Mittwoch, 19. Januar 2011

Gregor

Aus dem Schattenreich
Kommentar

So stand ich dann an die Glasscheibe gelehnt und mußte unwillkürlich an die Szene denken, in der der arme Gregor, mit zitternden Beinchen an die Sessellehne sich klammernd, aus seinem Kabinett hinausblickt in undeutlicher Erinnerung, wie es heißt, an das Befreiende, das früher einmal für ihn darin gelegen war, aus dem Fenster zu schauen. Und genau wie Gregor mit seinen trübe gewordenen Augen die stille Charlottenstraße, in der er mit den Seinen seit Jahren wohnte, nicht mehr erkannte und sie für eine graue Einöde hielt, so schien auch mir die vertraute Stadt, die sich von den Vorhöfen bis weit gegen den Horizont erstreckte, vollkommen fremd. Ich konnte mir nicht denken, daß in dem ineinanderverschobenen Gemäuer dort unten noch irgend etwas sich regte, sondern glaubte, von einer Klippe aus hinabzublicken auf ein steinernes Meer oder ein Schotterfeld, aus dem wie riesige Findlingsblöcke die finsteren Massen der Parkhäuser hervorragten. Passanten waren zu dieser fahlen Abendstunde im näheren Umkreis keine zu sehen. Ich war in der Höhe, in der ich mich befand, von einer beinahe völligen, sozusagen künstlichen Lautlosigkeit. Nur die Luftströmung, die über das Land hinwegstrich, hörte man auflaufen draußen am Fenster und manchmal, wenn auch dieses Geräusch sich legte, das nie ganz nachlassende Geräusch in den eigenen Ohren. Bei einem gewissen Stande der Selbsterkenntnis und bei sonstigen für die Beobachtung günstigen Begleitumständen wird es regelmäßig geschehn müssen, daß man sich abscheulich findet. Jeder Maßstab des Guten – mögen die Meinungen darüber noch so verschieden sein – wird zu groß erscheinen. Man wird einsehn, daß man nichts anderes ist als ein Rattenloch elender Hintergedanken. Nicht die geringste Handlung wird von diesen Hintergedanken frei sein. Diese Hintergedanken werden so schmutzig sein, daß man sie im Zustand der Selbstbeobachtung nicht einmal wird durchdenken wollen, sondern sich von der Ferne mit ihrem Anblick begnügen wird. Es wird sich bei diesen Hintergedanken nicht etwa bloß um Eigennützigkeit handeln, Eigennützigkeit wird ihnen gegenüber als ein Ideal des Guten und Schönen erscheinen. Der Schmutz, den man finden wird, wird um seiner selbst willen dasein, man wird erkennen, daß man triefend von dieser Belastung auf die Welt gekommen ist und durch sie unkenntlich oder allzu gut erkennbar wieder abgehn wird. Dieser Schmutz wird der unterste Boden sein, den man finden wird, der unterste Boden wird nicht etwa Lava enthalten, sondern Schmutz. Er wird das Unterste und das Oberste sein, und selbst die Zweifel der Selbstbeobachtung werden bald so schwach und selbstgefällig werden wie das Schaukeln eines Schweines in der Jauche.

Kommentar Gregor

Wenn die Schwindel.Gefühle ganz von Kafka und seinen Jägern durchsetzt sind, und Austerlitz sich ganz aus der zentralen, von Kafka entworfenen Szene der Abfahrt des kleinen Jacques Austerlitz vom Prager Bahnhof entwickelt, so nimmt Selysses in den Ringen des Saturn gleich zu Beginn die Gestalt Kafkas an in der verwandelten Form des Käfers Gregor. In ihrer Dreifaltigkeit stehen sie am Fenster, und unter dem Blick der Verwandelten verwandelt sich auch das vertraute Stadtpanorama in graue Einöde und ein steinernes Meer oder ein Schotterfeld mit riesigen Findlingsblöcken. Die Verwandlung ist aber keine der äußeren Welt, sondern, wie wir alle wissen, eine des Inneren. Zugleich mit dem Geräusch der Luftströmung, das zum nie ganz nachlassende Geräusch in den eigenen Ohren wird, kehrt sich der Blick um zur Selbstbeobachtung, die Kafka in einigermaßen drastischer Form unternimmt. Man wird einsehen, daß man nichts anderes ist als ein Rattenloch elender Hintergedanken, man wird wie ein Schwein in der Jauche schaukeln. Käfer, Ratte, Schwein, ein ganzes Bestiarium

Kafka TB 1915

Gregor

Bahnhofsleben

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Sobald es draußen heller zu werden begann, habe ich meine Sachen zusammengepackt, habe das Hotel verlassen und bin über die von Frühnebeln umwehte Brücke, quer durch die Gassen der Altsstadt und über den noch unbelebten Wenzelsplatz gegangen bis hinauf zu dem Hauptbahnhof, der, wie sich zeigte, in keiner Weise der Vorstellung entsprach, die ich mir von ihm gemacht hatte. Die niedrige Halle im Souterrain, in der ich nun stand, war übervölkert von Heerscharen von Reisenden, die hier vereinzelt oder in Gruppen und Familienverbänden zwischen ihren Gepäckstücken standen. Erst langsam gewannen einzelne von ihnen Deutlichkeit vor meinen Augen. Da ist der Husar in der verschnürten Pelzjacke tanzt und setzt die Füße wie ein zur Schau gestelltes Pferd. Er nimmt Abschied von einer Dame, die wegfährt. Unterhält sie leicht und ununterbrochen, wenn nicht durch Worte, so durch Tanzbewegungen und Hantieren mit dem Säbelgriff. Führt sie ein- oder zweimal, aus vorsorglicher Befürchtung, der Zug könnte schon wegfahren, die Treppe zum Waggon hinauf, die Hand fast unter ihrer Achsel. Er ist mittelgroß, starke große gesunde Zähne, der Schnitt und die Taillenbetonung der Pelzjacke gibt seiner Erscheinung etwas Weibisches. Er lächelt viel nach allen Seiten, ein förmlich unbewußtes sinnloses Lächeln, bloßer Beweis der selbstverständlichen, fast von der Offiziersehre geforderten vollständigen und immerwährenden Harmonie seines Wesens. Nun schaue ich auf das alte Ehepaar, das unter Tränen Abschied nimmt. Sinnlos wiederholte unzählige Küsse, so wie man in der Verzweiflung, ohne davon zu wissen, die Zigarette immer wieder vornimmt. Familienmäßiges Verhalten ohne Rücksicht auf die Umgebung. So geht es in allen Schlafzimmern zu. Ihre Gesichtszüge können überhaupt nicht gemerkt werden, eine alte unscheinbare Frau, sieht man ihr Gesicht genauer an, versucht man, es genauer anzusehn, löst es sich förmlich auf und nur eine schwache Erinnerung an irgendeine kleine, gleichfalls unscheinbare Häßlichkeit, etwa die rote Nase oder einige Pockennarben, bleibt zurück. Er hat einen grauen Schnauzbart, große Nase und wirklich Pockennarben. Radmantel und Stock. Beherrscht sich gut, trotzdem er sehr ergriffen ist. Greift in wehmütigem Schmerz der alten Frau ans Kinn. Was für eine Zauberei darin liegt, wenn einer alten Frau unter das Kinn gegriffen wird. Schließlich sehen sie einander weinend ins Gesicht. Sie meinen es nicht so, aber man könnte es so deuten: Sogar dieses elende kleine Glück, wie es die Verbindung von zwei alten Leuten ist, wird durch den Krieg gestört. Alle überragt ein riesiger deutscher Offizier. Er marschiert, mit verschiedenen kleinen Ausrüstungsstücken behängt, zuerst durch den Bahnhof, dann durch den Zug, den er bestiegen hat. Vor Strammheit und Größe ist er steif; daß er sich bewegt, ist fast erstaunlich; vor der Festigkeit der Taille, der Breite des Rückens, dem schlanken Bau des Ganzen reißt man die Augen auf, um alles in einem fassen zu können. Ich folgte ihm, und als ich wenig später, unmittelbar vor Abfahrt des Zuges um sieben Uhr dreizehn aus dem Gangfenster meines Waggons blickte, sah ich im Halblicht auf das aus Dreiecken, Kreisbögen, waag- und senkrechten Linien und Diagonalen sich zusammenfügende Muster der Glas- und Stahlüberdachung der Bahnsteige und sah, wie der Zug unendlich langsam aus dem Bahnhof hinausrollte, durch einen Korridor zwischen den Rückseiten mehrstöckigen Wohnhäusern in den schwarzen, die Neustadt überquerenden Tunnel hinein und dann mit gleichmäßigem Klopfen über den Fluß. Im Coupé sitzen zwei ungarische Jüdinnen, Mutter und Tochter. Beide ähnlich und doch die Mutter in anständiger Verfassung, die Tochter ein elendes, aber selbstbewußtes Überbleibsel. Mutter – großes, gut ausgearbeitetes Gesicht, wolliger Bart am Kinn. Die Tochter kleiner, spitziges Gesicht, unreine Haut, blaues Kleid, über dem kläglichen Busen weißer Bluseneinsatz. Ein Abteil weiter eine Rote-Kreuz-Schwester. Sehr sicher und entschlossen. Reist, als wäre sie eine ganze Familie, die sich selbst genügt. Wie der Vater raucht sie Zigaretten und geht im Gang auf und ab, wie ein Junge springt sie auf die Bank, um etwas aus ihrem Rucksack zu holen, wie eine Mutter schneidet sie vorsichtig das Fleisch, das Brot, die Orange, wie ein kokettes Mädchen, das sie wirklich ist, zeigt sie auf der gegenüberliegenden Bank ihre schönen kleinen Füße, die gelben Stiefel und die gelben Strümpfe an den festen Beinen. Sie hätte nichts dagegen, angesprochen zu werden, beginnt sogar selbst zu fragen, nach den Bergen, die man in der Ferne sieht, gibt mir ihren Führer, damit ich die Berge auf der Karte suche. Lustlos liege ich in meiner Ecke, ein Widerwille, sie so auszufragen, wie sie es erwartet, türmt sich in mir auf, trotzdem sie mir gut gefällt. Starkes braunes Gesicht von unbestimmtem Alter, grobe Haut, gewölbte Unterlippe, Reisekleidung, darunter der Pflegerinnenanzug, weicher Kappenhut, nach Belieben über das fest gedrehte Haar gerückt. Da sie nicht gefragt wird, beginnt sie brockenweise vor sich hinzuerzählen.

Kommentar Bahnhofsleben

Auf Bahnhöfen bewegt Sebald sich so umsichtig und tiefblickend wie kaum jemand sonst. Der Prager Wilsonbahnhof ist hier aus dem mehrstufigen Erinnerungsgefüge des Austerlitzromans herausgelöst und in einheitliche Zeitebene verlegt. Menschenmassen, wie die Wartenden in einem Bahnhof, werden von Sebald so gut wie immer nach Art der Impressionisten, ohne Auflösung in Einzelpersonen wahrgenommen, erst nach übersichtlicher Verteilung der Menge in Waggons und Abteile gewinnen dann auch bei ihm einzelne Mitreisende um so unvergeßlicher Gestalt. Kafka ist als der Vater von Elf Söhnen sozusagen von Haus aus an die Menge gewohnt, er muß sich mit der Menge zurechtfinden, die Söhne unterscheiden, darf sie nicht verwechseln, und wir alle wissen, wie fein und genau, wie meisterlich er sie unterscheidet. Die Bahnsteigen mit ihren Menschenmengen sind ihm ein willkommener Übungsort für seine Wahrnehmungs- und Differenzierungskunst, die sich bei diesee Gelegenheit naturgemäß an den Augenschein halten muß. Da ist der Husar, obwohl bei Eröffnung des Wilsonbahnhofs die gute Zeit für Husaren bereits vorbei war, da ist das alte Ehepaar, anrührend und doch fragwürdig in seiner Aufführung, der deutsche Offizier, leider genau so, wie man es befürchten mußte, die Jüdin mit ihrer Tochter, einem elenden, aber selbstbewußten Überbleibsel, sie wird man nicht vergessen, die Rotkreuzschwester, eine selbstbewußte Botin der neuen Zeit. In der atmosphärischen Gestaltung des Bahnhofes und des abfahrenden Zuges steht Sebald Monet nicht nach.
Kafka TB 1915

Bahnhofsleben

Dienstag, 18. Januar 2011

Rechtsberatung

Aus dem Schattenreich
Kommentar

In der Bar des Crown Hotels war Selysses mit einem Holländer namens Cornelis de Jong ins Gespräch gekommen, der sich mit der Absicht trug, eine der riesigen, oft mehr als tausend Hektar umfassenden Liegenschaften zu erwerben, die hier nicht selten von den Immobilienagenturen ausgeschrieben wurden. Die von ihm geplante Verlagerung seiner Interessen, sagte de Jong, habe in erster Linie wirtschaftliche Gründe. Zusammenhängende Güter von dieser Größe gelangten bei ihm zu Hause überhaupt nie auf den Markt, und Herrenhäuser, wie man sie hier bei der Übernahme solcher Domänen praktisch umsonst mitgeliefert bekomme, seien in Holland auch nicht zu finden. Die rechtlichen Schwierigkeiten eines solchen Ankaufs seien allerdings, so Cornelis de Jong, erheblich, die juristischen Fallstricke tückisch, man läßt sich auf ein risikoreiches Spiel, in dem mit einer falschen Bewegung alles vertan ist. Er sei daher zu einem Gesetzeskundigen gegangen. Er wollte ihn um Rat bitten und erfahren, was er tun solle, um jegliches Mißgeschick abzuwehren oder, besser noch, auszuschließen. Dieser Gesetzeskundige hatte vor sich immer die Schrift aufgeschlagen und studierte in ihr. Er hatte die Gewohnheit, jeden, der um Rat kam, mit den Worten zu empfangen: Gerade lese ich von deinem Fall, hiebei zeigte er mit dem Finger auf eine Stelle der vor ihm liegenden Seite. Cornelis de Jong, der bereits von dieser Gewohnheit gehört hatte, gefiel sie nicht, zwar sprach sich der Gesetzeskundige dadurch sofort die Möglichkeit zu, dem Klienten zu helfen, und nahm diesem die Furcht, von einem im Dunkel wirkenden, niemandem mitteilbaren, von niemandem mitzufühlenden Unheil getroffen zu sein, aber die Unglaubwürdigkeit der Behauptung war doch zu groß, und sie hatte den Kaufmann sogar davon abgehalten, schon früher zu diesem Gesetzeskundigen zu gehn. Noch jetzt trat er zögernd bei ihm ein und blieb in der offenen Tür stehn.

Kommentar Rechtsberatung

Kaufleute, von denen Kafkas Werk überquillt, sind bei Sebald Mangelware, daher muß auf Cornelis de Jong zurückgegriffen werden, der plant, in England eine Liegenschaft für den landwirtschaftlichen Betrieb zu erwerben. Das mag unter den Bedingungen der Europäischen Union, das nötige Kapital vorausgesetzt, als ein recht einfaches Unterfangen erscheinen, Kafka glaubt daran nicht. Er weiß um die ständige Bedrohung der kaufmännischen Existenz, die ihm zugleich Sinnbild der Lage des Menschen ist, und schickt de Jong zu einem im Rahmen der neuzeitlichen Rechtspflege ungewöhnlichen Gesetzeskundigen, der vor sich immer die Schrift aufgeschlagen hat. De Jong zögert denn auch und bleibt in der offenen Tür stehn.

Kafka TB 1914

Rechtsberatung

Untergrund

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Die Nachmittagshitze stand weiß in den Höfen, als ich das Museum verließ. Beim Gehen die Mauer entlang glaubte ich, in ein steiles, unwegsames Gelände gekommen zu sein und hatte das Bedürfnis, mich niederzusetzen, ich bin aber dann doch weitergegangen gegen die blinkenden Strahlen der Sonne, bis ich die Metrostation erreichte, wo ich, in der brütenden Düsternis des Tunnels, endlos, wie es mir schien, warten mußte auf den nächsten Zug. Der Waggon, in dem ich saß, war nur spärlich besetzt. Ein Zigeuner spielte Harmonika, und weiter hinten saß ein sehr dunkle Frau aus Hinterindien mit einem zum Erschrecken schmalen Gesicht und tief in die Höhlen gesunkenen Augen. Die wenigen anderen Fahrgäste schauten alle seitwärts hinaus in die Finsternis, in der nichts zu sehen war als das fahle Spiegelbild des Waggons, in dem sie saßen. Während der Fahrt wurde mir auf einmal unwohl, ein Phantomschmerz breitete sich aus, und ich dachte, ich werde jetzt sterben müssen. Es gab irgendeine Beziehung, die ich deutlich fühlte, die ich aber zu erkennen nicht imstande war. Es würde genügen, ein kleines Stück noch tiefer unterzutauchen, aber gerade hier wird der Auftrieb so stark, daß ich glauben könnte auf dem Grund des Wassers zu sein, fühlte ich nicht die Strömungen unter mir ziehen. Jedenfalls wende ich mich der Höhe zu, von wo mich der tausendfach gebrochene Schein des Lichtes trifft. Ich steige und treibe mich oben herum, trotzdem ich alles Obere hasse.

Kommentar Untergrund

Selysses, in der Gestalt des Jacques Austerlitz, flieht die weiße Nachmittagshitze und flüchtet in die Düsternis des Tunnels der Untergrundbahn. Hier aber wird ihm vollends unwohl und meint, er werde jetzt sterben müssen. Unter der Leitung Kafkas verlieren sich die Eindrücke äußerer Wahrnehmung, der vermeintlich oder womöglich Moribunde ist gefangen in einem abstrakten Netz von Oben und Unten. Er möchte sich weiter nach Unten verlieren, kann aber nicht umhin, sich in die Höhe zu wenden, also wohl zurück zum Leben, obwohl er alles Obere haßt.

Kafka TB 1914

Untergrund

Schönes Wetter

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Ich trat aus dem Haus um einen kleinen Spaziergang zu machen. Auch hatte ich mich endlich entschlossen, hinüberzugehen und den Lukas aufzusuchen und so das eine mit dem anderen zu verbinden. Beim Herauskommen aus der Haustür bin ich zuerst stehengeblieben, um nach dem Wetter zu schauen. Es war, wie leicht zu sehen, schönes Wetter aber die Gasse war auffallend leer, nur in der Ferne stand ein städtischer Bediensteter mit dem Wasserschlauch in der Hand und spritzte einen ungeheureren Bogen Wassers die Gasse entlang. Unerhört, sage ich und prüfe die Spannung des Bogens. Ein kleiner städtischer Bediensteter, sage ich und blicke wieder auf den Mann in der Ferne. An der Ecke der nächsten Quergasse fechten zwei Herren, stoßen zusammen, fliegen eine weite Strecke auseinander, belauern einander und sind schon wieder beisammen. Hört doch auf zu fechten, Ihr Herren, sage ich. Von weitere Besonderheiten auf dem Weg zum Lukas ist nicht zu berichten. Ich glaubte zu spüren, daß der Besuch den Lukas freute, denn er war aufgrund einer ihn allmählich verkrüppelnden Arthritis vorzeitig in den sogenannten Ruhestand getreten und verbrachte die Tage daheim auf dem Sofa, während seine Frau weiter den Schreibwarenladen des alten Specht führte.

Kommentar Wetter

Kafka und Selysses nutzen das schöne Wetter, von dem sie sich unter der Haustür noch überzeugen, Selysses mit dem Hintergedanken, einen gewissen Lukas zu besuchen. Kafka geht eher ziellos und stößt auf einigermaßen unpassende Erscheinungen, zunächst auf städtischen Bediensteten der in einen ungeheureren Bogen Wassers spritzt und in der nächsten Quergasse dann auf zwei fechtende Herren. Er nimmt es gelassen und fordert nur die beiden vernünftig auf, ihre Treiben einzustellen. Lukas, den sie schließlich erreichen, freut sich über den Besuch, denn er selbst ist nur noch sehr eingeschränkt bewegungsfähig.

Kafka TB 1914

Schönes Wetter

Mulde im Sand

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Zumindest ein Viertel aller Unterrichtstunden verwandte unser Lehrer auf die Vermittlung von Wissen, das im Lehrplan nicht vorgesehen war, Sein Unterricht war der anschaulichste, den man sich denken kann. Grundsätzlich legte er deshalb den größten Wer darauf, bei jeder Gelegenheit aus dem Schulhaus hinauszugehen und im Ort möglichst viel in Augenschein zu nehmen. Der von ihm so genannte Anschauungsunterricht führte uns im Laufe der Zeit zu sämtlichen aus dem einen oder anderen Grund bemerkenswerten Plätzen in einem Umkreis von zirka zwei Wegstunden. Aber nicht nur dergleichen, an bestimmten Zielpunkten orientierte Exkursionen haben wir unternommen, sondern wir sind, an besonders schönen Tagen oft bloß zum Botanisieren oder, unter dem Vorwand des Botanisierens, zum Nichtstun in die Felder hinaus. Einmal hatten wir, wozu der Lehrer ausdrücklich das Einverständnis der Eltern eingeholt hatte, eine Mulde im Sand ausgegraben, in der wir uns ganz wohl befanden. In der Nacht rollten wir uns im Innern der Mulde zusammen, der Lehrer deckte sie mit Baumstämmen und darüber geworfenem Strauchwerk zu, und wir waren vor Stürmen und Tieren möglichst gesichert. Herr Lehrer, riefen wir oft ängstlich, wenn es unter den Hölzern schon ganz dunkel war und der Lehrer noch immer nicht erschien. Aber dann sahen wir schon durch eine Spalte seine Füße, er glitt zu uns herein, beklopfte jeden ein wenig, denn es beruhigte uns, wenn wir seine Hand fühlten, und dann schliefen wir alle förmlich gemeinsam ein. Wir waren außer dem Lehrer fünf Jungen und drei Mädchen, es war zu eng für uns in der Mulde, aber wir hätten Angst gehabt, wenn wir in der Nacht nicht so nahe an- und aufeinander gewesen wären.

Kommentar Mulde

Sebald, der seine Erziehungsberechtigten weitestgehend aus seinem Werk heraushält, findet im Volksschullehrer Bereyter den idealen Pädagogen. Klassenzimmerunterricht ist bei ihm nicht großgeschrieben, es zieht ihn mit den Kindern in die Felder hinaus. Den Höhepunkt dieser Freiluftpädagogik steuert Kafka bei, eine gemeinsame Übernachtung im Freien in einer Mulde im Sand, abgedeckt mit Baumstämmen und darüber geworfenem Strauchwerk. Kaum etwas ist für Kinder verlockender als eine Nacht außer Hauses, aber sie hätten Angst gehabt, wenn sie in der Nacht nicht, wie kleine Nagetiere, so nahe an- und aufeinander gewesen wären.

Kafka TB 1914

Mulde im Sand

Montag, 17. Januar 2011

Tschuktschen

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Auf die Frage, warum er nicht wie sonst zum vereinbarten Zeitpunkt sich eingefunden habe, erwiderte er: It must have slipped my mind whilst I was waiting for the butterfly man. Er hat sich nach dieser rätselhaften Bemerkung sogleich in den Behandlungsraum begeben und dort so widerstandslos wie immer alle vorbereitenden Maßnahmen über sich ergehen lassen. Ich sehe ihn vor mir liegen, die Elektroden an der Stirn, den Gummikeil zwischen den Zähnen, eingeschnallt in die an den Behandlungstisch angenietete Segeltuchumhüllung wie einer, der gleich beigesetzt werden soll auf hoher See. Die Applikation verlief ohne Zwischenfall. Ich aber erkannte an seinem Gesicht, daß er bis auf einen geringen Rest vernichtet war. Als er aus der Betäubung zu sich kam, gingen die seltsam starr gewordenen Augen ihm über, und ein für mein gehör bis heute nicht vergangener Seufzer stieg aus seiner Brust. Man kann sich fragen, warum er sich freiwillig in diese sogenannte Heilanstalt begeben hatte, man kann sich fragen, warum er nicht wieder aus ihr herausgegangen war, als es noch möglich war. Man kann sich fragen, warum die Tschuktschen nicht auswandern aus ihrem schrecklichen Lande, überall würden sie besser leben, im Vergleich zu ihrem gegenwärtigen Leben und zu ihren gegenwärtigen Wünschen. Aber sie können nicht; alles, was möglich ist, geschieht ja; möglich ist nur das, was geschieht.

Kommentar Tschuktschen

Einen tiefen Einblick in die Seele des Titelhelden der Erzählung Ambros Adelwarth erhalten wir nicht. Alle, die seine schreckliche Tortur und sein Ende im Sanatorium Samaria verfolgen, fragen sich, warum. Man versteht ohne weiteres, daß er, wie die anderen Protagonisten der Vier langen Erzählungen im Band Die Ausgewanderten einen Weg aus dem Leben sucht, schwer zu verstehen ist aber, warum er sich auf diesen gräßlichen Umweg begibt. Kafka gibt eine Antwort, indem er auf das Leben der Tschuktschen in ihren schrecklichen Land verweist. Warum bleiben sie? Sie können das Land nicht verlassen; alles, was möglich ist, geschieht ja; möglich ist nur das, was geschieht.

Kafka TB 1914

Tschuktschen

Nächtlicher Besuch

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Eine ganze Zeitlang habe ich in dem leeren Entree gestanden und bin durch die sogar mitten in der Saison – wenn von einer Saison in dieser Gegend überhaupt die Rede sein kann – völlig verlassenen Räume gewandert, ehe ich auf eine verschreckte junge Frau stieß, die mir nach einigem zwecklosen Herumsuchen im Register der Rezeption, einen mächtigen, an einer hölzernen Birne hängenden Zimmerschlüssel reichte. Es fiel mir auf, daß sie nach der Mode der dreißiger Jahre gekleidet war und daß sie es vermied, mich anzusehen. Immer war ihr Blick auf den Boden gesenkt oder ging durch einen hindurch, als sei man gar nicht vorhanden. Es war schon lange nach Mitternacht, als es an die Zimmertür leise klopfte. Ich mußte nicht geweckt werden, ich schlafe immer erst gegen Morgen ein, bis dahin aber pflege ich bäuchlings wach im Bett zu liegen, das Gesicht ins Kissen gedrückt, die Arme ausgestreckt und die Hände über dem Kopf verschlungen. Ich hatte das Klopfen gleich gehört. Wer ist es? fragte ich. Ein unverständliches Murmeln, leiser als das Klopfen, antwortete. Es ist offen, sagte ich und drehte das elektrische Licht auf. Ein kleines schwaches Frauenzimmer in einem großen Umhängetuch trat ein.

Kommentar Nächtlicher Besuch

Auf seinen Wanderungen und Fahrten ist Selysses am Ende des Tages auf die Obhut von Empfangsdamen und Wirtinnen angewiesen, sei es in Italien, sei es in England oder wie hier vermutlich in Böhmen. Die erotischen Obertöne der Empfangsszenen sind, falls überhaupt wahrnehmbar, oft so verschwebend, daß man seiner Ohren nicht sicher sein kann. Kafka verstärkt den Klang nun ganz erheblich, indem er die verschreckte junge Frau mit dem ausweichenden Blick, leicht wiederzuerkennen als schwaches Frauenzimmer, nachts im Schutz der Dunkelheit in das Zimmer des Reisenden eintreten läßt. Vor übereilten und möglicherweise zu weit reichenden Schlüssen sollten wir uns aber hüten.

Kafka TB 1913

Nächtlicher Besuch

Helden

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Es folgte eine kurze Phase der inneren Amerikanisierung seiner Person, während der ich streckenweise zu Pferd, streckenweise in einem dunkelbraunen Oldsmobile die Vereinigten Staaten in allen Himmelsrichtungen durchquerte, und die ihren Höhepunkt erreichte zwischen dem sechzehnten und siebzehnten Lebensjahr, als ich die Geistes- und Körperhaltung eines Hemingway-Helden an mir auszubilden versuchte. Im Spiegel sah ich mich daraufhin genau an und kam mir im Gesicht – allerdings nur bei Abendbeleuchtung und der Lichtquelle hinter mir, so daß eigentlich nur der Flaum an den Rändern der Ohren beleuchtet war – auch bei genauer Untersuchung besser und heldenhafter vor, als ich nach eigener Kenntnis war. Ein klares, übersichtlich gebildetes, fast schön begrenztes Gesicht. Das Schwarz der Haare, der Brauen und der Augenhöhlen drang wie Leben aus der übrigen abwartenden Masse. Der Blick ist gar nicht verwüstet, davon ist keine Spur, er ist aber auch nicht kindlich, eher unglaublicherweise energisch, aber vielleicht war er nur beobachtend, da ich mich eben beobachtete und mir Angst machen wollte. Ungeachtet des durchaus zufriedenstellenden Spiegelbildes blieb der Hemingway-Held ein Simulationsprojekt, das aus verschiedenen Gründen, die man sich denken kann, von vornherein zum Scheitern verurteilt war. In der Folge verflüchtigten sich diese amerikanischen Träume allmählich und machten, nachdem die Schwundstufe erreicht worden war, einer bald gegen alles Amerikanische gerichteten Abneigung Platz, die schon bald so tief in mir sich festsetzte, daß mir bald nichts absurder erschienen wäre als der Gedanke, ich könnte irgendwann einmal ungezwungenermaßen eine Reise nach Amerika unternehmen. Als noch absurder allerdings hätte ich die Prophezeiung zurückgewiesen, ich würde schon bald die Arbeit an einem großen Amerikaroman aufnehmen. Abgeschlossen wurde dieser Roman so wenig wie meine anderen Romane.

Kommentar Helden

Literarische Nähe der beiden ganz und gar europäischen Dichter zu dem amerikanischen Kurzgeschichtenverfasser besteht nicht, kein hinreichender Grund für den noch junge Selysses nicht für einige Zeit die Geistes- und Körperhaltung eines Hemingwayhelden an sich auszubilden. Ausgehend vom Spiegelbild bestätigt Kafka ihm die nicht völlige Unangemessenheit des Versuchs, der nichtsdestotrotz aus verschiedenen Gründen, die man sich denken kann, von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Wie zum Ausgleich beginnt Kafka mit der Niederschrift eines Amerikaromans, den er wie üblich nicht abschließt und an den eigentlich selten gedacht wird, wenn vom Kafkaesken die Rede ist.

Kafka TB 1913

Helden

Sonntag, 16. Januar 2011

Betrachtung des Todes

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Indem ich noch zögerte, kam die Nachricht, daß er mit einem Lungenemphysem in das Spital eingeliefert worden sei. Das Spital ist eine ehemalige Besserungsanstalt, in der man über lange Jahre die Obdach- und Beschäftigungslosen einem strengen, ganz auf Arbeit ausgerichteten Reglement unterworfen hatte. Er lag in einem Männersaal mit weit über zwanzig Betten, in dem viel gemurmelt, geklagt und auch gestorben wurde. Da es ihm offenbar unmöglich war, so etwas wie eine Stimme in sich zu finden, reagierte er auf meine Worte nur in größeren Abständen mit einem andeutungsweisen Sprechen, das sich anhörte wie das Geraschel vertrockneter Blätter im Wind. Was ich verstehen konnte, läßt sich in der folgenden Weise zusammenfassen. Von außen gesehn, so sagte er, ist es schrecklich, erwachsen, aber jung zu sterben oder gar sich zu töten. In gänzlicher Verwirrung, die innerhalb einer weiteren Entwicklung Sinn hätte, abzugehn, hoffnungslos oder mit der einzigen Hoffnung, daß dieses Auftreten im Leben innerhalb der großen Rechnung als nicht geschehen betrachtet werden wird. In einer solchen Lage wäre ich jetzt, abgesehen davon, daß ich nicht mehr jung bin. Sterben hieße nichts anderes, als ein Nichts dem Nichts hinzugeben, aber das wäre dem Gefühl unmöglich, denn wie könnte man sich auch nur als Nichts mit Bewußtsein dem Nichts hingeben und nicht nur einem leeren Nichts, sondern einem brausenden Nichts, dessen Nichtigkeit nur in seiner Unfaßbarkeit besteht. Ob ich alles richtig verstanden und wiedergegeben habe, kann ich nicht sagen, deutlich genug ging aber daraus hervor, daß er seinen Zustand als schandbar empfand und daß er den Vorsatz gefaßt hatte, ihm möglichst bald zu entkommen auf die eine oder die andere Weise.

Zeltnergasse

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Ich gehe absichtlich durch die Gassen, wo Dirnen sind. Das Vorübergehen an ihnen reizt mich, diese ferne, aber immerhin bestehende Möglichkeit, mit einer zu gehn. Ist das Gemeinheit? Ich weiß aber nichts Besseres, und das Ausführen dessen scheint mir im Grunde unschuldig und macht mir fast keine Reue. Ich will nur die dicken ältern, mit veralteten, aber gewissermaßen durch verschiedene Behänge üppigen Kleider. Eine Frau kennt mich wahrscheinlich schon, vielleicht nicht ganz vierzigjährig, blondgelockt, auch sonst irgendwie gewellt und loreleiartig wirkend. Ich traf sie heute nachmittag, sie war noch nicht in Berufskleidung, die Haare lagen noch am Kopf an, sie hatte keinen Hut, eine Arbeitsbluse wie Köchinnen, und trug irgendeinen Ballen, vielleicht zur Wäscherin. Kein Mensch hätte etwas Reizendes an ihr gefunden, nur ich. Wir sahen einander flüchtig an. Jetzt abends, es ist inzwischen kalt geworden, sah ich sie in einem anliegenden, gelblich braunen Mantel auf der andern Seite der engen, von der Zeltnergasse abzweigenden Gasse, wo sie ihre Promenade hat. Ich sah zweimal nach ihr zurück, sie faßte auch den Blick und erwiderte ihn mit einem geheimnisvollen Lächeln das ich als ein Zeichen auffaßte, ihr folgen zu dürfen, aber dann lief ich ihr eigentlich davon.

Kommentar Singspielhalle

Kafka führt Selysses, gekleidet in einen leicht überschneiten Überzieher, am Kassentisch vorbei bis an die Schwelle der Singspielhalle, die drei Stufen tiefer liegt, dort läßt er ihn allein, und Sebald übernimmt seinen angestammten Helden. Den kleinwüchsigen Heldentenor Siegfried, der so trefflich die schönsten Ariosi vorzutragen weiß, kennt Selysses aus Liston’s Music Hall in Manchester, und naturgemäß nutzt er die Gelegenheit, ihn auch in de kleinen Singspielhalle in Prag zu erleben.

Kafka TB 1913

Singspielhalle

Singspielhalle

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Gegen Mitternacht stieg die Treppe zu der kleinen Singspielhalle ein junger Mann in einem engen mattgrauen karierten, leicht überschneiten Überzieher hinab. Er bezahlte am Kassentisch, hinter dem ein hindämmerndes Fräulein aufschreckte und ihn mit großen schwarzen Augen geradeaus ansah, und blieb dann ein Weilchen stehn, um den Saal, der drei Stufen tief unter ihm lag, zu überblicken. Er hielt Ausschau nach dem unter dem Namen Siegfried bekannten, wohl nicht mehr als fünf Fuß großen Heldentenor, der mitten in dem zu fortgeschrittener Stunde meist chaotischen Menschen- und Stimmengewoge mindestens zweimal in der Woche hier auftrat. Er war Ende vierzig, trug einen fast bis auf den Boden reichenden Fischgratmantel, hatte einen nach hinten gekippten Borsalino auf dem Kopf und sang O weh, des Höchsten Schmerzenstag oder Wie dünkt mich doch die Aue heut so schön oder sonst irgendein eindrückliches Arioso, wobei er nicht zögerte, Regieanweisungen wie Parsifal droht ohnmächtig niederzusinken entsprechend schauspielerisch zu untermalen.

Kommentar Zeltnergasse

Hier trennen sich eigentlich die Wege der beiden Dichter. Sebald berichtet irgendwo mit deutlichem Mißfallen von einigen deutschen Dichtern, die, in Begleitung einiger deutscher Dichterinnen, plötzlich den Entschluß fassen, ein Bordell zu besuchen und, soweit erinnerlich, die Dichterinnen die nötige Zeit draußen warten lassen. Von Selysses wird derlei nicht erzählt. So bleibt Kafka denn auch weitgehend allein in der Zeltnergasse, lediglich Mrs. Gracie Irlam aus Manchester steuert einige Striche bei, immerhin ist sie im Betrieb ihrer Pension mit the gentlemen’s travelling companions vertraut.

Kafka TB 1913

Zeltnergasse

Eingeschlafen

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Es war kurz nach Mittag; vor der steilen Anhöhe, auf der ich war, breitete sich eine große Tiefebene aus mit Dörfern und Teichen und gleichförmigem hohem schilfartigem Buschwerk zwischen ihnen. Die Schwalben, so bemerkte ich jetzt, jagten ausschließlich in der Ebene, nicht eine stieg höher auf, und wenn sie, geschoßgleich, auf mich zukamen, so verschwanden einige von ihnen immer unmittelbar unter meinen Füßen, als hätte sie der Erdboden verschluckt. Ich trat näher an den Rand der Klippe und sah, daß sie ihre Nistlöcher in die oberste Lehmschicht des Abbruchs gegraben hatten, eines neben dem anderen. Ich stand also sozusagen auf einem perforierten Stück Land, das jeden Moment nachgeben konnte. Demungeachtet legte ich mich wie zu einer Mutprobe nieder auf den Grund und richtete den Blick an den Zenit hinauf. Schnell war ich eingeschlafen. Ein Lärm weckte mich. Ich fand in meinen Händen ein Buch, in dem ich früher gelesen hatte. Ich warf es weg und sprang auf. Ich legte die Hände in die Hüften, durchsuchte alles mit den Augen und horchte dabei auf den Lärm.

Kommentar Eingeschlafen

Selysses gelangt auf seiner englischen Wallfahrt an eine zur einen Seite hin steil abbrechende Anhöhe und bekommt, als er hinabschaut, etwas zu Gesicht, ungestalt gleich einer großen, ans Land geworfenen Molluske, das ihn mit plötzlicher Panik erfüllt. Kafka erspart ihm diesen Anblick, und fast könnte es scheinen, als sei der Aufenthalt auf perforiertem Grund dem Schlaf nicht vorausgegangen, sondern dem Schlaftraum entnommen. Nicht auszuschließen ist auch, daß Selysses unmittelbar vor dem Einschlafen noch von den Schwalben und ihren Nestern gelesen und so in den Traum hineingefunden hatte. Bei dem Buch, das er beim Erwachen in seinen Händen findet, würde es sich dann um die Ringe des Saturn des Dichters Sebald handeln. Sicher hat er das Buch nicht weggeworfen, wie Kafka es ein wenig drastisch ausdrückt, sondern nur für einen Augenblick beiseitegelegt.

Kafka TB 1913

Eingeschlafen

Kommentar Betrachtung

Die Vier langen Erzählungen im Band Die Ausgewanderten handeln von vier Männern, die den natürlichen Lauf ihres Lebens auf die eine oder die andere Weise verkürzen, der Maler Aurach ist einer von ihnen. Selysses besucht ihn am Krankenbett, kann ihn aber kaum noch verstehen, denn sein Sprechen ist wie das Geraschel vertrockneter Blätter im Wind. Kafka hat ein feineres Ohr und schreibt einige der aufgefangenen Reflexionen über den Tod auf, schreibt von der Hingabe des Nichts an das Nichts, vom leeren Nichts und vom brausenden Nichts, dessen Nichtigkeit nur in seiner Unfaßbarkeit besteht.

Kafka TB 1913

Betrachtung des Todes

Samstag, 15. Januar 2011

Mit knapper Not

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Mit ziemlicher Genauigkeit sehe ich den Saal im Norddeutschen Lloyd in Bremerhaven vor mir, in dem die zahlungskräftigen Passagiere auf die Einschiffung warteten. Besonders erinnere ich mich an die vielen verschiedenen Kopfbedeckungen der Passagiere und dazwischen die Uniformmützen des Personals der Reederei und der Zollbeamten. An den Wänden hingen große Ölgemälde der zur Flotte des Lloyd gehörenden Ozeandampfer. Ein jeder dieser Dampfer befand sich in voller Fahrt von links hinten nach rechts vorn, ragte ungeheuer weit mit dem Bug aus dem wogenden Meer empor und vermittelte den Eindruck unaufhaltsam alles vorantreibender Kraft. Über der Tür, durch die wir zuletzt hinaus mußten, war eine runde Uhr angebracht, mit römischen Ziffern, und über der Uhr stand mit verzierten Buchstaben geschrieben der Spruch Mein Feld ist die Welt. Ich beeilte sich auf das Schiff zu kommen, lief über die Landungsbrücke, kletterte auf ein Verdeck hinauf, setzte sich in einen Winkel, drückte die Hände gegen das Gesicht und kümmerte sich von jetzt an um niemanden mehr. Die Schiffsglocke läutete, Leute liefen vorüber, weit, als wäre es am andern Ende des Schiffes, sang einer aus voller Brust. Man wollte schon den Landungssteg zurückziehn, da kam ein kleiner schwarzer Wagen angefahren, der Kutscher schrie von weitem, das sich bäumende Pferd mußte mit aller Kraft gehalten werden, ein junger Mann sprang aus dem Wagen, küßte einen alten weißbärtigen Herrn, der sich unter dem Wagendach vorbeugte, und lief mit einem kleinen Handkoffer aufs Schiff, das sofort vom Lande abgestoßen wurde. 

Kommentar Knappe Not

In den Vier langen Erzählungen befindet sich Selysses in der Gesellschaft mittelloser Auswanderer, und so wie Kafka ihn an Bord eilen und in einen Winkel Platz nehmen läßt, wo er die Hände nur noch gegen das Gesicht drückt und sich um niemanden mehr kümmern will, könnte man meinen, er sei einer von ihnen und verzweifelt wie sie. Aber wir befinden uns unter zahlungskräftigen Passagieren, und zumal der junge Mann, der im letzten Augenblick aus dem Wagen springt, und, eine kleinen Handkoffer in der Hand, mit knapper Not noch aufs Schiff springt, das dann sofort vom Lande abstößt, macht nicht den Eindruck eines Hungerleiders. Für sein Verhalten hat Selysses daher vermutlich andere Gründe als die der schieren Not.
Kafka TB 1914

Mit knapper Not

Kommentar Verkehrsmittel

Bevor er noch seine Schwindelgefühle nach Italien getragen hat, irrt Selysses in einer fremden Stadt herum wie ein Hamster in seinem Rad. Einen bestimmten Kreis vermag er nicht zu verlassen, obgleich die unsichtbaren Grenzlinien völlig willkürlich gezogen sind und keine räumliche Wirklichkeit haben. Kafka macht ihn aufmerksam, daß die auf imaginären Fesseln beruhende und gleichwohl unüberwindliche Einsperrung des wandernden Körpers durch eine Entgrenzung der Augen und des Sinns ins Imaginäre aufgewogen wird. Ein Blick durch das Fenster auf einen sich aufbauschenden Überzieher im Winkel einer Straßenbahn, und schon ist eine ganze Geschichte fertig. Der Bewohner des Überziehers hat sich heute verlobt und fühlt sich gut aufgehoben im Zustand eines Bräutigams.

Kafka TB 1912

Verkehrsmittel

Fischerdorf

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Die Abenddämmerung verdunkelte schon zur Hälfte das Zimmer. Draußen aber hing noch die untergehende Sonne über dem Meer, und in dem gleißenden, in Wellen von ihr ausgehendem Licht stand zitternd die ganze von meinem Fenster aus sichtbare und in diesem Abschnitt weder von einer Straßentrasse noch von der kleinsten Ansiedlung entstellte Welt. Die im Verlauf von Jahrmillionen von Wind, Salznebel und Regen aus dem Granit geschliffenen, dreihundert Meter aus der Tiefe emporragenden monströsen Felsformationen leuchteten in feurigem Kupferrot, als stünde das Gestein selber in Flammen und glühe aus seinem Inneren heraus. Manchmal glaubte ich in dem Geflacker die Umrisse brennender Pflanzen und Tiere zu erkennen oder die eines zu einem großen Scheiterhaufen geschichteten Volks. Sogar das Wasser drunten schien in Flammen zu stehen und ebenso der kleine Hafen des Fischerdorfes, wo eine Barke zur Fahrt für den nächtlichen Fang ausgerüstet wurde. Ein junger Mann in Pluderhosen beaufsichtigte die Arbeiten. Zwei alte Matrosen trugen Säcke und Kisten bis zu einer Anlegebrücke, wo ein großer Mann mit auseinandergestemmten Beinen alles in Empfang nahm und irgendwelchen Händen überantwortete, die sich aus dem dunklen Innern der Barke ihm entgegenstreckten. Auf großen Quadersteinen, die einen Winkel des Quais umfaßten, saßen halb liegend fünf Männer und bliesen den Rauch ihrer Pfeifen nach allen Seiten. Von Zeit zu Zeit kam der Mann in Pluderhosen zu ihnen, hielt eine Ansprache und klopfte ihnen auf die Knie. Gewöhnlich wurde hinter einem Stein eine Weinkanne, die dort im Schatten aufbewahrt wurde, hervorgeholt und ein Glas mit undurchsichtigem rotem Wein wanderte von Mann zu Mann.

Kommentar Vestalin

Auf seiner englischen Wallfahrt sucht Selysses, wie er vorgibt, eine Unterkunftsmöglichkeit für die Nacht, ein Ladeninhaber weist ihm den Weg. So wie er dann aber ohne jede Umschweife auf die von Kafka aufgestellte Tafel mit der Aufschrift Versenkung anspricht, muß man sich doch fragen, ob er mit seinen wahren Absichten nicht hinterm Berg gehalten hatte. Vom Nachlager ist in keiner Weise die Rede, jede Verzögerung wird abgelehnt, augenblicklich muß er sich der Versenkung unterziehen. Welcher Art die Versenkung ist, körperlich oder eher dem geistig seelischen Bereich zuzurechnen, erfahren wir nicht und auch nicht, ob man zur passenden Zeit wieder aus ihr hervorgeholt wird. Von einer Vestalin ins Werk gesetzt hat sie jedenfalls einen hohen, rituellen Charakter.

Vestalin der Versenkung

Kommentar Fischerdorf

Das grandiose Landschaftspanorama braucht in seiner nur von pflanzlichen und menschlichen Trugbildern bewohnten Monumentalität ein belebendes Element. In der ursprünglichen Fassung seines Korsikaentwurfs läßt Sebald einen schneeweißen Fünfmaster in das Bild hineinsegeln, hält es aber gleichwohl frei von menschlicher Entstellung, denn auf dem Schiff sind weder Mannschaft noch Fahrgäste zu sehen. Kafka lenkt nun den Blick auf kleine Gestalten im Hafen des Fischerdorfes weit unten, ihre Gespräche kann man aus dieser Entfernung nicht vernehmen, man muß sie weder fürchten noch lieben. Aus großer Entfernung will es scheinen, als könnten die Menschen ihren Geschäften in Frieden nachgehen. - Auf unterschiedliche Weise versprechen uns beide Versionen einen Abglanz des Friedens.


Kafka TB 1913

Fischerdorf

Zimmervermietung

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Die Zimmervermieterin, eine schwache, schwarz gekleidete Witwe in gerade abfallendem Rock, stand in aller Frühe an einem Freitagmorgen im mittleren Zimmer ihrer leeren Wohnung. Noch war es ganz still, die Glocke rührte sich nicht. Auf der Gasse war es auch still, die Frau hatte mit Absicht eine so stille Gasse gewählt, denn sie wollte einen guten Zimmerherrn, und solche, die Ruhe verlangen, sind die besten. Aber irgend etwas an ihr schreckte die Zimmerherren ab. Sie liefen die Treppe hinab, und wenn sie ihnen aus dem Fenster nachsah, verdeckten sie im Laufe ihre Gesichter. Nun aber sah sie durchs Fenster, völlig unerwartet, einen Zimmerherrn, einen eher hochaufgeschossenen jungen Mann, der, noch unentschlossen, die Hände ständig in den Taschen seines Rockes hielt. Vielleicht war es seine Gewohnheit, es war aber auch möglich, daß er das Zittern der Hände verbergen wollte. Nach geraumer Weile zog er eine Hand hervor und drückte anhaltend auf den Klingelknopf. Die Vermieterin warf die Röcke und eilte durch die Zimmer, Selysses hörte, wie drinnen etwas in Bewegung schließlich wurde nach einigem Rasseln und Riegelschieben die Tür aufgetan. Eine Zeitlang standen sie sich wortlos und wohl beide mit dem Ausdruck des Unglaubens im Gesicht gegenüber. Die Zimmervermieterin brach endlich das Schweigen mit der ihre Aufgeschrecktheit und ihre Belustigung über den Anblick des Zimmerherrn in eins zusammenfassenden Frage: Wo um alles in der Welt kommen Sie denn her?, die sie selber sogleich dahingehend beantwortete, daß es nur ein Ausländer - cizozemec – sein könne, der mit einem solchen Koffer und zu einer solchen Unzeit am heiligen Freitagmorgen vor der Türe stehe.

Kommentar Zimmervermietung

Selysses hatte uns bislang verschwiegen, daß er als junger, auswandernder und in der Fremde sein Glück suchender Mensch ganz ähnlich wie in Manchester auch in Prag seinen Einzug gehalten hatte. Der Verlauf ist der gleiche bis auf kleine Abweichungen, die allerdings entscheidende Bedeutung haben. Die Zimmervermieterin ist nicht rosarot, sondern schwarz gekleidet, sie ist schwach und wir ergänzen voller Hoffnung: noch jung. Sie unterhält eher keine Pension und hat nur ein Zimmer zu vergeben. Und nun ahnen wir auch, warum zuvor alle Zimmersuchende die Flucht ergriffen haben, sie hatten in den Augen der schwachen, schwarz gekleideten Witwe gelesen, daß sie nicht die Richtigen waren.

Kafka TB 1914

Zimmervermietung

Freitag, 14. Januar 2011

Verkehrsmittel

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Das oft stundenlang fortgesetzte Kreuzundquergehen in der Stadt in der Stadt hatte dergestalt die eindeutigste Eingrenzung, ohne daß es mir klargeworden wäre, was das eigentlich Unbegreifliche in meinem damaligen Verhalten gewesen ist, das ständige Gehen oder die Unfähigkeit, die unsichtbaren und, wie ich auch jetzt noch annehmen muß, völlig willkürlichen Grenzlinien zu überschreiten. Ich weiß nur, daß es mir sogar ein Ding der Unmöglichkeit gewesen ist, in eines der öffentlichen Verkehrsmittel zu steigen und beispielsweise mit dem 41er Wagen oder mit dem 58er Wagen hinauszufahren, um, wie ich es früher nicht selten getan habe, in einem der außerhalb gelegenen Parks spazierenzugehen. Seltsamerweise korrespondierte der auf einer imaginären Ordnung beruhenden Eingrenzung meiner Bewegungsfreiheit eine völlige Freiheit, ja Hemmungslosigkeit in der Ausgestaltung flüchtigster Blicke. Im vorübereilenden 58er Wagen etwa saß in einem Winkel, die Wange an der Scheibe, den linken Arm die Lehne entlanggestreckt, ein junger Mann in offenem, um ihn sich aufbauschendem Überzieher und sah über die lange leere Bank mit beobachtenden Blicken hin. Er hatte sich heute verlobt und dachte an nichts anderes. Er fühlte sich gut aufgehoben im Zustand eines Bräutigams und sah in diesem Gefühl manchmal flüchtig zur Decke des Wagens hinauf. Als der Schaffner kam, um ihm die Fahrkarte zu geben, fand er unter Klimpern leicht das richtige Geldstück, legte es im Schwunge in die Hand des Schaffners und ergriff die Karte mit zwei scherenförmig ausgebreiteten Fingern. Es bestand kein richtiger Zusammenhang zwischen ihm und der Elektrischen und es wäre kein Wunder gewesen, wenn er, ohne Plattform und Treppe zu benützen, auf der Gasse erschienen und seinen Weg zu Fuß mit gleichen Blicken verfolgt hätte. Nur der sich aufbauschende Überzieher bleibt bestehn, alles andere ist erdacht.

Kommentar Austerlitz

Da ist wenig Schatten in diesem Stückchen aus dem Schattenreich, möchte man meinen, Austerlitz selbst nennt bei hellem Tageslicht Kafkas Tagebuch als eine der Referenzen für seinen Namen, die entsprechende Tagebuchstelle ist einfach hinzugefügt. Ein frischer Funken springt nicht aus der Fuge, aber sie lädt zum Nachdenken ein.

Wenn es schon recht weitgehend ist, die Schwindel.Gefühle als Erweiterung und Ausmalung von zwei Kafkatexten zu den Jägern Gracchus und Schlag zu lesen, so wäre es zweifellos radikal, Austerlitz als Ausmalung einer Tagebucheintragung Kafkas zur Abfahrt eines Zuges aus dem Prager Bahnhof zu verstehen. Die Herleitung des Namens Austerlitz aus einem anderen Tagebucheintrag – die im Buch noch angeführten anderen beiden Namensgleichheiten sind offensichtlich sekundär – bezeugt aber, daß Sebalds Prag Kafkas Prag ist.

Sebalds Werk ist durchsetzt von der Tragödie der Juden, Ausblicke auf das traditionelle jüdische Leben sind dabei selten. Wunderschön aber kurz im Textumfang ist die Reminiszenz Selwyns an seine Kindheit in einem Schtetl unfern Grodno. Auch in Kafkas fiktionalem Werk ist sein Judentum wenig auffällig, anders sieht das aus in den Tagebüchern. Die Gewinnung des Namens Austerlitz aus einer Beschneidungsszenerie in Kafkas Tagebuch unterlegt das gesamte Buch Austerlitz mit dem ins Schattenreich entschwundenen jüdischen Leben.

Kafka TB 1911

Austerlitz

Kommentar Wanderzirkus

Selysses, in der Gestalt des Jacques Austerlitz, und Marie stoßen bei ihren Streifzügen durch Paris auf einen kleinen Wanderzirkus, die Manege ist so eng, daß kaum ein Pferdchen hätte im Kreis traben können. Gleichwohl plant Kafka, wohl auch zu seiner eigenen Verwunderung, die Manege zu fluten, eine große Pantomime, eine Wasserpantomime gespielt werden, Venus wird nackt aus den Fluten steigen. Wieso damit der Übergang zur Darstellung des Lebens in einem modernen Familienbad gewährleistet sein soll, kann man nur rätseln. Es ist aber gut denkbar, daß die Bezüge zu Kafkas Zeiten noch augenfälliger waren.

Wanderzirkus

Donnerstag, 13. Januar 2011

Bewegung im Schattenreich

Sebald und Kafka im Gespräch

Die Marbacher Ausstellung Wandernde Schatten, Sebalds Unterwelt erlaubte es, durch die gläsern gemachte Oberfläche der Sebaldschen Prosa hindurch in ihren Untergrund zu schauen. Die überragende Rolle, die Kafka in dieser Unterwelt einnimmt, war allerdings nur unvollkommen zu erkennen. Sebalds Prosaerstling Schwindel.Gefühle bewegt sich ganz entlang von Linien, die sich aus zwei Prosafragmenten Kafkas betreffend den Jäger Gracchus und den Jäger Hans Schlag ableiten. Stendhal trifft auf den Jäger Gracchus bereits in der ersten Erzählung Beyle oder das merckwürdige Faktum der Liebe, bevor Kafka ihn noch hatte erfinden können. Unter anderem im Bahnhofspissoir von Desenzano hat Gracchus seine Spur hinterlassen: Il cacciatore è stato qui. Auf einem Dachboden, den beide, Kafka und Sebald kennen, verwandelt sich Gracchus in den Jägerkollegen Hans Schlag, den der sebaldnahe Erzähler Selysses als Kind in seinem Heimatort W. leibhaftig kennengelernt hat, und der nach seinem Tode vermittels einer auf den Arm eintätowierten Barke seine Identität mit dem Gracchus offenbart, der unter diesem Namen nicht sterben konnte.

Bei Bereitschaft zu einiger Radikalität läßt sich im übrigen auch Austerlitz als die bloße Einkleidung einer Kafkastelle zu verstehen, ist doch die zentrale Stelle des Buches, die Abreise des Knaben Jacques Austerlitz vom Prager Bahnhof mit dem schon nach kurzer Fahrstrecke versinkenden Zug von Kafka gestaltet.


Ein größerer Unterschied im Prosaklang als der zwischen Sebald - weite Satzbögen, zahlreiche nichttragende, allein satzmelodiöse Teile, die innersyntaktische Stille und Muße schenken - und Kafka - karg, abrupte Fügungen - ist kaum vorstellbar, umsomehr muß es überraschen, wie schwerelos die Kafkafragmente sich in den Sebaldtext einpassen. Ein Leser, der die Kafkastellen nicht als solche identifiziert, mag allerdings eine besondere Intensität spüren, so als schauten die Augen eines Nachtvogels aus dem Dunkel hervor und fixierten ihn.


Kafka ist der Dichter des Fragments. Keiner seiner Romane ist angeschlossen, und auch die wenigsten Erzählungen sind zur Vollendung gebracht, eine Vollendung, die dann allerdings, im Landarzt, in der Strafkolonie und vielen anderen, überwältigend ist. Daneben aber finden sich in den Tagebüchern, Heften und Blättern zahllose Prosafragmente äußerster Suggestivität, mit der Qualität von Edelsteinen, so daß es keineswegs verwundert, wenn Sebald hier zugegriffen hat: auf die Barke des Jägers Gracchus, verhältnismäßig niedrig und sehr ausgebaucht, verunreinigt, wie mit Schwarzwasser ganz und gar übergossen, noch troff es scheinbar die gelbliche Außenwand hinab, die Masten unverständlich hoch, der Hauptmast im obern Drittel geknickt, faltige, rauhe, gelbbraune Segeltücher zwischen den Hölzern kreuz und quer gezogen, Flickarbeit, keinem Windstoß gewachsen; und auf den Dachboden des Jägers Hans Schlag, eine große runde Mütze aus Krimmerpelz saß tief auf seinem Kopf, ein starker Schurrbart breitete sich steif aus, gekleidet war er in einen weiten braunen Mantel, den ein mächtiges Riemenzeug, es erinnerte an das Geschirr eines Pferdes, zusammenhielt, auf dem Schoß lag ein gebogener kurzer Säbel im mattleuchtender Scheide, die Füße staken in gespornten Schaftstiefeln, ein Fuß war auf eine umgestürzte Weinflasche gestellt, der andere auf dem Boden war etwas aufgerichtet und mit Ferse und Sporn ins Holz gerammt.


Das wundersame Zusammenleben der Prosawelten Kafkas und Sebalds in den Schwindel.Gefühlen mag den Wunsch und die Idee reifen, lassen weitere Kafkafragmente hervorzuziehen, um sie mit Sebaldsätzen einzufassen. Diese Idee wird im folgenden umgesetzt. Ein Sakrileg, mag man fürchten, aber die Furcht ist unbegründet, die Teile bleiben intakt und können unbeschädigt in ihre ursprüngliche Umgebung zurückkehren. Der Fragmentcharakter der Kafkastellen wird nicht aufgehoben, in den gelungeneren Versuchen eher akzentuiert, und nur für einen Augenblick in eine bestimmte Verstehensrichtung geleitet, wie es ohnehin bei jeder Lektüre geschieht, und die, da das mit Hilfe Sebalds geschieht, kaum anders als meisterlich sein kann.

Als eine Lesart der Schwindel.Gefühle wird vorgeschlagen, sie insgesamt als Versuch einer Aufheiterung Kafkas zu verstehen, und tatsächlich, auf dem einzigen in den Text aufgenommenen Photo lächelt Kafka, wenn auch zur eigenen Verwunderung. Vielleicht kann ihm der Frohsinn noch ein wenig selbstverständlicher werden.

Ankunft

Aus dem Schattenreich
Kommentar

The Enigma of Arrival

Der Aufzug war so schmal, daß ich nur mit knapper Not mit meinem Koffer hineinpaßte, und der Boden war so dünn, daß er schon unter dem Gewicht eines einzelnen Fahrgasts spürbar nachgab. Das Zimmer selbst hatte einen großblumigen Teppich und eine Veilchentapete und war möbliert mit einem Kleiderkasten, einem Waschtischchen und einer eisernen Bettstatt. Durch das Fenster sah man hinab auf allerhand halbverfallene Anbauten mit Schieferdächern und einem Hinterhof, in dem sich den ganzen Herbst hindurch die Ratten tummelten. Blickte man aber nicht in den Hof hinein, sondern über diesen hinweg, so sah man ein Stück jenseits eines schwarzen Kanals ein hundertfenstriges aufgelassenes Lagerhaus, in dem in der Nacht manchmal unstete Lichter umherhuschten. Der Tag meiner Ankunft war wie die meisten nachfolgenden Tage, Wochen und Monate bestimmt von einer bemerkenswerten Geräuschlosigkeit und Leere. Ermüdet von der durchwachten Reisenacht war ich bald eingeschlafen auf meinem eisernen Bett, das Gesicht in die leicht nach Veilchenseife duftende Decke vergraben. Sicher ist, so sagte ich mir am folgenden Morgen, daß ein Haupthindernis meines Fortschritts mein körperlicher Zustand bildet. Mit einem solchen Körper läßt sich nichts erreichen. Ich werde mich an sein fortwährendes Versagen gewöhnen müssen. Von der letzten wilddurchträumten, aber kaum weilchenweise durchschlafenen Nacht bin ich heute früh so ohne Zusammenhang gewesen, fühlte nichts anderes als meine Stirn, sah einen halbwegs erträglichen Zustand erst weit über dem gegenwärtigen und hätte mich einmal gerne vor lauter Todesbereitschaft auf den Zementplatten des Korridors zusammengerollt. Mein Körper ist zu lang für seine Schwäche, er hat nicht das geringste Fett zur Erzeugung einer segensreichen Wärme, zur Bewahrung inneren Feuers, kein Fett, von dem sich einmal der Geist über seine Tagesnotdurft hinaus ohne Schädigung des Ganzen nähren könnte. Wie soll das schwache Herz, das mich in der letzten Zeit öfters gestochen hat, das Blut über die ganze Länge dieser Beine hin stoßen können. Bis zum Knie wäre genug Arbeit, dann aber wird es nur noch mit Greisenkraft in die kalten Unterschenkel gespült. Nun ist es aber schon wieder oben nötig, man wartet darauf, während es sich unten verzettelt. Durch die Länge des Körpers ist alles auseinandergezogen. Was kann er da leisten, da er doch vielleicht, selbst wenn er zusammengedrängt wäre, zu wenig Kraft hätte für das, was ich erreichen will.

Austerlitz

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Und nur ein paar Tage, nachdem ich so auf eine mir völlig unbekannte Lebensgeschichte gestoßen bin, setzte Austerlitz hinzu, erfuhr ich von einer Nachbarin, die sich selber als eine leidenschaftliche Leserin bezeichnet, daß sie in den Tagebüchern Kafkas einem kleinen krummbeinigen Mann meines Namens begegnet sei, der den Neffen des Schriftstellers beschneidet. Dieser Austerlitz, der schon zweitausendundachthundert Beschneidungen hinter sich hat, führte die Sache sehr geschickt aus. Es war eine dadurch erschwerte Operation, daß der Junge, statt auf dem Tisch, auf dem Schoß seines Großvaters lag und daß der Operateur, statt genau aufzupassen, Gebete murmeln muß. Zuerst wird der Junge durch Umbinden, das nur das Glied frei läßt, unbeweglich gemacht, dann wird durch Auflegen einer durchlochten Metallscheibe die Schnittfläche präzisiert, dann erfolgt mit einem fast gewöhnlichen Messer, einer Art Fischmesser, der Schnitt. Jetzt sieht man Blut und rohes Fleisch, der Moule Richtig: mohel, Beschneider. hantiert darin kurz mit seinen langnägeligen zittrigen Fingern und zieht irgendwo gewonnene Haut wie einen Handschuhfinger über die Wunde. Gleich ist alles gut, das Kind hat kaum geweint. Jetzt kommt nur noch ein kleines Gebet, während dessen der Moule Wein trinkt und mit seinen noch nicht ganz blutfreien Fingern etwas Wein an die Lippen des Kindes bringt. Die Anwesenden beten: Wie er nun gelangt ist in den Bund, so soll er gelangen zur Kenntnis der Thora, zum glücklichen Ehebund und zur Ausübung guter Werke.

Bibliomanie

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Only once, in a library in Verona, ...

Ich habe begonnen, allmählich alles Zweifellose an mir zusammenzustellen, später das Glaubwürdige, dann das Mögliche usw. Zweifellos ist in mir die Gier nach Büchern. Erfreut über diese Klarstellung und zuversichtlich, als könne ich von nun an keinen Fuß mehr verkehrt setzen, ging ich gegen zehn durch die Gassen der Stadt und fand mich auch sogleich vor der Biblioteca Civica. Obzwar eine Notiz am Portal dem Publikum avisierte, daß die Bibliothek während der Ferialmonate geschlossen sei, stand die Eingangstür doch weit offen. Freilich lag drinnen alles in einem so tiefen Dämmer, daß ich mich zunächst nur tastend vorwärtsbewegen konnte. Auf einen Bibliotheksangestellten traf ich erst, nach dem ich bereits eine Anzahl der mir seltsam hoch vorkommenden Türklinken vergeblich probiert hatte, in dem von einem milden Morgenlicht durchfluteten Lesesaal. Es war ein alter Herr mit sorgfältig gestutzten Haupt- und Barthaar, der sogleich von seinem Schreibpult aufschaute und sich nach meinem Begehren erkundigte. Hier gilt es nun zu erläutern, daß meine Gier nach Büchern nicht eigentlich darauf zielt, sie zu besitzen oder zu lesen, als vielmehr sie zu sehn, mich in einer Bibliothek oder der Auslage eines Buchhändlers von ihrem Bestand zu überzeugen. Sind irgendwo mehrere Exemplare des gleichen Buches, freut mich jedes einzelne. Es ist, als ob diese Gier vom Magen ausginge, als wäre sie ein irregeleiteter Appetit. Bücher, die ich besitze, freuen mich weniger, dagegen Bücher meiner Schwestern freuen mich schon. Das Verlangen, sie zu besitzen, ist ein unvergleichlich kleineres, es fehlt fast. Weit weniger als die umschweifige Erklärung meiner Wünsche, die naturgemäß vorgeschoben war, dauerte die Herbeischaffung der auf gut Glück genannten Werke. So saß ich denn bald in der nähe eines Fensters und blätterte ohne darin zu lesen in den Folianten. Die meiste Zeit aber ließ ich meinen Blick nur an den lückenlos mit Büchern gefüllten Regalen entlanggleiten.

Mittwoch, 12. Januar 2011

Kommentar Ankunft

Offensichtlich favorisiert Sebald eine Sichtweise, wonach die augenblickliche Verlorenheit und Stagnation im Leben des Selysses auf die Ortsveränderung, die Bodenlosigkeit der Ankunft und die Fragwürdigkeit des neuen Habitats und seiner Umgebung zurückzuführen sind, großblumigen Teppich, Veilchentapete, halbverfallene Anbauten und einem Hinterhof, in dem sich die Ratten tummeln. Kafka ist dagegen oft recht unaufmerksam, was die äußeren Umstände anbelangt, wie es schön ist und wie man es bei uns unterschätzt, schreibt er gern von unterwegs, wir erfahren aber in den meisten Fällen nicht, was er in Wirklichkeit alles gesehen hat. So wischt er denn auch dieses Mal nach dem ersten Nachtschlaf alles Äußere beiseite und führt die Misere auf den körperlicher Zustand des Patienten zurück. Dessen Leib verwandelt sich in ein seltsames Pumpwerk, bis zum Knie vermag er das Blut noch zu treiben, dann aber wird es nur noch mit Greisenkraft in die kalten Unterschenkel gespült, und nun ist es aber schon wieder oben nötig, man muß aber warten, während es sich unten noch verzettelt.
Kafka TB 1911

Kommentar Charlotte

In den Ringen des Saturn schildert Sebald die zarten Liebesvorgänge zwischen dem in England Asyl suchenden Chateaubriand und der Pfarrerstochter Charlotte. Die Amerikavorträge des Vicomte, die er offenbar ganz in der geglätteten Melancholie seiner Indianerschriften hält, verfehlen nicht ihre Wirkung auf das noch junge Geschöpf, das sich zugleich aber, ganz wie Selysses, von unscheinbaren Einzelheiten mehr beeindrucken läßt als von hohen Gedanken ohne auch nur zu wissen, was es ist an bestimmten Dingen und Wesen, das sie manchmal so rührt. Nach einem seiner Besuche wird der junge Mann von Kafka heimbegleitet, und bei dieser Gelegenheit erfahren wir, daß ihm heimlich eine ganz andere Art von Prosa durch den Kopf geht, als seine Schriften vermuten lassen. Niemals hätte er Atala einen Zahnstocher in einen hohlen Zahn führen und ihn dort eine Viertelstunde lang ruhen lassen. Lug und Trug muß man darin nicht sehen, nur steht die Dichtung des Vicomte in einem besonders prekären Verhältnis zur Wahrheit.

Kafka TB 1911

Charlotte

Charlotte

Aus dem Schattenreich
Kommentar

In den Sommermonaten kam öfters ein junger französischer Adeliger zu Besuch, der vor den Schrecken der Revolution nach England geflohen war. Der Vater unterhielt sich mit ihm meist über die Homerischen Epen, über die Rechenkunst Newtons und über die amerikanischen Reisen, die sie beide gemacht hatten. Was für Weiten man dort durchmaß und was für Wälder sich dort ausdehnten mit Bäumen, deren Schäfte höher hinaufragten als die Pfeiler der größten Kathedralen. Charlotte lauschte mit wachsender Hingabe diesen Gesprächen, insbesondere wenn der vornehme Gast phantastische Geschichten ausmalte, in denen federgeschmückte Krieger vorkamen und Indianermädchen, deren dunkle Haut einen Anhauch zeigte von moralischer Blässe. Am liebsten aber war ihr das Bild des Hundes, der mit einer Laterne, die er an einem Stecken trug im Maul, der angsterfüllten Atala vorausleuchtete auf ihrem Weg durch die Nacht und so das in seiner Seele schon zum Christentum hingeneigte Mädchen sicher durch die gefahrvolle Wildnis geleitete. Dergleichen Kleinigkeiten waren es immer, die sie ergriffen, weitaus mehr als die hohen Gedanken. Auf dem Heimweg dann dachte der Vicomte, wie schön Charlotte heute wieder gewesen war. Die eigentlich normale Schönheit der kleinen Hände, der leichten Finger, der gewalzten Unterarme, die in sich so vollkommen sind, daß selbst der doch ungewohnte Anblick dieser Nacktheit nicht an den übrigen Körper denken läßt. Das in zwei Wellen geteilte, vom Kerzenlicht hell beleuchtete Haar. Die ein wenig unreine Haut um den rechten Mundwinkel. Wie zu kindlicher Klage öffnet sich ihr Mund, oben und unten in zart geformte Buchtungen verlaufend, man denkt, daß diese schöne Wortbildung, die das Licht der Vokale in den Worten verbreitet und mit der Zungenspitze die reine Kontur der Worte bewahrt, nur einmal gelingen kann und staunt das Immerwährende an. Niedrige weiße Stirn. Das Pudern, dessen Verwendung ich bisher gesehen habe, hasse ich, wenn aber diese weiße Farbe, dieser niedrig über der Haut schwebende Schleier von etwas getrübter Milchfarbe vom Puder herrührt, dann sollen sich alle pudern. Sie hat gern zwei Finger am rechten Mundwinkel, vielleicht hat sie auch die Fingerspitzen in den Mund gesteckt, ja vielleicht hat sie sogar einen Zahnstocher in den Mund geführt; ich habe diese Finger nicht genau angesehn, es sah aber fast so aus, als hätte sie einen Zahnstocher in einen hohlen Zahn geführt und ließe ihn dort eine Viertelstunde lang ruhen.

Kommentar Bresche

Ein zunächst nicht namentlich Genannter schaut aus seinem Fenster hoch über Paris auf die Stadt. Er will eine Karte schreiben, wird aber abgelenkt durch den Ruf eines Vogels in seinen Bauer auf dem Balkon an der Hausmauer. Die Entdeckung des Tieres freut ihn sehr. Dann läßt er sich ablenken vom Bild auf der Karte, das einen stillen See zeigt, im Vordergrund ganz wenig Schilf, in der Mitte ein Boot und darin eine Frau mit ihrem Kind im Arm. Ob er noch dazu kommt, die Karte zu schreiben erfahren wir nicht, denn nun sehen wir ihn schon, enttarnt als Selysses und begleitet von Marie de Verneuil, die der Frau auf der Karte ähnelt, auf einem Spaziergang durch Paris, der sie zu den Tieren im Zoo führt. Offenbar will Selysses sein Erlebnis mit dem Vogel vertiefen und näher ergründen. Sie betrachten sie eine Damwildfamilie und werden ihrerseits von den Tieren betrachtet, à travers une brèche d’incompréhension. Aber ist diese Kluft des Unverständnisses nicht schon das günstigste Maß unseres Verstehens? Kafka ist dieser Frage in seinen Tiergeschichten nachgegangen und Benjamin wiederum bei Kafka.

Bresche des Verstehens

Kommentar Bibliomanie

Wie alle biologischen Gattungen zerfällt bei näherem Hinsehen auch die Gattung der Bibliophilen in zahllose Arten und Unterarten. Die meisten, sieht man von der Ordnung der gemeinen Lesern mit ihren endlosen Untergliederungen ab, sind zweifellos in der Gruppe der Sammler zumeist kostbarer und seltener Stücke zu finden. Der einsame Besitz des Juwels ist ihre Freude. Kafka macht uns mit einer seltenen, exotischen Art des Bibliomanen bekannt, dem es nicht auf den Besitz und noch weniger auf das Lesen ankommt. Seine Gier zielt darauf, sich durch Betrachtung der bloßen Existenz der Bücher zu versichern. Naturgemäß muß man vor Aufkommen dieser Gier eine gewisse Anzahl von Büchern gelesen haben und wohl auch einige besitzen, so wie man einige Menschen kennen und lieben muß, bevor man Freude haben kann, die Passanten zu betrachten, nachdem man in einem Café auf einem mit marmoriertem roten Plastik bezogenen Küchensessel an einem wackligen Tischchen Platz genommen hat. Selysses - denn niemand anders als er ist der auf so seltsame Art bibliomane Büchernarr - nimmt Platz an einem Fenster der Biblioteca Civica in Verona und ist, ohne aus dem Fenster zu schauen und ohne auch nur ein einziges Wort zu lesen, glücklich.

Kafka TB 1911

Bibliomanie

Dienstag, 11. Januar 2011

Kommentar Großvater

Sebald läßt Dr. Selwyn zurückdenken an seine Jugend in einem weißrussischen Schtetl nahe Grodno. Es sind Bilder aus der Zeit kurz vor und während seiner Ausreise, Bilder, die wir uns zu eigen machen und die uns ergreifen, wir sehen mit eigenen Augen das weite, braune Land, die Gänse im Morast der Bauernhöfe mit ihren gereckten Hälsen und es ist uns, als hätten wir das gleiche Schicksal gehabt. Kafka führt uns weiter zurück in das Leben der Juden, wir sind Zeugen am Totenbett des Großvaters, der einmal am Sabbat bei einem Wunderrabbi in Jekaterinoslaw zu essen sich weigerte, weil ihm das lange Haar und ein farbiges Halstuch des Sohnes jenes Rabbi die Frömmigkeit des Hauses verdächtig machte. Am Sabbat, by stepping away from the world from sundown Friday to sundown Saturday, you return the world to God. You are acknowledging that the world is the Holy One's, blessed is He, to do with it as He will.

Kafka TB 1911

Tod des Großvaters

Tod des Großvaters

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Ich sehe, wie mir der Kinderlehrer im Cheder in einem Dorf in der Nähe von Grodno, den ich zwei Jahre schon besucht hatte, die Hand auf den Scheitel legt. Ich sehe das ausgeräumte Zimmer. Ich sehe mich zuoberst auf dem Wägelchen sitzen, sehe die Kruppe des Pferdes, das weite, braune Land, die Gänse im Morast der Bauernhöfe mit ihren gereckten Hälsen und den Wartesaal des Bahnhofs von Grodno mit seinem freien im Raum stehenden, von einem Gitter umgebenen überheizten Ofen und den um ihm hergelagerten Auswandererfamilien. Ich sehe, Jahre zurück, den Tod des Großvaters, eines Mannes, der eine offene Hand hatte, einige Sprachen kannte, größere Reisen tief nach Rußland gemacht hatte und der einmal Samstag bei einem Wunderrabbi in Jekaterinoslaw zu essen sich weigerte, weil ihm das lange Haar und ein farbiges Halstuch des Sohnes jenes Rabbi die Frömmigkeit des Hauses verdächtig machte. Das Bett war mitten im Zimmer aufgestellt, die Kerzenhalter der Freunde und Verwandten waren ausgeliehen, das Zimmer also voll Licht und Rauch der Kerzen. An vierzig Männer standen den ganzen Tag um sein Bett, um sich an dem Sterben eines frommen Mannes aufzurichten. Er war bis zu seinem Ende bei Bewußtsein und fing im richtigen Augenblick, die Hand auf der Brust, an, die Gebete aufzusagen, die für diese Zeit bestimmt sind. Während seines Leidens und nach seinem Tode weinte die Großmutter, die bei den im Nebenzimmer versammelten Frauen war, unaufhörlich, während des Sterbens aber war sie ganz ruhig, weil es ein Gebot ist, dem Sterbenden den Tod nach Kräften zu erleichtern. Mit seinen eigenen Gebeten ging er hin. Um diesen Tod nach einem so frommen Leben wurde er viel beneidet.