Mittwoch, 10. August 2022

Kiowaland

Great Plains

 

Seine Abneigung gegenüber den Vereinigten Staaten hintanstellend, überquert der Dichter in Familienangelegenheiten, vordringlich den Onkel Adelwarth betreffend, mehrfach den Atlantik, ohne aber einen Einblick in die ethnische Vielfalt des Landes zu erlangen, da war es schon ein Glück, auf dem State Highway 17, ermöglicht durch den in diesem Land üblichen zeitlupenhaften Überholvorgänge, während der Fahrt von Auto zu Auto mit einer Negerfamilie und insbesondere mit den schwarzen Kindern Freundschaft schließen zu können. Für eine Begegnung mit den ursprünglichen Amerikanern, den sogenannten indigenen Völkern, reichten seine Aufenthalte nicht. Hätte er in Vorbereitung seiner Reise die Bücher seines Kollegen N. Scott Momaday gelesen, Scott Momaday, dessen Gene überwiegend Kiowa-Gene sind, Indianer zu 7/8, wie amtlich notiert wurde, dann wäre wohl noch Zeit gewesen, die Great Plains und besonders den seinerzeit von den Kiowa beanspruchten Teil des Landes zu besuchen. Man konnte hier nicht von Entfernungen im üblichen Sinne sprechen, es war ein undefinierter Raum, dem Auge zugänglich aber nicht aufschlüsselbar. Man sah den Horizont, so weit entfernt er auch sein mochte und wußte, man kann ihn nicht erreichen, er läuft immer weit voraus. Genau das war das Geheimnis und die Stärke der Plains. Was mochte es für die Vorfahren der Kiowa bedeutet haben, zunächst dieser große Getreideozean, und dann plötzlich tausend Pferde, die sie ihr Eigen nannten, das ganze gekrönt von Millionen Büffel, die auf dem Gelände lebten. Für ein Volk, das tausende von Jahren nach der Art nomadischer Jäger gelebt hatte, mußte die Möglichkeit, auf einem Pferderücken zu sitzen, uralte und wagemutige Träume erfüllt haben. Nur mit Abneigung, wenn nicht gar Ekel konnte man später auf die Straßen und städtischen Ansiedlungen schauen, die sich inzwischen eingestellt hatten, gemein und häßlich, unwürdige Eindringlinge in die zuvor unberührten Plains. Egal, der magische Augenblick war gekommen und war dann vergangen, aber er war dagewesen, es hatte diesen Augenblick gegeben.

Dienstag, 9. August 2022

Bahnwärterhäuschen

Situationsbedingte Blickwinkel


Bahnwärterhäuschen zählen zu den menschengrechten Bauten unterhalb des Normalmaßes, allerdings sind auch sie abhängig vom jeweiligen Blickwinkel, von Friedens- und Kriegszeiten. Die Engländer in ihren sogenannten Lightnings beschossen die Lokomotive und töteten den Lokführer und waren wieder weg. Die Maschinen brannten aus, die Lokführer wurden immer in das nächstgelegene Bahnwärterhäuschen gebracht und dort abgelegt. Man konnte sie durchs Kellerfenster beobachten, mit durchschossenem Schädel oder völlig zerschlagenem Kopf. In der Erinnerung sieht man die tiefblaue Eisenbahneruniform mit zerfetztem Eisenbahnerkopf hinter dem Kellerfenster, der Umgang mit den Toten war zu einem alltäglichen geworden und kann es alsbald wieder werden.  

Donnerstag, 4. August 2022

Künstlerleben

Einebnung


Der Staub, der sich unablässig niedersenke in seinem Atelier, sei ihm so ziemlich das Liebste in der Welt, so der Maler Aurach. Da er die Farben in großen Mengen aufträgt und sie im Fortgang der Arbeit immer wieder von der Leinwand herunterkratzt, ist der Bodenbelag bedeckt von einer mehrere Zoll dicken mit Kohlestaub untermischten und bereits verkrusteten Masse. Es wundert immer wieder, wie er gegen Ende des Tages aus den wenigen der Vernichtung entgangenen Linien und Schatten ein Bildnis von großer Unmittelbarkeit zusammenbringt, das er unfehlbar an darauffolgenden Morgen wieder auslöscht. Bei dem Maler Aurach handelt es sich zweifellos um eine Sisyphosgestalt, bekanntlich hat sich inzwischen herausgestellt, daß Sisyphos ein glücklicher Mensch war. Im Kunstbereich  spricht man eher wohl von einer weitgehenden Einebnung von Glück und Unglück, Glück und Unglück sind nicht klar unterscheidbar. Seine Mittagsmahlzeit nimmt Aurach regelmäßig im Wadi Halfa ein, eine Einrichtung vermutlich ohne jede Lizenz in den Kellerräumen eines ansonsten unbewohnten, vom Einsturz bedrohten Hauses. Der Koch, dem Sagen nach ein nahezu achtzigjähriger, an die zwei Meter großer einstmaliger Massaihäuptling, ist bekannt für seine grauenvollen, halb englischen, halb afrikanischen Gerichte. Für die übliche Menschheit ist es ein Ort des Niedergangs, für Aurach ist es ein Ort des Glücks. Ihn, den Maler Aurach, würde der bloße Gedanke an ein sogenanntes Sternerestaurant während der Mittagspause mit Grauen erfüllen. Vielleicht, wenn er sich einmal eine längere Auszeit von der Kunst nähme, könnte es anders aussehen, aber damit ist nicht zu rechnen. Der Famulus, um von ihm zuerzählen, erhält von seinem Vorgesetzten den ganz unüblichen Auftrag, dessen Bruder, den Kunstmaler Strauch, in Weng, seinem derzeitigen Aufenthaltsort, zu beobachten und über seine Lebensführung zu berichten. Der Kunstmaler Strauch schätzt sich selbst als einen guten Maler ein, hat die Malerei aber längst aufgegeben und die noch vorhandenen Gemälde zerstört. Ursprünglich hatte er ein sogenanntes Künstlerleben geführt, Freunde haben ihn besucht, sich für eine Stunde oder länger zu ihm hingesetzt. Die Jugend kam, um gegen das Alter zu randalieren, das Alter kam, um gegen die Jugend zu randalieren. Eine ganze Besitzergreifergeneration, wie er sagt, hatte sich um ihn versammelt. Plötzlich aber verschwanden die Leute, verschwand die Kunst aus ihm. Zu seiner Kunst äußert er sich jetzt kaum noch. Er habe nur im Finsteren malen können, läßt er immerhin wissen, in völliger Finsternis, aber jetzt male er ja nicht mehr. Bevor er angefangen habe mit einem Bild, sei er tagelang durch die Stadt gelaufen, von einem Kaffeehaus ins andere, von einem Bezirk in den anderen. Ganze Nachmittage hockte er sich auf Bahnhöfe, häßliche Bahnhöfe. Schließlich fuhr er in sein Atelier hinauf, direkt in die Finsternis hinein. Das Bild entstand von selbst. Glaubte er, sein Bild sei fertig, zog er die Vorhänge zurück, das Licht blendete ihn, er konnte zunächst nichts sehen. Mehr wird zu seiner Kunstausübung nicht gesagt. Nur nach und nach sah er, daß es nichts war, gleichwohl wurden seine Bilder immer gut kritisiert. Auf dem Weg von Oberjoch nach W. hält der Dichter Rast in der Krummenbacher Kapelle. Er betrachtet die von ungeschickter Hand gemalten armseligen Kreuzwegstationen und denkt an Tiepolo, der im Herbst 1750 mit seinen Söhnen über den Brenner gezogen ist, möglicherweise auch über das Oberjoch, um schließlich die Würzburger Residenz zu erreichen. Für Calasso († 2021 ) war Tiepolo der Gipfel und das Ende der großen europäischen Malerei, nach ihm habe es vermehrt nur noch Nervositäten und schräge Wege zum Erzielen von Aufmerksamkeit gegeben. Würde der Maler Strauch dem widersprechen? Der Krummenbacher Maler der vierzehn kleinen Kreuzwegstationen hatte sich immerhin wohl ebenso gemüht wie Tiepolo mit dem großen Deckengemälde im Treppenhaus der Residenz. Beide waren Auftragsmaler, hatten Vorgaben, waren entlastet, der Kunst nicht unmittelbar ausgeliefert. Malerei ohne Licht kam für sie nicht in Frage, eine regelmäßige Zerstörung des Erreichten am Tag darauf kam aus verständlichen Gründen nicht in Betracht.

Mittwoch, 3. August 2022

Sprachwunder

Diné

Eine Zeitlang lebte Novelli in der grünen südamerikanischen Wildnis und arbeitete unter anderem am Lexikon einer fast nur aus Vokalen und vor allem aus dem in unendlichen Variationen betonten und akzentuierten Laut A bestehenden Sprache, von der bislang nicht ein einziges Wort verzeichnet war. Bewegt man sich um einiges weiter nach Norden hin zur Navajo Reservation, ist die sprachliche Situation kaum durchsichtiger. Man schaut auf das immerhin vorhandene Schriftbild dieser sogenannten Sprache und kann nicht erkennen, daß hier verständliche Dinge zu Papier gebracht wurden, man stolpert durch die Zeilen. Vom vermuteten Klang der Sprache mag man gar nicht sprechen, auf fast jede Silbe folgt offenbar ein Glottisverschlußlaut, der jeweils folgende Glottisverschlußlaut will den vorausgegangenen geradezu überlagern. Schaut man noch genauer hin und erfährt, wie die Navajosprache ihre Substantive generiert, ganz zu schweigen von den Verben, möchte man auch Muttersprachlern abraten, sich länger als drei Minuten im heimischen Idiom zu bewegen, Hirnschäden scheinen jenseits dieser Zeitgrenze unvermeidbar. Und dann hört man Joe Shirley, den seinerzeitigen Präsidenten der Navajo Nation. Die Wörter bewegen sich in seinem Mund wie in Samt gehüllt, fast möchte man sagen lautlos, jedenfalls musikalisch sanft, die Glottisverschlußlaute sind von zarter Rhythmik, Verständnisschwierigkeiten irgendwelcher Art gibt es offenbar nicht, man möchte nie wieder eine andere Sprache hören als diese, kein Englisch, kein Deutsch, nicht einmal Russisch. Wie es heißt, referierte Shirley bei seinem Auftritt über politische Themen und insbesondere über Budgetschwierigkeiten. Das Publikum lauschte gespannt.