Dienstag, 3. Mai 2022

Gehen

Überforderung

 

In Wien hat er niemanden, mit dem er reden kann. Bekanntlich hat kein Mensch mit enormen Schuhverbrauch so viele Wiener Straßen durchlaufen wie Wertheimer, aber auch er, der Namenlose, macht sich jeden Morgen auf und legt auf sich gestellt in der inneren Stadt end- und ziellose Wege zurück. Hätte er einen Gefährten, wäre der Verlauf wohl ein anderer. Ein anderer Namenloser macht seine Wege an jedem Montag in der Begleitung von Karrer und an jedem Mittwoch in der Begleitung von Oehler, inzwischen, nachdem Karrer in die Irrenheilanstand eingewiesen wurde, begleitet er Oehler auch am Montag. Es ist ein philosophisches Gehen, anders als beim einsamen Gehen stellt sich keine optisch wahrnehmbare  Verwahrlosung ein, abgetretenes Schuhwerk etwa. Nach einem kurzen Meinungsaustausch etwa über den Vorrang flacher oder stiefelähnlicher Schuhe übernimmt allein Oehler das Zepter, er referiert auch Karrers Einlassungen aus der Zeit vor seinem Irresein, der namenlose Begleiter bleibt so gut wie stumm. Auch der Dichter hörte Austerlitz und anderen Bekanntschaften zu und schwieg selbst weitgehend, auf das Denken kommt es an, weniger auf das Sprechen. Soviel ist unbestreitbar: Kein wahres Gehen ohne Denken, kein wahres Denken ohne Gehen, das hatten schon Platon und Aristoteles durchschaut. Dabei fügt sich das Gehen keineswegs harmonisch in das Denken oder umgekehrt, das Denken in das Gehen, Gehen und Denken beeinträchtigen sich gegenseitig, konzentriertes Gehen stört das Denken, intensives Denken beeinträchtig das Gehen, damit muß man sich abfinden und nicht etwa auf das Denken oder aber das Gehen verzichten. Zudem fragt man sich, ob die fünf gehfreien Wochentage, Sonntag, Dienstag, Donnerstag, Freitag und Samstag, zugleich auch denkfreie Tage sind, wie sollte man sich diese Denkunterbrechung vorstellen? In jedem Fall ist das mit Gehen unterlegte Denken dem reinen, einsamen und gedankenlosen Gehen weit voraus, siehe den orientierungs- und gedankenlos durch Wien wandernden Dichter. Bei Karrer war es wohl eher eine Überstrapazierung  des Denkens als des Gehens, Ludwig Wittgenstein und Ferdinand Ebner waren die Stichwortgeber, denen er letztlich nicht gewachsen war. Generell ist der Mensch ist weder seinem Denken noch seiner Gedankenlosigkeit gewachsen. Oehler sieht die Zukunft der Menschheit allein im vollständigen und restlosen Geburtenabbruch. Auch der Dichter imaginiert immer wieder das Verschwinden der Menschheit, und in seiner Prosa ist die wahrnehmbare Geburtenzahl niedrig, derart harsche Maßnahmen wie Oehler sie plant bringt er aber nicht ins Spiel. Er selbst ist allein und bloß mit den Dohlen in den Anlagen vorm Rathaus und mit einer weißköpfigen Amsel, die mir den Dohlen um seine Weintauben kam, hat er einiges geredet. Oehler und der Namenlose haben vergessen, ihr Vogelfutter an die Vögel unter der Friedensbrücke zu verfüttern und verfüttern es jetzt eilig im Park in der Klosterneuerburgerstraße, in kurzer Zeit ist das Vogelfutter hier aufgefressen, weitaus schneller als unter der Friedensbrücke, je nach der Umgebung reagieren die Vögel unterschiedlich. Auf ein Gespräch mit den Vögeln, und seien es auch nur wenige Sätze, lassen sich Oehler und der Namenlose nicht ein.     

Alte Meister

Zwei Fachleute am Werk

Nie sucht der Dichter ein Kunstmuseum oder einen vergleichbaren Ort auf, um die Gesamtheit der Exponate ins Auge zu fassen, nie auch wird er von anderen Freunden der Kunst gestört oder behelligt, er ist allein mit je einem Bild. Dem widerspricht nicht, daß die Italienreisen nicht zuletzt Bilderreisen sind. Das erste Bild, das er in Italien sieht, sieht er nicht in einem Museum oder in einer Kirche, sondern in der eigenen Vorstellung, als er mit dem Zug durch das Friaul fährt: Tiepolos Santa Tecla libera Este della peste. Zur Linken, knieend, die heilige Thekla, in ihrer Fürbitte für die Bewohner der Stadt, das Gesicht aufwärts gekehrt, wo die himmlischen Heerscharen durch die Luft fahren und uns, wenn wir hinsehen wollen, einen Begriff geben von dem, was sich über unseren Köpfen vollzieht. In Verona sucht er die Chiesa Sant’ Anastasia auf, um ein Fresko Pisanellos zu betrachten, in Padua die Kapelle des Enrico Scrovegni für die Fresken Giottos und, schon auf der Rückfahrt, in London die Nationalgalerie für Pisanellos Bild San Giorgio con cappello di paglia. Die Bilder werden keine Bildbeschreibung unterzogen, sind aber Ausgangspunkt für Bilderzählungen. Es ist unterstellt, daß es sich um künstlerisch hochwertige Bilder handelt, jenseits einer ausdrücklichen Bewertung, die Bilder stehen untereinander nicht in Konkurrenz. Reger sitzt jeden zweiten Tag für mehrere Stunden im Bordone-Saal des Kunsthistorischen Museums auf der samtbezogenen Sitzbank gegenüber Tintorettos Weißbärtigen Mann. Es gibt weder eine Bildbeschreibung noch eine Bilderzählung und auch keine klare Begründung für die Vorzugsstellung des Tintorettobildes. Reger räumt ein, daß auch der Weißbärtige Mann nicht makellos ist, allerdings der Makellosigkeit näher als jedes andere ihm bekannte Gemälde. Viele Bilder werden nicht beurteilt, sondern verurteilt, nur vereinzelt gibt es Freisprüche. In einer Art Wettkampf treten die Maler oft zu zweit oder zu mehreren an, El Greco sei kein wirklich großer Maler, heißt es, kein allererster Maler, wie Goya, Analysen, die das belegen könnten, unterbleiben. Es scheint, als könne Goya den zweiten Platz nach Tintoretto besetzen. Dürer tritt allein auf und findet kein einziges gutes Wort, vielmehr Schmähungen. Nicht nur Maler werden be- und verurteilt, auch Musiker, Literaten und Philosophen. Der übergreifende negative Ehrenplatz ist Heidegger nicht zu nehmen. Reger äußert sich so abfällig, daß Heideggers Erben möglicherweise Rechtsmittel einlegen könnten. Der Dichter äußert sich bei aller Abneigung gegen Heidegger um einiges kultivierter.