Mittwoch, 4. Oktober 2017

Lebensdaten eines Namenlosen

Im Hintergrund

Es beginnt eigentlich immer mit ihm, dann tritt er in den Hintergrund. Den Onkel hatte er nur ein einziges Mal gesehen, als Kind im Sommer des Jahres 1951. An die sechzig Personen waren zu einem umfassenden Familientreffen nach W. eingeladen, darunter auch sämtliche Amerikaner, wie man sie kurz und bündig nannte, und bei der großen Kaffeetafel im Schützenhaus wurde der Onkel, als der Älteste der nach Amerika Ausgewanderten und ihr Vorfahr sozusagen, aufgefordert, das Wort an die versammelte Sippschaft zu richten. Obzwar ihm vom Inhalt der Kaffeetafelansprache des Onkels nichts mehr erinnerlich ist, entsinnt er sich doch, zutiefst beeindruckt gewesen zu sein von der Tatsache, daß er anscheinend mühelos nach der Schrift redete und Wörter und Wendungen gebrauchte, von denen er allenfalls ahnen konnte, was sie bedeuteten. 1966, in seinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr und nachdem er bislang nie mehr als fünf oder sechs Zugstunden von zu Hause weg gewesen war, entschließt er sich aus verschiedenen Erwägungen nach England überzusiedeln, ohne eine zulängliche Vorstellung davon, wie es dort aussehen und wie er, ganz nur auf sich gestellt, in der Fremde zurechtkommen würde. Letztlich ist es allein das sinnreiche, in seinem Zimmer aufgestellte Gerät, die sogenannte teas-maid, eine Kombination aus einem Teekocher mit der Gestalt eines kleinen Kraftwerks und einer Weckeruhr, das ihn durch sein nächtliches Leuchten und sein leises Sprudeln am Morgen und durch sein bloßes Dastehen untertags am Leben festhalten läßt. In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre ist er, teilweise zu Studienzwecken, teilweise aus anderen, ihm selber nicht recht erfindlichen Gründen von England aus wiederholt nach Belgien gefahren. In Erinnerung geblieben sind ihm vor allem etliche im dortigen Nocturama behauste Tiere mit auffallend großen Augen und jenem unverwandt forschenden Blick, wie man ihn findet bei bestimmten Malern und Philosophen, die vermittels der reinen Anschauung und des reinen Denkens versuchen, das Dunkel zu durchdringen, das uns umgibt. Im September 1970 begibt er sich, inzwischen verheiratet, auf Wohnungssuche in der Umgebung der ostenglischen Stadt Norwich. Nachdem sie zunächst bei einem gewissen Dr. Selwyn untergekommen sind, kauft Clara, seine Frau, im Mai 1971 eines Nachmittags unversehens ein Haus, das die beiden fortan bewohnen. Im Oktober 1980 fährt er nach Wien, in der Hoffnung, durch eine Ortveränderung über eine besonders ungute Zeit hinwegzukommen. Die Kur verfängt nicht. Rastlos läuft er durch die Stadt. Er hat niemanden, mit dem er sprechen kann, selbst die Telephone bleiben stumm. Bloß mit den Dohlen in den Anlagen vor dem Rathaus hat er einiges geredet und mit einer weißköpfigen Amsel. Bald sind deutliche Spuren der Verwahrlosung sind nicht mehr zu übersehen, er begann in einer aus England mitgebrachten Plastiktüte allerlei unnütze Dinge mit sich herumzuführen, die ihm immer unentbehrlicher wurden. Der Anblick des inwendig schon gänzlich in Fetzen aufgelösten Schuhwerks entsetzt ihn, es würgt ihm im Hals und die Augen trüben sich. Er reist weiter nach Venedig, dann nach Verona, ohne daß sich seine Lage grundsätzlich ändert. In einer Pizzeria in Verona erfaßt ihn eine plötzliche Panik, er legt 10 000 Lire auf den Teller, rafft die Zeitung zusammen, stürzt auf die Straße hinaus, läuft zur Piazza hinüber, geht dort in eine hellerleuchtete Bar, läßt sich ein Taxi rufen, fährt ins Hotel zurück, packt in aller Eile seine Sachen und flüchtet mit dem Nachtzug zurück über den Brenner. Im Januar 1984 erreicht ihn aus S. die Nachricht, Paul Bereyter, bei dem er in der Volksschule gewesen war, habe am Abend des 30. Dezember seinem Leben ein Ende gemacht. In den nachfolgenden Jahren hat er sich immer häufiger mit Paul Bereyter beschäftigt und versucht, hinter seine ihm so gut wie unbekannte Geschichte zu kommen. Im Sommer 1987 hat er, einem seit langem sich rührenden nachgebend, die Reise von Wien über Venedig nach Verona noch einmal gemacht. Die Reise verläuft wie geplant und diesmal weitgehend ohne besondere Vorkommnisse. Nachdem er die Oktoberwochen in einem weit oberhalb von Bruneck, am Ende der Vegetation gelegenen Hotel verbracht hatte, faßt er eines Nachmittags den Entschluß, nach England zurückzukehren, vorher aber noch seinen Geburtsort W. zu besuchen. Im August 1992 dann macht er sich auf eine Fußreise durch die ostenglische Grafschaft Suffolk in der Hoffnung, einer sich in ihm ausbreitenden Leere zu entkommen, eine Hoffnung, die sich, anders als seinerzeit in Wien, zu einem gewissen Grade erfüllt, denn selten hat er sich so ungebunden gefühlt als wie bei dem stunden- und tagelangen Dahinwandern durch die teilweise nur spärlich besiedelten Landstriche hinter dem Ufer des Meers. 1993, auf den Tag genau ein Jahr nach dem Beginn seiner Reise, wird er in einem Zustand nahezu gänzlicher Unbeweglichkeit in das Spital der Provinzhauptstadt eingeliefertZwei Krankenschwestern, Katy und Lizzie, umschweben ihn engelsgleich, und er glaubt, nur selten sei er so glücklich gewesen wie unter ihrer Obhut. 1996, die Lähmung ist längst überwunden, sind es die Augen. Beim Heraussuchen einer Anschrift aus dem Telephonbuch bemerkt er, daß, sozusagen über Nacht die Sehkraft seines rechten Auges fast gänzlich verschwunden war. Es handele sich, stellt der Ophthalmologe die beruhigende Diagnose, um einen meist nur zeitweiligen Defekt, bei dem sich an der Makula, etwa wie unter einer Tapete, eine Blase bilde, die von einer klaren Flüssigkeit unterlaufen sei. Im Jahr darauf taucht er in Paris auf, dann verliert sich die Spur.

Dienstag, 3. Oktober 2017

Verständlich

Griff ins Leere

Den Aufsatz über einen französischen Literaten leitet Cioran ein mit den Worten, C’est un véritable malheur pour un auteur que d’être compris. Was wie ein elegantes Paradox klingt, führt in unübersichtliche Verhältnisse. Mallarmé hatte gescherzt, Jetzt noch ein wenig Unverständlichkeit reinbringen, und fertig ist das Gedicht, er zeigt so, wie es nicht geht. Unverständlich ist in der Literatur nicht das Gegenteil von verständlich, Celan ist nicht von Haus aus bedeutender als Eichendorff. Es war, als hätt' der Himmel die Erde still geküßt, das ist ohne weiteres verständlich und wiederum doch nicht, jeder merkt es spätestens dann, wenn er die Zeile als Liedgesang in Schuhmanns Vertonung hört. Das Unglück bestünde für Cioran im rückstandslosen Verstehen, das Buch wäre dann wortlos zu schließen und nie wieder zu öffnen. Glücklich schätzen kann sich ein Leser, wenn er durch die Zeilen eilt wie eine Gestalt bei Kafka, die immer etwas versteht, das meiste aber nicht und immer unverzagt bleibt. Der Leser Kafkas muß dem Helden des Buches nur folgen, er wird anderes verstehen und anderes nicht verstehen, unberührt aber bleibt das Übergewicht des Unverstanden. Auch Becketts Helden sind ohne ersichtlichen Grund oft seltsam unverzagt, man denke nur an Mahood, ein Krüppel ohne Gliedmaßen, der in einer Art übergroßem Blumentopf sitzt, bei Tag und bei Nacht, bei Sonne und bei Regen vor einem Gasthaus als lebendige Reklamefigur, und der des Lobes voll ist für die Wirtin, die ihn schlecht und nicht recht ernährt und einmal in der Woche das Stroh wechselt, auf dem er sitzt. Gegen Ende dann, in Erzählungen wie Le dépeupleur oder Worstward Ho, als die Figuren keine Namen mehr haben, ist die Grenze von Verstand und Unverstand aufgehoben, die Unterscheidung greift ins Leere. Sebald, um pflichtgemäß einen Blick auf ihn zu werfen, ist so verständlich wie Eichendorff, daß wir ihn immer wieder aufs Neue lesen, belegt unerschöpfliche Vorräte des Unverstandenen.

Sonntag, 1. Oktober 2017

Voyou

Petite Saison

Die einen beginnen spät, Fontane etwa oder Sebald, andere sind Frühstarter. Unter denen wiederum werden besonders die geliebt, die nicht lange ausgehalten haben, Novalis, Rimbaud. Benjamin Fondane (ursprünglich Fundoianu, eigentlich Benjamin Wechsler) nennt sein Buch Rimbaud le voyou und bezieht sich dabei auf einen Wörterbucheintrag: Voyou, Individu de mœurs crapuleuses qui vit ordinairement dans la rue. An anderer Stelle heißt es: Voyou se dit de l'homme qui a tous les vices du peuple sans en avoir les qualités. Schon bei dieser Definition entfällt der Gedanke an lachende Vagabunden und ähnliches, umso mehr und restlos dann bei Fondane, der in Rimbaud einen Bruder Stawrogins sieht, zwei verunglückte, zwei heillose Heilige, auf verbrecherischer Suche nach einem wahren Leben, das es nicht gibt. Sie gehen den Weg nicht gemeinsam, la véritable révolte ne peut être qu’individuelle, ne fût-ce qu’en deux personnes, il faut bien de conventions, accords, raisonnements.

Man wird sagen, für Sebald war es zu spät für solche Experimente, als er anfing, Prosa zu schreiben, und doch ist einzuräumen, die erste Begegnung mit dem Erzähler, Selysses, ist die Begegnung mit einem Voyou, mit jemandem, der auf der Straße lebt. Rastlos ist er in den Straßen Wiens unterwegs. Die ebenso endlosen wie leeren Gängen führten über ein eher enges Areal nicht hinaus, einen genau umrissenen, sichel- bis halbmondförmigen Bereich, dessen äußerste Spitzen in der Venediger Au hinter dem Praterstern beziehungsweise bei den großen Spitälern des Alsergrunds lagen. Hätte man die Wege, nachgezeichnet, es wäre der Eindruck entstanden, es habe jemand hier auf einer vorgegebenen Fläche immer neue Traversen und Winkelzüge versucht, um aufs neue stets am Rand seiner Vernunft, Vorstellungs- und Willenskraft anzugelangen und zum Umkehren gezwungen zu werden. Deutliche Spuren der Verwahrlosung sind nicht zu übersehen, er begann in einer aus England mitgebrachten Plastiktüte allerlei unnütze Dinge mit sich herumzuführen, die ihm immer unentbehrlicher wurden. Der Anblick des inwendig schon gänzlich in Fetzen aufgelösten Schuhwerks entsetzt ihn, es würgt ihm im Hals und die Augen trüben sich. Une petite saison en enfer, und wieder müssen wir fragen, was wäre geworden, hätte er diese Phase nicht überwunden. Freunde der Koinzidenz werden nicht übersehen, daß Selysses, als er die Bühne betritt, ungefähr das Alter des sterbenden Rimbaud hatte.

Perbene

Nur ein Ungeheuer

Alles, was der Mensch anfaßt und bewerkstelligt, wendet sich gegen ihn, - das sei die Kernaussage der Philosophie Ciorans gewesen, urteilt M.A. Rigoni* und fügt hinzu: Purtroppo è vera, e mi sembra che oggi sia più evidente che mai. Immer, wenn man gerade die schönste Zukunft sich ausmalt, geht es bereits auf die nächste Katastrophe zu, sekundiert der Dichter, der, wenn die Erinnerung nicht trügt, an einer Stelle moniert, daß es in Deutschland keine Denker vom Schlag Ciorans gibt, soltanto persone perbene. Die aber helfen nicht weiter, solo un mostro potrebbe vedere le cose come sono, Monstren wie Machiavelli oder Leopardi; soweit würde der Dichter vielleicht nicht gehen. Wie er begeistert sich auch Cioran für Giotto. Zu den Vizi e virtù bemerkt er, die einen seien die Wahrheit und die anderen die Lüge.

*Ricordando Cioran, 2011

Freitag, 22. September 2017

Bewunderung

Eine Brücke, ein Steg

Sergio Chejfec schreibt: Sebald bringt uns zurück zu einer eigentlich seit langem verlorenen Position, die der Bewunderung und der reinen ästhetischen Freude. Sebald selbst hatte seine wissenschaftliche Laufbahn nicht unter dem Zeichen der Bewunderung begonnen, beeindruckt von der damals an den philosophischen Fakultäten grassierenden sogenannten Kritischen Theorie hatte er stattdessen für seine ersten Untersuchungen geignete Opfer möglichst beißender Kritik gewählt. Als er dann schon den Fuß gehoben hatte für den Schritt vom Literaturwissenschaftler zu Literaten, wurde mit Logis in einem Landhaus ein Buch veröffentlicht, das auch den Titel Bewunderungsübungen tragen könnte.

Exercises d’admiration, unter diesem Titel sind bei Cioran die Porträts von rund einem Dutzend Autoren versammelt, unter denen Sebald, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung als Literat noch gar nicht geboren war, naturgemäß nicht vertreten ist. Hätte er gepaßt in die Sammlung, hätte Cioran ihn bewundert? Einerseits begegnen wir Autoren wie Scott Fitzgerald, an die man, so wie Ciorans Vorlieben einzuschätzen sind, nicht gleich gedacht hätte, andererseits Autoren wie de Maistre und Beckett, die nicht fehlen konnten. Am Beispiel des blutrünstigen Joseph de Maistre führt Cioran vor, wie man einen Autor bewundern kann, der nach allen geltenden Maßstäben, und nicht weniger nach Ciorans Maßstäben, nur zurückzuweisen ist, in der Gestalt Becketts bewundert er einen Freund im Leben und im Geist. Unwissentlich baut Cioran eine Brücke von Beckett zu Sebald, Je ne suis pas spécialement requis par la philosophie de Wittgenstein mais j’ai und passion pour l’homme. Sebald hat sich nicht nur sinngleich, sondern fast wortgleich zu dem österreichischen Philosophen geäußert. Cioran fährt fort, Plus d’une fois j’ai trouvé des traits communs entre lui et Beckett. Deux apparitions mystérieuses, deux phémomènes dont on est content qu’ils soient si déroutants, si inscrutables. Ausgehend von dem Rucksack gleicher Sorte, mit denen beide unzertrennlich verbunden waren, macht sich Sebalds Erzähler seinerseits Gedanken über die auffallende Ähnlichkeit zwischen Austerlitz und Ludwig Wittgenstein, über den entsetzten Ausdruck, den sie beide trugen in ihrem Gesicht. So nahe, wie Austerlitz ihm steht, geht die Ähnlichkeit auch auf den Autor selbst über. Was aber wäre über den sie mittelbar verbindenden Wittgenstein hinaus das Verbindende zwischen Beckett und Sebald? Auch große Unterschiede können sich als Gleichheiten erweisen.

Beide sind Feinwerktechniker der Sprache, Beckett in einer kargen und immer karger werdenden Landschaft, Sebald in der Üppigkeit der Sätze. Beide sind Meister der Bewegung, bei Sebald sind es großräumige, zum Teil interkontinentale Bewegungen, bei Beckett werden die Bewegungen immer geringfügiger, tendieren zu Stillstand und hören doch nie ganz auf. Selbst die Menschen im Kegel des Dépeupleur, un corps par mètre carré soit un total de deux cents corps chiffre rond, sind, abgesehen von einer kleinen Minderheit endgültig Resignierter, so rast- wie hoffnungslos unterwegs. In Sebalds Prosawerk nimmt die Bewegung gleich zu Beginn, in Wien, becketthafte Züge an. Die ebenso endlosen wie leeren Gängen führten über ein eher enges Areal nicht hinaus, einen genau umrissenen, sichel- bis halbmondförmigen Bereich, dessen äußerste Spitzen in der Venediger Au hinter dem Praterstern beziehungsweise bei den großen Spitälern des Alsergrunds lagen. Hätte man die Wege, nachgezeichnet, es wäre der Eindruck entstanden, es habe jemand hier auf einer vorgegebenen Fläche immer neue Traversen und Winkelzüge versucht, um aufs neue stets am Rand seiner Vernunft, Vorstellungs- und Willenskraft anzugelangen und zum Umkehren gezwungen zu werden. – Ein nicht vorhandenes und doch unüberwindliches Hindernis, die genaue geometrische Vermessung des gefängnishaften Bezirks, wäre es dem Erzähler nicht schließlich doch gelungen, aus dem Zirkel auszubrechen, hätte Sebalds Prosa zwangsläufig die von Beckett vorgegebene Richtung genommen.

Donnerstag, 21. September 2017

Anachoret heute

Privatklöster

Wohin gehen die Mönche, fragt Sloterdijk, wohin gehen sie heute, da kein öffentlicher Bedarf mehr an ihrer Berufsgruppe besteht. Am Anfang waren sie in die syrische Wüste gegangen. In der Wüste ist die wahrnehmbare Welt gleichsam auf ihrem Nullpunkt, und so ist es einfach, sie aus dem Dreiecksverhältnis von Welt, Mensch und Gott zu entfernen, um so, hoch oben auf der Säule, in extremer Askese die innigstmögliche Zweisamkeit von Mensch und Gott zu erreichen. Eine Einschränkung besteht darin, daß die Styliten als zu bestaunende Glaubensartisten eine Art frühen Wüstentourismus auslösten und die Welt damit zurückholten an den Sockel der Säule. Bei Kafkas Hungerkünstler dann hat nur noch das Zirkusmoment überlebt. Im Gang der Geschichte wurden die extravaganten Einzelkünstler des Glaubens abgelöst durch die insgesamt moderatere Form der christlichen Ordensgemeinschaften. Inzwischen aber sind auch die Klöster, gemessen an ihrer großen Vergangenheit, bedeutungslos.

Benn teilte die Bevölkerung, bei ausgeschlossenem Dritten, in Mönche und Verbrecher, die meisten würden konzilianter von Tatmenschen sprechen. Die Verbrecher sind innerhalb Benns strenger Ordnung zweifellos in der Überzahl, ohne daß andererseits die Zahl der mönchisch Veranlagten gering wäre. Wohin aber gehen die Mönchsanwärter, die sich die regulären Klöster nicht mehr zumuten wollen? Sebald, dessen Prosa fast ausschließlich Menschen bewohnen, die dem Mönchslager zuzurechnen sind, eröffnet ihnen Perspektiven. Le Strange verwandelt seinen Gutshof in ein Privatkloster mit ihm selbst als einzigem Insassen (die Haushälterin Florence Barnes ist der Ordensdisziplin mit Ausnahme des Schweigegelübtes bei Tisch nicht unterworfen). Ständig umgeben von Federvieh am Boden und in der Luft nähert er sich dem Erscheinungsbild des heiligen Franziskus, bis heute der populärste mittelalterliche Ordensvater, und erreicht schließlich als Höhlenbewohner über die Ähnlichkeit mit dem heiligen Hieronymus den Status eines spätantiken Anachoreten. Le Strange repräsentiert in seiner Person und seinem Verhalten wesentliche Etappen des europäischen Mönchstums, so wie Tiere – darunter Menschen – anatomische Erinnerungen an vergangene evolutionäre Stadien mit sich tragen.

Wem aber wendet sich der im Zweifelsfall gottloser Mensch unserer Tage zu, wenn er sich von der Welt abgewandt hat? Auch Houellebecqs Jed Martin bezieht sein Privatkloster, das Klostergebäude ist bescheidener als das Le Stranges, der umgebende Zaum umso eindrucks- und wirkungsvoller. Die Menschheit ist ausgeschlossen, die Kunst ist zugelassen, ein Drittes ist also da, die Produktion nicht für die Öffentlichkeit bestimmter Kunstwerke setzt Martin auch in seinem Kloster fort. Das führt uns zu Sebalds Maler Aurach, der sein Atelier zur Mönchszelle macht, allerdings im offenen Vollzug sozusagen, Freunde können ihn besuchen, sein Abendbrot ißt er in einem von einem Massaihäuptling geleiteten Restaurant. Zur Glückseligkeit verhilft die Kunst den Malern nicht. Sloterdijk zitiert Nietzsche, demzufolge die Kunst lediglich dabei helfe, an der Wahrheit nicht zugrunde zu gehen, und es ist noch nicht einmal sicher, ob das für den Künstler gilt oder für uns, die Betrachter, Hörer, Leser. Auf der Rezipientenseite treffen wir Salvatore Altamura als den Bewohner eines immateriellen Klosters. Seinem Bedürfnis zu lesen wisse er um diese Tageszeit einfach keinen Widerstand entgegenzusetzen, er rette sich in die Prosa wie auf eine Insel, wie auf den Berg Athos. Auf Korsika folgt Selysses den Spuren Napoleons, einem der maßgeblichen Verbrecher, die steinernen Burgen in Ajaccio aber scheinen ihm wie geschaffen für anachoretisch gestimmte Bewohner, die sich mit nichts anderen beschäftigen als dem Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit – eine denkbar weitgehende Annäherung an die asiatischen Weisheitslehren. Selwyn, Bereyter, Adelwarth, Austerlitz, Garrard e tutti quanti sind, auch wenn sie vielleicht keine offenkundigen mönchischen Merkmale aufweisen, Mönche nach Benns Maßstab. Unter dem Auge des Dichters, das auf allen ruht, bilden sie eine über die Welt verstreute Bruderschaft.

Bei seiner Einteilung hat Benn wohl nur an die Männer gedacht, Frauen sind eine eigene Gattung, naturgemäß keine Mönche, immerhin aber gab und gibt es Nonnen, und die Mathild Seelos ist der einzige Bewohner des Prosawerks mit realer Klostererfahrung. Unmittelbar vor dem ersten Krieg war sie in das Regensburger Kloster der Englischen Fräulein eingetreten, hat das Kloster aber noch vor Kriegsende unter eigenartigen Umständen wieder verlassen. Sie hat sich dann einige Monate lang, in der roten Zeit, in München aufgehalten, bei den Revolutionären, den Verbrechern also, ohne daß es ihr dabei besser ergangen wäre. In einem arg derangierten und fast sprachlosen Zustand ist sie schließlich nach Haus zurückgekehrt, hat aber bald ihr Gleichgewicht wiedererlangt und zu ihrer wahren Gestalt gefunden, die uns so sehr beeindruckt, ohne daß wir sagen könnten, was sie ausmacht, und worin sie besteht.

Sonntag, 17. September 2017

Erblasser

Genealogie

On a vu le testament, rien pour personne, Beckett, keiner hat es je schöner gesagt. Wie man hört, hat er selbst alles getan, den Tabula rasa-Zustand zu erreichen, indem er sein Geld nach allen Seiten verschenkt hat, erfolglos allerdings, Godot besonders war eine ständig sprudelnde Vermögensquelle und ist es vielleicht heute noch. Wenn er mit Godot God gemeint hätte, so Beckett, hätte er God geschrieben, auch beim Testament wäre dann wohl der assoziative Ausflug ins Himmlische untersagt, aber wie weit kann man den Aussagen der Dichter zu ihren Werken trauen?

Erbschaftsfragen stehen in Sebalds Prosa nicht an vorderer Front. Die Helden sind nicht reich, Selwyn sieht sich als almost a pauper, und sie haben keine Kinder oder nahe Verwandte als natürliche Erben. Anders sieht es aus in den Texten, die zurückkehren zum Beginn des letzten Jahrhunderts. Cosmo Solomon, Böses ahnend, bemüht sich, an Plätzen wie Saratoga Springs in Luxushotels wie dem Breakers, dem Poinciana oder dem American Adelphi ungeheure Mengen Geld durchzubringen, offenbar um bei Antritt seines Erbes eine Situation anzutreffen, wie von Beckett festgehalten. Seine Anstrengungen bleiben ohne Erfolg, und sein Ende ist nicht beneidenswert. Im Hause Quilter ist man erfolgreicher. Was für kühne Pläne hätte ein Mann wie Quilter, angespornt von einem Gleichgesinnten wie Kaiser Wilhelm nicht noch entwickelt, den Plan etwa von einem von Felixstowe über Norderney bis nach Sylt reichenden und der allgemeinen Ertüchtigung dienenden Frischluftparadies. Dann aber verlor der deutsche Kaiser sein Reich und Quilter sah seine als unerschöpflich scheinenden Mittel in einem Maße zusammenschrumpfen, daß eine sinnvolle Bewirtschaftung der Liegenschaft nicht mehrmöglich war. Sein Sohn Raymond Quilter verkaufte das Anwesen Bawdsey Manor 1936 an den Staat und bezog als Wohnung das ehemalige Quartier des Chauffeurs. Bald schon nannte der leidenschaftliche Flieger, der einst das Ferienvolk von Felixstowe durch sensationelle Fallschirmansprünge über dem Strand beeindruckt hatte, nichts mehr sein eigen als sein Flugzeug und eine Startbahn auf einsamen Feld. Beide Fälle, Solomon und Quilter, sind nicht geschildert als der Verfall einer Familie über Generationen hin, eine Erbschaftskette wird nicht sichtbar geschweige denn ein verzweigtes Erbschaftsnetz. Der Schritt hin zu den erbenlosen Bewohnern der Gegenwart ist bereits vorbereitet.

Zu den Erbenlosen gehört in gewissem Sinne auch der König der Erblasser im Werk, der Major Le Strange, der sein sehr bedeutendes und schon seit langen Jahren ungenutztes Vermögen seiner Haushälterin Florence Barnes, die, beyond wanting to buy a bungalow in Beccles for herself and her sister, had no idea what to do with it. Daß die Schwestern in der Folge eine Kreuzfahrt nach den anderen absolviert haben, ist unwahrscheinlich. Mrs. Barnes ist jetzt in ihren Achtzigern und sicher noch rüstig, man könnte sie fragen, was mit dem unverbrauchten Erbe nach ihrem Ableben geschehen soll. Vielleicht überläßt sie das Vermögen dem immer bedürftigen Königshaus, es wäre dann auch verfallen. Sloterdijk* sieht im Testament den Dreh- und Angelpunkt der traditionalen Gesellschaft. Und weiter: Die Menschheit läßt das vom genealogischen Prinzip dominierte Weltalter hinter sich und tastet sich unter ungeheuren Krisen vorwärts in eine synchronische Seinsweise, in der die gleichzeitig Lebenden füreinander wichtiger werden als die bisher identitätsverleihenden eigenen toten Vorfahren. Wohin das Dasein einer horizontal vernetzten Menschheit in einer realisierten planetarischen Synchronie die Menschen führen wird, das kann auch mit der größten anthropologischen Phantasie niemand voraussagen. – Wollte man den Erzählungen des Dichters eine Aussage abgewinnen, würde sie ähnlich lauten.

Der Dichter ist selbst Legatar, die ihm in zunehmenden Maße wichtig werdende hochgradig diversifizierte Bibliothek der Mathild ist nach deren Tod in seinen Besitz gekommen. Neben Literarischem aus dem letzten Jahrhundert und einem türkischen Lexikon samt kleinem Briefsteller gab es zahlreiche religiöse Werke spekulativen Charakters, Gebetsbücher aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert mit zum Teil drastischen Abbildungen der uns alle erwartenden Pein. Zum anderen fanden sich mit den geistigen Schriften vermischt mehrere Traktate von Bakunin, Fourier, Bebel, Eisner, Landauer sowie der biographische Roman von Lily von Braun. Was braucht es mehr?

*Warum trifft es mich? In: Weltfremdheit