Montag, 5. Juni 2023

Weiße Blätter

beschriftet

 

Sometimes I feel it’s a shame when I get feeling better when I’m feeling no pain. Das Überwinden eines Schmerzes, einer Qual ist so gut wie immer willkommen, warum also sollte man sich schämen? Wie steht es überhaupt mit dem Schmerz, war er plötzlich aufgetreten und ebenso plötzlich wieder verschwunden, muß man seine Wiederkehr erwarten, war es ein körperlicher oder ein seelischer Schmerz? Immerhin, die Überlegung, nur ein Leben unter Schmerzen sei ein würdiges Leben, war und ist der Menschheit, anders als dem Tier, nicht fremd. Some times…läßt eher einen pendelnden, verschwindenden und wiederkehrenden Schmerz unbestimmter Art vermuten. Der Dichter seinerseits spricht nicht unmittelbar von Schmerz, sondern von einer besonders unguten Zeit. Besonders ungut, das läßt vermuten, mildere ungute Zeiten seien für ihn das übliche Maß, rundum gute Zeiten schlechthin nicht erreichbar. Der Liedsänger von Sometimes...,  Gordon Lightfoot, läßt sich naturgemäß auf Fragen diese Art nicht tiefschürfend ein. Der Dichter, der vergeblich eine Besserung seines Zusrands durch Ortswechsel und lange Spaziergänge erhofft hatte, kommt erst wieder zu sich, als ihm sein inzwischen völlig ruiniertes, beschämendes Schuhwerk in die Augen fällt, mit der restlichen Bekleidung sieht es kaum besser aus. Tief gefallen, wie man sagt. Er bereinigt das Notwendige und verläßt Wien, in Venedig und dann in Verona stellt sich ein leicht verbesserter Zustand ein.

Die Quelle des Unguten hatte der Dichter nicht offenbart, Szerucki, sein polnischer Confrère, erlebt das Leid auf seine Art. Das weiße, unbeschriftete Blatt, das vor ihm liegt, verlangt nach Beschriftung, musza byc napisane, wie er sagt. Das leere Blatt entzündet Augenblicke des Schreckens und der Ohmacht, jede Zeile aber, die er mit Worten füllt, lindert die Pein, im günstigen Fall bis hin zu Augenblicken des Glücks. Zwar reicht ein einziges weißes Blatt einem Literaten kaum aus, ein zweites und drittes Blatt muß herbei, trägt aber schon nicht mehr den Schrecken des ersten Blattes mit sich.

Freitag, 2. Juni 2023

Im Wandel der Zeiten

gleichbleibend 


M. Doulatabadi erzählt vom Leben der Nomaden in seiner persischen Heimat. Die Art wie die Menschen leben und miteinander umgehen läßt annehmen, es handele sich um eine Erzählung aus dem 17., allenfalls 18. Jahrhundert. Beim Ausbruch einer Epidemie in den Schafherden wird ein Tierarzt bestellt, ist man vielleicht bei aller sogenannten Rückständigkeit doch schon im 19. Jahrhundert angelangt? Als der Tierarzt dann in einem Jeep vorfährt, muß man nicht ohne Erstaunen hinnehmen, es ist eine Erzählung des den Europäern so nicht bekannten 20. Jahrhunderts. Die Zeiten bewegen sich auf unterschiedlichen Wegen. Daran ist nichts Unübliches, Phänomene dieser Art ließen sich schon immer beobachten, nicht selten in weit krasseren Formen, triumphale Neuerungen der modernen Wissenschaft mögen Vorstellungen der Steinzeit mit sich tragen. Die inzwischen alljährlich stattfindenden anatomischen Vorlesungen waren ein bedeutendes Datum im Kalender der damaligen, aus dem Dunkel ins Licht hinaustretenden Gesellschaft und eine Demonstration des unerschrockenen Forschungsdrangs der neuen Wissenschaften, gleichzeitig aber die Fortsetzung des archaischen Rituals der Zergliederung eines Menschen um die nach wie vor zum Register der zu verhängenden gehörende Peinigung des Fleisches der Delinquenten bis über den Tod hinaus. Und wenn man sich heute umschaut?