Er weiß nicht, wie er sich in den fremden Städten die Lokale aussucht, in die er einkehrt. Einerseits ist er zu wählerisch und geht stundenlang durch die Straßen und Gassen, ehe er sich entscheiden kann; andererseits gerät er zuletzt meistens wahllos einfach irgendwo hinein und verzehrt dort in trostloser Umgebung und unter Unbehagen ein ihm in keiner Weise zusagendes Gericht. Seltsamerweise orientiert sich der Dichter in der Essensfrage nicht an seinem Vorbild Wittgenstein, dem es bekanntlich egal war, was er aß, wenn es nur immer das gleich war. Auf Reisen kann es allerdings schwierig sein, immer das gleiche zu essen, man muß nehmen, was da kommt. Einfach und ohne Komplikationen wiederum ist die Essensfrage zu lösen, wenn man sich in Wien aufhält, anstatt der langen Aufenthalte auf Parkbänken, der zunehmenden Neigung, Gaststätten zu vermeiden und, wie es sich ergab, an einem Stehimbiß seine Mahlzeit zu halten oder etwas aus dem Papier zu verzehren, hätte er besser eine WÖK, eine Wiener Öffentlich Küche, aufsuchen sollen und sich ein sowohl schmackhaftes wie auf billiges Mal vorsetzen lassen. Die WÖK kennt vier Delikateßstufen, wobei auch die unterste und preiswerteste Stufe, die Stufe 1, ein durchaus bekömmliches Gericht anbietet. Wird auf der jeweiligen Stufe nur je ein Gericht angeboten, so daß auf der jeweiligen Stufe alle das gleiche essen? Für die Delikateßstufe 1 ist das mehr als wahrscheinlich, auf den höheren Stufen und insbesondere auf der Stufe 4 mag es variabler zugehen. Die sogenannten Billigesser sind jeden Tag um den gleichen Tisch versammelt und bestellen naturgemäß einheitlich die Delikateßstufe 1. Bei den Billigessern handelt es sich aber keineswegs um unterbezahlte Hilfsarbeiter, die auf jeden Schilling achten müssen, das Billigessen hat einen eher weltanschaulichen Hintergrund, wenn auch unklar ist, welchen. Koller, der selbsternannte Geistesmensch und Geistesathlet, war nach der Amputation seines Beines infolge eines Hundebisses aufgrund eines Gerichtsbeschlusses vom Eigentümer des Hundes so großzügig finanziell entschädigt worden, daß er ohne weiteres tagtäglich das Menü der Delikateßstufe 4 hätte ordern können, und auch die anderen vier Billigesser hätten zumindest von Zeit zu Zeit die unterste Stufe verlassen können, so auch der, wie man sagt, nicht grade im Geld schwimmende Buchhändler Goldschmidt, ein gleichrangiger wenn auch, was sein Geistestum anbelangt, weniger aufdringlicher Geistesmensch. Die ausschließliche Inanspruchnahme der Delikateßstufe 1 durch die Billigesser ist wohl als Ritus zu verstehen, als verborgene Zeichen des Geheimbundes der Billigesser. Was möchte der Dichter gedacht haben, wenn er unserem Rate folgend die WÖK aufgesucht und die Billigesser an ihrem Tisch vorgefunden hätte. Er hätte sicher nicht versucht, an ihrem Tisch Platz zu nehmen, und sie hätten das auch nicht zugelassen.
Dienstag, 7. Juni 2022
Montag, 6. Juni 2022
Kartenspiele
Watten
Sonntag, 5. Juni 2022
Die Perserin
Mittwoch, 1. Juni 2022
Virtuosen
GGG
Der Dichter ist nicht in einer zum Klaviervirtuosentum anregenden Umgebung aufgewachsen. Jodlergruppen und Blaskapellen gaben im Alpenvorland den Ton an. Am Wochenende hörte der Vater im Radio dank seiner Vorliebe für die altbayrische Volksmusik die Rottachtaler oder andere eingeborene Musikanten mit ihren Hackbrettern und Zupfgeigen. Das Klarinettenspiel des Lehrers Bereyter hätte den Jungen zu höheren Formen der Musikkunst geleiten können, in seinem Elternhaus aber gab es keine Klarinette, sondern bloß eine ihm sogleich verhaßte Zither. Ein Zithervirtuose hätte er auf keinen Fall werden wollen, selbst wenn er dafür die Fähigkeit gehabt hätte. Nur einmal hat er das verhaßte Instrument freiwillig hervorgezogen und das, als der von ihm über alles geliebte Großvater im Sterben lag. Einen langsamen Ländler in C-Dur hat er ihm vorgetragen und fortan die Zither nicht wieder angerührt. Auch die drei Klaviermusketiere Wertheimer, Glenn und der Erzähler blicken nicht auf musikbegabte und musikbegeisterte Elternhäuser zurück, das Manko stand aber ihrer Karriere nicht im Wege. Zu dritt streben sie eine Laufbahn als Klaviervirtuosen an und besuchen gemeinsam einen Klavierkurs bei Horowitz. Anders als erwartet, stellt sich aber keine gleichmäßiger Aufstieg zum Virtuosentum ein, das Trio löst sich auf. Während Wertheimer und der Erzähler nur ein wenig näher an Horowitz heranrücken, hat Glenn Gould als Klaviervirtuose Horowitz sogleich übertrumpft. Wertheimer und den Erzähler kann man als Talente, vielleicht sogar als große Talent einordnen, Horowitz als Genie, Glenn aber, das Genie Glenn Gould, kurz GGG, als Hypergenie. Die Goldbergvariationen, Glenns Lieblings- und Paradestück, haben die beiden anderen in einer Art Demut und Niedergeschlagenheit sogleich nicht mehr angefaßt. Wertheimer hat das Klavierspiel noch einige Zeit fortgesetzt, wenn auch nicht als öffentliche Auftritte, der Erzähler hat umgehend seinen Steinway vernichtet, indem er ihn an gänzlich Ungeeignete verschenkt. Glenn führt aus, er könne Künstler und insbesondere Musiker nicht verstehen, die kein Gefühl für ihre Muttersprache haben, er sieht offenbar eine enge Verbindung zwischen Musik und Sprachmusik, für den Erzähler ein Anlaß, von der Musik sich auf Sprachmusik umzustellen, auch wenn der Zusammenhang vielleicht nicht so ausgewogen ist, wie von Glenn vermutet: Nabokow war in gewisser Weise Sprachmusiker ohne Musik und hat zu Protokoll gegeben, bereits eine Viertelstunde Symphonie würde bei ihm regelmäßig eine mehrtägige Magenverstrimmung zur Folge haben. Der Erzähler, erzählt naturgemäß, was zu erzählen ist, also das Geschehen um die drei ursprünglichen Klaviervirtuosen und seinen eigenen Wechsel zum Sprachvirtuosen, dessen Sprachvirtuosität von der Bernhards nicht zu unterscheiden ist. Beschimpfungskaskaden, maßlosen Übertreibungen, Ungenügen und Freitod sind die Grundtonarten, ein Widerhall der Ausweglosigkeit.



