Freitag, 30. November 2018

Nation

Schlaflos

Von der Terrasse herauf drang der Lärm der Musik und das Stimmengewirr der großteils schon angetrunkenen Gäste, bei denen es sich, wie er zu meinem Leidwesen feststellen mußte, fast ausnahmslos um seine ehemaligen Landleute handelte. Schwaben, Franken und Bayern hörte er die unsäglichsten Dinge untereinander reden, und waren ihm diese, auf das ungenierteste sich breitmachenden Dialekte schon zuwider, so war es ihm geradezu eine Pein, die lauthals vorgebrachten Meinungen und witzigen Aussprüche einer Gruppe junger Männer aus seiner unmittelbaren Heimat mit anhören zu müssen. Tatsächlich wünschte er sich in diesen schlaflosen Stunden nichts sehnlicher, als einer anderen oder, besser noch, gar keiner Nation anzugehören. – Die Nation hat schon seit langem keinen guten Ruf mehr, und zumal die deutsche, so heißt es, soll einen jeden, wenn er nur an sie denkt, um den Schlaf bringen. Auch der Dichter äußert sich harsch und unnachsichtig. Die Angehörigen anderer Nationen, insbesondere solcher Nationen, die die längste Zeit keine waren, sind oft konzilianter, milder im Urteil: Was die Weisheit meiner Nation anbelangt, so gehen die Meinungen auseinander, ale nikt nie powie, że jej jest za dużo – von einem Übermaß an Weisheit aber hat noch nie jemand gesprochen.

Donnerstag, 29. November 2018

Gespräche mit Frauen

Mutlos

Als die Winterkönigin, neben ihm im Gang des Schnellzugs stehend, das Gedicht vom weißen Rasen und schwarzen Krähen aufsagt, ist der Dichter trotz erheblicher innerer Bewegung nur dumm und stumm dagestanden und hat weiter hinausgeschaut in die nahezu vergangene Dämmerwelt. Generell fällt ihm die Gesprächsaufnahme mit Frauen nicht leicht. Dabei hatte es auf der zweiten Italienreise in Limone so gut begonnen. Das Gespräch nimmt seinen Ausgang auf der professionellen Ebene, einen Expreß und ein Glas Wasser möge sie, die Wirtin, ihm in regelmäßigen Abständen reichen, hatte er gebeten. Sie stellt Glas und Tasse vor ihm ab und knüpft eine kleine Unterhaltung an. Als sie erfährt, in dem Roman, an dem er schreibt, käme auch sie vor, geht sie geschwind hinter die Theke zurück, kehrt aber pünktlich wieder mit frischen Getränken und setzt die Unterhaltung fort. Obwohl, oder vielleicht auch weil sich alles derart gut anläßt, beschließt er schon am nächsten Tag weiterzureisen. Im Abteil sitzen neben ihm eine Franziskanerin von vielleicht dreißig oder fünfunddreißig Jahren und ein junges Mädchen mit einer aus vielen farbigen Flecken geschneiderten Jacke um die Schultern, beide von vollendeter Schönheit. Die Schwester liest ihr Brevier, das Mädchen, nicht minder versenkt, einen Bilderroman. Er bewundert den tiefen Ernst, mit dem sie jeweils die Blätter umwenden. Einmal blättert die Franziskanerschwester um, dann das junge Mädchen und dann wieder die Franziskanerschwester. Zu einem Blickkontakt oder gar einem Gespräch kommt es nicht, vielleicht kein Schaden, Worte hätten die traute Stimmung nur gestört. In den Tiroler Stuben des Innsbrucker Bahnhofs dann kommt es zu einer kurzen, aber heftigen Unterhaltung. Auf eine lustig gemeinte und seines Erachtens keineswegs unfreundliche Bemerkung über den Tiroler Zichorienkaffee hin hängt ihm die Bedienerin auf die bösartigste Weise, die man sich denken kann, das Maul an. Der Dichter nimmt es recht gelassen, traumatische Spätfolgen, die sich auf die Begegnung mit der Winterkönigin Wochen später ausgewirkt hätten, sind auszuschließen.

Es ist die Winterkönigin, die mit einem Gedicht, also auf dem ureigenen Feld des Dichters, das Gespräch eröffnet, wen kann es da wundern, daß es ihn gereut und gedauert hat, dumm und stumm dagestanden zu sein. Manches hat ihn schon gereut. Es hat ihn gereut, die Einladung zu den Bregenzer Festspielen angenommen zu haben. Es hat ihn gereut, nicht bei den Ashburys geblieben zu sein, um ihr immer unschuldiger werdendes Leben zu teilen. Es hat ihn gereut, dumm und stumm dagestanden zu sein. Wenig später nur nach der Begegnung mit der Winterkönigin, in der dunklen Vorhalle der U-Bahnstation in London, war außer einer sehr schwarzen, in einer Art Schalterhäuschen sitzenden Negerfrau nicht ein lebendiges Wesen zu sehen. Einige Blicke habe er mit der schwarzen Frau gewechselt, aber den entscheidenden Schritt nicht zu tun gewagt. Kein Wort davon, daß er seine Mutlosigkeit bedauert, daß sie ihn reut. Sie hätte ihn reuen sollen.

Aktentaschen

Per Eisenbahn, per Strick

Eine kurze Filmsequenz des syrischen Fernsehens zeigt Baschar Al-Assad, als er in einem schlichten Anzug okzidentalen Zuschnitts mit einer Aktentasche unterm Arm frühmorgens das Amtsgebäude betritt, wie jeder andere öffentliche Bedienstete bereit für das in seinem Fall besonders schwere Tagwerk. Eine Aktentasche ist immer der Ausweis eines geordneten bürgerlichen Lebens, all das andere, was man sonst noch zu hören und zu sehen bekommt aus Syrien, Kämpfen und Morden, ist offenbar getürkt und erlogen. So unverzichtbar die Aktentasche im bürgerlichen Leben ist, so fehl am Platz ist sie im sakralen. Wenn der Katechet die Flasche mit dem geweihten Wasser in einer schwarzglänzenden, schweinsledernen und nicht gottgefälligen Aktentasche befördert, hat er bereits verloren im Kampf mit Bereyter, der das Weihwasserbecken immer schon aus der profanen Gartenkanne aufgefüllt hat. Ungeachtet seiner tiefen, geradezu körperlich empfundenen Abneigung gegenüber dem Katholizismus gilt Bereyter als gottgläubig, die Umrisse dieser Gottgläubigkeit werden aber nicht erkennbar, auch nicht in der Stunde seines Todes.

In seinem Sterbetagebuch Pogodzić się ze światem, Seinen Frieden machen mit der Welt, findet Stachura am ehesten noch Halt am von keines Gedankens Blässe angekränkelte polnischen Katholizismus seiner Mutter, der ihm selbst naturgemäß verschlossen ist. Das Tagebuch führt vom ersten, in seinem Fall mißlingenden Suizidversuch per Eisenbahn – nur die rechte Hand wurde ihm abgefahren, er schreibt nun mit der linken – zum zweiten und erfolgreichen Versuch per Strick drei Monate später.

Sonntag, 25. November 2018

Schwarz

Verwunschener Ort


Verglichen mit dem menschenleeren Manchester ist die große Stadt London noch einigermaßen belebt, aber auch hier ist an einigen Stellen, wie man gern sagt, bereits der Wurm drin. Die U-Bahnstation war eben die, an der er noch nie jemanden hatte ein- oder aussteigen sehen. Der Zug hält, die Türen öffnen sich, man blickt auf den leeren Bahnsteig, die Türen schließen sich wieder, der Zug ruckt an. Kein einziges Mal hat auch nur einer der Fahrgäste mit der Wimper gezuckt. Die wahrscheinlichste Erklärung wäre, die Gegend um die Station ist unbewohnt und niemand hat Anlaß, ein- oder auszusteigen. Möglich aber weniger einleuchtend wäre eine Art Ghetto, bewohnt von Menschen, die, wie die Amish, mechanisierte Fahrzeuge verschmähen. Dieses Mal nähert sich der Erzähler der Station sozusagen nicht von der See-, sondern von der Landseite her. In der dunklen Vorhalle war außer einer sehr schwarzen, in einer Art Schalterhäuschen sitzenden Negerfrau nicht ein lebendiges Wesen zu sehen. Vielleicht, so denkt er, erübrigt sich die Feststellung, daß er schließlich doch nicht in diese Untergrundbahn hineingegangen ist. Einige Blicke habe er mit der schwarzen Frau gewechselt, aber den entscheidenden Schritt nicht zu tun gewagt. Erübrigt sich die Feststellung, er sei nicht hineingegangen, wirklich, war ihm nicht klar, daß die U-Bahnstation verwunschen ist, daß die nicht nur sehr schwarze, sondern fraglos auch sehr schöne Negerfrau verwunschen ist, daß sie auf jemanden wartet, der sie anrührt und erlöst?

Donnerstag, 22. November 2018

Sauvages

Unverdorben

Die fünfzehnjährige Tochter des Rektors lauschte mit wachsender Hingabe den Gesprächen, insbesondere wenn der vornehme Gast phantastische Geschichten ausmalte, in denen federgeschmückte Krieger vorkamen und Indianermädchen, deren dunkle Haut einen Anhauch zeigte von moralischer Blässe. Ganz besonders war Charlotte bewegt gewesen von dem Bild des Hundes, wie er mit einer Laterne, die er an einem Stecken trug in seinem Maul der angsterfüllten Atala vorausgeleuchtet hatte auf ihrem Weg durch die Nacht. Chateaubriand folgt offenbar dem Bild des edlen Wilden, der bei genauerem Hinsehen in zwei Varianten gesehen wurde, zwar edel aber halt noch wild und daher zu zivilisieren, unmündige Kinder, die erwachsen werden müssen im Gang der Geschichte; oder aber edel und bei genauem Hinsehen gar nicht wild, vielmehr nur unverdorben von der Zivilisation und somit Chance eines Neuanfangs auch für die verbrauchten Europäer. Furet fächert in seinem Aufsatz die Interpretationslage im 18. Jahrhundert weiter auf und erteilt zunächst dem Niederländer Cornelius de Pauw das Wort. De Pauw sah in den Indianern keine edlen Wilden, sondern einen unter den schlechten klimatischen und anderen üblen Bedingungen degenerierten Menschenschlag ohne jede Aussicht auf moralische Blässe. Er prophezeite den eingewanderten Europäern, wenn sie sich nicht schleunigst wieder zurückzögen aus dem unwirtlichen Erdteil, ein ähnliches Schicksal. Jean de Crèvecœur besteht demgegenüber auf den einfachen und natürlichen Sitten der Indianer als einem rettenden Vorbild für die Europäer, die sich längst im zivilisatorischen Prozeß verirrt hätten. Constantin François Volney schließlich verscheucht den romantisierenden Nebel und sagt voraus, was dann auch eingetreten ist. Aufgrund ihres vorproprietären Zustands seien die indianischen Kulturen extrem verwundbar, verdammt sich zu assimilieren oder, was imgrunde dasselbe ist, von der Bildfläche zu verschwinden.

Sonntag, 18. November 2018

Wohin auch immer

Gewahrsam

In der Goldene Taube wird der Dichter, der es gewohnt ist, schlecht bedient zu werden, von der anscheinend eigens in der Halle sich einfindenden Geschäftsführerin des Hotels mit der ausgesuchtesten Zuvorkommenheit behandelt, nicht anders als hätte man in ihm einen seit langem ihnen in Aussicht gestellten und nun endlich eingetroffenen Ehrengast vor sich. Im den Tiroler Stuben des Innsbrucker Bahnhofs schlägt das Pendel gleich wieder zur anderen Richtung aus. Auf eine seines Erachtens gar nicht unfreundliche Bemerkung über den Tiroler Zichorienkaffee hin hängt ihm die Bedienerin auf die bösartigste Weise, die man sich denken kann, das Maul an. Aufs Ganze gesehen wäre es wohl von Vorteil, wenn man den Damen weniger Bewegungsfreiheit einräumen und sie stattdessen in winzigen Zellen verwahren würde, so wie die Pförtnerin des Giardino Giusti, die ihm aus ihrem dunklen Gehäuse am Ausgang zum Abschied zunickt, oder wie die sehr schwarze, in einer Art Schalterhäuschen der Londoner U-Bahn sitzende Negerfrau oder auch wie die hinter den Kassentischen eines Museums sitzenden Damen, die in einer lilafarbenen Bluse und mit einer altmodisch gewellten Frisur in Theresienstadt oder die ein wenig eingeschlummerte Kassiererin der Casa Bonaparte in Ajaccio. Daß die Damen dann und wann ihre Zelle verlassen dürfen, Freigang bekommen, ist nicht verbürgt. Der Mesnerin von Sant’Anastasia hat man vielleicht schon zuviel Bewegungsspielraum zugestanden, ist es doch beunruhigend, wenn sie mit einer Regelmäßigkeit, als hätte sie den ewigen Umgang, immer wieder hervorkommt, sich ein Stück weit ins Dunkel hinein entfernt, um bald darauf, auf ihrer Umlaufbahn zurückkehrend, ihr Gehäuse wieder aufzusuchen. Selbst Luciana Michelotti ist zunächst nur ein geringes Bewegungsfeld zugestanden. Die längste Zeit wirtschaftet sie hinter der Theke und blickt aus den Augenwinkeln immer wieder herüber zum Dichter, in regelmäßigen Abständen bringt sie ihm, wie erbeten, einen Expreß und ein Glas Wasser. Da ist der verlorene Paß eine glückliche Fügung des Schicksals, die es den beiden erlaubt, zunächst gemeinsam zum Polizeiposten zu fahren um dann, nach der überraschenderweise vom Brigadiere vorgenommenen Trauung, miteinander zu verreisen, wohin auch immer. Möge all den Frauen in ihren engen Zellen schon bald ein ähnliches Glück wiederfahren.

Samstag, 17. November 2018

Niederschrift

El Dorado

Howard Hawks Film hat seine Höhepunkte zweifellos in den Szenen, in denen Mitchum das eingerissene, verdreckte, verschwitzte, ursprünglich vermutlich blaßrosa gefärbte Unterhemd mit langen Ärmeln trägt, an dem auf nicht ganz durchsichtige Weise der Sheriffstern hängt, dazu eine form- und farblose, ausgewaschene Hose, auf dem Kopf immer, sobald er das Büro verläßt, der Stetson als Erinnerung an die derzeit pausierende Wohlanständigkeit. Auch die Szene im Waschzuber mit dem Hut als einzigem Kleidungsstück hält das Niveau, nach der abgeschlossenen Verwandlung aber, gestriegelt und adrett gekleidet, ist der Höhepunkt fraglos überschritten.

Darum aber geht es gar nicht, es geht nur um eine einzige, nur wenige Sekunden dauernde geniale Szene. Mitchum, in der geschilderten Kluft des Säufers, lehnt an der Theke und wartet auf die Abfüllung der in Auftrag gegebenen Flasche Whisky, als der sorgfältig und modisch gekleidete Pistolero McLeod mit seinem Gefolge den Saloon betritt. Die fünf, sechs Männer ziehen zwischen Thesen und Kamera vorüber gleich einem überdimensionalen, lebendigen Lattenzaun, in den Lücken ist immer wieder Mitchum zu sehen, jedesmal den Kopf ein wenig weiter in die Richtung gewandt, in der McLeod bereits verschwunden ist, der Gesichtsausdruck ein wenig ungläubig, ein wenig amüsiert, gleichgültig und aufmerksam zugleich, all das ohne die geringste Grimasse, ähnlich einem Erzähler, der das Personal, von dem zu handeln ist, noch einmal an sich vorüberziehen läßt, bevor er sich an die Niederschrift begibt.