Dienstag, 8. August 2023

Rückzug

aus dem Geschehen

 

In Beyle hat er uns unter anderem mit Napoleon vertraut gemacht, in All’estero mit sich selbst. Er stellt sich seinem Publikum gleichsam vor, ist dabei aber nicht im besten Zustand. Die Hoffnung, mit einer Ortsveränderung über eine besonders ungute Zeit hinwegzukommen, erfüllt sich nicht. In der großen Stadt Wien findet er niemanden, mit dem er sprechen könnte, in Venedig dann ist es kaum anders, seine Hoffnungen erfüllen sich nicht. Irgendwann packt er in aller Eile seine Sachen und flüchtet mit dem Nachtzug nach Innsbruck. Am Brenner steigt niemand aus und niemand ein. Man hört das Brüllen namenloser Tiere auf einem Abstellgleis. Ist dies das Ende von allem? Keineswegs, sieben Jahre später ist er wieder am gleichen Ort, das Schreiben geht ihm auf wundersame Weise von der Hand, an Gesprächspartnern fehlt es nicht, da ist Luciana die Wirtin, die Franziskanerin und das Mädchen mit der Bunten Jacke im Zug, auch wenn beide schweigsam bleiben wie auch die Artistenfamilie im Konsulat, schließlich Salvatore, der ihn über den Stand der Dinge unterrichtet, mehr brauch es nicht. Seine eigene Bedeutung ist rückläufig, andere treten auf und entlasten ihn. Austerlitz macht ihn schließlich fast schon überflüssig. 

Montag, 7. August 2023

Verlorengegangen

Hinterlassen

 

Ein abreisender Feriengast hat versehentlich den Paß eines anderen eingesteckt und den eigenen in der Rezeption des Hotels hinterlassen. Kann der Irrtum noch bereinigt werden? Der Eigner des entführten Passes will jedenfalls nicht abwarten und sich statt dessen in Mailand um die Ausstellung eines Ersatzpasses bemühen. Ob der unfreiwillige Entführer des Passes noch einmal zurückfindet ist unklar, für den Geschädigten wäre es jedenfalls zu spät. Vom weiteren Schicksal des Passes erfahren wir nichts. Vermutlich wird man den zurückgelassenen nutzlosen Paß irgendwann entsorgen. Ist die an anderer Stelle im Gebüsch gefundene Mappe auch entsorgt worden? Wechseln wir den Ort, nicht den Gegenstand. In der Mappe befinden sich eine Reihe von Beschwerdebriefen, was war der ursprünglice Plan, hatten die Briefe den zuständigen Empfänger erreicht? Oder wollte man die Briefe verbergen, sie vielleicht verbrennen, wollte man sie im Gegenteil für die zuständige Stelle und den richtigen Augenblick bewahren? In den Briefen geht es unter anderem um einen gewissen Frelkiewicz, der eine leitende Stelle innehat, dem Briefschreiber zufolge aber mehr als wenig tut und obendrein eine größere Zahl von Verwandten und Freunden beschäftigt, die so gut wie nichts tun. Dann ist da die für die Werkskantine zuständige Angestellte, die in der Kantine zu ihrem finanziellen Vorteil eine Gastwirtschaft unterhält. Schließlich ist da noch ein kranker Mann, der auf Staatskosten alljährlich eine für ihn unerläßliche Kur in Bulgarien erhält, die man ihm mit der Folge schwerer gesundheitlicher Schädigungen jetzt plötzlich vorenthält. Dieses Schreiben ist zerrissen, nur ein Teil ist in der Mappe bewahrt. Auch die beiden Finder der Mappe sind ratlos und können die Briefe nicht erklären, zugleich aber spüren sie eine seltsame Faszination, die von der Mappe und ihren Inhalten ausgeht. Der vergessene Paß fasziniert niemanden, er wird irgendwann unbemerkt verschwinden. Der Paß war ein Versehen, die Mappe ist ein Rätsel.

Mittwoch, 2. August 2023

Lesen

Langweile
Während Edmund und Witek im Kurort den Teich säubern, sitzen die Kurgäste auf den Sitzbänken und Mauern und langweilen sich. Hat denn niemand ein Buch oder eine Broschüre zur Aufmunterung bei sich? Es sieht so aus, als würde die Lektüre bei diesen Leuten die Langeweile nur noch erhöhen, lieber gar nichts als lesen. Einer der Kurgäste hat immerhin eine Zeitung bei sich, allerdings im zusammengefalteten Zustand. Auch der Literaturprofessor und Belletrist hat für seine Reise nach Wien und Venedig wie es scheint kein Buch mitgenommen, er wollte sich gerade für eine Zeitlang vom ständigen beruflichen Lesen und Schreiben befreien, dieses Thema hatte er schon des öfteren angeschlagen. Er wollte mit seiner Reise nach eigener Aussage über eine besonders ungute Zeit hinwegkommen, ohne sein Vorhaben hinreichend zu planen, das Scheitern war unausweichlich. Es ging ihm am Ende schlimmer als zuvor. Schließlich ergreift er die Flucht zurück nach England. Bei der nächsten Italienreise macht er souverän einen weitaus größeren und erfolgreichen Schritt, er liest kein Buch, er schreibt ein neues Buch.