Freitag, 21. Januar 2022

Verhandlung

 Einer schweigt

 

Gespräche des Dichters  verlaufen in der Regel so: Jemand erläutert ein bestimmtes Thema, er hört zu. Daß er sich an einer größeren Gesprächsrunde wie der folgenden beteiligt, scheint ausgeschlossen, ganz abgesehen davon, daß die Thematik nicht auf seiner Linie liegt..

 *

Er kam unter die Räder, wurde überrollt und kaputt.

Es war in der Frühe, der Expreßzug in die Hauptstadt.

Es scheint, als habe er auf den letzten Waggon aufspringen wollen.

Auf den letzten Wagen, aber auf die vordere Tür.

Aha, die vordere Tür. Na dann.

Da hat er einen Fehler gemacht. Wenn er nicht zur vorderen, sondern zu hinteren Tür aufgesprungen, dann wäre er vielleicht gestürzt aber nicht überrollt worden.

Stimmt genau.

Bitte den Postwagen ganz hinten nicht vergessen.

Der kann hinten sein, kann ganz vorne sein, direkt hinter der Lokomotive. Das kann so oder so sein.

Vielleicht wollte er zur hinteren Tür, aber die war geschlossen.

Kann auch sein, möglich. Er spurtete zur hinteren Tür, drückte auf die Türklinke, aber die war schon verschlossen, und dann spurtete er nach vorn, zur vorderen Tür. Vielleicht war es so.

Er mußte umkommen und ist umgekommen. Das ist Schicksal.

Ein normaler Zug, das wäre noch gegangen, aber der Expreß, der nimmt gleich Fahrt auf.   

Genau so ist es. Und er war außer Atem. Die ganze Zeit war er gerannt. Durch den Bahnhof, die Stufen zum Tunnel, dann wieder die Stufen nach oben, dann dem Gleis entlang, neben dem Zug, der schon angefahren war, mit gleichem Tempo wie er. Er war erschöpft und hatte keine Kraft mehr.

Da bin ich anderer Meinung. Er hatte schon keine Kraft mehr, aber wenn er schon keine Kraft mehr hatte, dann konnte er vor allem den Sprung nicht mehr richtig einschätzen. Er hatte nicht das richtige Maß.

Vielleicht hatte er auch einen in der Krone. So kam eins zum anderen bei seinem Sprung.

Am frühen Morgen schon einen in der Krone? Direkt nach Sonnenaufgang? Was reden Sie da?

Es konnte ja so sein, daß noch ein Rückstand vom Tag zuvor da war, die hatten bis zum Morgen gezecht.

Ich denke, er hat zu früh versucht, die Tür zu öffnen. Der Zug nahm Fahrt auf, und er kam nicht mehr dazu abzuspringen. Es trug ihn nach vorn, und er konnte schon nicht mehr loslassen. Die Füße waren da, wo sie nicht sein sollten, zwischen dem Zug und dem Perron. Er hielt sich so noch einige Zeit, bis die Hände nicht mehr mitmachten, dann ließ er los. Direkt auf den Boden.

Wer weiß schon, wie es wirklich war.

Vielleicht auch, weil er seine dunkle Brille trug. Kann sein. Vielleicht waren die Gläser obendrein beschlagen. Draußen war Frost, der Dampf schlug ihm ins Gesicht, und die Brillengläser beschlugen sich. Obendrein waren die Gläser dunkel und dann noch beschlagen.

Warum hat er eigentlich immer diese dunklen Brillengläser getragen? Im Sommer wie im Winter, immer hatte er diese Brille auf. In allen seinen Filmen hatte er sie auf.

Einen Film habe ich gesehen, Popiół i diament*. An einer Stelle erklärt er es einem Mädchen, das ihn fragt, warum er diese dunklen Brillengläser trägt. Warum? Er erzählt ihr, daß er während der Okkupation fast die ganze Zeit in dunklen unterirdischen Kanälen gelebt hat. Und jetzt, im Krieg, müsse er mit dunklen Gläsern leben, weil er an das Tageslicht nicht mehr gewöhnt sei. Die Augen schmerzten ihm vom Licht. So sehr habe er sich in den Kanälen an die Dunkelheit gewöhnt.

Aber das sagt er doch im Film. Das muß ja nicht die Wahrheit sein.

Muß nicht sein, kann aber sein. Wie auch immer, er zeigt sich nicht ohne diese dunklen Gläser. Im Film oder nicht im Film. Im Leben also.

So ist es, wie selbstverständlich.

Ich meine, ein solcher Mensch müßte ein Auto zur Verfügung haben, damit er nicht hinter den Zügen her hetzen muß.

Nach seinem Tod wird man ihm ein Ehrendenkmal setzen.

Wirklich, das gilt nur für Helden?

Im Kulturbereich war er ein Held.

Er war in Ordnung. Schade um ihn.

Und dann ist er noch am Sonntag ums Leben gekommen.

Ich sage noch einmal: er mußte umkommen und er ist umgekommen. Das ist das Schicksal, Sonntag hin, Sonntag her.

Da ist dieser Engländer, den sie nicht einmal auffinden konnten.

Campbell. Das war ein Geschwindigkeitsheld.

Der blaue Vogel.

Blue Bird, so hat man seine Maschine genannt.

Mitten auf dem See flog sie in die Luft und er mit ihr.

Fünfzig Meter hoch, und dann schlug sie zurück auf den Boden.

Dann suchten ihn die Taucher.

Was sollten sie suchen, da gab es nur noch Kleinholz.

 *

Auch hier, in dieser Runde, treffen wir auf jemanden, der notgerungen zuhört, vielleicht auch gespannt zuhört, sich selbst aber nicht äußert. Er sitzt wie festgenagelt auf seinem Rucksack im Gang des überfüllten Zugs, unten am Boden, die Beine eng zusammengestellt, Arm an Arm, Bein an Bein mit den Mitreisenden. Er raucht eine Zigarette hält sie abgeschirmt unter der Hand, raucht vorsichtig, um niemanden zu verbrennen. Über den Kopf hinweg hört er die Stimmen. Weiter oben. Ein wenig so, als sei er lebendig begraben und höre die Stimmen der Leute, die über ihm stehen. Ein wenig so, aber nicht zu sehr. Wichtiger ist ihm, daß er auf seinem Rucksack sitzt und gen Westen fährt durch die winterlichen Felder dieses Landstreifens. Abfinden aber mit Cybulskis unwiderruflichem Tod kann er sich in keiner Weise. Der eingeschränkte Reisekomfort des Dichters auf der Fahrt von Wien nach Venedig ist im übrigen ähnlich zu bewerten. Der Nachtzug ist derart überfüllt, daß er die ganze Fahrt über draußen auf dem Gang stehen oder in verschiedenen Stellungen zwischen den allseits sich türmenden Koffern und Rucksäcken kauern muß. Er ist der Situation aber gewachsen, breitet schließlich seine Aufzeichnungen auf den Knien aus und schaut erst wieder hin als der Zug von Mestre aus die im Glanz der Nacht liegende Lagune durchquert. Gesprächsfetzten dringen kaum zu ihm durch. Ein Thema nationalen oder gar internationalen Interesses vergleichbar dem tragischen Tod Cybulskis in Breslau, das eine allgemeine Aussprache unter den Reisenden auslösen könnte, ist nicht in Sicht.  

*Spätestens hier weiß der Cineast, daß der Unfalltod Zbigniew Cybulskis, gern auch der polnische James Dean genannt, am 8. Januar 1967 im Breslauer Bahnhof, verhandelt wird. Immer wieder ist Cybulski verspätet auf den Bahnhöfen erschienen, immer wieder ist er auf den bereits anfahrenden Zug gesprungen, ein Mal zu viel.

 

Dienstag, 18. Januar 2022

Wege

Konzentrat

Ist es der aufgeweichte, grundlose Boden, der die Schwindelgefühle hervorruft, oder sind es die Schwindelgefühle, die den Boden als bodenlos erscheinen lassen, gibt uns das gänzlich in Fetzen aufgelöste Schuhwerk des Dichters einen Wink in dieser Frage? Man ist daran gewöhnt, daß der Jäger Gracchus mit einer Barke in den Hafen von Riva einfährt, wie aber, wenn nicht über ein unterirdisches Tunnelnetz, ist er nach Verona gelangt, wo ihn zwei Männer in schwarzen Röcken mit silbernen Knöpfen aus einem Hinterhaus unter einem blumengemusterten Tuch auf einer Bahre heraus tragen? Man weiß nicht, zu welchem Zweck und auf welche Art San Giorgio, der zweite im mythischen Duo, zum deutschen Konsulat in Mailand gelangt ist, als ein die Höhe suchender Hochseilartist sicher nicht über ein unterirdisches Tunnelnetz. Auch sein Lebensziel ist diametral anders, während Gracchus seit Jahrhunderten den Unterweltfluß zum Tode sucht, vergewissert San Giorgio sich in der Gestalt des Giorgio Santini eines weiteren Lebens. Und die Augenpaare? Zunächst findet der Erzähler im Bahnhof Venedig zwei Augenpaare auf sich gerichtet. Es kommt ihm vor, als seien ihm die beiden jungen Männer, die, wie er sich nicht nur einbildete, zu ihm herüberschauten, seit seiner Ankunft in Venedig schon mehrfach begegnet. In Verona nimmt er im tiefen Schatten der jenseitigen Hälfte der Arena zwei Gestalten wahr, bei denen es sich bei genauerem Hinsehen zweifellos, wie er sagt, um die beiden jungen Männer aus der Ferrovia handelte: Es kommt ihm so vor, aber sind die Augenpaare tatsächlich auf ihn gerichtet, sind die Augenpaare in Verona wirklich dieselben wie die in Venedig, wenn ja, auf welchem Weg sind sie von Venedig nach Verona gelangt, was haben sie vor mit ihm, handelt es sich bei den beiden um Furlan und Abel, das Mörderpaar der GRUPPE LUDWIG, ist er in Lebensgefahr, haben sie dann doch von ihm abgelassen, wie sonst konnte er ihnen entkommen?  

Samstag, 15. Januar 2022

Glaubensschwund

Schwarzgekleidet


Die Kirchentür ist offen. Drinnen wird die Messe gelesen. Er stellt sich in die letzte Reihe. Die Gemeinde besteht fast nur aus alten, schwarzgekleideten korsischen Frauen, viele von ihnen geplagt von Gicht und krumm. Er blickt hinauf zu den an das Tonnengewölbe gemalten Fresken, kann aber nicht erkennen, um was für Szenen aus der biblischen Geschichte es sich handelt. Als der Priester sich anschickt, die Kommunion auszuteilen, die für ihn immer der ungeheuerste Teil der Liturgie gewesen ist, geht er hinaus. Man muß annehmen, daß die restlichen Teile der Liturgie die Ungeheuerlichkeit der Kommunion nicht aufheben konnten, sie vielmehr, wenn vielleicht auch maßvoll, nur noch gesteigert haben.

Als Pradera am Sonntag den Bibliothekswagen aufsucht, ist der noch menschenleer, das Volk ist samt und sonders bei der Messe. Die Frage der Bibliothekarin, warum er nicht die Messe hört, beantwortet Pradera dahingehend, er würde Kirchen nur vor oder nach der Messe betreten, in der Stille des Gotteshauses würde er sich wohlfühlen, am Ritus sei er nicht interessiert. Ähnlich erinnert sich Sebalds Erzähler an die im Inneren der menschenleeren Kapellen in der Gegend von W. herrschenden vollkommende Stille. Auf der anderen Seite des Erlebens standen freilich die an den Wänden abgebildeten Grausamkeiten. 

Günter Dux sieht den gerade erst evolutionär entstandenen Menschen sogleich mit einem umfassenden Weltverständnis beauftragt, darin unterschieden vom, mit Heideggers Worten, weltarmen Tier. Seiner speziellen Aufgabe aber war der Mensch nicht gewachsen ohne die sein Erleben leitende Religion. Wo immer Menschen waren, schossen Religionen wie Pilze aus dem Boden. Wenn, wie viele meinen, die jüdisch-christliche Religion hervorsticht aus dem Meer der Religionen, so nur aufgrund ihrer literarischen Qualitäten. Die Genesis, so Dux, sei das vielleicht gelungenste Prosastück überhaupt, ihre sachliche Glaubwürdigkeit aber habe sie im Zuge des enormen Wissenszuwachses der letzten dreihundert Jahren so gut wie vollständig eingebüßt. Was brächte einen allmächtigen Gott dazu, sich allein um einen winzigen, im All kaum auffindbaren  Planeten zu kümmern und auf diesem Planeten exklusiv nur um eine einzige Säugetiergattung, den Homo sapiens?

Die schwarzgekleideten korsischen Frauen erfahren keine sonderliche Sympathie, anders die alten polnischen Frauen, Babcia Potęga und Babcia Taborska in Cała Jaskrawość, Babcia Oleńka in Siekierezada und die eigene Mutter in Pogodzić sie ze światem (Sich abfinden mit der Welt), Stachuras Sterbetagebuch. Die Ummantelung durch den Katholizismus ist den Frauen so selbstverständlich wie die eigene Haut und niemand versucht sie zu verletzen. Jezus najsłodszy, allsüßester Jesus, das ist das Leitmotiv, Momente des Ungeheuerlichen und des Grausamen werden von den alten Damen nicht bemerkt.   

Montag, 10. Januar 2022

Sprachkunde

Großmütter


Bisweilen hielt der Bus und ließ eines der der alten Weiber einsteigen, die in gewissen Abständen unter ihren schwarzen Regendächern an der Straße standen. Es kam auf diese Weise bald eine ganze Anzahl solcher Tiroler Weiber zusammen. Sie unterhielten sich in ihrem hinten im Hals wie eine Vogelsprache artikulierten Dialekt. – Vogelsprache, Hundebellen, man mag dem Dichter zugute halten, daß er durchfroren und übernächtigt war und daß ihm die Bedienerin in der Innsbrucker Bahnhofswirtschaft zudem auf die bösartigste Weise, die man sich denken kann, das Maul angehängt hatte, sein Rückfall in ein archaisches Verhalten bleibt nicht ohne Tadel. Es geht nicht an, den Sprechern unvertrauter Sprachen Tierlaute und bloßes Grunzen unterstellt. Die alten Griechen hatten parallel zu den Indern die Linguistik und mit ihr das Alphabet erfunden haben, für uns eine Selbstverständlichkeit, ursprünglich aber eine Klippe schwerer zu erklimmen als die Eigernordwand. Alle frühen Verschriftungen der Sprache hatten einen piktographischen Charakter, die Phonetik als Ausgangspunkt kam zunächst niemandem in den Sinn. Die fortschrittlichen Griechen waren aber leider ausschließlich an ihrer eigenen Sprache interessiert und nicht etwa an einer umfassenden oder gar vergleichenden Sprachwissenschaft, nichtgriechische Sprachen galten als bloßes Brummeln der Barbaren. Die Vorstellung, man könne auch auf andere Weise als einzig in der eigenen Sprache vernünftig reden, wollte nicht einleuchten. Selbst Herodot, als der designierte griechische Außenminister, hielt an dieser Auffassung fest. Schauen wir in andere Regionen. Die Eigenbezeichnungen nordamerikanischer Indianerstämme hatten durchweg die Bedeutung Menschen, mit der Maßgabe, daß es sich bei den Angehörigen der mehreren hundert anderen Stämmen nicht um Menschen handelte. Die Polen sprechen nach wie vor von der Republika Federalna Niemiec, der Bundesrepublik der Barbaren, wenn sie die Bundesrepublik Deutschland meinen, und andererseits stufen die Deutschen insgeheim das Polnische als bloßes Gezische ein: schtschtschtsch. Stachura muß man dafür danken, daß er als Zeichen der Völkerverständigung immer wieder deutsche Sprachbrocken in seine Prosa eingebaut hat, z.B. Blitzkrieg.

Babcia Potęgowa spricht Dialekt, wer sich im Polnischen ein wenig auskennt, weiß aber, das sind keine Tierlaute. Ihr erster Gesprächsbeitrag ist in der Regel ein Hy?, das einem deutschen Hä? entspricht, dann aber geht es ohne weitere Schwierigkeiten zügig voran. Bei der Unterhaltung mit der noch um einiges älteren Babcia Taborska und anderen Dorfbewohnern, die in der gleichen Weise sprechen wie sie, treten naturgemäß Verständigungsschwierigkeiten gar nicht erst auf. Die Großstädter Edmund Szerucki und Wincenty Różański, die bei ihr Unterkunft genommen haben, wachsen der Babcia gleichwohl immer mehr ans Herz. Die Potęgowa liebt uns, und wir lieben sie, heißt es bald einträchtig. Babcia versucht die beiden zu überreden, auch nach Abschluß ihrer Arbeit im Dorf zu bleiben und entwirft ein verlockendes Zukunftsbild, auf das die beiden sich aber nicht einlassen können. Nun, dann geht, geht schon, heißt es daraufhin, no to idźta, chlopoki. Idźta z Bogiem. Idźta juz, idźta jeźli mota iść. I uwaźejta na siebie, nun geht schon, Leute, geht mit Gott. geht schon, geht schon, wenn ihr gehen müßt, und achtet auf euch.

Hätte der Dichter aus dem der Tiroler Gegend benachbarten Allgäu näher hingeschaut, die Tirolerinnen nicht en bloc, sondern als Individuen betrachtet, wäre er vielleicht zu einem anderen Urteil gelangt. Vielleicht hätte er unter der alten Weibern, wie er sie nennt, parallel zur polnischen Babcia Potęgowa ein Tiroler Großmütterchen Potenzia angetroffen, vielleicht hätte er seine Reise unterbrochen und wäre für ein paar Tage dort geblieben.

Freitag, 7. Januar 2022

Nachtfalter

Zum Licht


Die Nachtfalter, von denen man bislang keinen einzigen zu Gesicht bekommen hatte, begannen wie aus dem Nichts heraus einzuschwärmen in tausenderlei Bogen und Schraubenbahnen, bis sie, schneeflockengleich, um das Licht ein stilles Gestöber bildeten, während andere schon flügelschwirrend über das unter der Lampe ausgebreitete Leintuch liefen oder, erschöpft von dem wilden Kreisen, sich niederließen in den grauen Vertiefungen. Ćma, auch in Polen hat der Nachtfalter Liebhaber. Der Falter saß auf dem Krautkopf. Seit zwei Jahren habe ich eine Schwäche für die Nachtfalter, nämlich seit dem für mich unvergeßlichen Herbst neunzehnhundertzweiundsechzig. Ich nahm den Falter vorsichtig in die Hand und transportierte ihn vor die Tür, aber hartnäckig wandte er sich wieder dem Licht zu, drängte von außen an die Scheibe. Ich liebe diese Geschöpfe immer mehr. Ich schaue auf ihn mit einer Mischung aus Zärtlichkeit und Mitgefühl. Vielleicht ein wenig so, wie ich auf mich selbst schaue. Ich dachte auch an den Schwan im Schlamm des ausgeschöpften Teichs, war seine Sehnsucht nach Wasser so sehr anders als die des Falters nach dem Licht? Zu dem Licht, von dem es heißt, man müsse sich ihm nahen? Was ist das für ein Licht? Wo ist es? In welcher Richtung? Man weiß es nicht. Man weiß gar nichts. Man muß zum Licht gehen. Soviel ist bekannt.



Dienstag, 4. Januar 2022

Wagenschuppen

Fröhliches Beisammensein

Die Bauern und die Holzknechte saßen beim Engelwirt gruppenweise beieinander am oberen beziehungsweise unteren Ende der Gaststube. Für sich allein saß, unbeachtet von allen, einzig der Jäger Hans Schlag – wer würde auch nur ein Pfennig opfern, um bei diesem Gelage dabei zu sein, und umgekehrt, wer würde nicht seinen letzten Pfennig zücken, um an der Festveranstaltung im Wagenschuppen der Freiwilligen Feuerwehr in Bobrowice teilzunehmen? Aber was würde er als anwesender Teilnehmer tatsächlich gewinnen gegenüber Praderas umfassenden und mitreißender Erzählung vom Fest? 
*

*
Tags zuvor hatte Pradera der reizenden Tochter des Försters zuliebe das Kinderfest besucht und zwei Tänze mit dem Kind getanzt, heute will er am Abend die Zabawa, die allgemeinen Lustbarkeiten in Ruhe und Frieden besuchen, ein wenig trinken, ein wenig schauen, vor Mitternacht noch nach Hause gehen, beginnend am frühen Morgen die restlichen Arbeiten beim Holzfällen erledigen und dann seinen Lohn empfangen. Tanzen will er nicht. Getarnt in einer Limonadenflasche hat er Selbstgebrannten dabei, um nicht auf den an der Theke angebotenen kaum trinkbaren Wein angewiesen zu sein. Ein normaler Mensch unter normalen Menschen. Die Dinge entwickeln sich aber nicht ganz so wie geplant. Ein älterer Mann setzt sich an seinen Tisch und beweist in immer neuen Anläufen, daß früher alles besser war, Pradera verweist auf Lenins Ermordung durch die Konterrevolution und nutzt den Überraschungseffekt zur Flucht. In einiger Entfernung erkennt er Kollegen aus der gemeinsamen Waldarbeit, den flinken Peresada und andere. Ein Junge fällt ihm auf, der angelehnt an die Tischbeine am Boden sitzt, die Arme um die Beine gelehnt. Er sitzt regungslos in einer melancholischen Fundamentalposition, schaut und hört so als urteile er über die Welt. Mit aller Strenge. Ohne Nachsicht. Und das ist schrecklich. Denn ohne Nachsicht bleibt kaum etwas. Wenig von dem, das er, Pradera, weiß. Wenig und nur wenige. Von dem, das er kennt und weiß, sehr, sehr wenig.

Inzwischen spielt die Musik und alle tanzen, mit Ausnahme derjenigen, die nicht tanzten, darunter Pradera und die Holzfällerkollegen, an deren Tisch er sich gesellt hatte. Ein reiner Männertisch, an dem fast nur über Frauen gesprochen in der üblichen Art, beklagt wird etwa, daß der Anteil der Frauen mit ordentlichen Brüsten ständig abnehme, für den Spätromantiker Pradera keine Thema, zu dem er etwas beisteuern möchte, er schließt die Augen und denkt an Gałązka Jabłoni, die Angebetete daheim. Ernster als die lockeren Gespräche ist der Fall des Kameraden Kaziuk, von dem es heißt, er liefe draußen unter lautem Geschrei durch die Ortschaft auf der Suche nach seiner wieder einmal der Untreue verdächtigen Frau. Und schon drängen sich die nicht vorgesehenen Vorfälle.

Lachen ist wichtig, so Pradera, man kann nicht oft genug lachen, selbst dann, wenn kein besonderer Anlaß besteht. Zusammen mit einem zufällig auf der Straße getroffenem Passanten habe er, Pradera, der das Lachen liebt, einmal minutenlang grund- und haltlos gelacht, und es war ihnen beiden gut bekommen. Das Lachen der betrunkenen Frau aber, hier im festlich gestalteten Wagenschuppen, dieses Lachen ist häßlich, schmutzig und schrecklich, es verletzt die würdevolle Trauer der kranken Welt. Oft schon habe ihn, Pradera, ein ähnliches Lachen verletzt, vor allem von Frauen, ohne daß er sagen könne, woran es liegt. Und dann, während er noch grübelt, plötzlich ein lautes Klirren, Kaziuk dringt auf unorthodoxe Weise in die Remise ein, indem er mit der Axt eine Fensterscheibe einschlägt und sich so den Weg frei macht. Er heult wie ein Wolf, gdzie ta suuuuuka, wo ist die Huuuure? Peresada, der kleine aber kampfbewährte Mensch, ergreift ohne Zögern die Initiative und schleudert Kaziuk einen Tisch vor die Beine, den dieser sogleich mit der Axt zerschlägt. Siekierezada an anderer Stelle, im Innenraum. Beim Publikum überwiegt schon bald die Neugier gegenüber dem Schrecken, die trunken lachende Frau nimmt eine führende Stellung ein. Der kleine Peresada und der riesige Kaziuk, wie einst David und Goliath. Der nächste Tisch steht schon zum Zerschlagen bereit und so weiter und sofort, bis Kaziuk die Kräfte ausgehen. Nun aber Fajrant (die polnische Kurzfassung des deutschen Feierabend) sagt Peresada freundlich, nimmt Kaziuk die Axt ab, legt ihm einen Arm um die Schulter und führt ihn beiseite. Der Tisch, an den weiter der die Welt verurteilende Junge lehnt, war außerhalb der Gefahrenzone geblieben, die ganze Zeit hatte der Junge weiter geschaut, ohne jedwede Nachsicht, in grausamer Kälte. Warum hatte man ihn nicht längst altersgerecht zum Schlafen geschickt? Die Frage der Sachschadenbegleichung hinsichtlich des zerschlagenen Mobiliars bleibt zunächst ungeklärt, fünf Tische, zwei Sessel und eine Fensterscheibe.

Byli to ci dwaj, zwei feindselige Augenpaare richten sich immer wieder auf Pradera, sollten es die dieselben beiden Männer sein, die Jahrzehnte später in Venedig und in Verona dem Dichter aus dem Allgäu schon mehrfach begegnet waren und bei jeder Gelegenheit zu ihm herüberschauten? Wer kann es wissen. Was haben die zwei an Pradera auszusetzen, sind es die glitzernden Knöpfe an seiner Douglasjacke, oder ist es einfach der Umstand, daß er kein Einheimischer ist? Jedenfalls gilt, wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch, Michał Kątny tritt in Erscheinung und fragt in lässig drohendem Ton für alle hörbar: Soll ich unsere Leute herbeiholen? Die beiden Männer ziehen sich nach kurzem Überlegen wort- und tatenlos zurück. Pradera wird Michał Kątny nach seiner Abreise aus Bobrowice nicht wiedersehen, den Dichters wird er weiter begleiten.

Wäre die Zabawa, die Lustbarkeiten nach Praderas ursprünglichen Wünschen und Erwartungen verlaufen, wäre sie wohl kaum ein eigenes Kapitel wert gewesen. So aber, mit dem Unerwarteten, mit dem ohne Nachsicht die Welt verurteilenden Jungen, mit der das Lachen korrumpierenden trunkenen Frau, mit Kaciuks Siekierezada im häuslichen Innenbereich, mit der fremdenfeindlichen Zwei gibt es erheblich mehr zu erzählen als ursprünglich erwartet, nur ein schwacher Abglanz kann hier wiedergegeben werden. Zusätzlich war im übrigen der Diebstahl von zwei vor dem Wagenschuppen abgestellten Pferden zu beklagen und bei Sonnenaufgang eine Schlägerei zwischen jungen Männern aus Czerniawa und Burschen aus Hopla. Pradera selbst zieht rückblickend in knappen Worten das Resümee. 
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Die Bauern und die Holzknechte saßen gruppenweise beieinander, für sich allein saß der Jäger Hans Schlag, kein Vergleich, so scheint es, mit den ausufernden Lustbarkeiten in Bobrowice. Folgt man allerdings dem Jäger und der Romana in den Holzschopf, sieht es schon anders aus. In derselben Nacht noch zerstört der Engelwirt Sallaba die gesamte Einrichtung der Gaststube, das geht deutlich über Kaciuks Zerstörungsergebnis hinaus. Nährt man ferner den Verdacht, daß der Unfalltod des Jägers kein Unfalltod war, wäre auch das Pradera nachstellende kriminelle Duo übertrumpft. Offenbar versteht man auch im Allgäu Feste zu feiern.

Sonntag, 2. Januar 2022

Heimkehr

Tarnung


Es war ein grausig blutig böses Lohen, vom Wind getrieben durch die ganze Stadt. Zu Hunderten die toten Tauben auf dem Pflaster, das Federkleid versengt. Ein Haufen Plünderer in Lincoln’s Inn. Die Kirchen, Häuser, Holz und Mauersteine, alles brennt zugleich. Am Gottesacker die immergrünen Bäume fangen Feuer. Ein rasend kurzer Fackelbrand, ein Krachen, Funkenstieben und Erlöschen. Des Bischofs Braybrookes Grab ist aufgetan. Ist dies die letzte Stunde? Ein dumpfer, ungeheurer Schlag. Wie Wellen in der Luft. Das Pulverhaus fliegt auf. Wir fliehen auf das Wasser. Um uns der Widerschein, und vor dem tiefen Himmelsdunkel in einem Bogen hügelan die ausgezackte Feuerwand bald eine Meile breit. Und anderen Tags ein stiller Aschenregen – westwärts, bis über Windsor Park hinaus. – Der Erzähler liest im Tagebuch von Samuel Pepys, er selbst ist nicht gefährdet vom Feuer.

Anders ist die Lage für Jan Pradera, er hat es nicht mit der Feuerhitze, sondern mit der Schneekälte zu tun. Der Schneefall wirkt obendrein wie ein Nebel und verbindet sich mit dem Seelennebel, der Vernebelung von innen her, die Pradera immer wieder beklagt. Im letzten Absatz der Siekierezada heißt es dann: Ich war absolut hilflos. Sah mich schon nicht mehr als menschliches Wesen, wer weiß, ob ich mich überhaupt noch als Wesen sah, vielleicht sah ich überhaupt nichts mehr, kniete im Nebel des Schnees und im Seelennebel, wußte nichts mehr, wußte nicht einmal, daß ich zur Vernichtung verurteilt war, zur Auflösung, zum Verschwinden im einen und im anderen Nebel. - Das sieht auf den ersten Blick nicht gut aus, aber wir müssen genauer hinschauen. Kurz zuvor hatten wir noch einmal den in der Erzählung mehrfach wiederkehrenden seltsamen Satz gelesen: Zawsze i teraz abolutnie służy tobie emanuel delawarski: Immer und nunmehr absolut dient dir Emanuel Delawarski. Um die seltsame Mitteilung zu verstehen, muß der Satz einer Reihe von Transformationen unterworfen werden:

Zawsze i teraz abolutnie służy tobie emanuel delawarski.
Z awsze I T eraz A bolutnie S łuży T obie E manuel D elawarski.
ZITA STED
ZITA STachura EDward
Zita Orszyn und Edward Stachura
 
Stachura hat die Tarnverkleidung als Janek Pradera abgestriffen und zur Irreführung im Wald zurückgelassen. Er selbst beeilt sich so sehr er kann und erreicht, anders als Wochen zuvor der im Bahnhof Breslau tödlich verunglückte Zbigniew Cybulski, pünktlich den Zug, der ihn zurückbringen wird zu seinem ein und alles, zu seiner Frau Zita. Wie Sebalds Erzähler und anders als Odysseus will Sted nach langer Trennung beim Wiedersehen mit Penelope niemanden dabei haben. Odysseus kann ohnehin kein Vorbild sein, wenig angetan von der Vielzahl der Gäste in seinem Haus, hat er die meisten  umgebracht.