Sonntag, 29. Mai 2016

Bibelstunde

Buch Mose

Nicht immer springt in Pfarrhäusern der fromme Funken über vom Vater auf den Sohn, er geht verloren oder ändert Art und Richtung, wie im Fall von Benn, der es gleichwohl mit den Mönchen hielt, oder im Fall von Cioran, der mit seinem Gott mehr als nur gehadert hat. Austerlitz, zu der Zeit noch Dafydd Elias, ist vergleichsweise entspannt. Durchaus hat er die Wortgewalt des Ziehvaters bewundert, der am Sonntag als Prediger vor die Gemeinde trat und die Qualen der Verdammnis auf der einen Seite und das Eingehen der Gerechten in das klare Himmelslicht in so leuchtenden Bildern schilderte, daß die Zuhörerschaft am Ende des Gottesdienstes mit kalkweißem Gesicht nach Hause ging, selbst war er offenbar aber weitgehend immun.

Das Buch der Bücher, das eine Buch aus vielen Büchern, das Buch, das herausragt unter den Büchern, das die anderen Bücher vergessen läßt. Es gibt keinen Hinweis auf andere Bücher im Haus des Predigers Elias, wenn man absieht vom Kalendarium der calvinistischen Methodisten in Wales, einem grauen, ziemlich fadenscheinig schon gewordenen Büchlein, in dem er seine Predigten und die Predigtorte verzeichnete, also zum Beispiel unter dem 3. August 1941: Chapel Uchaf, Gilboa - Zephanaiah III/6 I have cut off the nations. Keine dieser Predigten hat er je niedergeschrieben, vielmehr erarbeitete er sie nur in seinem Kopf, und es ist nicht sicher, ob er auch nur in der Bibel nachschlagen mußte, die er wohl ebenfalls vollständig memoriert hatte. Ebenfalls kein ausgewiesener Bücherfreund und ebenso ein Meister des mündlichen Vortrags ist der Schuster Evan, bei dem Dafydd in jeder freien Stunde gesessen ist. Seine Geschichten sind ihm viel besser eingegangen als die endlosen Psalmen und Bibelsprüche. Während Elias Krankheit und Tod immer in Zusammenhang brachte mit Prüfung, gerechter Strafe und Schuld, erzählte Evan von Verstorbenen, die das Los zur Unzeit getroffen hatte und die danach trachteten, wieder ins Leben zurückzukehren. Nurmehr kleinwüchsig, die Feldmauern knapp überragend, ziehen sie unter leisem Rühren der Trommel einher.

Die ein wenig boshafte Freude an den kalkweißen Gemeindemitgliedern hat sich offenbar erst nachträglich eingestellt, vom Naturell her war Austerlitz auf ein milderes Gottesverständnis eingestellt, falls überhaupt. Zwar erhält Dafydd die walisische Kinderbibel als Geschenk weil er das Kapitel von der Verwirrung der Zungen fehlerfrei und mit schöner Betonung auswendig herzusagen vermochte, ein daraus resultierender Frömmigkeitsschub ist aber nicht festzustellen. In Ermangelung anderer altersgerechter Literatur liest er die Bücher Mose als Abenteuergeschichte, Abenteuer allerdings, die ihn seltsam berühren. So ängstigt ihn die Stelle, als Moses das Kind in einem wasserdichten Kästchen auf Flußfahrt geschickt wird, in der Tiefe der Seele ist offenbar dunkel die Erinnerung an die eigene Verschickung angestoßen. Eine andere Episode, die ihn sehr anzieht, ist die Wanderung der Kinder Israel durch eine furchtbare Einöde. Mehr noch als der Text fesselt ihn die dazu passende Illustration. Die dargestellte Berglandschaft des Sinai erscheint ihm ganz wie die walisische Heimat, und unter den winzigen Figuren, die das Lager bevölkerten, weiß er sich am richtigen Ort. Die winzigen Figuren, das sind wohl einmal die Kinder, die wie Moses und er, Austerlitz, auf eine ungewisse Reise geschickt worden waren, und zum anderen, gleich groß, in endloser Zahl die miniaturhaften Toten, die, wenn man es so milde ausdrücken will, überall in Europa das Los zur Unzeit getroffen hatte. Es gibt, weder was Dafydd Elias noch was Jacques Austerlitz anbelangt, Hinweise auf ein weiteres Vordringen im Bibeltext bis hin zu den Evangelien und zur christlichen Ordnung der Dinge und insbesondere nicht zur schwierigen Sache des Kreuzestodes, der heiligen Trinität und der Auferstehung des Fleisches.

Donnerstag, 12. Mai 2016

Kuppelbauten

Erinnerungsfetzen

Selysses fährt mit der Bahn nach Wien und wieder ab aus Wien, ohne daß wir den Bahnhof zu Gesicht bekommen würden. In Venedig fallen nur einige der Station angeschlossene Dienstleistungseinheiten ins Auge, der Bahnhofsbarbier bei der Ankunft und das Bahnhofsbuffet bei der Abreise. In Desenzano ist es die Toilettenanlage. In Mailand wird die riesige, zur Zeit ihrer Fertigstellung alles bislang in Europa Dagewesene übertrumpfende Konstruktion des Bahnhofsgebäudes vermerkt, ohne aber ins Detail zu gehen. Nach einer kurzen, die vergehende Zeit und die Menschen in ihr betreffenden Meditation wird Selysses auf dem hinteren Bahnhofsvorplatz auch schon Opfer eines räuberischen Angriffs. In Innsbrucker Bahnhof werden wir mit einer philosophisch aufgeschlossenen Sandlertruppe bekannt gemacht und mit den sogenannten Tiroler Stuben, in denen die Bedienerin Selysses auf die bösartigste Weise, die man sich denken kann, das Maul anhängt, ansonsten bleibt das Bahnhofsgebäude unbeachtet. Im Bonner Hauptbahnhof verläßt die Winterkönigen den Zug, die baulichen Schönheiten werden uns vorenthalten. Im Londoner Bahnhof schließlich halten wir die Augen geschlossen, bis der Zug hinausfährt, vorbei an rußigen Ziegelmauern, aus denen Schmetterlingssträucher wachsen, die ja bekanntlich mit den ärmlichsten Bedingungen vorliebnehmen.

Anders in Austerlitz, hier wirken die vier Bahnhöfe in Antwerpen, Prag, London und Paris wie tragende Pfeiler der Gesamtkonstruktion. Dem Baumeister des Antwerpener Bahnhofs war vor allem anderen daran gelegen, der sonst üblichen Niedrigkeit der Eisenbahnbauten ein dramatisch darüber hinausgehendes Kuppelkonzept entgegenzustellen, und tatsächlich werden selbst noch wir Heutigen beim Betreten der Eingangshalle von dem Gefühl erfaßt, als befänden wir uns, jenseits aller Profanität, in einer dem Welthandel und dem Weltverkehr geweihten Kathedrale. Die Heutigen in ihrer Gestalt als Leser halten Ausschau nach dem Vergleichsobjekt und stoßen im gesamten Prosawerk auf keine Kathedrale. Der einzige einigermaßen aufwendig beschriebene Sakralbau ist die Krummenbacher Kapelle, in der nicht mehr als ein Dutzend auf einmal ihren Gottesdienst verrichten oder ihre Andacht üben können. Generell scheint Selysses Sakralbauten zu meiden, auch wenn er in ihnen verwahrte Gemälde von Pisanello oder Giotto studiert und bewundert, sieht er über die Bauten selbst so gut wie hinweg.

Der Baumeister des Antwerpener Bahnhofs hatte sich vom neuen Bahnhof Luzern inspirieren lassen, dessen Kuppelbau, wie wir in einer Fußnote erfahren, 1971 von einem Feuer gänzlich zerstört wurde. Fußnoten gehören zum Erscheinungsbild wissenschaftlicher Werke, in der Erzählprosa sind sie eher auffällig. Nun mag man in einem Erzählwerk, das auf so eigenartige Weise von Bildwerken durchsetzt ist, auf weitere Absonderlichkeiten gefaßt sein, wenn aber in einem Gesamtwerk von mehr als tausend Seiten, nur eine Anmerkung dieser Art zu finden ist, sieht man sich zu besonderer Aufmerksamkeit aufgefordert. In Luzern brennt der Antwerpener Zwilling, oder auch: in Luzern zeigt sich in der Zerstörung dessen verborgene Wahrheit, denn auch die anderen Bahnhöfe sind zerstört. Das einst weit über Prag hinaus berühmte Bahnhofsbauwerk im Jugendstil war 1919 zum Andenken an den freiheitsliebenden amerikanischen Präsidenten Wilson eingeweiht worden. Wie ausnahmslos alles Schöne wurde er dann aber in der Folge zielstrebig ruiniert und in den sechziger Jahren umgeben mit häßlichen Glasfassaden und Vorwerken aus Beton.
Das Erlebnis des im Umbau begriffene Teil des Londoner Bahnhofs, den Austerlitz durch einen Bauzaun betritt, ist offenbar inspiriert von den phantastischen Ruinen- und Kerkerbildern des Giovanni Battista Piranesi. Er sah riesige Räume sich auftun, sah Pfeilerreihen und Kolonnaden, Gewölbe und gemauerte Bogen, Steintreppen, Holzstiegen und Leitern, die den Blick immer weiter hinaufzogen, Stege und Zugbrücken, die die tiefsten Abgründe überquerten und auf denen winzige Figuren sich drängten, Gefangene, dachte er. Weit droben eine durchbrochene Kuppel, an deren Rändern auf einer Brüstung Farne wuchsen und junge Baumweiden, in das Reiher große unordentliche Nester gebaut hatten. Mitten durch diese Gefängnis- und Befreiungsvisionen zogen Erinnerungsfetzen wie die an das Schiff der wunderbaren, auf weiter Flur allein sich erhebenden Kirche von Salle in Norfolk. Die Kirche von Salle, nicht weiter beschrieben und wohl keine Kathedrale im engeren Sinne, aber doch geeignet in ihrer unverletzten Schönheit Austerlitz' Erleuchtungs- und Verklärungs- erlebnis zu veredeln.

Aurach lebt in einem entvölkerten Manchester, das sich nicht bewährt hat als neues Jerusalem des Industriezeitalters. Der Maler Aurach bevorzugt ohnehin, wenn es um Jerusalem geht, das winzige Modell des Tempels, das Frohmann aus Drohobycz auf dem Schoß hält. Austerlitz führt der Weg durch eine Reihe geschundener Kuppelbaubahnhöfe, denen es nicht gelungen ist, glaubhaft an die Stelle der Kathedralen zu treten. Kapellen wie die in Krummenbach könnte Austerlitz Liste in die Liste der Bauten aufnehmen, die wenigstens einen Abglanz des Friedens uns versprechen. Von der Kirche zu Salle könnte er ein Modell aus Fichtenholz, Papiermaché und Goldfarbe fertigen, wie Frohmann es mit seinem Tempelmodell vorgemacht hat.

Donnerstag, 5. Mai 2016

A cau d'orella

Tanzschritte

Als Selysses - den wir in diesem Augenblick von Sebald nicht unterscheiden müssen - Abschied nimmt von Ernst Herbeck, schreibt dieser ihm auf seine Bitte hin zur Erinnerung ein Prosagedicht ins Notizbuch: England. England ist bekanntlich / eine Insel für sich. Wenn / man nach England reisen / will braucht man einen ganzen / Tag.

Sebald spielt gern mit dem jüdischen Gedanken, die erlöste Welt werde sich kaum, nur in winzigen Einzelheiten von der unsrigen unterscheiden und habe doch nichts gemein mit ihr; von der Erzählkunst erwartet er ähnliche unmerkliche Verrückungen und ähnliche Wunder, eine Vorahnung des Heils. Bei Herbeck ist nicht das geringste Verrücken zu spüren, der Text liegt reglos und deckungsgleich auf der Realität und sich selbst. Völlige Bewegungslosigkeit, so starr, daß wir es nicht aushalten und uns unsererseits bewegen müssen, das ist der künstlerische Effekt. Schließlich ist es ein Gruß von jemandem, der bleiben, an einen, der reisen wird.

Wenn wir Schiller darin folgen, daß in der Kunst die Form den Inhalt vertilgen muß, verwundert es nicht, wenn sie, die Kunst, in der Hoffnung leichteres Spiel zu haben, sich zunächst selbst zum Inhalt nimmt. Poemes / son poemes, Gedichte sind Gedichte, beginnt eine junge, kaum erst ins Schulalter eingetretene katalanische Lyrikerin ihr neues Werk. Für einen Augenblick mag man die gleiche Starre vermuten wie bei Herbeck, aber nein, da ist Bewegung, ein Tanzschritt, eine Pirouette gar. Das wird vollends deutlich, als ein zweites son die Drehung aufnimmt und sie im weiteren Verlauf des Satzes zugleich beruhigt: son molt bons a dir, sie lassen sich gut sagen und es tut gut, sie zu sagen - wenn man denn den rechten Ton findet: si ho dius a cau d'orella, wenn Du sie, leise, in eine Ohrmuschel sprichst. Wer ist das Du, wer spricht, wer öffnet das Ohr? Ist es die junge Dichterin, die unser Ohr beglückt, oder hört sie, als das Kind, das sie ist, die Stimme der Großmutter? Wir müssen uns nicht entscheiden. Poemes / son poemes / son molt / bons a dir / si ho dius / a cau / d'orella.

Freitag, 15. April 2016

Wings of the Dove

Zähmung

Eine Taube von der Größe eines Hahns habe die Ankunft des Gracchus in Riva angekündigt, sie sei dem Podestà zunächst ans Fenster und dann ans Ohr geflogen, heißt es gegen Ende der Badereise des Dr. K. In Kafkas Originaltext bestätigt der Jäger lapidar: Ja, die Tauben fliegen vor mit her, - so als sei es selbstverständlich, daß einem Mann wie ihm, einem Mann von Bedeutung, von abgründiger Bedeutung, Tauben vorausfliegen. Dann müßte man schauen, ob es noch mehr von seiner Art gibt.

Der Major George Le Strange ist auf abgründige Weise mit dem heiligen Georg verwandt, Bergen-Belsen sein Drache, und über die Tauben mit dem Jäger Gracchus. Immer schon hatte er einen zahmen Hahn auf seinem Zimmer gehalten hatte, draußen ist er ständig umschwärmt gewesen von allem möglichen Federvieh, unter anderem von Tauben; Taube und Hahn sind wieder ordnungsgemäß dissoziiert. Als Drachenjäger hat George LS einen ähnlichen Beruf wie Gracchus, die Lebenszeit des Heiligen fällt in etwa zusammen mit der Reallebenszeit des noch nicht untoten Gracchus. Beide, Georg und Gracchus, tauchen in schwindelerregenden Wechsel immer wieder auf in den Schwindel.Gefühlen, Sprechern semitischer Sprachen fällt gleich das identische Konsonantengerüst von Georg und Gracchus ins Auge: GRG/K; der Dichter aber ist ein Freund von Koinzidenzen.

Am liebsten erzählte Gerald von seinen drei Brieftauben. So oft als möglich lasse er die drei Tauben in der Ferne aussetzen, und unfehlbar fänden sie sich jedesmal wieder in ihren Kogel ein. Nur die weiße Taube sei einmal, gegen Ende des vergangenen Sommers, einmal weit über die Zeit hinaus ausgeblieben, bis sie schließlich doch zurückgekommen sei, zu Fuß, mit einem angebrochenen Flügel.

Eine Taube von der Größe eines Hahns: man denkt beim Größenmaß nicht an einen Hahn der Rasse Antwerpener Bartzwerg, 500 Gramm, Taubengewicht, das wäre kaum der Rede wert, sondern etwa an einen Brügger Kämpfer (5 Kilogramm) und man kann sich das Entsetzen des Bürgermeisters vorstellen, als ein Tier dieses Formats - ein Mutant, eine bösartige Wucherung des Heiligen Geistes? - ihm ans Ohr fliegt. Kafkas, wie er ist, wie wir ihn kennen, hält das Entsetzen einer besonderen Erwähnung nicht für wert und der Dichter folgt ihm still, läßt dann aber die Sache nicht auf sich beruhen. Nicht nur hat sich bei Le Strange die Silhouette des Hahns von der der Taube wieder gelöst, der Hahn ist auch über das bei Haushühnern ohnehin übliche Maß zahm, die Tauben ihrerseits sind des Meldedienstes enthoben. In der mit gebrochenem Flügel heimkehrenden Taube sieht Austerlitz rückblickend allerdings eine Unheilsbotin des späteren Fliegertods Gerald Fitzpatricks. Und die Hunderten von toten Tauben beim großen Brand auf dem Londoner Pflaster, das Federkleid versengt, was mögen sie verkünden, wenn nicht: das Ende.

Sonntag, 10. April 2016

Wiatraki

Bei Tag und bei Nacht

Wenn die Windmühlen Glanzlichter in einem gemalten Auge sind, so läßt sich das nur im Sonnenlicht erkennen, und wenn wir mit einer uns sehr nahen Person den Campanile des Märchenschlosses Morton Petos bestiegen haben, so können wir nur im Tageslicht jenseits der äußersten Einfriedung die lautlosen Segel der Mühlen im Wind schlagen sehen. Noch ein wenig weiter draußen, auf dem Meer, ein Schiff unter Segel. Es ist, als stünde es still, ein unsichtbarer Geisterfahrer in seiner bewegungslosen Barke. Dann aber ist die Barke, die so lang sich nicht fortbewegt hatte, auf einmal verschwunden.

Wie aber ist es, wenn das Licht nachläßt und die Finsternis kommt: W wiatry wplątane czarne ich ręce - die schwarzen Arme der Mühlen sind in den Wind geflochten. Die Wind- und Mahlgeräusche werden lauter und lauter und übertönen das Krächzen der Krähen und Raben - głuszą krakania kruków i wron. Die Arme drehen sich, kreisen, bohren und rasseln, ein schwarzer Zauber bewegt lärmend die Hände und zieht Nebelhaare über die Wiesen. Als dann der Morgen graut, wtedy ich ręce sterczą jak krzyże: widzę rozpięty na nich mój cień - da strecken sich die Hände zum Kreuz und daran genagelt mein Schatten. Den Blick in die Finsternis des Mühlenwesens gewährt uns Władysław Broniewski, den zu Lebzeiten, so heißt es, kaum jemand jemals nüchtern gesehen hat.

Freitag, 1. April 2016

Marschland

Gemalte Augen

W wiatry wplątane czarne ich ręce

Es ist, als warte das Marschland auf den Dichter, daß er sich seiner erbarme. Nichts ist hier zu sehen als ab und zu ein einsames Flurwächterhaus, als Gras und wogendes Schilf, ein paar niedergesunkene Weidenbäume und zerfallende, wie Mahnmale einer zugrundegegangenen Zivilisation sich ausnehmende Ziegelkegel, die Überreste der ungezählten Windmühlen, deren weiße Segel sich gedreht haben über den Marschwiesen und überall hinter der Küste. Wir können uns kaum mehr denken, sagte einer, dessen Kindheit zurückreichte bis in die Windmühlenzeit, daß einst in der Landschaft eine jede Windmühle gewesen ist wie ein Glanzlicht in einem gemalten Auge. Als diese Glanzlichter verblaßten, verblaßte mit ihnen gewissermaßen die ganze Gegend.

Nach Einschätzung Ciorans hätte der Mensch nie über den Status des Hirten hinauswachsen dürfen und der Herr selbst scheint ursprünglich diese Meinung geteilt zu haben, als er die Opfergabe des Hirten Abel würdigte und die des Ackerbauern Kain verwarf. Als Kain dann die Angelegenheit resolut in die Hand nahm, hat der Herr eingelenkt. Austerlitz wäre wohl bereit gewesen, neben Flurwächterhäusern auch die im Umkreis des Ackerbaus entstandenen Windmühlen in die Liste der Bauwerke aufzunehmen, die wenigstens einen Abglanz des Friedens uns versprechen. Kann man vermuten, auch der Herr habe sich nach der mehr oder weniger erzwungenen Billigung des Ackerbaus nicht weiterbewegt und alle weitere Entwicklung sei illegitim? Dann wären sich der Philosoph, der Dichter und der Herr in dieser Angelegenheit weitgehend einig.

Wenn Flurwächterhäuschen und Windmühle, ausgedrückt in der alten Sprache, gottgefällige Bauten sind, so ist Morton Petos Palast reines Teufelswerk, und weil der Teufel nie aus der Welt und immer in uns ist, können wir uns dem verführerische Reiz nicht verschließen. Mit einer uns sehr nahen Person haben wir den Campanile des Märchenschlosses bestiegen und stehen, gestreift von dem lautlosen Flügel eines soeben vorbeigleitenden Nachtvogels auf der obersten Galerie. Weit draußen im Park treiben die Schatten der libanesischen Zedern, und jenseits der äußersten Einfriedung dehnt sich das Marschland aus und schlagen die Segel der Mühlen im Wind.

Die Mühle waren wie Glanzlichter in einem gemalten Auge - dieser Vergleich gibt zweifellos zu denken. Gibt man ein paar Tropfen einer aus dem Nachtschattengewächs Belladonna destillierten Flüssigkeit auf die Netzhaut eines lebenden Auges, so erstrahlt es in einem quasi übernatürlichen Glanz, kann aber so gut wie gar nichts mehr wahrnehmen. Es ist ein Auge wie gemalt, zum Betrachten und nicht zum Sehen. Jetzt stehen die Windmühlen ohnehin ganz und gar blicklos da wie Mahnmale einer untergegangenen Kultur. Die Leute Kains haben sich wieder auf den Weg gemacht, und die letzten Überreste des wandernden Volkes haben sich am äußersten Rand der Erde niedergelassen. Sie geben vor, nunmehr vom Fischfang zu leben, schauen in Wirklichkeit aber von ihren Angelplätzen nur mit erloschenen Augen hinaus auf die See. - Das ist einiges von dem, was sich bei nähere Betrachtung im Marschland tut.

Vogelwelt

Kaum ein lebendiger Laut

Während der Kulturrevolution gab es die Nachricht, in einer chinesischen Stadt hätten die Werktätigen unterstützt von den Bauern der Umgebung auf ihren freien Tag verzichtet, um zum Wohl des Volkes und zum Preis des Großen Vorsitzenden für Stunden mit Rasseln und Klappern durch die Straßen zu ziehen, bis auch der letzte unter den Vögeln, die sich alle wegen des infernalischen Lärms nicht niedersetzen und Ruhe finden konnten, vor Erschöpfung tot vom Himmel gefallen war. Die Ernteschädlinge waren erledigt, der Vogelgesang war abgestellt. Unter den vielen grauenhaften Nachrichten aus dem China dieser Jahre nur eine harmlose und auf ihre Art vielleicht doch die grauenhafteste von allen. Sartre hat den Kommunismus als Humanismus eingeordnet. Wenn man, wie zu befürchten ist, unter Humanismus die Ausrichtung allen Interesses auf das vermeintliche Wohl der Menschen versteht, zeigt er hier seine von Grund auf häßliche Fratze.

Selysses hat die Vogelwelt immer im Auge und im Sinn. Am Brackwassersee Benacre Broad fällt ihm auf, daß nicht ein einziger Vogel über das samtbraune Wasser flog. In nur geringer Entfernung vom See aber ist der Major Le Strange umschwärmt von allem möglichen Federvieh, von Perlhühnern, Fasanen Tauben und Wachteln und den verschiedenen Garten- und Singvögeln, die teils am Boden um ihn herumliefen, teils in der Luft ihn umflogen. Als Selysses sich wieder auf den Weg gemacht hat, sieht er draußen über dem Meer die Schwalben herumschießen. In einem fort ihre winzigen Schreie ausstoßend, durchschnitten sie ihr Flugfeld, geschwinder, als ihnen mit den Augen zu folgen war. Im Bull Inn ist er eingeschlafen mit dem Schrei einer Amsel im Ohr, und im Traum sieht er unter einem Holderbusch die Hühner scharren

Ein gewaltiger Sturm war über das Land und den Park hinweggegangen. Den Winter über und bis in den März hinein waren vier bis fünf Arbeiter andauernd mit dem Zerschneiden des Astwerks und dem Hinausschleifen und Verladen der Stämme beschäftigt. Zuletzt wurden von einem Bagger große Löcher gegraben und die heufudergoßen Wurzelstöcke hineingeschoben. Dadurch kam im wahrsten Sinne das Unterste zuoberst. Die Einstrahlung der Sonne zerstörte in kürzester Frist sämtliche Schattengewächse des Gartens, und immer mehr war es einem, als lebe man am Rand der Steppe. Wo vor kurzer Zeit noch bei Anbruch des Tages die Vögel so zahlreich und lauthals gesungen hatten, daß man manchmal das Schlafzimmerfenster zumachen mußte, wo die Lerchen am Vormittag über die Felder gestiegen waren und wo man in den Abendstunden bisweilen sogar eine Nachtigall aus dem Dickicht hörte, da vernahm man jetzt kaum noch einen lebendigen Laut.

Kaum noch ein lebendiger Laut. Was in China des selbstlosen Einsatzes der Werktätigen bedurfte, erhält Europa ohne Anstrengungen gratis. Es ist nicht das gleiche, wird man sagen, die Pflanzen werden wieder sprießen, die Vögel sind nur verzogen und werden zurückkommen, das aber sind Erwägungen außerhalb der Erzählung. Die englische Wallfahrt ist mit dem Verstummen der Vögel zum Ende gekommen, ein Jenseits gibt es nicht. Das anschließende, den Fragen des Seidenbaus gewidmete zehnte Kapitel hat den Charakter eines Epilogs nach Abschluß der Wanderung. Die Vögel waren die Fachleute des lebendigen Lauts. Welches Glück war größer, als vor dem schönen Überschwang ihres Lärmens das Fenster zu schließen, die Lerche, die ihr Lied mit einer triumphalen Himmelfahrt verband, die herzzerreißende Schönheit des Gesangs der Nachtigall aus dem Verborgenen.