Mittwoch, 14. März 2018

Riva

Kafkas Emissäre

Der Erzähler, Selysses, besteigt in Desenzano den Bus nach Riva. Er wolle mit dem Bus nach Riva fahren, sagt er ausdrücklich, also ist Riva nicht oder nicht nur die mögliche Endstation der Buslinie, sondern vor allem das individuelle Reiseziel. Das Reiseziel wird nicht erreicht, der Erzähler steigt, entgegen seinem Plan, vorzeitig in Limone sul Garda aus, weil er die Atmosphäre im Bus nicht länger erträgt, man hält ihn dort, fälschlicherweise naturgemäß, für einen zu seinem Vergnügen in Italien herumreisenden englischen Päderasten; schuld an der Misere sind zum einem seine unzureichenden Italienischkenntnisse und zum anderen die geringe Vertrautheit der Landbevölkerung mit den Glanzlichtern der Weltliteratur, darunter Kafka an vorderster Front. Der Aufenthalt im Hotel Sole wäre demnach mehr oder weniger zufällig zustande gekommen, zufällig damit auch die sich anspinnende zarte Romanze mit der Wirtin, die schließlich gar zu einer, wenn auch äußerst flüchtigen, Eheschließung führt. War es Zufall, oder waren Kafkas beiden Helfer und Emissäre in Gestalt des ihm, Kafka, täuschend ähnlich sehenden Zwillingspaars, beauftragt, die Entwicklung insgeheim in diese Richtung zu steuern? Und wenn es so war, wollte Kafka dem Dichterkollegen eine unerwartete Freude machen, oder wollte er ihn aus Eigeninteresse von Riva fernhalten? Beyle jedenfalls wurde von Kafka mit Hilfe des Jägers Gracchus aus Riva verscheucht. Vom Anblick des schweren alten Kahns, mit einem im oberen Drittel geknickten Hauptmast und faltigen gelbbraunen Segeln und mehr noch vom Anblick der nach dem Ankern an Land getragenen Bahre war Mme Gherardi so ungut berührt, daß sie darauf bestanden hatte, ohne jeden weiteren Verzug aus Riva abzureisen. Es ist noch nicht der wahre Gracchus, der hier in den Hafen eingefahren ist, der Emissär ist ein Vorbote, eine Attrappe des Jägers. Schon in Wien hatte Kafka schlechte Erfahrungen mit einem Kollegen gemacht, Grillparzer, nahezu restlos vergreist, machte ungute Faxen und legte ihm einmal sogar die Hand aufs Knie. Beyle mit seiner ganz anderen Liebeseinstellung konnte Kafka in Riva ebensowenig gebrauchen wie Grillparzer oder verschiedene andere aus dem Metier. Der General ist gestorben, die Genuesin ist abgereist, der Erzähler wurde umgelenkt nach Limone, Beyle ins Salzburger Land, jetzt hat Kafka die nötige Muße, um den Jäger Gracchus, der nicht sterben kann, ins Leben zu rufen. Der Sinn der unablässigen Fahrten des Jägers Gracchus bestünde, so heißt es, in der Abbuße einer Sehnsucht nach Liebe, die uns immer genau dort ergreift, wo scheinbar und gesetzmäßig nichts zu genießen ist.

Montag, 12. März 2018

Eine Episode

Schutzbedürftig

Aus Kafkas Leben wird auf gut zwanzig Seiten nur eine Episode, erzählt, die sich über ungefähr einen Monat hinzog, und doch sehen wir sein ganzes Leben vor uns, das eine andauernde und gleichbleibende Verzweiflung war. Gereist ist Kafka meist in Begleitung seines Freundes Max Brod, dieses Mal, in Oberitalien, ist er allein und in besonderem Maße schutzbedürftig. Der Erzähler begleitet ihn im Tonfall unauffälliger Sorge, nichteingreifendes Geschehenlassen ist ohnehin sein üblicher Habitus, donner un nom à ce qui nous environne et passer outre die Devise, zu helfen war Kafka, wie zuvor Kleist, in keinem Fall.

In mancher Hinsicht ist Kafka das genaue Gegenteil von Beyle, etwa was die öffentliche Darstellung anbelangt. Als Beyle die neue Uniform, bestehend aus hirschledernen Hosen, einem vom Nacken bis zum Scheitel mit gestutztem Roßhaar besetzten Helm, Stiefeln, Gürtelschnallen, Brustriemen, Epauletten und Rangzeichen überzog, da war er, wie er den Augen der Mailänder Frauen ablesen zu können glaubte, von Grund auf und sehr zu seinem Vorteil verwandelt. Für einen unauffällig und inkognito geplanten Auftritt schienen ihm gar ein gelber Rock, dunkelblaue Beinkleider, schwarz lackiertes Schuhwerk, ein extrahoher Velourshut und ein paar grüne Brillen die richtige Wahl zu sein. Kafka will nicht gesehen werden. Und doch ist er, wie es ihm scheint, obwohl er absagt, wo er nur kann, immer mit schrecklich vielen Leuten beisammen. Absence! Tu seras ma seule gloire. Gegen Abend kamen immer mehr Menschen offenbar zu nichts anderem als zu ihrem Vergnügen auf die Straße. Die Demonstration des Unbeschwertseins und des Zusammengehörens der Veroneser Bevölkerung erschien ihm wie eine Theaterveranstaltung, eigens dazu inszeniert, ihn auf seine Vereinzelung und Abartigkeit hinzuweisen. Nicht einmal mit sich selbst ist er eins, befremdet steht er neben sich. Am liebsten wäre er ohnehin nur sein eigenes, für niemanden sonst sichtbares Spiegelbild. Auch was die Frauenliebe anbelangt, könnte, wie es scheint, der Unterschied zwischen den beiden Italienreisenden größer nicht sein. Beyle ist gradheraus und zielbewußt und führt eine Liste der Damen, die ihm ihre Gunst gewährt haben, Kafka versucht der Tischnachbarin, einer Schweizerin aus Genua, seine Theorie der körperlosen Liebe schmackhaft zu machen. Beyle hat seine erotische Auflistung allerdings nicht mit Tinte auf haltbarem Papier verfaßt, sondern mit einem Stab in den Staub gezeichnet, keinem Windstoß gewachsen. Die von ihm geschilderte Reise an den Gardasee unternimmt er in Begleitung der imaginären und insofern körper- und schwerelosen Mme Gherardi. In Riva treffen zwei Gespenster, Beyles Reisebegleiterin und Kafkas Gracchus, G&G die Initialen, aufeinander, keine glückliche Begegnung. Vom Anblick des schweren alten Kahns, mit einem im oberen Drittel geknickten Hauptmast und faltigen gelbbraunen Segeln und mehr noch von der nach dem Ankern an Land getragenen Bahre war Mme Gherardi so ungut berührt, daß sie darauf bestanden hatte, ohne jeden weiteren Verzug aus Riva abzureisen. In ihrer fortdauernden Verdrießlichkeit zeigt sie sich wenig aufgeschlossen für Beyles Theorie der Liebe als einer Art der Kristallisation. Wie weit sich die Genuesin von Kafkas amouröser Theoriearbeit überzeugen ließ, ist schwer abzuschätzen. Der Umstand, daß sie beim Abschied weint, läßt sich so oder auch anders deuten.

Sonntag, 11. März 2018

Ein ganzes Leben

Schwebezustand

Auf weniger als dreißig Seiten zieht ein ganzes Leben an uns vorbei, schwebt vorbei, der ohnehin stets auf Levitation bedachte Dichter vermeidet jede Bodenberührung, Beyle oder das merckwürdige Faktum der Liebe ist seine schwereloseste Geschichte überhaupt. Zumal die Erinnerung führt nicht auf festen Boden. Einmal besteht seine Vorstellung von der Vergangenheit aus nichts als grauen Feldern, dann wieder stößt Beyle auf Bilder von solch ungewöhnlicher Deutlichkeit, daß er ihnen nicht glaubt trauen zu dürfen. Die Stadt Ivrea sieht er aus einer Entfernung von etwa einer dreiviertel Meile bei schon abnehmenden Licht, so wie sie sich ihm seinerzeit zum ersten Mal dargeboten hatte, um dann einsehen zu müssen, daß das vermeintliche Erinnerungsbild nichts anders war, als die mentale Kopie einer in seinem Besitz befindlichen, Prospetto di Ivrea betitelten Gravur. Und umgekehrt, stößt man auf materielle Spuren eines Ereignisses, das man zuvor nur in der Imagination oder in künstlerischer Darstellung erlebt hatte, so erwartet einen nichts als Enttäuschung. Die Differenz zwischen den Bildern der Schlacht von Marengo, die er in seinem Kopf trug, und dem, was am Tatort als Beweis dessen, daß die Schlacht sich tatsächlich ereignet hatte, diese Differenz verursachte ihm ein zuvor niemals gespürtes, schwindelartiges Gefühl der Irritation. Von den Schwindelgefühlen wird er sich nie wieder ganz befreien können.

Um Klärung und festen Boden bemüht ist er vor allem anderen auf dem besonders luftiges Gebiet der Liebe. Er sucht harte Fakten und hofft sie in sogenannter gewährter Gunst zu finden. Mit dem Stock zeichnet er die Initialen seiner vormaligen Geliebten wie eine rätselhafte Runenschrift seines Lebens in den Staub, bei nüchterner Betrachtung könnte man von einer Abschußliste sprechen. Irgendwann aber muß ihm gedämmert haben, daß die realen Geliebten die Klärung des Rätsels der Liebe nur erschweren. Als Reisebegleiterin erwählt er daher die erdachte, schwerelose Mme Gherardi, sein eigenes Geschöpf, aber selbst die läßt sich von seiner um das Phänomen der Kristallisation kreisenden Theorie der Liebe nicht überzeugen. Vermutlich aber war Mme Gherardi in diesem Augenblick, schon gegen Ende der Reise, seelisch indisponiert und wenig aufgeschlossen, weil Kafka vor der Zeit und zur Unzeit den Jäger Gracchus nach Riva entsendet hatte. Vom Anblick des schweren alten Kahns, mit einem im oberen Drittel geknickten Hauptmast und faltigen gelbbraunen Segeln, war sie so ungut berührt, daß sie darauf bestanden hatte, ohne jeden weiteren Verzug aus Riva abzureisen. Der Titel Faktum der Liebe oder, die Dinge in der Weise des Trivialromans verdeutlichend: Liebe am Gardasee, könnte auf die Teile All’estero und Badereise ausgedehnt werden. Auch die beiden anderen Italienreisenden erreichen keine Klärung in der Liebesproblematik, dabei verzichtet der Erzähler, Minimalist in diesen Dingen, von vornherein auf erotische Reihenuntersuchungen und beschränkt sich auf die unilaterale Trauung mit Luciana Michelotti, von der diese nicht einmal etwas weiß. Es heißt allerdings, Frauen seien aufgrund ihres hochentwickelten spezifischen Gespürs bei Vorkommnissen dieser Art, was etwa verborgene Eheschließungen anbelangt, nie ganz ahnungslos.

Der Tod schließlich, ein nach verbreiteter Auffassung nicht weniger merkwürdiges Faktum. Auch hier versucht Beyle, sich mit zeichnerischen Mitteln Klärung zu verschaffen. Früh schon stellt er in kryptographischer Form Berechnungen seines Lebensalters an, die sich in ihrer kraxligen, ominösen Abstraktheit wie Botschaften des Todes ausnehmen. Am Abend des 22. März 1842 wirft ihn ein apoplektischer Anfall auf das Trottoir der Rue Neuve-des-Capucines. Er erlangt das Bewußtsein nicht wieder.

Donnerstag, 8. März 2018

Dekadenz

Vegane Episode

Die Hautevolee tritt uns in drei Erscheinungsformen entgegen, als Traum, als Realität und als Hinterlassenschaft. Es war tatsächlich, als habe sich in Deauville die ganze Welt versammelt, die Comtesse de Montgomery, die Comtesse de Fitz James, die Baronne d’Erlanger, die Rothschild, griechische Reeder, mexikanische Petroleummagnaten. Zur späten Stunde im Speisesaal des Normandy leuchtete auf jedem Tisch durch die gedämpfte Atmosphäre wunderbar rosarot auf einer silbernen Platte ein Hummertier, das langsam manchmal eines seiner Glieder rührte. Von der wie von einem leichten Seegang bewegten Menge der dinierenden Gäste waren nur die glitzernden Ohrringe und Halsketten der Damen und die weißen Hemdbrüste der Herren zu sehen. Unergründlicher Mittelpunkt der fortwährenden Feier war jene österreichische Gräfin, femme au passé obscur, deren wahren Namen niemand kannte, niemand vermochte ihr Alter zu schätzen oder wußte, ob sie ledig, verheiratet oder verwitwet war. Soweit der Traum. Als der Erzähler am Morgen ans Fenster tritt, da erscheint die Gräfin, in dem fahl allmählich sich ausbreitenden Zwielicht, leibhaftig auf der verlassenen Promenade des Planches. Auf das geschmackloseste zusammengerichtet und auf das entsetzlichste geschminkt, kam sie daher, mit einem hoppelnden weißen Angorakaninchen an der Leine, Außerdem hatte sie einen giftgrün livrierten Clubman dabei, der immer, wenn das Kaninchen nicht mehr weiterwollte, sich niederbeugte zu ihm, um es ein wenig zu füttern von dem riesigen Blumenkohl, den er in seiner linken Armbeuge hielt. Schwer läßt sich entscheiden, ob die Traum- oder die Realszene befremdlicher ist. Die Gräfin hat sich zwischen Nacht und Morgen nicht zu ihrem Vorteil entwickelt, das Kaninchen erinnert an die von spleenigen Flaneuren spazierengeführte Schildkröte. Auch der vegane Charakter der Szene betört den Leser nicht, und doch …

Im zweiten Untergeschoß des zunächst in Great Western umbenannten und dann weitgehend stillgelegten Hotels, durch das Pereira die Gäste führt, hatte sich seinerzeit ein kühles Labyrinth zur Lagerung und Herrichtung von Backwaren und Gemüse, vorzüglich aber von rotem Fleisch und blassem Geflügel befunden. Allein der Fischkeller, wo Barsche, Zander, Schollen, Seezungen und Aale sowie Hummer- und Krebstiere jeglicher Art zuhauf auf dem aus schwarzen Schiefer geschnittenen, unablässig von frischem Wasser überflossenen Tischflächen lagen, war ein kleines Totenreich für sich. Die Hauskapelle aber schmückte ein in Goldfarben gemaltes ornamentales Bildnis der unter einem Regenbogen schwimmenden dreistöckigen Arche, zu der gerade die Taube zurückkehrte, in ihrem Schnabel der grüne Zweig. Dekadenz ist nicht vielmehr als die Leuchtreklame einer verfehlten, auf dem Stoffwechselprinzip und damit dem Verschlingen der einen durch die anderen beruhenden Schöpfung. Zweimal begegnet uns die Schöpfung im geläuterten Zustand, zunächst terrestrisch im Garten Eden und dann maritim in der Arche Noah. Stoffwechsel war in den Paradiesen notwendig unterbunden. Adam hatte den Metabolismus durch den Biß in den Apfel in Gang gesetzt, Noah war dem Fehlsignal der Taube gefolgt und war, anstatt für immer hinauszufahren aufs weite Meer, am Ararat angelandet - es ist niemals gutzumachen.

Montag, 5. März 2018

Arche Noah

Golomen

Si Noé avait eu le don de lire dans l’avenir, il n’est point douteux qu’il se fût sabordé. Im Untergeschoß des inzwischen weitgehend aufgelassenen Hotels hatte sich seinerzeit ein kühles Labyrinth zur Lagerung und Herrichtung des roten Fleisches und des blassen Geflügels befunden. Allein der Fischkeller, wo Barsche, Zander, Schollen, Seezungen und Aale zuhauf auf dem aus schwarzen Schiefer geschnittenen, unablässig von frischem Wasser überflossenen Tischflächen lagen, war ein kleines Totenreich für sich. Die Hauskapelle aber schmückte ein in Goldfarben gemaltes ornamentales Bildnis der unter einem Regenbogen schwimmenden dreistöckigen Arche, zu der gerade die Taube Golomen zurückkehrte, in ihrem Schnabel der grüne Zweig.

Was Ashman anbelangt, so hätte nicht viel gefehlt, und er wäre, als er nach Rückkehr aus dem Krieg zu ersten Mal seit zehn Jahren sein ehemaliges Kinderzimmer wieder betrat, um seinen Verstand gekommen beim bloßen Anblick der Arche, aus dem paarweise die braven, aus der Flut geretteten Tiere herausschauten. Es war, als öffnete sich vor ihm der Abgrund der Zeit, eine Wut stieg in ihm auf, und ehe er auch nur wußte, was er tat, hatte er draußen auf dem hinteren Hof gestanden und mehrmals mit seiner Flinte auf das Uhrtürmchen der Remise geschossen.

Das kleine Haus mit seinem geschindelten Walmdach sah einem auf der Hügelkuppe gestrandeten Schiffchen gleich. Und jedesmal, wenn jemand vorbeikam, schaute gerade der Vater der Romana, der ein verschmitzter Mensch gewesen ist, wie der Noah aus der Arche zu einem der winzigen Fenster heraus und rauchte einen Stumpen auf seinem Waldhörnchen. Man könnte meinen, die Arche Noah sei das zweite Paradies und es würde in unseren Tagen fortdauern, nichts aber wäre falscher als diese Annahme, das friedliche Bild trügt, die Arche war nur ein lange schon vergangenes Kurzzeitparadies. Die in der Arche versammelten braven Tiere liegen nun als rotes und weißes Fleisch auf der Schlachtbank, die der Arche nicht bedürftigen Fische, die gleichsam in ihrem offenen Untergeschoß munter dahingeschwommen waren, bilden längst ein eigenes Totenreich für sich. Der Kriegsheimkehrer Ashman verliert die Beherrschung, als ihm beim Anblick der Arche klar wird, wie sehr er betrogen wurde. Die Taube Golomen kam zu Noah umb vesperzeit, und sihe, ein öleblat hatte sie abbrochen und trugs inn irem Mund, oder, in Erinnerung an Austerlitz‘ kymrische Zeit und an den das Gotteswort bilingual verkündenden Prediger Elias: Pan ddychwelodd y Golomen ato gyda’r hwyr, ir oedd yn ei phig ddeilen olewydd newydd ei thynnu. Scheinbar verkündet Golomen Rettung und Erlösung, in Wahrheit ist sie der Bote des Unheils, des künftigen unendlichen Unglücks, über dem seither Giottos Engel schwebend Klage erheben. Wie ein Dröhnen ist diese Klage zu hören in der Stille des Raums, die Engel selbst aber haben die Brauen im Schmerz so sehr zusammengezogen, daß man  meinen könnte, sie hätten die Augen verbunden. Dem maritimen Paradies der Arche war nicht mehr Dauer beschieden als dem Gartenparadies am Anfang der Zeit.

Mit Noah sollte man nachsichtig umgehen, er war so arglos wie der Vater der Romana und hat nichts geahnt. Ausgestattet mit dem Vermögen, in die Zukunft schauen, hätte Noah den Kahn mit seinen unverständlich hohen Masten zweifellos versenkt, der Hauptmast, wie sich bei näherem Hinschauen erwies, im obern Drittel bereits geknickt, faltige, rauhe, gelbbraune Segeltücher zwischen den Hölzern kreuz und quer gezogen, Flickarbeit, ohnehin keinem Windstoß gewachsen.

Donnerstag, 1. März 2018

Saxophon

Laubrascheln

A quoi bon fréquenter Platon, quand un saxophone peut aussi bien nous faire entrevoir un autre monde? Die Frage richtet sich nicht an Platon selbst und wenn, dann würde er sie aus Gründen, die sich jeder leicht denken kann, nicht unmittelbar und geradheraus beantworten. Nehmen wir das Platon nicht vertraute Saxophon als pars pro toto der Musik und die Musik wiederum als Vertreterin der Kunst, die auch die Wortkunst umfaßt. Literarisch gestimmte Philosophen wie Nietzsche und philosophisch gestimmte Literaten wie Musil kommen sich im Gestrüpp der Texte recht nah, gleichwohl zieht Platon eine scharfe Grenze. Der Philosoph tritt aus der Höhle und sieht, in der anderen, wahren Welt, die Wahrheit im hellen Schein, in so hellem Schein, daß er die Augen schließt und allenfalls noch blinzeln kann. Aber auch das wenige, das er erkennen konnte, ist bei weitem zu viel, als daß er es den im Schattenreich der Höhle Zurückgebliebenen, unter ihnen die Schar der Künstler, begreiflich machen könnte. Auch für den Dichter unserer Tage ist, wie er bekundet, die Wahrheit hinter ins Innere unserer Köpfe gravierten Bildern verborgen in einem von keinem Menschen noch entdeckten Abseits. Eine, wie es scheint, geradezu platonische Vorstellung, und doch ist wahre Prosa näher beim augenfreundlichen Saxophon als bei der aufklärenden Philosophie. Die Wahrheit erscheint in der Prosa nicht als gleißendes Licht, dem, so die Hoffnung, unsere Augen irgendwann gewachsen sein werden, sondern wie das Laubrascheln eines kleinen Pelztieres am Wegrand, Jan Gabarek pianissimo.

Wüste

Buch der Bücher

Erst die Schrift macht Kommunikation mit Nichtanwesenden möglich und Kommunikation mit Anwesenden tendenziell überflüssig. Erst das Buch macht Anachorese möglich, ergänzt Sloterdijk, das Buch und die Wüste gehören zusammen. Und wiederum erst die Befreiung von den anwesenden Anderen durch das Buch macht die Befreiung sowohl von den Anderen als auch vom Buch durch die Wüste möglich. Cioran schließlich markiert den Endpunkt, die Befreiung von den Anderen, dem Buch und der Wüste: Que de tracas pour s‘installer dans le désert! Plus malins que les premiers ermites, nous avons appris à le chercher en nous mêmes. Was bleibt, ist ein wüstenhaftes Ich.

Abgesehen von der Frage, ob Sloterdijks Ansatz zutrifft – waren nicht etwa die schriftlosen* Prärieindianer (Apachen, Comanchen, Dakota) aus rituellem Anlaß zu ekstatischen Wüstenaufenthalten genötigt? -, führte die Entwicklung der Schrift naturgemäß nicht zu einem massenhaften Anachoretentum. Zum einen blieb die Schreib- und Lesefähigkeit zunächst auf eine schmale Elite beschränkt, und zum andern fühlten die meisten und fühlen sich auch weiterhin unter ihresgleichen wohler als in Gesellschaft der Bücher. Auch blieb und bleibt der Wüstenaufenthalt überwiegend zeitlich beschränkt.

Im Werk des Dichters ist die Zahl der in Frage kommenden Probanden verhältnismäßig hoch. Als wir den Erzähler in Wien kennenlernen, hat er offenbar gerade seine Schreib- und Leseermitage verlassen, um sich unter Anwesende zu begeben, ein Unterfangen, das letztlich scheitert, er findet niemanden, mit dem er reden kann, nicht einmal fernmündlich, nur mit den Dohlen und mit einer weißköpfigen Amsel den Anlagen vor dem Rathaus hat er des längeren geredet. Bei seiner zweiten Italienreise ist er erfolgreicher, vorausschauend hat er seinen Schreibblock dabei, so daß ein Wechsel zwischen den beiden Verhaltensformen möglich bleibt. Austerlitz, um uns ihm zuzuwenden, nutzt seinerseits den Erzähler als Tor zum Austritt aus seiner Eingezogenheit. Alleinreisende im wörtlichen und im übertragenen Sinn sind nach manchmal tagelang nicht unterbrochenen Schweigen oft dankbar, eine Ansprache zu finden und dann auch bereit, sich einem fremden Menschen rückhaltlos zu öffnen. Rückhaltlos ist sicher das richtige Wort, der Erzähler muß fortan im wesentlichen dann nur noch das erzählen und unter die Leute bringen, was Austerlitz ihm erzählt. Zusätzliche Gesprächspartner, andere Andere, benötigt Austerlitz offenbar nicht. 

Als der Erzähler Salvatore Altamura wie verabredet vor einem Café in Verona trifft, ist dieser versunken in die Lektüre eines Buches mit dem Titel 1912 + 1. Nach längerem Zusammensein mit anderen und zumal an Feierabenden muß er sich, wie er bekennt, in die Prosa flüchten wie auf eine Insel, eine Form des Anachoretentums, die jedem wahren Leser unmittelbar einleuchtet. Wiederum eine andere Sache ist es mit dem Prediger Elias, einem Sechstageeremiten. Er sitzt die Woche über in seiner Arbeitskammer wie Hieronymus im Gehäuse und arbeitet an der Predigt für den kommenden Sonntag. Völlig niedergeschlagen kommt er am Abend aus der Kammer hervor, um am folgenden Morgen wieder in ihr zu verschwinden. Keine seiner Predigten hat er je aufgeschrieben, sondern sie immer nur in seinen Kopf eingemeißelt. Das Buch der Bücher wird vor ihm gelegen haben, aber vermutlich hat er es so gut wie nie aufgeschlagen, weil er es längst zur Gänze memoriert hatte, eine eigenwillige Form sekundärer Schriftlosigkeit. Nach der sonntäglichen Strafpredigt, die die Gemeinde regelmäßig kreideweiß zur Kirchentür herauskommen ließ, war er für den Rest des Tages in verhältnismäßig aufgeräumter Stimmung und zugänglich für die anderen, bevor dann am Montag das gleiche Lied im gleichen Rhythmus seine Fortsetzung findet. Cioran sendet währenddessen unablässig aphoristische Signale aus der inneren Wüste.

*Parallel zur Verschriftlichung ihrer Sprachen haben sich die Überlebenden in Verfolgung des ekstatischen Ziels dann stärker dem Alkohol zugewandt.