Montag, 13. Oktober 2008

Ajaccio und Moskau

Eine haltlose Spekulation

Die Marbacher Ausstellung Wandernde Schatten ist eine große Freude für den Sebaldverfallenen, mehr vielleicht noch als die Ausstellung selbst aber der in allen seinen Einzelheiten tadellose Katalog, enthält er doch, neben vielem anderen, so umfangreiche Entwürfe des aufgegeben Korsikabuches, daß es möglich wird, seine Umrisse zu erahnen. Die an verschiedenen Stellen deutlich nur vorläufigen Entwürfe erfordern auch eine gewisse Korrektur der Vorstellung, man würde sich in Sebalds Prosa immer gleich wohl fühlen, ganz gleich wie und worüber sie geht. Mancher, der unvorbereitet die Lektüre des Austerlitzbuches aufgenommen hatte, konnte zunächst mutmaßen, es sei ein Buch ausschließlich über Bahnhöfe und wäre es zufrieden gewesen. Einige der nicht fertiggestellte Prosatexte geben jetzt aber eine Vorstellung davon, welche Mühe es war, die fertigen an die Oberfläche zu heben.

Michael Niehaus weist in seinem sehr schönen und allseits erhellenden, ebenfalls im Marbacher Katalog enthaltenen Aufsatz darauf hin, daß Sebald, der der Romanform aus dem Weg ging, seine Prosastücke gleichwohl überzeugend figurieren mußte mit Personen, die eine hinreichende Distanz zur Erzählstimme ausweisen. In der Tat sind die Erzählpassagen, in denen die Stimme des Selysses allzu sehr mit der eines Gleichgesinnten in eins fließt, oft die weniger befriedigenden. Das betrifft etwa den siebten Teil der Ringe des Saturn mit dem Besuch bei Michael Hamburger. Die größte Distanz und oft auch ein besonderes Erzählglück ergeben sich sozusagen von selbst bei historischen Personen, zumal wenn es sich um solche handelt, die in China wohnen und dort herrschen.

In den Aufzeichnungen aus Korsika, Zweite Fassung wird Gerald Ashmann als ausdauernder Flugbegleiter des Selysses in eine Position gebracht, die schon ein wenig auf die des Austerlitz vorbereitet, und es ist klar, dabei konnte es nicht bleiben. Mit seinem Hintergrund, der im wesentlichen aus seiner unbändigen Fluglust besteht, konnte er nicht der Vergil sein, der Dante-Selysses durch Hölle und Himmel führt. Einsperrt, wie die beiden sind, in die enge Flugzeugzelle fließen die gleichgerichteten Ansichten der beiden Flieger sozusagen rettungslos zusammen. Niehaus erwähnt, daß in den in Campo Santo veröffentlichten Korsikatexten nur ephemere Gestalten wie die der Kassiererin in der Casa Bonaparte figuriert sind, freilich aber ist an der enormen, rhythmusgebenden, die Augen und Ohren immer wieder neu öffnenden Bedeutung ephemerer Gestalten in Sebalds Prosa festzuhalten. Irgendwie sind sie ja auch alle ephemer, die Reise- und Wanderbekanntschaften, nicht nur die Empfangsdamen, sondern auch Conrad, Swinburne und die Kaiserin inmitten ihrer Seidenraupen, so daß man von den kleinen und den großen Ephemeren sprechen müßte. Der Zutritt zu einem kleinen Flugzeug, das bereits auf Reisekurs ist, bleibt ihnen jedenfalls verwehrt, sie können nicht helfen. Im Austerlitzbuch finden wir Gerald wieder, angenehm reduziert, zersplittert und zugleich angereichert um eine konkrete Jugend, eine Familie u.a. - Einzelheiten des Übertrags vom fallengelassenen in das veröffentlichte Buch sind in dem gleichfalls im Katalog enthaltenen und gleichfalls sehr schönen Aufsatz Ulrich von Bülows ausgeführt.

Mit dem Austerlitzbuch kommt Sebald der selbstgezogenen Grenze, wonach sein Medium die Prosa und nicht der Roman ist, bis zur Verletzung nahe, und die gewiß müßige Frage, ob er nicht vielleicht doch besser beim Korsikabuch geblieben wäre, meldet sich auf lästige Weise. Der auf Seite 218 erscheinende Kapitelplan ist kaum vollständig, man kann schwer glauben, daß Sebald nicht die Gestalt Napoleon Bonapartes zur Raumgewinnung genutzt hätte, und daß er, dem in den Ringen des Saturn eine Spielzeugeisenbahn für die Fahrt nach China reichte, nicht bis Moskau gelangt wäre, um dort Tolstoi und andere Russen zu treffen. Tschechow war er ja bereits auf sehr schöne und traurige Art in Deutschland begegnet, mit einer allerletzten Sehnsucht nach Rußland im Herzen:


Wie der Morgen graut,
legt ihm der Arzt
Eis auf das Herz,
gibt ihm Morphium
und ein Glas Champagner.
Ans Heimreisen dachte er (LW 70)


Müssen sich vielleicht die Freunde der russischen Literatur, ohne daß sie es schon wissen oder jemals mit Sicherheit wissen würden, mehr noch als andere grämen über das liegengelassene Projekt?

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