Mittwoch, 6. September 2023

Coffi a sigaréts

Wirrwarr


Er saß an einem Tisch nahe der offenen Terrassentür und hatte seine Papiere und Aufzeichnungen um sich her ausgebreitet. In regelmäßigen Abständen brachte ihm die Wirtin wie erwünscht einen Expreß, vulgo Espresso, und ein Glas Wasser. War nicht auch schon Zeit für eine Zigarette? In seiner Prosa geht er auf das Rauchkraut nicht ein, erwähnt aber gesprächsweise, daß daheim in seinem Arbeitszimmer der Rauch nicht selten unter der Tür hervorquillt, demzufolge war er ein starker Zigarettenraucher. Der Espresso wird von der Wirtin nach einem bestimmten Rhyhtmus  ausgeschenkt, die Zigarette geht voraus oder folgt in freier Wahl. Der Espressogenuß ist mit dem gemütlichen, sich hinziehenden deutschen Kaffeetrinken nicht vergleichbar, man kann den Espresso mit einem, meistens aber mit zwei Schluck trinken und genießen. Das anschließende Wassertrinken ist eher vernunft- als genußgesteuert. Der Rhytmus der Zigarette weicht in der Regel von dem des Espressos deutlich ab. Der Kaffeetrinker mag eine Zigarette anzünden, bevor er noch die Tasse zum Mund führt, um so ein genußreiches Duo einzuleuten. Der Espressotrinker bevorzugt hingegen eins nach dem anderen, der Espresso der Zigarette vorausgehend oder umgekehrt, zuerst die Zigarette und dann der Espresso. Wenn die Zigarette noch aktiv ist, während der Espresso bereits gereicht wird, sollte man sie im Ascher verschwinden lassen. Er mag den Espresso schon herbeisehnen oder aber, vertieft in seine Aufzeichnungen, überrascht werden von der Dareichung. Die Zigarette ist dagegen im Normalfall eine freie Entscheidung und zeitlich autark. Ein Kaffee normaler Art mag aber gleichzeitig eine Zigarette herbeirufen, der Raucher soll in Einzefällen sogar die Zigarette schon angezündete und eine noch brennende Zigarette vergessen und durch die neue ersetzt haben. Er mag auch eine Pause einlegen und im Freien rauchen, aber eher nicht, solange draußen vor der Tür das Ferienvolk lauert.

 

Dienstag, 5. September 2023

Zwei Daten

1598 und 1967

 

Am 13. April 1995 will er seine Aufzeichnungen zum Abschluß bringen, fünfhundert Jahre nach dem Edikt von Nantes. Im April 1598 war Gründungsdonnerstag und der Tag der Fußwaschung. Vieles und viel Vergessenes ist nachher noch geschehen, an vieles kann man sich noch erinnern, die wenigsten aber werden sich an den 8. Januar 1967 erinnern, abgesehen von Teilen der polnischen Bevölkerung, die weiter an Zbigniew Cybulski denken, den polnischen James Dean, wie es hieß. Cybulski kam üblicherweise spät oder zu spät auf den Bahnsteig und sprang nicht selten auf den bereits anfahrenden Zug, am 8. Januar 1967 war er zu spät, er konnte sich nicht halten und wurde überrollt. Die wegen des Unfalls verspätet aus dem Breslauer Bahnhof abfahrenden Züge waren überfüllt, die Passagiere saßen in den Gängen auf ihren Reisekoffern und tauschten sich lebhaft aus über das Geschehene. Dostał się pod koła, pokatulkało go i kaput, er geriet unter die Räder, wurde zerquetscht und kaputt. Das ist die erste Auslassung, die man zu hören bekommt, Mitleid klingt nicht an, aber das mag täuschen. Ein anderer, offenbar ein Philosoph, erläutert mehrfach: Er mußte sterben und er ist gestorben, das war sein Schicksal. Das Echo auf diese Weisheit ist zurückhaltend, Frauen kommen im übrigen kaum zu Worte. Die meisten sind auf den technischen Ablauf des Geschehens bedacht, im Vordergrund steht der Umstand, daß es sich um einen Expreßzug handelt, der direkt die Türen schließt und ohne Zögern Schnelligkeit gewinnt, einmal aufgesprungen kann man kaum wieder abspringen oder die Tür einfach öffnen. Ein Gesprächsthema ist auch Cybulskis Fitneß, nicht ausgeschlossen, daß er bis in den späten Abend mit Freunden beim Wódka gesessen war, nicht zu vergessen auch der relativ lange Weg vom Hotel zum Bahnhof und den Gleisen, ein Weg, den er vermutlich bereits im Spurt erledigt hatte, er war, so die Vermutung, bei der Ankunft im Bahnhof bereits erschöpft. An der Tür hängend hatte er auch nicht die Möglichkeit, eine Notbremse zu ziehen. Die Gespräche wenden sich schließlich von diesen eher technischen Fragen des Unfalls dem Verunglückten selbst zu, unter andere wurden Cybulskis immer dunkle Brillengläser erörtert, die den meisten aus dem  Film Popiół i diament bekannt waren, auch die dunklen Gläser könnten ihn beim Sprung auf den Zug geschadet haben. Einem Star wie Cybulski hätte man längst einen PKW zur Verfügung gestellt haben, wirft jemand ein, möglichst eine Limousine, einen PKW mit Chauffeur. Pradera sitzt auf seinem Reisegepäck, raucht Zigaretten, hört den Gesprächen eher notgedrungen zu, hört nichts von Schmerz, vernimmt kaum Äußerungen des Mitleids und der Trauer, szkoda chłopaka, schade um den Burschen hört er, da steckt nichts dahinter, das ist wenig. Mehr noch als die Menschen befremdet ihn der Herr der Schöpfung, hätte er nicht die Zeit anhalten, sie für einige Minuten rückwärts laufenlassen können? Verflucht seien die Uhren, die nicht rückwärts laufen können. Er, Pradera, wäre dann zur Stelle gewesen. Er hätte am Gleis seine Arme ausgebreitet und Cybulski den Aufsprung auf den Zug verwehrt, oder er hätte ihm, selbst schon im Zug, erwartet und mühelos den Aufsprung ermöglicht. Auch für den Dichter, der Uhren nicht mochte, war die Zeit das seltsamste des Phänomen der Schöpfung, wie konnte sich die Welt in 10−43 Sekunden aus dem Nichts erheben und wie könnte sie, wie man annimmt und befürchtet, ebenso schnell wieder verschwinden?