Mittwoch, 11. Januar 2023

Nebel

 Keine Umkehr

Man folgt ihm. In Wien folgt man ihm auf seinen Wegen  in der Leopoldstadt, in der inneren Stadt und in der Josefstadt, end- und ziellose Wege und wieder zurück. Nach einer scharfen Rasur beim Bahnhofsbarbier tritt er in Venedig auf den Vorplatz der Ferrovia Santa Lucia und trinkt schließlich in einer Bar an der Riva seinen Morgenkaffee. In Verona macht er die Bekanntschaft eines hellfarbigen Hundes, der sich ihm anschließt. Als er dann Corso Cavour überquert, bleibt der Hund an der Bordsteinkante zurück. Er schaut sich nach ihm um, und wäre um ein Haar überfahren worden. Die Oktoberwochen verbringt er die in einem Hotel weit oberhalb von Bruneck, was er dort betreibt, erfährt man nicht, man kann ihm dorthin nicht folgen. Er habe den Winter nicht länger abwarten können, heißt es. Von den Einzelheiten des Wintervergnügens erfährt man dann aber weiter nichts. Eines Nachmittags dann, als der Großvenediger auf eine besonders geheimnisvolle aus einer grauen Schneewolke auftaucht, beschließt er, vom Nebel befreit, die Welt vor sich, seine Reise zu beenden. Wer ihn in dem Hotel weit oberhalb von Bruneck empfangen hatte und von wem er sich jetzt verabschiedet, erfährt man nicht. Pradera, weit entfernt von Bruneck, verändert seinerseits Maria Rodziewiczownas Romantitel Lato leśnych ludzi (Sommer der Waldleute) der Jahreszeit entsprechend in Zima leśnych ludzi (Winter der Waldleute). Er ist Waldarbeiter im Winter, wohl des Lohns wegen konnte er das Frühjahr nicht abwarten. Immer wieder steigt ein Nebel vor ihm auf, nicht der meteorologische Nebel, sondern ähnlich den Schwindelgefühlen, ein Nebel, mgła, des seelischen Befindens. Nicht der Winter hat den Nebel verursacht, sondern Cybulskis Todessprung und der Umstand, daß die Uhren sich nur in eine Richtung bewegen können und eine Umkehrung nicht möglich ist. Am Ende verbindet sich der Nebel, mgła, dann doch mit dem Schnee und der Kälte, es sieht nicht gut aus für Pradera, die Lage ist kritisch.

Sonntag, 8. Januar 2023

Essen in Gaststätten

Sult

Er weiß nicht, wie er sich in den fremden Städten die Lokale aussuche, in die er einkehrt. Einerseits ist er zu wählerisch und geht stundenlang durch die Straßen und Gassen, ehe er sich entscheiden kann; andererseits gerät er meistens wahllos einfach irgendwo hinein und verzehrt dort in trostloser Umgebung und unter Unbehagen ein ihm in keiner Weise zusagendes Gericht. Einiges spricht dafür, daß er dieses Unglück nicht als Unglück verbucht, hatte er doch schon als junger Mensch unter der Anleitung von Aurach, der täglich zur Mittagszeit die Gaststäte Wadi Halfa aufsuchte, die dort verabreichten stets grauenvollen, halb englischen, halb afrikanischen Gerichte kennen und schätzen gelernt. Kulinarische Genüsse sind nicht das Gebiet des Geistesmenschen, erlaubt ist allenfalls die Erinnerung an Kindheit und Jugend, der gealterte Proust hatte seinerzeit verboten, ihm seine ursprünglichen Lieblingsspeisen vorzusetzen, weil sie ihm nur die Erinnerung an diese Genüsse der Jugend verdarben. In anderen, östlichen Ländern mag die Unterscheidung von Kost und Feinkost weniger relevant sein, die Menge ist ein wichtiger Faktor. Pradera bestellt in der Hoplanka Eisbein in Fleischbrühe, eine doppelte Portion Kartoffeln, eine doppelte Portion Kraut, Senf und zwei gesäuerte Gurken und läßt die über die Nahrungsfülle staunende Serviererin wissen, er könne ohne weiteres zum Nachtisch auch sie noch vernaschen. Diese Wortwahl, so erläutert er, sei nicht sein Dialekt, nicht sein Stil, hungrig wie er ist, geht es ihm allein um die Schnelligkeit. Es liege weitgehend in der Hand der Serviererin, ob das Essen nach einer Viertelstunde, einer halben Stunde oder gar erst nach einer Stunde kommt. Ein va banque Spiel, aber er hat den im vorliegenden Fall richtigen Ton gefunden, das Essen kommt schon nach zehn Minuten. Nun ist Ruhe. Er war hungrig, ißt aber nicht etwa gierig oder schnell, so daß er die Sauce vergossen oder die Kartoffeln über den Tellerrand geschoben hätte, die dann, wie es in manchen Filmen vorkommt, auf den Tisch oder gar unter den Tisch gerollt wären. Es gibt sicher verschiedene Weisen zu essen, er jedenfalls ißt kultiviert, würdig. Er ißt mit Bedacht restlos alles und steckt sich dann, wie seinerzeit üblich, zur Krönung des Genusses eine Zigarette an.

Freitag, 6. Januar 2023

Pradera

Prasera

In seinen vier Büchern tritt ein und der selbe Icherzähler auf, er ähnelt dem Autor in vielen Dingen , dann aber auch wieder nicht, so daß die Leser keine zuverlässige Kenntnis seines Namens haben. In Austerlitz scheint es oft, als seien zwei Icherzähler tätig, der namenlose und eben Austerlitz, die man, wenn die Aufmerksamkeit nachläßt, nicht immer verläßlich unterscheidet. In der Siekierezada treffen Pradera und Peresada einander, beide beanspruchen in ihrem Namen denselben Eingangslaut und sodann dieselben Vokale und Konsonanten, mit Ausnahme des Peresada vorbehaltenen S. Wiederum eine harte Beanspruchung der Leser, die zwar nicht die beiden recht unterschiedlichen Protagonisten verwechseln, womöglich aber immer wieder die Namenszuordnung: wer war grad noch mal Peresada und wer Pradera? Dem Autor wird das nicht entgangen sein, ihm ist Absicht zu unterstellen, was aber hat er sich gedacht, was war sein Ziel? Vermutlich nichts tiefschürfendes, eher ein Spaß.

Dienstag, 3. Januar 2023

Bibliotheksbesuche

Unterschiedliche Ansätze

Gleich nach der ersten Übernachtung in Verona sucht er die Bibioteca Civica auf, um sich den Tag über seinen Recherchen zu widmen. Zwar weist eine Notiz am Eingang darauf hin, daß die Bibliothek die Ferienmonate über geschlossen sei, gleichwohl ist die Eingangstür geöffnet. Nach längerem Suchen findet er den Lesesaal und im Saal einen Bibliotheksangestellten, der seinen Aufgaben nachgeht, sich aber gleichwohl alsbald um ihn kümmert und die gewünschten Unterlagen herbeiholt. Die stundenlange gemeinsame, wenn auch unterschiedliche Arbeit, hier die Bibliotheksverwaltung, dort der Forscher, ist mehr als angenehm. Man fragt sich, in welchen anderen Ländern noch man eine geschlossene Bibliothek als gleichwohl geöffnete und wegen der Stille als besonders angenehm und für die Klienten erfolgreich vorfindet. In der Nationalbibliothek in der rue Richelieu ist von Schließung in den Ferienmonaten nicht die Rede, bis in Abend hinein sitzen die Geistesarbeiter an ihrem Platz, in seiner Nähe ein älterer Mann, der, was die Präzision der Arbeit anbelangt, dem Bibliotheksangestellten in Verona ähnelte. Sorgfältig gestutztes Haar, Ärmelschoner, seit Jahrzehnten schon arbeitet er an einem Lexikon der Kirchengeschichte. Er hat den Buchstaben K erreicht, und es ist nicht zu sehen, daß er seine Arbeit zu Lebzeiten noch abschließen könne. Bibliotheken mit Lesesaal sind ein Privileg der großen Städte, kleinere Ortschaften haben Leihbibliotheken, und das Landvolk wird oft allein mit Bibliotheken auf Rädern versorgt. Mit den rollenden Bibliotheken kann man auch und besonders an Sonntagen rechnen, da aber nahezu alle in der Messe sind, ist der Zulauf zunächst gering. Fünf fette Gänse umkreisen rastlos den Kulturbus, man weiß nicht, auf welchen Antrieb. Das Angebot der Biblioteka Publiczna betrifft vor allem die Unterhaltungsliteratur, die im Augenblick noch einsame Bibliothekarin ist gern bereit zu beraten, ob es vielleicht Sajęsz Fikszyn sein solle, nein, Science Fiktion eigentlich weniger. Nach einigem hin und her entscheidet sich Pradera für Maria Rodziewiczównas Roman Lato leśnych ludzi, Sommer der Waldmenschen, und erweitert damit den Titel des Buches, in dem er sich selbst aufhält: Siekierezada albo zima leśnych ludzi, Siekierezada oder der Winter der Waldmenschen.