Sonntag, 19. November 2017

Schwindel.Gefühle.

Aus dem Lot

Schwindel.Gefühle, warum diese seltsame Schreibweise des Titels? Das Kompositum Schwindelgefühle hebt die Doppelbedeutung von Schwindel - Sturzgefahr oder aber Betrug - zugunsten der Sturzgefahr auf, der Punkt zwischen den beiden Komponenten macht diese Klärung wieder rückgängig. Bei einer Übersetzung des Buches in Sprachen, die weder eine Vokabel mit ähnlicher Doppelbedeutung noch die Leichtigkeit des Deutschen bei der Wortzusammensetzung kennen, wird die Ambivalenz dann ihrerseits wieder rückgängig gemacht, Vertigo, Vertiges, Vertigini, also Schwindelgefühle, Übersetzungserwägungen in Richtung swindle, tromperie sind nicht bekannt. Auch der Leser des deutschen Originaltextes hält sich in erster Linie an die punktlosen Schwindelgefühle.

Schwindelgefühle im engeren, pathologischen Sinne treten aber gar nicht auf, selbst als der Erzähler die schwindelerregende oberste Galerie des Mailänder Doms erklettert, erleidet er zwar eine gewisse Bewußtseinstrübung – es scheint ihm unglaubwürdig, daß es sich bei den kleinen Gestalten, die tiefunten über die Piazza eilen, um lauter Mailänder und Mailänderinnen handelt – von einem Schwindelanfall aber bleibt er verschont. Um sie zu verstehen, muß den Schwindelgefühlen ein weiteres Bedeutungsfeld eingeräumt werden. Cioran erläutert: Les vertiges, c’est à dire le sentiment de ne plus pouvoir rester à la verticale, viennent de de l’épuisement du phènomène humain avec l’abandon de toutes ses charactéristiques. Folgen wir dieser Erklärung für einen Augenblick, ohne sie weiter zu überprüfen, so läßt sich schließen, daß bereits das Unwohlsein, das bei einem vorübergehenden Teilverlust der menschlichen Charakteristiken auftritt, wenn der Betreffende, wie man sagt, aus dem Lot ist, - daß bereits dieses Unwohlsein mithin als eine Vorstufe oder mindere Stufe eines Schwindelgefühls gelten könnte. Daß Kafka, wie er uns in den Schwindel.Gefühlen begegnet, in den üblichen Wahrnehmungs- und Verhaltensmustern des Menschen nicht allzu fest verankert ist, bedarf keiner längeren Begründung, es reicht der Hinweis auf den schwindlig daniederliegenden Jäger Gracchus, dessen Barke in Riva auch schon Stendhal verunsichert hatte. Auch das Erlebnis des Erzählers hoch oben auf dem Dom könnte dann doch als Schwindelgefühl minderen Grades verstanden werden. Weitaus deutlicher aber sind die Schwindelwahrnehmungen gleich zu Beginn der Italienreise des Erzählers, noch in Wien, wo er sich, während einer, wie es heißt, für ihn besonders unguten Zeit als Angehöriger des bürgerlichen Milieus rapide in einen Clochard, einen Voyou verwandelt. Deutliche Spuren der Verwahrlosung sind nicht zu übersehen, er begann in einer aus England mitgebrachten Plastiktüte allerlei unnütze Dinge mit sich herumzuführen, die ihm immer unentbehrlicher wurden. Der Anblick des inwendig schon gänzlich in Fetzen aufgelösten Schuhwerks entsetzt ihn, es würgt ihm im Hals und die Augen trüben sich.

Weitere Schwindelgefühle dieser Art unterhalb der akuten Sturzgefahr ließen sich aufzählen, was aber ist mit dem Schwindel als swindle, als Betrug? Man muß sich keine tiefschürfenden Gedanken machen, ohnehin beschwindeln uns die Dichter gewohnheitsmäßig und forcieren so unsere Schwindelgefühle, es ist ihr Beruf.

Mittwoch, 15. November 2017

Schneefall

Frage der Menge

Un flocon égaré dans l’air donne une image de vanité plus déchirante et plus symbolique qu’un cadavre, und so ist zu hoffen, mehr und immer mehr Flocken möchten herabschweben und in den dunklen Abgründen der rückwärtigen Höfe verschwinden, und zum Winteranfang dann, in den Bergen, solle alles zuschneien, das Dorf und das Tal bis zu den obersten Höhen hinauf, und wiederum später noch, im Frühjahr, wenn es auftaut, kämen wir dann hervor aus dem Eis wie neugeboren.

Dienstag, 14. November 2017

Lachen der Engel

Gemütsaufruhr

L’être ideal? Un ange dévasté par l’humour: eine eigenwillige Idealvorstellung, unschwer zu erraten, wer sie formuliert hat. Wie soll man sich den vom Humor, vom Lachen verwüsteten Engel vorstellen, wie hat Cioran ihn sich vorgestellt. Ist der Engel selbst humorig gestimmt, oder verwüstet ihn das Lachen der anderen? Einem leibhaftigen vom Humor malträtierten Engel zu begegnen, kann man in der aufgeklärten Zeit nicht erwarten. In der traditionellen christlichen Malerei sind die Engel so gut wie immer akkurat, meistens kostbar gekleidet, die Gesichtszüge spiegeln eine mittlere Gemütslage, einen heiterer Ernst, weder das Gewand noch das Mienenspiel weisen Spuren der Verwüstung auf. Angesichts des ausgeglichenen Seelenhaushalts der Engel, ist es auffällig, wenn sich auf Giottos Bild der Beweinung Cherubine entdecken lassen, die, seit nahezu siebenhundert Jahren über unserem unendlichen Unglück schwebend, die Brauen im Schmerz so sehr zusammengezogen haben, daß man hätte meinen können, sie hätten die Augen verbunden, die weißen Flügel mit den wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde aber sind das weitaus Wunderbarste von allem, was wir uns jemals haben ausdenken können. Giottos Engel, Wesen exquisiter Schönheit mit von einem mitleidenden Schmerz verzerrten Gesichtern, Wesen, über die ein leichtes Lächeln des Dichters gleitet, läßt sich so auf unerwartete und versöhnliche Weise die Idealvorstellung einlösen? Die Ingredienzen ähneln sich, die Rezeptur aber ist eine andere.

Montag, 13. November 2017

Chronos

Ruck für Ruck

Cioran notiert: Deux choses m’ont toujours rempli d’une hystérie métaphysique: un montre qui ne foctionne pas et une montre qui marche. Austerlitz befreit sich aus dem Dilemma, indem er die Uhr ganz aus seinem Leben verbannt, nie habe er eine Uhr besessen, weder einen Regulator noch einen Wecker, noch eine Taschenuhr und, wie mit Blick Cioran, eine Armbanduhr schon gar nicht. Die praktischen Nachteile und möglichen Unpäßlichkeiten einer defekten oder fehlenden Uhr im Alltag sind den beiden Zeitskeptikern nicht der Rede wert. Die Zeit gilt Austerlitz als menschliche Erfindung, und zwar als die künstlichste von allen. Er bezweifelt sowohl die Meßmethoden als auch die Metaphern, wenn Newton gemeint hat, die Zeit sei ein Strom, wo ist dann der Ursprung der Zeit und in welches Meer mündet sie endlich ein. Wenn alle unsere Vorstellungen von der Zeit falsch sind, dann erscheint auch der Zufall in einem anderen Licht und hinter statistischen Unwahrscheinlichkeiten läßt sich oft eine erstaunliche, geradezu zwingende innere Logik erkennen. Ashman, einige Seiten weiter im Buch, geht weniger argumentativ vor. Als er zum ersten Mal nach zehn Jahren sein altes Kinderzimmer wieder betrat, sei ihm beim bloßen Anblick des Bildnisses der Arche an der Wand, aus dem paarweise die braven, aus der Flut geretteten Tiere hervorschauten, gewesen, als öffne sich vor ihm der Abgrund der Zeit. Eine Wut sei in ihm aufgestiegen, und ehe er noch wußte, was er tat, habe er draußen auf dem Hof gestanden und mehrmals mit seiner Flinte auf das Zifferblatt des Uhrtürmchens geschossen. Gleichgültig gegenüber alldem aber dreht Chronos nur immer unverwandt und gleichmäßig mit dem Daumen und dem Zeigefinger seiner rechten Hand den sechskantigen Stiel des Glases Ruck für Ruck weiter, so gleichmäßig, wie es nur jemand vermag, der in seiner Brust statt eines Herzens das Räderwerk einer Uhr hat.

Samstag, 11. November 2017

Concierge

Die rechte Art zu lesen

Cioran bekennt, lesen könne und wolle er nur wie eine Concierge, indem er sich mit dem Autor und dem Buch identifiziere, jede andere Art des Lesens sei Leichenfledderei. Wird der Beruf der Concierge noch ausgeübt? In der klassischen Form, die uns etwa aus Simenons Maigret-Romanen vertraut ist, wird die Concierge, ähnlich wie der Schaffner, Gepäckträger oder Schuhputzer, inzwischen ein Opfer des Fortschritts geworden sein. Anders als dem Schaffner, dem Gepäckträger waren ihr lange Stunden der Stille in einem separaten Raum beschieden, wie geschaffen für das Lesen in einer Zeit, als die elektrischen Bildmedien noch nicht ungehindert wüteten. Ciorans bevorzugte Autoren, mit denen er sich stärker noch als mit anderen identifizierte, waren drei Autorinnen, nämlich Teresa von Avila, Charlotte Brontë und Emily Dickinson. Die Gründe für diese Bevorzugung werden nur angedeutet und nicht näher ausgeführt, und schon gar nicht betätigt Cioran sich als philosophischer, theologischer oder literaturwissenschaftlicher Pathologe ihrer Biographien und Werke. In Sebalds Prosawerk ist die klassische Concierge nicht vertreten, sie wäre als eine Unterart innerhalb der Gattung der Empfangsdamen darzustellen. Bei den Empfangsdamen stoßen wir auf keine Leserin. Als Inhaberin eines Antiquariats wäre Penelope Peacefull prädestiniert für die Lektüre, stattdessen löst sie ein Kreuzworträtsel. Die Dame mit der altmodisch gewellten Frisur am Kassentisch im Ghettomuseum Theresienstadt häkelt, die Dame von sehr stattlichem Format in der Casa Bonaparte Ajaccio schlummert. Die verschreckte junge Frau im Viktoriahotel Lowestoft, auf die der Erzähler erst nach längerem Wandern durch die völlig verlassenen Räume stößt, könnte beim Lesen aufgeschreckt worden sein. Aussichtsreichste Kandidatin ist aber die Mesnerin in der Chiesa Sant’Anastasia, die hinter einem Holzverschlag über einen geeigneten Rückzugsraum, wenn nicht über eine Wohnung verfügt. Teresa von Avila könnte ihr den ihrer Stellung gemäßen Lesestoff bieten. Cioran hatte allerdings nicht verfügt, daß Philosoph und Concierge die gleichen Bücher lesen, auf die Art des Lesens kam es ihn an. Auch die junge Nonne und das junge Mädchen mit einer aus vielen farbigen Flecken geschneiderten Jacke um die Schultern im Zug nach Mailand, lesen offenbar auf die rechte Art, die eine im Brevier, die andere einen Bilderroman. Der Dichter bewundert den tiefen Ernst, mit dem sie jeweils die Blätter umwendeten.

Mittwoch, 8. November 2017

Man trifft sich

Antwerpen - Paris

Wie oft Selysses und Austerlitz einander getroffen haben, läßt sich nicht sagen, da die regelmäßigen Besuche über mehrere Jahre an Austerlitz‘ Arbeitsplatz in Bloomsbury unweit des Britischen Museums nicht beziffert sind. Ein, zwei Stunden habe man dann jeweils zusammengesessen in dem engen Büro, das einem Bücher- oder Papiermagazin glich. Hatte der Besucher sich jeweils zuvor angemeldet oder einfach angeklopft? Es wird nicht gesagt und auch die Gesprächsthemen werden verschwiegen. Sicher wurde, wie auch bei den vorausgegangenen zufälligen Treffen in Belgien, nicht über Austerlitz‘ Vergangenheit und Lebensgeschichte gesprochen. Wenn zwei einander bislang Unbekannte sich treffen, so wie Austerlitz und der Erzähler im Bahnhof Antwerpen zum ersten Mal zusammentreffen, spricht man nicht von Zufall, auch wenn vielleicht die Wege, die zu diesem Treffen geführt haben, im Nachherein erstaunen lassen. Die nachfolgenden Treffen in Lüttich, Brüssel und Seebrügge sind dagegen für jedermann leicht erkennbar von einer provokativen Zufälligkeit, für jeden erkennbar, aber nicht für Austerlitz, der die Kategorie des Zufalls augenscheinlich ganz ablehnt und stattdessen, wie er bei späterer Gelegenheit erläutert, entgegen der statistischen Wahrscheinlichkeit eine erstaunliche, geradezu zwingende innere Logik sieht.

Gesprächsthema bei den Treffen in Belgien in den sechziger Jahren sind Fragen der Architektur und Bautätigkeit, Austerlitz Lebensgeschichte wird erst bei einem zufälligen Treffen in London in den neunziger Jahren und dann bei weiteren Treffen wiederum in London und dann in Paris Gesprächsgegenstand. Wenn man in der Bautätigkeit einer Art Präludium sieht, bleibt die Frage, warum gerade dieses Motiv und nicht etwa, um ein Beispiel zu nennen, die Schönheit der Unterwasserwelt, davon hören wir dann später, beim Besuch in Andromeda Lodge. Das Architekturthema ist auch nicht in Belgien abgetan, es verschwindet nicht, die Bahnhöfe in London, Prag und Paris bleiben im Fokus, in Paris wird zudem die neue Nationalbibliothek Gegenstand einer ausführlichen Erörterung. Dabei hatte Austerlitz jegliche Bautätigkeit schon gleich zu Beginn nahezu vollständig verworfen: Die unter dem Normalmaß der domestischen Architektur sind es - die Feldhütte, die Eremitage, das Häuschen des Schrankenwärters, der Aussichtspavillon, die Kindervilla im Garten -, die wenigstens einen Abglanz des Friedens uns versprechen. Cioran ergänzt sachkundig: L’auto, l’avion et le transistor, de l’avènement de cette trinité on peut dater la disparition des dernières traces du Paradis terrestre. Dahinter steckt naturgemäß kein praktischer Bebauungs- und Ausstattungsvorschlag, sondern metaphysisches Empfinden. Der Mensch hat sich die Welt verbaut, alles, was er ins Werk setzt, so wiederum Cioran, wendet sich gegen ihn. Der Parallelsatz Sebalds lautet: Immer, wenn man gerade die schönste Zukunft sich ausmalt, geht es bereits auf die nächste Katastrophe zu. Niemand kann bestreiten, daß sich all sein Tun immer auch gegen den Menschen wendet, die Bilanz ist umstritten. Das Baugeschehen präludiert und überwölbt das gesamte Werk. Wollte man in dem Buch eine Hierarchie der Motive einführen, stände das Bauwesen obenan.

Warum diesen vielen über Jahre und Jahrzehnte verstreuten Treffen? Unentbehrlich sind nur zwei Treffen, dasjenige in den sechziger Jahren in Antwerpen für die Ausführungen zum Bauwesen und das in den neunziger Jahren in London für den Lebensbericht. Die weiteren Treffen auf der belgischen Seite führen das Motiv des Zufalls ein, die Treffen unbestimmter Fahl an Austerlitz‘ Arbeitsplatz begründen einen Grad an Vertrautheit, der den Lebensbericht erst ermöglicht. Die abschließenden Treffen in den neunziger Jahren, die Verlagerung nach Paris schließlich haben vor allem rhythmische Gründe, sie beleben die Erzählung.

Dienstag, 7. November 2017

Reue

Langlebig

Non, je ne regrette rien, c'est payé, balayé, oublié &c. Auf der anderen Seite: Quoique l’homme entreprenne, il le regrettera tôt ou tard. Ciorans Mutter, die, wie er berichtet, diesen dunklen Spruch gern aufsagte, hatte nicht die stimmliche Überzeugungskraft der Piaf, aber gerade darum fühlen wir uns plötzlich zu ihr hingezogen. Die wortlose Gestalt der Mathild Seelos taucht auf vor unserem Auge. Die Mathild hat immer irgendetwas studiert und daher im Dorf als überspannte Person gegolten. Unmittelbar vor dem ersten Krieg ist sie in das Regensburger Kloster der Englischen Fräulein eingetreten, hat das Kloster aber noch vor Kriegsende unter eigenartigen Umständen wieder verlassen und einige Monate lang, in der roten Zeit, in München sich aufgehalten, von wo sie in einem arg derangierten und fast sprachlosen Zustand nach Haus zurückgekehrt ist. Es wäre nicht verwunderlich, wenn sie in dieser Phase ihres Lebens, sich dem Diktum der Elvira Cioran fügend, zumindest einige ihrer bisherigen Entscheidungen und Unternehmungen bereut hätte, handfeste Hinweise darauf fehlen aber, das Gefühlsleben der Mathild eröffnet sich nicht. Die Dorfbewohner haben sich über die Mathild dahingehend ausgelassen, daß sie aus dem Kloster und aus dem kommunistischen München völlig hinterfür heimgekommen sei, und sie hinter ihrem Rücken eine rote Betschwester geheißen. Die Mathild ihrerseits hat sich, nachdem sie einigermaßen ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte, durch solche Bemerkungen in keiner Weise aus dem Konzept bringen lassen. Ganz im Gegenteil hat sie sich in ihrer Eingezogenheit offensichtlich in zunehmendem Maße wohlgefühlt, ja die Art wie sie Jahr um Jahr unter den von ihr verachteten Dorfbewohnern herumgegangen ist, hat etwas durchaus Heiteres an sich gehabt. Die Mathild hat sich lange gehalten, bis gut über achtzig, vielleicht weil sie von allen den wachsten Kopf gehabt hat. Wenn die Mathild jemals Umstände ihres Lebens bereut haben sollte, so hat sie das abgestreift, als sie, wie es heißt, ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Die geradezu trotzige Langlebigkeit zumal klingt, obwohl naturgemäß lautlos, wie die Stimme der Piaf.