Fast menschenleer

Die
Italienreisen in den Jahren 1980 und 1987 haben jeweils in Venedig ihren
Ausgangspunkt. Die Mengen von Touristen, die 1987 im und vor dem Bahnhof ihre
Zwischenlager eingerichtet haben, stimmen ihn nicht positiv, und als er die
Ratte beobachtet, die von einem Schiff flüchtet und ins Wasser springt,
entscheidet er sich, es ihr auf seine Art gleich zu tun und mit dem ersten Zug
nach Padua weiterzufahren. Mit einem aus den Nähten geratenen Ferienvolk
war man 1980 offenbar noch nicht
konfrontiert, man könnte meinen, der Dichter strebt einsam durch die nahezu
menschenleere Lagunenstadt, der Figaro, der ihm zu einer scharfen Rasur
verhilft, muß zufrieden sein mit dem einsamen Kunden, zu Gesicht bekommen die Leser den
Haarkünstler nicht. Stadt der Kanäle, aufrecht und reglos stehen die Steuermänner
im Heck, die Hand am Ruder, schauen sie unverwandt voraus, Wikinger, Riesen der
Vorzeit, man kann sich ihnen nicht nähern. Kurios ist die Lage auf dem
Festland im Inneren der Stadt. Kaum tritt jemand auf, hat er die Bühne
durch einen anderen Ausgang schon wieder verlassen, wer es war, ist nicht zu
erkennen. Geht in einer sonst leeren Gasse jemand hinter einem her, fühlt man
sich verfolgt und spürt die Angst im Nacken, wer mag das sein, umgekehrt wird man leicht selbst
zum Verfolgten und möchte von allem Abstand nehmen. Das Kernstück der
inneren Stadt, den Dogenpalast, besucht der Dichter in Begleitung Grillparzers,
der naturgemäß längst tot ist. Grillparzer bewunderte den Palast zurückhaltend.
Trotz aller Zierlichkeit der Kunst in seinen Arkaden und Zinnen habe das
Gebäude einen unförmigen Körper und erinnere an ein Krokodil, näher erläutern
vermag Grillparzer diesen Eindruck nicht. Casanova, ebenfalls längst tot, war notgedrungen
ein Kenner des Palastes und insbesondere der Bleikammern, in denen er zwei
Jahre lang verwahrt wurde, bis ihm endlich die Flucht gelang. Sehnsucht nach
dem Dogenpalast stellte sich bei ihm später naturgemäß nicht ein. Zurück zu den
Lebenden, nur ein einziger, Malachio, wird uns namentlich bekannt. Von
Haus aus ist er Astrophysiker, beschäftigt sich aber auch mit anderen
Menschheitsfragen, etwa der von Tod und Auferstehung, Ergebnisse erzielt er auf
diesem Gebiet allerdings nicht, wie er gern zugibt. Zudem ist er Bootsfahrer und vermag den Dichter
auf angenehme Weise durch die Kanäle leiten. Er verabschiedet sich mit dem Ruf:
Ci vediamo a Gerusalemme, in der Übersetzung: Wir werden uns wohl nicht
wiedersehen. Sein Zimmer hat der Dichter dann nicht ein einziges Mal mehr
verlassen, ihm schien, als könne man sich tatsächlich durch Nachdenken und
Sinnieren allein ums Leben bringen. Um diesem Schicksal dann doch zu entkommen, flieht er
schließlich zum Bahnhof, wer aber glaubt, im Bahnhof unter Menschen zu geraten,
der täuscht sich womöglich. Man muß zu den weit oben thronenden, offenbar weiblichen
Wesen, die in völliger Unberührtheit über den Häuptern der Bittsellern schweben,
seinen Wunsch hinaufschreien, die männlichen Kreaturen, ein Gesicht haben sie so wenig wie die Frauen, stehen in
Todesverachtung hinter einem kreisförmigen Buffet dem andrängenden Menschenvolk
gegenüber, wer sein Wunschgetränk, sei es ein Cappuccino, sei es ein Fernet, unbeschadet
erhält, kann sich zu den Ausgewählten zählen. - Malachio ist
das einzige zweifellos menschliche Wesen, an das der Dichter sich auf seiner
Weiterfahrt nach Verona und auch später erinnern kann.