Donnerstag, 1. September 2022

Auferstehung

Himmelfahrt heute

 

Malachio, studierter Astrophysiker, sieht nicht nur die Sterne aus der größten Entfernung. In letzter Zeit hat er viel über die Auferstehung nachgedacht, zumal über die Bedeutung des Satzes, demzufolge unsere Gebeine und Leiber von den Engeln dereinst übertragen werden in das Gesichtsfeld Ezechiels. Er äußert sich dahingehend, daß er Antworten nicht gefunden habe, aber es genügten ihm auch schon die Fragen. Man kann davon ausgehen, daß Malachio, was die Auferstehung anbelangt, nicht vordringlich vom Eigeninteresse, der Hoffnung auf ein eigenes ewiges Leben geleitet ist. Er wird bemerken, daß die Engel und Ezechiel ihre Chance inzwischen vertan haben. Bei einer schnellen Reaktion hätten die Auferstandenen auf der Erde untergebracht werden können, inzwischen geht die Zahl der Ewigkeitsaspiranten in die zig Milliarden und damit weit über das erträglich Maß auf Erden hinaus. Beschränkungen aufgrund fehlender Taufe sind in einer modernen und demokratischen sowie antirassistischen Gesellschaft, auf die wir stolz sind, nicht mehr möglich, jede und jeder hat ein Anrecht auf Auferstehung. Aber sollen die Auferstandenen überhaupt auf der Erde untergebracht werden, an der Seite der Lebenden, soll das zweite Leben nicht vielmehr im Himmel, sprich im All stattfinden? Stanisław Lem hat unter neuzeitlichen Bedingungen mit dem Roman Solaris den Weg gewiesen. Der Stern Solaris, so Lems Erzählung, ist von einem Ozean bedeckt, der Merkmale eines genialen Lebewesens hat, insbesondere vermag er Lebendkopien toter Menschen erzeugen. Die Kopien sind allerdings instabil und für ihre andauernde Existenz bislang noch auf das Zusammenleben mit einem normalen Sterblichen angewiesen sind. Eine Verselbständigung und Konsolidierung der Kopien könnte in einem weiteren Schritt die umfassende Wiederauferstehung der bereits verstorbenen und künftigen Menschheit einleiten. Viele Fragen aber haben noch keine Antwort, die Technik ist noch nicht ausgefeilt. Als erster Schritt müssen die Menschenkopien zu selbständigen, unabhängigen, auf besondere Hilfe nicht angewiesene Menschen weiterentwickelt werden. Danach muß die Zahl der möglichen Aspiranten geschätzt werden, ein Überblick über die in das Gesichtsfeld Ezechiels zu rückenden und einigermaßen erhaltenen Gebeine und Leiber sowie eine Kopierung und Wiedererweckung dieser Toten dürfte dem denkenden Ozean nicht schwerfallen. Hilfreich ist für spätere Zeiten die namentliche Nennung der von Ezechiel nicht mehr erfaßten Toten auf den Friedhöfen. Wie ist die Erweckungskapazität des Ozeans einzuschätzen, welche Totenmengen kann er bewältigen? Ist es angebracht und lohnend, nach weiteren lebenden und unterstützungsfähigen Ozeanen zu forschen, czy nie ma więcej takich planet? Wie unterscheiden sich die Auferstandenen von den auf herkömmliche Weise Geborenen? Wo ist der angemessene Aufenthaltsort für ihr ewiges Leben? Wie nachhaltig ist die Erweckung, sind ähnlich wie beim Impfen immer wieder Auffrischungen erforderlich? - Lem läßt das Unternehmen Solaris schließlich scheitern und damit zunächst auch die Hoffnung auf unser aller ewiges Leben. Nichts weißt übrigens darauf hin, daß Malachio das Buch gelesen hat.

Rainy Mountain

Hervorkommen 

Den November verbrachte er in einem oberhalb von Bruneck, am Ende der Vegetation gelegenen Hotel. Eines Nachmittags tauchte, wie es schien, der Großvenediger auf eine besonders geheimnisvollen Weise aus einer grauen Schneewolke auf, tatsächlich aber setzte alsbald Regen ein. Ein Regengebirge also, keineswegs aber verwechselbar mit dem Rainy Mountain, dem mythischen und realen Herkunftsort der Kiowa. Scott Momaday, selbst ein spätegeborener und heute noch lebender Sohn des Stamms, erzählt in der Form von vierundzwanzig mythischen Gegebenheiten das goldenen hundertjährige Zeitalter der Kiowa. Seine Großmutter Aho hatte die gute Zeit noch in ihremr Jugend erlebt. Alles was ist, hatte seinen Beginn, und so war es auch hier, in der Gegend des Rainy Mountain gekommen. Die Kiowa kamen einer nach dem anderen durch einen hohlen Baumstamm nach oben kletternd zur Welt. Ihre ursprüngliche Zahl war weit größer als heute, aber nicht alle konnten herauskommen ans Licht, eine schwangere Frau saß fest in dem Baumstamm, konnte weder vor noch zurück und versperrte den Ausstieg. Auch später konnte niemand mehr durch den Baumstamm an die sichtbare Welt gelangen, und so sind die Kiowa ein kleiner Stamm geblieben. Sie schauten nach allen Seiten und sahen die Welt. So viele Dinge zu sehen, machte sie glücklich. Sie selbst nannten sie Kwuda, die Hervorgekommenen. Wie gesagt, dreiundzwanzig weitere mythische Erinnerungen erinnern an die ursprüngliche Lebensweise (kynkoum-gy) der Kiowa, die heute in ihrer traditionellen Form nicht mehr anzutreffen ist. Östlich vom Haus meiner Großmutter, so der Erzähler, wurde eine Frau in einem schönen Kleid beerdigt. Der Großvater wußte, wo das Grab war, aber nun weiß es niemand mehr. Wenn du auf der Veranda vor dem Haus stehst und nach Osten schaut, weißt du, daß die Frau irgendwo in Sichtweite der Veranda beerdigt wurde. Das Grab ist aber nicht markiert. Sie wurde in einem Sarg begraben und trug ein schönes Kleid. Wie schön es war! Es war ein Wildlederkleid, dekoriert mit Elchzähnen und Perlenstickerei. Das Kleid ist immer noch da, unter der Erde.