Freitag, 5. Januar 2024

Rituale

Unbekannter Gott

Bereyter ist nichts derart zuwider wie die katholische Salbaderei, Fosse sieht es anders, geradezu gegenteilig. Die Katholische Messe gefiel ihm viel besser als der protestantische Gottesdienst, mit dem er aufgewachsen war. Bei den Protestanten mußte man sich unerträglich viel Gelaber von oft dummen Pastoren anhören, im katholischen Gottesdienst wird über die feste Liturgie hinaus nur wenig geredet. Es geht zudem nicht um eine Gottgläubigkeit in üblichen Sinn, nicht um einen benannter Gott wie Jesus oder Allah, kein den Menschen ähnlicher Gott, sondern um ein Gottesgefühl allgemeiner Art, um einen weiter nicht feststellbarer oder beschreibbarer Gott, den wir alle erleben, wenn auch nicht erkennen können, man kennt ihn nicht und wird ihn nicht kennenlernen. Auch die Bereyter unterstellte rätselhafte und bislang nicht verstandene Gläubigkeit kann dieser Art des unbestimmten Gottesglauben zugeordnet werden. Ein weites Land, als man den Navajos vorschlug, ihre religiösen Muster schriftlich festzuhalten, waren sie zunächst zurückhaltend, eine Niederschrift in der englischen Sprache erschien ihnen aber als harmlos. Gültig war ihre Religiosität nur in der nicht aufgezeichneten und nicht aufzuzeichnenden Navajosprache, und als solche dem weiten, unbestimmten Gottesglauben durchaus beizuordnen, viel anderes wohl auch noch. Mit dem, was man wissen kann von der Welt, ist man längst nicht am Ende und wird es niemals sein.

Donnerstag, 4. Januar 2024

Ferienvolk

 Enge Gassen

 

Nach dem Krieg fuhren zunächst überhaupt nur wenige in den Urlaub, dann wurden es mehr und mehr, ohne daß es aber viel Aufsehen erregt hätte, Gedanken darüber machte man sich kaum, ihm, dem Autor, aber ging das von ihm so genannte Ferienvolk schon recht bald auf den Nerv. In Venedig lagerte ein Heer von Touristen auf dem Bahnhof, auf ihren Schlafsäcken oder auf Strohmatten, zur Not auch auf dem blanken Steinboden. In Limone angekommen, ist die Lage kaum besser, eine buntfarbene Menschenmasse schiebt sich nach Art einer Prozession durch die engen Gassen. Das deutet auf menschlicher Überflutung hin, dabei ist es kaum der Anfang. Die weit reisenden Asiaten, um auch sie noch zu nennen, gelangen nach Amerika so gut wie nach Europa, verschwinden aber überall sogleich nach Ankunft in den Casinos, keine Belästigung also, wenn man so will. Buntfarbene Menschenmassen, und doch war das nur der Beginn, kleine lokale Versammlungen aus heutiger Sicht. 1950 wurde die Zahl der Touristen weltweit auf 25 Millionen gezählt, 2015 waren es 1.260 Milliarden, und in den letzten Jahren sind es nicht weniger geworden. Einen hohem Rang haben sei Jahren die sogenannter Selfies, Selbstporträts mit der Kamera, man muß ja den anderen zeigen, wie froh man war und wie gelungen die Reise. 2023 war zunehmend, besonders in Italien, das Aufbegehren der ortsansässigen Urbevölkerung gegenüber dem immer rücksichtsloserem Ferienvolk zu spüren. Die weitere Entwicklung ist abzuwarten.

Dienstag, 2. Januar 2024

Unerwartete

Wandlungen

Nachdem Clara überraschend und wie es scheint ohne Rücksprache mit ihrem Mann ein Haus gekauft hatte, hört man von ihr nur noch wenig. Ihr Mann berichtet so gut wie ausschließlich von Unternehmungen und Reisen, an denen sie nicht teilnimmt. Er selbst besucht in All´estero zweimal Oberitalien, der erste Besuch war von vornherein gescheitert und verloren, er ist weiter nicht zu kommentieren. Auch die zweite Reise, sieben Jahre später, hinterläßt zunächst einen zwiespältigen Eindruck. Der Zug nach Venedig ist überfüllt, viele, so auch er, sitzen auf den Gängen mit ihren Koffern und Rucksäcken. Seltsamerweise aber ist er kaum gestört, mit seinen Aufzeichnungen. Im Bus während der anschließenden Fahrt herrscht eine feindliche Atmosphäre, er steigt vorzeitig aus und erreicht nach einem kurzen Marsch das von Luciana geleitete Hotel Sole. Hier nun fühlt er sich in bester Stimmung, geradezu besser noch als zu Hause, und wohl aus diesem Grund entschließt er sich nach nur zwei Tagen weiterzufahren. Das hastige Unternehmen scheitert allerding, der für das weitere Reise unerläßliche Paß ist nicht auf aufzufinden. Luciana fährt ihm zum Brigadiere, der ihm ein Übergangsschriftstück ausstellt. Es war ihm dann, als habe der Brigadiere sie getraut und sie könnten nun miteinander hinfahren, wo sie wollten. Naturgemäß war es nur eine Fata Morgana, aber eine unvergessliche. Die Fahrt zum Konsulat nach Mailand zwecks Ausstellung eines neuen Passes ist, wie man denkt, nur ein störender Umweg, und wieder kommt es anders. Zwei junge Frauen sitzen bereits in seinem Abteil, eine Franziskanerin von vielleicht dreißig oder fünfunddreißig Jahren und ein junges Mädchen mit einer aus vielen farbigen Flecken geschneiderten Jacke um die Schultern. Die Ordensschwester liest ihr Brevier, das Mädchen, nicht minder versenkt, einen Bilderroman. Von vollendeter Schönheit waren sie beide, man kann nur den tiefen Ernst bewundern, mit dem sie jeweils die Blätter umwendeten. Einmal blätterte die Franziskanerschwester um, dann das junge Mädchen und dann wieder die Franziskanerschwester. Die Fahrt nach Mailand vergeht wie im Flug. In Mailand, so glaubt man, geht es um die Ausstellung eines ordentlichen neuen Passes, Besonderheiten erwartet man nicht und irrt sich wiederum gründlich. Eine Artistenfamilie erwartet ihn, das Oberhaupt der Truppe trägt einen weitkrempigen Strohhut ähnlich dem vom Pisanello für San Giorgio gemalten, der Artist hört auf den Namen Giorgio Santini, da mag jeder denken, was er mag. Die wahre Enttäuschung, so scheint es, steht noch bevor und ist gar keine Enttäuschung, sondern ein Glück. In Verona ist die Bibliothek für längere Zeit verschlossen, allerdings steht die Eingangstür offen. Er tritt ein und stößt auf einen Bibliotheksbeamten, der ihm bereitwillig die gewünschten Bücher herbei sucht. Dann vertiefen sich beide ohne einander zu stören still in ihre Aufgaben, was kann schöner sein.