Samstag, 11. Mai 2019

Paare

Glück der Ehe

In einem Zustand nahezu gänzlicher Unbeweglichkeit wird der Erzähler in das Spital der Provinzhauptstadt Norwich eingeliefert, Hinweise auf Krankenbesuche von Freunden, Verwandten, einer etwaigen Ehefrau kommen uns nicht zu Ohren. Zwei Stunden nach seiner wunderbaren Befreiung aus dem Heidelabyrinth erreicht der Erzähler das Haus des Schriftstellers Michael Hamburger, der bereits einen Topf Tee in den Garten herausgebracht hatte. Als es schließlich an der Zeit ist, sich zu verabschieden, kommt überraschend für den Leser noch Anne hinzu, offenbar, aber ohne daß es ausdrücklich bestätigt würde, Michaels Ehefrau, die vorher nicht erwähnt worden war. Später kehrt der Erzähler in der Mermaid in Hedenham ein, von wo er zu Hause anrufen konnte, um sich abholen zu lassen, eine gewisse Zeit muß er freilich warten auf Clara. Auch von Clara war bislang nicht die Rede, der Leser erinnert sich allerdings, daß der Erzähler in einem anderen Buch jungverheiratet mit Clara in Hingham eine Wohnung gesucht hatte, die Ehe hat offenbar gehalten, wie man sagt. Wer die Erzählung Selwyn nicht gelesen hat, kann bei der Lektüre der Ringe des Saturn nur rätseln, wer Clara sein mag.

Die Schwindel.Gefühle seien ein Buch über die Liebe, hat der Dichter gesprächsweise wissen lassen, aber weit entfernt von Beziehungsgeschichten, die er offenbar nicht schätzt. Auch in den weiteren Büchern werden kaum Beziehungsgeschichten erzählt, schon gar nicht die zwischen Clara und dem Erzähler in Selwyn. Zwei Ehen werden in ihrem desolaten Endstadium vor Augen geführt, die der Selwyns und die des Predigers Elias und seiner Frau. Wie konnte es dazu kommen, stellt sich in beiden Fällen die Frage. Schon bei Tolstoi war das Glück der Ehe eine mehr als heikle Angelegenheit. Der Dichter berührt die Thematik in seiner eigenen Nähe weiter nicht. In seinem erzählten Leben, das offenbar nur ein schmaler Lebensausschnitt ist, sehen wir ihn einsam, psychisch oder physisch angeschlagen oder aber zurücktretend hinter das Lebensschicksal anderer. Die unkommentierte Selbstverständlichkeit von Claras Auftreten wirkt wie ein schmaler Spalt, durch den ein Licht aus dem weiten Feld des nichterzählten Lebens einfällt, so hell, daß weiter nichts erkennbar ist und nichts von dem, was noch zu erzählen wäre, erzählt werden kann.

Donnerstag, 9. Mai 2019

Gold oder Messing

Tilgung

Als der Dichter ein Taxi für die Rückkehr bestellt, erinnert Anne sich an den Traum einer Taxifahrt ohne Ziel in einem Meer von Pflanzen, die winzigen Blütenstände der Moospolster, die haarfeinen Halme des Grases, die zitternden Farne und die gerade aufragenden grauen und braunen, glatten und borkigen Stämme der Bäume, die in einer Höhe von ein paar Metern verschwanden in dem undurchdringlichen Blattwerk der zwischen ihnen aufgewachsenen Stauden, weiter droben breiteten Mimosen und Malvazeen sich aus, hunderterlei Schlingpflanzen hingen herab aus den mit Orchideen und Bromelien überladenen, den Querrahen großer Segelschiffe gleichenden Ästen der Bäume. Und darüber, in einer Höhe, in die das Auge kaum mehr vordrang, schwankten Palmenwipfel, deren fein gefiederte und gefächerte Zweige von jenem unergründlichen, scheinbar mit Gold oder Messing unterlegten Schwarzgrün waren, in denen die Kronen der Bäume in den Bildern Leonardos gemalt sind, zum Beispiel in der Heimsuchung Mariä oder in dem Portrait der Ginevra de Benci.

Eine zielgerichtete Fahrt im Taxi wird für den Augenblick ersetzt durch eine ziellose Traumfahrt in einer überbordenden Flora, die schließlich zu den Gemälden da Vincis führt. Bei der Renaissancemalerei und ganz besonders immer wieder bei Leonardo ist man leicht versucht, die Personeninszenierung außer acht zu lassen und stattdessen den Landschaftshintergrund zu studieren. Nicht genug damit, im Gemälde selbst scheint die Landschaft beharrlich Ginevra de Benci überwuchern zu wollen, das Haar der Schönen ist schon nicht mehr recht unterscheidbar von den mit Gold oder Messing unterlegten Blättern, den Kronen der Bäume. Noch leuchtet Ginevras Gesicht hell hervor, wenn wir warten, wird es irgendwann überwuchert sein und mit ihm das Thema des Gemäldes. Dann endlich ist für alle sichtbar, was ohnehin gilt: La valeur intrinsèque d'un livre (ou d’une peinture) ne dépend pas de l'importance du sujet, mais de la manière d'aborder l'accidentel et l'insignifiant, de maitriser l'infime. L'essentiel n'a jamais exigé le moindre talent.

Montag, 6. Mai 2019

Jeunesse dorée

Gottesverräter


Nicht nur, daß Kinder ausschließlich in der erinnerten Kindheit Erwachsener erscheinen, auch junge Leute sind rar in der Jetztzeit. Unter diesem Gesichtspunkt ist es schon fast ein Glück, Furlan und Abel zu treffen. Furlans Vater ist ein bekannter Chirurg, Abels Vater ein aus Deutschland stammender Jurist, vor seiner Pensionierung Leiter der Zweigstelle einer großen deutschen Versicherungsgesellschaft in Verona. Die beiden jungen Leute sind hochbegabt, Abel studiert inzwischen Mathematik, Furlan Chemie. Abel ist zudem ein begnadeter Gitarrist. Alle Voraussetzungen sind gegeben für eine Jeunesse dorée, die übergeht in eine wissenschaftliche oder auch künstlerische Karriere. Die beiden entscheiden sich für eine andere Lebensform und ein anderes Ziel. Der Zweck ihres Daseins, so lassen sie später wissen, sei der Tod derjenigen, die Gott verraten haben. Nach Lage der Dinge kann wohl nur der Christengott gemeint sein, die theologische Ausrichtung der beiden ist im einzelnen nicht bestimmbar, das prägende Merkmal ist jedenfalls die Rigorosität.

Vor dem theologischen Hintergrund der Mordtaten lassen sich die Opfer zwei Gruppen zuteilen, der Gruppe der Geistlichen und der Gruppe der Sünder. Im einzelnen sind es auf der einen Seite zwei Mönche und ein Priester, auf der anderen eine Prostituierte, verschiedene Drogensüchtige, sechs Besucher eines Pornokinos. Auch den Kellner Stefanato und den Zigeuner Spinelli muß man, da sie eindeutig nicht dem geistlichen Stand angehören, wohl zu den Sündern zählen, auch wenn der Anlaß für die Zuordnung kaum zu erkennen ist. Bevor die beiden Schergen Gottes gefaßt wurden, hatten sie geplant, in Castiglione delle Stiviere am Gardasee eine Karnevalsgesellschaft mit vierhundert jugendlichen Teilnehmern in Brand zu setzen, ein klarer Hinweis auf eine großzügige Definition der Gottesverräter. Die beiden waren wie Brüder und wußten nicht, wie sie herauskommen sollten aus ihrer Unschuld, resümiert Altamura, eine verwegen milde Einschätzung, die an Rätselhaftigkeit verschiedenen undurchsichtigen Bemerkungen Kafkas nicht nachsteht. Der Dichter enthält sich wie üblich jeglichen Urteils. Das rechtliche Urteil ist ohnehin längst gesprochen, zuvor waren die beiden in Stiviere nur knapp dem Lynchtod entkommen. Das psychiatrische Gutachten hatte keine Erkenntnisse erbracht.

Niemand bekommt das Mordduo zu Gesicht, die Ereignisse bis 1980 sind dem Gazzettino entnommen, Altamura referiert die fortgesetzten Untaten aus verschiedenen Quellen ohne eigenen Augenschein. Der Dichter dagegen ist sich nicht sicher. Im Bahnhof Venedig fand er sieben Jahre zuvor zwei Augenpaare auf sich gerichtet. Es kam ihm vor, als seien ihm die beiden jungen Männer, die, wie er sich nicht nur einbildete, zu ihm herüberschauten, seit seiner Ankunft in Venedig schon mehrfach begegnet. In Verona nahm er im tiefen Schatten der jenseitigen Hälfte der Arena zwei Gestalten wahr, bei denen es sich bei genauerem Hinsehen zweifellos um die beiden jungen Männer aus der Ferrovia handelte. Nun, da feststeht, daß die ORGANIZZAZIONE LUDWIG gerade nur aus zwei jungen Männern bestanden hatte, sind gleichwohl alle Möglichkeiten offen. Man mag nach wie vor paranoide Anwandlungen diagnostizieren und bezweifeln, daß es immer die gleichen Augenpaare waren, es mögen die immer gleichen Augenpaare harmloser Touristen gewesen sein, oder aber die Augen Abels und Furlans, den Dichter als einen weiteren Gottesverräter im Visier.

Samstag, 4. Mai 2019

Scuola di Atene

Zweite neue Zeit

Mit ihnen kommt zum ersten Mal die neue Zeit der Vernunft. Man hat den Eindruck, die beiden Philosophen hätten sich, nachdem alle anderen schon vor ihnen eingetroffen waren, mit raschem Schritt dem Eingangsbogen der hallenartigen Schule genähert und hielten jetzt, da sie ihn gerade durchmessen haben, für einen Augenblick inne, wohl weil das Gespräch ein Maß der Intensität erreicht hatte, die sich mit der Fortbewegung nicht vereinbaren läßt. Es ist gleichwohl kein Dissens, kein heftiges Streitgespräch, eher sind Nuancen abzuwägen, Plato weist mit dem Finger steil nach oben ins Reich der Ideen der reinen Vernunft, Aristoteles deutet mit der Handfläche an, man solle den Ball vielleicht doch ein wenig flacher halten und die Kraft der Erfahrung nicht außer acht lassen. Für ihre zur Linken und zur Rechten aufgereihten Schüler haben die beiden im Augenblick noch keinen Blick, bald aber werden sie ihr Zwiegespräch beenden und, wie vor ihnen bereits Euklid und Pythagoras, einen geeigneten Platz in dem weitläufigen Gebäude suchen, um die jeweilige Schülergruppe um sich zu versammeln. Auch die Themen des heutigen Tages stehen bereits fest, für Platos Gruppe ist es der Timaios-Dialog, auf der Seite des Aristoteles die Nikomachische Ethik. Naturgemäß wird sich keiner der beiden nach dem Vorbild des diskurs- und lehrunwilligen Heraklit einsam in seine dunklen Überlegungen versenken oder gar, wie Diogenes, nur provokant auf der Treppe lungern. Zum ersten Mal hat sich die menschliche Vernunft freigesprochen von den Göttern, denen der Zugang zur Schule offenbar verwehrt ist. Eine Halle des Denkens, die philosophischen Räume stehen weit offen, die Bewegungsfreiheit der Vernunft stößt kaum auf Grenzen. Enger waren naturgemäß die Pfade für die der Mathematik verbundene Philosophenfraktion, enger, aber auch zielsicherer.

Wie anders stellt sich das ebenfalls aus Raffaels Hand stammende Nachbargemälde dar, die christliche Disputa oder auch der Triumph der Religion. Die Disputation findet unter freiem Himmel statt, aber der Himmel ist nicht frei. Die in nur geringer Höhe schwebende Heilige Dreifaltigkeit, umgeben und abgesichert von ihren Fürsten, unterbindet jeden möglichen Blick in höhere Sphären. Mit dem religiös besetzten Himmel macht sich der Dichter auch in unseren Tagen noch zu schaffen. So erstaunt ihn die lautlose Klage, die seit nahezu siebenhundert Jahren von den über dem unendlichen Unglück schwebenden Engeln Giottos erhoben wird. Die Klage ist abgehoben von der Beweinung Christi und gilt nun umfassend dem Zustand der Welt. Auf Tiepolos Bild von der Pest in Este sieht er die himmlischen Heerscharen durch die Luft fahren um uns, wenn wir hinsehen wollen, einen Begriff geben von dem, was sich über unseren Köpfen vollzieht. Worin mag dieser Begriff bestehen – nach Lage der Dinge doch wohl darin, daß alles über unsere Köpfe, unser Meinen und unser Wollen hinweggeht.

Auf seinen Reisen und Wanderungen ist der Dichter die längste Zeit allein und ähnlich dem Heraklit seinen nicht selten dunklen Gedanken hingegeben, die Helligkeit und Zuversicht am Eingangstor zur Schule sind verschwunden, der Himmel meist wieder verhangen, die Wolken nicht zu verscheuchen. Die zweite neue Zeit der Vernunft, in der wir leben, läßt sich weniger gut an, Plato und Aristoteles inspirieren aus weiter Ferne auch heute noch, aber wer läßt sich aus relativer Nähe noch von Descartes inspirieren. Die zahlreichen Zwiegespräche, die der reisende und wandernde Dichter führt, sind weit entfernt von der optimistischen Zukunftserwartung, die am Eingangstor zur Schule herrscht. Auch herrscht kein Gleichgewicht wie zwischen den beiden Griechen, Austerlitz referiert über Architektur und Bauwesen, der Dichter lauscht, Austerlitz referiert zum Wesen der Zeit, der Dichter lauscht, Altamura wurde ohnehin zum Referat gebeten, beim Bootsausflug mit Malachio wird insgesamt wenig geredet. Aber gibt der Dichter die verschiedenen Gespräche naturgetreu wieder? Wenn Aristoteles den Auftrag erhalten hätte, das Gespräch am Eingang zur Schule zu resümieren, hätte er dann nicht weitgehend Plato das Wort überlassen, und umgekehrt Plato, der ohnehin gewohnt war, Sokrates vorzuschicken, wäre er nicht hinter Aristoteles zurückgetreten?

Mittwoch, 1. Mai 2019

Planung

Sabotage

Der ursprüngliche Plan für die zweite Italienreise im Jahre 1987 war einfach und übersichtlich, ein kurzer Aufenthalt in Venedig, vielleicht nicht ganz so kurz, wie er dann tatsächlich war, Weiterfahrt nach Verona mit Unterbrechung in Padua zwecks Betrachtung der Giotto-Fresken, in den ausgehenden Sommermonaten dann verschiedene Arbeiten in Verona, die Oktoberwochen in einem Hotel oberhalb von Bruneck, am Ende der Vegetation. Am Zielort Verona angekommen, ist der Reisende aber unfähig sich zu rühren und außerstande auszusteigen. Kafka, der 1913 auf der gleichen Strecke unterwegs war von Venedig zum Gardasee, besser gesagt Kafkas Geist hat die Regie über den weiteren Reiseverlauf übernommen. In Desenzano begrüßt er den Reisenden mit dem Graffito Il cacciatore an der Wand des Bahnhofspissoirs, der Erzähler bestätigt mit der Ergänzung nella selva nera, Roger, Over and Out. Für die Weiterfahrt nach Riva dann stellt Kafka ein Doppelgängerpaar seiner selbst zur Verfügung, aber der Plan mit den beiden ebenbildlichen Knaben als Eskorte geht nicht auf, vielmehr gerät der Dichter in den Verdacht, ein zu seinem Vergnügen in Italien reisender englischer Päderast zu sein, und verläßt den Bus entnervt bereits in Limone. Oder war das das der Plan, wollte Kafka ihm die beglückende Zusammenkunft mit Luciana Michelotti bescheren und ihm zugleich vor dem Anblick der Barke bewahren, die bereits Mme Gherardi und Stendhal zur Flucht veranlaßt hatte? – Wie dem auch sei, bei der Geschichte mit dem verlorenen Paß, die die Reiseplanung erneut außer Kraft setzt, hatte Kafka seine Hände wohl nicht im Spiel. Statt nach Verona geht es zunächst nach Mailand, dann aber, den neuen Paß in der Brusttasche, durcheilte der Zug das dunkle Land in kürzester Zeit zum ursprünglichen Ziel, ohne Zögern steigt er diesmal aus. In Verona macht Kafka sich erneut bemerkbar, indem er aus einem Hinterhaus von zwei Männern eine Bahre hinaustragen läßt, auf der unter einem blumengemusterten Tuch ein Mensch lag, unverkennbar der Jäger Gracchus. Das hindert den Dichter aber nicht, der ursprünglichen Absicht der Reise nachzugehen, nämlich die schemenhaften Erinnerungen an die erste Reise, sieben Jahre zuvor, zu überprüfen und vielleicht einiges davon aufzuschreiben. Er forscht in der Biblioteca Civica, sucht die inzwischen geschlossene Pizzeria Verona auf und läßt sich von Salvatore Altamura die weiteren Taten der Gruppe Ludwig berichten. Privatissime et gratis erläutert Altamura dann noch die Tradition der Aida-Aufführungen in der Veroneser Arena, und das wiederum erlaubt dem Dichter, noch einmal auf Kafka zurückzukommen, dem, als er schon auf dem Strebebett liegt, Werfel ein ihm gewidmetes Exemplar seines Verdi-Romans schenkt. – Ohne die von Kafka auf unterschiedliche Weise initiierten, die Planung sabotierenden Umwege, wäre, soviel läßt sich ohne weiteres sagen, der Erlös der zweiten Reise spürbar weniger reich ausgefallen.

Donnerstag, 11. April 2019

Gefährder

Europaweit

Der Rasiersessel stand leer. Das Rasiermesser lag, aufgeklappt, auf der marmorierten Platte des Waschtischs. Vor nichts hatte er sich mehr gefürchtet, als wenn der Barbier, bei dem er sich als Kind jeden Monat einmal die Haare schneiden lassen mußte, ihm mit diesem an dem Lederriemen frisch abgezogenen Messer den Hals ausrasierte. Derart tief hatte diese Furcht in ihn sich eingegraben, daß ihm, als er viele Jahre zum ersten Mal eine Darstellung der Szene sah, in welcher Salome das abgeschnittene Haupt des Johannes hineinträgt, sogleich der Barbier aus Kindertagen in Erinnerung gekommen ist. Und daß er sich vor einigen Jahren im Bahnhof Santa Lucia aus freien Stücken habe rasieren lassen, das ist ihm nach wie vor eine ganz und gar unbegreifliche Ungeheuerlichkeit. Wie um die Furcht als berechtigt zu bestätigen, erzählt Bernhard von einem Vorfall in England. Ein plötzlich wahnsinnig gewordener Friseur soll in London einem angeblich zur königlichen Familie gehörenden Herzog mit dem Rasiermesser den Kopf abgeschnitten haben und jetzt in der Irrenanstalt Reading leben, die früher das berühmte Zuchthaus zu Reading gewesen ist. Hat Szerucki, der Mann aus Chéruy, diese Notiz gelesen? Eher ist von einer endogenen Panik auszugehen. Er sitzt schon auf dem Frisierstuhl, der Friseur macht sich in einem Nebenzimmer zu schaffen, als ihn plötzlich eine wilde Angst überfällt, der Barbier möchte ihm womöglich die Kehle durchschneiden. Ein ganz normaler Friseur, ein ganz normaler Mensch, dem plötzlich dieser Gedanke in den Kopf gestiegen wäre. Er kann diesen Gedanken nicht loswerden, er klebt ihm am Hirn, dieser Gedanke, der Friseur kämpft, ringt mit diesem verfluchten Gedanken, aber er kommt nicht zurecht, der Gedanke hat ihn gefesselt, der Gedanke ist ihm aufs Hirn gefallen, auf den Kopf ist ihm die Saat des Bösen gefallen. Szerucki versucht sich durch systematisches Denken zu beruhigen, vergeblich. Unter all den vieltausend Friseuren in diesem schönen Land, mag da einem diese fixe Idee, wie die Franzosen sagen, auf den Kopf gefallen und dort Wurzeln geschlagen haben? Es ist möglich, und warum soll es, die statistische Gleichberechtigung im Sinn, nicht der sein, der gleich aus dem Nebenzimmer hervorkommt? Die Kehle schnürte sich Szerucki zusammen. - Soviel sei verraten, die polnische Geschichte nimmt, anders als die englische, ein gutes Ende, zumindest fürs erste.

Mittwoch, 10. April 2019

Zombie

Ökumene

Wenn Emmanuel Todd, französischer Historiker, Anthropologe, Demograph, von Zombiekatholizismus spricht, hat er bestimmte, ursprünglich vom Katholizismus geprägte Landstriche im Auge, aus denen der katholische Glaube, orientiert man sich an der Zahl der regelmäßigen Gottesdienstbesucher, so gut wie verschwunden ist, der Katholizismus aber nach wie vor die Einstellungen der Menschen maßgeblich bestimmt, etwa, für das Gemeinwesen nicht unerheblich, die Entscheidung an der Wahlurne. Der Einzelne, den Todd nicht im Auge hat, ist im Feld von Glaube und Unglaube auf eine je eigene Weise positioniert. Sebald schildert seine eigenen Orte, seine Entwicklung auf mythologische Weise. Auf Grünewalds Altarbild in der Pfarrkirche von Lindenhardt schicken sich sein Namenspatron und damit er selbst an, über die Schwelle des Rahmens und damit aus der Gemeinschaft der Heiligen heraustreten. Auf Pisanellos Bild des Giorgio mit dem Strohhut geht von dem demissionierten Heiligen bereits etwas herzbewegend Weltliches aus, und schließlich trifft der Dichter den Schutzpatron, er heißt jetzt Giorgio Santini, als lebendigen Menschen und Doppelgänger, als Hochseilartisten auch und somit als Berufskollegen der Kunstschaffenden und Literaten im deutschen Konsulat zu Mailand. Als ehemaliger Angehöriger der Riege katholischer Heiliger ist er kaum mehr zu erkennen.

Man könnte sich mit dieser Selbstbeschreibung in Bildern zufriedengeben und es belassen bei den Fakten, die Uwe Schütte vermittelt. In seiner frühen Jugend war Sebald, das mag überraschen, zunächst ein ferventer Katholik, hat sich dann aber noch in der reiferen Jugend entschieden vom katholischen Glauben abgewandt. Details, Begründungen sind für beide Positionen nicht bekannt. In der Not kehrt man zurück zu den Bildergeschichten in Gestalt des in Brescia zugestiegenen jungen Mädchens mit einer aus vielen farbigen Flecken geschneiderten Jacke um die Schultern, tief und still versenkt in einen Bilderroman. Das wäre ohne Bedeutung, wenn nicht im gleichen Abteil eine Franziskanerin säße, ganz der Lektüre ihres Breviers hingegeben. Mit tiefem Ernst wenden sie die Blätter um, einmal die Franziskanerschwester, dann das junge Mädchen und dann wieder die Franziskanerschwester. Man könnte meinen, sie läsen in einem gemeinsamen, Brevier und Bildroman übergreifenden Werk. Die dritte Person im Abteil, der Dichter, wendet sich notgedrungen ebenfalls der Lektüre zu und zieht den Beredten Italiener hervor, ein altertümliches Sprachlehrbuch. Die Fortschritte im Erlernen des Italienischen sind gering, zu sehr fesselt ihn der von dem Büchlein vermittelte Eindruck, die Welt sei zur Gänze aus Wörtern zusammengesetzt, als wäre dadurch das Entsetzliche in Sicherheit gebracht, als gäbe es zu jedem Teil ein Gegenteil, zu jedem Bösen ein Gutes, zu jedem Verdruß eine Freude, zu jedem Unglück ein Glück und zu jeder Lüge auch ein Stück Wahrheit. Damit hat er die protestantische Welt des Johann Peter Hebel betreten, der dem blind und taub sich fortwälzendem Prozeß der Geschichte Begebenheiten entgegenhält, in denen ausgestandenes Unrecht entgolten wird, auf jeden Feldzug ein Friedensschluß folgt, jedes Rätsel eine Lösung hat, und wo im Buch der Natur auch die kuriosesten Kreaturen wie die Prozessionsspinner und die fliegenden Fische ihren Platz haben. So fahren sie dahin in ungetrübter Eintracht, das schöne Weltkind, die nicht weniger schöne Nonne und der Geist des Protestantismus in seiner schönsten Form. Eine von Glaubenskriegen geprägte Vergangenheit ist nicht mehr vorstellbar. Als der Dichter aber in Mailand auf dem Bahnsteig steht, sind das Mädchen mit der vielfarbigen Jacke und die Franziskanerschwester längst verschwunden.