Dienstag, 4. Januar 2022

Wagenschuppen

Fröhliches Beisammensein

Die Bauern und die Holzknechte saßen beim Engelwirt gruppenweise beieinander am oberen beziehungsweise unteren Ende der Gaststube. Für sich allein saß, unbeachtet von allen, einzig der Jäger Hans Schlag – wer würde auch nur ein Pfennig opfern, um bei diesem Gelage dabei zu sein, und umgekehrt, wer würde nicht seinen letzten Pfennig zücken, um an der Festveranstaltung im Wagenschuppen der Freiwilligen Feuerwehr in Bobrowice teilzunehmen? Aber was würde er als anwesender Teilnehmer tatsächlich gewinnen gegenüber Praderas umfassenden und mitreißender Erzählung vom Fest? 
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Tags zuvor hatte Pradera der reizenden Tochter des Försters zuliebe das Kinderfest besucht und zwei Tänze mit dem Kind getanzt, heute will er am Abend die Zabawa, die allgemeinen Lustbarkeiten in Ruhe und Frieden besuchen, ein wenig trinken, ein wenig schauen, vor Mitternacht noch nach Hause gehen, beginnend am frühen Morgen die restlichen Arbeiten beim Holzfällen erledigen und dann seinen Lohn empfangen. Tanzen will er nicht. Getarnt in einer Limonadenflasche hat er Selbstgebrannten dabei, um nicht auf den an der Theke angebotenen kaum trinkbaren Wein angewiesen zu sein. Ein normaler Mensch unter normalen Menschen. Die Dinge entwickeln sich aber nicht ganz so wie geplant. Ein älterer Mann setzt sich an seinen Tisch und beweist in immer neuen Anläufen, daß früher alles besser war, Pradera verweist auf Lenins Ermordung durch die Konterrevolution und nutzt den Überraschungseffekt zur Flucht. In einiger Entfernung erkennt er Kollegen aus der gemeinsamen Waldarbeit, den flinken Peresada und andere. Ein Junge fällt ihm auf, der angelehnt an die Tischbeine am Boden sitzt, die Arme um die Beine gelehnt. Er sitzt regungslos in einer melancholischen Fundamentalposition, schaut und hört so als urteile er über die Welt. Mit aller Strenge. Ohne Nachsicht. Und das ist schrecklich. Denn ohne Nachsicht bleibt kaum etwas. Wenig von dem, das er, Pradera, weiß. Wenig und nur wenige. Von dem, das er kennt und weiß, sehr, sehr wenig.

Inzwischen spielt die Musik und alle tanzen, mit Ausnahme derjenigen, die nicht tanzten, darunter Pradera und die Holzfällerkollegen, an deren Tisch er sich gesellt hatte. Ein reiner Männertisch, an dem fast nur über Frauen gesprochen in der üblichen Art, beklagt wird etwa, daß der Anteil der Frauen mit ordentlichen Brüsten ständig abnehme, für den Spätromantiker Pradera keine Thema, zu dem er etwas beisteuern möchte, er schließt die Augen und denkt an Gałązka Jabłoni, die Angebetete daheim. Ernster als die lockeren Gespräche ist der Fall des Kameraden Kaziuk, von dem es heißt, er liefe draußen unter lautem Geschrei durch die Ortschaft auf der Suche nach seiner wieder einmal der Untreue verdächtigen Frau. Und schon drängen sich die nicht vorgesehenen Vorfälle.

Lachen ist wichtig, so Pradera, man kann nicht oft genug lachen, selbst dann, wenn kein besonderer Anlaß besteht. Zusammen mit einem zufällig auf der Straße getroffenem Passanten habe er, Pradera, der das Lachen liebt, einmal minutenlang grund- und haltlos gelacht, und es war ihnen beiden gut bekommen. Das Lachen der betrunkenen Frau aber, hier im festlich gestalteten Wagenschuppen, dieses Lachen ist häßlich, schmutzig und schrecklich, es verletzt die würdevolle Trauer der kranken Welt. Oft schon habe ihn, Pradera, ein ähnliches Lachen verletzt, vor allem von Frauen, ohne daß er sagen könne, woran es liegt. Und dann, während er noch grübelt, plötzlich ein lautes Klirren, Kaziuk dringt auf unorthodoxe Weise in die Remise ein, indem er mit der Axt eine Fensterscheibe einschlägt und sich so den Weg frei macht. Er heult wie ein Wolf, gdzie ta suuuuuka, wo ist die Huuuure? Peresada, der kleine aber kampfbewährte Mensch, ergreift ohne Zögern die Initiative und schleudert Kaziuk einen Tisch vor die Beine, den dieser sogleich mit der Axt zerschlägt. Siekierezada an anderer Stelle, im Innenraum. Beim Publikum überwiegt schon bald die Neugier gegenüber dem Schrecken, die trunken lachende Frau nimmt eine führende Stellung ein. Der kleine Peresada und der riesige Kaziuk, wie einst David und Goliath. Der nächste Tisch steht schon zum Zerschlagen bereit und so weiter und sofort, bis Kaziuk die Kräfte ausgehen. Nun aber Fajrant (die polnische Kurzfassung des deutschen Feierabend) sagt Peresada freundlich, nimmt Kaziuk die Axt ab, legt ihm einen Arm um die Schulter und führt ihn beiseite. Der Tisch, an den weiter der die Welt verurteilende Junge lehnt, war außerhalb der Gefahrenzone geblieben, die ganze Zeit hatte der Junge weiter geschaut, ohne jedwede Nachsicht, in grausamer Kälte. Warum hatte man ihn nicht längst altersgerecht zum Schlafen geschickt? Die Frage der Sachschadenbegleichung hinsichtlich des zerschlagenen Mobiliars bleibt zunächst ungeklärt, fünf Tische, zwei Sessel und eine Fensterscheibe.

Byli to ci dwaj, zwei feindselige Augenpaare richten sich immer wieder auf Pradera, sollten es die dieselben beiden Männer sein, die Jahrzehnte später in Venedig und in Verona dem Dichter aus dem Allgäu schon mehrfach begegnet waren und bei jeder Gelegenheit zu ihm herüberschauten? Wer kann es wissen. Was haben die zwei an Pradera auszusetzen, sind es die glitzernden Knöpfe an seiner Douglasjacke, oder ist es einfach der Umstand, daß er kein Einheimischer ist? Jedenfalls gilt, wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch, Michał Kątny tritt in Erscheinung und fragt in lässig drohendem Ton für alle hörbar: Soll ich unsere Leute herbeiholen? Die beiden Männer ziehen sich nach kurzem Überlegen wort- und tatenlos zurück. Pradera wird Michał Kątny nach seiner Abreise aus Bobrowice nicht wiedersehen, den Dichters wird er weiter begleiten.

Wäre die Zabawa, die Lustbarkeiten nach Praderas ursprünglichen Wünschen und Erwartungen verlaufen, wäre sie wohl kaum ein eigenes Kapitel wert gewesen. So aber, mit dem Unerwarteten, mit dem ohne Nachsicht die Welt verurteilenden Jungen, mit der das Lachen korrumpierenden trunkenen Frau, mit Kaciuks Siekierezada im häuslichen Innenbereich, mit der fremdenfeindlichen Zwei gibt es erheblich mehr zu erzählen als ursprünglich erwartet, nur ein schwacher Abglanz kann hier wiedergegeben werden. Zusätzlich war im übrigen der Diebstahl von zwei vor dem Wagenschuppen abgestellten Pferden zu beklagen und bei Sonnenaufgang eine Schlägerei zwischen jungen Männern aus Czerniawa und Burschen aus Hopla. Pradera selbst zieht rückblickend in knappen Worten das Resümee. 
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Die Bauern und die Holzknechte saßen gruppenweise beieinander, für sich allein saß der Jäger Hans Schlag, kein Vergleich, so scheint es, mit den ausufernden Lustbarkeiten in Bobrowice. Folgt man allerdings dem Jäger und der Romana in den Holzschopf, sieht es schon anders aus. In derselben Nacht noch zerstört der Engelwirt Sallaba die gesamte Einrichtung der Gaststube, das geht deutlich über Kaciuks Zerstörungsergebnis hinaus. Nährt man ferner den Verdacht, daß der Unfalltod des Jägers kein Unfalltod war, wäre auch das Pradera nachstellende kriminelle Duo übertrumpft. Offenbar versteht man auch im Allgäu Feste zu feiern.

Sonntag, 2. Januar 2022

Heimkehr

Tarnung


Es war ein grausig blutig böses Lohen, vom Wind getrieben durch die ganze Stadt. Zu Hunderten die toten Tauben auf dem Pflaster, das Federkleid versengt. Ein Haufen Plünderer in Lincoln’s Inn. Die Kirchen, Häuser, Holz und Mauersteine, alles brennt zugleich. Am Gottesacker die immergrünen Bäume fangen Feuer. Ein rasend kurzer Fackelbrand, ein Krachen, Funkenstieben und Erlöschen. Des Bischofs Braybrookes Grab ist aufgetan. Ist dies die letzte Stunde? Ein dumpfer, ungeheurer Schlag. Wie Wellen in der Luft. Das Pulverhaus fliegt auf. Wir fliehen auf das Wasser. Um uns der Widerschein, und vor dem tiefen Himmelsdunkel in einem Bogen hügelan die ausgezackte Feuerwand bald eine Meile breit. Und anderen Tags ein stiller Aschenregen – westwärts, bis über Windsor Park hinaus. – Der Erzähler liest im Tagebuch von Samuel Pepys, er selbst ist nicht gefährdet vom Feuer.

Anders ist die Lage für Jan Pradera, er hat es nicht mit der Feuerhitze, sondern mit der Schneekälte zu tun. Der Schneefall wirkt obendrein wie ein Nebel und verbindet sich mit dem Seelennebel, der Vernebelung von innen her, die Pradera immer wieder beklagt. Im letzten Absatz der Siekierezada heißt es dann: Ich war absolut hilflos. Sah mich schon nicht mehr als menschliches Wesen, wer weiß, ob ich mich überhaupt noch als Wesen sah, vielleicht sah ich überhaupt nichts mehr, kniete im Nebel des Schnees und im Seelennebel, wußte nichts mehr, wußte nicht einmal, daß ich zur Vernichtung verurteilt war, zur Auflösung, zum Verschwinden im einen und im anderen Nebel. - Das sieht auf den ersten Blick nicht gut aus, aber wir müssen genauer hinschauen. Kurz zuvor hatten wir noch einmal den in der Erzählung mehrfach wiederkehrenden seltsamen Satz gelesen: Zawsze i teraz abolutnie służy tobie emanuel delawarski: Immer und nunmehr absolut dient dir Emanuel Delawarski. Um die seltsame Mitteilung zu verstehen, muß der Satz einer Reihe von Transformationen unterworfen werden:

Zawsze i teraz abolutnie służy tobie emanuel delawarski.
Z awsze I T eraz A bolutnie S łuży T obie E manuel D elawarski.
ZITA STED
ZITA STachura EDward
Zita Orszyn und Edward Stachura
 
Stachura hat die Tarnverkleidung als Janek Pradera abgestriffen und zur Irreführung im Wald zurückgelassen. Er selbst beeilt sich so sehr er kann und erreicht, anders als Wochen zuvor der im Bahnhof Breslau tödlich verunglückte Zbigniew Cybulski, pünktlich den Zug, der ihn zurückbringen wird zu seinem ein und alles, zu seiner Frau Zita. Wie Sebalds Erzähler und anders als Odysseus will Sted nach langer Trennung beim Wiedersehen mit Penelope niemanden dabei haben. Odysseus kann ohnehin kein Vorbild sein, wenig angetan von der Vielzahl der Gäste in seinem Haus, hat er die meisten  umgebracht.

Mittwoch, 15. Dezember 2021

Zwei Raucher, zwei Dichter

Zwei Dichter, zwei Raucher


Stachura, geboren 1937, Sebald, geboren 1944, die beiden Photos sind wohl mehr oder weniger zeitgleich in den sechziger Jahren aufgenommen worden. Nimmt man an, daß der abgebildete Sebald vielleicht gut zwanzig war, dann war Stachura an die dreißig. Der Roman Cała jaskrawość war fast abgeschlossen, Siekierezada in der Planung, Sebald hatte hingegen den Schritt zum Prosakünstler noch längst nicht vollzogen. Beide waren Raucher, Stachura ein Raucher auch in heute nicht mehr vorstellbaren Lagen. Zu Beginn der Siekierezada sitzt er als Jan Pradera im überfüllten Zug und bemüht sich immerhin, man weiß nicht mit welchem Erfolg, den gedrängt im Gang stehenden Fahrgästen nicht die Hosen oder die Kleider zu verbrennen. Das Anzünden einer Zigarette ist in Stachuras Prosa ein wichtiger Taktgeber, im Vergleich der beiden Photos erscheint er denn auch als der eindrucksvollere Nikotinist. Zahlreiche Photos zeigen auch Sebald mit einer Zigarette, in seiner Prosa verzichtet er auf Zigarettenrauch. Immerhin erwähnt er in einem Gespräch den Rauch, der oft unter der Tür seines Arbeitszimmers hervorquillt.

Eine gegenseitiges Kennenlernen der beiden Raucher und Dichter konnte es nicht geben. Stachura ist 1979, längst noch bevor Sebald die Bühne der Literatur betrat, aus dem Leben gegangen, der qualitative Höhepunkt seines Schaffens lag in den sechziger und frühen siebziger Jahren. Sebalds Kenntnis der polnischen Literatur beschränkte sich im wesentlichen auf Joseph Conrad, immerhin begegnen wir Conrad/Korzeniowski nicht allein im Kongo, sondern auch während einer mehrstündigen Schlittenfahrt mit dem Ziel der Ortschaft Kazimierowska. Ohnehin ist Stachuras Werk, soweit erkundbar, nicht übersetzt worden und damit nur wenigen zugänglich.

Was hätten die beiden bei einer Begegnung voneinander gehalten? Man kann nur raten und läßt es besser sein. Auffällig ist in jedenfalls die Neigung zu schönen Sätze bei Sebald und die entsprechende Abneigung bei Stachura. Bei Kälte etwa, so sagt er, müsse die Prosa frösteln, wie genau das aussehe, könne er auch nicht sagen. Ein wenig zu leicht, so scheint ihm, ein wenig zu schnell und zu glatt erzähle er von der Kälte. Das müsse anders erzählt werden. Nicht so glatt. Nicht so sauber. Das muß gespannter vorgetragen werden. Stotternd durch die vor Kälte zitternden Zähne, und ohne Eleganz niedergeschrieben, so wie die vor Kälte starren Finger. Man kann alles auf elegante Art ersinnen und niederschreiben wie in der schönen Literatur. Das macht keine Mühe. Er möchte das so erzählen, will sagen, es weiterhin so erzählen, wie es ist, wenn es anders ist, wenn die Worte nicht anmutig niederschweben, sondern … hier fehlen ihm, dem Dichter, die Worte. - Die Hilflosigkeit der Worte ist naturgemäß vorgetäuscht, ein Stilmittel, aber nicht unwahr. Kann es andererseits nicht schöne Sätze geben, die ihrerseits das Schöne nur vortäuschen und dabei auf das Grauen schauen? Stachura hat Onetti, auch nicht gerade ein Stilverwandter, ins Polnische übersetzt. Um Sebald hat sich später dann die Übersetzerin Małgorzata Łukasiewicz gekümmert.

Freitag, 10. Dezember 2021

Schlaf und Erwachen

Morgenröte

Überall in den zahllosen Häusern, in Greenwich geradeso wie in Bayswater oder Kensington, liegen die Londoner, anscheinend aufgrund einer vor langer Zeit getroffenen Vereinbarung, in ihren Betten, zugedeckt und, wie sie glauben müssen, unter sicherem Dach. Es scheint sich um eine einheitlicher Schlafformation der Londoner Bevölkerung zu handeln, mit einem einheitlicher Beginn und einem einheitliches Ende, wenn es denn ein Ende gibt. Üblich im Leben der Menschen sind aber unterschiedliche Schlafzeiten, der eine geht früh zu Bett, die andere spät, auch die Schlaftiefe variiert erheblich bis hin zur Schlaflosigkeit auf der einen und verschlafenem Vormittag auf der anderen Seite. Der Erzähler korrigiert sich denn auch, in Wahrheit liegen die vermeintlich Schafenden oft nur niedergestreckt, das Gesicht vor Furcht gegen die Erde gekehrt.

Der polnische Dichter weiß die Gnade und das Glück einer ungestört durchschlafenen Nacht zu schätzen, offenbar war es für ihn nicht das Übliche, sondern die Ausnahme: Ich bin ausgeschlafen, und das ist ein großes Glück. Zehn Stunden habe ich geschlafen, ohne ein einziges Mal aufzuwachen und ohne böse Träume, wenn ich nur wüßte, wem ich dafür danken kann. Ein ungestörter Nachtschlaf ist auch eine wichtige Erleichterung, wenn nicht gar die Voraussetzung für das Erleben des neuen Tags, der neue Tag, ein Geschenk sondergleichen. Aber es ist kein Geschenk, das man achtlos entgegennehmen kann, keineswegs ist der kalendarisch neue Tag immer ein tatsächlicher neuer Tag. Aus der Tiefe des Herzens heraus ist der neue Tag ist zu begrüßen. Auch ihm, Pradera, sei es schon geschehen, wenn auch nicht oft, daß der erste Tag der Woche ein neuer Tag war, der nächste Kalendertag aber sei immer noch der gleiche Tag gewesen, der dritte ebenfalls, erst der vierte Tag sei wieder ein neuer Tag gewesen, der dann folgende wiederum nicht. In der Wochenabrechung hätten sich schließlich anstelle von sieben nur vier tatsächliche Tage ergeben, der erste über drei Kalendertage hin, der zweite normal, der dritte ebenfalls normal und der vierte zwei Tage umfassend. Offenbar ein feler (Fehler), eine Verfehlung im Ablauf, ein Vergessen, eine schlimme Sache, smutna sprawa, dni bezbarwne, puste, besmiłosne, farblose, leere, lieblose Tage. Oft und seltsamer Weise besonders in intellektuellen Kreisen habe er, studierter Hilfsarbeiter in der Forstwirtschaft, ein seltsames andauerndes Pfeifgeräusch vernommen, ein Klage- und Warnsignal der sinnlos verstreichenden Zeit. Ihn habe diese Geräusch aufhorchen lassen und vor weiterem Übel bewahrt. Das Leben nur ein Tag, wie ist denen zu helfen, denen die Begrüßung eines jeden neuen Tages fremd ist?

Dienstag, 7. Dezember 2021

Überdruß

Verschwinden im Schnee


Le Strange war als Offizier an der Befreiung von Bergen-Belsen beteiligt, hat dann den Dienst quittiert und sich über Jahre der Verwaltung seiner Güter gewidmet. Er habe sich dann aber von allem und besonders von den Menschen zurückgezogen und alle Bediensteten entlassen mit Ausnahme der Haushälterin Florence Barnes, die, wie ausgemacht, ihm die Mahlzeiten bereitete und an ihnen teilnahm unter Wahrung absoluten Stillschweigens. Der Rückzug aus dem bürgerlichen Leben mag, verbunden mit anderen Eindrücken und Erlebnissen, eine Spätfolge des Erlebnisses Bergen-Belsen sein. Le Strange empfindet Überdruß weniger am eigenen Leben als an der Menschheit, eine Suizidneigung wie bei den Ausgewanderten ist nicht erkennbar, er stirbt, wie man sagt friedlich, im Alter von siebenundsiebzig Jahren.

Nach Verlesung der Anklageschrift gefragt, ob er sich schuldig bekenne, antwortete der Angeklagte, er könne sich leider noch nicht entscheiden. Der Angeklagte in Nossacks wohl gelungensten Roman Unmögliche Beweisaufnahme hatte ähnlich zurückgezogen gelebt wie Le Strange, die Gesprächsdichte zwischen ihm und seiner Frau  ging offenbar kaum über die zwischen Le Strange und Florence Barnes hinaus. Auch auf dem fraglichen gemeinsamen Spaziergang am Abend des Verschwindens der Frau haben sie so gut wie nicht miteinander gesprochen, aber stumm, so der Angeklagte, waren die miteinander vertraut. Nossack erzählt oft von Leuten, die, mit seinen Worten, nicht richtig dazugehören, der Angeklagte der Unmöglichen Beweisaufnahme kommt in seiner Abwendung von der sogenannten Normalität des Lebens Le Strange nahe. Während aber Le Strange unbehelligt in seiner gewählten Kartause verweilt, wird der Protagonist der Unmöglichen Beweisaufnahme vor Gericht und also unter Menschen gebracht. Zwischen den beiden Parteien, den Juristen und dem Angeklagten, besteht, obwohl beide Seiten sich alle Mühe geben, ein wechselseitiges Unverständnis. Konfrontiert mit dem üblichen Annahmen reagiert der Angeklagte völlig desorientiert. Er kann nur immer wiederholen, seine Frau und er hätten sich in der fraglichen Nacht im Schneetreiben verloren. Dementgegen bestätigt der Wetterdienst, es sei kein Schnee gefallen an diesem Abend. Auf der Grundlage einer Spielart der Quantentheorie ist beiden Recht zu geben, dem Wetteramt und dem Angeklagten, es hat geschneit und es hat nicht geschneit, fasziniert und hilflos sehen wir mit eigenen Augen, wie die Frau im Schneegestöber verschwindet. Der im Zusammenhang damit nicht weiter bedeutsame Gerichtsbeschluß bleibt uns vorbehalten, das Protokoll bricht ab, mitten auf der Seite, mitten im Satz.

Montag, 6. Dezember 2021

Namenlos

Bleich

Der Erzähler ist ohne Namen, ab und zu scheint es, als würde er den Namen des Autors teilen, aber darauf ist kein Verlaß. Wer uns sonst noch begegnet in den Erzählungen, ist meistens mit einem Namen versehen, Selwyn, Malachi, Altamura, Luciana Michelotti, viele noch. Oft sind die Begegnungen zu kurz und die Situation ungeeignet für einen Namensaustausch, man denke etwa an die Napoleoniden in der Casa Bonaparte oder an die Franziskanerin und das Mädchen mit einer aus vielen farbigen Flecken geschneiderten Jacke im Zug nach Mailand. Wenn man den Namen kennt, ist die Angelegenheit oft vorläufig erledigt, bereit für eine vorübergehende oder dauerhafte Ablage. Die Franziskanerschwester und das Mädchen mit der vielfarbigen Jacke sind auf dem Mailänder Bahnsteig sofort verschwunden, so wortlos, wie sie es bereits während der Fahrt waren, jeglicher Ablagemöglichkeit entwichen. Schön wäre es, die Namen zu kennen, man wünscht sie sich herbei. Auch der Erzähler in Nossacks Roman Nekyia, ein Buch ohne jede Namensnennung, schützt Interesse an den Namen vor. Wenn ich, so heiß es, die Namen dieser Männer und Frauen noch wüßte, brauchte ich sie nicht so langatmig zu beschreiben. Der Autor aber teilt die Ansicht seines Erzählers nicht, Namenlosigkeit ist die Grundlage für alles andere. Dafür, daß sie Welt ein lehmiges Meer ist, dafür daß kein Unterschied zwischen Leben und Tod besteht, daß die Welt farblos ist, bleich, das gleiche Licht bei Tag und bei Nacht, wenn es denn noch Tag und Nacht gäbe, daß die Uhren nicht zwischen der Stunde und der Sekunde unterscheiden können, daß man auf dem Weg vergißt, warum man ihn geht, daß gar kein Wind weht. Eine Katze sitzt ein wenig abseits und starrt unbeweglich auf etwas im Moor, sie sieht die Welt so, wie sie sie immer gesehen hat.

Freitag, 3. Dezember 2021

Mittelalter in der Neuzeit

Tanz durch die Weltalter


Die Vergangenheit verschwindet nicht in der Gegenwart, auch wenn das immer wieder gewünscht wird: Zweifellos handelte es sich bei der öffentlichen Prosektur des Aris Kindt einesteils um eine Demonstration des unerschrockenen Forschungsdrangs der neuen Wissenschaft, andernteils aber, obzwar man das sicher weit von sich gewiesen hätte, um das archaische Ritual der Zergliederung eines Menschen, um die nach wie vor zum Register der zu verhängenden Strafen gehörende Peinigung des Fleisches des Delinquenten bis über den Tod hinaus. Die Spur des Blutes ist in der Neuzeit nicht dünner als zuvor, aber nicht nur Blutspuren führen vom Mittelalter in die Gegenwart, immer wieder kreuzen die Pfade San Giorgios und des Jägers Gracchus die gepflasterten Straßen, Gracchus vornehmlich in Riva, aber auch im Bahnhofspissoir von Desenzano der in einem Hinterhaus in Verona, San Giorgio etwa an am Ende der Friedhofsmauer in W., vornehmlich aber im Konsulat zu Mailand. Nun aber scheinen die frühmittelalterlichen, eher spätantiken Gestalten am Ende ihrer Wege angekommen. Gracchus, erkennbar an der eintätowierten Barke am Arm des verunglückten Jägers Schlag, in den er sich verwandelt hat, erreicht endlich den ersehnten Tod, San Giorgio als Hochseilartist mit Familienanhang ist endlich von der Verpflichtung des Heiligseins befreit. Nicht daß man aufatmen könnte, das Ziel erreicht sei. Die Straßen haben anderes mit uns vor. Die Maschinen haben begriffen, daß man nicht mehr schlafen darf, in der Brandung des Verkehrs entsteht das Leben, das nach uns kommt und das uns langsam zugrunde richten wir, so wie wir das langsam zugrunde richten, was vor uns war. Die Blutspuren werden nicht verblassen.