Freitag, 5. Januar 2024
Rituale
Donnerstag, 4. Januar 2024
Ferienvolk
Enge Gassen
Nach dem Krieg fuhren zunächst überhaupt nur wenige in den Urlaub, dann wurden es mehr und mehr, ohne daß es aber viel Aufsehen erregt hätte, Gedanken darüber machte man sich kaum, ihm, dem Autor, aber ging das von ihm so genannte Ferienvolk schon recht bald auf den Nerv. In Venedig lagerte ein Heer von Touristen auf dem Bahnhof, auf ihren Schlafsäcken oder auf Strohmatten, zur Not auch auf dem blanken Steinboden. In Limone angekommen, ist die Lage kaum besser, eine buntfarbene Menschenmasse schiebt sich nach Art einer Prozession durch die engen Gassen. Das deutet auf menschlicher Überflutung hin, dabei ist es kaum der Anfang. Die weit reisenden Asiaten, um auch sie noch zu nennen, gelangen nach Amerika so gut wie nach Europa, verschwinden aber überall sogleich nach Ankunft in den Casinos, keine Belästigung also, wenn man so will. Buntfarbene Menschenmassen, und doch war das nur der Beginn, kleine lokale Versammlungen aus heutiger Sicht. 1950 wurde die Zahl der Touristen weltweit auf 25 Millionen gezählt, 2015 waren es 1.260 Milliarden, und in den letzten Jahren sind es nicht weniger geworden. Einen hohem Rang haben sei Jahren die sogenannter Selfies, Selbstporträts mit der Kamera, man muß ja den anderen zeigen, wie froh man war und wie gelungen die Reise. 2023 war zunehmend, besonders in Italien, das Aufbegehren der ortsansässigen Urbevölkerung gegenüber dem immer rücksichtsloserem Ferienvolk zu spüren. Die weitere Entwicklung ist abzuwarten.
Dienstag, 2. Januar 2024
Unerwartete
Wandlungen
![]()
Nachdem Clara überraschend und wie es
scheint ohne Rücksprache mit ihrem Mann ein Haus gekauft hatte, hört man von ihr nur noch
wenig. Ihr Mann berichtet so gut wie ausschließlich von Unternehmungen und
Reisen, an denen sie nicht teilnimmt. Er selbst besucht in All´estero
zweimal Oberitalien, der erste Besuch war von vornherein gescheitert und
verloren, er ist weiter nicht zu kommentieren. Auch die zweite Reise, sieben
Jahre später, hinterläßt zunächst einen zwiespältigen Eindruck. Der Zug nach
Venedig ist überfüllt, viele, so auch er, sitzen auf den Gängen mit ihren
Koffern und Rucksäcken. Seltsamerweise aber ist er kaum gestört, mit seinen
Aufzeichnungen. Im Bus während der anschließenden Fahrt herrscht
eine feindliche Atmosphäre, er steigt vorzeitig aus und erreicht nach einem
kurzen Marsch das von Luciana geleitete Hotel Sole. Hier nun fühlt er sich in
bester Stimmung, geradezu besser noch als zu Hause, und wohl aus diesem Grund entschließt
er sich nach nur zwei Tagen weiterzufahren. Das hastige Unternehmen scheitert
allerding, der für das weitere Reise unerläßliche Paß ist nicht auf
aufzufinden. Luciana fährt ihm zum Brigadiere, der ihm ein Übergangsschriftstück
ausstellt. Es war ihm dann, als habe der Brigadiere sie getraut und sie könnten nun
miteinander hinfahren, wo sie wollten. Naturgemäß war es nur eine Fata Morgana,
aber eine unvergessliche. Die Fahrt zum Konsulat nach Mailand zwecks
Ausstellung eines neuen Passes ist, wie man denkt, nur ein störender Umweg, und
wieder kommt es anders. Zwei junge Frauen sitzen bereits in seinem Abteil, eine
Franziskanerin von vielleicht dreißig oder fünfunddreißig Jahren und ein junges
Mädchen mit einer aus vielen farbigen Flecken geschneiderten Jacke um die
Schultern. Die Ordensschwester liest ihr Brevier, das Mädchen, nicht minder
versenkt, einen Bilderroman. Von vollendeter Schönheit waren sie beide, man
kann nur den tiefen Ernst bewundern, mit dem sie jeweils die Blätter
umwendeten. Einmal blätterte die Franziskanerschwester um, dann das junge
Mädchen und dann wieder die Franziskanerschwester. Die Fahrt nach Mailand
vergeht wie im Flug. In Mailand, so glaubt man, geht es um die Ausstellung eines ordentlichen neuen
Passes, Besonderheiten erwartet man nicht und irrt sich wiederum gründlich. Eine Artistenfamilie erwartet ihn, das
Oberhaupt der Truppe trägt einen weitkrempigen Strohhut ähnlich dem vom Pisanello
für San Giorgio gemalten, der Artist hört auf den Namen Giorgio Santini, da mag jeder
denken, was er mag. Die wahre Enttäuschung, so scheint es, steht noch bevor und ist gar keine Enttäuschung, sondern ein Glück. In Verona
ist die Bibliothek für längere Zeit verschlossen, allerdings steht die
Eingangstür offen. Er tritt ein und stößt auf einen Bibliotheksbeamten, der ihm
bereitwillig die gewünschten Bücher herbei sucht. Dann vertiefen sich beide
ohne einander zu stören still in ihre Aufgaben, was kann schöner sein.