Samstag, 2. Juli 2016

Prozessionsspinner

Todesordnung

Hebels Welt, in der ausgestandenes Unglück entgolten wird, auf jeden Feldzug ein Friedensschluß folgt und in der selbst die kuriosesten Kreaturen wie zum Beispiel die Prozessionsspinner und die fliegenden Fische ihren Platz haben in einer aufs sorgfältigste austarierten Ordnung, ersehnen wir im Maße der Gründlichkeit, mit der sie uns versperrt ist. Mit dem Prozessionsspinner jedenfalls hat der Dichter auf Korsika eine rundheraus traumatische Begegnung.

Zwischen den Zweigen hingen sackartige Gebilde um die Nester der Raupe Bombyx Processionis, die ganze Wälder mit einem Leichentuch überziehen und schwere Verkrüppelungen, ja sogar ein völliges Absterben der befallenen Bäume verursachen können. Andererseits aber: Manchmal, wenn die Gewebe unter dem Gewicht ihrer Insassen reißen, findet man die Raupen in Haufen auf dem Boden des Waldes, wo sie, die offenbar zu keinerlei Korrektur ihrer Entwicklungsbahn fähig sind, in einem Zustand der Besinnungslosigkeit in kurzer Frist zugrunde gehen. Normalerweise aber verlassen die Raupen in geordneter Form das Gewebe, um sich an einer kilometerweiten Stelle in der Erde zu vergraben, um dort der Verwandlung in einen Falter entgegenzuharren. Eine hinter der anderen kommen die Raupen die Stämme herab und kriechen über den Nadelboden fort, jede von ihnen unmittelbar hinter der andern, Kopfende an Hinterteil, in oft fünf Meter langen Zügen, wie ein einziges aus vielen Gliedern zusammengesetztes Schlangenwesen. Wer kann das Erstaunen und Entsetzen des Erzählers beschreiben, als er, von einer Laune bewegt, eine der Raupen aus dem Zug nahm, woraufhin diese wie tot liegenblieb, außerstande zurückzukehren an ihre kaum eine Spanne entfernten Platz. Und nicht nur die aus der Bahn genommene Raupe, der ganze Zug rührte sich nicht mehr. Auch die Rückversetzung der Raupe an ihren alten Platz konnte die Störung nicht beheben, die vielmehr als ein kollektives Todesurteil wahrgenommen wurde.

Das Entsetzen hat nicht weniger als drei Gründe. Es gilt einmal der maßlosen Wirkung eines kleinen Eingriffs und zum andern der Unumkehrbarkeit einer unüberlegten Augenblickstat. Das sind übliche Weisen des Entsetzens, die dann auch bei weitem übertroffen werden von dem Entsetzen, anstelle von Hebels schönem Gleichgewicht des Lebendigen die Fratze eines Gleichgewichts des Todes zu sehen. Einerseits können die Tierchen ganze Waldungen vernichten, andererseits sind sie gänzlich lebensuntauglich. Den Tod nach Absturz vom Baum mag noch angehen, kaum aber die völlige Hilflosigkeit bei einer minimalen Unterbrechung der Prozessionskette. In Raupenkreisen geht man offenbar von einer Welt ohne Feinde aus, einer toten Welt, und tatsächlich war ansonsten in dem Wald nicht ein lebendiges Wesen zu sehen, weder ein Stück Wild noch ein einziger Vogel, noch ein Käfer oder ein anderes wirbelloses Tier. Nicht selten hat der Dichter einen Blick auf die verhängnisvollen menschlichen Eingriffe in die Natur geworfen, Roden der Wälder, Entvölkerung der Meere. Der Blick auf die naturbelassene Natur fördert kaum Erfreulicheres zutage, auf den mauvais démiurge war bereits Verlaß, bevor er sich noch an die Erschaffung des Menschen machte.

Freitag, 1. Juli 2016

Evisa

Quell der Zeit

Bei einigen Filmen von Sergio Leone möchte man wünschen, daß die Eingangsszene sich endlos weiterdehnt, ein Arm hebt und senkt sich wieder, jemand steht auf und blickt zum Tor hinaus, ein Glas wird nachgeschenkt, das reicht. Wenn die Filmhandlung in Gang kommt und Fahrt aufnimmt, schalten wir das Gerät aus und lesen vom Besuch im Café des Sports in der Ortschaft Evisa auf der Insel Korsika, nur das, immerfort und nie wieder etwas anderes:

Eine Stunde später, als ich gerade beim Ausbrechen des Unwetters Evisa erreichte und dort im Café des Sports Zuflucht gefunden hatte, schaute ich lange durch die offene Tür hinaus auf den schräg in die Gasse rauschenden Regen. Der einzige Gast außer mir war ein greiser, mit einem wollenen Kittel und einem ausgedienten Armeeanorak bereits für die Wintermonate gerüsteter Mann. Seine vom Star getrübten Augen, die er gleich einem Blinden etwas aufrecht gegen die Helligkeit gerichtet hielt, waren von derselben eisgrauen Farbe wie der Pastis in seinem Glas. Es schien mir nicht, als ob er die seltsam theatralisch wirkende Person wahrgenommen hätte, die nach einiger Zeit unter ihrem aufgespannten Regenschirm draußen vorbeiging, oder auch das halbwüchsige Schwein, das ihr auf dem Fuße folgte. Er blickte nur immer unverwandt nach oben und drehte dabei gleichmäßig mit dem Daumen und dem Zeigefinger seiner rechten Hand den sechskantigen Stiel seines Glases Ruck für Ruck weiter, so gleichmäßig, als habe er in seiner Brust statt eines Herzens das Räderwerk einer Uhr.

Selysses findet Zuflucht in dem Café, und damit hat es sein Bewenden. Von einer Bestellung und Bewirtung ist nicht die Rede, es ist auch nicht anzunehmen, daß in der Schenke des kleinen Ortes ein Wirt oder eine Bedienerin ständig zur Stelle ist. Der sehbehinderte alte Mann im Armeeanorak hat dagegen nicht gerade erst vorm Regen Schutz gesucht, er sitzt schon längere Zeit da, vielleicht sitzt er schon immer da, vielleicht ist der Pastis vor Jahren schon eingeschenkt worden, die Augen des Mannes haben mit der Zeit die eisgraue Farbe des Getränkes angenommen. Draußen geht eine theatralisch wirkende Person unterm Schirm vorbei. Eine sekundäre, aufbauende Beschreibung: theatralisch überspringt die grundlegenden Merkmale wie groß oder klein, dick oder dünn, Mann oder Frau vor allem. Die Person: das weibliche Genus wird noch zweimal mit einem weiblichen Pronomen aufgenommen, so daß wir unwillkürlich eine Frau annehmen, es bleibt aber dabei, Person ist eine geschlechtsneutrale Bezeichnung für ein Exemplar der menschlichen Gattung, es kann sich im Grunde ebensogut um einen Mann handeln. Andererseits wiederum: ein blinder Greis und ein Schwein, vage Erinnerungen an Homer, an Ulysses, anwesend als Selysses, und an die ganz und gar weibliche Circe sind wachgerufen.

Die Person mit dem Schwein zieht hinter dem Fenster vorbei und ist verschwunden. Lesen wir die Geschichte erneut, zieht sie wieder vorbei. Wir können sie immer von links nach rechts gehen lassen und eine Kreisbewegung vermuten wie beim Zeiger der Uhr, oder aber von rechts nach links, wir können sie in eine Pendelbewegung versetzen. Bei einer Kreisbewegung im Uhrzeigersinn wäre eine geheime Verbindung zum Drehen des sechskantigen Glases anzunehmen, so wie Merkur mit der Umlaufzeit eines Sommers und Neptun mit einer Umlaufzeit von mehr als hundertundfünfzig Jahren dem gleichen Gesetz der Schwerkraft unterliegen. Aus dem Dunkel seiner getrübten Augen schaut der greise Gast in die Helligkeit ähnlich einem Sterngucker, der das Dunkel braucht, um die Sterne zu sehen.

Er drehte gleichmäßig mit dem Daumen und dem Zeigefinger seiner rechten Hand den sechskantigen Stiel seines Glases Ruck für Ruck weiter, so gleichmäßig, als habe er in seiner Brust statt eines Herzens das Räderwerk einer Uhr: ist es eine bloße Uhr, oder befinden wir uns am Ursprungsort der Zeit, dort wo sie erzeugt wird? Von der Person mit dem Schwein scheint er keine Notiz zu nehmen, aber er weiß von ihr, so wie Merkur von Neptun weiß. Eingangs der Moments Musicaux, bevor noch die erste Melodie erklingt, lesen wir diese in sich geschlossene kleine Erzählung voller Öffnungen zum nicht ausdeutbaren archaisch Rätselhaften, dann setzt die Musik ein, deren Medium die Zeit ist, die die Zeit aus ihrem öden Gleichmaß befreit: Aus einem Kassettenrecorder hinter der Theke drang eine Art von türkischem Trauermarsch und zwischendurch eine hohe, aus dem Kehlkopf gepreßte Männerstimme.

Samstag, 4. Juni 2016

Schritte in der Sonne

So bright

Mieliśmy tych parę kroków w słońcu, diese wenigen Schritte in der Sonne waren uns vergönnt: fast jeder könnte das sagen. Zwar vollzieht Brecht, der Dichter, eine scharfe Trennung zwischen denen im Dunkeln und denen im Licht, aber nur in den seltensten Fällen sind die im Dunkeln dauerhaft von aller Sonnenbestrahlung ausgeschlossen. Sebalds Menschen gehören eher zu denen im Dunkeln, und doch kann Austerlitz von den Sonnentagen in Andromeda Lodge berichten, und wenn wir den Major Le Strange in einem kanarienfarbenen Gehrock und umschwärmt von allem möglichen Federvieh in seinem Garten spazieren sehen, denken wir nicht an einen bewölkten Himmel und Regenwetter.

Hervorgehoben ist nicht so sehr der Lichteinfall selbst als vielmehr seine jähe Kürze. Hłasko hat seine wenigen Schönwetterschritte in gleißendem Licht getan. Gerade noch der wenig erfolgreiche Schüler mit einer mangelhaften Note unter anderem in der Muttersprache, dann Lastwagenchauffeur mit ständige wechselnden Arbeitsstellen, war er von der Nacht auf den nächsten Tag als piękny dwudziestoletni zum James Dean der polnischen Literaturszene geworden. In die gleiche Zeit fielen Stalins Tod, Chruschtschows Rede und eine, freilich trügerische, Tauwettervorhersage für Polen, die Odwilż gomułkowska. Schon 1958 wurde dann ein vermeintlich kurzer Aufenthalt in Paris zum dauerhaften Exil mit Wohnung Deutschland, Israel, den USA und anderswo. Die Sonneneinstrahlung in Israel hat eine andere, in Hłaskos Erzählungen berücksichtigte Qualität und ist hier nicht gemeint.

Als der piękny dwudziestoletni Selysses in Manchester landet, zeichnet sich nicht ab, daß in dieser Stadt jemals ein Sonnenstrahl auf ihn fallen wird. Andererseits: das Gefühl, als er zum ersten Mal in seiner Maschine, so Gerald Fitzpatrick, die Tragfähigkeit der Luft unter sich spürte, sei unbeschreiblich gewesen. Die Sonne war vor unserem Start schon untergegangen gewesen, aber sobald wir die Höhen gewannen, umgab uns wieder eine gleißende Helligkeit. In der Schule hatte Gerald ähnliche Schwierigkeiten gehabt wie Hłasko, dann, als Astrophysiker, hatte er sich für die Geburtsstätten der Sonnen wie ein Dichter begeistert. Wie Gerald von einem seiner Flüge nicht mehr heimzukehren wäre Hłasko, für den der Erwerb einer Pilotenlizenz das Wichtigste gewesen war in seiner letzten Lebensphase, wohl lieber gewesen als der elende Tod in Wiesbaden.

Mittwoch, 1. Juni 2016

Hłasko

Ausgewandert

Hłasko war in Deutschland vor allem bekannt als zeitweiliger Ehemann Sonja Ziemanns, von der inzwischen die Mehrheit auch nichts mehr weiß. Bekannt war er ferner wegen seiner skandalträchtigne Lebensweise, geprägt von Alkohol- und Tablettenmißbrauch, von Gewalttätigkeit, Aufenthalten in Gefängnissen und Ausnüchterungszellen, in Kranken- und Irrenhäusern. Die Frauen, so liest man, habe er flachgelegt wie der Schnitter das Korn. Eine vereinzelte und späte gesundheitsbewußte Maßnahme ist zwiespältig geblieben: An die Mutter schreibt er, nach dem Aufgeben des Rauchens sei er fett geworden jak świnia, wie ein Schwein. Tatsächlich ist auf Photographien aus dem letzten Lebensjahr das schöne, zuletzt eher hagere slawische Gesicht jäh und bestürzend in das einer brutalisierten Miss Piggy verwandelt. Bekannt war Hłasko schließlich für seine von einem tiefen Pessimismus gekennzeichnete Literatur. Die Welt war in diesen Jahren in zwei Hälften geteilt in die sogenannte freie und die sogenannte sozialistische. Nach Hłaskos Urteil konnte man in der einen Hälfte nicht leben, in der anderen konnte man es nicht aushalten, w jednej z nich jest nie do życia, w drugiej nie do wytrzymania. Vielleicht war mit der einen Welt aber auch die Schnee- und Kältewüste der Karpaten aus Następny do raju (Der nächste ins Paradies) gemeint und mit der anderen die Staub- und Hitzewüste der Israelerzählungen. Zusammenfassend müssen wir wohl lesen: Das Leben ist nicht auszuhalten.

Hłaskos Lebensverlauf ist nachzulesen in der umfänglichen und sorgfältigen Biographie Piękny dwudziestoletni (Der schöne Zwanzigjährige), verfaßt von seinem Vetter Andrzej Czyżewski. Der Titel nimmt unmittelbar Bezug auf Hłaskos Autofiktionalisierung Piękni dwudziestoletni (Die schönen Zwanzigjährigen). Herrlich darin etwa die knappe und zugleich mit Bernhardschen Übertreibungen versehene Schilderung, wie er aus allen Schulen, kaum daß er sie betreten hatte, auch schon wieder herausgeflogen war, als hoffnungsloser Idiot entweder oder als unverbesserlicher Störenfried. Zu mehr als dem Abschluß der Volksschule hat es nicht gereicht, anders wäre es ihm vielleicht ergangen, wenn er Bereyters Klasse hätte besuchen können. Auch so aber hat er schon bald nach Schulende, noch in Polen, den ersten Literaturpreis erhalten.

Leicht kann man bei geschlossenen Augen Hłasko unter Sebalds Ausgewanderten sehen. Stellen wir ihn zwischen Dr. Selwyn, Cosmo Solomon und den Dichter selbst. Der Dichter war ein Ausgewanderter aus Versehen. Als er 1966 in Manchester aus dem Flugzeug stieg, hätte er sich nicht träumen lassen, nie wieder einen Wohnsitz außerhalb von England zu haben. Die gleiche Situation bei Hłasko, nur drastischer. 1958 wollte er sich einige Monate lang im Westen umsehen, man hat ihn nicht zurückgelassen nach Polen, er mußte dort bleiben, wo es nicht auszuhalten war, im Grunde war er also zum Tode verurteilt, zu einem zehnjähriges Sterben. Ob der Tod 1969 durch Herzversagen auf der Grundlage einer unguten Mischung von Barbituraten und Alkohol mit Absicht herbeigeführt wurde, hat sich nicht klären lassen. Mit Selwyn teilt er die gleiche Wanderrichtung, Litauen, Selwyns Heimat, das ist für die Polen Polen: Litwo, ojczyzno moja! Wenn er auch nicht ungeheure Mengen Geld auf dem Niveau des Cosmo Solomon durchbringen konnte, war er doch immer redlich und erfolgreich bemüht, die Ausgaben deutlich oberhalb der nicht geringen Einnahmen des in ein Dutzend Sprachen übersetzten Kultautors zu halten.

Dergestalt eingefügt in das Gruppenbild der Ausgewanderten, im Spiel von Ähnlichkeit und Unterschied, gewinnt Hłaskos Schatten Kontur. Sein Bild bliebe dem in Czyżewskis Biographie ähnlich, aber es würde leichter, flüchtiger, transparenter, schwebender, er wäre schließlich erlöst, wie die anderen Ausgewanderten auch.

Sonntag, 29. Mai 2016

Bibelstunde

Buch Mose

Nicht immer springt in Pfarrhäusern der fromme Funken über vom Vater auf den Sohn, er geht verloren oder ändert Art und Richtung, wie im Fall von Benn, der es gleichwohl mit den Mönchen hielt, oder im Fall von Cioran, der mit seinem Gott mehr als nur gehadert hat. Austerlitz, zu der Zeit noch Dafydd Elias, ist vergleichsweise entspannt. Durchaus hat er die Wortgewalt des Ziehvaters bewundert, der am Sonntag als Prediger vor die Gemeinde trat und die Qualen der Verdammnis auf der einen Seite und das Eingehen der Gerechten in das klare Himmelslicht in so leuchtenden Bildern schilderte, daß die Zuhörerschaft am Ende des Gottesdienstes mit kalkweißem Gesicht nach Hause ging, selbst war er offenbar aber weitgehend immun.

Das Buch der Bücher, das eine Buch aus vielen Büchern, das Buch, das herausragt unter den Büchern, das die anderen Bücher vergessen läßt. Es gibt keinen Hinweis auf andere Bücher im Haus des Predigers Elias, wenn man absieht vom Kalendarium der calvinistischen Methodisten in Wales, einem grauen, ziemlich fadenscheinig schon gewordenen Büchlein, in dem er seine Predigten und die Predigtorte verzeichnete, also zum Beispiel unter dem 3. August 1941: Chapel Uchaf, Gilboa - Zephanaiah III/6 I have cut off the nations. Keine dieser Predigten hat er je niedergeschrieben, vielmehr erarbeitete er sie nur in seinem Kopf, und es ist nicht sicher, ob er auch nur in der Bibel nachschlagen mußte, die er wohl ebenfalls vollständig memoriert hatte. Ebenfalls kein ausgewiesener Bücherfreund und ebenso ein Meister des mündlichen Vortrags ist der Schuster Evan, bei dem Dafydd in jeder freien Stunde gesessen ist. Seine Geschichten sind ihm viel besser eingegangen als die endlosen Psalmen und Bibelsprüche. Während Elias Krankheit und Tod immer in Zusammenhang brachte mit Prüfung, gerechter Strafe und Schuld, erzählte Evan von Verstorbenen, die das Los zur Unzeit getroffen hatte und die danach trachteten, wieder ins Leben zurückzukehren. Nurmehr kleinwüchsig, die Feldmauern knapp überragend, ziehen sie unter leisem Rühren der Trommel einher.

Die ein wenig boshafte Freude an den kalkweißen Gemeindemitgliedern hat sich offenbar erst nachträglich eingestellt, vom Naturell her war Austerlitz auf ein milderes Gottesverständnis eingestellt, falls überhaupt. Zwar erhält Dafydd die walisische Kinderbibel als Geschenk weil er das Kapitel von der Verwirrung der Zungen fehlerfrei und mit schöner Betonung auswendig herzusagen vermochte, ein daraus resultierender Frömmigkeitsschub ist aber nicht festzustellen. In Ermangelung anderer altersgerechter Literatur liest er die Bücher Mose als Abenteuergeschichte, Abenteuer allerdings, die ihn seltsam berühren. So ängstigt ihn die Stelle, als Moses das Kind in einem wasserdichten Kästchen auf Flußfahrt geschickt wird, in der Tiefe der Seele ist offenbar dunkel die Erinnerung an die eigene Verschickung angestoßen. Eine andere Episode, die ihn sehr anzieht, ist die Wanderung der Kinder Israel durch eine furchtbare Einöde. Mehr noch als der Text fesselt ihn die dazu passende Illustration. Die dargestellte Berglandschaft des Sinai erscheint ihm ganz wie die walisische Heimat, und unter den winzigen Figuren, die das Lager bevölkerten, weiß er sich am richtigen Ort. Die winzigen Figuren, das sind wohl einmal die Kinder, die wie Moses und er, Austerlitz, auf eine ungewisse Reise geschickt worden waren, und zum anderen, gleich groß, in endloser Zahl die miniaturhaften Toten, die, wenn man es so milde ausdrücken will, überall in Europa das Los zur Unzeit getroffen hatte. Es gibt, weder was Dafydd Elias noch was Jacques Austerlitz anbelangt, Hinweise auf ein weiteres Vordringen im Bibeltext bis hin zu den Evangelien und zur christlichen Ordnung der Dinge und insbesondere nicht zur schwierigen Sache des Kreuzestodes, der heiligen Trinität und der Auferstehung des Fleisches.

Donnerstag, 12. Mai 2016

Kuppelbauten

Erinnerungsfetzen

Selysses fährt mit der Bahn nach Wien und wieder ab aus Wien, ohne daß wir den Bahnhof zu Gesicht bekommen würden. In Venedig fallen nur einige der Station angeschlossene Dienstleistungseinheiten ins Auge, der Bahnhofsbarbier bei der Ankunft und das Bahnhofsbuffet bei der Abreise. In Desenzano ist es die Toilettenanlage. In Mailand wird die riesige, zur Zeit ihrer Fertigstellung alles bislang in Europa Dagewesene übertrumpfende Konstruktion des Bahnhofsgebäudes vermerkt, ohne aber ins Detail zu gehen. Nach einer kurzen, die vergehende Zeit und die Menschen in ihr betreffenden Meditation wird Selysses auf dem hinteren Bahnhofsvorplatz auch schon Opfer eines räuberischen Angriffs. In Innsbrucker Bahnhof werden wir mit einer philosophisch aufgeschlossenen Sandlertruppe bekannt gemacht und mit den sogenannten Tiroler Stuben, in denen die Bedienerin Selysses auf die bösartigste Weise, die man sich denken kann, das Maul anhängt, ansonsten bleibt das Bahnhofsgebäude unbeachtet. Im Bonner Hauptbahnhof verläßt die Winterkönigen den Zug, die baulichen Schönheiten werden uns vorenthalten. Im Londoner Bahnhof schließlich halten wir die Augen geschlossen, bis der Zug hinausfährt, vorbei an rußigen Ziegelmauern, aus denen Schmetterlingssträucher wachsen, die ja bekanntlich mit den ärmlichsten Bedingungen vorliebnehmen.

Anders in Austerlitz, hier wirken die vier Bahnhöfe in Antwerpen, Prag, London und Paris wie tragende Pfeiler der Gesamtkonstruktion. Dem Baumeister des Antwerpener Bahnhofs war vor allem anderen daran gelegen, der sonst üblichen Niedrigkeit der Eisenbahnbauten ein dramatisch darüber hinausgehendes Kuppelkonzept entgegenzustellen, und tatsächlich werden selbst noch wir Heutigen beim Betreten der Eingangshalle von dem Gefühl erfaßt, als befänden wir uns, jenseits aller Profanität, in einer dem Welthandel und dem Weltverkehr geweihten Kathedrale. Die Heutigen in ihrer Gestalt als Leser halten Ausschau nach dem Vergleichsobjekt und stoßen im gesamten Prosawerk auf keine Kathedrale. Der einzige einigermaßen aufwendig beschriebene Sakralbau ist die Krummenbacher Kapelle, in der nicht mehr als ein Dutzend auf einmal ihren Gottesdienst verrichten oder ihre Andacht üben können. Generell scheint Selysses Sakralbauten zu meiden, auch wenn er in ihnen verwahrte Gemälde von Pisanello oder Giotto studiert und bewundert, sieht er über die Bauten selbst so gut wie hinweg.

Der Baumeister des Antwerpener Bahnhofs hatte sich vom neuen Bahnhof Luzern inspirieren lassen, dessen Kuppelbau, wie wir in einer Fußnote erfahren, 1971 von einem Feuer gänzlich zerstört wurde. Fußnoten gehören zum Erscheinungsbild wissenschaftlicher Werke, in der Erzählprosa sind sie eher auffällig. Nun mag man in einem Erzählwerk, das auf so eigenartige Weise von Bildwerken durchsetzt ist, auf weitere Absonderlichkeiten gefaßt sein, wenn aber in einem Gesamtwerk von mehr als tausend Seiten, nur eine Anmerkung dieser Art zu finden ist, sieht man sich zu besonderer Aufmerksamkeit aufgefordert. In Luzern brennt der Antwerpener Zwilling, oder auch: in Luzern zeigt sich in der Zerstörung dessen verborgene Wahrheit, denn auch die anderen Bahnhöfe sind zerstört. Das einst weit über Prag hinaus berühmte Bahnhofsbauwerk im Jugendstil war 1919 zum Andenken an den freiheitsliebenden amerikanischen Präsidenten Wilson eingeweiht worden. Wie ausnahmslos alles Schöne wurde er dann aber in der Folge zielstrebig ruiniert und in den sechziger Jahren umgeben mit häßlichen Glasfassaden und Vorwerken aus Beton.
Das Erlebnis des im Umbau begriffene Teil des Londoner Bahnhofs, den Austerlitz durch einen Bauzaun betritt, ist offenbar inspiriert von den phantastischen Ruinen- und Kerkerbildern des Giovanni Battista Piranesi. Er sah riesige Räume sich auftun, sah Pfeilerreihen und Kolonnaden, Gewölbe und gemauerte Bogen, Steintreppen, Holzstiegen und Leitern, die den Blick immer weiter hinaufzogen, Stege und Zugbrücken, die die tiefsten Abgründe überquerten und auf denen winzige Figuren sich drängten, Gefangene, dachte er. Weit droben eine durchbrochene Kuppel, an deren Rändern auf einer Brüstung Farne wuchsen und junge Baumweiden, in das Reiher große unordentliche Nester gebaut hatten. Mitten durch diese Gefängnis- und Befreiungsvisionen zogen Erinnerungsfetzen wie die an das Schiff der wunderbaren, auf weiter Flur allein sich erhebenden Kirche von Salle in Norfolk. Die Kirche von Salle, nicht weiter beschrieben und wohl keine Kathedrale im engeren Sinne, aber doch geeignet in ihrer unverletzten Schönheit Austerlitz' Erleuchtungs- und Verklärungs- erlebnis zu veredeln.

Aurach lebt in einem entvölkerten Manchester, das sich nicht bewährt hat als neues Jerusalem des Industriezeitalters. Der Maler Aurach bevorzugt ohnehin, wenn es um Jerusalem geht, das winzige Modell des Tempels, das Frohmann aus Drohobycz auf dem Schoß hält. Austerlitz führt der Weg durch eine Reihe geschundener Kuppelbaubahnhöfe, denen es nicht gelungen ist, glaubhaft an die Stelle der Kathedralen zu treten. Kapellen wie die in Krummenbach könnte Austerlitz Liste in die Liste der Bauten aufnehmen, die wenigstens einen Abglanz des Friedens uns versprechen. Von der Kirche zu Salle könnte er ein Modell aus Fichtenholz, Papiermaché und Goldfarbe fertigen, wie Frohmann es mit seinem Tempelmodell vorgemacht hat.

Donnerstag, 5. Mai 2016

A cau d'orella

Tanzschritte

Als Selysses - den wir in diesem Augenblick von Sebald nicht unterscheiden müssen - Abschied nimmt von Ernst Herbeck, schreibt dieser ihm auf seine Bitte hin zur Erinnerung ein Prosagedicht ins Notizbuch: England. England ist bekanntlich / eine Insel für sich. Wenn / man nach England reisen / will braucht man einen ganzen / Tag.

Sebald spielt gern mit dem jüdischen Gedanken, die erlöste Welt werde sich kaum, nur in winzigen Einzelheiten von der unsrigen unterscheiden und habe doch nichts gemein mit ihr; von der Erzählkunst erwartet er ähnliche unmerkliche Verrückungen und ähnliche Wunder, eine Vorahnung des Heils. Bei Herbeck ist nicht das geringste Verrücken zu spüren, der Text liegt reglos und deckungsgleich auf der Realität und sich selbst. Völlige Bewegungslosigkeit, so starr, daß wir es nicht aushalten und uns unsererseits bewegen müssen, das ist der künstlerische Effekt. Schließlich ist es ein Gruß von jemandem, der bleiben, an einen, der reisen wird.

Wenn wir Schiller darin folgen, daß in der Kunst die Form den Inhalt vertilgen muß, verwundert es nicht, wenn sie, die Kunst, in der Hoffnung leichteres Spiel zu haben, sich zunächst selbst zum Inhalt nimmt. Poemes / son poemes, Gedichte sind Gedichte, beginnt eine junge, kaum erst ins Schulalter eingetretene katalanische Lyrikerin ihr neues Werk. Für einen Augenblick mag man die gleiche Starre vermuten wie bei Herbeck, aber nein, da ist Bewegung, ein Tanzschritt, eine Pirouette gar. Das wird vollends deutlich, als ein zweites son die Drehung aufnimmt und sie im weiteren Verlauf des Satzes zugleich beruhigt: son molt bons a dir, sie lassen sich gut sagen und es tut gut, sie zu sagen - wenn man denn den rechten Ton findet: si ho dius a cau d'orella, wenn Du sie, leise, in eine Ohrmuschel sprichst. Wer ist das Du, wer spricht, wer öffnet das Ohr? Ist es die junge Dichterin, die unser Ohr beglückt, oder hört sie, als das Kind, das sie ist, die Stimme der Großmutter? Wir müssen uns nicht entscheiden. Poemes / son poemes / son molt / bons a dir / si ho dius / a cau / d'orella.