Donnerstag, 30. Mai 2024

Hinter der Theke

Luciana

Luciana, die hinter der Theke wirtschafte, blickte immer wieder aus dem zu Augenwinkel zu ihm herüber. Wie er von ihre erbeten hatte, brachte sie ihm in regelmäßigen Abständen einen Kaffee, wie kann man sich das im einzelnen vorstellen? Wurde der Kaffee minutengenau zugestellt, oder wartete  Luciana auf einen günstigen Augenblick? War es schlichter Kaffee oder wurde der Kaffee ergänzt mit Zucker oder Milch oder Sahne oder zum Beispiel mit Zucker oder Milch? Man erfährt es nicht. Wenn es, wie immer auch, soweit ist, daß Luciana den Kaffee bringt, harrt sie für einige Zeit bei ihm aus und schaut auf seine Niederschrift. Auch sie trete auf und sei ein Teil erzählten Geschehens, läßt er wissen, eilig kehrt sie auf ihren Platz hinter der Theke zurück. Die Bestellungen der Gäste auf der Terrasse sind ohnehin weitaus vielseitiger, Cappuccino, Bier, Wein und anderes mehr.   Schon am Tag darauf verläßt er den Ort, die Begegnung mit Luciana soll in der Erinnerung so bleiben wie sie war.

Montag, 6. Mai 2024

Ureinwohner

Navajos und andere

Für Amerika, die USA, hatte er sich nur für eine kurze Zeit interessiert und dann wieder, als er seine nach dort ausgewanderten Verwandten besuchte, mit den amerikanischen Ureinwohnern hatte er während des letztlich nur kurzen Aufenthalts keinerlei  Kontakt. Man weiß auch nicht, ob ihm das Interessierte. Die Ureinwohner bilden keine Einheit und sind sich untereinander keineswegs durchweg freundlich gesonnen.

 --Wir haben es, unter anderem mit einer lupenreinen  Navajofrau zu tun. Sie glaubt, ihr krankes Kind könnte durch den herbeizuführenden Tod eines anderen Menschen gerettet werden, der Getötete tritt an die Stelle der vom Tode verfolgten. Die Mutter ist allein auf das Denken der Navajo angewiesen, ein anderes Denken und Leben kennt sie nicht.

--Chee ist seinerseits ein Navajo, der als Navajo Tribal Police neben der Navajosprache auch die englische Sprache beherrscht. Er geht seinem Beruf als Polizist nach und will gleichzeitig ein religiöser Navajo-Sänger werden. Man könnte sagen, Chee ist zu siebzig Prozent ein Navajo, zu dreißig Prozent ein Amerikaner

--Leaphorn: Er pflegt als Navajo ein amerikanisch-europäisches Verhalten, kennt sich aber im Verhalten der Navajos nicht weniger aus. An den Ritualen seiner Landsleute nimmt er nicht teil. Man könnte urteilen, er ist zu fünfzig Prozent ein Amerikaner und zugleich ein Navajo.

Die um ihr Kind bangende Navajofrau, Chee der Polizist, Leaphorn sein Vorgesetzter, wie jede Treppe kann man auch diese nach oben oder aber zurück nach unten begehen:  Leaphorn, Chee, Navajofrau.  

Bezhig animosh: ein Hund, bezhig ma:iignan: ein Wolf, niizh migiziwag: zwei Esel: keineswegs die Sprache der Navajo, sondern die eines anderen, weit entlegenen  Stammes,  die Sprache der Anishinaabe oder auch der Ojibwe.  Louise Erdrich blickt zurück auf einen deutsch-amerikanischen Großvater und parallel  dazu auf einen Ojibwe-Großvater.  Anishinaabe beherrscht sie nur eingeschränkt, ihre Töchter sind weiter vorgeschritten. Die Zahl der indigenen Sprachen in Amerika ist kaum zu überblicken.

Vom Schlaf

und vom Wachsein

Jeden Morgen früh machte er sich auf und legte anscheinend end- und ziellose Wege zurück. Hatte er zuvor geschlafen? Falls überhaupt, dann nur wenig. Ein anderer ist ausgeschlafen und sieht das als großes Glück. Zehn Stunden hat er geschlafen, ohne ein einziges Mal aufzuwachen und ohne böse Träume. Wenn er nur wüßte, wem er dafür danken kann. Ein großes Glück erfüllt ihn. Einer Eidechse, die an einem Mauerwerk in der Sonne liegt, könnte es nicht besser gehen. Aber das ist sicher schwer, jeden Tag so lange und ruhig zu schlafen und dann das Leben zu genießen. Er sitzt zum Beispiel in einem Café, schaut und blickt um sich in die Runde, die einen lachen, die anderen nicht, die einen trinken Kaffee, die anderen Tee. Dann ist er am Bahnhof, im Speisesaal, er rauche eine Zigarette und trinkt gewärmtes Bier. Die jungen Burschen essen, das bleiche Mädchen aus der Küche ist mit dem Essenwagen unterwegs und sammelt die schmutzigen Teller ein. Die Burschen streiten sich, man weiß nicht warum. Er sieht und hört, hält Augen und Ohren auf, und wie aus dem Nichts: wo bist Du, mein Gott, er sieht Dich hier nicht. Er sitzt nun in einem Zug, kommt zurück aus den Bergen, hatte sich dort für eine gewisse Zeit aufgehalten. Er sitzt für sich in einem Abteil. Am Fenster zwei Frauen, nicht jung und nicht alt, die eine sagt, mehr zu sich selbst: Die Blätter fallen schon, schauen Sie. Die andere: Es ist Herbst. Er schaut aus dem Fenster und sieht die Herbstfarben: eine großartige Rotfärbung, andere großartige Farben, und wo bist Du, Gott, wo bist Du? Die Abfahrt von der Höhe phantasiert er als Absturz, ein Liebespaar kommt ums Leben, als sei es wahrhaftig geschehen. Wo warst Du, mein Gott? Die Stunden nach dem glückhaften Schlaf sind längst vergessen. Er weint. Er geht die Straße entlang und weint. Die Tränen fließen ihm bis zum Mund. Nur wenig zuvor war er so froh gewesen, ist gegangen, fröhlich gesprungen. Jetzt aber weint er. Das Glück vom langen Schlaf hat sich verflüchtigt.

Freitag, 3. Mai 2024

Auf dem Feld

Extreme Besonderheiten

Da ist der Waschbär, den er lange beobachtet hatte, wie er mit ernsten Gesicht bei seinem Bächlein saß und immer wieder denselben Apfelschnitzel wusch, als hoffe er, durch dieses, weit über jede vernünftige Gründlichkeit hinausgehende Waschen entkommen zu können aus der falschen Welt, in die er gewissermaßen ohne sein eigenes Zutun geraten war. Das Erlebnis ist beeindruckend. Räumlich und sachlich weit entfernt trifft man den polnischen Autor auf einem Feld, er verrät ausdrücklich nicht, wo er zuvor war und wo er danach sein wird. Das Feld ist ihm nicht weniger wichtig und einzigartig, wie anderen der Waschbär. Er schläft auf dem Feld so unbehelligt und andauernd, wie er zuvor noch nie geschlafen hat und vielleicht nie wieder schlafen wird. Was letztlich gilt: er war auf diesem Feld. Er wird nicht verraten, wo er tags zuvor war und geschlafen hat. Der Himmel über ihm hat ihn beruhigt, er war unter diesem Himmel, unter einem goldenen Himmel. I koniec, Ende. Nad tym kończę, so verabschiedet er sich.

Mittwoch, 24. April 2024

Zum Tod

Die Suche

Sebald starb am 14. Dezember 2001 im Alter von 57 Jahren bei einem Autounfall in der Nähe seines Wohnorts. Die Untersuchung der Todesursache ergab, daß er einen Herzinfarkt erlitten und den Wagen nicht mehr gelenkt hatte. Stachura hat ein Bild hinterlassen, das ihn läßig angelehnt an ein Auto zeigt, ein Auto, das aber nicht das seine ist und das er nicht fährt und wohl auch nicht zu fahren versteht. Wo immer es auch hingeht, er verläß sich auf die Bahn oder andere gängige, von ihm genutzte Verkehrsmittel. Viele Fahrten in viele Länder, das ist eine Besonderheit seines noch jungen Lebens, das und der nahezu tägliche Briefaustausch mit Zita, seiner Ehefrau. Auch bei zunehmender Seßhaftigkeit wird es, so die Erwartung, nicht anders sein. Es zeigt sich aber, daß zu Haus das Leben zu zweit ein anderes ist. Zita trennt sich bald von ihm, Einzelheiten kennt man nicht. Stachura begibt sich bald auf die Suche nach dem Tod, ohne ihn gleich zu finden. Er weicht dem sich nahenden Zug nicht aus und ramponiert sich die rechte Hand. Er lernt schnell, mit der linken Hand zu schreiben, und es scheint, als würde er sich unter der Obhut der Mutter wiederfinden. Bei einem geplanten Kurzaufenthalt in seiner Warschauer Wohnung erhängt er sich. Zita hat nicht darüber gesprochen und jegliche Auskunft über Stachura verweigert. Auch Sebalds Verwandte haben nach seinem Tod über ihn wenig preisgegeben 

Samstag, 13. April 2024

Ungute Zeit

Selsames Erleben
 

Er hoffte, durch eine Ortsveränderung über eine besonders ungute Zeit hinwegzukommen, man kann bestätigen, daß ihm das nicht gelungen ist. An Nachdenken und Vorbereitung fehlt es offenkundig. Hat er Bücher mitgebracht, die ja im Notfall immer ein wenig über die Langeweile hinweghelfen können? Bücher werden nicht erwähnt. Hatte er überhaupt irgendetwas geplant? Wir jedenfalls erfahren es nicht. Was hatte überhaupt die sogenannte ungute Zeit hervorgerufen, und woraus besteht sie? Jeden Morgen macht er sich in aller Frühe auf seine ziellosen Wege, die ungewollt immer auf den gleichen Ablauf und das gleiche Ziel hinauslaufen. Die Einkehr in Kaffeehäuser und Gastwirtschaften sind noch das gelungenste. Er bemerkt erst jetzt, daß er die ganze Zeit eine Plastiktasche voller unnützer Dinge mit sich herumträgt und sein Schuhwerk bereits völlig aufgelöst ist. Entsetzt über sich selbst, spürt er eine gewisse Genesung und verläßt das Wiener Hotel, um nach Venedig zu fahren. Eine Ortsveränderung der erlebten Art hat er vorher nicht gemacht und wird es ein zweites mal nicht machen. Ein einsames und lehrreiches Erlebnis, die zweite Reise nach Venedig sieben Jahre später gewinnt einen ganz anderen Charakter und ist nicht vergleichbar.

Samstag, 6. April 2024

Philosophische Glaubensfragen

Demut

Schon bald hatte er seine Tätigkeit als Meßdiener eingestellt und sich kaum noch zu Fragen der Religion und des Glaubens geäußert. Bei einem Rückblick ins Altertum hatte ihn die Philosophie der Griechen wohl tiefer beeindruckt als der aufkommende Glauben Christi. Die griechischen Philosophen erhofften, im Laufe der Zeit ein lückenloses Bild der Welt zu erreichen, eine sicher überzogene Erwartung, schon weil das Bild der Welt sich ganz anders entwickelte als ursprünglich erwartet. Die plötzliche Entwicklung des Christentums in der Jahrtausendwende überraschte mit ganz anderen Folgen, der Glaube tritt an die Stelle von Vernunft und Erkenntnis, eine der seltsamsten und folgenreichsten Umstellungen über zweitausend Jahre hin, Demut ist die leitende Stimmung. Das weitere Erkenntnisvorhaben ist so gut wie stillgelegt, nicht die Erkenntnis von Philosophen ist weiterin erforderlich, sondern die fromme Demut der einfachen Menschen. Jenseits der Demut herrscht die Hochmut, das ist nicht das Feld Gottes und Christi, seines Sohns. Nicht die Kraft, sondern die Bescheidenheit war das Ziel. Hat uns die über zweitausend Jahre hin überwiegend demütige Begleitung des Herrn eher erfüllt oder aufgehalten in unserer Entwicklung? Wie hätte sich die Welt entwickelt, wenn der Christ nicht aufgetreten und die Griechen ungestört ihre Philosophie hätten entwickeln können? Inzwischen zieht sich der Glaube von Tag zu Tag mehr zurück. Einige glauben, sich anstelle des ewigen Lebens mit dem sogenanten guten Leben zufrieden geben, nicht gerade erfolgreich.