Montag, 27. April 2020

Bollwerke

Landesverteidigung

Freilich verraten gerade unsere gewaltigsten Pläne nicht selten am deutlichsten den Grad unserer Verunsicherung: so leitet Austerlitz von der Bahnhofsarchitektur über zum Festungsbau, ein weiteres Feld, auf dem er sich als Experte erweist. Floriani, da Capri, San Micheli, Rusenstein, Burgsdorff, Coehoorn, Klengel, Montalembert, Vauban, die Meister dieser Sparte des Bauwesens sind ihm sämtlich vertraut. Der sogenannte Fortschritt im Festungsbau bestand darin, der wachsenden Reichweite der Geschosse eine immer großzügiger Weite der um die Städte gelegte Festungsanlagen entgegenzuhalten. Der um Antwerpen gelegte Ring hatte schließlich eine Länge von mehr als dreißig Meilen, und die gesamte belgische Armee hätte nicht gereicht, auch nur die um diese eine belgische Stadt gelegten Wehrgänge zu besetzen. Das dem Mittelalter entwachsene Festungswesen war an seine Grenze gelangt und nutzlos geworden.

In Antwerpen, in den frühen sechziger Jahren, konnte der Erzähler sich auf die sachkundigen Ausführungen des Architektur- wissenschaftlers Austerlitz verlassen, zwanzig Jahre später muß er sich, auf seinen englischen Wanderungen in Orford angelangt, selbst ein Bild der Lage entwerfen. Die Festung von Orford war 1165 fertiggestellt worden und blieb, so vergewissert er sich, in der ruhenden Zeit des Mittelalters das wichtigste Bollwerk gegen drohende Invasionen. Erst als das Eindringen des napoleonischen Heeres drohte, wurden ergänzende Verteidigungsbauten in Gestalt der sogenannten, später dann von James Joyce geadelten Martello-Türme errichtet, die sich aber, soweit bekannt, im Südosten Englands nie gegen vordringende Feinde bewähren mußten und bald schon den Eulen als Quartier dienten, ein alles in allem versöhnliches Ende. Die Landesverteidigung setzte herkömmlich auf ein abschreckendes Aufragen in die Höhe, das nahm spätestens mit dem Aufkommen bemannter Flugmaschinen ein Ende. Festungsanlagen der herkömmlichen Art sind seither nur noch Denkmal und Zierat. Das zu Beginn der vierziger Jahre nahe Orford eingerichtete Secret Weapons Research Establishment suchte denn auch nicht die Höhe, sondern die Verborgenheit. Offensichtlich war die Einrichtung nicht vordringlich auf den Schutz des lokalen Küsten- streifens ausgerichtet, Forschungs- und Entwicklungsgegenstände waren etwa biologische Waffen zur Unbewohnbarkeit ganzer Landstriche und weit ins Meer hinausreichende Rohrleitungssysteme zur Entfachung intensiver Petroleumbrände. Die Erfolge oder Mißerfolge der geheimen Forschungsaktivitäten sind in Einzelnen nicht näher bekannt, gerüchteweise soll es zu schweren Unfällen mit vielen Toten gekommen sein. Inzwischen ist die militärische Forschungseinrichtung längst aufgelassen. Die überirdischen Bauruinen haben seltsamerweise zum Teil eine tempel- oder pagodenartige Gestalt, als würden sie das Profane transzendieren, alles in allem ein zwiespältiges Nachleben.

Donnerstag, 23. April 2020

Watten

Im dunklen Wald

Cefais fy hun mewn coedwig dywyll, mi ritrovai per una selva oscura

Sport und Spiel ist kein leitendes Motiv im Prosawerk des Dichters, aber auch kein Motiv, das fehlt. Austerlitz bewährt sich in seiner Jugend auf dem Rugbyfeld, Cosmo Solomon senkt den Glücksfaktor beim Glückspiel, der Dichter selbst offenbart eine Neigung zum Billardspiel und steht damit nicht allein. Ein Spiel aber in den Mittelpunkt einer Erzählung zu stellen und den Titel davon abzuleiten, bleibt Thomas Bernhard mit Watten vorbehalten. Das Spiel ist allerdings ein stiller und bleicher Held, obwohl das Wort Watten nahezu in jedem Satz auftaucht, bleibt das Spiel unerklärt, wer es nicht kennt, kennt es nach der Lektüre nicht besser. Bewohnern des süddeutschen Sprachraums ist das Spiel offenbar vertraut, Norddeutsche müssen die Illusion überwinden, der Spielablauf habe etwas mit dem Schlick in den Gezeitenzonen der Küste zu tun. Nähere Erklärungen bleiben auch deshalb aus, weil der Icherzähler und Protagonist das Watten eingestellt hat, er geht nicht mehr zum Watten. Watten wird üblicherweise zu vier Personen gespielt, in der Erzählung Watten sind es der Icherzähler, Arzt von Beruf, die Approbation wurde ihm entzogen, Siller der Papiermacher, der Lehrer und der Fuhrmann. Es gibt aber auch eine Spielvarianten für zwei Spieler. Wenn der Großvater des Dichters einmal in der Woche die Mathild in der Ortschaft W. zum Kartenspielen besucht, ist nicht auszuschließen, daß die beiden watten, bestätigt wird das allerdings nicht. Auch der Arzt ohne Berufselaubnis ist in der letzten Zeit, bevor er das Watten eingestellt hatte, einmal die Woche watten gegangen und zwar immer am Mittwoch, in den Jahren davor war er zweimal oder auch dreimal in der Woche watten gegangen, man konnte das Watten als das Zentrum seines sonst erlebnislosen Lebens bezeichnen. Ausschlaggebender als das Spiel selbst war letzten Endes aber der Weg zum Spiel gewesen, ein Weg, der durch einen dunklen Wald führt mit den Etappen faule Fichte und Schottergrube und als Ziel der Gasthof, in dem gespielt wurde. Tatsächlich verloren in dem Wald, una selva selvaggia e aspra e forte, alle, die hineingehen augenblicklich die Orientierung, la diritta via era smarrita, noch nie hat es einen Menschen gegeben, der in diesem Wald nicht die Orientierung verloren hätte, ein Föhnwind vermochte die Lage weiter verschlechtern. Kein Vergil hat sich der Menschen in diesem Wald angenommen, der Wald und der Föhn haben schließlich zum Tod des Papiermachers durch Erhängen an einer Fichte und zur Verzicht des Arztes auf das Watten und damit zu seinem seelischen Tod geführt. Für die Mathild und den Großvater ist das Kartenspiel, möglicherweise wie gesagt also das Watten, immer ein belebendes Elixier gewesen.

Samstag, 18. April 2020

Berufliche Eignung

Paranoid
Die Autoren des Genres sind sich einig, ein Privatdetektiv darf niemandem vertrauen, aber auch nicht allen mißtrauen. Irgendjemandem blauäugig zu vertrauen wäre erkennbar berufswidrig, allen zu mißtrauen führt geradewegs in die Paranoia. Dem Privatdetektiv angemessen ist eine gelassene und zugleich gespannte Aufmerksamkeit, er muß sich trauen, ohne Vorsilbe, Figuren wie Lew Archer und Philip Marlowe werden dieser Anforderung gerecht. Adroddwr, der Erzähler, gibt sich erst während der zweiten Italienreise, im Gespräch mit Luciana Michelotti, als Kriminalautor zu erkennen, während der ersten Reise war er den verbrecherischen Vorgängen nicht gewachsen gewesen, hatte das Gleichgewicht zwischen Vertrauen und Mißtrauen nicht bewahrt. Von den fraglichen Verbrechen war er zunächst nur beiläufig berührt worden, doch dann findet er im Bahnhof Venedig zwei Augenpaare auf sich gerichtet und an den folgenden Tagen an anderen Orten wieder und wieder, so scheint es ihm,  dieselben Augen derselben beiden jungen Männer. Er weist unverkennbar paranoide Züge auf und flüchtet schließlich aus Italien. Möglicherweise ist er nicht grundlos geflohen, denn, wie Charles Bronson in einer Filmszene klarstellt, auch Menschen mit Verfolgungswahn können verfolgt werden.

Der Erzähler habe, so heißt es, die Reise von Wien über Venedig nach Verona sieben Jahre später noch einmal gemacht, um seine schemenhaften Erinnerungen an die damalige gefahrvolle Zeit genauer zu überprüfen. Der Tatbestand wäre härter und offener zu formulieren, es geht ihm darum, die liegengelassene kriminalistische Arbeit in eigener Sache als Detektiv ohne Mandat erneut aufzunehmen. Er versucht, Tatortphotos zu beschaffen, befragt Zeugen, das Alltagsbrot des Detektivs, die großen Erfolge bleiben aus. Der Detektiv braucht, wenn nicht befreundete Polizisten, so doch zumindest einen gut informierten und auskunftswilligen Journalisten, der sich in der Person Salvatore Altamuras auch tatsächlich einstellt. Altamura berichtet detailliert über die Verbrechen der Organisation Ludwig und die polizeilichen Fahndungserfolge. Der Erzähler verzichtet darauf, nach einem Photo des Verbrecherduos zu fragen, um ihre Augen zu vergleichen mit den Augenpaaren, die sieben Jahre zuvor auf ihn gerichtet waren. Der Erzähler ist in eigener Sache ohne Honorar und Spesenerstattung tätig, er kann ohne Rücksprache mit irgendwem den Zeitpunkt bestimmen, an dem er die Recherche eingestellt. Wiederholt hat Marlowe Berufskollegen getroffen, die ihrer Aufgabe nicht gewachsen waren und das mit dem Leben bezahlen mußten. Es ist also nur recht und billig, wenn Adroddwr sich  aus der kriminalistischen Berufs- und Literatursparte zurückzieht, bevor es zu spät ist.

Dienstag, 14. April 2020

Drei

Dyddiadurwr

down the hill towards the Welsh-speaking sea
Thomas Bernhard, geb. Februar 1931, gest. Februar 1989, W.G. Sebald, geb. Mai 1944, gest. Dezember 2001, Richard Jenkins, ganwyd mis Tachwedd 1925, bu farw mis Awst 1984 als Richard Burton, drei bedeutende Kunst- und Kulturschaffende, die das sechzigste Lebensjahr knapp verfehlt haben. Burton ist in dem Trio nicht der Fremdkörper, als der auf den ersten Blick erscheinen mag, wird doch im Wicipedia Cymreig für sein Tätigkeitsfeld neben Film- und Bühnenschauspieler ausdrücklich auch Dyddiadurwr, Tagebuchschreiber, angegeben. Burtons posthum veröffentlichte Tagebücher haben einen Umfang von mehr als 700 Seiten, bei einem etwas großzügigeren und augenfreundlicheren Drucksatz wären es deutlich mehr als 1000 Seiten, Seiten von überraschender Sprachkraft. Nicht jeder Satz ist kostbar, man überblättert den einen oder anderen Eintrag, ein Impuls aber, die Lektüre vorzeitig zu beenden, bleibt aus.

Das Tagebuch hat drei Abteilungen, das Jahr 1940, die übersprungene Zeit von 1940 bis 1960 und die dann wieder einsetzenden Eintragungen aus der Taylor-Zeit und darüber hinaus. Im Jahr 1940 hinterlegt der vierzehnjährige Schüler Richard Jenkins, well before he could have had any inkling of what awaited him in life, in altersgerechter und schöner Monotonie (undonedd) täglich eine Eintragung von zwei, drei Zeilen in einem kleinen, von vornherein nur auf ein Jahr bemessenen Tagebuch, das er zu diesem Zweck geschenkt bekommen hatte. Themen sind die Schule, Noten, verschiedene Sportaktivitäten, der Krieg, die Familie, Ärger mit den Geschwistern oder dem Ziehvater und der regelmäßige Besuch der Chapel, oft morgens, mittags und abends, Chapel all day, Capel trwy'r dydd. Eine religiöse Nachwirkung des intensiven Kirchenbesuchs ist später nicht auszumachen, Gottvertrauen stellt sich nicht ein – I wish I could believe in a God of some kind but I simply cannot – kein Gottvertrauen, aber auch kein säkularer Optimismus, vielmehr ein Menschheits- und Geschichtspessimismus, der dem Sebalds nicht nachsteht, the last sound to be heard on this planet will be a man screaming in fear and terror, it might be me. Was die Melancholie anbelangt, ist der Führungsanspruch der Kelten ohnehin unbestritten. Burton diagnostiziert an sich das Lawnslot-Syndrom: alles Glück der Welt und zugleich terribly unhappy. Noch einmal zurück zur Jugendzeit: Auf einem Photo der Rugbymannschaft der Port Talbot Schule, nicht unähnlich dem Photo, das Austerlitz als Mitglied einer Rugbymannschaft zeigt, ist der Flügelstürmer Richard Jenkins zu erkennen. Mit der Notiz vom 30.12. 1940 enden die Eintragungen und werden erst 1960 und ernstlich erst 1965 wiederaufgenommen und, mit zahlreichen weiteren Unterbrechungen, bis zum Tod im Jahr 1984 weitergeführt. Einerseits würde man gern die zwanzig Jahre von 1940 bis 1960 näher verfolgen, andererseits hat aber auch der abrupte Sprung vom walisischen Schüler Richard Jenkins zum Hollywoodstar Richard Burton seinen eigenen Reiz.
Jenkins wurde im kymrischsprachigen, extrem kinderreichen Haus eines einfachen Bergmanns geboren und im Alter von nur zwei Jahren nach dem Tod der Mutter der ältesten, bereits verheirateten Schwester überantwortet. Ein Photo aus dem Jahr 1953 zeigt den nun längst erwachsenen und in Hollywood erfolgreichen Burton unterwegs auf dem Viadukt vom Geburtsort Pontrhydyfen zum Miner’s Arms Pub in Begleitung seines Vaters, allgemein Dic Bach, Little Richard, genannt. Auf dem Bild scheint es, als sei Burton mit seinen knapp hundertachtzig Zentimetern nahezu doppelt so groß wie der Vater, wohl doch eine perspektivische Täuschung. Auf einem weiteren Photo dann sieht man beide, den kleinen und den großen Richard, Dic Bach y Saer und Rich Mawr y Dyddiadurwr, jeder mit einem Peint in der Hand, an der Theke des Miner’s Arms Pub. Ein Photo aus dem Jahr 1958 zeigt Burton zusammen mit Emlyn Williams, Sian Phillips, Clifford Evans und dem damals noch jungen, mittlerweile hundertjährigen Emyr Humphreys bei einer Probe zu Saunders Lewis Brad (Verrat). Walisern ohne Kenntnis der Sprache, wie etwa dem in einem Nachbarort zur Welt gekommenen Anthony Hopkins, hat Burton, ob im Ernst oder im Scherz, das Walisertum abgesprochen. Noch Jahrzehnte später überrascht er sich selbst auf einer Familienfeier sgwrsio Cymraeg, babbling on in Welsh mit seinen Geschwistern und Verwandten zur Verwunderung der anwesenden Kinder und Jugendlichen, die derart seltsame Laute noch nicht gehört hatten, schon gar nicht aus Burtons Mund.

He could not have had any inkling of what awaited him in life, der Lebensraum weitete sich gewaltig für das Kind aus einfachen Verhältnissen, the child of the valleys, y plentyn yn y cymoedd. Die ursprüngliche Erlebensschicht aber verschwindet nicht, you want Pontrhydyfen and the unbelievably bad weather and ten quid a week and the lust for the pint you can’t afford. Der Viadukt, wenn man ihn nur auf dem Photo gesehen hat, erfüllt jeden und auch uns mit Sehnsucht. Seine beeindruckende Lektüreleistung - manchmal möchte er nur noch lesen und nachsinnen über die vergangene und die vergehende Zeit - hätte Burton in Pontrhydyfen ebensogut, wenn nicht besser absolvieren können, eine finanziell bedingte gründliche Reduzierung des Alkoholkonsums wäre für Rich y Meddw hilfreich gewesen. Dwi am briodi'r eneth ma, ich will diese Mädchen heiraten, die Ehe Burton-Taylor schien, so abenteuerlich sie auch begonnen hatte, auf Dauer angelegt. Im Tagebuch ist der Glamour des Paares weniger dominant als das Familienleben mit Kind, Hund und Katze. Die Schauspielerei erfüllt Burton zunehmend mit Abscheu, die Vorstellung gar, auf der Bühne noch einmal die Zeile To be or not to be zu rezitieren mit wahrem Entsetzen: die Weisheit der frühen Griechen, jedes Stück nur einmal auzuführen und dann nicht wieder. But well, I got news for Thomas Wolfe, you can’t go home no more, un ritorno in patria non è possibile, it would feel strange to be R. Jenkins again as it were. Das Leben kennt keine Umkehr allenfalls kann man wie Proust das Leben zugunsten des Schreibens hintanstellen, aber gilt das nicht für alles Schreiben, auch für das des Dyddiadurwr, ist das Schreiben nicht immer eine Verwandlung des Lebens in Schriftzeichen?

Donnerstag, 9. April 2020

Camelot in den Alpen

Leere Zeit

Im November, nach dem er die ausgehenden Sommermonate mit seinen verschiedenen Arbeiten in Verona, die Oktoberwochen aber, weil er den Winter nicht mehr erwarten konnte, in einem weit oberhalb von Bruneck, am Ende der Vegetation gelegenen Hotel verbracht hatte, faßte er eines Nachmittags, als der Großvenediger auf eine besonders geheimnisvolle Weise aus einer grauen Schneewolke auftauchte, den Entschluß, nach England zurückzukehren.

Verschiedene Hinweise erlauben den Schluß, daß Adroddwr, der Erzähler, aus England kommend nach Wien gereist ist. Die weiteren Reiseabschnitte von Wien aus, sowohl die der ersten wie auch die der zweiten Reise, werden detailliert geschildert, Venedig, Padua, Verona, Desenzano, Limone, Mailand, wieder Verona. Zum Reiseabschnitt von Verona nach Bruneck erfahren wir weiter nichts, auch nicht zum Aufstieg von Bruneck aus hin zum am Ende der Vegetation gelegenen Hotel. Anders als die Hotels in Verona, Limone, Mailand bleibt das Hotel oberhalb von Bruneck namenlos, eine Empfangsdame oder Wirtin treffen wir nicht. Man fragt sich, ob Nachtruhe und Frühstück auch hier ans Wunderbare grenzten wie in der Goldenen Traube oder ob sie Unterkunft eher nur akzeptabel war, ob sich den Tag über jemand so aufmerksam um den Erzähler kümmerte wie Luciana Michelotti in Limone. Wie aber verbringt der Erzähler überhaupt seine Tage und Wochen in dem Hotel oberhalb von Bruneck?

Weil er den Winter nicht mehr erwarten konnte, das klingt vage bis obskur, allerdings wird an anderer Stelle erzählt von dem Wunsch, alles möge zuschneien, vorweg die Menschen, und allenfalls im Frühjahr mit dem Tauwetter wieder auftauchen. In den Wochen von Oktober bis November ließ sich dieser Traum sicher nicht erfüllen. Es gibt keine Hinweise darauf, wie Adroddwr die Zeit genutzt hat. Wintersportliche Aktivitäten traut man ihm nicht recht zu, allenfalls lange Spaziergänge im Schnee, wenn denn Schnee lag. Für den Leser ist der Erzähler in diesen Wochen da und doch nicht da, es ist die einzige abwesende Anwesenheit dieser Art im ganzen Prosawerk. Was ist mit den Feriengästen, wenn es denn Feriengäste gibt, im Spätherbst kann er nicht darauf hoffen, daß alle auf der Terrasse sitzen und er allein, wie in Limone, allein in der Gaststube; bei starker Sonneneinstrahlung und windgeschützter Terrasse wäre es immerhin denkbar, Lemurengesichter würden sich bald einstellen. Gibt es überhaupt Feriengäste, gibt es überhaupt Personal? Verbringt der Erzähler den Tag wie in Limone mit Aufzeichnungen und Schreiben? – von all dem erfährt man nichts.

Als der Großvenediger auf eine besonders geheimnisvolle Weise aus einer grauen Schneewolke auftauchte: Wenn die Entscheidung für die Reise nach Bruneck in das hochgelegene Hotel nur vage begründet war, so könnte der Anlaß für die Abreise ebensogut Anlaß sein, dauerhaft zu verweilen, aber vielleicht begründet gerade das die Abreise, wer jetzt nicht aufbricht, bleibt auf immer hier. Wie bei der Anreise werden auch alle Einzelheiten der Abreise verschwiegen, die detaillierte Erzählung setzt erst wieder bei Erreichen des Bahnhofs Innsbruck ein. Das namenlose Hotel oberhalb von Bruneck ist in jeder Hinsicht isoliert, ohne Zufahrts- und Abfahrtswege, ohne verläßliche Merkmale der Realität, ein mythischer Bezirk, das Hotel Camelot hoch oben in den Alpen.
*
Man kann Bruneck auch anders lesen, der enge Erzählstrang, im Bernhard-Ton, alles in einem Satz, nimmt sofort Fahrt auf, stürzt zu Tal, nimmt in Innsbruck ein beruhigtes Erzähltempo an, verlangsamt sich noch einmal beim Abstieg von Oberjoch und breitet sich aus in der Ebene der Erinnerung an die Kindheit in W., ein stilistisches Unterfangen also.

Sonntag, 5. April 2020

Unter Corona

Unerwartet


Niemand mehr lagert in der Bahnhofshalle oder draußen auf dem Vorplatz, das Heer von Touristen in ihren Schlafsäcken auf Strohmatten ist verschwunden. In den Orten am Gardasee schieben sich keine buntfarbene Menschenmassen mehr durch die engen Gassen, keine Lemurengesichter mehr, verbrannt und bemalt, wie sie waren, unkenntlich wie hinter einer Maske. Der Erzähler, Adroddwr, ist im Hotel Sole in Limone geblieben. Abgesehen von anderen Schwierigkeiten kann er ohne seinen Paß nicht ausreisen, das deutsche Konsulat in Mailand ist geschlossen. Kurzreisen nach Padua, Verona oder gar Vemedig wären, wenn denn überhaupt möglich, sinnlos. Die Mesnerin von Sant’Anastasia wird das Kirchenportal nicht öffnen, die Kapelle des Enrico Scrovegni ist geschlossen, ebenso der Giardino Giusti. Die Wächterinnen und Dienstfrauen haben ihre engen Gehäuse verlassen und sind jetzt bei ihren Familien. Malachio wäre an der Riva degli Schiavone nicht anzutreffen, er ist eher in Jerusalem als in Venedig. Adroddwr erhält im Hotel Sole weiter sein Frühstück und seine Abendmahlzeit. Den Tag über serviert Luciana, wie er es weiterhin wünscht, in regelmäßigen Abständen einen Ristretto und ab und zu ein in eine Papierserviette gewickeltes Toastbrot. Luciana ist weiterhin sehr aufgeschlossen und den Gast offenbar zugeneigt. Sie hat es nicht eilig und knüpft oft eine kleine Unterhaltung an. Ihre Feriengäste sind abgereist. Adroddwr schreibt ohne Unterlaß, er entbehrt nichts. Wie lange wird der Zustand anhalten? Er sorgt sich um Ernst Herbeck, wie wir uns um alle sorgen um die, die in Heimen wohnen. Er sorgt sich auch um die Familie Michelotti, die von nur einem Gast nicht längere Zeit existieren kann.

Samstag, 4. April 2020

Dem Leben nahestehend

La nuda vita


Mehrfach betont Sebald, der Daseinsanspruch des Menschen sei nicht größer ist als der Tiere. Ohne dem zu widersprechen, unterscheidet Heidegger zwischen dem weltarmen Tier und dem weltbildenden Menschen. Das ist trivial und für Heidegger auch nicht das Resultat, sondern der Ausgangspunkt der Überlegungen. Dabei unterscheidet er innerhalb der Tierwelt nicht eindeutig zwischen der Zecke auf der einen und dem Bonobo auf der anderen Seite, man kann sich aber fragen, ob der Weltbildungsgewinn des Bonobo gegenüber der Zecke größer oder kleiner ist als der des Menschen gegenüber dem Bonobo. Vier Dinge zumindest unterscheiden allerdings den Menschen von jeglichem Tier, die Sprache mit all ihren unübersehbaren Folgen, die Werkzeugherstellung, die Schrift und die das heutige Leben bestimmende explosiv ausufernde Produktion. Mit seinem sprachgeleiteten Denken und mit seinen Werkzeugen hat der Mensch schützende Hüllen vielfacher Art um sich gelegt.

Die Hüllen sind anfällig. In früheren Zeiten wurden Katastrophen als Strafe, gute Zeiten als Gnade Gottes gedeutet und so der menschlichen Verantwortung teilweise, wenn nicht vollends entzogen. Inzwischen hat der westliche Mensch, wie er meint, die Angelegenheiten mit Demokratie und Menschenrecht selbst in die Hand genommen. Gómez Dávila blickt als unverdrossener Katholik nach oben und fragt, was denn nun, unter diesen Umständen, mit dem Recht Gottes sei. Von unten meldet sich die Natur, die einerseits das Treiben nicht mehr mitmacht (Klima- und Umweltkrise) und andererseits ihre absolute und tödliche Geringschätzung sogenannter Menschenrechte dokumentiert (Coronakrise). Das Virus ist weder Gott noch Mensch noch Tier noch Pflanze noch auch nur ein Lebewesen, lediglich, so die Wissenschaft, ein dem Leben nahestehendes und dem menschlichen Leben offenbar desinteressiert feindliches Produkt der Natur. Das Virus ist für Schuldfragen nicht offen und für den Augenblick stärker als der Mensch und seine Hüllen.

Die Hüllen sind verletzt. Agamben stellt die in Italien und inzwischen weltweit getroffenen Notmaßnahmen dem Notstand gleich, und sieht hinter den derangierten Hüllen erneut das von ihm in Homo Sacer beschworene nackte, hüllenlose Menschenleben, la nuda vita. Er unterscheidet dabei nicht zwischen einem anberaumten oder provozierten Notstand aufgrund innergesellschaftliche Vorgänge und einer nicht von der Gesellschaft erzeugten Notlage. Angesichts der verbreiteten Verhimmelung des Menschen schließen sich nicht wenige dem Philosophen an, angemessener wäre in dieser Situation, Sebald und andere vor Augen, eine deutliche Enthimmelung des Menschen.