Montag, 24. Juni 2013

Die Mesnerin von Sant’Anastasia

Einem Schatten gleich


Überhaupt weiß ich nicht, was es ist an bestimmten Dingen und Wesen, das mich manchmal so rührt: Für einmal ist es, im Interesse der etwas weniger empfänglichen Leser, offen ausgesprochen: die Reiseberichte des Selysses sind durchsetzt von mystischen Erlebnissen und metaphysischen Augenblicken. Anlaß der Rührung sind an der fraglichen Stelle ein paar Hühner mitten in einem grünen Feld, die sich, obschon es doch noch gar nicht lange zu regnen aufgehört hatte, für ein die winzigen Tiere, wie mir schien, endloses Stück von dem Haus entfernt hatten, zu dem sie gehörten. Aus einem mir nach wie vor nicht ganz erfindlichen Grund ist mir der Anblick dieser weit ins Feld sich hinauswagenden Hühnerschar damals sehr ans Herz gegangen. Man kann die einzelnen Augenblicke als Punkte stehen lassen oder zu einem Bild zusammenfügen, etwa dem einer eigenwilligen Vogelwelt: Selysses sieht die kleinen Tiere auf dem Feld aus dem Reisebus in Gesellschaft der sich als große schwarze Rabenvögel darstellenden Tiroler Weiber, die sich untereinander in ihrer hinten im Hals artikulierten Vogelsprache unterhalten; in Wien hatte Selysses mit den Dohlen und mit einer weißköpfigen Amsel in den Anlagen vor dem Rathaus einiges geredet.

Dem metaphysischen Erleben der Weite und des sich öffnenden Raums stehen Erlebnisse der beschützenden Enge gegenüber. Die Krummenbacher Kapelle ist so klein, daß mehr als ein Dutzend auf einmal gewiß nicht ihren Gottesdienst verrichten oder ihre Andacht üben konnten. Kapellen wie die von Krummenbach gab es zahlreiche um W. herum, und vieles von dem, was ich damals von ihnen gesehen und gespürt habe, wird in mir geblieben sein, so in seiner Unerfüllbarkeit der Wunsch nach einer Wiederholung der in ihrem Inneren herrschenden vollkommenen Stille.

Der Ritorno in patria ist zugleich ein Ritorno al catolicismo, nicht im Sinne einer Erweckung, wohl aber als Erinnerung des großen, für viele Jahrhunderte verpflichtenden metaphysischen Angebots des Christentums. Selysses stößt bei seiner Reise durch Oberitalien auf den heiligen Franziskus, der mit dem Gesicht nach unten in den Sümpfen von Venedig treibt, und auf die heilige Katharina mit ihrem Rädchen, in Venedig trifft er den Propheten Malachio und in Verona den Heiland, Salvatore, selbst. Vor allem aber versenkt er sich immer aufs Neue in die großen christlichen Bildwerke. In der Chiesa Sant’Anastasia will er sich das Fresco ansehen, das der Maler Pisanello über dem Eingang zur Kapelle der Pellegrini um das Jahr 1435 verfertigt hat. Die Kapelle existiert als solche heute nicht mehr, in den Torbogen ist eine mit einer Tür versehene Bretterwand eingebaut, hinter der sich jetzt der Aufenthaltsraum, wenn nicht gar die Wohnung der Mesnerin befindet. Mesnerin, das schöne Wort, etymologisch unbegründet klingt die heilige Messe an, die dunklen Vokale der Mansionaria sind längst verschliffen, gebaut ist das Wort nurmehr aus hellen Vokalen, drei an der Zahl, die sich einer Gruppe von fünf Konsonanten einpassen. Die Reformbarbaren haben das kostbare Wort übersehen, so daß ihm das schlimme, dem behenden BEHENDE zugedachte Schicksal erspart geblieben ist. Kümmern muß uns das hier, an diesem sicheren Zufluchtsort des Rechten und Wahren, allerdings ohnehin nicht.

Ältere Frauen behandelt der Dichter für gewöhnlich nicht sonderlich zuvorkommend. Von den Tirolerinnen, die zu ihm in den Bus einsteigen, redet er so schlecht, daß der Leser fast schon in die Handlung eingreifen möchte. Auch die ältere Frau im Zug nach Kissingen, die in aller Sorgfalt einen Apfel zum Verzehr vorbereitet, erregt eher sein Mißfallen, zwischen der Signora mit dem Vogelblick in der Rezeption des Hotels Boston in Mailand und dem Dichter besteht ein Verhältnis herzlicher wechselseitiger Abneigung, und auch die Mesnerin in der Chiesa Sant’Anastasia erweckt keinerlei Begeisterung. Jedenfalls ist die Mesnerin, eine kummervolle und von langen Jahren des Schweigens und der Einsamkeit fast schon vergangene Frau, nachdem sie kurz nach vier Uhr das schwere eisenbeschlagene Hauptportal aufgesperrt hatte, und einem Schatten gleich durch das Kirchenschiff vor mir, dem einzigen Besucher, hergeschwankt war, wortlos in ihrem Verschlag verschwunden. Während der Zeit, in der ich das Fresco betrachtete, kam sie, mit einer Regelmäßigkeit, als hätte sie den ewigen Umgang, mehrmals hervor und entfernte sich ein Stück weit ins Dunkel hinein, um bald darauf, auf ihrer Umlaufbahn zurückkehrend, ihr Gehäuse wieder aufzusuchen.

In einer seiner schönsten Scholien bekennt Gómez Dávila: Mis convicciones son las mismas que las de la anciana que reza en el rincón de una iglesia: Überzeugungen, von denen Selysses naturgemäß meilenweit entfernt ist, aber in der Prosa geht es nicht um Überzeugungen, sondern um zu künstlerischer Form gewordene Wahrnehmungs- und Erlebnismuster, und da ist der Abstand schon deutlich geringer. Zeuge eines Gebets der Mesnerin werden wir nicht und bringen sie auch kaum in Verbindung mit frommen Verhaltensweisen, umso eindrucksvoller ist ihr Rincón, der die Stelle der ursprünglichen Kapelle eingenommen hat. Wie immer, wenn Selysses beim Betreten eines Hotels, eines Museums, einer U-Bahnstation oder, hier, einer Kirche sein Auge auf das Empfangs- und Einlaßpersonal richtet, wächst dieses unter seinem Blick über sich hinaus und gewinnt mythische Qualität. Die vage Annahme, hinter dem Verschlag könne sich die dauerhafte Wohnung der Mesnerin befinden, wird ohne Umschweife Gewißheit, seit Jahren schon hat sie den Kirchenraum schon nicht mehr verlassen und ist von der Einsamkeit zugrundegerichtet. Das düstere gezeichnete Gemälde des Innenraums der Kirche ist kaum weniger beindruckend als Pisanellos Gemälde, dem der Besuch eigentlich gilt, die Mesnerin ist der fragwürdige, im ewigen Umgang begriffene Geist dieses sakralen Raums. Wußte Selysses, daß die Mesnerin die Kirche kurz nach vier Uhr aufschließen würde, hat er einfach nur gewartet oder war er der Mesnerin bereits zuvor magisch verbunden?

Niemand sonst macht Anstalt, die Kirche zu betreten, weder zu religiösen Zwecken noch aus ästhetischem Antrieb. Das Bildwerk scheint im übrigen mitsamt der Kapelle verschwunden zu sein, nur schattenhaft zeichnet es sich über dem Torbogen ab. Allein mit der Hilfe eines technischen Tricks in der Gestalt eines münzbetriebenen Illuminationsapparates kann es für eine kurze Zeit ins Leben zurückgeholt werden; die sakrale Stimmung wird dadurch nicht gehoben. Das Bild führt nicht ins Herz des katholischen Christentums, ist doch die Legende vom Drachentöter einer eher heidnischen Peripherie zuzurechnen. Keines der in den Schwindel.Gefühlen bedachten Bildwerken stellt eine zentrale Szene des Christentums dar, nicht die Geburt des Gottessohnes, die Kreuzigung oder die Auferstehung, mit Ausnahme von Giottos Compianto sul Cristo morto. Hier aber bleibt die untere Bildhälfte, die sich mit der Beweinung im engeren Sinne beschäftigt, so gut wie unbeachtet, alle Aufmerksamkeit gilt der oberen Hälfte mit den kleinen Flugkörper, die eher gedrungenen Kummerdrohnen ähneln als Engeln, deren weiße Flügel aber mit den wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde das weitaus Wunderbarste von allem sind, was wir uns jemals haben ausdenken können. Wenn sich Selysses in reichem Maße des bildnerischen und metaphysischen Angebots des Christentums bedient und sein Erleben darin einzeichnet, so bleiben es doch Kostümteile, die er über- und wieder abstreift, um seine Wanderungen in einer dem Anlaß gemäßen Kleidung fortzusetzen.

Samstag, 15. Juni 2013

Urbanes Leben

Sicherheitsfragen


Die Stadtmauern haben ihre Bedeutung verloren, auch die aufwendigsten Befestigungsanlagen können schon seit langem die Sicherheit nicht mehr gewährleisten. Die rapide industrielle und kommerzielle Entwicklung und das dadurch bedinget Wachstum der Städte trieb die Forts so weit hinaus, daß bald schon die gesamte Armee des Landes für die ordnungsgemäße Besatzung der Anlage einer einzigen Stadt nicht mehr ausreichte. Der Luftkrieg besiegelte dann endgültig das Schicksal des Festungsbaus, riesige Formationen von Lancaster- und Halifaxbombern flogen nachts über die graue Nordsee hinweg, um im Morgengrauen, ihrer Bombenlast über den Städten entledigt, weit auseinandergezogen wieder heimzukehren. Ohnehin konnten die Mauern und Festungen immer nur vor äußeren Feinden schützen und nicht die Menschen in der Stadt voreinander.

Eingeschlossen in Metallgehäuse reist Selysses in die verschiedensten Städte, meist ist es die Eisenbahn, in selteneren Fällen auch das Flugzeug. Die Mitreisenden sind von unterschiedlicher Qualität, auf bezaubernde Weise verstörend wie die Winterkönigin im Zug rheinabwärts, von Grund auf abstoßend wie der Brotzeiter im Zug nach Kissingen, in keinem Fall erweisen sie sich aber als gefährlich. Oft nimmt Selysses kaum Notiz von ihnen oder sie von ihm, nicht im Flugzeug: Es befanden sich nur wenige Passagiere an Bord, die, in ihre Mäntel gehüllt, weit voneinander entfernt in dem halbdunklen und ziemlich kalten Gehäuse saßen; und nicht in der Bahn: Meine wenigen Mitreisenden saßen im Halbdunkel auf den abgewetzten lilafarbenen Sitzpolstern, alle in Fahrtrichtung, möglichst weit voneinander entfernt und so stumm, als hätten sie noch niemals in ihrem Leben ein Wort über die Lippen gebracht. An Bord, so könnte man schließen, fühlt Selysses sich sicher. Den etwa zweistündigen Flug von Kloten nach Manchester übersteht er nach eigenen Angaben ohne größere Besorgnis.
Gleich nach der Ankunft in einer Stadt aber wächst die Gefahr oft spürbar. Selysses hat in der so angenehmen Gesellschaft der Franziskanerin und des jungen Mädchen Mailand erreicht, als, noch in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs, zwei junge Männer auf ihn zukommen. Schon spürt er ihre Hände unter seiner Jacke, und erst als er die Schultertasche mit einem Schwung in sie hineinfahren läßt, gelingt es ihm freizukommen. In Venedig unterzieht sich Selysses in einem Barbiergeschäft noch auf dem Bahnhofsgelände einer scharfen Rasur, eine Handlung sträflicher Todesverachtung, wie es ihm beim Gedanken an den Bader Köpf nachträglich vorkommt. Wer dann vom Bahnhof aus hineingeht in das Innere von Venedig, weiß nie, was er als nächstes sieht oder von wem er im nächsten Augenblick gesehen wird. Geht man in einer sonst leeren Gasse hinter jemandem her, so bedarf es nur einer geringen Beschleunigung der Schritte, um demjenigen, den man verfolgt, die Angst in den Nacken zu setzen und umgekehrt wird man leicht selbst zum Verfolgten. Verwirrung und Schrecken wechseln einander ab. Wen kann es wundern, wenn Selysses schon bald wieder den rettenden Zug aus Venedig heraus besteigt. In Desenzano wird er noch auf dem Bahnhofsvorplatz Zeuge eines kleinen Aufruhrs gegen die Staatsgewalt, kein Grund zur Panik aber auch nicht geeignet, die Stimmung zu heben. In Verona vermeidet Selysses die Gefahr zunächst, indem er sogleich, einer alten Gewohnheit gemäß, in den Giardino Giusti geht. Dort ist er, während der frühen Nachmittagsstunden, auf einer steinernen Bank unter einer Zeder gelegen. Lang war ihm nicht mehr so wohl gewesen. Umso mehr braut es sich zusammen, als er schließlich die Stadt betritt. Beim Verzehr einer Pizza schließlich überkommt ihn das Gefühl einer unmittelbar bevorstehenden Katastrophe und er muß sich mit den Händen an der Tischkante einhalten wie ein Seekranker an der Reling. Sein Herz setzt einen Schlag aus. Er legt 10 000 Lire auf den Teller, rafft die Zeitung zusammen, stürzt auf die Straße hinaus, läuft zur Piazza hinüber, geht dort in eine hellerleuchtete Bar, läßt sich ein Taxi rufen, fährt ins Hotel zurück, packt in aller Eile seine Sachen und flüchtet sich in das Metallgehäuse des Nachtzugs nach Innsbruck. In Den Haag geht schon von den vor den Eingängen der diversen Unterhaltungs- und Eßlokale in kleinen Gruppen versammelten morgenländischer Männer, von denen die meisten stillschweigend rauchen, während der eine oder andere ein Geschäft abwickelt mit einem Klienten, ein zwiespältiger Eindruck aus, und als dann ein dunkelhäutiger Mensch auf Selysses zustürzt, das blanke Entsetzen im Antlitz, verfolgt von einem seiner Landsleute dessen Augen geradezu glänzten vor Mordlust und Wut, ein langes, blitzendes Messer in der Hand, das so knapp an ihm vorbeifuhr, daß er bereits zu spüren glaubte, wie es ihm zwischen die Rippen drang, bleibt ihm nichts als die Flucht.

Wenn Mauern schon lange nicht mehr helfen, so ist auch von den Ordnungskräften nicht viel zu erwarten. Dem auf dem Bahnhofsvorplatz in Desenzano in seiner Würde arg verkürzten Gesetzhüter blieb nichts, als sich in seinen Polizeiwagen hineinzusetzen und mit quietschenden Reifen die Via Cavour hinab davonzufahren, unter den Augen des ruchlosen Pöbels, der sich vor Lachen schier nicht zu fassen wußte, und die Stärke des Postenkommandanten Dalmazio Orgiu liegt unverkennbar mehr auf dem Gebiet nachträglich ausgestellter Zertifikate als auf dem erfolgreicher Gefahrenprävention. Der Dichter kann seine körperliche Unversehrtheit nur mit dichterischen Mitteln sicherstellen.
In Wien hat sich Selysses offenbar gegen von außen drohende Gefahren immunisiert, aber um einen hohen Preis. Die einzige Beschäftigung in Wien besteht für ihn aus ebenso endlosen wie leeren Gängen, die aber über ein eher enges Areal nicht hinausführen, einen genau umrissenen, sichel- bis halbmondförmigen Bereich, dessen Rand zugleich die Grenze seiner Vernunft, Vorstellungs- und Willenskraft ist. Die reale Gefahr droht von Innen und besteht in der Überschreitung dieser Grenze. Der Ausflug mit Ernst Herbeck führt durch den Ort Kritzendorf. Von den Kritzendorfern war nichts zu sehen, sie saßen alle am Mittagstisch und klappern mit ihren Bestecken und Tellern. Ein Hund wirft sich an ein grüngestrichenes eisernes Gartentor, völlig außer sich, als sei er um den Verstand gekommen. Die Kritzendorfer haben sich eingeschlossen, der Hund ist eingeschlossen, Gefahr droht nicht, und doch ist die Situation nicht befriedigend. Erst in Prag ist der richtige magische Kniff gefunden. Selysses, in der Gestalt des Jacques Austerlitz, trifft an einem viel zu hellen, gewissermaßen überbelichteten Tag ein, an dem die Menschen so krank und grau aussehen, als wären sie sämtlich chronische, nicht mehr weit von ihrem Ende entfernte, zu gefahrenträchtigen Handlungen nicht mehr fähige Raucher. Zu tun hat Austerlitz zunächst nur mit zwei Menschen, mit Tereza Ambrosová im Staatsarchiv in der Karmelitská und mit Vĕra Ryšanová ihrer Wohnung in der Šporkova. In den Gemäuern ist man ohnehin sicher, Gefahren lauern auf den Reisenden auf den offenen Plätzen der Stadt, und auf dem Weg von der Karmelitská in die Šporkova lassen sich die Lungenkranken schon nicht mehr blicken. In Theresienstadt fehlen die Menschen so gut wie vollständig. Eine vornübergebeugte Gestalt bewegt sich an einem Stock unendlich langsam voran und ist dann plötzlich verschwunden. Ein Geistesgestörter fuchtelt wild, ehe er, mitten im Davonspringen, vom Erdboden verschluckt wird, das ist es schon, beklemmend aber ohne Risiko. Auf dem Höhepunkt seiner magischen Kraft ist der Dichter in Manchester, über Jahrzehnte gelingt es ihm, die englische Großstadt menschenleer zu halten. Schon bei der Fahrt vom Flughafen aus im Taxi kann er erkennen, daß die Wunderstadt des letzten Jahrhunderts beinahe restlos ausgehöhlt. Im Inneren der Stadt ist, obschon bereits der Morgen graut, niemand zu sehen. Tatsächlich konnte man glauben, die Stadt sei längst von ihren Bewohnern verlassen und nun mehr ein einziges Totenhaus oder Mausoleum. Auf seinen ersten Ausflügen sieht Selysses so gut wie keine Menschen, nur verlorene Hinterlassenschaften der Vergangenheit, eine längst außer Betrieb gesetzte Gasanstalt, ein Kohlendepot, eine Knochenmühle. In der Nachmittagsdämmerung brachen die Stare in einer weit in einer weit in die Hunderttausende gehenden Zahl in dunklen Wolken über die Stadt herein. Und auch viele Jahre später führt in der Weg erneut durch menschenleere Wohnviertel, vorbei an Lagerhäusern über deren zerschlagenen Fensterlöchern sich die Ventilatoren noch drehten. Nichts allerdings wäre irriger als der Glaube, mit der Räumung der Städte und der damit verbundenen Beseitigung der Gefahrenherde wäre das Paradies auf Erden hergestellt. Für Selysses sind die Tage, Wochen und Monate bestimmt von einer bemerkenswerten Geräuschlosigkeit und Leere. Nur die teas-maid, dieses ebenso dienstfertige wie absonderliche Gerät, ließ ihn damals durch ihr nächtliches Leuchten, ihr leises Sprudeln am Morgen und durch ihr bloßes Dastehen untertags am Leben festhalten.

Vermutlich im Widerspruch zu empirisch-statistischen Erkenntnissen vermögen die Reisebehälter aus Metall dem Dichter mehr Sicherheit zu bieten als das Leben auf den offenen Plätzen der Städte. Verkehrsmittel jeglicher Art muß man irgendwann wieder verlassen, sagt der gesunde Menschenverstand, schon deswegen können sie keinen dauerhaften Schutz gewähren, immerhin aber treffen wir bei Cortázar auf ein Volk, das, vielleicht aus ähnlichen Überlegungen und Ängsten, sein Leben ganz in das U-Bahnnetz der Stadt Buenos Aires verlegt hat. Um sich in der U-Bahn einzurichten, müßte Selysses aber zunächst eintreten in die dunkle Vorhalle, in der außer einer sehr schwarzen, in einer Art Schalterhäuschen sitzenden Negerfrau nicht ein lebendiges Wesen zu sehen war. Vielleicht erübrigt sich die Feststellung, daß er in die Untergrundstation nicht hineingegangen ist. Zwar stand er eine beträchtliche Zeit sozusagen auf der Schwelle, wechselte auch einige Blicke mit der schwarzen Frau, den entscheidenden Schritte aber wagte er nicht zu tun. Zudem sind die günstigen Bedingungen in den Beförderungsmitteln keineswegs konstant. Heutzutage ist man in den Flugzeugen zumeist mit einer Vielzahl von Menschen auf das entsetzlichste zusammengezwängt und von der beständigen Betulichkeit des Personals aus der Fassung gebracht, und auch die zweite Bahnfahrt nach Venedig läßt jeden Komfort vermissen. Der Zug war dermaßen überfüllt, daß Selysses die ganze Fahrt über auf dem Gang stehen mußte oder in verschiedenen, äußerst unbequemen Stellungen zwischen den allseits sich türmenden Koffern und Rucksäcken kauern mußte. Bahn- und Luftverkehr haben längst die Merkmale überfüllter Städte angenommen. Ganz anders sind die Reiseverhältnisse in Amerika. Gleich außerhalb des Flughafengeländes wäre Selysses um ein Haar von der Straße abgekommen, als er über einem dort aufgeworfenen wahren Riesengebirge aus Müll einen Jumbo wie ein Untier aus ferner Zeit aufsteigen sah. Besser vertraut geworden mit den Landessitten, gleitet er aber wie von selber auf der breiten Fahrbahn dahin, fast schon wie auf Gleisen, die einzelnen Fahrzeuge wie Abteile in einem Zug, denn die Überholvorgänge verliefen so langsam, daß man, während man Zoll für Zoll sich nach vorn schob oder zurückfiel, sozusagen zu einem Reisebekannten seines Spurnachbarn wurde. In die Ewigkeit könnte man so weiterfahren, und es heißt, nicht wenige Bewohner des nordamerikanischen Kontinents hätten ihre Lebensweise diesem Ideal weitgehend angepaßt. Unvorstellbar allerdings, Selysses, dem nur wenig zuvor noch nichts absurder erschienen wäre als der Gedanke, er könne irgendwann einmal ungezwungenermaßen eine Reise nach Amerika zu unternehmen, sich nun kurzfristig für ein Leben auf den Highways entscheiden würde.

Mittwoch, 12. Juni 2013

Café arabica

Drama und Idylle


In den Ringen des Saturn wird der Weg der Seide vom fernen China bis nach Europa in den Einzelheiten nachgezeichnet. Die Seide ist längst Teil unseres Lebens aber kaum noch beachtetes Thema im öffentlichen Raum, vielleicht hat der Dichter sich gerade aus diesem Grunde ihr zugewandt. Wenig hat er sich immer um Dinge gekümmert, die den Menschen, wie es heißt, auf den Nägeln brennen. Zu diesen Dingen zählt augenscheinlich der Kaffee, eine andere Gabe des Orients. Bei jedem Einkauf stoßen wir auf neue Kapseln, Säckchen, Mischungen, Zubereitungsformen und -maschinen, sogenannte Größen aus Film und Fernsehen vertreten mit Nachdruck den Wert des einen oder anderen Produkts, in den Innenstädten winken die Kaffeehäuser der verschiedenen Ketten einander über die Straße zu, die Menschen sitzen an den Tischchen drinnen und draußen oder tragen das dunkle Labsal in Pappbechern einher. Über die Art und Weise, wie der Kaffee zu uns kam, unterrichtet uns der Dichter nicht, eine der eindrucksvollsten Szenen des Kaffeeverzehrs in der Weltliteratur überhaupt aber hat er nach Venedig verlegt, der östlichen Stadt Italiens, die für lange Phasen ihrer Geschichte den Blick eher zum Orient als zum Okzident hin gerichtet hatte. Von Venedig aus sind auch Cosmo Solomon und Ambros Adelwarth zu ihrer Orientreise aufgebrochen
Die Zeitverlorenheit althergebrachter orientalischer Kaffeestuben finden wir nicht im Stehbuffet der Ferrovia, vielmehr werden wir in ein überaus dramatisches Geschehen einbezogen. Als eine Art feste Insel ragte das Buffet heraus aus der wie in einem Ährenfeld schwankenden Menge der Menschen. Aus Leibeskräften mußte man zunächst, wenn man wie ich eines Billets ermangelte, sein Begehren zu den auf erhobenen Posten sitzenden Kassiererinnen hinaufschreien, die nur mit einer Art Schürze bekleidet, mit lockigem Haar und halbgesenkten Blick in völliger Ungerührtheit über den Häuptern der Bittsteller schwebten und willkürlich, wie mir schien, irgendeinen der von den einander durchdringenden und sich überschlagenden Stimmen vorgebrachten Wünsche herausgriffen, sodann den Preis des Verlangten hinausriefen in den Raum und huldvoll und verächtlich zugleich einem das Zettelchen und das Wechselgeld aushändigten. Einmal im Besitz des inzwischen einem schon lebenswichtig erscheinenden Billets mußte man sich in die Mitte der Cafeteria hinüberkämpfen, wo die männlichen Angestellten dieses ungeheuren Gastronomiebetriebs hinter einem kreisförmigen Buffet mit Todesverachtung geradezu dem andrängenden Volk gegenüberstanden und ihre Arbeit mit einer Gelassenheit erledigten, die vor dem Hintergrund der allgemeinen Panik die Wirkung eines zerdehnten Zeitablaufs hervorbrachte. Der Eindruck, daß hier Gericht gehalten wurde über ein korrumpiertes Geschlecht, wurde noch dadurch verstärkt, daß den weißgekleideten, würdevollen Männern, die im Inneren des Kreises offensichtlich auf einer erhöhten Plattform sich befanden, das Buffet nur etwa bis zur Hüfte reichte, den Außenstehenden hingegen bis unter die Schultern, wo nicht gar bis zum Kinn. Mein Cappuccino wurde serviert, und einen Augenblick war mir zumut, als hätte ich mit dieser Auszeichnung den bisher bedeutendsten Sieg meines Lebens errungen.

Man könnte meinen eingeführt zu sein in ein weiteres Bild von Tiepolo oder Pisanello oder eines bisher unbekannten Malers, in dem der Ritter Georg sich für eine neue Aufgabe rüstet, wieder muß er mithilfe der Mächte des Himmels denen der Hölle trotzen, kein Drache ist diesmal zu erlegen, sondern, ungleich schwerer und gefahrvoller, ein Cappuccino zu erringen. Vielleicht hören wir auch eine Oper von Verdi oder einem anderen Tonmeister mit viel Klangaufwand für eine karge Librettostelle, oder wir verfolgen an der Seite Kafkas einen frühen Slapstickfilm, und Buster Keaton schaut nach wilder Schlacht und unerwartetem Sieg ernst und traurig drein, während wir, die Zuschauer, uns vor Lachen schier nicht zu fassen wissen.

War es in Venedig das Drama des Kaffees, so ist es in Limone am Gardasee, fern vom Orient, die Idylle. Das Schreiben ging mir mit einer mich selbst erstaunenden Leichtigkeit von der Hand. Zeile um Zeile füllte ich die Bogen des linierten Schreibblocks. Luciana, die hinter der Theke wirtschaftete, blickte immer wieder aus den Augenwinkeln zu mir herüber und brachte mir, wie ich es erbeten hatte, in regelmäßigen Abständen einen Expreß und ein Glas Wasser. Ab und zu auch ein in eine Papierserviette gewickeltes Toastbrot.

Es ist beruhigend, daß auch Toast serviert wird, war doch nicht auszuschließen, Selysses würde nach dem schlimmen Erlebnis in der Pizzeria Verona auf feste Kost fortan ganz verzichten. Ansonsten und in der Hauptsache aber geht es: nicht um die die große Trophäe in der Gestalt eines Cappuccinis, sondern um die Verabreichung winziger Ristretti in kurzen Zeitabständen. Die schwerelos verstreichende Zeit erhält so ihren Rhythmus. Die Schreibfeder gleitet unbehindert über das Papier, Luciana bleibt beim Servieren meistens eine kurze Weile stehen und knüpft eine kleine Unterhaltung an. Einmal ist es dem Dichter gewesen, als spürte er ihre Hand auf ihrer Schulter. Wie könnte man es sich idyllischer ausmalen.

Aber schauen wir überhaupt aufmerksam genug hin, ist es wirklich eine Idylle oder doch wieder ein Drama, ein verstecktes Drama von Untreue und Verrat. Hat Luciana, Isolde und Brangaene in einer Person, dem Kaffee etwas beigegeben, war sie es, die den Paß mit voller Absicht dem Herrn Doll ausgehändigt hatte, so daß der Padrone sie dann auffordern muß, sich mit Tristan Selysses auf eine Reise zu begeben, die das ehebrecherische Paar ohne Verzug vor den Postenkommandanten Dalmazio Orgiu führt zum Zweck einer frevlerischen Trauung.

Das Drama und die Idylle oder, wenn man es so sehen will, die zwei Dramen sind zu unserem Behagen aufgegossen aus einem aromatischen Nichts, wir verspüren ein großes inneres Vergnügen und eine Belebung, die weit hinausgeht über die des realen Kaffeegenusses und sei es auch bei Starbucks.

Mittwoch, 5. Juni 2013

Tiepolos Freunde

Vie de la petite morte

Es ist schwer, Pierre Michons Buchtitel Vies minuscules in seiner Bündigkeit ohne Verlust oder willkürliche Anreicherung ins Deutsche zu übersetzen, daher soll auch nicht bemängelt werden, wenn als Titel der deutschen Ausgabe derjenige der letzten der acht Erzählung oder Kapitel gewählt wurde: Leben der kleinen Toten, Vie de la petite morte. Der Sebaldleser möchte ohnehin dem Vorbild deutscher Filmverlage folgen und, den Originaltitel weiter nicht beachtend, sich für Ritorno in patria entscheiden; im Klang des Italienischen wäre, so könnte er ohne viel Grund anführen, bereits die Vorliebe beider Autoren für Tiepolo zu spüren. Beim Betrachten der von ungeschickter Hand gemalten Kreuzwegstationen in der Krummenbacher Kapelle auf dem Weg von Oberjoch in die Heimatortschaft W., sinnt Selysses darüber nach, der anonyme Maler habe sich vielleicht nicht weniger gemüht als Tiepolo, der zu dieser Zeit mit seinen Söhnen Lorenzo und Domenico über die Alpen gezogen war, und nun auf dem Gerüst einen halben Meter unter der Decke des Treppenhauses der Würzburger Residenz an seinem riesigen Weltwunderbild arbeitete. Wenn Tiepolo, wie Michon sagt, der Mozart der Malerei ist, so ist Sebald, trotz eingestandener Vorliebe für Schubert, derjenige, der dem Maler im Feld der Dichtung näher steht, die Deckenmalerei, mit dem Himmel als offenem Fluchtpunkt, kommt seinem Stilideal der Levitation wie kaum etwas sonst entgegen. Leicht und melodiös ineinander verschlungen bewegen sich die Bewohner der Ortschaft W. dahin, die hellen und dunklen Schönheiten, zwar fehlt die wunderbare Amazonenheldin mit dem Federputz auf dem Kopf, aber der Mohr ist dabei: Am unteren Ende der Gasse tauchte ein Fahrzeug auf, wie er zuvor noch nie eins gesehen hatte. Es war eine allseits weit ausladende lila Limousine mit einem hellgrünen Dach. Unendlich langsam und völlig geräuschlos glitt sie heran, und drinnen an dem elfenbeinfarbenen Lenkrad saß ein Neger, der ihm, als er vorbeifuhr, lachend seine gleichfalls elfenbeinfarbenen Zähne zeigte. Da unter unseren Krippenfiguren einer der drei Weisen aus dem Morgenland und zwar derjenige mit dem schwarzen Gesicht, einen lila Mantel mit hellgrünen Besatz trug, stand es für ihn außer Zweifel, daß der Fahrer des Automobils in Wahrheit der König Melchior gewesen ist. Dunkelheit beschränkt sich bei Tiepolo nicht auf die Hautfarbe der Afrikaner, bei der Einreise nach Italien hatte Selysses über Santa Tecla libera Este della peste meditiert, ein Bild Tiepolos, auf dem es in Erdnähe düster zugeht, himmelwärts, über unseren Köpfen allerdings lichtvoll. Michon, durchweg beklemmender und ganz ohne Sebalds Heiterkeit, hat Tiepolos lichtem Bild von der Hochzeit Barbarossas in der Gestalt des François-Èlie Corentin einen dunklen Tiepolo, den Tiepolo de la Terreur entnommen.

Die beiden Freunde Tiepolos treffen sich noch bei einem anderen Maler, einem anderen Bild: On eût dit que les docteurs de La Leçon d’anatomie avaient changé de toile, s’étaient massés dans l’ombre derrièrre l’Alchimiste à sa fenêtre, et emplissaient l’espace habituel de son recueillement de leurs puissantes présences empesées de blanc. Die Ärzte auf Visite haben sich hinter dem Père Foucault versammelt, dem Analphabeten, der sich von ihren Blicken in seiner Seele und seiner Würde seziert fühlt und der sich auf keinen Fall den Blicken der Hauptsstadtärzte stellen will, die allein sein Leben vielleicht retten könnten, – eine philosophische Haltung, die in den Augen des Erzählers mehr Respekt noch verdienen als die Lehrmeinungen des gleichnamigen, von ihm durchaus geschätzten philosophe en vogue et missionaire illustre. Dem Foucault minuscule fühlt er sich verwandt nach seiner Zeit in der Hauptstadt als vom rechten Wege abgekommener, schreibunfähiger Dichter ohne Worte, Worte, die er erst findet nach seiner Rückkehr ins bro gozh zadoù, einige hundert Kilometer südwestlich der Bretagne, im sehr ländlichen Limousin.
Auch Sebald kehrt in seinem Prosaerstling in den ländlichen Raum, allerdings, nach langer Irrfahrt, erst am Ende des Buches und mit gespielter Beiläufigkeit: Eines Nachmittags faßte ich den Entschluß, nach England zurückzukehren, zuvor aber noch auf eine gewisse Zeit nach W. zu fahren, wo ich seit meiner Kindheit nicht mehr gewesen war. Die Rückkehr als kleiner Umweg ohne besondere Bedeutung – wir sollten uns nicht täuschen lassen. Zwar hatte Sebald sich im realen Leben weiter von der Heimat entfernt, zwar hatte er besser Fuß gefaßt in der großen Welt, zur Literatur ist er erst gekommen, als ihm klar war, daß es, nach seinen eigenen Worten, eine Literatur der Armut sein müßte. Die Rückkehr führt in nicht an den aktuellen Ort, wo die Landwirte inzwischen ein Schweinegeld verdienen – Michon spricht, sozusagen von der anderen Seite her, vom deuil de la ruralité -, sondern zu den unscheinbaren Toten seiner Kindheit. Bei beiden Freunden Tiepolos ist das Elternpaar so gut wie abwesend, bei Michon begünstigt dadurch, daß er den familienflüchtigen Vater nicht kennengelernt hat. Der Mutter sind die Vies minuscules gewidmet, gut möglich auch, daß die vielen Anreden an den Leser in Wahrheit Anreden an die Mutter sind, Anreden über uns hinweg an sie, die, unsichtbar, in unserem Rücken steht.

Kaum ein großer Autor hat auf den Weg zurück in die Kindheit verzichtet. Prousts Leser könnten sich allenfalls vorstellen, die Recherche würde nach Combray abbrechen, nicht vorstellbar ist ihnen die Recherche ohne Combray. Wenn Kunst, wenn Dichtung sich im Reich der Wahrnehmung abspielt, dann ist die Kindheit für sie ein unvergleichliches Reservoir unbearbeiteter, sozusagen noch nicht wahrgenommener, beim Aufbruch in die Jugend wie versiegelt zurückgelassener Wahrnehmungen, an deren künstlerischer Erschießung der Dichter zu sich finden kann. Eine auf dem Land verbrachte Kindheit mag dabei gleichsam als eine besonders tiefe, gleichsam verdoppelte Kindheit erscheinen, da sich hier auch schon die einfachste Gegenstände als Schatztruhen erweisen. Das nach dem Verzehr des Seelenwecken am Finger zurückgebliebene Mehl kommt vor wie eine Offenbarung, und noch am Abend desselben Tags gräbt das Kind lang noch mit einem Holzlöffel in der im Schlafzimmer der Großeltern stehenden Mehlkiste, um das dort, wie er meinte, verborgene Geheimnis zu ergründen. Die dörflichen Verhältnisse in Frankreich zu dieser Zeit stellt man sich, zu Recht oder zu Unrecht, sich noch um einiges dörflicher vor. Von der dialektalen Prägung seiner Kindheit hat sich Sebald später deutlich, wenn nicht mit einem gewissen Abscheu losgesagt, andererseits aber immer wieder mit lexikalischen und syntaktischen Alemannismen gespielt. Um einiges weitergehend noch Michon: Cette langue désuète travaille en secret mon texte, certaines sonorités, des ellipses balourdes en sont directement issues. Et quand j’écris, je me parle souvent à moi-même, je me commente, je me moque de moi, je m’approuve ou me désapprouve, en patois. Ce sont ces vieux paysans morts qui, en moi, se défendent opiniâtrement contre le non-être.
Für den athée mal convaincu ist Rückkehr in die Kindheit auch Rückkehr zum sakralen Vokabular, das, weitaus mehr als die profane Sprache der Gottlosen, geeignet ist, eine gottverlassene Welt darzustellen, ce monde privé de grâce depuis l’origine des espèces mortelles. Einer der Höhepunkte des Buches ist die Messe, die ein der Trunksucht verfallener Priester für die Insassen einer Irrenanstalt ließt, crétins et idiots, wie es unverblümt heißt, so wie auch Sebald, die moderne, welterrettende Sprachschulung mißachtend, hartnäckig von Krüppeln, Negern und Zigeunern spricht. Peut-être l’abbé eût-il voulu, comme François d’Assise, parler pour les seuls oiseaux, les loups; car si ces êtres sans langage l’eussent compris, alors il en, eût été sûr: c’eût été que la Grâce le touchait. Corbeaux et sangliers émurent les idiots. Bei Sebald begegnen uns überall die entwurzelten Heiligen, den heiligen Franz hatte Selysses schon mit dem Gesicht nach unten in den Sümpfen von Venedig schwimmen sehen, trifft ihn dann aber wiedererstanden in der Person des demissionierten Majors Le Strange, der, den Menschen gänzlich entfremdet, ständig umschwärmt gewesen ist von allem möglichen Federvieh, von Perlhühnern, Fasanen Tauben und Wachteln und den verschiedenen Garten- und Singvögeln, die teils am Boden um ihn herumliefen, teils in der Luft ihn umflogen.

J’étais quai d’Austerlitz, je ne partais pas. Das war noch, bevor Austerlitz sich anschickte, vom Austerlitzbahnhof aus die Suche nach dem Vater fortzusetzen. Ein Jahr jünger als Sebald war Michon drei Jahre vor ihm in Manchester allerdings nur kurz und ohne greifbare Folgen. Je m’envolai pour Manchester, rien n’y fut considérable.

Hat es zunächst den Anschein, als handle es sich um eine Autobiographie, in der der Autor nur als in den anderen gespiegelter Schemen erscheint, tritt er dann doch deutlicher hervor. Eine offenbar länger andauernde Phase im Dunkel von Trunk- und Tablettensucht wird mit einer Art nachsichtigen Schonungslosigkeit gezeichnet, die nicht jedem gefallen muß. Die leichte Eleganz, mit der Sebald als Selysses stets anwesend ist, ohne aber viel von sich preiszugeben, mag man vermissen. Die im engeren Sinne autobiographischen Passagen gewinnen ihren größten Wert in dem Augenblick, wo sie vom Leben und Sterben der anderen überwältigt werden, so während der Messe, die der geistliche Trunkenbold den Schwachsinnigen liest.
Acht Leben, davon zwei Doppelleben, also zehn: Vie d’André Dufourneau, das Leben eines Afrikareisenden; Vie D’Antoine Peluchet, das eines verlorenen Sohns; Vies d’Eugène et de Clara, das Leben der Großeltern väterlicherseits; Vies des frères Bakroot, das Leben zweier ungleichen Brüder; Vie du père Foucault, das Leben eines Analphabeten; Vie de Georges Brandy, das eines der Trunksucht verfallenen Priesters; Vie de Claudette, das einer Geliebten; Vie de la petite morte, das Leben der erstgebornen Schwester Madeleine, es hat kein Jahr gewährt. Que dans mes étes fictifs l’hiver des morts hésite. Que dans le conclave ailé qui se tient aux Cards sur les ruines de ce qui aurait pu être, ils soient.

Donnerstag, 30. Mai 2013

Was wir wissen


A Kind of Wild Justice

Was wir über die Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben wissen, wissen wir durch die Massenmedien: Falls das zutrifft, weiß Selysses herzlich wenig über Gesellschaft und Welt. Nur einmal sehen wir ihn in Berührung mit dem Leitmedium seiner Zeit, dem Fernsehen, und kaum daß er in dem Samtfauteuil des Hotels in Southwold Platz vor dem Empfangsgerät Platz genommen hat, ist er auch schon eingeschlafen. Er bedauert dann aber, die Sendung über Roger Casement verpaßt zu haben und macht sich daran, seine Geschichte aus Büchern, einem rapide veraltendenden Medium, zu rekonstruieren. Eine Einzelheit muß er weiter nicht nachschlagen, da sie ihm aus einer länger schon zurückliegenden Lektüre des Congo Diary Joseph Conrads wortwörtlich gegenwärtig geblieben ist. Er, Conrad, so sei dort zu lesen, habe Casement einmal nur mit einem Stecken bewaffnet in die gewaltige Wildnis aufbrechen sehen, und einige Monate darauf sei er dann aus der Wildnis wieder hervorgekommen, etwas magerer vielleicht, aber sonst so unbeschadet, als kehrte er gerade von einem Nachmittagsspaziergang im Hyde Park zurück. Was gesichertes Welt- und Gesellschaftswissen anbelangt, ergibt sich allerdings die Schwierigkeit, daß Conrads Kongotagebuch einen derartigen Eintrag nicht aufweist. Selysses mag einem irritierenden Déjà-vu aufgesessen sein, nicht aber Sebald, sein Bruder im wahren Leben. Der zeigt auf diesem Wege an, daß es, der dokumentarischen Fassade zum Trotz, um fiktionalisierte Wirklichkeit geht. Die Erzählung verliert Casement dann zunächst völlig aus den Augen und wendet sich Conrad zu. Wir begleiten Conrad zurück in seine Kindheit in Polen und folgen ihm an der Seite des Vaters in die sibirische Verbannung. Im Schlitten durchqueren wir mit ihm die ukrainischen Schneeweiten und treffen ihn schließlich im kongolesischen Herz der Finsternis. Das wahre Herz der Finsternis aber ist Brüssel, von wo aus König Leopold die unvorstellbaren Verbrechen im Kongo durchführen ließ, jetzt unserer aller europäische Hauptstadt. Tatsächlich gibt es in Belgien bis auf den heutigen Tag eine besondere, von der Zeit der ungehemmten Ausbeutung der Kongokolonie geprägte, in der makabren Atmosphäre gewisser Salons und einer auffallenden Verkrüppelung der Bevölkerung sich manifestierende Häßlichkeit, wie man sie anderwärts nur selten antrifft. Bei seinem ersten Besuch in Brüssel sind Selysses mehr Bucklige und Irre über den Weg gelaufen als sonst in einem ganzen Jahr.

In einem von Sebalds Aufsätzen ist die Rede vom zweifelhaften Recht, mit dem die Gesellschaft, nach allem, was sie anrichtet, immer wieder überlebt. Es war aber wohl nicht Sebalds Einschätzung, daß die Gesellschaft insgesamt eine Veranstaltung von Recht und Gerechtigkeit wäre oder sein könnte. Für die nicht wenigen Anhänger dieser Glaubensrichtung ist die Einzigkeit des deutschen Verbrechens ein unverzichtbares Dogma, versichert es uns doch, daß, was immer noch geschehen mag auf dem leuchtenden Pfad, den wir gehen, das Schlimmste in jedem Fall schon hinter uns liegt. Sebald, für einige der Prime Speaker of Holocaust, vertritt das Dogma nicht mit Leidenschaft. Mit dem Luftkrieg, dem Kolonialismus, dem Wüten der Ustascha, dem kaum je unterbrochenen Blutbad der Geschichte beharrt er darauf, das Unvergleichbarkeitsdogma könne jedenfalls nicht alles andere hinter seinem großen schwarzen Mantel verbergen und auf das Ausmaß hinnehmbarer Belanglosigkeiten schrumpfen lassen. Die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten können nicht vor Gericht zufriedengestellt werden, am allerwenigsten im Brüsseler Justizpalast, dessen siebenhunderttausend Kubikmeter umfassende, eingemauerte Leere nur das innerste Geheimnis aller sanktionierten Macht verbirgt und zur Schau stellt. Die Dürstenden werden im Angesicht des Entsetzens immer wieder Verlangen verspüren nach einer wilden Justiz, die die Vulkane ausbrechen läßt und alles ringsum überzieht mit schwarzem Staub oder uns doch sichtbar zeichnet für unsere Verbrechen und die unserer Väter. Den verwachsenen, von spastischen Zuckungen geschüttelten Billardspieler in einer Bar in Rhode-Saint-Genèse sieht Selysses, selbst Liebhaber schwierigster Karambolagen, im Spiegel.

Auf den abschließenden wenigen Seiten des Fünften Teils der Ringe des Saturn wird Casements Lebensgeschichte in einer der verpaßten Fernsehsendung womöglich kongenialen Weise geschildert. Drei Episoden werden behandelt, die auch Vargas Llosas ungleich umfänglicherem Casementbuch die Kapitelüberschriften liefern: El Congo, La Amazonía, Irlanda. Aus dem Kongo berichtet Casement Dinge, die Conrad verzweifelt zu vergessen sucht, das Geschehen am Amazonas wertet er als Völkermord, in den Iren, sieht er, nun Ruairí Dáithí Mac Easmainn, die Indianer der Britischen Inseln.
Als Peruaner ist Vargas Llosa mit dem fortlebenden prähistorischen Opferkannibalismus ebenso vertraut wie mit dem geradewegs in eine lichte Zukunft führenden Sendero Luminoso. In Lituma en los Andes hat er beides in beklemmender Weise zusammengeführt, justicia salvaje, muy real y en masa, von Unrecht in keiner Weise zu unterscheiden. In seinem Casementbuch ist das Amazonaskapitel naturgemäß das umfänglichste. En Inquitos, uno termina por no creer en nada, nicht so Casement. Fortwährend in Todesgefahr habe Casement am Kongo und am Amazonas nie Angst gehabt, jetzt, in der Gefängniszelle, in Erwartung der Hinrichtung, hat er Angst. Seine größte Enttäuschung ist, daß Conrad die Gnadenpetition nicht unterschrieben hat, sein größter Kummer, daß er werde sterben müssen, ohne die irische Sprache ordentlich erlernt zu haben. Ná beidh a leithéid arís ann.

Montag, 27. Mai 2013

Tirant lo Blanch

La marquesa salió a las cinco

Auf dem Einbandbild einer deutschen Ausgabe des Romans von Joanot Martorell wird der weiße Ritter von Pisanellos heiligem Georg mit dem Strohhut dargestellt, der Sebaldleser hat das Gefühl eines Sakrilegs. Sebalds Georg verläßt in Lindenhardt den mittelalterlichen Rahmen, verabschiedet sich in Verona von der Prinzessin, um gegen das Übel der Zeit in Gestalt des Drachen zu kämpfen und tauscht in London, nach getaner blutiger Arbeit, den Helm gegen Strohhut aus, bereit für das Leben in der neuzeitlichen, aufgeklärten, friedlichen und demokratischen Gesellschaft, Schwerter zu Pflugscharen. Tirant dagegen gewinnt keinen Abstand zu den mittelalterlichen Umständen und denkt nicht daran, den Helm abzunehmen.
Vielleicht nicht Tirant aber doch Joanot Martorell, wendet Vargas Llosa ein, der in dem Werk des Katalanen den ersten modernen europäischen Roman sieht. Vargas Llosa hat verteilt über die Jahre verschiedene Aufsätze verfaßt, die dann in dem Band Carta de batalla por Tirant lo Blanc veröffentlicht wurden. Er sieht ein vielschichtiges Werk, das sich auf die unterschiedlichste Weise lesen läßt, als Ritterroman, als Geschichtsroman, als Kriegsroman, als Sittengemälde, als erotischer Roman, als psychologischer Roman, als totaler, selbständiger, vom Autor befreiter Roman und damit als Vorläufer der Werke Flauberts oder Faulkners. Martorells Buch teilt damit aber auch ein Charakteristikum der Romangattung schlechthin, das Vargas Llosa mittels einer Vulkantheorie verdeutlicht: A diferencia con lo que ocurre en un poema plenamente logrado, que su contenido emocional y sus tensiones internas se hallan por lo general parejamente distibuidas desde su iniación hasta su fin, las corrientes anímicas de una novela siguen una línea fluctuante, desigual, debido a los irremediables tiempos muertos, aquellos episodios indispensables, pero que tienen un valor puramente relacional, porque carecen de vida propia y sólo sirven para esclarecer o emparentar a los episodios esenciales, que sí la tienen. Die episodios esenciales vergleicht er mit aktiven Vulkanen.

Wenn das eine allgemeine Struktureigenschaft des Romans ist, so haben sich nicht alle damit abfinden wollen. Valérys bekannte Konfession, er könne keinen Roman lesen oder schreiben, der beginnt mit den Worten La marquise sortit à cinq heures, zeugt von der fehlenden Bereitschaft, sich auf ein von wenigen Vulkanen nur durchsetztes Prosaödland einzulassen. Valéry bleibt seinerseits nicht ohne Widerspruch. La marquesa salió a las cinco, dònde diablos he léido eso? – mit diesem Satz leitet Cortázar in offenkundiger Widerspenstigkeit Los premios ein. Zeigt er sich herausfordernd unbeeindruckt von Valérys Statement, oder sieht er sich aufgerufen, einen Roman zu schreiben, der mit dem inkriminierten Satz beginnt und für Valéry gleichwohl lesbar wäre? Ein weiterer Literat streitet mit Valéry, Joseph Grand in Camus’ La peste. Er hat eine Art Prachtausgabe der das Haus verlassenden Marquise geschaffen: Par une belle matinée du mois de mai, une élégante amazone parcourait, sur une superbe jument alezane, les allées fleuries du Bois de Boulogne. Grands komplette literarische Hinterlassenschaft besteht in einem Konvolut von ungefähr fünfzig Seiten gefüllt mit Varianten dieses Satzes, von denen wohl keine den strengen Valéry hätte besänftigen können. Als Ausgleich könnte man aber geneigt sein, im Bild der eleganten Amazone Anklänge an Martorell zu vernehmen, bei dem die Donzellen so fein und so hell- und dünnhäutig sein können, daß man den weißen Wein durch ihre Kehle rinnen sieht.

Wenn Sebald beim Studium eines zeitgenössischen Romans traditioneller Machart schon nach wenigen Absätzen das Verlangen nach einem Magenbitter ankam und wenn er seine eigene Berufung nicht im Roman, sondern in der Prosa sah, könnte man in ihm einen Jünger Valérys vermuten. Wiederholt hat er betont, das einzelne Wort und die Kadenz des Sätze bedürften in der Prosa nicht weniger Sorgfalt als in der Lyrik. Zugleich aber war ihm wohl Gombrowicz’ Warnung bekannt, einen Lyrikband von vorn bis hinten durchzulesen sei so, als würde man sich eine Woche lang nur von Desserts ernähren. Nicht nur, daß man ohne Anzeichen von Fehlernährung am Ende der Prosabände Sebalds anlangt, man fühlt sich so leicht und gut, daß man, unter Abweisung anderer Kost, gleich wieder vorn anfangen möchte. Sebalds Besonderheit besteht offenbar darin, einen bislang ungeahnten Pfad zwischen Roman und Lyrik gegangen zu sein.

Montag, 20. Mai 2013

Bilder wie Boote

Onze

Ein Bild des Meisters der Ursulalegende zeigt die Heilige samt ihrem Gefolge beim Anlegen des Schiffes in Basel. Ursula selbst und ihre engsten Vertrauten, Cordula, Aukta und Odilia, haben das Boot schon verlassen und betreten den Kai, auf dem eine Klerikerdelegation sie erwartet. Die Kunde von der in der Tat auffälligen Reise und der zu erwartenden Ankunft der 11001 Jungfrauen war offenbar schon vorausgeeilt. Die theologische Forschung hat die in der Urfassung der Ursulalegende genannte abnorm hohe Zahl später in Zweifel gezogen und geht jetzt überwiegend von einem Übermittlungsfehler und, nach dessen Bereinigung, von einem Gefolge von nur elf jungen Damen und damit, die Heilige wiederum hinzugezählt, zwölf Ursulinen aus. Das Bild des Kölner Malers läßt in jedem Fall beide Zählweisen zu. Es zeigt acht weibliche Reisende, vier weitere, oder aber, nach alter Lesart: 10993 (zehntausendneunhundertdreiundneunzig) weitere Ursulinen, bleiben, ebenso wie die Schiffsbesatzung – die Jungfrauen selbst waren kaum manövrierfähig, schon die Kleidung schließt seemännische Kompetenz im Grunde aus -, hinter dem linken Bildrand verborgen. Während die acht frommen Damen mehr oder weniger gleichen Wuchses sind, besteht das ebenfalls acht Personen zählende Empfangskomitee aus drei voll ausgewachsenen und fünf eher gnomenhaft verkümmerten geistlichen Herren.
Das Bild bietet uns auf den ersten Blick eine aufgeräumte, wohlanständige Welt dar, kein Gedanke an gewaltsame Entjungferung, geschweige denn an eine den Märtyrerinnenstatus sichernde Entleibung. Bei näherem Hinsehen aber fällt die völlige Leere der Stadt Basel auf, so als seien Etzels Horden bereits hinweggegangen über die Stadt. Die geistlichen Herren scheinen die einzigen Überlebenden zu sein, und die Hunnenschar rüsteten sich nun im Verborgenen, um über die Jungfrauen herzufallen. Druf geschieht so viel, i ha jez nit der Zit; und endli zündet’s a, und brennt und brennt, wo boden isch, und niemes löscht.

Von der Gesamtzahl der geistlichen Personen und der strikten Trennung der Geschlechter her ähnelt das Bild Grünewalds Altarbild von den Nothelfern in der Pfarrkirche von Lindenhardt, auf dem die drei Nothelferinnen hinter dem Rücken des heiligen Georg ihre gleichförmigen orientalischen Köpfe zu einer Verschwörung gegen die Männer zusammenstecken. Ein Boot, das zu verlassen wäre, gibt es nicht, Georg aber steht am Bildrand eine Handbreit über der Welt und wird gleich über die Schwelle des Rahmens wie über eine Reling treten. Er kommt auf uns zu, außer den Bildbetrachtern erwartet ihn keine andere Delegation. Er geht wortlos an uns vorbei, später treffen wir ihn wieder als San Giorgio in einem Bild Pisanellos in der Kapelle der Pellegrini im Seitenschiff der Kirche Sant' Anastasia zu Verona. Auch dieses Bild wird er samt der Prinzessin von Trapezunt schon bald wieder verlassen, um gegen den Drachen zu ziehen, in Begleitung von sieben Berittenen, darunter ein kalmückischer Bogenschütze. Und wieder treffen wir ihn auf einem anderen Bild auf der Fahrt durch das Leben, der Drache, ein geringeltes, geflügeltes Tier, hat sein Leben ausgehaucht, der Ritter, von dem etwas herzbewegend Weltliches ausgeht, mit einem Strohhut auf dem Kopf, ohne den geringste Schatten der Schuldhaftigkeit, ist bereit für die neuzeitliche Zivilgesellschaft. Er bleibt gleichwohl fremd in dieser Welt, und als George Le Strange muß er den Helm des Kriegers erneut aufsetzen, der anschließende Rückzug ins Private ist dann radikal. Ein letztes Mal treffen wir den demissionierten Ritter als Giorgio Santini, Teil unseres demokratischen Gemeinwesens, als Hochseilartist und Levitationskünstler wie Sebald aber doch randständig.

Pierre Michon zielt mit seinem Buchtitel Les Onze nicht auf die Ursulinen und mischt sich in den Streit der großen und kleinen Zahlen nicht ein. Seine Elf sind: Billaud, Carnot, Prieur, Prieur, Couthon, Robespierre, Collot, Barère, Lindet, Saint-Just, Saint-André: les Commissaires, le Grand Comité de la Grande Terreur, die Hunnen der Aufklärung in unserer Mitte, tous ensemble, en bonne séance fraternelle, comme des frères. Es handelt sich in der Darstellung Michons bei den Mitgliedern des Komitees samt und sonders um gescheiterte oder allenfalls maßvoll erfolgreiche Literaten mit Ausnahme von - da es immer eine Ausnehme geben muß – Jeanbon Saint-André, der weiter nicht geschrieben hat. Robespierre wird ausdrücklich jede Kommentierung verweigert. Der besseren Übersicht halber hat Michon die elf Kommissare an Bord eines Bildes verfrachtet, das es nicht gibt, gemalt von einem Maler, den es nicht gegeben hat. Über beide, das Bild und mehr noch den Maler, werden wir gleichwohl detailliert ins Bild gesetzt. Billaud, l’habit de pékin et les bottes; Carnot, la houpellande, l’habit de pékin et les bottes; Prieur de la Côte-d’Or, à la nation, plumet sur la tête; Prieur de la Marne, à la nation, le plumet sur la table; Couthon, l’habit de pékin et les inutiles souliers à boucle sur les pieds de paralytique, dans la chaise de soufre; Robespierre, l’habit de pékin et les souliers à boucle; Collot, la houpellande, l’habit de pékin et les bottes, pas de cravate; Barère, l’habit de pékin et les souliers à boucle; Lindet l’habit de pékin et les souliers à boucle; Saint-Just, l’habit de l’or; Jean Bon Saint-André, à la nation, le plumet à la main.
Die Absicht der Auftraggeber, die Robespierre und seine beiden engen Vertrauten in die Mitte des Bildes beordert hatten, war taktisch-politisch und hatte zwei Möglichkeiten im Sinn. Falls Robespierre dauerhaft reüssierte, sollte das Bild seinen Personenkult begründen, falls er scheiterte, sollte er, um den Gang zur Guillotine zu beschleunigen, öffentlich als Auftraggeber des Bildes und Selbstbegründer seines Personenkults entlarvt werden. Die Auftragserteilung ist aber Teil des Gesamterfindung des Autors, was hatte er im Sinn, als der die Elf ins Bild verfrachtete?

Das Bild der Elf ist an einem Vorzugsort im Louvre untergebracht als überragendes Zeugnis der Geschichte, aber auch als überragendes Kunstwerk. Der Maler, François-Èlie Corentin - sein Vater auch ein gescheiterter Literat -, ist ein Schüler Tiepolos, dem Mozart der Malerei, wie es heißt, und ihm ebenbürtig als der Tiepolo de la Terreur. Die Gestaltungsabsicht des Autors kann sich kaum auf eine fiktive Bereicherung des Louvre und des kulturellen Erbes Frankreichs beschränkt haben. Erfaßt ist eine Zeitspanne, une période qui est comme le comble de l’Histoire, et que par conséquent on appelle très justement la Terreur, une fin d’hiver, un printemps et le début de l’été, depuis la neige de nivôse jusqu’à la main chaude de thermidor. Besteht nicht das Verlangen, die Verbindung von comble et terreur, von historischem Höhepunkt und Höhepunkt des Versagens und der Schande aufzulösen, die Protagonisten des Terrors einzusperren in ein Bild wie auf ein Gefängnisschiff, so daß eine freigegebene Geschichte unbehelligt daran vorbeiziehen möge. Eine Läuterung der Inoklasten – ein Glück nur, wenn die Werke des Malers der Ursulalegende vor ihnen gerettet werden konnten – durch die Sicherheitsverwahrung im Kunstwerk ist nicht zu erwarten, der Gedanke an Resozialisierung entfällt.

Sebald hat Rousseau auf der Peterinsel besucht und Napoleon auf Korsika, wo er dann schnell die Lust an ihm verloren hat, den genauen Punkt, als, kaum daß die Vernunft am Ruder stand, allenthalben auch schon das Fallbeil zu hören war, quarante têtes par jour, hat er gemieden und sich, auf eine verborgene Weise, an den mythischen, von Schuldhaftigkeit freien Frühaufklärer Georgius Miles gehalten und ihm ein wechselvolles Leben bis in unsere Tage verliehen.

Zwei Bilder und eine Bildserie also. Die Ursulinen können das Schiff verlassen aber nicht das Bild, auch der Märtyrerinnentod führt sie nicht heraus aus dem mittelalterlichen Rahmen, begründet er doch vielmehr erst ihre Bildberechtigung. Der heilige Georg wagt als erster den mutigen Schritt, springt dann zunächst von Bild zu Bild, ähnlich jemandem, dessen Boot am Steg in dritter Reihe lag, bevor er endgültig den festen Boden der Realität betritt. Daß es ihm dort nur wohl erginge, läßt sich nicht behaupten. Les Onze werden nach ihrer wahrhaft ruchlosen Schändung des realen Geschichtsverlaufs rückversetzt ins Bild, gut möglich, daß auch Georg zu diesem Zeitpunkt sich zurückgesehnt hat nach der Heimat im Kunstwerk.

Michon verlegt Corentins Geburtsort, als Fiktion innerhalb der Fiktion, in Tiepolos Deckenausmalung der Würzburger Residenz, précisément sur le mur sud de la Kaisersaal, dans le cortège des noces de Frédéric Barberousse. Il est le page qui porte la couronne du Saint Empire sur un coussin à glands d’or; on voit sa main sous le coussin, son visage un peu penché regarde la terre. Sebald hat sich schon als Kind, verkleidet als Max Aurach, für Tiepolos Würzburger Malereien nicht weniger begeistert. Ich starrte an der Seite des Onkels mit verrenktem Hals in die für mich zu jener Zeit bedeutungslose Pracht des Deckengemäldes von Tiepolo empor, wo unter einem bis in die höchsten Höhen sich aufwölbenden Himmel die Tiere und Menschen der vier Weltgegenden in einem phantastischen Leibergetümmel versammelt sind. Seltsamerweise sei der in Würzburg verbrachte Nachmittag ihm vor wenigen Monaten erst wieder in den Sinn gekommen, als er beim Durchblättern eines neuerschienenen Bildbands über das Werk Tiepolos lange sich nicht habe losreißen können von den Reproduktionen der monumentalen Würzburger Freskomalerei, von den darin dargestellten hellen und dunklen Schönheiten, von dem knienden Mohr mit dem Sonnenschirm und der wunderbaren Amazonenheldin mit dem Federputz auf dem Kopf. Einen ganzen Abend bin ich über diesen Bildern gesessen und habe versucht, mit einem Vergrößerungsglas tiefer und tiefer in sie hineinzusehen. François-Èlie Corentin hatte ich schon bald ohne große Mühe erkannt.