Dienstag, 21. Juli 2015

Wahrheit der Geschichte

Kinderszenen

In seinem Buch Kinderszenen schreibt Rymkiewicz: Die Schönheit des Warschauer Aufstands, seine symbolische Schönheit, das sind Dinge, die erst viele Jahre später in Erscheinung traten. So ist es immer bei großen historischen Ereignissen, ihr wahrer, dauerhafter, symbolischer Gehalt, der zunächst nur schwach sichtbar oder auch unsichtbar ist, erweist sich als ein Element der Ewigkeit. - An das Gegenteil gewohnt horcht man auf: um die Wahrheit sichtbar zu machen, so heißt es, müsse der mythologische Schleier heruntergerissen werden. Rymkiewicz ist auf diesen Einwand gefaßt und antwortet: Erstens müsse der symbolische Gehalt die konkreten historischen Einzelheiten, das Leid, das massenhafte grausame Sterben nicht verdrängen, und zweitens po prostu nie ma na to rady, man kann gar nichts machen, wenn in der Geschichte etwas wirklich Wichtiges geschieht, ist es unumgänglich, daß es in unseren Köpfen früher oder später eine symbolische Gestalt annimmt.

André Hilary hat Napoleons Aufstieg und Fall in allen Einzelheiten studiert, sein Glanzstück ist zweifellos die Schlacht von Austerlitz gewesen. Wenn wir aber versuchen, die Wirklichkeit eines Schlachtgeschehens wiederzugeben, so drängt sich uns nach den Worten Hilarys das auf, was auf dem historischen Theater von jeher zu sehen war, der gefallene Trommler, der Infanterist, der gerade einen anderen niedersticht, das brechende Auge eines Pferdes. Unsere Beschäftigung mit der Geschichte sei eine Beschäftigung mit immer schon vorgefertigten, in das Innere unserer Köpfe gravierten Bildern, während die Wahrheit irgendwoanders, in einem von keinem Menschen noch entdeckten Abseits liege. Rymkiewicz zerbröselt die historischen Fakten mit poetischer Obstinanz, hinter jeder Gewißheit erscheinen tausend Ungewißheiten, Nährboden der entstehenden symbolischen Gestalt. Zählt sie zu den vorgefertigten Bildern, oder ragt sie hinein in das noch Unentdeckte?

Für den ersten Blick erscheint Geschichte als politische Geschichte und damit vor allem auch als Geschichte blutiger Kriege und Auseinandersetzungen. Daneben eröffnet sich die Diszipilinenvielfalt von Wirtschafts- und Wissenschaftsgeschichte, Sozialgeschichte, Geschichte der Stadtentwicklung &c. Einen separaten Platz beansprucht seit jeher die Geschichte der Kunst als der bevorzugte Ort der Entwicklung symbolischer Gestalten. Selysses sieht Tiepolo zuoberst auf dem Gerüst einen halben Meter unter der Decke des Treppenhauses der Würzburger Residenz liegen mit kalk- und farbverspritztem Gesicht und trotz der Schmerzen in seinem rechten Arm mit sicherer Hand die Farblasur eintragen, und er sieht die Kreuzwegstationen in der Krummenbacher Kapelle, deren Schöpfer sich vielleicht nicht weniger gemüht hat. Für den Betrachter der Bilder und Fresken Tiepolos aber ist alle Müh und Plage entfallen. Aurach erinnert sich an eine Kinderszene, wie er an der Seite des Onkels mit verrenktem Hals in die für ihn zu jener Zeit bedeutungslose Pracht des Deckengemäldes emporschaut. Erst viel später dann, beim Durchblättern eines neuerschienenen Bildbandes, habe er sich lange nicht losreißen können von den Reproduktionen der monumentalen Würzburger Freskomalerei. Einen ganzen Abend sei er über diesen Bildern gesessen und habe versucht, mit einem Vergrößerungsglas tiefer und tiefer in sie einzudringen.

Rymkiewicz hat seine Jugend in der Kriegszeit verbracht, alles in allem wenig beeindruckt von dem Geschehen. Seine, wie er weiß auf Gegenseitigkeit beruhende Freundschaft zu den Tieren, den Katzen, Pferden, Schildkröten und Krebsen, ist nicht beeinträchtigt. Nimmt die Belästigung an anderer Stelle überhand, wünscht er seine polnischen Vater durch einen türkischen ersetzt, mit dem er frei von allem Ungemach in Istanbul lebt. Dann wiederum, rasend vor Ärger und Zorn darüber, daß die ältere Schwester Schlittschuhlaufen kann, Schlittschuhe besitzt und sie auf der Eisfläche der Dolina Szwajcarska zu Einsatz bringt, während er, der kleine Jaroslaw Marek, nicht Schlittschuhlaufen kann, keine Schlittschuhe hat und zum Zuschauer degradiert ist, erträumt er einen Einsatz der Gestapo, die alle Besucher des Vergnügungsparkes festnimmt und abtransportiert oder, besser noch, gleich durch Maschinengewehrgarben erledigt, so daß er bald darauf als der letzte Schlittschuhläufer der Dolina Szwajcarska das Eis betritt und Pirouetten Sprünge von ungeahnter Eleganz und Schönheit darbietet, die zu bewundern allerdings niemand mehr da ist. Kinderszenen, den deutschen Titel des polnischen Buches hat Robert Schumann vorgegeben.

Mittwoch, 15. Juli 2015

Was die Zukunft bringt

Panmorbosina

Llorenç Villalonga, außerhalb Kataloniens und Spaniens allenfalls für den in der jüngeren mallorquinischen Vergangenheit spielenden Roman Bearn bekannt, veranlaßt gegen Ende seiner in den frühen fünfziger Jahren verfaßten Erzählung La novel·la de Palmira einen Zeitsprung in die achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts und garniert ihn mit diversen utopischen Details. So verdanken die Protagonisten ihr Fortleben einem zwischenzeitlich entwickelten Allheilmittel mit dem sprechenden Namen Panmorbosina. Das daraufhin sprunghaft einsetzende Anwachsen des Lebensalters wird durch eine Rechenmaßnahme kaschiert, die Hundertjährigen gelten fortan als Achtzigjährige, die Achtzigjährigen als Sechzigjährige. So nett und harmlos es sich anhört, naturgemäß ist nichts davon eingetreten. Die Sexualität, so eine weitere Vorhersage, würde erheblich an Wertschätzung verlieren, als überlebende Zeitzeugen können wir auch das nicht bestätigen. Der Erzähler selbst kümmert sich dann aber auch wenig um seine Prophezeiungen, und die Geschichte nimmt ihren Fortgang und findet ihr Ende, als habe das zwanzigste Jahrhundert noch gar nicht recht begonnen, geschweige denn das einundzwanzigste sei frühzeitig eingeläutet. Die Pariser Theaterbühnen spielen Racine und Molière wie eh und je, Maupassants Erzählungen sind noch gegenwärtig in den Köpfen.

Eine Unordnung der Zeiten ist bei Sebald in dieser Art naturgemäß nicht anzutreffen. Aus der Erzählgegenwart ist der Blick oft in die Vergangenheit gerichtet, kaum je in die Zukunft. Als die Schwindel.Gefühle ausklingen aber wird ein ähnlich weiter Zeitsprung nach vorn vollzogen, allerdings äußerst wortkarg und ohne pittoreske Einzelheiten: -2013- Ende. Welches Ende ist gemeint? Wer sich auf das Weltenende verlassen hatte, muß einräumen, daß der Termin auch bei Zubilligung einer gewissen Unschärfe nun bereits verstrichen ist, wie so viele vor ihm. Durchgehend ist in den Schwindel.Gefühlen von zwei Zeitenwenden, zwei verspäteten Jahrhundertwenden die Rede, der von 1813, als Napoleons Stern zu sinken begann, und der von 1913, als die Zeit sich wendete und wie eine Natter durchs Gras der Funken die Zündschnur entlang lief. Woran wäre das verspätete Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, die Zeitenwende von 2013 festzumachen? Sicher haben Menschen der Generation Sebalds zunehmend das Gefühl, daß die Welt die letzten der ihnen vertrauten Züge verliert, aber was konkret wäre zu nennen. Vieles wäre zu nennen, die nicht endende Finanz- und Schuldenkrise, der aufflammende Terrorismus, der neue kalte Krieg. Das alles konnte der Dichter nicht in dieser Schärfe voraussehen, wohl aber eine Lage, in der die metaphorisch Buckligen und Irren in Brüssel zunehmend ratlos sind.

Auch Villalongas fast in der Weise der naiven Malerei fröhliche Einfügung utopischer Details in den Fortgang des gewohnten Lebens bringt eine Wahrheit an den Tag: die Ungleichzeitigkeit der Zeitenwenden, die einen hören das Gras der neuen Zeit wachsen, die anderen bewundern die Eiche, die schon hundert Jahre steht. Mehr als hundert Jahre zurück liegt die Blüte der Erzählliteratur des süddeutschen Sprachraums, an die Sebald eingestandenermaßen anschließt. Das Gras unserer Tage hat er nicht weniger im Blick, es scheint weniger zu wachsen als zu welken, was er hört, ist ein trockenes Rascheln. Ein sparsamer und wenig froh stimmender Blick in die Zeit nach 2013 ist uns erst jetzt möglich.

Mittwoch, 8. Juli 2015

Schreibmaschinen

L'homme qui tape

Der Brigadiere setzte sich an eine altmodische, überdimensionale Schreibmaschine mit einem fast einen Meter breiten Wagen, spannte einen Bogen Papier ein und verfertigte, indem er den Text halb vor sich hin sprach, halb vor sich hin sang, ein Dokument, das er, als die letzte Zeile geschrieben und das ganze ordnungshalber noch einmal durchgesehen war, mit einem demonstrativen Schwung aus der Walze riß und zuerst mir, der ich diesem Akt der Amtswaltung sprachlos gefolgt war, und dann Luciana zur Unterschrift vorlegte, ehe er selbst unterzeichnete und, zur Vervollständigung des Werkes, mit einem rechteckigen und einem runden Stempel versah.

Tiefe, im Kinosaal gewonnene Bildeindrücke aus unserer Jugend lassen sich heute nicht mehr wiederholen. Maigret konnte seine Fälle nicht ohne Pfeife im Mund lösen, Sam Spade nicht ohne Zigarette. Daniel Craig zeigte sich dieser Tage verwundert, daß er in den Bondfilmen zwar jedwedem die Birne wegblasen, sich aber auf keinen Fall eine Kippe anstecken darf. Massive Verschiebungen im Sittengesetz sind festzustellen, die Fest der Freiheit mündet in die Lizenz zum Töten, der Abschied vom ewigen Lebens gebiert die Order zum langen Leben, eine Order, die sich mit Tabakgenuß, so heißt es, nicht vereinbaren läßt. In den meisten Fällen aber sind es weniger unsere Werte als das Voranschreiten der Technik, das uns verarmen läßt. Wir haben Jean Gabin vor Augen am halböffentlichen Telephon in der dunklen Ecke einer Bar, Bogart, wie er am in der Höhe des Kopfes angebrachten Wandtelephon die Wählscheibe bedient, die Hörmuschel bereits in der anderen Hand. Heute schauen die Kommissarinnen und Kommissare intensiver auf ihr Smartphone als auf den Tatort, uns sagt das nichts. Die Schreibmaschine, in die der Inspektor mit zwei Fingern geduldig das Verhör eintippt, bis der entnervte Verdächtige alles gesteht, hat akustischen Aufnahmegeräten und einem virtuos bedienten PC Platz gemacht, die atmosphärischen Verluste sind enorm, der kriminalistische Gewinn zweifelhaft. Die Dichter aber bewahren die Erinnerung: Cet homme dont j'ai oublié les traits du visage tapait mes réponses à la machine au fur et à mesure que je lui déclinais mon état civil, mon adresse et une prétendue qualité d'étudiant. Il m'a demandé à quoi j'occupais mes loisirs. Enfin, il s'est résolu à taper la phrase suivante: Je passe mes loisirs au cinéma et dans les librairies. Je n'ai jamais fréquenté le café de la Tournelle.
Nicht wenige sammeln und hegen alte Schreibmaschinen, in Restaurants sind sie zum Zweck der Pflege des Ambientes eingesetzt. Die Schreibmaschinen der Dichter sind keine musealen Stücke, sie tun ihren Dienst, die Maschine mit dem riesigen Wagen (eine Olivetti?) ist unserer aller bleibende Freude. Der Brigadiere reiht sich ein in die lange Reihe der Figuren, die in Billy Wilders Avanti, Avanti Jack Lemmon von einem Italienverächter in einen leidenschaftlichen Liebhaber des Landes verwandeln, zugegebenermaßen mit tatkräftiger Unterstützung der Engländerin Pamela Piggott, ohne die es nicht hätte gelingen können. Modiano, bei dem die Luft immer von einem leichten Wind des Bösen durchweht ist, versetzt uns in einen alten Film noir ohne Farbe. L'homme qui tape in Un cirque passe ist, wie sich dann zeigt, von genreuntypischer Menschenfreundlichkeit.

Mittwoch, 1. Juli 2015

Parataxe

Nebelweiten

In der Besprechung des Buches* einer jungen, sich vorwiegend in kurzen Hauptsätzen äußernden Autorin wird auf Adorno verwiesen: Das hauptsatzlastige Schreiben sei ein Verfahren, das die Annahme negiert, ein Subjekt könne mithilfe der Sprache die Wirklichkeit bewältigen und ordnen. Die Parataxe stelle stattdessen einen Bezug zur Erfahrung des Heterogenen, des logisch nicht Subsumierbaren her. Parataxe wäre der Satzbau nach Menschenmaß, Hypotaxe der Hybris verdächtig. Romane sind, selbst wenn sie parataktische Sätze bevorzugen, letzten Endes eine riesige Hypotaxe von Themen, Handlungssträngen und Motiven und man kann Menschen treffen, die das Lesen von Romanen ablehnen, da sie in dieser Gattung grundsätzlich Gewalt und Anmaßung vermuten. Hinter Sebalds vielfach gerühmten Satzlandschaften aber wäre eine Hybris geradezu kriminellen Ausmaßes versteckt.

Falls Adorno die Wahrheit überhaupt trifft, trifft er sicher nicht die ganze und nicht die alleinige Wahrheit. Wer wollte unter Schwindelgefühlen die Wirklichkeit bewältigen, wer sie ordnen, wenn sie in seinen Augen unaufhaltsam auf ihren Untergang zuhält, wenn er selbst in einem unbegreiflichen Gefühl der Unverbundenheit sich sehr schnell aus dem Leben entfernen könnte. Umso mehr ist dem Dichter daran gelegen, in der Sprache einen bewohnbaren Bezirk zu bewahren, und das selbstironische Lächeln der Sätze gilt nicht zuletzt dem gestalteten Mißverhältnis von beherrschter Form und chaotischem Inhalt.

In der Philosophie, abseits von Adorno, gab es die Hoffnung, ausgehend von schlichten Protokollsätze mit augenfälligem Inhalt ein unendliches Gebäude wahrer Sätze errichten zu können, in der Prosa suggeriert die Abfolge knapper Sätze Realitätsnähe, eine Nähe, die für nicht wenige Ohren durch das Einstreuen von Derbheiten noch erhöht werden kann. Die Wirklichkeit wäre durch bloßes Draufzugehen zu bewältigen, Hypotaxe bliebe den Seidenspinnern im Elfenbeinturm.

Une rue calme. Ils étaient les seuls passants. La nuit tombait. Rue bleue. Ce nom avait paru irréel à Bosmans. Ils se demandait s'il ne rêvait pas: Modiano bewegt sich am unteren Rand der Hypotaxe, keine sich ausbreitenden Satzgebilde, Hauptsätze, ein Haupt- und ein Nebensatz, oft nachgeschobene Teilsätze. Von Wirklich- keitsbewältigung mithilfe knapper Sätze kann keine Rede sein, kaum von Wirklichkeitsberührung. Immer wieder muß sich der Autor in Listen von Telephonnummern, von Adressen, vor allem aber im Straßenplan von Paris Haltegriffe verschaffen, um sich nicht vollends in den glänzenden Nebelweiten des Ungesagten zu verlieren. Die Wege der Sätze sind unergründlich.

*Christina Lenz über Julia Wolfs, wie es heißt, verstörendes Romandebüt, FR 16.6.15

Freitag, 12. Juni 2015

Kleinkunst

Weniges

Nabokow: Mir scheint, auf der Skala der Weltmaße gibt es den Punkt, an dem sowohl die Vorstellungen als auch die Wissenswerte ineinander übergehen, der Punkt der durch die Verkleinerung der großen und die Vergrößerung der kleinen Dinge erreicht wird: der Punkt der Kunst. Sebald: Nicht allein die für die damalige Zeit ungeheuer hoch entwickelte Realismuskunst Pisanellos ist es, die mich anzieht, sondern die Art, wie es ihm gelingt, diese Kunst in einer mit der realistischen Malweise eigentlich unvereinbaren Fläche aufgehen zu lassen, in der allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird. Proust: Il remarqua pour la première fois des petits personnages en bleu, que le sable était rose, et enfin la précieuse matière du tout petit pan de mur jaune. Ses étourdissements augmentaient ; il attachait son regard, comme un enfant à un papillon jaune qu'il veut saisir, au précieux petit pan de mur. C'est ainsi que j'aurais dû écrire, disait-il. Mes derniers livres sont trop secs, il aurait fallu passer plusieurs couches de couleur, rendre ma phrase en elle-même précieuse, comme ce petit pan de mur jaune.
Offenbar haben die Dichter gleiches im Sinn, aus unterschiedlicher Richtung nähern sich einem gemeinsamen Ziel, einer gemeinsamen Überzeugung. Nabokows Ausführungen kleiden sich als eine Definition der Kunst am Wegekreuz, an dem sich Groß und Klein treffen. Sebald gibt vor, Pisanello zu betrachten, der allem, dem Großen und dem Kleinen, die gleiche Daseinsberechtigung zuspreche, der Reflex auf die Kunst im allgemeinen und auf die eigene im besonderen ist aber nicht zu übersehen. Prousts Bergotte betrachtet auf Vermeers Ansicht der Stadt Delft zunächst die kleinen blau gekleideten Menschenfiguren und dann den kleinen gelben Mauerfleck, er könnte auch an anderer, an jeder beliebigen Stelle innehalten, alles ist gleichbedeutend, gleich groß und klein.

Lassen wir noch Modiano zu Wort kommen: J'ai connu Francis Jansen quand j'avais dix-neuf ans et je veux dire aujourd'hui le peu de choses que je sais de lui. Erzählt er von Francis Jansen, obwohl er wenig von ihm weiß oder weil er wenig von ihm weiß? Das Wenige ist nicht das Kleine, aber es ist ihm verwandt. Bei Pisanello vermutet man gleiche Daseinsberechtigung in der Fülle, bei Modiano in der Kargheit. Créer le silence avec les mots, wird als Aufgabe des Dichters ausgewiesen.
Friede den Hütten, Krieg den Palästen, auch dieser Aufruf nimmt seinen Ausgang vom Größenverhältnis. Sollte die Politik Gleiches im Sinn haben wie die Kunst - nicht wenige würde es freuen. Das Gegenteil ist aber wohl der Fall. Der politische Ansatz zielt offenbar auf Veränderung, während die Kunst eine Welt vor Augen hat, in der das Unbedeutende nicht weniger bedeutsam ist als Bedeutende, ihr Prinzip ist nicht die Veränderung, sondern die Verwandlung. Am unmittelbarsten vielleicht sagt es Bernhards Maler Strauch: Die hohe Kunst besteht darin, im Großen wie im Kleinen zu denken, fortwährend gleichzeitig in allen Größenverhältnissen. Das heißt naturgemäß nicht, einem Dichter wie Büchner sei eine politische Einstellung versagt, die auf die Zerstörung der Paläste zielt. Diese oder eine andere politische Einstellung kann durchaus auch als Motiv in ein Kunstwerk, sei es ein Bild oder ein Roman, eingehen, sie gewinnt dort aber keine größere Bedeutung als der kleine gelbe Mauerfleck. Folgt man den hier aufgerufenen Gewährsleuten, könnte mehr auch die sogenannte engagierte Literatur nicht leisten, wenn die denn Literatur sein will.

Der Venezianer Malachi, der in Cambridge Astrophysik studiert hat, sieht alles aus der größten Entfernung, nicht nur die Sterne. Wenn man so will, ein weiteres und eher gegenläufiges Verfahren zur Einebnung der Größenunterschiede, denn wenn für die Kunst alles groß ist, so ist aus der größten Entfernung gesehen alles klein. Die ursprünglich der Astrophysik abgewonnene Gewohnheit, betrifft längst auch diese selbst, denn altehrwürdige metaphysische Spekulationen über die Auferstehung der Gebeine und Leiber haben für Malachi inzwischen keine geringere Bedeutung als die moderne Wissenschaft von den Sternen. Ähnlich wie Malachi die Astrophysik verlassen hat, hat Modianos Photograph die Photographie als Kunstbereich verlassen und seinen Blickwinkel in gewisser Weise dem der Astrophysik angepaßt: Les quelques semaines où je l'ai fréquenté, ils considérait les êtres et les choses de très loin et il ne restait plus pour lui que de vagues points de repère et de vagues silhouettes.

Dienstag, 9. Juni 2015

Staubfetzen und Kehrschaufel

Versuch über den Schmutz

Glaubt man Thomas Bernhard aufs Wort, was naturgemäß einigen Mut erfordert, so hat er keine Stadt so geliebt wie Warschau. Im zweiten Kapitel seines Buches über das Hängen (Wieszanie) geht J.M. Rymkiewicz auf die immensen Hygieneprobleme der großen Städte im achtzehnten Jahrhundert ein. Zwar habe es Warschau, schon aufgrund seiner vergleichsweise überschaubaren Bevölkerung, weniger hart getroffen als London oder Paris, aber auch hier habe es überall ganz furchtbar gestunken. Den gegenwärtig lebenden Europäern sind derartige Erfahrungen so sehr erspart geblieben, daß zwischenzeitlich die Sauberkeit in Verruf geraten konnte, nicht wenige haben Christian Enzensbergers Versuch über den Schmutz begrüßt. Auch der Dichter hat eine wohl in dieser Zeit entwickelte Reinheitsphobie. Wenn sich in Deauville immer wieder die Fensterläden auftun, sei es im Parterre, sei es in der Beletage oder im oberen Stock, und eine Hand erscheint, die mit auffallend langsamer Bewegung ein Staubtuch ausschüttelt, so will er das fast als Zeichen des Bösen verstanden wissen. Der Staub hat es ihm regelrecht angetan, denkt man an das Fäkalienproblem vergangener Zeiten freilich ein vergleichsweise friedlicher Unrat.
Wenn das Staubtuch mit einem Bann belegt ist, so sind Besen und Rechen ins Außerweltliche entrückt. Ein Mensch, der zu einer abgewetzten Eisenbahneruniform einen schneeweißen Turban trug, fegte mit einem Besen einmal hier, einmal da etwas von dem auf dem Pflaster herumliegenden Unrat zusammen. Bei diesem Geschäft, das in seiner Zwecklosigkeit an die ewigen Strafen gemahnte, die wir, wie es heißt, nach unserem Leben erdulden müssen, bediente sich der in tiefer Selbstvergessenheit immer dieselben Bewegungen vollführende Mann statt einer richtigen Kehrschaufel eines an einer Seite aufgerissenen Pappdeckelkartons, den er mit dem Fuß Stück für Stück vor sich herschob, bis er eine niedrige Tür in dem vor der Innenfassade des Bahnhofs erreicht hatte, durch die er, ruckweise wie es schien, verschwand. - Wie alle Textabschnitte des Dichters kann man auch diesen in schlichter Weise realistisch lesen, sieht sich aber unmißverständlich auch zu einer phantastisch-surrealen Lesart eingeladen. Die Reinigungsleistung des Mannes mit dem Besen, dem Pappschachtel und dem weißen Turban ist gering. Er ist ein Verwandter von Kafkas Türhüter, er wacht nicht darüber, daß die für Austerlitz bestimmte Tür verschlossen bleibt, er öffnet sie ihm, indem er vorausgeht, man wird ihn nach Erfüllung dieser seiner einzigen Aufgabe nicht wiedersehen. Die Tür führt Austerlitz aus der Londoner Gegenwart in die Prager Vergangenheit, die er bis zum Ende des Buches nicht wieder verlassen wird.

Ich hörte die Luft aus- und einstreichen durch das Astwerk und das feine Geräusch, das der Gärtner machte beim Rechen der Kieswege zwischen den niedrigen Buchsbaumhecken, deren sanfter Geruch selbst jetzt noch im Herbst die Luft erfüllte. Schon die Staubtücher in die Deauville schienen wie von abgetrennten Armen bewegt, und man konnte nur vermuten, daß in den dusteren Interieurs zu ewig unsichtbarem Dasein und ewigem Abstauben verurteilte Frauenspersonen lautlos herumgehen und darauf lauern, daß sie einem zufällig vor ihrem Gefängnis stehenbleibenden und an der Fassade heraufblickenden fremden Passanten mit ihren Staubfetzen ein Zeichen geben können: wie kann man, wenn es so um die staubwischenden Frauenspersonen bestellt ist, von der Alltäglichkeit des Gärtners im Giardino Giusti ausgehen? Wenn Selysses den Garten verläßt, wird das Geräusch des Rechens verstummen, der menschenleere Garten wird sich bis zu allen Horizonten ausdehnen. Der Unterschied von Schmutz und Reinheit ist mit dem Menschen in die Welt gekommen und wird mit ihm wieder verschwinden aus ihr.

Montag, 1. Juni 2015

Falsche Welt

Am Bächlein

Lange beobachtete ich den Waschbär, wie er mit ernstem Gesicht am Bächlein saß und immer denselben Apfelschnitz wusch, als hoffe er, durch dieses, weit über jede vernünftige Gründlichkeit hinausgehende Waschen entkommen zu können aus der falschen Welt, in die er gewissermaßen ohne sein eigenes Zutun geraten war. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das auf die Idee vom wahren Leben, von einer wahren Welt gekommen ist, dem Waschbären hat er immerhin einen Eindruck von der falschen Welt verschafft. Waschbären kennen von Haus aus keine falsche Welt, in ihrem realen, wahren und einzigen Leben besetzen sie leerstehende Wohnwagen und verteidigen sie dann resolut gegen die vermeintlichen Eigentümer.
Für die europäische Menschheit hat das Christentum während nahezu zweitausend Jahren der Idee vom wahren Leben eine verbindliche Kontur verliehen, verbunden mit der Festlegung, die wahre Welt könne nicht von dieser Welt sein. Die mit dem Anbruch der Moderne aufgekommene Annahme, die reale Welt müsse sich zur wahren Welt verändern lassen, hat nach wie vor zahllose Jünger, der alle und jeden überzeugende Erfolg aber hat sich bislang nicht eingestellt. Im Mittelalter und früher Neuzeit war es zu einer engen Verbindung von Religion und Kunst gekommen, eine der wenigen Koalitionen, die beiden Teilen zugute kam. Der Koalitionswechsel hin zur Politik und ihrem Veränderungsbestreben ist der Religion nicht gut bekommen, die Kunst hält an der Idee der metaphysischen Verwandlung mit feinen und, etwa im Fall Modianos, feinsten Mitteln fest.

Quelquefois la vie est monotone et quotidienne, comme aujourd'hui où j'écris ces pages pour trouver des lignes de fuites et m'échapper par les brèches du temps. Wohin soll diese Flucht aus dem normalen Leben führen, in die Vergangenheit? Le passé? Mais non, il ne s'agit pas du passé, mais des épisodes d'une vie rêvée, intemporelle, que j'arrache, pages à page, à la morne vie courante pour lui donner un peu d'ombre et de lumière. Also eher die Ewigkeit als die Vergangenheit, erst im Rückblick allerdings wird sie sichtbar und mit ihr das wahre Leben: Il me semble aujourd'hui que je vivais une autre vie à l'intérieur de ma vie quotidienne. Ou, plus exactement, que cette autre vie était reliée à celle assez terne de tous les jours et lui une phosphorescence et un mystère qu'elle n'avait pas en réalité. Ohne Sorge vor einem Fehlurteil läßt sich sagen, daß Modianos künstlerisches Verlangen allein und ausschließlich darauf zielt, diesem Phosphorglanz und diesem Mysterium eine Realität in der Kunst zu verleihen.

Viele werden die Lösung darin sehen, ein normales Menschenleben zu führen, so wie die Waschbären ihr normales Waschbärenleben führen. Auch die Dichter sind verführbar: Une fille s'avançait sous les feuillages des arbres du boulevard Jourdan. À quoi bon tâcher de résoudre des mystères insolubles et poursuivre des fantômes, quand la vie était là, toute simple, sous le soleil. Irgendwann aber muß man sich dann eingestehen: Nous aurons été pour si peu dans la vie.
Ist es Monica Vitti, die uns dort auf dem Boulevard Jourdan entgegenkommt? Ihr verborgenes wahres Leben ist Gegenstand der Trilogia esistenziale Michelangelo Antonionis. In L'eclisse (den deutschen Verleihtitel zu nennen, verbietet das Schamgefühl) ist das reale und, für jeden erkennbar, zugleich falsche Leben durch die Aktienbörse und Auswüchse der modernen Architektur dargestellt. Der eigentliche Film aber spielt sich in Vittis Gesicht ab, in ihrem Blick, der versucht, in der realen Welt Fuß zu fassen und dann gleich wieder abwärts nach innen gleitet, oft mehrfach hin und her in der Minute. Der noch sehr junge Zuschauer aber möchte immer in die Handlung eingreifen und die Vitti mit einem einzigen Wort darüber aufklären, daß sie bloß vom untauglichen Alain Delon ablassen und zu ihm die Hand müßte ausstrecken, um den rechten Gefährten für das wahre Leben zu haben.