Donnerstag, 11. Oktober 2018

Augenpaare

Im Blickpunkt

Beyle, der imgrunde immer gesehen werden möchte, hält irrtümlich einen gelben Rock, dunkelblaue Beinkleider, schwarz lackiertes Schuhwerk, einen extrahohen Velourshut und ein paar grüne Brillen für das geeignete Outfit, um seiner Geliebten heimlich und inkognito nach Volterra zu folgen. Obwohl er einerseits niemanden für weniger sehenswert hält als sich selbst, fühlt Dr. K. ständig fremde Augen auf sich gerichtet, am liebsten wäre er unsichtbar. In Triest, so kommt es ihm vor, bleiben die Leute auf der Straße stehen und blicken ihm nach, als wollten sie sagen, da ist er ja endlich. Haben sie einen großen Verbrecher erwartet oder den Messias oder aber, aufgrund eines rätselhaften Mißverständnisses einfach den in jeder Hinsicht unmöglichen Dr. K.? In Desenzano hat sich die Mehrheit der Einwohner des Ortes zu seinem Empfang auf dem Marktplatz versammelt, er aber liegt drunten am See in Gras, und als einziger Trost bleibt ihm, daß niemand weiß, wo er ist. Von den Einwohnern von Desenzano ist nicht bekannt, wie lange sie an diesem Nachmittag nach ihm Ausschau gehalten haben und wann sie enttäuscht wieder auseinandergegangen sind. Anstelle des absenten Dr. K. rückt auf der einschlägigen Illustration der Leser in den Blickpunkt der Versammelten und kann sich eines Gefühls der Bedrohlichkeit nicht erwehren. Kaum jemand, so führt Dr. K. aus, habe den rechten Blick, zumal nicht in der Liebe, es gäbe fast nur solche, die die Augen geschlossen hielten, und, was dasselbe sei, solche, die sie weit aufrissen vor Gier. Da ist es nicht verwunderlich, wenn die russische Dame ihm von unten in die Augen schaut und festhält, er sei wohl der seltsamste Gast in Riva seit langem. Der Dichter steht zu den ihm Vorausreisenden in einem Verhältnis der eingeschränkten Wiederholung und Nachahmung. Auf dem Feld der Liebe führt das zum für die Dauer eines flüchtigen Augenblicks bemessenen Eheverhältnis mit Luciana Michelotti. Was die Beobachtung durch fremde Augen anbelangt, so findet er im Bahnhof Venedig zwei Augenpaare auf sich gerichtet. Es kommt ihm vor, als seien ihm die beiden jungen Männer, die, wie er sich nicht nur einbildete, zu ihm herüberschauten, seit seiner Ankunft in Venedig schon mehrfach begegnet. In Verona nimmt er im tiefen Schatten der jenseitigen Hälfte der Arena zwei Gestalten wahr, bei denen es sich bei genauerem Hinsehen zweifellos um die beiden jungen Männer aus der Ferrovia handelte. Sie erhoben sich, und es dünkte ihn, als verbeugten sie sich gegeneinander, ehe sie im Dunkel des Ausgangs verschwanden. Am Abend dann, als er in der Pizzeria im Gazzetino von der mörderischen ORANIZZAZONE LUDWIG liest, vermischen sich die Eindrücke, und er verläßt Italien in panischer Eile. Als Salvatore Altamura ihn sieben Jahre später detailliert über die Organisation unterrichtet und auch darüber, daß sie nur aus zwei jungen Männern, Furlan und Abel, bestanden habe, fühlt er sich in einem gewissen Umfang bestätigt, obwohl die Wahrscheinlichkeit, alles sei, wie schon bei Dr. K., nur eine Projektion seiner von Schwindelgefühlen geplagten Einbildungskraft gewesen, nach wie vor überwältigend ist. Ad acta. Die ausgehenden Sommerwochen verbringt der Dichter mit verschiedenen Arbeiten in Verona, die Oktoberwochen in einem Hotel oberhalb von Bruneck, ohne in den Fokus bedrohlicher Augenpaare zu geraten.

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