Montag, 19. Dezember 2022

Kunstbetrachtung

Eigenständig

Der Dichter betrachtet Pisanellos Bilder nicht mit den Augen eines Kunsthistorikers, er betrachtet sie einfach nur und möchte überhaupt nichts anders mehr tun als Schauen, ohne Ziel und Erkenntnis. Die extravagante Kopfbedeckung des San Giorgio, ein Strohhut betrechtlichen Ausmaßes, übersieht er naturgemäß nicht, hält aber nicht Ausschau nach einer Erklärung. Von Salbaderei, wie sie bei sogenannten Kunstexperten nicht selten ist, kann keine Rede sein. Marlowe blättert seinerseits zum Monatsbeginn das Kalenderblatt um und hat Rembrandt vor Augen. Die Bildqualität ist schlecht, aber das kommt dem Sujet nur zugute, auch Rembrandt selbst ist nicht mehr der uns aus den frühen Selbstbildnissen vertraute. Er hält einen Pinsel in der Hand, so als wolle er ans Werk gehen. Sein Gesicht ist gealtert, voller Ekel für das Leben und verquollen vom Alkohol. Und doch zeichnet sich eine abgehärtete Fröhlichkeit ab, die einem nur gefallen kann, und seine Augen sind so klar wie Tautropfen. Erwartungsgemäß hat auch Marlowe keine Kunstexperten herangezogen, Detektive sind von Haus aus Einzelgänger.

Mittwoch, 14. Dezember 2022

Formen des Wunders

Steuernde Hand


Zu seiner Verwunderung, ja zu seinem Schrecken stellt er fest, daß der Tag im achtziger Jahr, an dem er die Notizen Grillparzers lesend in der Baran der Riva degli Schiavoni zwischen dem Danieli und der Santa Maria della Visitazione, unweit also vom Dogenpalast gesessen ist, der letzte Tag des Monats Oktober gewesen ist, ein Jahrestag somit jenes Tages, bzw. jener Nacht an dem, bzw. in der, Casanova den bleiernen des Krokodils durchbrochen hat. Manchen mag diese Koinzidenz, diese Fügung nicht grade umwerfen, scheint sie doch eher weit hergeholt und an den Haaren herbeigezogen. Man wird den Verdacht nicht los, der Dichter wolle das Koinzidenztreiben verspotten, nicht zuletzt der für ihn ungewöhnliche, kaum auflösbare Satzbau weist darauf hin. Ganz anders ist es, als Poznański in der Frühe das Haus verläßt. Er hat keinen Złoty oder auch nur Grosz in der Tasche, ist aber gleichwohl guten Mutes und rechnet, einer Eingebung folgend, fest damit, auf eine namhafte Banknote zu stoßen, die jemandem aus der Hosentasche gefallen ist. Nun sind allerdings bereits Stunden vergangen, ohne daß der Geldschein aufgetaucht wäre. Er setzt sich nieder am Wegrand und zündet seine letzte Zigarette an, die er enttäuscht von der Welt nach einigen Zügen in die Sträucher wirft. Schon bald tut es ihm leid, er sucht den Zigarettenstummel, der noch einige heilsame Züge erlauben würde, und findet im Gebüsch hinter der Kippe den ersehnten Geldschein. Wenn man die dem Dichter auffällige Koinzidenz als banal einzuschätzen ist, hat die Auffindung des Geldscheins etwas Wundersames, Poznański selbst spricht von einer unsichtbaren Hand, die gnädig sein Leben steuert.

 

Montag, 12. Dezember 2022

Schwindelgefühle

Im Nebel

Auf Schwindelgefühle wird im Titel des Buches hingewiesen, greifbar für den Leser werden sie nur in All’estero und dort auch nur auf der ersten Italienreise des Dichters. Es handelt sich nicht um körperliche Schwindelgefühle mit Sturzgefahr und Knochenbruch, sondern um Schwindelgefühle der Seele. Der Dichter ist aus der Bahn geworfen und in eine Art geistigen Nebel geraten. Erkennbare Symptome sind unter anderem der fehlende Kontakt zu anderen Menschen und die heruntergekommene Kleidung, insbesondere das heruntergekommene Schuhwerk, ein Zerfall der Persönlichkeit scheint sich anzubahnen. Weiter im Osten Europas ist die Lage noch prekärer. Mgła, mgła rufen Pradera und Stachura unisono, und es scheint, als würden sie den Nebel in den Köpfen und den Nebel über der Landschaft gleichermaßen beschwören. Dabei haben sie mehr im Sinn als den Persönlichkeitszerfall, in diesem Nebel, mgła, verbirgt sich der Tod. Pradera schätzt die Lage allerdings als zwiespältig, genauer gesagt als vielspältig ein. Die Frage wie er selbst sterbe würde, wo, wie, von wessen Hand i tak dalej will er fürs erste vernachlässigen, der Tod verläßt ihn aber keinen Augenblick, in seinem Kopf ist er immer vorhanden, er hat sich dort eingenistet. Andererseits aber kann er an den eigenen Tod wiederrum nicht glauben, auf keinen Fall kann er sich selbst als Verstorbenen sehen. Die Lage ist kompliziert und ein wenig wirr, aber doch einleuchtend. Nach seiner Selbsteinschätzung ist für den Augenblick alles in Ordnung, der Schrank spielt, die Kommode tanzt, er schwingt die Füße, trinkt sein Bier, und das Herz tanzt Walzer, eine Verhaltensweise, die dem Dichter wohl von Grundaus fremd gewesen wäre. Die tanzende Kommode wird aber auch für Pradera sicher nicht das letzte Wort sein, am Ende der Siekierezada sieht es nicht gut aus für ihn, Stachuras glückloses Ende ist allen bekannt.