Montag, 17. März 2014

Blickkontakt

Im Grunde unverändert

Schwer zu verstehen ist nämlich die Landschaft, wenn du im D-Zug von dahin nach dorthin vorbeifährst, während sie stumm dein Verschwinden betrachtet: Das ist der erste Eintrag in dem posthum herausgegebenen Band Über das Land und über das Wasser, Ausgewählte Gedichte 1964 – 2001 und mithin wohl das früheste in Buchform publizierte Produkt des Dichters. Es liest sich wie ein Konzentrat aus Motiven, die dann die Prosa bestimmen werden, Zugfahrt, Landschaft, Schauen. Was heißt es, eine Landschaft sei schwer zu verstehen, wie ist sie, ob leicht oder schwer, überhaupt verstehbar - am ehesten noch mit den Mitteln der Kunst, in den Bildern Ruisdals oder Turners, um im Werk behandelte Landschaftsmaler zu nennen. Die Landschaft wird auch in der Prosa verständlich, etwa wenn Selysses rheinabwärts fährt, von einem starken Wind getrieben wehten die Heckflaggen der die graue Flut durchpflügenden Lastkähne nicht nach rückwärts, sondern wie auf einer Kinderzeichnung nach vorne zu. Das Licht hatte abgenommen, bis nur mehr eine fahle Helle das Stromtal erfüllte. Ein allmählich eintretendes Schneetreiben überzog den Prospekt, wie auf einer japanischen Tuschzeichnung, mit einer feinen, fast waagerechten Schraffur, und es war, als seien wir auf dem Weg hinauf in den hohen Norden und näherten uns bereits der äußersten Spitze der Insel Hokkaido. Naturgemäß ist das künstlerische Verstehen der Landschaft ein nie abzuschließender Vorgang, ein ewiges Bemühen, der Landschaftsmalerei geht ihr Sujet nicht aus. Der Clou des Kurzgedichtes ist der Wechsel der Blickrichtung, nicht der Reisende betrachtet noch länger die Landschaft, sondern die Landschaft betrachtet sein Verschwinden, stumm und, möchte man ergänzen, soweit ihr das möglich ist, mit Genugtuung. Immer wieder, und zumal auf Reisen, gibt auch der Dichter das Verlangen nach unserem Verschwinden zu erkennen. Eigenartig berührte mich beim Hinausschauen, daß fast nirgends ein Mensch zu erblicken war, wenn auch über die nassen Landstraßen genügend in dichte Sprühwolken gehüllte Fahrzeuge brausten. Tatsächlich schien es, als habe unsere Art bereits einer anderen Platz gemacht oder als lebten wir doch zumindest in einer Form der Gefangenschaft.
Die stummen und leblosen Dinge sind in Museen und Vitrinen zur Betrachtung dargeboten, nur wenige aber sind zu ihrer Betrachtung berufen. In das königliche Observatorium von Greenwich verirrt sich nur ein einsamer weltreisender Japaner, geht in dem leeren Oktagon einmal im Kreis und verschwindet wieder, erst dann verbringen Selysses und Austerlitz, jeder für sich, mehrere Stunden damit, die ausgestellten kunstreichen Beobachtungs- und Meßgeräte, Quadranten und Sextanten, Chronometer und Regulatoren zu studieren. Im menschenleeren Terezín erwachen die Exponate hinter den Schaufenstern des Antikos Bazar unter dem Blick des einsamen Selysses zu einem seltsamen Leben, der reitende Held wendet sich auf seinem soeben auf der Hinterhand sich erhebenden Rosses nach rückwärts, um mit dem linken Arm ein unschuldiges, von der letzten Hoffnung verlassenes weibliches Wesen zu sich emporzuziehen und aus einem dem Beschauer nicht offenbarten, aber ohne Zweifel grauenvollen Unglück zu erretten. Nicht anders offenbaren die Bildwerke der alten Meister das in ihnen verwahrte Leben nur dem unaufdringlichen, stillen Blick eines einsamen Betrachters. Die Mesnerin von Sant’Anastasia verschwindet, nachdem sie dem einzigen Besucher das Tor geöffnet hat, wortlos in ihrem Verschlag, und erst nachdem die mit einem Ausdruck völliger Verständnislosigkeit die Säle der Nationalgalerie durchwandernden Besucher verschwunden sind, vermag Selysses den Blickverkehr zwischen dem heiligen Antonius und dem heiligen Georg zu entschlüsseln.
Wie immer es um die Seekraft der Landschaft und das Dreinschauen der Dinge bestellt sein mag, der Blickwechsel kann ungleich heftiger ausfallen, wenn ein Lebewesen hinzukommt. Ich sehe den Rand des grauen Asphalts, jeden einzelnen Grashalm, sehe den Hasen, wie er hervorspringt aus seinem Versteck, mit zurückgelegten Ohren und einem vor Entsetzen starren, irgendwie gespaltenen, seltsam menschlichen Gesicht, und ich sehe, in seinem im Fliehen rückwärtsgewandten, vor Furcht fast aus dem Kopf sich herausdrehenden Auge, mich selber, eins geworden mit ihm. Unter Menschen ist ein Blickwechsel von dieser fusionierenden Heftigkeit selten, wenn nicht unmöglich. In der Vorhalle war außer einer sehr schwarzen, in einer Art Schalterhäuschen sitzenden Negerfrau nicht ein lebendiges Wesen zu sehen. Ich stand eine beträchtliche Zeit auf der Schwelle und wechselte einige Blicke mit der dunklen Frau: Das ist eines der wenigen Beispiele für einen, wenn schon nicht heftigen so doch symmetrischen, gleichgewichtigen Blickverkehr, ein anderes wäre das Wiedersehen von Austerlitz und Vĕra Ryšanová. In den allermeisten Fällen aber besteht kein Gleichgewicht zwischen Schauen und Betrachtetwerden, die Dominanz ist auf der einen oder aber der anderen Seite.

Kafka zumal ist der Held, der unter den Blicken der anderen leidet, was er selbst sieht und gesehen hat, wissen wir nicht. Halb im Spott, halb voller Mitgefühl und zur Therapie läßt der Dichter die Mehrzahl der Bewohner von Desenzano auf dem Marktplatz antreten, um den Vicesekretär der Prager Arbeiterversicherungsanstalt, der nichts mehr fürchtet, prüfend in Augenschein zu nehmen. Dabei leidet Selysses an den gleichen Beschwerden, auf seiner ersten Italienreise fühlt er sich verfolgt von zwei Augenpaaren, die sich, eingebildet oder tatsächlich, an den verschiedensten Orten auf ihn richten und ihn schließlich heimwärts flüchten lassen. Auch auf der zweiten Italienreise zieht Selysses, wie ihm scheint, immer wieder mißbilligende Blicke auf sich. In Mailand: Die Signora, ein fast völlig ausgetrocknetes Wesen von sechzig oder siebzig Jahren, war aus dem Fernsehzimmer hervorgekommen. Skeptisch hielt sie den Vogelblick auf mich gerichtet. In W.: Mit unverhohlener Mißbilligung musterte mich die Wirtin, sei es wegen meiner von der langen Wanderschaft in Mitleidenschaft gezogenen äußeren Erscheinung, sei es wegen meiner ihr unerklärlichen Geistesabwesenheit. Dabei hielt sie, als sei es ihr kalt, mit der Linken die Strickjacke zusammen und erledigte umständlich und ungeschickt alles nur mit der anderen Hand, wodurch sie, wir mir schien, sich Bedenkzeit gewinnen wollte diesem eigenartigen Novembergast gegenüber. Den ausgefüllten Anmeldezettel studierte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. – Die Blicke der Menschen aber sind schwer zu verstehen und werden oft mißverstanden. Luciana Michelotti in Limone verhält sich kaum anders als die Engenwirtin: Mit auffälliger Langsamkeit nahm sie das Registrationsgeschäft vor, blätterte in Verwunderung vielleicht über meine Gleichaltrigkeit mit ihr, in meinem Paß, verglich mehrmals mein Gesicht mit der Photographie, wobei sie mir einmal lang in die Augen schaute, verschloß das Dokument zuletzt bedachtsam in seiner Lade und händigte mir den Zimmerschlüssel aus. Dann aber schaut sie immer wieder von der Theke her aus den Augenwinkeln zu ihm herüber, bleibt, wenn sie den Express mit einem Glas Wasser serviert, eine Weile bei ihm stehen und läßt die Augen über die beschriebenen Blätter gleiten. Einmal ist ihm gewesen, als spürte er ihre Hand auf der Schulter, und dann ist auch schon bald das Terrain für die Trauung vor dem Postenkommandanten Dalmazio Orgiu vorbereitet.
Schwer zu verstehen sind auch die ausbleibenden Blicke. Unterwegs im Zug nach Mailand geht der Blick nicht hinaus auf die Landschaft, sondern auf die Mitreisenden. Von vollendeter Schönheit waren sie beide, dachte ich mir und ich bewunderte den tiefen Ernst, mit dem sie jeweils die Blätter ihrer Lektüre umwendeten. Einmal blätterte die Franziskanerschwester um, dann das junge Mädchen und dann wieder die Franziskanerschwester. So ging es die ganze Zeit fort, auch nur ein einziges Mal mit der einen oder der anderen einen Blick zu wechseln. Hat es keine versteckten Blicke gegeben, oder hatte Selysses, der sich notgedrungen bald auch in sein Buch vertieft, sie nur nicht wahrgenommen? Später, auf der Fahrt den Rhein hinab, wiederholt sich die Situation im Grunde. Die junge Frau aus dem englischen siebzehnten Jahrhundert, Elizabeth, die Tochter James I, war, kaum hatte sie Platz genom­men und in ihrer Ecke sich eingerichtet, auf das tiefste versenkt in ein Buch, welches den Titel Das böhmische Meer trug und verfaßt war von einer mir unbekannten Autorin namens Mila Stern. Für Selysses hat sie offenbar keinen Blick übrig, er trat hinaus auf den Gang. Unbemerkt aber hatte sich die Winterkönigin zu ihm gesellt und stand, das schöne Schauspiel betrachtend, bereits eine längere Weile neben ihm. Zu zweit ist die Landschaft womöglich besser zu verstehen, vor allem dann, wenn eine feenhafte Gestalt in dem Duo vertreten ist. Schließlich sagte sie mit einem kaum wahr­nehmbaren englischen Tonfall in der Stimme und, wie es ihm schien, ganz für sich allein die folgenden Zeilen: Rosen weiß verweht vom Schnee, Schleier schwärzer als die Kräh’, Handschuh weich wie Rosenblüten, Masken das Gesicht zu hüten. Hatte sie ihn aber zuvor nicht doch aus den Augenwinkeln wahrgenommen und sagt sie die Zeilen tatsächlich ganz für sich? Daß er damals nicht zu erwidern wußte, nicht wußte, wie er weiterging, dieser Winter­vers, daß ich, aller inneren Bewegung zum Trotz, nichts herausbrachte, dumm und stumm nur stehenblieb und weiter hinausschaute auf die nahezu vergangene Dämmerwelt, das hat mich seither schon oft sehr gereut und gedauert.
Blicke auf die Landschaft, Blicke auf Dinge, Blickwechsel mit Tieren, mit Menschen, einseitige, oft ablehnende Blicke, versteckte oder verstohlene Blicke, nicht wahrgenommene Blicke, Blicke, die ihr Gegenüber nur schwer finden. Prag: Man mußte sich weit hinabbeugen zu dem viel zu niedrigen Schalter, wenn man mit dem Türhüter sprechen wollte, der allem Anschein nach in seinem Verschlag auf dem Fußboden kniete. Obzwar ich meinerseits bald dieselbe Stellung einnahm, gelang es mir auf keine Weise, mich verständlich zu machen. Ganz ähnlich auf Korsika: Erst als ich unmittelbar vor dem Tresen stand, sah ich, daß dahinter in einem schwarzledernen zurückgekippten Bürosessel eine jüngere Frau saß, ja, beinahe hätte man sagen können, lag. Man mußte förmlich über den Tresenrand zu ihr hinunterschauen. In den USA ist die Schwierigkeit des Blickkontaktes ein wenig anders gelagert: Es dauerte eine beträchtliche Zeit, bis aus dem Inneren des offenbar schon schlafenden Hauses ein greiser Portier herbeikam, der so stark vornübergebeugt ging, daß er mit Sicherheit nicht imstand war, von seinem Gegenüber mehr als die Beine und den Unterleib wahrzunehmen. Aufgrund seiner Behinderung hatte er, bereits vor er sich anschickte, die Halle zu durchqueren, den draußen vor der halbverglasten Türe wartenden späten Gast von unten herauf mit einem kurzen, aber um so durchdringenderen Blick ins Auge gefaßt.

Den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt ist dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zuzusprechen: die Form der Anwesenheit von Hauptdarstellern und Komparsen in der Prosa ist gleichwohl verschieden. Die Komparsen, mit denen oft nur ein einziger kurzer Blickkontakt bestanden hat, bleiben optisch präsent, eingefroren in den Augenblick wie die stürzende kanariengelbe Dame auf dem Gemälde Lucas van Valckenborchs. Wir unterliegen der Suggestion der Vollständigkeit, als wüßten alles über die sehr schwarze Negerfrau, und wissen doch nur, daß sie, wie die Protagonisten, jederzeit durch Erzählen erlöst werden könnte. Die Protagonisten andererseits sind Menschen, die der Dichter nicht gesehen, oder deren Bild sich verwischt hat. Den Onkel Adelwarth hat Selysses nur ein einziges Mal gesehen, als Kind noch im Jahre 1951. Während wir uns bei den Komparsen ganz auf den optischen Eindruck des Dichters verlassen können und müssen, sind der Schilderung der Protagonisten oft Photos beigegeben, die aber eher verunsichern als stärken. Ambros Adelwarth im orientalischen Gewand entspricht nicht dem Bild, das sich im Fortgang der Lektüre in uns aufbaut, und wie er dasitzt auf der Treppe umrahmt von den Verwandten, läßt uns weniger von ihm erahnen, als wir zu wissen glauben von der Winterkönigin oder der dunklen Frau. Auch an Bereyter hat Selysses unmittelbare eigene Erinnerungen nur aus seiner Volksschulzeit. Die der Erzählung beigegebenen Bilder zeigen den Bereyter aus dieser Zeit und sind nur eine geringe Hilfe beim Aufbau seiner uns vornehmlich interessierenden Gestalt in den späten Jahren als Freund der Mme Landau.

Beim ersten Treffen ist Austerlitz ein beinahe jugendlich wirkender Mann, das Ebenbild des deutschen Helden Siegfried in Langs Nibelungenfilm. Er trägt schwere Wanderschuhe, eine Art Arbeitshose aus verschossenem blauen Kattun und ein maßgeschneidertes, aber längst aus der Mode gekommenes Anzugsjackett. Sein Aussehen wird sich in den folgenden Jahrzehnten nicht verändern, in dieser Hinsicht dehnt sich der erste Blick ins End- und Zeitlose. Die Photos von Austerlitz dem Kind, verkleidet als Page, sowie dem Jugendlichen als Rugbyspieler liegen noch vor diesem über Jahrzehnte hin gedehnten Augenblick und lassen uns ein wenig ratlos. Der Blickwechsel zwischen Austerlitz und Vĕra Ryšanová aber reicht noch weiter. Als die beiden sich nach dreißig Jahren gegenüberstehen, erkennt sie ihn gleich und sie ist für ihn trotz ihrer Gebrechlichkeit im Grunde unverändert. Im Fenster des Antikos Bazar erkennen wir schemenhaft das Gesicht des photographierenden Austerlitz. Uns scheint er weniger dem Siegfried zu ähneln als dem uns bekannten Bild des Dichters in reifen Jahren. In den langen, um das Äußere des anderen unbekümmerten Gesprächen haben die beiden sich offenbar angeglichen.

Menschen, die miteinander sprechen, sind dem Blick des anderen nicht ausgesetzt. Selysses nimmt Austerlitz nur einmal wahr, als Siegfried, daß Austerlitz Selysses überhaupt sieht und wahrnimmt, davon erfahren wir nichts. Auf der ersten Italienreise findet Selysses niemanden, mit dem er sprechen kann und ist schutzlos den wirklichen oder eingebildeten Blicken der anderen ausgesetzt. Malachio dann und Salvatore Altamura dann, die mit ihm sprechen, scheinen ihn visuell so wenig wahrzunehmen wie Austerlitz sie wahrnimmt. In seinem Heimatort W. ist Selysses so gut wie unsichtbar, Lukas Seelos, der einzige, mit dem er sich dann ausführlich unterhalten wird, hält ihn für den eigenen Großvater. Unter dem Bild des Großvaters bewegt Selysses sich unsichtbar wie hinter einer Tarnkappe und zeitenthoben. So wird er uns durch die, Austerlitz mitgerechnet, fünf langen Erzählungen führen. Austerlitz eröffnet mit dem Blick auf die überdimensionierten Augen der Nachttiere. Ihr Blick, wie auch der der allein auf reine Anschauung und reines Denken bedachten Denker und Maler, geht über Selysses hinweg.
Die Frage ist immer die gleiche: Was verleiht Sebalds Prosa ihre Eigenart, ihren Klang, ihre Farbe. Es ist nicht so sehr einprägsame Äußerungen zum Holocaustthema, es sind tausend Dinge, die Formen des Blickverkehrs darunter nicht die geringsten. Würden Austerlitz und Selysses sich bei jedem ihrer zufälligen oder verabredeten Treffen, oft nach langer Zeit, in die Augen sehen, einander sorgfältig betrachten und Bemerkungen austauschen über ihr verändertes oder Komplimente über ihr vorgeblich unverändertes Aussehen, wir wären in einem anderen Buch, vermutlich dem eines geringeren Autors.

Samstag, 1. März 2014

Panorama der Wissenschaften

Sammeln sich die Schatten

Ohne daß die einfachen Leute vergessen wären, bestimmen in Sebalds Prosa die Gebildeten den Ton. Selysses gibt sich zu Beginn der Ringe des Saturn als Kollege von Michael Parkinson und Janine Rosalind Dakyns und damit als Literaturwissenschaftler zu erkennen. Einblick in seine Forschungen erhalten wir nicht, zwar beobachten wir ihn wiederholt beim Schreiben, nehmen aber eher eine dichterische Produktion an. Auch Dakyns und Parkinson erscheinen weniger als rigide Wissenschaftler denn als Enthusiasten der Literatur. Ähnlich wie Prousts Dichter Bergotte Vermeers Kunst in einem kleinen gelben Mauerfleck verwahrt sieht, erkennt Janine Rosalind Dakyns den ganzen Flaubert in einem winzigen Staubkorn. Das Universitätsgelände ist bei Sebald, anders als bei einigen amerikanischen Autoren oder auch bei Nabokow, kein Erzählareal.
An geschichtskundlichen Einsichten, um eine weitere geisteswissenschaftliche Disziplin anzusprechen, fehlt es im Werk nicht, der einzige Wissenschaftler vom Fach ist aber der Architekturhistoriker Austerlitz. Sein ursprüngliches Dissertationsvorhaben ist längst hoffnungslos ausgeufert in Vorarbeiten zu einer ganz auf die eigene Anschauung sich stützende Studie über die Familienähnlichkeiten zwischen den verschiedenen Bauformen der kapitalistischen Ära, Gerichtshöfen und Strafanstalten, Bahnhofs- und Börsengebäuden, Opern- und Irrenhäusern. Austerlitz kann überhaupt nur wenig Gutes in der Architektur entdecken. Wenn er nur die Bauten unter dem Normalmaß der domestischen Architektur - die Feldhütte, die Eremitage, das Häuschen des Schrankenwärters, der Aussichtspavillon, die Kindervilla im Garten - gelten lassen will, so ist das nichts anderes als eine Absage an die Disziplin. Der umfänglichste Fachvortrag, den er Selysses hält, gilt dem militärwissenschaftlichen Festungsbau, ein ganz und gar fruchtloses Unterfangen in der Geschichte, immer waren während des langjährigen Baus einer Festung die offensiven Möglichkeiten über die errechnete defensive Leistung hinausgewachsen.

Sekundiert wird Austerlitz von zwei Dilettanten der Napoleonforschung. Die genaueste Wissenschaft von der Vergangenheit reicht kaum näher an die von keiner Vorstellungskraft zu erfassende Wahrheit heran als, beispielsweise, eine so aberwitzige Behauptung wie die, die mir einmal vorgetragen wurde von einem in der belgischen Hauptstadt lebenden Dilettanten namens Alfonse Huyghens, der zufolge sämtliche von dem Franzosenkaiser in den europäischen Ländern und Reichen bewirkten Umwälzungen auf nichts anderes zurückzuführen waren als auf dessen Farbenblindheit, die ihn Rot nicht unterscheiden ließ von Grün. Je mehr das Blut floß auf dem Schlachtfeld, so der belgische Napoleonforscher zu mir, desto frischer schien ihm das Gras zu sprießen. Das ist die Proklamation des anything goes in den Geschichtswissenschaften. André Hilary, Austerlitz’ Schullehrer, muß einräumen, daß auch die detailliertesten Kenntnisse einer Schlacht wie der bei Austerlitz letztlich doch nur zusammengefaßt werden können in einem lachhaften Satz wie dem: Die Schlacht wogte hin und her. Wir versuchen, die Wirklichkeit zu sehen, und finden doch nur vertraute Bilder wie das des gefallenen Trommlers. Unsere Beschäftigung mit der Geschichte ist eine Beschäftigung mit immer schon vorgefertigten, in das Innere unserer Köpfe gravierten Bildern, während die Wahrheit irgendwoanders, in einem von keinem noch entdeckten Abseits liegt. Wer allenfalls vermag in dieses Abseits gelangen, wenn nicht die Dichter.

Die Gesellschaftswissenschaften* sind, wie die Geschichts- wissenschaften, verborgen im Text, mit dem zentralen Lehrsatz, daß die Dinge sich, Aufklärung hin und Mündigkeit her, nach wie vor über unseren Kopf hinweg vollziehen. Die Philosophie hat ihren Fachvertreter in Wittgenstein, dem unterstellt wird, er wolle das Dunkel, das uns umgibt mit reinem Denken und reiner Anschauung durchdringen. Ob ihm das nun gelingen mag oder nicht, der belastbare Ertrag der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften ist in der Summe gering.

Selysses hat seit seiner Volksschulzeit in der Klasse Bereyters kaum einen Lehrer gefunden, dem er hatte zuhören können, das Werk atmet, Tonlage und Sprachhaltung zum Trotz, eine Geringschätzung formaler Bildung. Begonnen hatte Selysses seinen Bildungsweg mit Untersuchungen der Mehlkiste im Schlafzimmer der Großeltern, hier hatte er zu Allerheiligen und Allerseelen, den Tagen, die ihm sinnvoller erschienen waren als alle anderen, nach dem verborgenen Geheimnis gesucht. Den begonnenen Weg galt es fortzusetzen. In Nach der Natur ist die zunächst noch ganz und gar amorphe Suche entfaltet und strukturiert, im ersten Teil treffen wir Grünewald, den malenden Gottessucher, im zweiten Teil den Naturforscher Steller, zwei Wege, die Selysses, dem der dritte Teil vorbehalten ist, nicht einschlägt, die er aber im Auge behält.

Bei der Geburt der modernen Naturwissenschaften sind wir dabei, wenn wir Rembrandts Bild von der Prosektur des Dr. Tulp betrachten. Zweifellos handelte es sich einesteils um eine Demonstration des unerschrockenen Forschungsdrangs der neuen Wissenschaft, andernteils aber, obzwar man das sicher weit von sich gewiesen hätte, um das archaische Ritual der Zergliederung eines Menschen, um die nach wie vor zum Register der zu verhängenden Strafen gehörende Peinigung des Fleisches des Delinquenten bis über den Tod hinaus. Daß es bei der Amsterdamer anatomischen Vorlesung um mehr ging als um die gründliche Kenntnis der inneren menschlichen Organe, dafür spricht der an Rembrandts Darstellung ablesbare zeremonielle Charakter der Zerschneidung des Toten. Um die Biologie und speziell auch die Ichthyologie ist es nicht besser bestellt als um die Medizin. Erstaunlich ist die Lebenskraft des Herings, hatte doch ein gewisser Neucrantz in Stralsund mit großer Genauigkeit die letzten Zuckungen eines vor einer Stunde und sieben Minuten aus dem Wasser geholten Herings registriert, ein Franzose namens Noel Marinière hatte eines Tages gar staunend wahrgenommen, wie ein paar Heringe, die schon zwei bis drei Stunden auf dem Trockenen lagen, sich noch rührten und hatte, um die Lebensfähigkeit dieser Fische genauer zu erkunden, ihnen die Flossen abgeschnitten, eine der üblichen von unserem Wissensdrang inspirierte Prozeduren. Von den Gefühlen des Herings aber wissen wir bis heute in Wahrheit nichts, und auch, was die Makrelen anbelangt, sind die Zusammenhänge zwischen ihrem Leben und Sterben und dem der Menschen weitaus komplizierter, als wir erahnen.
Die Ingenieurwissenschaften sind vertreten durch die Herren Herrington und Lightbown, die um 1870, als bereits allenthalben an Projekten zu einer totalen Illumination unserer Städte gearbeitet wurde, versucht haben, aus der von den toten Heringen ausgeschwitzten luminösen Substanz die Formel zur Erzeugung einer organischen, sich fortwährend von selber regenerierenden Lichtessenz abzuleiten. Das Scheitern dieses exzentrischen Planes war ein kaum nennenswerter Rückschlag in der sonst unaufhaltsamen Verdrängung der Finsternis. Anders als das Hochschulgelände wird eine ingenieurwissenschaftliche Forschungseinrichtung zum Erzählgebiet, allerdings eine aufgelassene und auf seltsame Weise verzauberte, gleichsam rückfällige und dann doch wieder zukunftsweisende Anlage. Die ringsum mit Unmengen von Steinen zugeschütteten Betongehäuse, in denen Hundertschaften von Technikern an der Entwicklung neuer Waffensysteme gearbeitet hatten, nahmen sich aus der Entfernung wie Hügelgräber aus. Der Eindruck, daß ich mich auf einem Areal befand, dessen Zweck über das Profane hinausging wurde durch mehrere tempel- oder pagodenartige Bauten. Je näher ich aber den Ruinen kam, desto mehr verflüchtigte sich die Vorstellung von einer geheimnisvollen Insel der Toten und ich wähnte mich unter den Überresten unserer eigenen, in einer zukünftigen Katastrophe untergegangenen Zivilisation.

Top right an angel hovering, top left the attendance of a star. Die im Werk am besten vertretene Naturwissenschaft ist die Astronomie. Der Astrophysiker Malachi ist gewohnt, alles aus der größten Entfernung sieht, nicht nur die Sterne, viel nachgedacht har er in letzter Zeit aber über die Auferstehung und zumal über den Satz, demzufolge unsere Gebeine und Leiber von den Engeln dereinst übertragen werden in das Gesichtsfeld Ezechiels. How shall we sing the Lord’s song in the land of the electron. Gerald Fitzpatricks besonderes Interesse gilt dem Adlernebel, riesigen Regionen interstellaren Gases, die sich zu gewitterwolkenartigen, mehrere Lichtjahre in den Weltraum hinausragenden Gebilden zusammenballen und in denen, in einem unter dem Einfluß der Schwerkraft ständig sich intensivierenden Verdichtungsprozeß ständig neue Sterne entstehen, eine wahre Kinderstube von Sternen. Gerald versucht, die sinnlose Weite des Universums mit dem anthropomorphen Bild der Kinderstube unserem Sinn zugänglich zu machen, auch in seinem Fall also ein Verzicht auf den kalten Blick der Forschung.

Austerlitz, kein Astronom aber dem Ideal des Universalgelehrten nahe, gerät in der Sternkammer in Greenwich in kosmischen Grübeln, weniger den Raum als die Zeit betreffend. Der Unterschied ist vielleicht zu vernachlässigen, werden die Weiten des Alls doch mit einem Zeitmaß in Lichtjahren gemessen. Überhaupt ist die Zeit von allen unseren Erfindungen die weitaus künstlichste. Was heißt es, daß die Stunden des Lichts der Dunkelheit im gleichen Kreis angezeigt werden? Warum steht die Zeit an einem Orte ewig still und verrauscht und überstürzt sich an einem anderen? Die Toten sind außer der Zeit, die Sterbenden und die vielen bei sich zu Hause oder in den Spitälern liegenden Kranken, und nicht nur diese allen, genügt doch schon ein Quantum persönlichen Unglücks, um uns abzuschneiden von jeder Vergangenheit und jeder Zukunft. Austerlitz’ Schüler Selysses sehnt sich in Ajaccio danach, eine der steinernen Burgen zu beziehen, um sich fortan nichts anderem zu widmen als dem Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit.
Im Schatten der dem menschlichen Maß inkompatiblen Ergebnisse astrophysikalischer Forschung gedeiht weiter die Astrologie. Die Mutter nahm dies als gutes Zeichen, nicht ahnend, daß der kalte Planet Saturn die Konstellation der Stunde regierte, und später erschien mir dann, als ob der alte Aberglaube, daß bestimmte Krankheiten des Gemüts und des Körpers mit Vorliebe unter dem Zeichen des Hundssterns in uns festsetzen, möglicherweise seine Berechtigung hat. Die Mathematik erscheint überhaupt nur als Zahlenmystik, die Wirkung der Zahl Dreizehn etwa, Datumskoinzidenzen. Insgesamt kann die Wissenschaft die beanspruchte Rolle, Fundament des menschlichen Lebens in der Neuzeit zu sein, nicht im erwarteten Umfang erfüllen. Wo andere Fortschritt wahrnehmen, sieht der Dichter statische Blähungen, belanglos oder nicht zum Guten. Selysses’ Reisen und Wanderungen sind immer Kreisbewegungen, letztlich Stillstand. Statische Dichtung, vor meinem Fenster liegt ein Tal darin sammeln sich die Schatten, zwei Pappeln säumen einen Weg. Die Geheimnisse der Mehlkiste sind nicht gelüftet, aber wir fühlen uns längst beteiligt an der fortdauernden Suche.

Freitag, 21. Februar 2014

Kritiklos

Kapitalismus et al.

 
Wer Ohren hat zu hören, der hört in den Ausführungen des jungen Literaturkritikers Sebald den forschen Ton Adornos. In der dichterischen Prosa ist dieser Klang dann verschwunden. Nur vereinzelt ist noch etwas wahrzunehmen, was als Kritik in der Nachfolge der kritischen Theorie gelten kann, etwa dann, wenn es um Touristen und Feriengäste geht. Es sind die weniger gelungenen Stellen, wenn die Belgier völlig ungerechtfertigt und jenseits aller Kritik als Volk von Krüppeln und Irren eingeordnet werden, ist das literarisch überzeugender. Allgemein gesprochen, hat die Kritik weithin der Klage Platz gemacht.

Die übliche Kritik ist Machtkritik, sie kritisiert die Ausübung der Herrschaft von Menschen über Menschen, ihr bekanntesten Terrain ist die Kapitalismuskritik, der Mensch und nicht das Geld soll die Welt regieren. Kapitalismuskritik klingt in Sebalds Essaywerk verschiedentlich an, orientiert sich dabei weniger unmittelbar an Marx als etwa an der literarischen, latenten Kritik Gottfried Kellers. Adorno war zunächst ein relativ orthodoxer Marxist, der auf die Entfesselung der Produktivkräfte setzte zum Zwecke der Beherrschung der Natur und der Emanzipation des Menschen. Im Kreis der Künstlerschar der jungen Sowjetmacht kam unter anderen der Vorschlag auf, das gesamte Areal von Taiga und Tundra als unnütz und dem Menschen nicht tauglich einzubetonieren, sicher eine weniger praktische als symbolische Petition, deswegen aber nicht weniger grauenhaft, zeigte sie doch, mit welch Geistes Kindern man es zu tun hatte. Gnadenlose Herrschaft über die Natur zur Errichtung eines herrschaftsfreien Raums der Freiheit, das konnte nicht gutgehen und machte sich bei Adorno und anderen nach einigem Nachdenken als Dialektik der Aufklärung geltend. Auf deren dunkle Seite ist Sebald weiter vertreten.

Es ist nicht sichtbar, daß Sebald sich nach der sprachlich auffälligen Entfernung von Adorno eines anderen philosophisch-soziologischen Beistands versichert hätte. Wittgenstein fasziniert ihn als Gestalt, seine Philosophie hat er nicht vertieft studiert. Luhmann zitiert er einmal, ist aber nicht mit ihm vertraut geworden. Immerhin hätte er hier eine theoretische Untermauerung seiner Vorstellung finden können, wonach sich das Weltgeschehen über unsere Köpfe hinweg vollzieht: Alles könnte ganz anders sein (wenn denn die gesellschaftliche Evolution anders verlaufen wäre, nicht etwa, wenn die Revolution gelungen wäre), und kaum etwas ist zu ändern (alles ändert sich ständig durch unser Tun, aber nicht gemäß unseren Wünschen). Die alten Meister, Giotto, Tiepolo, konnten das sich nach Gottes Willen vollziehende Geschehen über unseren Köpfen noch beherzt ausmalen, wir müssen das evolutionierendes Geschehen sozusagen von unten her hinnehmen. In beiden Fällen aber, zur Zeit Gottes und jetzt ohne ihn, haben wir es mit einer Welt zu tun, die in jeder Einzelheit, nicht aber insgesamt zu kritisieren ist, geschweige denn, daß eine Generalbereinigung möglich und das Wahre nicht mehr im Falschen wäre.

Die Entfesselung der Produktivkräfte zeichnet Sebald am Beispiel der traurigen und menschenleeren Stadt Manchester nach. Wem auch sollte die eigenverantwortliche Lenkung der Menschheit, wenn sie denn möglich wäre, anvertraut werden. Die Philosophen kommen, anders als noch die Alten dachten, nicht in Betracht. Die Herren des Geldes stehen bereit, sind aber allgemein unbeliebt, auch bei Selysses, die Arbeiter aus den Goldminen der City, wie sie sich zur frühen Abendstunde an ihrem gewohnten Trinkplatz einfinden, alle einander ähnlich, in ihren nachtblauen Anzügen, gestreiften Hemdbrüsten und grellfarbenen Krawatten, mit den Gewohnheiten einer in keinem Bestiarium beschriebenen Tierart, dem engen Beieinanderstehen, dem halb geselliges, halb aggressives Gehabe, dem Freigeben der Gurgel beim Leeren der Gläser, dem immer aufgeregter werdende Stimmengewirr, dem plötzliche Davonstürzen des einen oder anderen. Die Politiker nach Hitler werden schon gar nicht mehr erwähnt, ab und zu ein kurzer sarkastischer Blick auf Brüssel, Volksabstimmungen führen zu unerwünschten Ergebnissen, und die Wissenschaften können für die erhoffte Klarheit nicht sorgen.

Mittwoch, 19. Februar 2014

Keltisches Feuer

Meibion Glyndŵr

Es wird berichtet, im Haushalt von Ronald Stuart Thomas habe es nur ein Elektrogerät gegeben, einen Staubsauger, und auch der sei nach kürzester Zeit bereits als zu laut empfunden und wieder entfernt worden. Den walisischen Dichter kann man sich gut in einer Reihe vorstellen mit den Zurückgezogenen, Weltflüchtigen, die Selysses auf seinen englischen Wanderungen aufsucht, Garrad, Hamburger, Farrar, Le Strange. Daß er seinen Wohnsitz naturgemäß nicht in Südostengland hatte, tut nichts zur Sache, den Dichter trägt es mühelos bis nach China, und nach Irland ohnehin, das, wenn nicht mit dem Flugzeug, in der Regel auf einer Fähre von Ynys Môn aus erreicht wird, Wales in dieser Hinsicht - detaillierte Landeskenntnisse werden dann in Austerlitz unter Beweis gestellt - eine bloße Zwischenstation. Thomas’ engster Verwandter ist ohnehin kein Engländer, sondern der Venezianer Malachi, der, von Beruf Astrophysiker, bevorzugt nachdenkt über die Auferstehung und zumal über den Satz, demzufolge unsere Gebeine und Leiber von den Engeln dereinst übertragen werden in das Gesichtsfeld Ezechiels. R.S. Thomas, von Beruf Prediger, schaut aus der entgegengesetzten Richtung auf die gleichen Fragen: I go to church to proclaim with my fellows: I believe in the Ressurection - of what? Here everything is electric and automatic. How shall we sing the Lord’s song in the land of the electron. Elektrizität als Hindernis für den Glauben, wiederum von der anderen Seite aus hatte Lenin korrespondierend angenommen, Elektrifizierung würde das große befreiende Säkularisierungswerk im Zeichen des Kommunismus erfolgreich abschließen. Die große Zeitenwende, der Austausch von Religion gegen Wissenschaft und Technik, ist das verborgene Zentrum auch in Sebalds Werk. Der geplante Austausch gestaltet sich für die Nachdenklichen offenbar schwieriger als der Ersatz eines alten Autos durch ein neues.

Mrs. Ashbury erzählt von den Brandschatzungen während des irischen Bürgerkriegs, insgesamt sollen mehr als zweihundert Herrenhäuser der Engländer niedergebrannt worden sein. Offenbar galt das Niederbrennen der Häuser das wirksamste Mittel zur Ausräucherung und Vertreibung der verhaßten englischen Staatsgewalt. Ihr Mann, so Mrs. Ashbury, habe sich zu den irischen Verhältnissen nie geäußert, obwohl er schreckliche Dinge mitangesehen haben muß, sie selbst habe gar nichts verstanden von den Geschehnissen. Der Dichter nimmt keinerlei Stellung in dem sichtbar werdenden Konflikt, ihm geht es allein um die Unschuldigen der Geschichte, die Ashburys und viele andere.
R.S. Thomas hat sich als Pazifisten gesehen, gleichzeitig aber die Söhne des einem breiteren Publikum aus Cowper Powys’ Roman bekannten Glendower, y Meibion Glyndŵr, die in den achtziger und neunziger Jahren ihrerseits mehr als zweihundert Ferienhäuser reicher Engländer in Wales abgebrannt haben, wenn nicht mit Tat - dafür war er schon zu alt – so doch mit Rat unterstützt. Den Umstand, daß es dabei nicht ohne Unfälle und Schäden an Leib und Leben abging, hat er mit der Bemerkung quittiert: what is one death against the death of the whole Welsh nation? Der Amtsbruder Emyr Elias hatte sich noch beschränkt auf die Drohung mit dem Höllenfeuer, an das man glauben kann oder auch nicht.

Selysses kennt sie, die reichen Londoner, die Arbeiter aus den Goldminen der City, die sich zur frühen Abendstunde an ihrem gewohnten Trinkplatz einfinden, alle einander ähnlich, in ihren nachtblauen Anzügen, gestreiften Hemdbrüsten und grellfarbenen Krawatten, und hatte versucht, die rätselhaften Gewohnheiten dieser in keinem Bestiarium beschriebenen Tierart zu begreifen, ihr enges Beieinanderstehen, ihr halb geselliges, halb aggressives Gehabe, das Freigeben der Gurgel beim Leeren der Gläser, das immer aufgeregter werdende Stimmengewirr, das plötzliche Davonstürzen des einen oder anderen. Am Wochenende erholen sie sich dann auf ihre Art an der walisischen Küste. Der aus Selysses’ Wandergebiet Norfolk stammende englische Reiseschriftsteller George Borrow hält 1854 in seinem Bericht über das Wilde Wales seinen arroganten und im Umgang plumpen Landsleuten immer wieder die von ihnen verachteten, dabei aber, wie er sie sieht, auf eine natürliche Weise kultivierten Cymry entgegen. Heute schauen wir auf den einzelnen Menschen und vermeiden derartige Urteile.
Das Wunder des aus Kohlenstoff entstandenen Lebens geht in Flammen auf, brucia continuamente. Das Feuer begegnet und in Sebalds Werk in jedweder Form, als stille, unsichtbare Verbrennung zur Erzeugung der Körperwärme, als Glimmen, Glosen, Entflammen, Lodern, als Brand des Kairoer Operhauses, der Stadt London, als die Feuerwalzen des Bombenkriegs, als das offenbar ersehnte Hervorbrechen des Erdfeuers aus den böhmischen und anderen Vulkanen.

Sebalds Einsiedler sind zivilisierte Zivilisationsflüchtige, den Einsiedler im Naturzustand kennt er nicht, Iago Prytherch his name, though, be allowed, just an ordinary man in the bald Welsh hills. There is something frightening in the vacancy of his mind. His clothes, sour with years of sweat and animal contact, shock the refined, but affected, sense with their stark naturalness. Yet he is your prototype.

Fy nghyfaill, efo'th lonydd braidd ar fryn a gwaun yn ymladd yn ddi-dor a'r ddaear ddidrugaredd, so ist, glaube ich, der Wortlaut.

Samstag, 15. Februar 2014

Am dunklen Rhein

Taumel

Feelings my friend wrote Schumann are stars which guide us only under a dark sky. Wir haben erfahren, daß die Gefühle in der ursprünglichen deutschen Fassung des Gedichts Sterne waren, die nur am lichten Tag uns leiten. Können wir uns daraufhin auf die Lichtverhältnisse in den anderen Gedichten aus For Years Now noch verlassen, ist es ohne jeden Zweifel the brown coat, the one he used to wear on his night journeys, der nachgesendet werden soll und nicht eher der helle Staubmantel für Sonnentage, wenn nicht gar, für nasses Wetter, der berühmte blaue Regenmantel mit der schadhaften Stelle an der Schulter - immerhin ist gleich darauf vom blue gras die Rede, seen through a wafer thin layer of frozen water.

Seit gut dreihundert Jahren steht die Welt im Zeichen intensiver Erhellungsbemühungen, der lichte Schein der Toleranz etwa soll noch die finstersten Winkel in ein mildes Licht tauchen, dort, wo vor Zeiten das Strafgericht des Herrn eingeschlagen wäre mit den dunklen Farben des Fegefeuers und den Qualen der Verdammnis. Die Nacht wird buchstäblich zum Tag gemacht, um 1870, als bereits allenthalben an Projekten zu einer totalen Illumination unserer Städte gearbeitet wurde, sollen zwei englische Wissenschaftler mit den seltsamerweise zu ihren Forschungen passenden Namen Herrington und Lightbown versucht haben, aus der von den toten Heringen ausgeschwitzten luminösen Substanz die Formel zur Erzeugung einer organischen, sich fortwährend von selber regenerierenden Lichtessenz abzuleiten. Das Scheitern dieses exzentrischen Planes war ein kaum nennenswerter Rückschlag in der sonst unaufhaltsamen Verdrängung der Finsternis. – Innerhalb eines Gegensatzpaares wird jeder nach seinem Temperament die eine oder aber die andere Seite bevorzugen, alle Versuche aber, die eine Seite zugunsten der anderen verschwinden zu lassen, sind zum Scheitern verurteilt. What is it that so darkened our world, Beleuchtungsapparaturen sind keine Antwort auf diese Frage.
Auf welchen uns bekannten Nachfahrten mag Selysses den braungefärbten Mantel getragen haben; auf der Fahrt von Wien nach Venedig im Herbst 1980 mag er von Nutzen gewesen sein, ebenso auf der Flucht zurück über den Brenner noch im selben Jahr, als der Regen schon in Schnee überging. Bei der Wiederholung der Fahrt im Sommer 1987 war leichteres Tuch angesagt. Oder geht es gar nicht in erster Linie um die Alpen, sondern um das Rheintal: Rhine Valley at dusk northward we go into the bays of darkness.

Die Fahrt mit dem Zug durch Süddeutschland findet bei Taglicht statt und ist gänzlich unspektakulär, Waldparzellen, Kiesgruben, Fußballplätze, Werksanlagen, Kolonien von Reihen- und Einfamilienhäusern hinter Jägerzäunen und Ligusterhecken. Die Situation ändert sich von Grund auf, als in Heidelberg, kurz vor Erreichen des Bezirks der Rheinromantik, die Winterkönigin einsteigt. Die Erzählung folgt nun ihrem Blick in eine von ihr verzauberte Landschaft. Von einem starken Wind getrieben wehten die Heckflaggen der die graue Flut durchpflügenden Lastkähne nicht nach rückwärts, sondern wie auf einer Kinderzeichnung nach vorne zu. Das Licht hatte abgenommen, bis nur mehr eine fahle Helle das Stromtal erfüllte. Ein allmählich eintretendes Schneetreiben überzog den Prospekt, wie auf einer japanischen Tuschzeichnung, mit einer feinen, fast waagerechten Schraffur, und es war, als seien wir auf dem Weg hinauf in den hohen Norden und näherten uns bereits der äußersten Spitze der Insel Hokkaido. Bei fahlem Licht und kalter Witterung ist der Nachtmantel nicht fehl am Platz. Die Winterkönigin, die aller Wahrscheinlichkeit nach die Verwandlung der Rheinlandschaft bewirkt hatte, war auf den Gang herausgetreten, um das schöne Schauspiel zu betrachten. My love I am sending you this picturesque view of the river Rhine as I will be leaving today by the six o’clock steamer: wir fragen uns, wie Selysses Name und Anschrift der schönen Fremden, die anzusprechen er dumm und stumm versäumt hatte, dann doch noch in Erfahrung bringen konnte. Ausgestiegen ist sie am Bahnhof Bonn, dürfen wir Bewohner der Bundesstadt sie in unserer Mitte vermuten?

Diesmal von Böhmen her kommend - ein grenzen- und namenloses, gänzlich von finsteren Waldungen überwachsenes Land war zu durchqueren - biegt der Zug irgendwo hinter Frankfurt in das Rheintal ein. In dem in der Dämmerung schwer dahinfließenden Strom liegen die Lastkähne, bis an die Bordkante im Wasser, scheinbar bewegungslos, hinter den schiefergrauen Felsen und den Schluchten, hineinführen verbirgt sich ein vorgeschichtliches und unerschlossenes Reich, die Geschichte der Mordstadt Bacharach, der Binger Mäuseturm, das große Heer der Mäuse, wie es sich in die Fluten stürzt und, die kleinen Gurgeln nur knapp über dem Wasser, verzweiflungsvoll rudert, um auf die rettende Insel zu gelangen. Der große, unregulierte, stellenweise über die Ufer getretene Strom, so wie er von früheren Reisenden beschrieben wurde, in seinem tiefen Wasser das Bild des untergegangenen Kirchdorfs Llanwddyn. Die bereits untergehende Sonne erfüllt das ganze Tal mit ihrem Glanz, aus dem heraus es wie die Morgenröte einer anderen, vergangenen Reise strahlt. Drei riesige Schlote - jeder Rheintalreisende kennt diese Wahrzeichen - ragen hinauf in den Himmel, so als sei das östliche Ufergebirge in seiner Gesamtheit ausgehöhlt und nur die äußere Tarnung einer unterirdischen, über viele Quadratmeilen sich erstreckenden Produktionsstätte.
Northward into the bays of darkness: wo ist dieses Norden, diese Kälte, dieses Dunkel? Bis ans äußerste Nordmeer, wie Georg Wilhelm Steller, müssen wir vielleicht nicht reisen. Hokkaido wurde ins Gespräch gebracht, aber vor allem wohl wegen der nach der Art japanischer Zeichnungen schraffierten Landschaft. In Bala, Wales, hat es Austerlitz immer gefroren, und das Predigerpaar erlebte die völlige Eindunklung. Die topographische Suche ist aber wenig maßgeblich und verfehlt, wenn es um einen unbestimmten Ort der Dunkelheit und Kälte in unserem Inneren geht. Immerhin, die Umkehrung: southward into the bays of darkness, ist nicht gut möglich. Selysses Italienreisen mögen im großen und ganzen scheitern wie zuvor diejenige Kafkas und wie vielleicht sogar diejenigen Stendhals, allein schon der Aufenthalt im Giardino Giusti spricht eine andere Sprache, dort, wo ein weißes türkisches Taubenpaar mit einigen wenigen klatschenden Flügelschlägen steil über die Wipfel sich erhob, eine kleine Ewigkeit stillstand in der blauen Himmelshöhe und dann, vornüberkippend mit einem kaum aus der Kehle dringenden gurgelnden Laut, herabsegelte, ohne sich selbst zu rühren um die schönen Zypressen herum, von denen die eine oder andere vielleicht an die zweihundert Jahre schon gestanden hatte an ihrem Platz. Der hellste Ort aber liegt im Norden, Andromeda Lodge in Gwynedd, Gogledd Cymru. Northward oder southward, das mittlere Land mit dem Rheingraben ist immer nur Transit, aufzuhellen allenfalls von einer Winterkönigin.

Sonntag, 2. Februar 2014

Avantgarde

Napoleons Farben

In dem Film The Fountainhead, deutscher Verleihtitel: Ein Mann wie Sprengstoff, verkörpert Gary Cooper einen avantgardistischen Architekten, unverstanden von der Masse seiner Mitbürger und daran schwer leidend. Der Eindruck ist vernichtend, keiner, der sich den exemplarischen Helden nicht zurück aufs Pferd wünscht, unterwegs, por el llano, por el viento, nach Vera Cruz, oder, von allen verlassen und unbeugsam, auf dem Gang durch die nach traditionellen Mustern erbauten wenigen Straßenzüge von Hadleyville. Avantgarde, Vorhut, ist ein Begriff aus der Militärsprache. Er bezeichnet den vordersten Truppenteil, dem die restlichen Teile gleichsinnig nachrücken. Weitaus häufiger und abgewandelt wird der Begriff seit langem in Kunst und Kultur verwandt. Gemeint ist hier eine präsumtive künstlerische Elite, die sich als voran- und vorausschreitend erlebt und auf eine nicht ohne weiteres gleichgesinnte, weit zurückbleibende, letzten Endes dann aber doch mitgezogene Truppe spekuliert. Wenn der Kontakt zur Truppe vollends abreißt, weil die sich gar nicht bewegt oder aber unbekümmert um die Avantgarde in eine andere Richtung geht, ergibt sich für diese eine schwierige Situation, im Militär- sowohl wie im Kunstbereich. Eine Avantgarde mit nichts im Rücken gilt als versprengter Haufen.
Sebald wird mit dem Begriff der Avantgarde eher selten in Verbindung gebracht, am ehesten noch mit seiner letzten, bereits posthumen Publikation For Years Now. Tess Jarays Bildausstattung fügt sich ein in den Rahmen einer inzwischen klassisch gewordenen Avantgarde. Die Avantgarde ist ein Kind, in ihrer Blütezeit eher schon ein Enkel der großen aufklärerischen Zeitenwende, der großen Blickwende von zurück in die Vergangenheit nach vorn in die Zukunft, dem heftigsten von der Historiographie je vermessenen Amplitudenausschlag, nicht auspendelbar. Mit der französischen Revolution teilt die Avantgarde die Vorstellung vom völligen Neubeginn, Tabula rasa. Bereits Hegel aber hatte als leibhaftiger Beobachter der französischen Vorgänge die Unvermeidlichkeit des Übergangs in den Terrors nachgezeichnet, die sich ergibt beim Versuch, alle Verbindungen zur Vergangenheit und jede Verwurzelung in ihr zu kappen und aufzuheben. Man kann sich fragen, ob Tabula rasa in der Kunst weniger terroristisch ist als in der Politik, auch wenn das Blut nicht so offenkundig fließt.

Beim ständigen Voranschreiten erweisen immer weitere Wege sich als Sackgassen. Angelangt beim Monochromen Blau bleibt der Malerei nur noch ein einziger weiterer Schritt voran, die Einstellung des Betriebs. Becketts Helden ist das Gefühl der Vorwärtsbewegung gründlich abhanden gekommen, und auch Selysses ist auf seinen Reisen und Wanderungen kaum zielstrebiger, Benjamins Engel hat sich gedreht, schaut, wie vor der großen Wende üblich, zurück und findet dort auch keinen rechten Trost. Soll man Proust zur Avantgarde zählen oder Kafka? Die sich nach eigenem Selbstverständnis mit ständigen Neuheitswerten überschlagende und fortwährend selbst überrollenden Welle müßte längst über sie weggegangen sein. Ihre Neuheit aber scheint beständig, schlägt man zum ersten Mal einen Band Kafka oder Proust auf, so ist es, als treffe man auf den Türsteher, und er öffnete dir ohne Zögern den allein nur für dich bestimmten Zugang. Eine ungeahnte Welt tut sich auf, und so weit man auch geht, unbekümmert um Neu oder Alt, man kommt nicht an ein Ende.
Das erste Kurzgedicht in For Years Now greift das bereits angesprochene Thema eingeschränkter Chromatik auf: It is said / Napoleon was / colourblind / & could not / tell red / from green. Eine korrespondierende Prosastelle schlägt die Brücke zu Terror und Blut: Die genaueste Wissenschaft von der Vergangenheit reicht kaum näher an die von keiner Vorstellungskraft zu erfassende Wahrheit heran als, beispielsweise, eine so aberwitzige Behauptung wie die, die mir einmal vorgetragen wurde von einem in der belgischen Hauptstadt lebenden Dilettanten namens Alfonse Huyghens, der zufolge sämtliche von dem Franzosenkaiser in den europäischen Ländern und Reichen bewirkten Umwälzungen auf nichts anderes zurückzuführen waren als auf dessen Farbenblindheit, die ihn Rot nicht unterscheiden ließ von Grün. Je mehr das Blut floß auf dem Schlachtfeld, so der belgische Napoleonforscher zu mir, desto frischer schien ihm das Gras zu sprießen.

Das im Buch im Zeilenverlauf vertikal angeordnete Kurzgedicht geht auf uns nieder wie ein winziger Meteor, eine Botschaft des Himmels, die verglüht, bevor wir sie verstehen konnten. Der Belgier Alfonse Huyghens glaubt etwas verstanden zu haben, und mit seiner Hilfe entfaltet der Dichter die Botschaft neu, jeder weitere Nebensatz, jeder Einschub ein leichter Flügelschlag, bis sie, nur vom Aufwind getragen, über uns schwebt. So an den Himmel geschrieben ist die Botschaft klar und ernüchternd, und wir gewinnen einen Begriff von dem, was sich über unseren Köpfen vollzieht und unter unseren Füßen: die abstrusesten Überlegungen sind zur Erklärung des Geschichtsverlaufs nicht besser und nicht schlechter als die ausgefeilteste Theorie. Der große historische Schub zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts nichts als die Folge einer Sehschwäche, wer kann beweisen, er wisse es besser - es wird sich schon beweisen lassen, Scherz und tiefere Bedeutung halten sich beim Dichter die Waage. Kein reiner Tisch jedenfalls, sondern eine mit den Brocken der Geschichte vollgeräumte und eingestaubte Platte.

Aurach mag unter gewissen Aspekten als Vertreter der Avantgarde in Sebalds Prosawerk erscheinen, tatsächlich aber ist er der Künstler des Staubs, der sich einstaubenden Welt, ein Versprengter, nicht allem voran, sondern abseits von allem, ein Verlorener der Garde dispersée. Eine Vorstellung von dem, was ein wahres Kunstwerk ist, gewinnt er im Traum, als er auf dem Schoß von Pan Frohmann aus Drohobycz ein winziges Modell des Tempel Salomonis sieht. Zweitausendfünfhundert Jahre zurück, so weit muß man gehen, um, im Rahmen der menschlichen Möglichkeiten, eine Amplitudendämpfung zu erreichen. Alec Garrad hat offenbar den gleichen Traum gehabt und sein Leben mehr und mehr dem Bau eines Tempelmodells in einem etwas größeren Maßstab verschrieben.

Aurach wohnt in seinem Atelier, Garrad mehr oder weniger in der Scheune, in der das Tempelmodell entsteht, der Architekturhistoriker Austerlitz liebäugelt mit einem Bahnwärterhäuschen als Unterkunft, Sebald siedelt als Selysses um in seine Prosa, alles, auch für uns Leser, wohnlichere Orte als die in ihrer Neuheit erstarrten oder einstürzenden Neubauten der Avantgarde.

Sonntag, 26. Januar 2014

Figurationen

Ansichten eines Gemeinen Leser


Wer einen unter dem geringen Umfang des Werkes leidenden Liebhaber der Sebaldschen Prosa tröstend auf die wissenschaftlichen Arbeiten des Autors hinweist und dabei vor allem auf die umfangreichen frühen Schriften zu Sternheim und Döblin, wird nicht in jedem Fall Dank ernten. Eine ganz andere Sache ist es mit der Lyrik. Man schlägt Über das Wasser und das Land auf, liest von Tschechows Tod und ist gefangen. Passionierte Prosaleser würden allerdings die Lektüre eines kompletten Lyrikbandes, wie zuvor schon Gombrowicz, in der Art eines festlichen Diners erleben, bei dem sämtliche Gänge nur aus Dessertspeisen bestehen, mit den entsprechenden gastrischen Verwerfungen.

Der Leser begibt sich in einen Prosatext, verliert sich darin, lebt darin und braucht so schnell niemanden sonst. Aus einem Lyrikband liest er ein oder zwei, allenfalls drei Gedichte, nimmt aus den genannten diätetischen Gründen Abstand von mehr und steht ein wenig verloren da. Das ist der Augenblick, in dem auch der jeder Pflicht entbundene Gemeine Leser (Lector delectans) gern zu einem ergänzenden Band wissenschaftlicher Darlegung greift, wie er jetzt vorliegt in Gestalt von Uwe Schüttes Figurationen. Man verläßt das Haus des Dichters, geht über die Straße hinüber in das Haus des Kommentators und fühlt sich auch dort wohl. Dank der vielen beigegebenen lyrischen Textauszüge muß man so schnell nicht wieder zurück, ein Vorteil zumal bei schlechtem Wetter. Das Haus wird eine gute Adresse bleiben, man wird zurückkehren, um sich zu vergewissern, was es mit diesem oder jenen auf sich hat, wie die Zusammenhänge sind.
Die Besprechung beginnt mit dem posthum herausgegebenen Band Über das Wasser und das Land, einer Sammlung von über die Jahre hin betriebenen lyrischen Kritzeleien (Sebalds Worte), in der man auf viele aus der Prosa bekannte Motive stößt. Am auffälligsten in dieser Hinsicht ist, den böhmischen Aufenthalt in Austerlitz vorwegnehmend, die Marienbader Elegie. Zu Recht wird die Goethes hohem Ton zuwiderlaufende Sprachhaltung hervorgehoben, die sich verbindet mit einem offen geäußerten Mißfallen an den verschlungenen Minnen des Meisters aus Weimar. Auch abgesehen von Marienbad ist in dem Band eine allgemeine Bewegung weg vom Zentrum der großen Lyrik (Goethe) und hin zu ihren gering geachteten Rändern (Herbeck) festzustellen.

Die Marienbader Elegie ist eines der längsten, über mehrere Seiten entfaltetes Gedicht. Im stärksten Kontrast zur Prosa stehen naturgemäß die zum Teil nur wenige Zeilen oder Wörter umfassenden, in der Syntax und der Gedankenabfolge extrem verkürzten Produkte, wie zum Beispiel Elisabethanisch. Während hier alles Entbehrliche und vielleicht noch mehr unterdrückt ist, folgt Sebalds Prosa dem Prinzip, alles nur Erdenkbare aufzufalten, dies immer zur Erweiterung der Trageflächen, um, dem eingestandenen Vorbild Thomas Brownes folgend, den Sätzen noch mehr Aufwind zu verschaffen.
Der zweite Teil der Figurationen geht auf Sebalds erste größere künstlerische Publikation ein, das Langgedicht Nach der Natur. Der Leser mag für einen Augenblick stutzen, war er ursprünglich doch in Versuchung gewesen, Nach der Natur als Prosagedicht fast schon auf die Seite der Prosa zu ziehen. Davon hat er aber inzwischen aus eigener Kraft Abstand genommen. Nach der Natur eröffnet mit dem Blick auf ein Heiligentableau und behält im lyrischen Fortgang, auch bei sich ändernden Inhalten, den sakralen Ton bei. Der heilige Georg allerdings, Schutzpatron des Dichters, schickt sich an, aus dem Rahmen des Poems zu treten, und tatsächlich treffen wir ihn wieder, unter Schwindelgefühlen, auf den Bildern Pisanellos und anderenorts, in der herzbewegenden Weltlichkeit der Prosa. - U. Schütte geht das Langgedicht sorgfältig durch, erhellt Dunkles, verweist auf biographische Hintergründe und erkennt verborgene Vorverweise auf das Prosawerk.

Nachdrücklich und aus gutem Grund wird betont, daß Sebalds Werk nicht mit Austerlitz schließt, sondern mit dem posthum erschienen, von Sebald selbst aber noch zur Publikation vorbereiteten Band For Years Now. Es handelt sich um eine Zusammenstellung von Miniaturgedichten Sebalds mit Bildern von Tess Jaray. Ein ähnliches Projekt war in Zusammenarbeit mit Jan Peter Tripp vorbereitet und ebenfalls erst nach Sebalds Tod, aber noch vor For Years Now, unter dem Titel Unerzählt veröffentlicht worden. Wie der Titel vermuten läßt, sind die Texte in For Years Now englischsprachig und wurden verschiedentlich als das von nicht wenigen die längste Zeit schon ersehnte Überwechseln, in der Spur Conrads und Nabokows, zur englischsprachige Literatur gedeutet. Zum einen aber wurden, wie wir erfahren, nicht wenige der Mikropoeme zunächst in einer deutschen Fassung entworfen, und zum anderen ist das Gewicht gegenüber der Prosaproduktion für diese Einschätzung nicht hinreichend.

U. Schütte gibt der schlicht gehaltenen Edition von For Years Now den Vorzug gegenüber dem eher zum Prachtband geratenen Unerzählt, aber es galt ja auch, einen Verstorbenen zu ehren, nicht die hohe Zeit kalter Avantgarde. Zu denken geben beide Bücher in jedem Fall. Besonders interessant ist die Geschichte des Gedichtes Feelings / my friend / wrote Schumann / are stars / which guide us / only under / a dark sky. Es gibt zwei frühe deutsche Fassungen. In der zweiten ist unter anderem die zweite Hälfte der ursprünglichen Fassung einfach weggeschnitten, weiterhin aufrecht erhalten bleibt aber die Einschätzung, Gefühle leiteten uns nur am lichten Tag, während es in der englischen Endfassung dann ein dark sky ist, unter dem sie gedeihen. Derartige Spielräume bei engen Verhältnissen können überraschen.
Wenn wir Sebalds Prosa als prachtvolle Entfaltung aus der gekritzelten Lyrik erleben, so kann uns die späte erneute Einfaltung der Sprache nicht unberührt lassen. Viele Blüten entfalten sich mit dem Tageslicht und schließen sich am Abend umso fester. So haben wir den Trost, daß Sebalds Leben immerhin einen vollen Tag umfaßt. Ohnehin ist die Zeit von allen unseren Erfindungen die weitaus künstlichste, und die Toten sind außer der Zeit.