Sonntag, 18. August 2013

Zeitvertreib

Le reclus du blvd. Haussmann

Longtemps, je me suis couché de bonne heure. Parfois ...


Man kann die Recherche du temps perdu als eine riesige, selbst auferlegte Strafarbeit lesen. Nachdem Proust fast vier Jahrzehnte seines Lebens unter zunehmenden Selbstvorwürfen in der mondänen Gesellschaft vertan hat – die vertane Zeit, auch das eine der Bedeutungen von temps perdu – schließt er sich für die letzte Dekade ein in das schallgedämmte Zimmer im Haus n°102, Boulevard Haussmann und verfertigt das minutiöse Protokoll seiner schuldhaften Untätigkeit. Der typische Lebenslauf der Heiligen, Verschwendung und Ausschweifung, dann Um- und Einkehr. Bei Sebalds säkularem Heiligen und Eremiten Wyndham Le Strange ist es allerdings, nach allem, was wir ahnen können, unerträgliche fremde Schuld, die zum Rückzug führt. Prousts Florence Barnes hieß Céleste Albaret, sie hat ihn um die Dauer von zweiundsechzig Jahre überlebt.

Niemand wird ernstlich glauben, Prousts Werk und Leben seien mit der Idee der Strafarbeit hinreichend und angemessen erfaßt. Deleuze, in seinem Buch Proust et les signes, deutet den unverkennbaren Bruch, die Kehre im Lebenslauf des Dichters weniger als Schuld und Sühne, denn als Saat und Ernte, konkret spricht er von einer langen Lehrzeit mit wenigen Probestücken, Les jours et les plaisirs, Saint-Beuve, Jean Santeuil, und einer kürzeren, wenn auch keineswegs kurzen Zeit der dem einen großen Werk gewidmeten Meisterschaft. Die Lehre betrifft weniger das Schreiben als, vorbereitend, das Entziffern der Zeichenwelt, der entlarvende Zeichensprache der Gesellschaft, der fieberhaften Zeichen der Liebe und der die Erinnerung wachrufenden Zeichen der taktilen Dinge: Küchlein, Pflastersteine und andere. Erst die vollständige Entzifferung der Zeichenwelten erlaubt deren Umformung in die alles verändernden Zeichen der Kunst. Die Recherche ist, so Deleuze, kein Protokoll, sondern eine in der Kunst erneuerte Welt.
 
Die Lehrzeit schließ übergangslos an an die Kindheit, als Zeit noch nicht spürbar und Kunst nicht vonnöten war. Diese allgemeine Bestimmung hält unserer aller Kindheit vergleichbar, mag sie auch so unterschiedlich verlaufen sein wie die Prousts und Sebalds. Die Gesellschaft, in der Prousts noch junger Erzähler verkehrt, ist nun verschwunden, und Selysses hätte keinen Zugang zu ihr gehabt. Um einiges weniger begütert, hatte Selysses nicht die Zeit, Zeit zu verlieren, auch wenn zurückblickend vom Prosawerk Sebalds Beschäftigung mit Sternheim, Döblin und anderen als verlorene Zeit erscheinen mag. Mit dem Rückzug in das Haus am Boulevard Haussmann ist für Proust die Bestandsaufnahme abgeschlossen, genug Zeit verloren. In seinem Schreibzimmer sehen wir den Erzähler nicht, die Niederschrift ist kein Thema der Recherche, findet nicht in ihrem Inneren statt.

Auch Selysses sehen wir nicht in seinem Arbeitszimmer bei der Niederschrift seiner Werke, aber aus einem anderen, fast schon aus dem gegenteiligen Grund: die Werke werden, jedenfalls in der Fiktion, nicht dort verfaßt. Offenbar hatte er, als er mit der Prosaarbeit beginnt, noch nicht genug Zeit verloren. All’estero beginnt mit der ausdrücklichen Absichtserklärung, Zeit zu vertun: Ich war nach Wien gefahren in der Hoffnung, über eine besonders ungute Zeit hinwegzukommen. Bei seinem ersten Aufenthalt in Wien und Oberitalien vertut Selysses ganz überwiegend nur Zeit und sammelt, ähnlich wie Proust, flüchtige und doch tief sich einprägende Bilder. Beim zweiten Aufenthalt sehen wir ihn, während sich die Bilder vermehren und verdichten, immer häufiger mit seinen Aufzeichnungen beschäftigt, Verlieren und Wiederfinden der Zeit finden gleichzeitig statt. Das abschließende Kapitel der Schwindel.Gefühle führt in die Ortschaft W., die für Sebald nicht weniger bedeutet als Combray für Proust. In einem Interview kurz vor seinem Tod bekennt Sebald, keines seiner Prosastück sei ihm so leicht gefallen wie Ritorno in patria. Niedergeschrieben habe er es gleichsam ohne nachzudenken, nicht zuhaus in seinem Arbeitszimmer und auch nicht, wie der Text suggerieren will, noch im Engelwirt, sondern, darauf war man nicht gefaßt, auf einer griechischen Insel, dort wo sich das Ferienvolk gern die Zeit vertreibt.

Beide, Proust und Sebald, gelten als Erinnerungskünstler und damit als verwandt. Bei Deleuze heißt ein Kapitel Role secondaire de la memoire, für Proust ist damit die Erinnerung vom ihr zugedachten Königsthron gestoßen. Hohe Ansprüche kann ohnehin nur die ungerufene Erinnerung stellen, Combray hervorgerufen aus der Madeleine, Venedig aus dem unebenen Pflaster. Ihrer Natur gemäß kann diese Art der Erinnerung nicht herbeibeordert werden, sie ist ein seltenes und kostbares Gottesgeschenk. Ihr Zauber ist ein wichtiger Schritt bei der Verwandlung weltlicher Zeichen in die Zeichen der Kunst, und das die Erinnerung begleitende überbordende Glücksgefühl ist wie eine Verheißung des Gelingens. Der entscheidende Schritt bei der Wandlung bleibt aber noch zu tun, der Rückzug in das Haus n°102, Boulevard Haussmann ist unvermeidlich.

Austerlitz hat im Liverpool Bahnhof ein Proustsches Erinnerungserlebnis, das ihn zurückträgt zum Tag seiner Ankunft mit dem Kindertransport eben hier. Mit einem überbordenden Glücksgefühl ist die Erinnerung aus gutem Grund nicht verbunden. Das unebene Pflaster auf dem Weg in die Šporkova , das in ihn seine Prager Kindheit zurückversetzt, ist eine offene Hommage an Proust und eignet sich insofern nicht als Verwandtschaftsnachweis. Üblicherweise folgt Sebald anderen Formen der Erinnerung, meistens stehen sie dem gewählten Erzählthema, der Auswanderung, dem Holocaust, nahe. Nicht nur Deleuze aber geht davon aus, daß niemals das sujet traité, sujet conscient, Träger der künstlerischen Wahrheit sein kann, sondern immer nur les thèmes inconscients, les archétypes involontaires, où les mots, mais aussi les couleurs et les sons prennent leur sens et leur vie.
Eine Verwandtschaft mag sich über das Motiv der Erinnerung vielleicht nicht nachweisen lassen, ohne Zweifel aber zählt Proust zum engen Kreis der von Sebald Bewunderten. Wenn er sich von allen Seiten immer wieder dem Jahr Neunzehnhundertunddreizehn annähert, so immer auch der Welt Prousts. In Verfolgung der Gestalt des Cosmo Solomon gelingt es Selysses, wenn auch nur im Traum, in Deauville im Schicksalsjahr diese Welt zu betreten, die Welt der Guermantes, Saint-Loup, Swann, Montgomery, Fitz James, d’Erlanger, de Massa und Rotschild. Cosmo Solomon ist wie Proust Jude, reich und homosexuell und er verliert die Zeit nicht nur, ebenso wie das Geld bringt er sie geradezu mit allen verfügbaren Mitteln durch. Die Zeichen, die er meisterhaft entschlüsselt, sind die des Roulettes. Anders als Proust hat er keine Mittel, die verlorene Zeit wiederzufinden. Einmal ist er für längere verschwunden und wird schließlich im obersten Stock des Hauses in einem der seit vielen Jahren versperrten Kinderzimmer entdeckt. Mit bewegungslos herabhängenden Armen steht er auf einem Schemelchen und starrt hinaus auf das Meer, wo manchmal, sehr langsam, die Dampfschiffe vorbeifuhren nach Boston oder nach Halifax. Wir können nicht in ihn hineinschauen, aber offenbar hat eine glückhafte Zurückversetzung in das Combray seiner Kindheit nicht stattgefunden. Cosmo Solomons Boulevard Haussmann wird die Nervenklinik Samaria in Ithaca, New York, sein, wo er vor Ablauf eines Jahres noch, stumm und unbeweglich, wie er war, verdämmert.

Cosmo Solomons Leben scheint ungleich trauriger zu verlaufen als das des Erzählers der Recherche, es ist aber behütet von der Freundlichkeit der Sebaldschen Sätze. Die Welt der Recherche ist nach dem Tod der Großmutter und der Mutter und abseits der Weißdornhecken abweisend. So voller Glück, wie wir teilnehmen an den Spaziergängen in Combray, so sehr graust es uns, wenn wir den Salon der Mme Verdurin betreten müssen, und umso besser verstehen wir, wenn Cosmo Solomon, aus eigenem Antrieb und auf Rat seines Dichters, bald alle Einladungen zu Diners und Soupers absagt. Die Niederschrift der Recherche erfolgte, wie es heißt, unter den ergonomisch ungünstigen Bedingungen, so als habe ein Märtyrer sein Martyrium gesucht.

Montag, 12. August 2013

Wind der Frühe

Ozean und Felsenskelett

In den Aufzeichnungen zum Passagenwerk heißt es: In jedem wahren Kunstwerk gibt es die Stelle, an der es den, der sich dareinversetzt, kühl wie der Wind einer kommenden Frühe anweht. - Man fragt sich, ob diese Wahrheit, sofern es eine ist, sich in der erzählenden Prosa vielleicht vor allem anderen in Szenen des Erwachens, der ersten Wahrnehmung der Frühe spiegelt. In seiner Schlichtheit erhält dieser Ansatz Unterstützung von Benjamin selbst, der wenige Seiten zuvor eine große literarische Szene des Erwachens zum Muster einer geschichtlichen Wahrheit macht: Wie Proust seine Lebensgeschichte mit dem Erwachen beginnt, so muß jede Geschichtsdarstellung mit dem Erwachen beginnen. – Denn auch der beschworene kühle Morgenwind ist Teil einer geschichtsphilosophischen Überlegung, es geht an dieser Stelle weiter im Text: Daraus ergibt sich, daß die Kunst, die man oft als refraktär gegen jede Beziehung zum Fortschritt ansah, dessen echter Bestimmung dienen kann. Fortschritt ist nicht die Kontinuität des Zeitverlaufs, sondern in seinen Interferenzen zu Hause: dort wo ein wahrhaft Neues zum ersten Mal mit der Nüchternheit der Frühe sich fühlbar macht.

Der letzte Satz in Thomas Bernhards Roman Beton lautet: Ich zog die Vorhänge meines Zimmers zu, nahm mehrere Schlaftabletten ein und erwachte erst sechsundzwanzig Stunden später in höchster Angst. - Das gesuchte motivische Zusammentreffen von Erwachen und kühler Morgenbrise ist hier nicht zu entdecken. Bei Bernhard führt der leichte Weg nicht zu der Stelle, in die man sich hineinversetzen muß, damit das wahrhaft Neue spürbar wird. Läßt man die Übernachtungsszenen in Sebalds Büchern vor dem inneren Auge vorbeiziehen, sieht es auch nicht verheißungsvoll aus. Metaphysische Augenblicke werden eher dem Abend als dem Morgen abgewonnen, in Amsterdam der Blick auf das Entenpaar im Schutz der niederhängenden Zweige einer Trauerweide ein, reglos auf der von grasgrüner Grütze ganz und gar überzogenen Fläche des Wassers, in Ithaca der wogenden Schatten einer aus Tiefe heraufragenden Zypresse.
Der Hotelmorgen wird oft wortkarg abgehandelt. Gleichwohl gibt es einige Szenen des Erwachens und der Frühe, die Benjamins Vermutung Recht geben könnten und auch wieder nicht, Szenen der Frühe jedenfalls mit geschichtsphilosophischem Einschluß. In Venedig ist es ein anderes Aufwachen, als man es sonst gewohnt ist. Still bricht nämlich der Tag an, durchdrungen nur von einzelnen Rufen und vom Flügelklatschen der Tauben, während man in den Hotels anderer Städte nicht auf die Stille, sondern mit wachem Entsetzen auf die Brandung des Verkehrs horcht. Das also ist, habe ich dann immer wieder gedacht, der neue Ozean. Unaufhörlich, in großen Schüben kommen die Wellen daher, werden lauter, richten sich weiter auf, überschlagen sich in einer Art von Phrenesie auf der Höhe des Lärmpegels und laufen als Brecher aus über den Asphalt und die Steine. Ich bin im Verlauf der Jahre zu dem Schluß gelangt, daß aus diesem Getöse jetzt das Leben entsteht, das nach uns kommt und das uns langsam zugrunde richten wird, so wie wir das langsam zugrunde richten was da war lange vor uns. Ganz und gar unwirklich, als müßte sie bald zerreißen, dünkte mich darum die Stille über der Stadt Venedig.

An die Stelle der Morgenkühle ist, als verwandtes Motiv, die Morgenstille getreten, die allerdings als inzwischen unüblich eingeordnet wird und gedanklich sogleich dem üblicherweise grassierenden Lärm weichen muß, der das gerade noch Bestehende frißt und auf diese kannibalische Weise Geschichtsverlauf und Fortschritt bestimmt. Das entstehende neue Leben scheint auf und zersetzt schon die Gliedmaßen des alten, können wir uns überhaupt noch erheben und fortbewegen, wenn auch unter Schwindelgefühlen?
Als er in Deauville aus seinem Traum erwacht, der ihn zurück ins neunzehnte Jahrhundert versetzt hatte, tritt Selysses ans Fenster seines Hotelzimmers. Der Morgen bricht soeben an. Farblos noch geht der Strand in das Meer und das Meer in den Himmel über. Das ist der Morgen vor dem Abend des zweiten Tags, bevor noch Gott die Feste und das Wasser schied und das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste oder, in zeitnäherer Ausdrucksweise: ein Restart von Grund auf. Aber auch das frisch anlaufende Wachprogramm bleibt sofort wieder auf groteske Weise im neunzehnten Jahrhundert stecken: Das letzte, die Gräfin Dembowski betreffende Traumbild setzt sich fort, und Selysses sieht durch das Hotelfenster die femme fatale vergangener Tage als eine auf das geschmackloseste zusammengerichtete Person, die ein weißes Angorakaninchen an der Leine spazieren führt. Ein giftgrün livrierter Clubman hält ihm immer dann, wenn es nicht weiter will, ein Stückchen Blumenkohl vor.

Selysses ist unterwegs im Nachtzug von Wien nach Venedig. Aufgewacht ist er erst mit dem Gefühl, daß der Zug nun aus dem Gebirge heraus- und in die Ebene hineinstürzte. Ich riß das Fenster herab. Krachend schlugen mir Nebenfetzen entgegen. Wir befanden uns in einer halsbrecherischen Fahrt. Dunkle schmale zerrissene Täler öffneten sich, Bergbäche und Wasserfälle weiß stäubend in der kaum gebrochenen Nacht, waren so nah, daß der Hauch ihrer Kühle das Gesicht erschauern machte. Das Friaulische, ging es mir durch den Sinn, und damit dachte ich natürlich sogleich an die Zerstörung, die im Friaulischen vor wenigen Monaten erst sich zugetragen hatte. Nach und nach brachte das Morgengrauen verschobenes Erdreich, Felsbrocken, Schutt- und Schotterhalden und hie und da kleine Zeltdörfer schemenhaft an den Tag.

Man könnte meinen, das gesuchte, von Benjamin postulierte künstlerische Epizentrum sei an dieser Stelle im Motivbereich aufgefunden. Von den Bächen her dringt die Morgenkühle direkt ans Gesicht. Jürgen Osterhammel läßt die Eisenbahn als, inzwischen freilich vergangenes Fortschrittssymbol des neunzehnten über den Einband seines großen Werkes fahren, hier ist sie auf halsbrecherischer Fahrt vom Gebirge herab in die Ebene. Der Fahrtwind wird zum Sturm, der den Nebel zerschlägt. Das Land ist von einer schweren Katastrophe heimgesucht, die Menschen leben als Nomaden in Zelten in einer Schotterwüste.
Auch das Flugzeug, Fortschrittssymbol des zwanzigsten Jahrhunderts, kommt zum Worte. Korsika fliegt Selysses in einem kleinen Motorflugzeug an. Bald tauchte die Insel vor uns auf, ein düsteres, noch von Nachtschatten umfangenes Gebirge. Wenig später aber waren wir, in der Höhe, in der wir uns befanden, umgeben von strahlendem Morgenlicht, und auch drunten auf dem Wasser wichen westwärts die Schatten zurück. Der Pegel des Lichts senkte sich nun auf die Steinwüsten oberhalb der Baumgrenze nieder. Es war, als würde auf der Morgenseite der Berge eine graue Stoffbahn eingeholt und Zoll für Zoll ein auf der glatten Fläche des Meers aufgebahrter Riesenkörper enthüllt oder doch die Überreste eines Felsenskeletts, eine Wirbelsäule, ein Schädeldach, eine Kinnlade, Schulterblätter und Rippen, bizarre Formen aus Quarz- und Feldspatgranit, die aufragten aus dem seit der Zeit des Tertiärs andauernd von ihnen abgefallenen Schutt.

Das Morgenlicht wird aus dem Nachtschatten geboren und bietet die Welt dar in ihrer Pracht, eine Welt ganz ohne die Menschen, die im Friaul immerhin noch als Wüstenbewohner in Zelten kampieren durften. In einer Art Totenfeier oder in postmortaler Verhöhnung der beseitigten Menschheit - immer wieder wird sie bei Sebald auf die eine oder andere Weise aus dem Bild gedrängt - nimmt der Fels selbst die Gestalt eines bizarren Skeletts an, mit Wirbelsäule, Schädel, Schulterblättern und Rippen. Wer, ermuntert von der korsischen Erfahrung, noch einmal zurückschaut nach Venedig, erinnert sich, daß hier das Neue, wenn es denn Neues geben wird, den Weg nicht über die minerale, wohl aber über die thalassale Regression geht - in großen Schüben kommen unaufhörlich die Wellen des neuen Ozeans daher.

Benjamin hat sich dem Wesen von Geschichte und Fortschritt mit immer neuen Bildern genähert, nicht unbedingt darauf bedacht, daß sie sich zu einem Gesamtpanorama fügen. Zu Recht am berühmtesten ist das Bild des Engels der Geschichte: Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm. – In seiner gleißenden Schönheit sollte das Bild von analysierendem Verstehensbemühen eher verschont bleiben. Es ist nicht ausgeschlossen, daß im Rücken des dahinsegelnden Engels bereits der kühle Wind eines leuchtenden Zukunftsmorgen zu verspüren ist, wenig aber spricht dafür, und Sebald trägt zu diesem wenigen nicht bei. Nach dem Erwachen in Venedig wagt Selysses einen Blick in die Zukunft, it is murder. In Deauville verfängt er sich im neunzehnten Jahrhundert, die Zugfahrt nach Venedig führt zurück in das vorgeschichtliche Nomadenleben, der Flug nach Korsika bis an die Grenze der Kreidezeit. Je gewaltiger die Mittel und je größer der Fortschritt, desto ausgedehnter die Vergangenheit und desto weniger Zukunft.

Offenbar steht der unaufhaltsame Sturm, der den Engel der Geschichte vor sich hertreibt, in besserem Einklang mit Sebalds Erwachens- und Morgenszenen als der kühle Wind der Frühe. Sebalds eigene Engel, er hat sie bei Giotto gefunden, schweben allerdings wie zeit- und geschichtsentbunden im leichten Aufwind des eigenen Klagelieds: Am meisten erstaunte mich die lautlose Klage, die seit nahezu siebenhundert Jahren von den über dem unendlichen Unglück schwebenden Engeln erhoben wird. Wie ein Dröhnen war diese Klage zu hören in der Stille des Raums. Die Engel selbst aber hatten die Brauen im Schmerz so sehr zusammengezogen, daß man hätte meinen können, sie hätten die Augen verbunden. Und sind nicht, dachte ich mir, die weißen Flügel mit den wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde das weitaus Wunderbarste von allem, was wir uns jemals haben ausdenken können? - Der Salvator selbst hinterläßt in Verona für Selysses einen weiteren Engel Giottos, der wie von einem starken Wind getragen schwebt, ein direkter Vorläufer des Angelus Novus in der Kunstgeschichte. Es ist nicht zu erkennen, ob er, wenn auch rückwärts, noch in die Zukunft fliegt, oder aber, die sich einrollende Zukunft hinter sich herziehend, schon auf dem Weg zurück zum Felsenskelett im Ozean ist. Welche Aufgabe kann ein Engel in einer menschenleeren Welt noch erfüllen.

Montag, 5. August 2013

Geldschein für Leser

The Baronetage of England

In Zukunft wird eine britische Banknote Jane Austin abbilden und sie mit diesen Worten zitieren: I declare after all there is no enjoyment like reading. Ihren letzten Roman, Persuasion, eröffnet die Dichterin demonstrativ mit dem Blick auf einen Nichtleser: Sir Walter Elliot never took up any book but the Baronetage. Eine überaus geachtete Gruppe von Einbuchlesern waren vor Zeiten die, welche sich ausschließlich auf das Buch der Bücher, die Bibel beschränkten, ein weitaus reicheres Werk als The Baronetage of England, wie auch Sir Elliot nicht bestritten hätte, allerdings weniger aus Überzeugung – ist doch The Baronetage die Bibel der guten Gesellschaft und ein noch Höheres Wesen in Wahrheit nicht denkbar -, denn aus Gründen der Schicklichkeit und Convenance. Während wir also Sir Elliot immerhin mit einem aufgeschlagenen Buch sehen, kann dergleichen von seiner Tochter Anne, der die Autorin spiegelnden Heldin des Romans, nicht berichtet werden. Niemand auch scheint zum Lesen die Zeit zu haben. Obwohl es ganz offenbar nicht das geringste zu tun gibt, sind alle rastlos mit dem aufreibenden Nichtstun beschäftigt. Bestraft werden die Nichtleser in Austens Romanen mit ihrer völligen Lesbarkeit, der höllischen Transparenz ihres buchverlassenen Daseins.
Dann wird Captain Benwick als Leser entlarvt, und bei der Gelegenheit zeigt sich, kaum eine Überraschung, daß auch Anne Elliot im Verborgenen gelesen hat und über breite literarische Kenntnisse verfügt. Benwick liest bevorzugt Lyrik, sie, die Prosaleserin, führt ihn auf ihr Gebiet ein. Benwick wird als der Reading Captain durch den weiteren Verlauf des Buches geführt: The high spirited, joyous-talking Louisa, and the dejected, thinking, feeling, reading Captain Benwick, their minds most dissimilar! - He is a clever man, a reading man &c. Lesen macht die Welt, die in einem beklagenswert lesbaren Zustand ist, nicht etwa noch lesbarer, sondern läßt das Unlesbare erscheinen, das Geheimnis, das was das Lesen überhaupt erst lohnt. I will not allow books to prove anything. Das Unerklärlichste aber, das vom Lesen erst geweckte, ist die in der Ehe - als slow burning amour fou gleichsam - verstetigte Liebe, das in Jane Austens Romanen weit über allen anderen stehende Motiv. Keine Rede davon, daß allem, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen würde: die Welt außerhalb der guten Gesellschaft hat keinerlei Daseinsberechtigung, es sei denn in der verborgenen Lektüre der Leser.

In dem Buch, das voll ist von der Wichtigkeit des Lesens, ist der pervertierte Leser Sir Walter Elliot der einzige, den wir mit einem immerhin aufgeschlagenen Buch sehen. Generell ist die Darstellung Lesender in der Literatur eher selten. In einer Erzählung Cortázars wird erzählt von einem Mann, der am Abend in seinem sillón favorito sitzt und liest, offenbar einen Roman mit kriminalistischen Einschlag, ein Mensch mit einem puñal, einem Dolch, tritt auf, und irgendwann sieht es so aus, als habe der Meuchler den vorgesehenen Rahmen der Geschichte verlassen und nähere sich in gefährlicher Weise dem Lesenden an, schon sieht der Unhold durch eine Tür la cabeza del hombre en el sillón leyendo su novela. Aber was kann dem Lesenden geschehen, im Nu kann er das Buch schließen, und der Messerheld ist hilflos und bewegungsunfähig eingeklemmt zwischen den Buchdeckeln.

Cortázars Erzählung ist knapp zwei Seiten lang, die Lektüre also kürzer als üblich für eine ungestörte Lesesitzung, es läßt sich nicht sagen, das Lesen sei in umfänglicher Weise dichterisch erfaßt. Anders als die Dichter haben die Maler keine Schwierigkeit, die Zeit des Lesens einzubinden, Lesende sind ein häufiges Motiv der bildenden Kunst. Nicht wenige unter uns haben sich schon als Kind von dem in seine Bücher versunkenen Hieronymus im Gehäuse betören lassen und sind vielleicht auf diesem Weg zu Lesern geworden. Den Major Wyndham Le Strange, als englischer Landedelmann in einem scharfen Kontrast zu Sir Walter Elliot, sehen wir nur im Garten seines Anwesens, ständig umschwärmt von allem möglichen Federvieh, von Perlhühnern, Fasanen Tauben und Wachteln und den verschiedenen Garten- und Singvögeln, die teils am Boden um ihn herumliefen, teils in der Luft ihn umflogen. Einmal im Sommer hatte Le Strange im Garten eine Höhle ausgehoben, in der er tage- und nächtelang gesessen war gleich dem heiligen Hieronymus in der Wüste. Wir stellen uns vor, auch im Gehäuse habe er sich weitgehend so verhalten wie der Heilige und sich über die Bücher gebeugt, wir wissen mit Sicherheit aber so gut wie nichts von seinem Leben hinter den Mauern.
Ein Leser reinsten Geblüts ist Salvatore Altamura. Er sitzt vor der Bar mit einer grünen Markise vor der Arena in Verona und liest, die Brille in die Stirn geschoben, in einem Buch, das er so nah vor sein Gesicht hielt, daß es unvorstellbar war, wie er auf diese Weise etwas zu entziffern vermochte. Seinem Bedürfnis zu lesen wisse er um diese Tageszeit einfach keinen Widerstand entgegenzusetzen, er rette sich in die Prosa wie auf eine Insel. Wenn er die ersten Sätze anfange zu lesen, so sei es, als rudere er weit auf das Wasser hinaus.

Weniger intensive, dafür aber anmutigere Leserinnen, anmutig wie Jane Austens Heroinen, trifft Selysses im Zug nach Mailand. Mir gegenüber saßen eine Franziskanerin von vielleicht dreißig oder fünfunddreißig Jahren und ein junges Mädchen mit einer aus vielen farbigen Flecken geschneiderten Jacke um die Schultern. Das Mädchen war in Brescia zugestiegen, die Franziskanerschwester hatte in Desenzano bereits im Zug gesessen. Die Schwester las ihr Brevier, das Mädchen, nicht minder versenkt, einen Bilderroman. Von vollendeter Schönheit waren sie beide, dachte ich mir, abwesend und anwesend zugleich, und ich bewunderte den tiefen Ernst, mit dem sie jeweils die Blätter umwendeten. Einmal blätterte die Franziskanerschwester um, dann das junge Mädchen und dann wieder die Franziskanerschwester. So ging es die ganze Zeit fort, auch nur ein einziges Mal mit der einen oder der anderen einen Blick zu wechseln.

Eine der rätselhaftesten Leserinnen der Weltliteratur begegnet ihm auf der Fahrt zur ehemaligen Bundeshauptstadt, jetzt Bundesstadt Bonn. Die letzte der neuzugestiegenen Fahr­gäste war eine junge Frau mit einem braunen Samtbarett und lockigem Haar, in der ich auf den ersten Blick und, wie ich mir sagte, ohne den allergeringsten Zweifel, Elizabeth, die Tochter James I, erkannte, die als die Winterkönigin bekannt geworden ist. Diese junge Frau aus dem englischen siebzehnten Jahrhundert war, kaum hatte sie Platz genom­men und in ihrer Ecke sich eingerichtet, auf das tiefste versenkt in ein Buch, welches den Titel Das böhmische Meer trug und verfaßt war von einer mir unbekannten Autorin namens Mila Stern. Der Zug rollte hinein nach Bonn, wo die Winter­königin, ohne daß ich noch etwas zu ihr hätte sagen können, ausgestiegen ist. Seither habe ich immer wieder und bislang vergebens versucht, wenigstens das Buch Das böhmische Meer ausfin­dig zu machen; es ist aber, obschon zweifellos für mich von der größten Wichtigkeit, in keiner Bibliographie, in keinem Katalog, es ist nirgends verzeichnet.
Jane Austens Enjoyment reicht von Spaß über Vergnügen bis zu Freude. Bei dem jungen Mädchen mit der bunten Jacke wird man Spaß annehmen, bei der Franziskanerin vielleicht Vergnügen, für Selysses sind die beiden Leserinnen ganz offenbar eine Freude. Salvatore steht außerhalb der von Enjoyment erfaßten Bedeutungsskala, und bei der Winterkönigin weiß man gar nicht, was man denken soll.

Thomas Bernhard hat nach eigenem Bekunden in seinen Schreibphasen andere Autoren nicht gelesen. Der Grund ist ohne weiteres einsehbar, die Stimmen der anderen könnten die Entfaltung der eigenen stören, Dichten ist kein Chorgesang. Sebalds Bücher mögen zum Widerspruch reizen. Alle möglichen anderen melden sich zu Worte, Stendhal, Kafka, Conrad, Chateaubriand, auch Bernhard, alle aber müssen sich der Stimme Sebalds anpassen, ein vielstimmiger Sologesang. Selysses erleben wir typisch in der Phase nach dem Abschluß eines Werkes und der beginnenden Vorbereitung eines neuen, das dasjenige sein wird, das wir gerade lesen. Oft sehen wir ihn über seine Aufzeichnungen gebeugt, eine Zeitung lesen und in eher belanglosen Büchern blättern. Alles in allem scheint er aber dem Beispiel Bernhards zu folgen. Als Literaturwissenschaftler und Essayist hat Sebald das Enjoyment in der frühen Entwicklung bewußt vermieden und das Embitterment gesucht. Von der Freude und Begeisterung des Lesens erfahren wir erst, wenn wir Logis in einem Landhaus nehmen.

Samstag, 3. August 2013

Gerufen

Völlige Stille

Je me sens appelé par sa voix, sagt Philip Roth in einem Interview. Französisch wird er vermutlich nicht gesprochen haben, eine Rückübersetzung der makellosen Wortfolge ins Englische soll aber nicht versucht werden. Kann man über das Verhältnis zu einem Dichter etwas Schöneres, Innigeres oder Vollständigeres sagen als diese sieben Worte, was wäre noch hinzuzufügen. Gemeint war in diesem Fall die Stimme Célines; Céline, für den Hitler im Umgang mit den Juden zu milde war, Äußerungen hervorgetrieben von den Furien der Psychose, wie einige glauben, dem Autor der einschlägigen Aufsätze zugute halten zu können. Céline, dessen späte Bücher in einer satzlosen, gestammelten, zerschlagenen und sich ständig überschlagenden Sprache intoniert sind, im Meisterwerk Voyage au bout de la nuit war das noch ein wenig anders. Das letzte Buch ist den Tieren gewidmet, Aux animaux; seinen Tieren, allen Tieren - vor allen anderen in jedem Fall der Hauskatze Bébert. Welche Stimme ist gemeint, was hört Roth?

Viele Stimmen rufen, und nicht alle fühlen sich von der gleichen gerufen. En France mon Proust c’est Céline, heißt es weiter im gleichen Interview. Damit hat Roth sicher Proust die Stimme nicht absprechen wollen, eine ganz andere Stimme, die Zahl derer, die sich von Prousts Stimme gerufen fühlen, ist, nach allem, was man annehmen kann, um ein Vielfaches größer als die der Hörer Célines. Zumal wenn es Nacht wird, sitzen Prousts Leser mit besonderer Vorliebe ganz für sich nur zwischen den Bücherstellagen der und lauschen hingebungsvoll auf das leise, gleichmäßige, ungemein beruhigende Voranschreiten der Worte und Sätze, wie sie sich schließlich mitsamt ihrer Fracht, auf den Kreisen der Prosa höher und höher tragen lassen wie ein Segler auf den warmen Strömungen der Luft – so jedenfalls lauschen sie, es sind oft die gleichen, der Stimme Sebalds.
Die Dichter wohnen in den Büchern, deren nicht geringste Schönheit ihr Schweigen, ihre völlige Lautlosigkeit ist, das Umblättern der Seiten wie ein Flügelschlag der Eule. In der morgendlichen Stille Venedigs hat Selysses die Vision einer vom Lärm wie von einem Meer verschlungenen Welt. Es ist in dieser Stadt ein anderes Aufwachen, als man es sonst gewohnt ist. Still bricht nämlich der Tag an, durchdrungen nur von einzelnen Rufen und vom Flügelklatschen der Tauben, während man in den Hotels anderer Städte nicht auf die Stille, sondern mit wachem Entsetzen auf die Brandung des Verkehrs horcht. Das also ist, habe ich dann immer wieder gedacht, der neue Ozean. Unaufhörlich, in großen Schüben kommen die Wellen daher, werden lauter, richten sich weiter auf, überschlagen sich in einer Art von Phrenesie auf der Höhe des Lärmpegels und laufen als Brecher aus über den Asphalt und die Steine. Ich bin im Verlauf der Jahre zu dem Schluß gelangt, daß aus diesem Getöse jetzt das Leben entsteht, das nach uns kommt und das uns langsam zugrunde richten wird, so wie wir das langsam zugrunde richten was da war lange vor uns. Ganz und gar unwirklich, als müßte sie bald zerreißen, dünkte mich darum die Stille über der Stadt Venedig. Ist der Lärm endgültig an seinem Ziel, werden wir die das Schweigen der Bücher und die Stimme der Dichter nicht mehr hören können. Die Zeichen an der Wand sind nicht zu übersehen.

Eines der weniger beunruhigenden Zeichen noch sind die vorrückenden sogenannten Hörbücher. Hören wir Charlotte Brontës Stimme, wenn Sophie Rois Jane Eyre liest? Wir hören sie nicht, aber die Lesung kann ein Anstoß sein, neu auf Stimme der Dichterin zu hören. Naturgemäß hören wir nicht Sebalds Dichterstimme, wenn er uns Max Ferber vorliest, aber wir hören ihn gern und sind froh, daß seine Menschenstimme zur Dichterstimme zu passen scheint, ihr nicht schadet. Schließlich aber muß der Dichter schweigen, damit wir ihn hören können. In avancierter Prosa ist die Sprache von ihrer akustischen Komponente getrennt, sie ist still.
Weiter entfernt von der Dichterstimme als seine Menschenstimme ist die Stimme des Literaturwissenschaftlers Sebald, nicht zuletzt auch deswegen, weil er sich zunächst ganz überwiegend mit Autoren wie Döblin oder Sternheim befaßt hatte, von denen er sich nicht gerufen fühlte. Als er sich dann Keller, Hebel und Stifter zuwendet, hört er womöglich im Hintergrund auch schon Laute, die dann seine Dichterstimme bilden werden. Ist aber Wissenschaft überhaupt das richtige Verhalten für jemanden, der sich gerufen fühlt? Der Theoretiker hatte uns schon bestätigt: Kunst unterscheidet sich in jedem Fall vom Ingangsetzen einer sprachlichen Kommunikation dadurch, daß sie im Medium des Wahrnehmbaren oder Anschaulichen operiert, ohne die spezifische Sinnleitung der Sprache in Anspruch zu nehmen. Das gilt auch und noch viel dramatischer, weil weniger selbstverständlich, für alle Wortkunst, für Dichtung.

Die Stimme des Dichters wird also nicht hörbar an der im Hörbuch vortragbaren akustischen Oberfläche und auch nicht an der Oberfläche der Worte, sie erklingt immer de profundis, aus der stillen Tiefe des Textes. Sie ist nicht anzutreffen in den Aussagen des Oberflächentextes, dort, wo der Dichter etwas sagt, wie jeder etwas sagen kann, wo wir auf einer Höhe mit ihm sind, wo wir Vergleiche anstellen und einordnen können. Die Stimme der Callas läßt sich nicht durch den Hinweis erklären, die Tebaldi habe die gleichen Arien gesungen, und die Stimme des Dichters nicht dadurch, daß Platon sich schon über die gleichen Dinge den Kopf zerbrochen hat, bei Musil ähnliches zu lesen steht, und Handke manches auch so sieht. Um die Stimme zu verstehen, muß man nicht verstehen, was sie sagt, sie ist verborgen im Gesagten. Manche horchen nicht auf, wenn die Callas singt, und von der verborgenen Stimme der Dichter fühlen sich nur wenige gerufen.

Unter den Titeln von Klangfarbe und Musikalität sind wir bereits ähnlichen Eindrücken und Überlegungen nachgegangen. Gegenüber dem der Musikalität hebt der Begriff der Stimme den kreatürlichen Anteil am Kunstwerk hervor, so wie sich Gesang von Instrumentalmusik unterscheidet. Wenn aber die Stimme des Dichters lautlos ist, kann sie der des Malers eher noch ähneln als der des Sängers. Jeder kennt die berühmte Szene aus der Prisonnière, als der todkranke Dichter Bergotte, verleitet vom Artikel eines Kritikers, sich aufmacht, um in einer Ausstellung Vermeers Ansicht von Delft noch einmal in Augenschein zu nehmen. Der Kritiker hatte auf einen kleinen gelben Mauerfleck aufmerksam gemacht, der für sich genommen in seiner vollendeten Schönheit eine Chinoiserie von äußerstem Wert darstelle. Bergotte, der das Bild sehr gut kennt, sieht pour la première fois des petits personnages en bleu, (die recht großen im Vordergrund, die er nur schwer bislang hatte übersehen können, oder die wirklich recht kleinen hinten vor der Stadtmauer?), que la sable était rose, et enfin la précieuse matière du tout petit pan de mur jaune. So wie dieser Mauerfleck gemalt ist, so hätte er schreiben müssen, ist ihm schlagartig klar. Petit pan de mur jaune avec un auvent, petit pan de mur jaune, murmelt er, während er schon das Bewußtsein verliert. Es ist umstritten, wo auf dem Bild der Mauerfleck zu suchen ist, einige meinen, es gibt ihn nicht. In jedem Fall aber schaut Bergotte bei der letzten Betrachtung vorbei an den großen Aussagen des Bildes die Stadt Delft betreffend und findet die wahre Stimme des Malers, die seine eigene hätte sein sollen, in immer geringeren Einzelheiten, den kaum erkennbaren Personen, der Farbe des Sandes, und schließlich im Mauerfleck, Deo dante vitam hätte er sicher noch manches mehr, vielleicht noch Geringeres und darin noch Gewaltigeres entdeckt. Sebald läßt wiederholt, besonders in den Schwindel.Gefühlen, die Maler sprechen, die Geschichte des heiligen Georg wird uns in der Stimme Pisanellos vorgetragen, zunächst kaum erkennbare Personen, Empfangsdamen, Mitreisende &c. gewinnen beklemmende Deutlichkeit, sein letztendlicher Mauerfleck ist so wenig fixierbar wie der auf Vermeers Gemälde, vielleicht sind es die Motten, vielleicht auch die Seidenwürmer. Die Wahrheit seiner Stimme, von der wir uns gerufen fühlen, ist sicher eher hier zu suchen als in den großen Aussagen zu Holocaust und Luftkrieg.

Jeder Rufer ist ein Rufer in der Wüste, bis jemand sich gerufen fühlt. Gerufen fühlt man sich von Stimmen, die man, wie dunkel auch immer, ersehnt hat. Von wie vielen Stimmen können wir uns gerufen fühlen? Sebald hat gegenüber dem Stimmengewirr deutliche Ermüdungserscheinungen gezeigt, nur sehr wenige seien noch ständig in seinem Ohr.

Auf der Rückseite einer frühen Livre de Poche-Ausgabe der Voyage au bout de la nuit lesen wir eine Bestimmung der Stimme Célines : L’un des cris les plus farouches, les plus insoutenables que l’homme ait jamais poussé. Ein anderer mag bei der einleitenden Schilderung des Militärdienstes durchaus Stimmenverwandtschaft mit Jaroslav Hašek wahrnehmen  und nicht von einem cri farouche sprechen. Es ist die Stimmlage des Picaro, die auch in den weiteren Episoden bis zum Schluß des Buches vernehmbar bleibt. Benjamin wiederum hat bei Céline ein ähnliches Timbre vernommen wie bei Benn, das Timbre eines spezifisch ärztlichen Nihilismus. Wie hat Roth die Stimme Célines gehört?

Montag, 29. Juli 2013

Nachtquartiere

Through the night

Statistisch verbringt die überwiegende Mehrzahl der Menschen die bei weitem überwiegende Mehrzahl ihrer Nächte in der eigenen Wohnung, für Selysses aber, so könnte man meinen, ist das Seltene die einzige Regel. Zu Beginn der Ausgewanderten begegnen er und seine Frau Clara uns auf der Suche nach einer Wohnung, die sie im Haus des Dr. Selwyn finden. Später heißt es, Clara habe ein Haus gemietet. In diesem Haus oder einer anderen eigenen Wohnung werden wir Selysses nie antreffen, übernachten sehen wir ihn immer allein und ausschließlich in Hotels und Pensionen. Der Bericht über die Hotelaufenthalte hat jeweils die folgenden möglichen Teile: Erster Anblick der Herberge; Betreten der Herberge; Anmeldung an der Rezeption; Entgegennahme des Schlüssels; Umsehen im Zimmer; Einnehmen des Nachtmahls im Hotel; die Nacht, Schlaf und Schlaflosigkeit, Traum; Frühstück; Verlassen des Hotels. Kein Hotelaufenthalt weist sämtliche Teile auf, und keine zwei werden das gleiche Muster bei der Inanspruchnahme der Teile aufweisen. Fast jeder Hotelaufenthalt hat, ganz abgesehen von seiner jeweiligen Individualität, was etwa den Ort anbelangt, eine erzählerische Besonderheit, die sich an anderer Stelle nicht wiederholt. Gehen wir die Übernachtungen durch, in der Reihenfolge der Bücher, beginnend als mit den Schwindel.Gefühlen.

Selysses ist bereits in Wien, als die Erzählung All’estero einsetzt, eine Hotelunterkunft hat er sich ohne unser Dabeisein besorgt. Er verbringt ungefähr zehn Tage in der Stadt, irgendwann wundert er sich angesichts der zunehmenden Auflösung seiner Person, daß er weiterhin in einem Hotel wohnt und nicht als Sandler auf der Straße. Während er, die Plastiktasche mit gekreuzten Armen gegen die Brust gedrückt, im Foyer auf den Lift wartet, spürt er den langen fragenden Blick des Nachportiers in seinem Nacken. Die zerfetzten und herrenlosen Schuhe, Schnee und Schuhe zuhauf – mit diesen Worten im Sinn legt er sich nieder. Am nächsten Morgen erwacht er nach einem tiefen, traumlosen Schlaf, den nicht einmal die vom Ring heraufdringenden Brandungsgeräusche der Verkehrsströme hatten stören können.

Das zweite Schlafquartier ist kein Hotel, sondern der Nachtzug von Wien nach Venedig. Beruhigt von dem geschwinden Fahren ist Selysses bald in den Schlaf gesunken, und im Schlaf hat er ein unvergeßliches Landschaftsbild gesehen. Über den Dächern erhoben sich dunkel bewaldete Kogel, die schwarzgezackte Höhenlinie wie ausgeschnitten aus dem Gegenschein des Abendlichts. Aufgewacht ist er erst mit dem Gefühl, daß der Zug nun aus dem Gebirge heraus- und in die Ebene hineinstürzte. Dunkle schmale zerrissene Täler öffneten sich, nach und nach brachte das Morgengrauen verschobenes Erdreich, Felsbrocken, Schutt- und Schotterhalden schemenhaft an den Tag.
Als Selysses in Venedig nach dem Bootsausflug mit Malachio in das Hotel zurückkehrt, liegt alles schon in den Betten, sogar der Nachtportier ruht wie aufgebahrt auf einem engen, seltsam hochbeinigen Lager. Im Fernsehen zittert das Testbild, einzig die Maschinen haben begriffen, daß man nicht mehr schlafen darf. Selysses selbst wird schon bald von der Müdigkeit übermannt. Während er in Wien, Frankfurt oder Brüssel immer vom einsetzenden Verkehrslärm aufgewacht ist, wird er in Venedig gleichsam von der Stille geweckt, nur einzelne Rufe, das Flügelklatschen der Tauben. Mit gelegentlichen Aufzeichnungen und mehr noch mit Nachdenken beschäftigt, verläßt er das Zimmer nicht mehr, vom Hauskellner läßt er sich Rotwein und Butterbrote bringen. In einem Tagtraum erscheint ihm die Krankenhausinsel La Grazia wie ein großes Schiff, aus dem Tausende von Irren herausschauen, der heilige Franz liegt in einem schwankenden Schilfbeet mit dem Gesicht nach unten im Wasser, und über die Sümpfe schreitet die heilige Katharina. Eine zweite Nacht vergeht und eine dritte, die Glieder werden aufgrund der Bewegungslosigkeit immer kälter und starrer. Ein heißes Bad und die Reste des Rotweins und der Brote setzen ihn soweit instand, daß er seine Sachen packen und sich auf den Weg machen kann. Ausgehend vom Bild eines regulären Hotelaufenthalts, ist auch der hart erkämpfte Cappuccino in der Ferrovia noch als Teil der Übernachtung anzusehen.

In Limone bezieht Selysses weniger ein Hotel, als daß er heimkehrt zu Luciana, seinem angetrauten Weibe, die ihn nährt und labt und seine Gedankenwelt mit ihm teilt. Die Nacht muß er freilich allein verbringen, denn die Trauung vor dem Postenkommandanten Dalmazio Orgiu findet erst am darauffolgenden Tag statt. Auch aus anderen Gründen verläuft die Nacht nicht erfreulich. Ich legte mich auf mein Bett und verschränkte die Arme unter dem Kopf. An ein Einschlafen war nicht zu denken. Von der Terrasse herauf drang der Lärm der Musik und das Stimmengewirr der großteils schon angetrunkenen Gäste. Anders als der Held der Odyssee hat Selysses nicht die Kraft, die lästigen Freier zu vertreiben.

Im Hotel Boston zu Mailand kommt die Signora, ein völlig ausgetrocknetes Wesen von sechzig bis siebzig Jahren aus dem Fernsehzimmer hervor und hält skeptisch ihren Vogelblick auf Selysses gerichtet, der keinen Paß vorweisen kann. Schließlich ruft sie ihren Mann, der auf den Namen Orlando hört und nun gleichfalls aus dem Fernsehnzimmer herauswankt, wo er, wie die Signora, in tiefen Dämmer versunken gewesen war. Selysses erzählt seine Geschichte nochmals von vorn und sogar ihm selbst erscheint sie jetzt unglaubwürdig. Halb mitleidig, halb verächtlich wird ihm schließlich ein alter eiserner Schlüssel mit der Nummer 513 (in Worten: ... dreizehn) ausgehändigt. Ein langer Korridor, viel zu lang für das schmale Haus, führt leicht abschüssig, wie mir vorkam, an den Zimmertüren vorbei, die in Abständen von kaum mehr als zwei Metern aufeinander folgen. Es ist wie ein Gang in die Arrestzelle. Die armen Reisenden, geht ihm durch den Kopf, immer anderwärts, der Schlüssel dreht sich im Schloß. Stunden, endlose Stunden verfließen, ohne daß er zur Ruhe kommen konnte. Schon gegen Morgen erhebt er sich und stellt sich in das schräg ins Zimmer hineinragende Brausebecken. Lang ließ ich das Wasser herablaufen an mir. Endlich glaubte ich den ersten Schein wahrnehmen zu können, hörte den Schrei einer Amsel. Erst jetzt ist an Schlaf zu denken. Er macht die Augen zu, unter meinen geschlossenen Lidern beginnt es zu leuchten, ecco arcobaleno! Über einem weiten grünen Kukuruzfeld schwebt mit ausgebreiteten Armen eine Klosterfrau, die mir aus meiner Kindheit vertraute Schwester Mauritia.

In Verona erlebt Selysses ein Hotelwunder, das kaum genug gewürdigt werden kann. In der Goldenen Taube war wider alles Erwarten ein ihm in jeder Hinsicht aufs beste zusagendes Zimmer zu haben und er sieht sich, daran gewöhnt zumeist schlecht bedient zu werden, von einem an Ferdinand Bruckner erinnernden Portier und der anscheinend eigens in der Halle sich einfindenden Geschäftsführerin des Hotels mit der ausgesuchtesten Zuvorkommenheit behandelt. Seinen Ausweis braucht er nicht vorzulegen, der Portier hebt seine Tasche auf und geht ihm voraus in das Zimmer voraus, wo er sich mit einer Verbeugung von ihm verabschiedet. Die Nachtruhe, die er unter dem Dach der Goldenen Taube genießt, grenzt, wie das anschließende, ihm als würdevoll in Erinnerung gebliebene Frühstück, ans Wunderbare. Könnten Nachtquartiere heilig gesprochen werden, alle Bedingungen wären erfüllt. - Das Hotel oberhalb von Bruneck, am Ende der Vegetation gelegen, mit Blick auf den Großvenediger, bleibt, obwohl Selysses dort den gesamten Oktobermonat verbringt, für uns ein bloßer Schatten, ohne Konturen.

Die Empfangsszene im Engelwirt in der Ortschaft W. zählt zu den ausführlichsten im Werk. Schließlich ist es der Empfang in der Heimat, das Prädikat der Herzlichkeit verdient er sich allerdings nicht. Hinter der Rezeption war, nachdem sich auf mein Läuten lang nichts gerührt hatte, eine sehr wortkarge Dame aufgetaucht. Ich hatte nirgends eine Tür gehen hören, nirgends sie hereinkommen sehen, und doch war sie auf einmal dagewesen. Mit unverhohlener Mißbilligung musterte sie mich, sei es wegen meiner von der langen Wanderschaft in Mitleidenschaft gezogenen äußeren Erscheinung, sei es wegen meiner ihr unerklärlichen Geistesabwesenheit. Sie hielt, als sei es ihr kalt, mit der Linken die Strickjacke zusammen und erledigte umständlich und ungeschickt alles nur mit der anderen Hand, wodurch sie, wir mir schien, sich Bedenkzeit gewinnen wollte diesem eigenartigen Novembergast gegenüber. Während der ersten Tage habe ich den Engelwirt nicht verlassen. Die Nacht über von Träumen geplagt und erst am Morgen zur Ruhe kommend, habe ich den ganzen Vormittag verschlafen. Den Nachmittag über bin ich, mit meinen Aufzeichnungen und dem damit verbundenen Nachsinnen beschäftigt, in der leeren Gaststube gesessen und am Abend habe ich über meine vorgebliche Zeitungslektüre hinweg den Gesprächen der Bauern zugehört. Wochen später, beunruhigt von den ersten Vorbereitungen für den Saisonbeginn, entschloß ich mich abzureisen.
In den Vier langen Erzählungen treten die Reisen und Erlebnisse des Selysses zurück hinter die des jeweiligen Protagonisten, zu Beginn der Erzählung Max Aurach ist er aber noch in eigener Mission unterwegs, und es gilt, mit Hilfe des Taxifahrers in Manchester eine nicht allzu teure Unterkunft für eine unbestimmte Dauer zu finden. Der Wagen hält schließlich vor einem kaum zwei Fenster breiten Haus, an dessen rußgeschwärzter Fassade in geschwungener Leuchtschrift der Name Arosa angebracht war. Das von Gracie Irlam geleitete Hotel Arosa wird für längere und schwierige Zeit Selysses’ Quartier sein mit einem elektrischen Teeapparat und einer darin eingelassenen Weckuhr als engstem Gefährten. Das absonderliche Gerät wird ihn durch sein nächtliches Leuchten, sein leises Sprudeln am Morgen und durch sein bloßes Dastehen untertags am Leben festhalten lassen. Auch Nabokow im Exil hatte zunächst Lolita veröffentlichen müssen, bevor er das Montreux Palace beziehen konnte. Die Pension Elisabeth Schmidt in der Berliner Trautenaustraße stellt man sich so schlicht vor wie Gracie Irlams Arosa, und auch in Montreux noch quälte der Dichter, der uns in den Ausgewanderten nahezu so oft begegnet wie Selysses, sich durch lange schlaflose Nächte.

Eine frühe imaginäre Amerikanisierung der eigenen Person habe bald einer gegen alles Amerikanische gerichteten Abneigung Platz gemacht, bekennt Selysses, und nichts sei ihm absurder erschienen als der Gedanke, einmal ungezwungenermaßen eine Reise nach Amerika zu unternehmen. Der Aufenthalt im Lande führt offenbar zu einer neuerlichen Revision seiner Einstellung. Mit Freude erfüllt das Dahinrollen auf den Highways, und auch das Guesthouse in Ithaca hinterläßt einen günstigen Eindruck. Beruhigend ist schon, daß der greise Portier ganz und gar dem Cicerone in der Arena von Verona ähnelt, so stark vorübergebeugt, wie er geht, war er mit Sicherheit nicht imstande, von seinem Gegenüber mehr als die Beine und den Unterleib wahrzunehmen. Eine wunderbare Mahagonistiege vermittelte das Gefühl, als schwebe man gleichsam hinauf. Öffnete man eines der hohen Fenster des geräumigen Zimmers, so schaute man mitten hinein in den wogenden Schatten einer aus Tiefe heraufragenden Zypresse. Das beständige Rauschen rührte aber nicht von dem Wind in den in den Bäumen, sondern von den in geringer Entfernung niedergehenden Ithaca Falls. Todmüde legt Selysses sich nieder und verfällt gleich in einen tiefen Schlaf.

Nach Deauville reist Selysses in der vagen Hoffnung und entgegen jeder vernünftigen Annahme, Spuren der Welt zu finden, in der Cosmo Solomon und Ambros Adelwarth sich bewegt hatten. Das Grand Hôtel des Roches Noires, in dem sich um die Jahrhundertwende amerikanische Multimillionäre, englische Hocharistokraten, französische Börsenkönige und deutsche Großindustrielle gegenseitig die Ehre gaben, ist nicht mehr betretbar. Das 1912, also im vorletzten Jahr des neunzehnten Jahrhunderts, fertiggestellte Hôtel Normandy ist auch jetzt noch ein Haus der gehobenen Klasse, ohne daß aber vom Flair vergangener Tage irgendetwas geblieben wäre. Selysses ist offenbar der einzige Gast neben einer Unzahl von Japanern, die hier auf der dritten Station einer Globusglücksreise nach Las Vegas und Atlantic City eingetroffen sind. Es bleibt kein anderer Ausweg, als nachts im Hotelzimmer den verblichenen Glanz herbeizuträumen, die Comtesse de Montgomery, die Comtesse de Fitz James, die Baronin d’Erlanger, die Marquise de Massa, die Rotschild &c. Die Zauberküste auf fünf Seiten. Schließlich trifft er am Roulettetisch auch den Cosmo und den Ambros. Aus dem Deauviller Traum erwacht, tritt Selysses ans Fenster seines Hotelzimmers. Der Morgen bricht soeben an. Farblos noch geht der Strand in das Meer und das Meer in den Himmel über. - Das Motiv der Luxushotels der Jahrhundertwende taucht noch verschiedentlich auf, allerdings ohne daß es mit einer Einnachtung des Selysses verbunden wäre. In Austerlitz ist es das Londoner Great Eastern Hotel in der Liverpool Street, in dessen Salon Bar Selysses wie üblich durch einen Zufall sondergleichen mit dem Titelhelden des Buches zusammentrifft, und in Manchester ist es das Midland Hotel, in dessen Überresten Aurach, zu Geld gekommen, sich einlogiert. Ambros Adelwarth beginnt seine Karriere als apprenti garçon im weltberühmten Grand Hotel Eden in Montreux und die gleichen Hotels, in denen Cosmo Solomon soviel Geld wie möglich verbrennt, umwerben Fritz, den Schulfreund aus dem Allgäu, als Meisterkoch.

Kissingen vermittelt Selysses kaum freundliche Eindrücke, Schon bei der Anreise ist er dem deprimierenden Anblick des Brotzeiters ausgesetzt und dem der alten Frau, die für die Vertilgung eines einzelnen Apfels eine volle Stunde benötigt. Das Foyer des Hotels ist so leer wie der Bahnhofsvorplatz und die Empfangsdame mustert ihn mit einem Blick, als befürchte sie von ihm einen Hausfriedensbruch. Im Lift sieht er sich einem gespenstischen alten Ehepaar gegenüber, das ihn mit einem Ausdruck unverhohlener Feinseligkeit, wo nicht gar des Entsetzens anstarrt. Die Nachtruhe mag gleichwohl zufriedenstellend verlaufen sein, man hört nichts Gegenteiliges.
Der Wanderer der Ringe des Saturn ist auf Hotels kaum weniger angewiesen als der Reisende der Schwindel.Gefühle, und doch mindert offenbar die Nähe zu Selysses’ festem Wohnsitz ihre erzählerische Bedeutung. In Lowestoft nimmt Selysses Quartier im Victoria, einst ein Promenadenhotel of a superior description. Jetzt wandert Selysses längere Zeit durch völlig verlassene Räume, ehe er auf eine verschreckte junge Frau stößt, die ihm, nach einigen zwecklosen Herumsuchen im Register der Rezeption, einen mächtigen, an einer hölzernen Birne hängenden Zimmerschlüssel reicht. Das Zimmer lernen wir nicht kennen, die Aufmerksamkeit richtet sich allein auf das Abendbrot, das Selysses in dem großen Speisesaal einnimmt, ein Ort, an dem wir ihn sonst nie antreffen. Möglich ist ihm das wohl nur, weil er der einzige Gast ist, Selysses speist nicht in Gesellschaft.

Im Crown Hotel Southwold hat Selysses sich offenbar für mehrere Tage einquartiert, als Ort der Nachtruhe tritt das Etablissement aber kaum in Erscheinung. Am Nachmittag sitzt er bis zur Teestunde in dem Barrestaurant des Hotels. Am Abend des zweiten Tages schläft er im Samtfauteuil vor dem Fernseher ein und verpaßt die Sendung über Roger Casement. Schließlich kommt er in der Bar des Crown Hotels mit einem Holländer namens Cornelis de Jong ins Gespräch, unüblich und auffällig, da Selysses gemeinhin in Hotels nicht auf Mitbewohner stößt oder aber sie nicht wahrnimmt und jedenfalls keine Worte mit ihnen wechselt.

Die beiden Hotelaufenthalte in Holland finden nicht in der aktuellen Erzählzeit der Ringe des Saturn statt, sondern als Erinnerung an zurückliegende Ereignisse. Das Hotel in Den Haag wird ausdrücklich der zweifelhaften Kategorie zugeordnet. Ob sein Name nun Lord Asquith, Aristo oder Fabiola gewesen ist, das Etablissement erfüllte selbst den bescheidensten Reisenden mit einem Gefühl der tiefsten Niedergeschlagenheit. In der Rezeptionsnische saßen zwei nicht mehr ganz junge, offenbar seit langem miteinander vermählte Herren und zwischen ihnen, an Kindes satt sozusagen, ein aprikosenfarbener Pudel. Nachdem er Zeuge eines auch für ihn selbst nicht ungefährlichen Attentats geworden war, liegt Selysses verstört von den Nachwirkungen des Erlebnisses auf dem Bett. Wegen der Schwüle konnte man die Fenster nicht geschlossen halten, und wenn man sie öffnete, hörte man einen unerträglichen Verkehrslärm von der Kreuzung herauf.

Ganz anders im nur wenig entfernten Amsterdam. Gegen Abend saß ich in dem stillen, mit alten Möbeln, Bildern und Spiegeln ausgestatteten Salon eines mir von früher her bekannten Hotels am Vondelpark und machte verschiedene Aufzeichnungen über die Stationen meiner nun bald abgeschlossenen Reise. Dann war es Nacht geworden und ich saß im Dunklen auf meinem Zimmer im Dachgeschoß und horchte auf die Sturmböen, die jetzt die Kronen der Bäume durchwogten. Von fern her rollte der Donner. Ein fahles Wetterleuchten ging um den Horizont. Einmal, als wieder ein Blitz über den Himmel fuhr, blickte ich hinab in den weit unter mir liegenden Garten des Hotels und sah dort, in dem breiten Graben, der den Garten vom Park trennt, im Schutz der niederhängenden Zweige einer Trauerweide ein Entenpaar, reglos auf der von grasgrüner Grütze ganz und gar überzogenen Fläche des Wassers. 
In Austerlitz treten die Reisen des Selysses zurück hinter denen des Titelhelden. Zwei Hotelaufenthalte sind zu betrachten. Ich hatte mir in einem kleinen Hotel auf der Kampainsel ein Zimmer genommen, saß dort bis zum Dunkelwerden am Fenster und schaute auf das graubraune, träge dahinfließende Wasser der Moldau hinaus. Die ganze Nacht bin ich teils schlaflos gelegen, teils geplagt worden von unguten Träumen. Der Volksstamm der Azteken sei ausgestorben, erfährt Austerlitz, höchstens daß hie und da ein alter Papagei überlebte, welcher noch etliche Worte der Sprache versteht. Ein prophetischer Traum wohl, mit einer schlechten Prognose für die eigenen Recherchen.

Das Palace Hotel in Marienbad ist im gesamten Prosawerk das einzige, in dem nicht ein einzelner Reisender an den Rezeptionstisch tritt, sondern, mit Marie de Verneuil und Austerlitz, ein Paar. Es brauchte eine geraume Zeit, bis der Empfangsportier, der in seiner engen Loge an einem Stehpult stand, von seiner Lektüre aufblickte, um sich den späten Gästen zuzuwenden mit einem kaum hörbar gemurmelten Dobry vecer. Dieser ungemein magere Mann, an dem einem als erstes auffiel, wie sich, trotzdem er nicht mehr als vierzig sein konnte, seine Stirne fächerförmig in Falten legte, erledigte mit der größten Langsamkeit, beinahe so als bewegte er sich in einer dichteren Atmosphäre, ohne ein weiteres Wort die notwendigen Formalitäten, verlangte unsere Visa zu sehen, blätterte in den Pässen und in seinem Register herum, machte mit einer kraxligen Schrift einen längeren Eintrag in ein kariertes Schulheft, ließ uns einen Fragebogen ausfüllen, kramte in seiner Schublade nach dem Schlüssel und brachte schließlich durch das Läuten einer Klingel einen krummen Dienstmann herbei, der einen mausgrauen, ihm bis zu den Knien reichenden Nylonkittel trug und, nicht anders als der Empfangschef des Hauses, geschlagen war von einer seine Glieder lähmenden krankhaften Müdigkeit. Das Zimmer, das für uns aufgesperrt wurde, hatte die Nummer 38, - ein großer, geradezu salonartiger Ort. Die Wände waren mit einer burgunderfarbene, an manchen Stellen arg verschossenen Brokattapete überzogen. Auch die Portieren und das Bett, das in einem Alkoven stand, stammten aus einer vergangenen Zeit. Tatsächlich sei er, so Austerlitz, nie zuvor in seinem Leben besser einschlafen als in dieser ersten mit Marie gemeinsam verbrachten Nacht. Aber vor dem Morgengrauen noch erwacht er mit einem abgründigen Gefühl der Verstörung und muß sich wie ein Seekranker aufrichten und an den Bettrand setzen. Am Morgen tauchten die großen Hotelpaläste aus dem Frühnebel auf wie Ozeandampfer auf einem dunklen Meer.

In zwei der vier langen Erzählungen begleiten wir Selysses bei der Wohnungssuche. In Manchester bringt er es aus eigener Kraft nur zum Aufenthalt in einer Pension, zusammen mit Clara mieten die Vermählten im Hause Selwyns eine Wohnung an, und es ist Clara, die schließlich ein Haus ersteht. Für den, was diesen Erfolg anbelangt, gleichsam nicht verantwortlichen und ungläubigen Selysses ist, zumal in den Schwindel.Gefühlen, dem ersten Prosawerk, jeder Hotelaufenthalt eine Wiederholung des Versuchs, in der Fremde, all’estero, eine Heimstatt, patria, zu finden. Wie Selysses seine Nachtquartiere auswählt, erfahren wir in der Regel nicht. In Manchester hatte er den Taxifahrer nach einem nicht allzu teurem Hotel gefragt und ihm die weitere Entscheidung überlassen. Wohin es ihn verschlägt, immer anderwärts, so auch in Wien, Venedig, Mailand, Herbergen der gleichen Güteklasse, so als gelte es, einer in Manchester noch nicht ausgeschöpften und wenig angenehmen Wahrheit weiter nachzugehen. Absteigen – das Arosa ist auch ein Patíbulo für die travelling gentlemen - und seltsame Hospize, das Hotel als Totenstatt in Venedig, es gilt: je fragwürdiger der Ort der Übernachtung, desto ertragreicher ist er existentiell und erzählerisch.

Daneben stehen die Orte gepflegte Gastlichkeit etwa in Verona, Ithaca oder Amsterdam. Als solche bedeuten sie Selysses nicht viel. Das Wohlbefinden in Verona geht an ihm vorüber, es ist real aber trotz der erwogenen Heiligsprechung in gewissem Sinne nicht wahr. Es kann ihn nicht betreffen, einer der Gründe, warum er sich in ironischer Distanzierung unter falschem Namen als Jakob Philipp Fallmerayer einträgt. In der Erinnerung bleibt nur Bruckner, der hier als Portier Dienst tut. Auch in Amsterdam und Ithaca ist nicht so sehr die gute Unterbringung bedeutsam und wertvoll, sondern verschiedene Einzelheiten, die im Licht des Blitzes erscheinenden Enten auf dem Grützteich, der Treppenaufgang, die Zeder, der Wasserfall. Gänzlich hors catégorie ist naturgemäß der Aufenthalt in Limone, das erlebte Glück besteht aus Illusionen, Träumereien und Andeutungen, es ist nicht real aber wahr.

Auf der Ebene der Luxushotels erleben wir den Glanz der Vergangenheit. In der Vorbereitung des Passagenwerks notiert Benjamin: Wie Proust seine Lebensgeschichte mit dem Erwachen beginnt, so muß jede Geschichtsdarstellung mit dem Erwachen beginnen, ja sie darf eigentlich von nichts anderem handeln. So handelt diese vom Erwachen aus dem neunzehnten Jahrhundert. Sebald ist, ebenso wie Proust, kein Historiograph oder Geschichtsphilosoph, aber als Dichter steuert er immer wieder zu auf das Jahr 1913, als dem letzten des neunzehnten Jahrhunderts, mit dem bösen Erwachen im Jahr darauf. Als Selysses, erwacht aus dem Deauviller Traum, der ihn zurückgetragen hatte in das Jahr 1913, ans Fenster des Hotelzimmers tritt, sieht er eine auf das geschmackloseste zusammengerichtete Person, vermutlich das Gespenst der Gräfin Dembowski, die ein weißes Angorakaninchen an der Leine spazieren führt. Ein giftgrün livrierter Clubman hält ihm immer dann, wenn es nicht weiter will, ein Stückchen Blumenkohl vor. - Da stellt sich die Frage: Ist Selysses wirklich erwacht in Deauville? Ob Wach- oder Traumbild, in jeden Fall ein ganz und gar surrealistisches Bild. Bei Benjamin heißt es weiter: Der Surrealismus ist das Sterben des letzten Jahrhunderts in der Komödie. In einer Art grauem Schattendasein erhalten war das neunzehnte Jahrhundert an verschiedenen Orten des sozialistischen Reiches, so im Palace Hotel Marienbad.

Hotels sind bei Sebald nicht gestaltet als places where people meet. Einzig im Crown Hotel kommt er einmal ins Gespräch mit jemandem, dem Niederländer Cornelis de Jong. Wie die Städte scheinen auch die Herbergen wie leergefegt. Im Engelwirt und im Victoria in Lowestoft wird Selysses ausdrücklich als der einzige Gast vorgestellt, ansonsten sind die Hotelgäste bestenfalls huschende Schatten am Horizont. Die Gespräche der Bauern im Engelwirt belauscht er in bester Detektivmanier heimlich, versteckt hinter einer Zeitung: er arbeite an einem Kriminalroman, hatte er Luciana wissen lassen. Kontakt hat Selysses nur mit dem Servicepersonal und das nur einmal und intensiv beim Betreten des Hotels. Stellt man sie sich versammelt vor an einem Ort, schaut man auf ein seltsames, von zahlreichen Gebrechen geplagtes Volk. Der Zimmerservice wird in Anspruch genommen, anscheinend aber stumm und ohne Blickkontakt. Daß Selysses seine Hotelrechnungen bezahlt, nehmen wir an, ohne es aus dem Text heraus bezeugen zu können.
Selysses verbringt nicht nur die Nächte in Hotel, meistens ungute, immer wieder aber auch unbeschadete, sondern häufig auch die Tage, die meisten naturgemäß im, wenn man so sagen will: Urhotel Arosa in Manchester, wo ihn in der Nacht das Leuchten und am Tag das bloße Dastehen der teas-maid am Leben erhält. In Wien und Venedig sind die Hoteltage nicht besser als die Nächte, besser wird es nur, wenn die Aufzeichnungen, das Schreiben an die Stelle der teas-maid tritt, im Hotel unterhalb des Großvenedigers, in der Gaststube des Engelwirts oder im Salon des Privathotels in Amsterdam. Hors catégorie ist in Limone nicht die Nacht, sondern der Tag.

Sonntag, 7. Juli 2013

Hotel Boston

Tiempos muertos


Vargas Llosa führt in seinem Aufsatz zu dem mittelalterlichen katalanischen Roman Tirant lo Blanch aus: Las corrientes anímicas de una novela siguen una línea fluctuante, desigual, debido a los irremediables tiempos muertos, aquellos episodios indispensables, pero que tienen un valor puramente relacional. Diese, nicht allein Tirant lo Blanch, sondern allgemein die Gattung des Romans betreffende Charakterisierung läßt sich offenbar nicht in Einklang bringen mit Sebalds, den Bildwerken Pisanellos abgelesener poetologischer Festlegung, wonach allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zuzusprechen ist: ein in einem tiempo muerto behandeltes Motiv ist in seiner Daseinsberechtigung geschmälert. Nicht umsonst und nicht zuletzt aus diesem Grund hat Sebald hervorgehoben, daß sein Metier die Prosa und nicht der Roman ist. Das poetologische Vorhaben derselben Daseinsberechtigung setzt die einzelne Motive frei, sie können nicht puramente relacional sein. In ihrer Freiheit aber können sie überraschende und dichte Beziehungen untereinander eingehen. Das beglückende Leseerlebnis ist vor allem auch in diesem Doppelverhältnis von einander gegenseitig nicht einschränkender Freiheit und Gebundenheit begründet. In hohem Maße frei und nicht eingebunden in das Buch scheint die Begegnung mit der Artistenfamilie Santini im Mailänder Konsulat zu sein, am Ende der Schwindel.Gefühle wird dann aber klar, daß der Strohhut, den Giorgio Santini in den Händen hält, schon vor Jahrhunderten San Giorgio, auf dessen Spur wir schon mehrfach gestoßen waren, als Kopfbedeckung gedient hatte.
Die Fahrt nach Mailand ist, wenn auch nirgends ausdrücklich eingestanden, der Not geschuldet, im deutschen Konsulat ist Ersatz für den verlorenen Paß zu besorgen, ein potentielles tiempo muerto also. Es hätte kaschiert und auf ein Minimum reduziert werden können: In Desenzano stieg ich in den Zug nach Mailand und war, nach der Beschaffung eines neuen Passes im deutschen Konsulat, in den Abendstunden schon wieder auf dem Weg nach Verona. Sebalds Prosa geht den anderen Weg, die tiempos muertos werden nicht ausgemerzt, sondern, ganz im Gegenteil, generalisiert. Befreit von strenger Fron zur Aufrechterhaltung der auf einen knappen Rest geschrumpften Romanhandlung gewinnen sie ein neues Leben eigener Art. Das Kapitel Mailand hat die folgende Szenenfolge: Anreise in entzückender Gesellschaft, Studium des Beredten Italieners; Überfall auf dem Bahnhofsvorplatz; Fahrt im Taxi; Übernachtung im Hotel Boston; die Santinis im Warteraum des Konsulats; Ausstellung des Passes; auf der Galerie des Doms. Blessuren wären nicht sichtbar, würde einer dieser Erzählabschnitte gestrichen, aber an Reichtum würde das Buch verlieren.

Wir hielten vor dem Hotel Boston, einem ungut und schmalbrüstig aussehendem Haus. Wie Selysses auf das Hotel Boston verfallen ist - von einer telephonischen Vorbestellung ist so wenig die Rede wie von einer Absprache mit dem Taxifahrer - und warum er sich, angesichts des deprimierenden Eindrucks, nicht zu einer anderen Unterkunft fahren läßt, erfahren wir nicht. Soweit wir Überblick über seine Hotelaufenthalte haben, war es ihm recht so, das Hotel Boston liegt auf seiner Linie, was könnte sich in einer Unterkunft mit vier oder mehr Sternen an Berichtenswertem zutragen.
Die Signora, ein völlig ausgetrocknetes Wesen von sechzig bis siebzig Jahren war aus dem Fernsehzimmer hervorgekommen, skeptisch hielt sie ihren Vogelblick auf mich gerichtet: damit ist der ornithologische Motivbereich des Buches angesprochen. Die Vögel stehen dem Dichter immer besonders nah, auch in den Schwindel.Gefühlen. In Wien hat er nicht mit den Menschen geredet, sondern bloß mit den Dohlen in den Anlagen vor dem Rathaus und mit einer weißköpfigen Amsel. Ein paar Hühner mitten in einem grünen Feld, die sich, obschon es doch noch gar nicht lange zu regnen aufgehört hatte, waren schon für ein die winzigen Tiere, wie mir schien, endloses Stück von dem Haus entfernt, zu dem sie gehörten. Aus einem mir nach wie vor nicht ganz erfindlichen Grund ist mir der Anblick dieser weit ins Feld sich hinauswagenden Hühnerschar damals sehr ans Herz gegangen. Diese Zuneigung zum Geflügel überträgt sich nicht auf die Vogelmenschen, nicht auf die Tiroler Weiber, die wie große Rabenvögel den Bus nach Oberjoch bevölkern und sich untereinander in ihrer hinten im Hals artikulierten Vogelsprache unterhalten und nicht auf die Signora im Hotel Boston.

Die Signora rief ihren Mann, der auf den Namen Orlando hörte und nun und nun gleichfalls aus dem Fernsehnzimmer herauswankte, wo er, wie die Signora, in tiefen Dämmer versunken gewesen war. Die hard-boiled Private-Eyes in den amerikanischen Detektivromane, ob in Boston oder in einer anderen Stadt, treffen immer wieder auf Hotelmanager, die auf ähnliche Weise unwillig aus kleinen Nebenzimmern hervorkommen. Selysses hatte Luciana Michelotti in Limone gestanden, daß er an einem Kriminalroman arbeitet, gehört selbst aber offenbar nicht zu den Detektiven dieses Schlags, eher schon zu denjenigen, die sich in Winkelhotels dieser Art verbergen müssen. In Mailand hat er bislang kein Verbrechen aufgeklärt, sondern ist Opfer eines allerdings glimpflich verlaufenen Überfalls geworden.
Ich begann meine Geschichte nochmals von vorn und sogar mir selbst erschien sie jetzt unglaubwürdig. Halb mitleidig, halb verächtlich wurde mir schließlich ein alter eiserner Schlüssel mit der Nummer 513 (in vielen Hotel wird die Dreizehn ausgelassen, hier nicht) ausgehändigt. In philosophisch orientierten Gesprächen wie denen mit dem Venezianer Malachio und dem Veronesen Altamura beschränkt Selysses sich weitgehend auf den Part des Zuhörers, gelingende Gespräche unter der Wortführerschaft des Reisenden gibt es eigentlich nur mit den Dohlen und der weißköpfigen Amsel und mit Luciana Michelotti. Wenn Selysses in Alltagssituationen das Wort ergreift, ist er in Gefahr, sich um Kopf und Kragen zu reden, so im Bus zum Gardasee, als er nur durch Flucht der drohenden Festnahme als ein zu seinem Vergnügen in Italien reisender englischer Päderast entgeht. Warum er im Hotel Boston nicht wortlos das vom Postenkommandanten Dalmazio Orgiu ausgestellte Dokument unterbreitet, wissen wir nicht, vielleicht sind es Gründe der Pietät, da das Papier zuvor schon als Trauschein gedient hatte. Im Gespräch mit der Vogelsignora und Orlando verdichtet sich der zunächst leichte auf ihm liegende Verdachtsschatten immer mehr, so daß das Aufsuchen des Hotelzimmers schließlich alle Merkmale des Gangs zur Arrestzelle hat. Ein langer Korridor, viel zu lang für das schmale Haus, führte, leicht abschüssig, wie mir vorkam, an den Zellentüren vorbei, die in Abständen von kaum mehr als zwei Metern aufeinander folgten. Die armen Gefangenen, ging mir durch den Kopf, und ich nahm mich dabei selber nicht aus. Immer anderwärts, Der Schlüssel drehte sich im Schloß. Alles, ohne daß er etwas Böses getan hätte, schließlich war er ja Opfer des Überfalls am Bahnhof. Aber schon der Taxifahrer hatte kaum Mitgefühl gezeigt, doppelt gesichert, wie er selbst war, durch ein Gitter am Seitenfenster einerseits und ein Medaillon Unserer Lieben Frau zwischen den Armaturen andererseits.
Stunden, endlose Stunden verflossen, ohne daß ich zur Ruhe kommen konnte. Schon gegen Morgen erhob ich mich und stellte mich in das schräg ins Zimmer hineinragende Brausebecken. Lang ließ ich das Wasser herablaufen an mir. Endlich glaubte ich den ersten Schein wahrnehmen zu können, hörte den Schrei einer Amsel. Oh, the morning glory! Ob es eine weißköpfige Amsel ist, läßt sich nicht feststellen, denn das Erwachen verläuft angesichts der bis dahin schlaflosen Nacht in der falschen Richtung. Ich machte die Augen zu, unter meinen geschlossenen Lidern begann es zu leuchten, ecco arcobaleno! Wie Hiob verlassen, wie Noah überschwemmt, nun sendet der Herr sein Zeichen der Versöhnung. Über einem weiten grünen Kukuruzfeld schwebte mit ausgebreiteten Armen eine Klosterfrau, die mir aus meiner Kindheit vertraute Schwester Mauritia, eine weniger prominente Heilige als der heilige Franz und die heilige Katharina, die die Hotelnacht in Venedig bereichert hatten. In wenigen Stunden schon aber wird Selysses leibhaftig und im Wachzustand dem heiligen Georg begegnen.
Nach einer ersten Lektüre der Schwindel.Gefühle rekapituliert der Leser: Drei Italienreisende, bei zweien, Stendhal und Kafka, ist der Reiseverlauf aus deren Schriften rekonstruiert. Seine eigenen Reisen erzählt der Autor in realistischer Manier so, wie sie sich zugetragen haben; im letzten Teil des Buches besucht er, die Rückfahrt unterbrechend, dann noch seinen bayerischen Geburtsort. Was wäre mehr noch zu sagen? There is, so der starke Eindruck, more than meets the eye. Allen drei Reisenden begegnet auf die eine oder andere Weise dem von Kafka erfundenen Jäger Gracchus, so unwahrscheinlich das auch sein mag. Selysses stellt sich immer wieder der heilige Georg in den Weg. Er unterhält sich einerseits wie der heilige Franz mit den Vögeln, andererseits treibt der nämliche Heilige mit dem Gesicht nach unten im Sumpfwasser, Selysses unterhält sich auch mit den Propheten und gar dem Heiland selbst, der ihm einen Engel zurückläßt. Selbst Erzählstrecken wie die der Übernachtung in Mailand, die allein realistischen Verpflichtungen zu folgen scheinen, gewinnen, je länger je mehr, ein beunruhigendes Eigenleben. Auch in einem traditionellen Roman können verborgene Motiverzählungen die Handlung überwuchern. Befreit von Handlungsverpflichtungen erreichen sie ein beunruhigendes, Schwindelgefühle erzeugendes Maß. Fridolin Schley hat im Rahmen seiner umfänglichen Studie eigens zur Kennzeichnung dieses Phänomens den Begriff des Waberns in die germanistische Forschung eingeführt. Der Begriff ist weder schön noch prägnant, er kann uns nicht zufriedenstellen.

Dienstag, 2. Juli 2013

Historiographie

Zerstörte Rahmen, zerrissene Bilder

Alles, was in der Welt geschieht, geschieht gleichzeitig, jetzt und jetzt und wieder jetzt. Was aber geschehen und in die Vergangenheit abgeglitten ist, erfahren wir, sofern es außerhalb des engen Bereiches unserer Wahrnehmung liegt, erst in der Zukunft und nur zu einem sehr geringen Teil. Richten wir die Teleskope ins All, so führen sie uns zurück in die Zeit bis zu deren Anfang. Halten wir ein an einer bestimmten Stelle, etwa schon am 13. April 1995, und schauen zur Seite und dann wieder zurück und nach vorn, so ergibt sich ein so buntes wie sinnloses Kaleidoskop vergangener Gegenwarten. Es ist Gründonnerstag, der Tag der Fußwaschung und das Namensfest der Heiligen Agathon, Papylus und Hermengild. Auf den Tag genau vor dreihundertsiebenundneunzig Jahren wurde von Heinrich IV das Edikt von Nantes erlassen; wurde in Dublin, vor zweihundertdreiundfünfzig Jahren, das Messias Oratorium Händels aufgeführt; Warren Hastings vor zweihundertdreiundzwanzig Jahren zum Gouverneur von Bengalen ernannt; in Preußen, vor einhundertunddreizehn Jahren die antisemitische Liga gegründet; &c. bis in die nahe Vergangenheit; ja, und zuletzt, wie wir am Morgen früh noch nicht wußten, ist Gründonnerstag, der 13. April 1995 auch der Tag, an dem Claras Vater, kurz nach seiner Einlieferung in das Coburger Spital, aus dem Leben geholt wurde.

Immer wieder in den Ringen des Saturn steigt Selysses ein in die Brunnenschächte der Geschichte, unterschiedlich tief, ins siebzehnte, achtzehnte, neunzehnte, im zwanzigsten Jahrhundert, an den verschiedensten Stellen, in Europa, Asien, Afrika, Amerika, oft mit einem Führer, Thomas Browne und Rembrandt in Europa, Conrad und Casement in Afrika, Chateaubriand in Amerika, ein von Erkenntnis erhelltes Bild ergibt sich nicht, nichts, was im Fazit über die Einsichten und die Weisheit eines Kalenderblattes hinausführt. Die Kalendernotizen vom 13. April 1995 sind bunt und ohne Sinn aber nicht ungeordnet, sondern führen, wie die Jahresringe eines Baumes von der Vergangenheit bis in die Gegenwart. Anders als in der Botanik ergeben sich aber keine verständigen Wahrheiten.

In den Schwindel.Gefühlen versucht Selysses vergeblich in der Gegenwart, im Jetzt und Jetzt und Jetzt, Standfestigkeit zu gewinnen. Gleichzeitig läßt er sich von Stendhal, Kafka und den alten Meistern der Malerei in die Vergangenheit führen. Die Unglückszahl Dreizehn scheint am ehesten noch Halt und Licht zu versprechen. In der Bibliothek zu Verona versucht er mit wissenschaftlichen Mitteln dem Rätsel auf die Spur zu kommen, doch schon bald kommt er von jeder Systematik ab: Ich blätterte in den Folianten, in welchen die Veroneser Zeitungen des Jahres 1913 gebunden waren. Allerhand Stummfilmszenen begannen sich nun vor mir abzuspielen. In der Via Alberto Mario sah ich diverse Herren auf und ab gehen und in jeweils dem Augenblick, in dem sie sich unbeobachtet glaubten, mit blitzartigem Seitensprung im Eingang des Hauses verschwinden, in dem die Ordination des in Paris und Wien ausgebildeten Dr. Ringger, Facharzt für malattie della pelle, untergebracht war. Dann wieder sah ich den Dott. Pesavento, der in der Via Stella unweit der Biblioteca Civica praktizierte, eine seiner schmerzlosen Extraktionen vollführen. Wohl machte das blasse Antlitz der Patientin den Eindruck völliger Gelöstheit, dafür aber bog und wand sich ihr Leib in dem Behandlungssessel auf eine geradezu agonale Weise. Es gab auch Offenbarungen anderer Art, wie beispielsweise die wie ein Versprechen des ewigen Lebens in der Sonne glänzende und glitzernde Pyramide aus zehn Millionen Flaschen Tafelwasser Ferro-China, die bei einem plötzlichen Löwengebrüll in Milliarden von Scherben zersprang und als rieselnde Kristallkaskade in sich zusammensank. Laut- und schwerelos waren sie, die Bilder und Nachrichten von damals, leuchteten kurz auf und verlöschten gleich wieder, jedes und jede von ihnen ein eigenes ausgehöhltes Mysterium. In Ondurman ist der Missionar Ohrwalder seit mehreren Wochen verschwunden. In Danzig hatte man einen Colonello Stern unter Verdacht der Spionage festgenommen. Geschichten ohne Anfang und Ende.

Die aus den Zeitungen gewonnenen Eindrücke, die sich zu halluzinierten Wahrnehmungen verformen, sind ähnlich disparat wie die des Kalenderblattes, aber doch von anderer Art. Es ist kein Tiefenschnitt in die geschichtliche Vergangenheit, sondern eine Bewegung auf einer geschichtlichen Ebene, der des Jahres 1913. Es sind keine der offiziellen Erinnerung und Kenntnis anempfohlenen Ereignisse wie das Edikt von Nantes, sondern für das sofortige Vergessen bestimmte und im Grunde längst schon vergessenen Nichtigkeiten. In beiden Fällen aber handelt es sich um eine Art Fazit historiographischer Bemühungen des Selysses. Das desillusionierende Kalenderblatt steht unwidersprochen am Ende der Ringe des Saturn und ein Hinweis, daß die Forschungen in Verona noch Solideres, die Schwindelgefühle Linderndes zu Tage gefördert hätten, findet sich auch nicht.

Angesichts der historischen Tiefe seiner Schriften gilt Sebald manchen Kommentatoren als Illustrator seiner geschichtsphilosophischer Überzeugungen. In den Schwindel.Gefühlen und in den Ringen des Saturn haben wir es aber mit einem Reisenden und Wanderer zu tun, dem an verschiedenen Orten aus unterschiedlichem Anlaß verschiedene Dinge durch den Kopf gehen. Das Kalenderblatt und die Zeitungsausschnitte sind nicht das Fazit geschichtlicher Sinnsuche, sondern das Eingeständnis ihres Scheiterns für den Augenblick. Am Ende des Kalenderblattes steigt Selysses aus dem Geschichtsbrunnen hervor und wendet sich mit dem Tode des Schwiegervaters der individuellen Lebensgeschichte zu. Bei der verharrt er aber nur kurz und sucht Halt bei den Sinnlinien der eigenen Prosa, dem von ihm selbst gesponnenen Seidenfaden: Indem ich jetzt, wo ich dies niederschreibe, noch einmal unsere beinahe nur aus Kalamitäten bestehende Geschichte überdenke, kommt es mir in den Sinn, daß einst für die Damen der gehobenen Stände das Tragen schwerer Roben aus schwarzem Seidentaft oder schwarzer Crêpe de Chine als der einzige angemessene Ausdruck der tiefsten Trauer gegolten hat.

Der religiöse Sinngebungsrahmen ist zerstört, zwar laufen Selysses fortwährend die Heiligen über den Weg, aber sie sind in einem desaströsen Zustand, der heilige Franz treibt gar mit dem Gesicht nach unten in den Sümpfen von Venedig. Aber auch die geschichtlichen Sinngebungsmaschinen, wie etwa die von Marx in Gang gebrachte, dröhnen nur noch im Leerlauf. Am 27. August 1943, dem an dem der Vaters nach einem Heimaturlaub in W. nach Dresden abreist, fliegen 582 Maschinen einen Angriff auf Nürnberg, kein Anlaß für eine Steigerung des Vertrauens in den Geschichtsablauf. Am 18. Mai 1944, Himmelfahrtstag, kommt Selysses zur Welt, die Flurumgangsprozession zog unter den Klängen der Feuerwehrkapelle am Haus vorbei in die blühenden Maifelder hinaus, für die religiös gestimmte Mutter ein gutes Zeichen. Sie ahnt aber nicht, daß der kalte Planet Saturn die Konstellation der Stunde regierte und daß über den Bergen schon das Unwetter stand, das bald darauf die Bittgänger zersprengt und einen der vier Baldachinträger erschlägt. Der Einfluß der Sterne obsiegt über Geschichtslogik und Christenglauben. Gut verankert ist man nicht in der Welt mit Astrologie und Koinzidenzsensibilität. Selysses ist umfangen von einem ihm unbegreiflichen Gefühl der Unverbundenheit und hätte sich sehr leicht aus dem Leben entfernen können. Er führt ein taumelndes Leben unter Schwindelgefühlen in der Fremde des Daseins, all’Estero. Wie sollte da nicht die Sehnsucht aufkommen nach einer starren, geschichtslosen Zeit, so wie sie der Beredte Italiener, ein praktisches Hülfsbuch der italienischen Umgangssprache aus dem Jahre 1887 bieten kann, eine Welt ganz aus Wörtern zusammengesetzt, als wäre dadurch das Entsetzliche in Sicherheit gebracht, als gäbe es zu jedem Bösen ein Gutes, zu jedem Verdruß eine Freude, zu jedem Unglück ein Glück und zu jeder Lüge auch ein Stück Wahrheit. In der Kindheit, in Patria in der Ortschaft W., hatte ein alter Atlas bereits eine ähnlich geordnete und zugleich von Geheimnissen erfüllte Welt verheißen. In diesem Atlas gab es ein Blatt, auf dem die größten Ströme und die höchsten Erhebungen der Erde ihrer Länge beziehungsweise ihrer Höhe nach angeordnet waren, und es gab wunderbare kolorierte Karten, sogar von den entlegensten, kaum erst entdeckten Erdteilen, deren winzige Beschriftung, die mir, weil ich sie nicht anders als die frühen Kartographen die Welt, erst teilweise entziffern konnte, mir alles an Geheimnissen nur Ausdenkbare zu enthalten schien.

Alle Gefühle, alle Leidenschaften der Welt sind, so Musil, ein Nichts gegenüber der ungeheuren, aber völlig unbewußten Anstrengung, welche die Menschheit in jedem Augenblick macht, um ihre Gemütsruhe zu bewahren. Bei Selysses waren die unbewußten Anstrengungen nicht erfolgreich und auch nicht die Suche nach einem Fundament in der geschichtlichen Tiefe, jetzt nnimmt die Anstrengung, als letzte Hoffnung gleichsam, mehr oder weniger bewußt die Form des Schreibens an. Der 13. April 1995, an dem er das Kalenderblatt abliest, ist der Tag, an dem er die Niederschrift der Ringe des Saturn abschließt. Die nicht mehr von der gewohnheitsmäßigen Schreib- und Gartenarbeiten ausgefüllten Tage werden bald wieder ungemein lang werden, so daß er nicht mehr wissen wird, wohin sich wenden. Soweit wir wissen, hat er sich dann zunächst nach Korsika gewandt.