, Kafka und Selysses. Erste Gleisanlagen werden noch zu Stendhals Lebzeiten erbaut, für ihn hat das aber keine große Bedeutung mehr gehabt. Kafkas Tagebücher sind voller Bahnhöfe, Zugfahrten und Mitreisender, in den Schwindel.Gefühlen findet man davon aber wenig. Unterwegs auf den Gleisen sind wir so gut wie nur mit Selysses. Zweimal fahren wir mit ihm im Zug von Wien nach Venedig, die Anfahrt nach Wien macht er jeweils ohne uns. Beim ersten Mal scharfe Rasur beim Bahnhofsbarbier, dann schon alsbald Aufbruch von Venedig nach Verona, im Stehbuffet der Ferrovia von Venedig Kampf um einen Capuccino. Panische Flucht aus Verona und Heimreise, in Rovereto steigt eine alte Tirolerin ein mit einer aus Lederflecken zusammengenähten Einkaufstasche, in Begleitung ihres vielleicht vierzigjährigen Sohnes. Beim zweiten Mal, sieben Jahre später, Weiterfahrt von Venedig nach Desenzano, das Bahnhofsgebäude macht seiner Verlassenheit zum Trotz einen ausgesprochen zweckmäßigen Eindruck. Im Pissoir, neben dem Spiegel, ein Graffito: Il cacciatore, Beleg, daß Kafka, viele Jahre zuvor von Verona herüberkommend, ebenfalls hier ausgestiegen war. Später dann von Riva nach Mailand, im Abteil gegenüber saßen eine Franziskanerin von vielleicht dreißig oder fünfunddreißig Jahren und ein junges Mädchen mit einer aus vielen farbigen Flecken geschneiderten Jacke um die Schultern. Von Mailand dann nach Verona. Von Verona in die Gegend des Großvenedigers wohl eher mit dem Bus, wir erfahren es nicht. Von dort mit dem Nachtexpreß über den Brenner nach Innsbruck, im Bahnhof Sandler und die ausgeschämte Bedienerin in den Tiroler Stuben. Von W. aus, das mit dem Bus erreicht wurde, Rückreise auf der Rheinstrecke. Die letzte der neuzugestiegenen Fahr­gäste war eine junge Frau mit einem braunen Samtbarett und lockigem Haar, in der ich auf den ersten Blick und ohne den allergeringsten Zweifel, Elizabeth, die Tochter James I, erkannte, die als die Winterkönigin bekannt geworden ist. In Bonn, wo sie ausgestiegen ist, suchen die Passanten noch heute in den Straßen nach ihr. In London schließlich bewegte sich der Zug langsam aus dem Bahnhof Liverpool Street hinaus, vorbei an den rußigen Ziegelmauern die mir wegen der in sie eingelassenen Nischen immer wie Teile eines weitläufigen und hier an die Oberfläche tretenden Katakombensystems vorgekommen sind. Aus den Fugen und Ritzen des im letzten Jahrhunderts fertiggestellten Mauerwerks sind im Verlauf der Zeit zahlreiche Schmetterlingssträucher gewachsen, die ja bekanntlich mit den ärmlichsten Bedingungen vorliebnehmen. Im Traum dann Einfahrt in den großen Brand und den Untergang der Welt.

In den Ausgewanderten klingt das Gleismotiv verschiedentlich an, entscheidend und in einer von den Schwindel.Gefühlen grundlegend unterschiedenen Weise aber in der Erzählung Paul Bereyter, in der der Titelheld sich eine kleine Strecke außerhalb des Ortes, dort, wo die Bahnlinie in einem Bogen aus dem kleinen Weidengehölz herausführt und das offene Feld gewinnt, vor den Zug legt. Schon in jungen Jahren hatte ein Onkel ihm prophezeit, er werde einmal bei der Eisenbahn enden und hatte das natürlich in einem harmlosen, bürgerlichen Sinn gemeint. Die Eisenbahn hatte für Bereyter aber immer eine tiefere Bedeutung gehabt. Wahrscheinlich schien es ihm immer, als führe sie in den Tod. Fahrpläne, Kursbücher, die Logistik des ganzen Eisenbahnwesens, das alles war für ihn zeitweise zu einer Obsession geworden - eine Obsession, die auch Selysses nicht gänzlich fremd ist: Auf Reisen finde ich an nichts Gefallen, bin von allen Sehenswürdigkeiten maßlos enttäuscht und wäre, wie ich oft meine, viel besser bei meinen Landkarten und Fahrplänen zu Hause geblieben. Am Ende der Schwindel.Gefühle ist auch er, wir hatten es gerade gesehen, mit der Eisenbahn in den Tod gefahren, dem allerdings die letzte Wirklichkeit in diesem Augenblick noch abging.

In den Ringen des Saturn wird die Wanderschaft, die überwiegend nur in dunkle und öde Gebiete führt, mit einer Fahrt auf der Eisenbahn eingeleitet. Mit einem alten, bis an die Fensterscheiben hinauf mit Ruß und Öl verschmierten Dieseltriebwagen bin ich an die Küste hinuntergefahren. Meine wenigen Mitreisenden saßen im Halbdunkel auf den abgewetzten lilafarbenen Sitzpolstern, alle in Fahrtrichtung, möglichst weit voneinander entfernt und so stumm, als hätten sie noch niemals in ihrem Leben ein Wort über die Lippen gebracht. Die meiste Zeit rollte der unsicher auf den Schienen schwankende Wagen im Leerlauf dahin, denn es geht dem Meer zu fast immer leicht bergab. Nur zwischendurch, wenn mit einem das ganze Gehäuse erschütternden Schlag das Triebwerk in Gang gesetzt wurde, war eine Weile das Mahlen der Zahnräder zu hören, ehe wir unter gleichmäßigem Pochen weiterrollten wie zuvor, an Hinterhöfen und Schrebergartenkolonien und Schutthalden und Lagerplätzen vorbei in das der östlichen Vorstadt sich ausdehnende Marschland hinaus. Kaum daß er ausgestiegen ist aus dem zweifelhaften Gefährt, kann er sich an einem durch die Felder dampfenden Miniaturbähnchen erfreuen, bei dem die darin hockenden Menschen an verkleidete Hunde oder Seehunde im Zirkus erinnerten. Vielleicht ist der Anblick gar nicht so erfreulich, wie es auf den ersten Blick scheinen mochte, und eine ganz und gar ungute Stimmung kommt auf, als die Güterwagen der Eisenbahn den ruhelosen Wanderer des Meeres - gemeint ist der Hering (Clupea harengus) - aufnehmen, um ihn an die Stätten zu bringen, wo sich sein Schicksal auf dieser Erde endgültig erfüllen wird. Am Kongofluß lassen zwischen 1890 und 1900 jedes Jahr schätzungsweise fünfhunderttausend namenlose, in keinem Jahresbericht verzeichnete eingeborene Opfer ihr Leben, während im selben Zeitraum die Aktien der Compagnie du Chemin de Fer du Congo von 320 auf 2850 belgische Franken steigen. Eine seinerzeit zwischen Halesworth und Southwold verkehrende Schmalspurbahn, deren Waggons, wie von verschiedenen Lokalhistorikern behauptet wird, ursprünglich bestimmt waren für den Kaiser von China, trägt Selysses ohne Verzug ins Reich der Mitte, wo kaum Geschehnisse auf ihn warten, die jenen im Kongo an Grauenhaftigkeit kaum nachstehen.

Literarische Werke sind mit keiner Lektüre in ihrer Vollständigkeit zu erfassen, das gilt für Sebalds Bücher in besonderem Maße, bei jeder neuen Lektüre läßt sich ein neuer Leseweg einschlagen. Den geringsten Gewinn von Austerlitz hat man nicht, wenn man ihn als das Buch der Bahnhöfe liest. Vier große Hauptbahnhöfe bestimmen das Buch, Antwerpen, der Liverpoolbahnhof in London, der Wilsonbahnhof in Prag und die Gare d’Austerlitz in Paris. Sie stehen im Bezirk des Textes ähnlich beherrschend da wie die vier Türme der Pariser Nationalbibliothek und man mag sich frage, ob es anstelle von La tour des lois, La tour des temps, La tour des nombres, La tour des lettres auch La gare des lois, La gare des temps, La gare des nombres und La gare des lettres heißen könne. Wahrscheinlich wäre weder ein Zugewinn noch ein Verlust an Sinn zu verzeichnen, der auch so schon unklar ist. Bei näherem Hinsehen aber sind es weniger Türme, die sich dort über den Texte erheben als riesige Gleisanlagen, die sich weit in ihn hinein verzweigen. Eine Verbindung scheint allerdings nicht zu bestehen zwischen diesen Bahnhöfen, nie sitzen wir in einem Zug, der uns von dem einen zu einem anderen fährt, so wie wir in den Zügen nach Venedig, Mailand oder auch Bonn gesessen haben. In Prag scheint es denn auch so, in einer von Kafka entworfenen Vision, als ob der Zug, nachdem er unendlich langsam angerückt war, nicht eigentlich weggefahren, sondern bloß, in einer Art Täuschungsmanöver, ein Stück aus der überglasten Halle herausgerollt und dort, noch nicht einmal in halber Ferne, versunken sei.
Der Bahnhof von Antwerpen wird vom Nocturama aus in der entsprechend abgedunkelten Stimmung betreten. Hier triff Selysses auf Austerlitz, der ihn gleich in ein Gespräch über die Architektur und Baugeschichte des Bahnhofs zieht, das dann übergleitet in die Geschichte des Festungsbaus und schließlich die Katakomben und Folterkammern der nahe Antwerpen gelegenen Festung Breendonk erreicht.

Der Londoner Liverpoolbahnhof wird in nächtlichen Wanderungen durch London und über das auf verschütteten und überbauten Totenfelder errichtete Gleisgelände erreicht. Er wird zum Ort der Offenbarung, der Erleuchtung und Illumination der verlorenen Vergangenheit.

Der Wilsonbahnhof in Prag ist der Ort, an dem alles begann und wiederbeginnt. Von hier aus ist der kleine Jacques abgefahren, mit einer Wiederholung dieser Fahrt beginnt er die Recherche de sa vie volée.

Vom Südostturm der Bibliothek aus - welchen Namen trägt er? Des temps würde wohl am passendsten sein - schauen wir mit Selysses auf den der rätselhaftesten aller Pariser Bahnhöfe, die Gare d’Austerlitz. Auf dem Ödland zwischen dem Rangiergelände war bis Kriegsende ein großes Sammellager. Über siebenhundert Eisenbahnzüge sind von dem Bahnhof abgegangen in die zerstörten Städte des Reichs mit dem aus den Wohnungen der Pariser Juden geholten Beutegut. Vom Bahnhof, der seinen Namen trägt, wird Austerlitz die Suche nach seiner verlorenen Vergangenheit fortsetzten wird. Hier nehmen wir endgültig Abschied von ihm. Selysses wird auf der Rückreise noch einmal am Antwerpener Bahnhof für eine Zwischenaufenthalt aussteigen.
Neben den vier Großstadtbahnhöfen gibt es einige kleinere Vorort- und Kleinstadtbahnhöfe. Zwei vor allem sind zu nennen, ein dunkler und ein heller. Die Bahnhöfe treten zurück hinter den von ihnen ausgehenden Fahrten. Ich bin auf dem Perron des trostlosen Bahnhofs Holešovice gestanden, die Geleise verliefen zu den beiden Seiten ins Unendliche. Im Zug dann habe ich an einem Gangfenster gelehnt und hinausgeschaut auf die draußen vorbeiziehenden Vororte, auf die Moldauauen und die Villen und Gartenhäuser am anderen Ufer. Als ich in Lovosice ausgestiegen bin, war der Platz vor dem Bahnhof verlassen.

Andererseits: Schon zu Beginn des Sommers, wenn wir mit der kleinen Dampfbahn auf dem Rheilffordd von Wrecsam westlich durch das Tal des Afon Dyfrdwy, merkte ich, wie mir das Herz aufzugehen begann. Schleife um Schleife folgte unser Zug den Windungen des Flußlaufs, durch das offene Waggonfenster schauten die grünen Wiesen herein, die steingrauen und die geweißelten Häuser, die glänzenden Schieferdächer, die silbrig wogenden Weiden, die dunkleren Erlengehölze, die dahinter aufsteigenden Schafweiden und die höheren, manchmal ganz blauen Berge und der Himmel darüber mit den immer von Westen nach Osten ziehenden Wolken. Dampffetzen flogen draußen vorbei, man hörte die Lokomotive pfeifen und spürte den Fahrtwind kühl an der Stirn. Zuletzt, als wir über die fast eine Meile lange, auf mächtigen Eichenpfosten ruhende Brücke auf die andere Seite hinüberrollten, zur Linken bis an den hellen Horizont die Bucht von Abermaw, wußte ich vor Freude kaum, wo ich hinsehen sollte.

Sebalds Prosa ist realistisch, streckt sich aber ständig, mit und ohne Zutun des Autors, mühelos, fast ist man versucht zu sagen hilflos, in den symbolischen Raum. Dem Leser bleibt es weitgehend überlassen, wo er die Grenze ziehen und auf welcher Seite er sich aufhalten will. Ganz so frei ist er, der Leser, dann aber wiederum auch nicht, denn er folgt dem deutenden Erleben des Selysses, der ihm immer nur einen Schritt voraus ist. Gern läßt er sich überreden, den Kaffeeausschank im Stehbuffet der Ferrovia als übermütig ausgestaltete Allegorie des Jüngsten Gerichts zu erleben. Gern fährt er mit der Franziskanerin und dem jungen Mädchen nach Mailand und liest im Beredten Italiener von einer Welt, in der alles auf das schönste geordnet ist. Gern auch läßt er sich mit der Eisenbahn durch Wales in das Paradies fahren, wo er vor Freude kaum weiß, wo er hinsehen soll. Zunehmend aber spürt er einen dunklen Sog, wie Bereyter ihn wohl gespürt hat. Er schaut herab von der Tour des temps und sieht die siebenhundert Eisenbahnzüge mit dem Beutegut aus den geplünderten Wohnungen der Juden, sieht die Güterwagen der Eisenbahn, die den ruhelosen Wanderer des, um ihn an die Stätten zu bringen, wo sich sein Schicksal auf dieser Erde endgültig erfüllen wird, sieht Bergen Belsen und will verstummen wie Wyndham Le Strange. Er sieht die Leichenberge am Kongo und den turmhohen Aktienkurs der Compagnie du Chemin de Fer du Congo. In einem belgischen Restaurant sieht er eine alte Frau ihr Selchfleisch verzehren und fragt sich, ob ihr Geburtsjahr das der Fertigstellung der Kongobahn ist. Die Eisenbahn ist ihm zum exemplarischen Vehikel unseres widersprüchliche Welterlebens geworden.