Mittwoch, 2. Juni 2021

Moje wielkie świętowanie

Mein großes Fest 

Der greise Portier geleitete den späten Gast über eine wunderbare Mahagonistiege – man hatte auf ihr gar nicht das Gefühl des Treppenaufstiegs, sondern schwebte gleichsam hinan -  in die oberste Etage, wo er ihm ein geräumiges Zimmer anwies. Stachura, sozusagen noch im Vorraum seines Dichtertums, beschert seinem jugendlichen Erzähler ein ähnlich verzaubertes Erlebnis. 

*  *  *

In das Hotel kam man durch die Tür. Dann bat ein älterer Herr zum Lift, ein Lift mit einer einladenden Innenausstattung und einer mit Plüsch überzogenen Bank. Die höheren Stockwerke erreichte man auf eine anmutige Weise wie bestimmte Gipfel, die man nicht auf eine mühselige Art erklimmt, sondern durch eine Art Emporschwimmen zur Bergeshöhe, allerdings hier, im Lift, mit offenem Mund und ohne Atembeschwerden, wie an den Haaren gezogen von einem Hundegespann, aber so weich, daß nichts zu spüren war, im Lift war es still, niemand scharrte mit den Füßen. Dann öffnete der ältere Herr die Tür des Lifts, denn schon war das vierte Stockwerk erreicht, er sagte bardzo dobrze, bitte sehr, und weiter ging es. Den Korridor entlang ging ich wie über einen Teppich oder wie in warmen Schuhen durch den Schnee oder wie barfuß am Strand, dabei las ich die Zimmernummern: 133, 134, 135 – das war mein Zimmer. Mit einem Schlüssel öffne ich regulär die Tür, nicht etwa mit einem Dietrich, was soll mir ein Dietrich, und betrete mein Zimmer: eine Offenbarung. Ein Tisch, Metallstühle, seltsam und schön, zwei Sessel, man kann sich in einen Sessel fallenlassen, ein Schrank, Fenster, Vorhänge Schnüren zum Öffnen oder Schließen, und Betten, drei Betten, mein Gott, in eins dieser Betten werde ich am Abend zurückkehren, nun aber ist es Zeit, sich für das Abendbrot vorzubereiten, zum Wasserhahn also, besser gesagt zu den Wasserhähnen, es sind nämlich zwei, einer oben rot, der andere blau: warmes Wasser und kaltes Wasser. Ich liebe diesen Wechsel, mal warm, mal kalt, mal Sommer, mal Winter und ein Handtuch für beides gleichzeitig, für Frühling und Herbst. 

Und jetzt zum Mittagessen! Ich überprüfe den Umschlag mit den Gutscheinen für Frühstück, Abendbrot und eben das Mittagessen, zu dem ich eile, denn es ist Mittagessenszeit, wie mir scheint, irgendwo zwischen 13 und 14 Uhr essen normale Leute ihr Mittagsmahl, und für zwei Tage bin ich ein normaler Mensch und esse regelmäßig: Frühstück, Mittagsmahl und Abendbrot und dann gehe ich schlafen, mein Gott, ich suche keine Schlafgelegenheit bei Bekannten, für zwei Tage gehe ich in mein eigenes Zimmer, wähle aus zwischen den verschiedenen Betten, vielleicht nehme ich das Bett in der Mitte, das Bett zwischen Betten, unter der Decke ruht mein armer ramponierter Körper, mir wird wohl sein in dem Bett, für mich zumindest wird es ein Dampfschiff sein, ein Hochzeitshaus, in dem die Gäste verstorben sind. Meine Stirn wird sich langsam abkühlen, am Kissen wird sie sich abkühlen, es wird sicher eine schöne, großartige Zeit sein.

Am Morgen werfe ich die Decke ab, munter wie ein Erdhörnchen, gehe zum Fenster, ziehe an der Schnur, schaue vom vierten Stockwerk herab auf Posen, das schöne gastfreundliche Posen, dann schaue ich auf die Kräne, die Wasserkräne: kalt und warm Sommer und Winter, ich liebe diesen Wechsel, ich gehe hinunter zum Frühstück, wenig später nur zum Mittagessen, ertrinke im Frühstück, später dann im Mittagsmahl.

*  *  *

Moje wielkie świętowanie wurde 1959 in einer Zeitschrift veröffentlicht und hat nicht den Weg in die zu Lebzeiten des Autors in Buchform publizierten Erzählbände gefunden. Die Erzählung hat den Charakter einer Etüde im Stachura-Klang, so etwa in der Schilderung der wundersamen Himmelfahrt im Lift oder des überwältigenden Luxus von zwei Wasserhähnen, der eine kalt, der andere warm, so wie Sommer und Winter, Sommer und Winter der Waldarbeiter später dann in Siekierezada. Die Reifeprüfung aber war noch nicht abgelegt. 

Dienstag, 1. Juni 2021

Na polu

 Auf dem Feld

Gibt es jemanden, der immer zur rechten Zeit am rechten Ort ist, wird in der Literatur von ihm berichtet? Für den Dichter ist es kein Thema, immerhin, als sein noch junger Erzähler 1966 in Manchester und in der Pension AROSA eintrifft, fühlt er sich eindeutig nicht am rechten Ort, letztlich ist es nur die in seinem Zimmer vorgefundene teas-maid, die ihn mit ihrem nächtlichen Leuchten in der Nacht und dem leisen Sprudeln am Morgen am Leben festhalten läßt. Auch Stachuras Erzähler sieht sich in Gartenlauben und ähnlichen Unterkünften, vielleicht seit Tagen ohne Nahrung nicht unbedingt am rechten Ort. Zur rechten Zeit am rechten Ort, und zwar auf einem Feld, pole, findet er sich nachgewiesen zumindest ein Mal.

*  *  *

Es war Sommer. Ein goldener Sommer, der nicht in die Mitte der Sommerzeit fällt, nicht genau in die Mitte, nicht genau zwischen der einen und der anderen Hälfte des Sommers, sondern ein bißchen später. Ich habe das einige Male beobachtet. Es war schon Sommernachmittag, ein früher Nachmittag.

Wo konnte ich in dieser Jahreszeit sein? Wohin konnte ich mich wenden zu dieser goldenen Stunde? Ich war dort, wo man sein muß. Ich war dort, wo man sein muß und wo der beste Ort ist in dieser Zeit. Denn ich habe, manchmal also habe ich viel Glück. Ich war auf einem Feld. Oh, ich werde nicht davon reden, wo ich gestern war, wo ich die letzte Nacht geschlafen habe und warum nur so kurz, und wie ich mich plötzlich und unerwartet zur goldenen Zeit auf dem goldenen Feld fand. Ich will nicht davon sprechen, ob ich hungrig bin oder nicht so sehr, was ich suche und wo ich meines Weges gehe und was mich treibt. Darüber muß ich nicht reden. Mein Gewissen ist ruhig. Aber ich muß davon erzählen, wie es auf dem Feld war. Wie es auf dem Feld war. Eine unendliche, ungestörte Stille lag über den Bergen und Wiesen. Eine unmenschliche Ruhe in der warmen Luft. In meinem Gewissen. Und weil ich mich kenne und weiß, wie ich bin, wie mein Gewissen rein und ruhig war, gab es nichts, sich daran zu messen. Denn das war eine lebendige Stille und eine tote zugleich, vergleichbar vielleicht mit der Stille eines Kindes, das, gerade erst geboren, seinen ersten, unwiederholbaren Traum erlebt. Denn der zweite Traum ist wohl schon anders. Wiederholbar. Denn während dem ersten und dem zweiten Traum lernt es schon den Hunger kennen, wie er aussieht. Ich versuche, das irgendwie zu beschreiben, diese Stille am frühen Nachmittag, obwohl, wie ich gesagt habe, mein Gewissen ruhig ist, und das ist eine große Hilfe. Da soll man nicht das eine mit dem anderen vermischen. Aber vielleicht täusche ich mich. Vielleicht war hier schon jemand mit einem schlechten Gewissen, und vielleicht konnte er diese Stille höher schätzen. Zum Beispiel ein Mörder findet in diesem goldenen Feld vielleicht diese ungestörte Ruhe. Wie sollte man das einschätzen? Er müßte das besser einschätzen können als irgend jemand sonst. Jetzt sehe ich und sehe, daß ich mich gerade getäuscht habe. Diese Ruhe müßte ihn niederdrücken zur Erde wie fallender Beton, oder er müßte davon verrückt, irre werden. Am Himmel flogen Schmetterlinge und verschiedene Insekten, Hummeln, setzten sich mal auf den Kornblumen, mal auf dem Mohn, und in der Luft surrte es ringsum, aber die Stille war übermenschlich.

Auf eben diesem Feld war ich also. Ich will nicht davon sprechen, wo ich gestern war, oder vorgestern, oder einige Tage zuvor, ich will nicht einmal davon reden, wo ich in der letzten Nacht geschlafen habe und warum so kurz, mit anderen Worten: was mich aufgeweckt hat. Aber ich weiß, was ich sage, wenn ich sage, ich könnte ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich nicht vom Himmel erzählte, wie er war. Wie der Himmel war. Der Himmel war hundertundfünfzigmal das, was der See war, an dem ich einmal mit einem Menschen war, der mich fragte: na, wie ist es?, und ich wiegte nur den Kopf nach links und nach rechts. Das war der Himmel. Hundertundfünfzigmal.

Kurz gesagt, ich war genau unter diesem Himmel. Und ich werde nichts über meine nähere und fernere Vergangenheit sagen, oder über die letzte Nacht und auch über meine Zukunft werde ich nicht nachdenken. Und auch über die Zukunft der Menschheit werde ich nicht vertieft nachdenken. Ich war auf dem goldenen Feld zur goldenen Zeit unter einem weiten blauen Himmel. Und damit koniec, Schluß. Damit schließe ich.

*  *  *

Er will nicht davon sprechen, wo er gestern war, nicht davon, ob er hungrig war, nicht davon, wo er gestern und vorgestern war, nicht wo er die letzte Nacht geschlafen hat und warum so kurz, er wird nicht von der Vergangenheit sprechen, er will von all den Dingen nicht sprechen, von denen er in anderen Erzählungen und seinen beiden Romanen spricht, Erzählungen und Romane, die immer eine Legierung aus banalem Alltag und metaphysischen Ausbrüchen sind, in Siekierezada erkenntlich schon am Titel: Siekiera, die Axt, und Scheherazade, das Mädchen aus Tausend und eine Nacht. Aber indem er betont nicht von den banalen Dingen sprechen will, spricht er doch von ihnen, das Blatt wurde nur gewendet. Revers.