Samstag, 2. Dezember 2017

Hinter der Stirn

Einakter

Wenn uns im Prosawerk so wenig dumme Menschen begegnen, so nicht, weil der Dichter überzeugt wäre von einem dank zahlreicher Bildungsinitiativen fortwährend gestiegenen und inzwischen auf hohem Pegel verfestigten Stand der allgemeinen Intelligenz, sondern weil der den Dummen nach Möglichkeit aus dem Weg geht. Nicht immer aber ist er erfolgreich, der Mann ihm gegenüber im Zugabteil wälzte in einem fort seine unförmige Zunge, auf der sich noch Essensreste befanden, in seinem halboffenen Mund herum. Die Beine gespreizt saß er da, Bauch und Unterleib auf eine grauenerregende Weise eingezwängt in eine kurze Sommerhose. Man hätte nicht zu sagen gewußt, ob die Körper- und Geistesdeformation des Mitreisenden ihre Ursache hatte in einer langen psychiatrischen Internierung, in einer angeborenen Debilität oder allein im Biertrinken und Brotzeitmachen. Sollte dieser Schädel jemals eine Idee gebären, so würde sie im Schrecken ihrer Einsamkeit sogleich Selbstmord begehen, und der Eigentümer des Schädels würde kein Bewußtsein haben von dem kurzen Lebens- und Sterbensdrama hinter der eigenen Stirn.

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