Sonntag, 29. Juni 2025

Leben

und Tod

 

Der ein wenig überzogene Lehrer, der offenbar nichts Gutes zu erzählen hat, heißt Murau, er hasste so gut wie alles und auch sich selbst. Er wohnte in Rom, sein noch junger und reicher Schüler hieß Gambetti, er wohnte ebenfalls in Rom. Der Lehrer erzählte dem Schüler pausenlos alles denkbare, den gehorsamen Schüler hörte man nur selten, nur kurze Ergänzungen, insgesamt war die Gespräche der beiden aber endlos. Murau war unzufrieden von allem, was er für war nahm und aussprach. Er sang letztlich nichts als ein Klagelied, er haßte das Dasein geradezu, Gambetti, der arme, wie man sagen kann, äußerte sich zu all dem nur selten und lächelte dann still vor sich hin. Man möchte nicht sagen, daß Muraus Schwestern, seine Mutter, seinen Vater haßten Murau nicht, aber es kam dem Haß sehr nahe. Der Ort Wolfsegg samt seinen Einwohnern war das Zentrum seiner umfassenden Verachtung, Positives konnte er auch sonst nirgends entdecken, ausgenommen den Onkel Georg, den Murau sehr schätzte. Gehen wir auf die Eltern und die und die Schwestern nicht weiter ein. Viele andere sind noch hervorzuheben, nicht zuletzt zu nennen ist die makellose Dichterin Maria, beeindruckend wie sonst niemand anders. Ergänzend ist Spadolini, der ein Leben als Nuntius vorbereitete, zu nennen, um vieles wichtiger als der Nuntius waren für Murau aber die Schriftsteller, insbesondre der unvergleichliche, alle Literaturkenner entzückende Schriftsteller Pavese. Die Mutter, die im übrigen ein Verhältnis mit Spadolini hatte, hatte ihn, Murau also, im übrigen des öfteren besucht. Was die verschiedenen Sprachen anbelangt, steht Deutsch für die Dichter und zumal für Maria auf dem letzten Platz, geschweige denn, daß man sie mit der wunderschönen, leicht dahinfliegenden Guaranisprache vergleichen will. Die Menschen sein nicht gut, so Murau, er selbst sei es am wenigsten, weniger noch als seine Eltern und seine Schwestern, gut sei der nun tote Onkel Georg gewesen, Gambetti wird ein guter Mensch sein. Während Murau noch nachdenkt über diese Dinge hört er vom Unfalltod seiner Eltern und seines Bruders. So sehr es ihm widerstrebt muß er Rom verlassen und zur Beerdigung im Friedhof Wolfsegg fahren, es Grauste ihm, aber dem konnte dem nicht entkommen. Er besucht den Friedhof, bevor er noch seine Schwestern besucht. Allein und einsam betrachtet er das schon vorbereitete Begräbnis, und läßt die Schwestern warten, er denkt über die seltsamsten Dinge nach, schließlich nähert er sich dem Trauerhaus. Murau schaute in die ihm verhaßte katholische Kapelle hinein, in der die Begräbnisdekoration schon vorbereitet war. Früher gingen die Verwandten ein Jahr in Schwarz, heute, falls überhaupt, zwei Stunden. Andererseits aber waren schon achtzig Kränze und vierzig Buketts eingetroffen, die Todesanzeigen waren in der Wiener und der Münchener Zeitung zu lesen und auch in der Frankfurter  Allgemeinen lesbar. Murau geriet unerwartet und für ihn selber ungewünscht in die Rolle des Ernährers der verkleinerten Familie. Bei dem Unfall hatte es die Mutter am schlimmsten erwischt, sie war so gut wie geköpft worden, dem Vater und dem Sohn erging es nur wenig besser sie waren alle sofort tot, ohne Leiden. Mindestens drei Bischöfe werden für das Begräbnis erwartet. Murau überlegt, ob er für das Begräbnis  einen schwarzen Anzug anziehen sollte, er gab sich dann zufrieden mit einer schwarzen Krawatte. Viele Erinnerungen wurden wach, bevor noch das Begräbnis stattfinden sollte, die ganze Bevölkerung von Wolfsegg würde dann aber am Begräbnis teilnehmen, schlimm, daß die katholischen Kirchenglocken werden, nur die katholische Glocke und sonst keine. Die Beerdigung wurde vorbereitet, der Sarg, der Deckel des Sargs, die Kränze, alles, was dazugehört. Gern hätte Murau die Mutter, den Vater und den Sohn in den Särgen betrachtet, aber das war nicht zulässig. Das fortwährende Verlangen  zurückzukehren nach Rom verläßt ihn bei all dem nicht. Die Verwandten glauben, er würde nun für immer in Wolfsegg bleiben, er wird aber keineswegs für immer in Wolfsegg bleiben er wird gar nicht in Wolfsegg bleiben. Der Trauertag beginnt, der Vater, die Mutter und der Sohn werden beerdigt, nachdem der Vater, die Mutter und der Sohn Tod sind, sind sie plötzlich großartige Menschen, wie man sie sonst nicht findet, die Töchter erwarten, daß ihnen die reiche Hinterlassenschaft zufällt, sie werden jedenfalls nicht verhungern. Der Erzbischof hat schließlich die Totenmesse zelebriert, der Trauerzug bewegte sich langsam auf den Friedhof zu. Schließlich waren keine Trauergäste mehr anzutreffen, Murau kehrte nach Rom zurück, wo er dann geblieben ist, alt wurde er nicht.     

Sonntag, 22. Juni 2025

Wünsche

 zum Leben

 

Es ist nicht mehr wie zuvor, ein wenig Frieden und ein Platz auf dieser Welt, ist das zuviel? Meine rechte Hand ist auf Dauer verletzt, ich komme aber inzwischen mit der linken Hand gut zurecht mit allem das notwendig ist. Die Situation ist hinnehmbar. Wenn man nur wieder lesen und essen kann. Wenn ich nur wieder ein wenig Kraft in den Beinen hätte und ein wenig umhergehen könnte. Wenn ich nur wieder ein wenig Gefallen an diesem Leben hätte und noch ein wenig leben könnte wie zuvor. Ich kann nur hoffen, daß ich wieder fast so leben kann wie zuvor. Die Mutter würde sagen, der Hergott wird dir helfen, ich höre sie gern, aber ich kann es nicht glauben.

Freitag, 20. Juni 2025

El Llano

Rulfo

All sie schönen Namen, die man bei uns nicht kennt, die aber gerade uns gefallen: Feliciano, Ruclas, Agua, Dona Sinecia, Chupadero, Tranqilino, Baretto, Euremio, Cedillo, Cracon, Justino, Lucas Lucatero und zahlreiche andere mehr. Die Schönheit der Namen hat für die Einheimischen offenbar keinen besonderen Wert, so schön wie es uns klingen mag, ist das Zusammensein dieser Menschen selbst jedenfalls nicht besonders vorbildlich und für sie eher weniger als uns üblich. Sie lieben einander nicht, der Vater haßt vielmehr seinen Sohn, el hijo. Die Mutter, la madre, stirbt nur einige Jahre später. Der Sohn wird im Laufe der Jahre stärker und immer klüger. Den Vater, el padre, sieht er kaum noch, er kümmert sich nicht um ihn. Er sieht ihn aber überrascht  einige Zeit später noch einmal, der Vater liegt auf einem Pferd, quer über dem Sattel, als Leiche, el cuerpo del padre muerto.  - Das mag überraschen, es ist aber nur eine Geschichte von vielen.

Mittwoch, 11. Juni 2025

Amerikanische Entwicklung

gestern und heute

  

Das jetzt Amerika genannte Land war uns vor fünfhundert Jahren noch unbekannt, die in diesem sogenannten Amerika lebenden Menschen waren zu dieser Zeit Indianer, ohne daß sie den Namen Indianer auch nur gekannt hätten. Die sogenannten Indianer wurden immer weniger, die nach dem sogenannten Amerika eindringenden Menschen unterschiedlicher Herkunft wurden, während die Indianer immer weniger wurden, immer mehr, im Laufe der Jahrzehnte so viel, daß kein anderes Land ihnen noch gleich kam. Unter den Eingewanderten waren auch zahlreiche Deutsche, die nicht allen anderen gut gefielen. In diesen Tagen wurde ein Deutscher, der allerdings nicht mehr deutsch sprechen kann, zum Häuptling, wenn man das so sagen will, gekürt. Er wolle Amerika von Grund rundum auffrischen und umgestalten, hieß es. Die einen begeistern sich für diesen seltsamen deutsch-amerikanischen Häuptling, die anderen sind aus gutem Grund entsetzt. Man sollte sich am besten an die wenigen noch vorhandenen echten Indianer halten, aber die schüttelten nur den Kopf.

Montag, 9. Juni 2025

Gesang

Bobby Mcgee

 

Wer singt schöner und zugleich wilder als Sheryl Crow, niemand kommt ihr gleich. Ob Thomas Bernhard ähnliches gedacht hat, kann man nicht wissen, der eine hat die andere und die andere den einen nicht kennengelernt, der eine war schon fast tot als die andere anfing zu singen. Bernhard setzte auf Beethoven, Sheryl Crow auf Bobby Mcgee, man hat nicht davon gehört, daß sich Bernhard auch für Bobby Mcgee und Sheryl Crow auch sich für Beethoven begeistert hätten. Man kann sich aber täuschen, das Empfinden der großen Musikerinnen und großen Musiker ist uns nicht zugänglich.

Herrgott

 und andere Götter

 

Der Herrgott ist nicht mit einem Herrn Gott zu verwechseln, obwohl nicht wenige den Familiennamen Herrgott tragen, darum geht es aber nicht, das ist auch so nicht gemeint. Der Herrgott zeigt seine Überlegenheit gegenüber anderen Göttern die nicht als Gott anerkannt sind, es gibt nur den Einen Gott und keinen anderen, so heißt es, es sind dies falsche Götter, sagt man, ein falscher Gott ist noch schlimmer als ein gottloser Gott. Ursprünglich gab es, wie man glaubte, nur wenige Götter, die dann von dem Einen Gott zunächst beiseite geschoben wurden, um dann auch die Überlegenheit des Einen Gottes zu erkennen. Im Verlaufe der Zeit ergab sich das Problem, daß unsere noch unbekannten Welt immer umfangreicher wurden, anders gesagt, daß Teile unserer Welt erschienen, die man zuvor nicht gekannt hatte. Die hinzukommenden Menschen hatten schon ihre eigenen Götter entwickelt und wollten bei diesen ihren Göttern verbleien, nur wenige ließen sich vom christlichen Gott überzeugen. Nur wenige wechselten über zum Christengott, aber, und das muß man anerkennen, noch wenigere vom Christengott zu anderen Göttern. Die Zahl der Götter läßt sich insgesamt nicht überblicken.

Sonntag, 8. Juni 2025

Vater Unser

Himmel in Not

Vater unser der Du bist im Himmel, viele glauben inzwischen nicht mehr daran, nicht wenige immer noch, im achtzehnten Jahrhundert glaubten noch die meisten, fast alle kann man sagen. In Gottes Namen, auch das war ernstgemeint, jetzt kaum noch. Vor allem die älteren Frauen übersahen nie den Gottesdienst, Gott und die große Zahl der Heiligen, die Glocken läuteten, nirgends erlebte man es zuverlässiger als bei der Großmutter. Die Großmutter, deren geliebter Mann schon längst als Soldat umgekommen war, einen anderen wollte sie nicht, konnte sich ganz den jungen Mädchen widmen, die Knaben waren nicht so schnell sie zu überzeugen. Die jungen Mädchen, die auch nichts anderes wußten, liebten den Gottesdienst und wollten auch nichts anderes. Das Verhältnis von Großmutter war schöner als alles andere, man wünschte sich, die Großmutter würde nicht älter würde und die jungen Mädchen schon gar nicht. Die Großmutter wußte freilich, daß sie irgendwann und schon bald sterben und zum Herrn zurück kehren würde. Die jungen Mädchen dachten jetzt an anderes und gingen nicht jeden Sonntag zur Kirche, auch sie wurden älter und schließlich dann auch Großmütter. Warum nur haben die Menschen soviel anderes entdeckt, die Fahrt zum Mond und anderes, es macht das Leben nur noch schwieriger. Gott behüte uns.