Sonntag, 25. November 2012

Plagiat

Blinde Passagiere

Verschiedene Personen des öffentlichen Lebens in Deutschland haben in der letzten Zeit den Hochschulgrad zurückgeben müssen, andere kämpfen noch um die angefochtene akademische Auszeichnung. Ihnen allen wird unkorrektes Zitieren und übermäßige Nutzung vorgefundener Texte zum Vorwurf gemacht. Der Sebaldleser ist angesichts dieser Vorkommnisse verunsichert, weiß er doch, daß sein Autor ständig andere Autoren nutzt und zitiert, ohne das irgend kenntlich zu machen. Einiges entdeckt der Leser selbst, anderes erfährt er von Lesegefährten und wiederum anderes räumt der Autor ohne jedes Schuldgefühl ein: Und dann steht da plötzlich in einem Ihrer Bücher ein kostbares Wort: Wenn einer angelehnt steht an den Strom der Zeit. – Ja, das ist ein geborgtes Wort, das stammt aus Woyzeck.

Literatur ist nicht Wissenschaft und umgekehrt gilt das auch, wird man gleich einwenden, die Freiheiten der Kunst können nicht die der Wissenschaft sein. Dabei läßt sich durchaus eine wissenschaftliche Arbeit denken, die, so gut wie nur aus Bekanntem montiert, erregend Neues erbringt. Ein Physiker etwa könnte neun bekannte Formeln untereinanderschreiben, einen Strich darunter ziehen und von einem bloßen ergo eingeleitet die zehnte, gänzlich neue zur Kenntnis bringen: quod erat demonstrandum. Wenn die zehnte Gleichung dann noch die ungefähre Qualität von E = mc² haben sollte, wollte niemand wegen mangelhafter Zitiertechnik die Graduierung verweigern. Luhmann hat immer betont, Bücher würden nicht von Menschen geschrieben, sondern schrieben sich selbst aus anderen Büchern. Im Nachweisapparat hat er meist auf das Personenregister verzichtet. Nach seinem Tod hat der legendäre Zettelkasten allerdings die Produktion eingestellt und damit eine letztendliche Abhängigkeit vom Autor erwiesen.

Die Literaturwissenschaft legt besonderen Wert auf den Nachweis, daß sie sich vom oft leichtfertigen Treiben ihres Forschungsgegenstandes nicht hat anstecken lassen. So wird etwa die im Zitatkontext notwendig werdende Änderung einer Flexionsform penibel mit Klammer und Schrägdruck als nicht auf den erforschten Autor, sondern auf den Forscher zurückgehend gekennzeichnet. Nicht der geringste Zweifel soll bestehen an den Eigentumsverhältnissen. Niemand hat Spaß an diesem feinsinnigen Kataster, aber um Spaß geht es auch nicht, die Idee der fröhlichen Wissenschaft hat sich nicht durchgesetzt. Der renitente Leser allerdings ist oft nicht bereit, sich Spaß und Freude an der Lektüre nehmen zu lassen.

Zur Alltagsausstattung eines Dichters gehören wie bei den meisten Menschen Meinungen, Ansichten und Standpunkte. Dem Vollendeten allerdings liegt es nach Buddhas Einschätzung fern, Ansichten zu haben. Wir würden das nicht vom Dichter selbst, wohl aber von seinem Werk fordern. Die Qualität literarischer Texte, ihre Vollendung, bemißt sich daran, wie weit ihre Kraft reicht, die Alltagsausstattung des Autors zu überwältigen und unkenntlich zu machen. Die Literaturwissenschaft ist demgegenüber in ihrer überkommenen einfachen Ausprägung darauf bedacht, den Weg in die Literatur rückgängig zu machen, und den Text auf die Alltagsausstattung des Dichters zurückzuführen, den Text als Illustration der Meinungen, Ansichten und Standpunkte des Autors zu verstehen.

Es gibt naturgemäß auch anspruchsvollere Forschungsansätze. Ein junger Forscher hat in die Sebaldbetrachtung das Rhizom à la Deleuze & Guattari eingeführt, angesichts der verzweigten unterirdischen Verflechtung der Motive beim Dichter ohne Zweifel ein erfolgversprechendes Konzept. Immer aber nimmt die Wissenschaft die Literatur aus sich heraus und versetzt sie in ein so oder so geartetes, in jedem Fall aber vom Text weit entferntes Erklärungsraster. Bei dem Rhizombeispiel hat der einfache Leser und Literaturfreund dann die Last, das Bild der ausgegrabenen und ans Licht gezerrten unförmigen und unschönen Pflanzenknollen bei der Lektüre ständig störend vor Augen zu haben. Aber Literaturwissenschaft wird um ihrer selbst willen betrieben und nicht für die Leser der Bücher, die müssen sich um ihre Belange selbst kümmern.

Der Literaturwissenschaftler sucht die Entfernung vom und letztlich die Ruhe vor dem literarischen Text. Er sperrt ihn in ein Gittergerüst, sei es das der Alltagsausstattung des Autors, sei es das Sproßachsensystem der beiden französischen Philosophen oder in ein anderes. Am Ende ist das Areal des Dichters sauber von dem des Forschers separiert, die Arbeit ist getan, die Akte kann geschlossen werden. Der Leser geht den umgekehrten Weg, er sucht nicht den Abstand vom, sondern die Nähe zum, die dauerhafte Symbiose mit dem Text. In einer Doppelbewegung möchte er aufgehen im Text und sich den Text zueigen machen, den Text mit und bei sich tragen. Der wahre Leser ist ein Leser auch dann und vielleicht in besonderem Maße dann, wenn er gerade nicht liest. Er geht mit dem Hund durch das heimisches Gelände und reist dabei mit Selysses durch Oberitalien. Heimgekehrt vom gemeinsamen Ausflug, der gemeinsamen Reise, mag er auf die Idee kommen, sich der angenehmen Vorgänge in seinem Kopf, des Amalgams aus Worten des Dichters, eigenen Worten und Worten Dritter in der Weise eines kleinen Sebaldstücks zu versichern.
Im Umgang mit Lektüre, die ihm wenig oder gar nicht behagt, wird der Leser seinerseits zum kühlen Betrachter, und nicht auszuschließen ist der Fall des Literaturwissenschaftlers, der zugleich Leser ist, es ist sogar der übliche Fall. Sebald selbst ist ein helles Beispiel. Schreibend hat er sich immer stärker zur Seite des Lesers hin bewegt. Schon seine literaturwissenschaftlichen Arbeiten in den Bänden Unheimliche Heimat und Beschreibung des Unglücks haben essayistische und belletristische Züge. Mit Keller, Walser und anderen Alemannen wollte er, anstatt sie zu behandeln, lieber gemeinsam Logis in einem Landhaus nehmen, und schließlich hat er sich, die Wissenschaft hinter sich lassend, zusammen mit Kafka, Büchner, Browne, Wittgenstein, auch mit Gefährten aus der bildenden Kunst - niemand weiß genau zu sagen, wer sich sonst noch alles aufhält in seinem Prosawerk - auf den Weg der Dichtung begeben.

Kafka ist nicht nur ständiger Begleiter bei den Fahrten durch Oberitalien, er ist auch dabei, als Jacquot Austerlitz vom Prager Bahnhof aus auf die Reise geschickt wird, als die weißen Taschentücher flattern gleich einer auffliegenden Taubenschar, und als es schien, daß der Zug, nachdem er unendlich langsam angerückt war, nicht eigentlich weggefahren, sondern bloß, in einer Art Täuschungsmanöver, ein Stück aus der überglasten Halle herausgerollt und dort, noch nicht einmal in halber Ferne, versunken sei. Oder im nächtlichen London, als überall in den zahllosen Häusern die Bewohner jeden Alters anscheinend aufgrund einer vor langer Zeit getroffenen Vereinbarung, in ihren Betten liegen, zugedeckt und, wie sie glauben müssen unter sicherem Dach, während sie doch in Wahrheit nur niedergestreckt sind, das Gesicht vor Furcht gegen die Erde gekehrt, wie einst bei der Rast auf dem Weg durch die Wüste. Büchner steht in Wien, es wurde schon erwähnt, wie angelehnt an den Strom der Zeit, das Feuer des Onkels Evelyn, das in Andomeda Logde, Wales, von fast gar nichts brennt, ist das gleiche, das bei Keller die Mutter des grünen Heinrichs in der Schweiz unterhält, und als Selysses bei seiner Flucht aus Verona auf dem Brenner angelangt ist, geht ihm, gerade wie vormals Thomas Browne, durch den Sinn: The night of time far surpasseth the day, and who knows when was the AEquinox? Wie soll den Leser da nicht die Lust ankommen, mit von der Partie zu sein, von niemandem bemerkt, als blinder Passagier, der er ohnehin immer ist.

Sonntag, 18. November 2012

Warenparadiese

Poèmes de l’étalage

Benjamin hinterläßt den Eindruck eines von Haus aus ungebundenen, sich ohne Not marxistisch disziplinierenden Denkers, der uns nun aus den längst erloschenen Vulkanen des Marxismus mit an sich vermeidbaren Brand- und Alterspuren entgegentritt. Beim Passagenwerk habe er, so heißt es, Horkheimers und Adornos Hinweis aufgegriffen, ohne Rückgriff auf Marx sei das nicht ernsthaft zu machen. Die Passagen sind dann gar nicht gemacht worden, und die gesammelten Bruchstücke lassen die schöne Gestalt des fertigen Werkes nicht einmal erahnen. Fertiggestellt, in deutscher sowohl als in französischer Sprache, ist das kurze Exposé Paris, Capitale du XIXème siècle und naturgemäß gefällt daran alles besser als die seither durch die Verwendung an Zweimillionen anderen Stellen zugrundegerichteten Marxpartikel. Adorno hat im übrigen dem gleichen Empfinden Ausdruck verliehen, wenn er in einem späteren Brief an Benjamin schreibt, er, Benjamin, habe sich Gewalt angetan, um dem Marxismus Tribute zu zollen, die die weder diesem noch ihm selbst recht anschlagen.

Im Flaneur begibt sich die Intelligenz auf den Markt, heißt es im Passagenwerk, und etwas ausführlicher in der Arbeit über Baudelaire: Als Flaneur begibt sich der Literat auf den Markt; wie er meint, um ihn anzusehen, und in Wahrheit doch schon, um einen Käufer zu finden. Oder, wie Walser es in seiner unverkennbaren Weise ausdrückt: Der scheinbar so bummelige und behagliche Spaziergang ist voll praktischer geschäftlicher Verrichtungen. Baudelaire hatte seinerseits die städtische Menschenmenge als den Lebensraum des Flaneurs identifiziert: Le flâneur entre dans la foule comme dans un immense réservoir d'électricité -, und wir hatten gesehen, daß Selysses als städtischer Flaneur an dieser Anforderung scheitert, da die Passanten sich ihm auf die eine oder andere Weise entziehen. Noch weniger trifft er den Markt an, das Poème de l’étalage, wie Benjamin es exemplarisch in den Pariser Passagen findet und darstellt, rezitiert er nicht.
Der Aufenthalt in Terezín ist der Höhepunkt des Sebaldschen Flanierens und als solcher, wie man sich denken kann, ein Tiefpunkt. Was die Menschen anbelangt, so trifft Austerlitz eine vornübergebeugte Gestalt, die sich an einem Stock unendlich langsam voranbewegt und dann plötzlich verschwunden ist, und einen Geistesgestörten, der wild fuchtelt, ehe er, mitten im Davonspringen, vom Erdboden verschluckt wird. Sein Poème de l’étalage findet er im Antikos Bazar. Was in den Auslagen zur Schau gestellt war, machte gewiß nicht mehr als einen geringen Teil des im Inneren des Bazars angehäuften Trödels aus. Aber selbst diese vier, offenbar vollkommen willkürlich zusammengesetzten Stilleben hatten für den Dichter – ihn und nicht Austerlitz sehen wir seltsamerweise im Spiegelbild der Fensterscheibe des Bazars - eine derartige Anziehungskraft, daß er sich von ihnen lange nicht fortreißen konnte. Fruchtlos zu fragen, ob das eine oder andere der Stücke vor Zeiten die Auslagen eines feinen Geschäftes in der Metropole gesehen haben mag, die Aufmerksamkeit des Dichters erregen nur die verlorenen, und an unerwarteten Orten wieder aufgefundenen Dinge.

In der Buchkritik ist Anstoß daran genommen worden, daß Selysses die Zeit in Terezín vor dem wichtigen Besuch des Ghettomuseums buchstäblich vertrödelt. Besser hätte er wohl bei dieser Gelegenheit die demokratischen Errungenschaften des modernen tschechischen Landes bedenken sollen, wie es ihm ja auch im Hinblick auf Belgien und die Belgier ausdrücklich angeraten worden ist. Aber selbst wenn sie auf den Holocaust zulaufen, kommen Sebalds Erzählstränge von weiter her. Terezín macht in jeder Hinsicht den Eindruck einer für die in ihr begangenen schweren Sünden mit alttestamentarischer Ungerechtigkeit gestraften Stadt. Der Handel ebenso wie das Wandeln sind zum Erliegen gekommen. Am Ende des Besuches in Terezín werden die letzten Bewohner des Ortes, darunter auch Selysses selbst, in einem Leichenwagen nach Prag gekarrt. Die verrenkten Leiber lehnten und hingen in den Sitzen, dem einen war der Kopf nach vorn gesunken, dem anderen seitwärts oder in den Nacken gekippt.
Der Antikos Bazar ist geschlossen, ob er jemals geöffnet war oder sein wird, bleibt eine unbeantwortete Frage. Zeuge einer kaufmännischen Transaktion werden wir jedenfalls nicht. Generell ist in Sebalds Büchern das Marktgeschehen unauffällig. Selysses sehen wir ausschließlich Dinge kaufen, die für die Aufrechterhaltung der körperlichen und geistigen Tüchtigkeit unerläßlich sind, Lebensmittel also und Bücher. In Wien hält er schon bald seine Mahlzeiten nur noch an einem Stehimbiß oder verzehrt einfach etwas aus dem Papier. Restaurantbesuche wie in Verona oder Lowestoft verlaufen unerfreulich oder komisch-grotesk. Ob und gegebenenfalls wo er während des längeren Aufenthalts in seinem Heimatort W. etwas zu sich nimmt, bleibt im Verborgenen. Immerhin hatte er beim Abstieg auf dem Sebaldweg beim Hirschwirt in Unterjoch, um sich aufzuwärmen, eine Brotsuppe gegessen und einen halben Liter Tiroler getrunken.

In Venedig liest er in den Reisetagebüchern Grillparzers, die er noch in Wien gekauft hatte, eher beim Bouquinisten als in einem regulären Buchgeschäft, möchte man glauben. Von den Memoiren des Duc de Sully, die seither zu seinen liebsten Lektüren zählen, heißt es ausdrücklich, daß er sie für ein paar Schillinge bei einer Auktion erstanden hatte. Noch wohler ist ihm, wenn das Marktgeschehen ganz entfällt, wie beim von einem Großonkel mütterlicherseits ererbten Beredten Italiener, einem Hilfsbuch der italienischen Sprache, oder bei der ihm ebenfalls zugefallenen Bibliothek der Tante Mathild, die neben Literarischem aus dem letzten Jahrhundert, neben Reiseberichten aus den hohen Norden, neben Lehrbüchern der Geometrie und der Baustatik und einem türkischen Lexikon samt kleinem Briefsteller zahlreiche religiöse Werke spekulativen Inhalts umfaßte sowie Gebetsbücher aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert mit zum Teil drastischen Abschilderungen der uns alle erwartenden Pein.

Was die ebenfalls zu den unumgänglichen Notwendigkeiten zu zählende textile Ausstattung anbelangt, so wird das Wort an Michael Parkinson, einen wahren Stachanow der Konsumverweigerung, abgetreten. Er besitzt nicht mehr zwei Jacken, und wenn die Ärmel abgestoßen oder die Ärmel durchgewetzt sind, greift er selber zu Nadel und Faden und näht einen Lederbesatz auf. Sogar die Kragen an seinen Hemden soll er gewendet haben.

Schwer zu sagen, ob Parkinson und Leute seines Schlages den Niedergang der Textilmetropole Manchester verursacht haben, oder ob sie nach dem Erlöschen Manchesters kein geeignetes Angebot für Neuanschaffungen mehr vorfinden. Die erste Bedingung des Aufkommens der Pariser Passagen und der Auslagenkultur war laut Benjamin die Hochkultur des Textilhandels, für den die Schlote der Spinnereien und Webereien rauchen mußten. Diese Schlote sind heute nahezu ausnahmslos niedergelegt, damals aber rauchten sie zu Tausenden, einer neben dem andern, bei Tag sowohl als in der Nacht. In den aufgelassenen Lagerhäusern, die die Vorräte für Etalagen stapelten, drehen sich noch die Ventilatoren. Vor der Silhouette des erstorbenen Textiljerusalems spinnt der Dichter von Hand seine Fäden, verwebt sie und vernäht die bunten Flicken der Motive.

Die zweite Bedingung des Entstehens der Passagen, so Benjamin, bilden die Anfänge des Eisenbaus. Er enthält den entscheidenden Anstoß, als sich herausstellt, daß die Lokomotive nur auf eisernen Schienen verwendbar ist. Die neuen Elemente des Eisenbaus, Trägerformen, beschäftigen wiederum den Jugendstil. Im Ornament bemüht er sich, diese Formen der Kunst zurückzugewinnen.

Sous le pont Mirabeau coule la Seine et nos amours: die Brücke, die Appoliniare lyrisch inspirierte, sieht Austerlitz als unförmige Betonmasse immer wieder in seinen Angstträumen. Tatsächlich sind wohl nur die Brückenfüße betoniert und die eigentliche Brückenkonstruktion ist eine um Rückgewinnung durch die Kunst bemühte Eisenkonstruktion, für manchen Betrachter nicht ohne Charme. Dabei spricht der Dichter dem Jugendstil weder Redlichkeit noch Erfolg ab, der letztere aber konnte nicht von Dauer sein, wie etwa am Prager Bahnhof zu sehen ist. Das einst weit über Prag hinaus berühmte Jugendstilbauwerk war 1919 zum Andenken an den freiheitsliebenden amerikanischen Präsidenten Wilson eingeweiht worden. Wie ausnahmslos alles Schöne wurde er dann aber in der Folge zielstrebig ruiniert und in den sechziger Jahren umgeben mit häßlichen Glasfassaden und Vorwerken aus Beton. Das kunstvolle Gitterwerk aus Glas und Eisen der Nordfassade der Pariser Gare d’Austerlitz wird gewürdigt, es berührt aber unangenehm, daß zwei winzige, wahrscheinlich mit Reparaturen beschäftigte Figuren sich ich der Konstruktion an Seilen bewegen gleich schwarze Spinnen in ihrem Netz.

Der Umstand, daß sich die meisten großen Bahnhöfe real längst in Warenparadiese mit begleitendem Gleisverkehr verwandelt haben, wird nicht honoriert. Das Geschehen um die Getränkeausgabe im Stehbuffet der Ferrovia Venedig hat den Charakter eines grotesken Mysterienspiels und in Prag ist es keineswegs das Paradies, sondern die Hölle in der neuzeitlichen Form der Spielhölle: Auf einer etwas erhöhten, gut zehn mal zwanzig Meter messenden Plattform standen in mehreren Batterien gewiß an die hundert in debilem Leerlauf vor sich hindudelnde Spielautomaten.

Im Bahnhof von Antwerpen sind in hierarchischer Anordnung die Gottheiten des 19. Jahrhunderts vorgeführt, zuoberst Handel und Kapital. Das heraldische Motiv des Bienenkorbs versinnbildlicht nicht etwa den Fleiß als eine gemeinschaftliche Tugend, sondern das Prinzip der Kapitalakkumulation. Aus dem Bienenkorb wird aber keine marxgestützte oder anderweitige Verlaufsgeschichte des Kapitals abgeleitet. Selysses läßt den Kapitalismus, wenn man so sagen darf, links liegen, so als habe er sein zerstörerisches Werk endgültig verrichtet und sei mit ihm verschwunden. Selysses lebt in einer postmodernen, postkapitalistischen, postapokalyptischen Welt. Die große Stadt Manchester ist so menschen- und warenleer wie das kleine Terezín. Brüssel, die europäische Hauptstadt, Europa schlechthin, wird am alles überragenden Bau des Justizpalastes erfaßt, und der erweist sich als menschenleer. Viele Stunden ist Selysses durch dieses steinerne Gebirge geirrt, durch Säulenwälder, an kolossalen Statuen vorbei, treppauf und treppab, ohne daß ihn je ein Mensch nach seinem Begehren gefragt hätte. Eine Umgestaltung des, wie es den Anschein hat, aufgelassenen Palastes der Rechtssprechung in ein Warenhaus hat nicht stattgefunden, wie im Antikos Bazar türmt sich das Gerümpel. Man gerät in dunkle Sackgassen, an deren Ende Rolladenschränke, Stehpulte, Schreibtische, Bürosessel und sonstige Einrichtungsgegenstände übereinander gestapelt sind, als habe hinter ihnen jemand in einer Art Belagerungszustand ausharren müssen. Die Barrikade, ein weiteres Kapitel des geplanten Passagenwerkes, taucht für einen kurzen Moment auf vor unseren Augen.

In dem Brüsseler Monumentalbau breitet sich, wie zur Wiederbelebung einer untergegangenen Welt, das Kleingewerbe aus, immer wieder entstehen in irgendwelchen leerstehenden Kammern und abgelegenen Korridoren kleine Geschäfte, etwa ein Tabakhandel, ein Wettbüro oder ein Getränkeausschank, und einmal soll sogar eine Herrentoilette im Souterrain eingerichtet worden sein von einem Menschen namens Achterbos, der sich eines Tages mit einem Tischchen und einem Zahlteller in ihrem Vorraum installierte, um die Anlage dann in eine öffentliche Bedürfnisanstalt mit Laufkundschaft von der Straße und, in der weiteren Folge, durch Einstellung eines Assistenten, der das Hantieren mit Kamm und Schere verstand, zeitweilig in einen Friseurladen umzuwandeln.

In seinem Heimatort ist der Dichter unter Kleingewerbetreibenden großgeworden, dem Bader Köpf, dem Uhrmacher Ebentheuer, dem Bäcker Mayr und vielen anderen. Das Großstadtkind Austerlitz hat mit dem Blick auf die Werkstatt des Schneiders Moravec und den Besuchen im Handschuhgeschäft der Tante Otýlie ganz ähnliche Erinnerungen. Der Dichter, selbst ein Einmannbetrieb, ist Mitglied der Gilde.

Wenn Benjamin schreibt, als Flaneur begibt sich der Literat auf den Markt, um einen Käufer zu finden, meint er naturgemäß nicht, der Literat wolle die Figur des Käufers beobachten, oder er selbst wolle eine Ware veräußern. Es geht um die Ablösung des Mäzenatentums durch den Markt. Sebald hatte den Vorteil eines gesicherten Einkommens, der ihm ein freies Dichtertum ermöglichte, erst der Erfolg zerrte ihn auf den Markt. Einige vermuten, daß sein angegriffenes Herz dem nicht gewachsen war, aussetzte und den tödlichen Unfall verursachte.

Mittwoch, 7. November 2012

Passanten

Flâneur à vide

Durch die Erhebung zur literarischen Figur haben Baudelaire, Benjamin und andere den Flaneur gestärkt und zugleich gefährdet. Le flâneur entre dans la foule comme dans un immense réservoir d'électricité. Il s'agit, pour lui, de tirer l'éternel du transitoire. Wer das liest, möchte seinerseits der gemeinen städtischen Menge entkommen, und zum einsamen Flaneur werden, der die Menge philosophisch betrachtet. Was aber ist ein einsamer Flaneur noch wert, wenn an jeder Straßenecke ein von ihm selbst erweckter und nunmehr gleich gestimmter, philosophisch flanierender Konkurrent auf ihn wartet.
Diese Überlegung bereitet nicht auf den Flaneur bei Sebald vor, sondern auf seine auffällige Absenz. Dabei weist Selysses, Sebalds Bruder im Text, eine Reihe notwendiger Eigenschaften des Flaneurs auf. Er ist allein und für sich, er ist gebildet und hat offenbar hinreichend Zeit. Ungeachtet seiner ländlich-dörflichen Herkunft wird man ihm ein urbanes Wesen nicht absprechen wollen. Sein Liebe gilt neben Benjamin dem eigenwilligen Flaneur Robert Walser. Er ist ein Mann, auch das sei erwähnt, denn die Gestalt der Flaneuse ist kaum bekannt; neueren Berichten zufolge orientiert sie sich inzwischen weitgehend in Richtung der, wie schon bei Benjamin erkennbar, verwandten und ökonomisch ungleich sinnvolleren Tätigkeit des Schoppens. Selysses aber fehlt, seiner persönlichen Eignung zum Trotz, nahezu komplett das eigentliche Medium des Flaneurs, die Menschenmenge. Die Passanten bleiben aus, oder es sind nicht die richtigen oder aber er selbst ist nicht in der richtigen Position oder Stimmung. Fehlgeleitet war freilich die Sorge um ein Verschwinden der Passanten durch massenhaftes Überwechseln in das Lager der Flaneure. Eine Verphilosophierung der Welt hat nicht stattgefunden. So berechtigt unsere Ängste sind, so falsch liegen wir oft mit unseren Befürchtungen. Das Unheil zeigt sein Gesicht erst, wenn es zu spät ist für Flucht oder Gegenwehr.

In Mailand gibt es eine hinreichende Zahl von Passanten, Selysses aber hat den Mailänder Dom aufgesucht und ist hinauf bis in die oberste Galerie gestiegen. Weit unten sieht er über das Pflaster hastenden Gestalten, die sich vor einem Unwetter in Sicherheit bringen wollen. Das ist nicht die Welt des Flaneurs, der die Begegnung auf gleicher Ebene sucht und nicht, selbst auf der Galerie in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt, auf zwergenhafte Figuren am Boden steil nur herabschauen will.

Auch in dem kleinen Ort Limone am Gardasee fehlt es nicht an Einhergehenden. Als Selysses gegen Mitternacht zum Hotel zurückgeht, ist auch das ganze Ferienvolk paar- und familienweise unterwegs. Eine einzige buntfarbene Menschenmasse schiebt sich wie eine Art Zug oder Prozession durch die engen Gassen des zwischen den See und die Felswand eingezwängten Orts. Lauter Lemurengesichter waren es, die verbrannt und bemalt, unkenntlich wie hinter einer Maske, über den ineinander verschlungenen Leibern schwankten. Bei den Feriengästen handelt es sich nicht um in ihre üblichen Geschäfte eingebundene Passanten, über die nachzusinnen sich lohnt, sondern um Pseudoflaneure auf einem unbekannten, von Dante noch nicht erahnten  Höllenkreis.

In Verona flaniert Selysses nach den Regeln der Kunst unter den Bäumen der Uferpromenade den Adige entlang bis zum Castelvecchio. Seine Aufmerksamkeit ist aber ganz gefangen von einem hellfarbiger Hund, der einen schwarzen Fleck wie eine Klappe über dem linken Auge hatte und der wie alle herrenlosen Hunde schräg zu der Richtung zu laufen schien, in der er sich fortbewegte, hatte sich auf dem Domplatz ihm angeschlossen und war immer ein Stück voraus. Blieb Selysses stehen, so hielt auch der Hund ein und schaute versonnen auf das fließende Wasser der Etsch. Ging er weiter, so machte auch der Hund sich wieder auf den Weg. Als er aber am Castelvecchio den Corso Cavour überquerte, blieb der Hund an der Bordsteinkante zurück, und Selysses wäre, weil er mitten auf dem Corso sich umwandte nach ihm, um ein Haar überfahren worden. – Vom frei schweifenden Blick des Flaneurs kann nicht die Rede sein.

Venedig scheint ausschließlich von Einzelgängern bewohnt, die einander übel wollen. Wer hineingeht in das Innere der Stadt, weiß nie, was man als nächstes sieht oder von wem man im nächsten Augenblick gesehen wird. Kaum tritt einer auf, hat er die Bühne durch einen anderen Ausgang schon wieder verlassen. Geht man in einer sonst leeren Gasse hinter jemandem her, so bedarf es nur einer geringen Beschleunigung der Schritte, um jemanden, den man verfolgt, die Angst in den Nacken zu setzen. Umgekehrt wird man leicht selbst zum Verfolgten. Verwirrung und eisiger Schrecken wechseln einander ab, kein Gedanke an entspannt aufmerksames Flanieren.
Austerlitz trifft in Prag an einem nach seiner eigenen Einschätzung viel zu hellen Tag ein. Der Tag ist wie überbelichtet, und die Menschen sehen so krank und grau aus, als wären sie sämtlich chronische, nicht mehr weit von ihrem Ende entfernte Raucher. Kein Flaneur könnte hoffen, unter diesen Moribunden auf ein immense réservoir d'électricité zu stoßen, für Austerlitz, dem der Sinn ohnehin nicht nach Flanieren steht, eher eine Erleichterung.
Wien ist nach allgemeiner Überzeugung eine wie zum Flanieren geschaffene Stadt. Die einzige Beschäftigung in Wien besteht für Selysses aber aus ebenso endlosen wie leeren Gängen, die aber über ein eher enges Areal nicht hinausführen, einen genau umrissenen, sichel- bis halbmondförmigen Bereich, dessen Rand zugleich die Grenze seiner Vernunft, Vorstellungs- und Willenskraft ist. Wien ist für ihn leer, menschenleer, Selysses kommt mit niemandem ins Gespräch. Er hat es nur mit Schemen zu tun, Menschen, die mit Sicherheit nicht mehr am Leben sind, wie die Mathild Seelos, der einarmige Dorfschreiber Fürgut oder, in der Gonzagagasse der aus seiner Heimatstadt verbannte Dichter Dante. Bloß mit den Dohlen redet der Dichter einiges und mit einer weißköpfigen Amsel
In Terezín fehlen Bewohner und damit Passanten so gut wie vollständig. Eine vornübergebeugte Gestalt bewegt sich an einem Stock unendlich langsam voran und ist dann plötzlich verschwunden. Ein Geistesgestörter fuchtelt wild, ehe er, mitten im Davonspringen, vom Erdboden verschluckt wird. Am unheimlichsten aber waren die Türen und Tore von Terezín, die sämtlich den Zugang versperrten zu einem nie noch durchdrungenen Dunkel.
In Fall Terezíns mag man die Entvölkerung der besonderen Vergangenheit der Stadt zuschreiben, aber Manchester ist kaum dichter besiedelt. An einem späten Novembernachmittag stößt Selysses an einer Straßenkreuzung inmitten der Ödnis von Angel Fields auf einen kleinen Knaben, der in einem Wägelchen eine aus alten Sachen gemachte Gestalt bei sich hatte und der ihn, also wohl den einzigen Menschen, der damals in dieser Umgegend unterwegs gewesen ist, um einen Penny bat für seinen stummen Gesellen.

In Den Haag trifft Selysses in der Rezeptionsnische des Hotels auf zwei nicht mehr ganz junge, offenbar seit langem vermählte Herren, mit ihrem an Kindesstatt angenommenen aprikosenfarbenen Pudel, - eine dem Flaneur würdige Beobachtung. Er kann das Niveau allerdings nicht halten. Wahrscheinlich gehe er, so gibt er selbst zu bedenken, in fremden Städten oft auf den falschen Wegen. Vor den Eingängen der diversen Unterhaltungs- und Eßlokale versammeln sich kleine Gruppen morgenländischer Männer, von denen die meisten stillschweigend rauchen, während der eine oder andere ein Geschäft abwickelt mit einem Klienten. Als dann aber ein dunkelhäutiger Mensch auf Selysses zustürzt, das blanke Entsetzen im Antlitz, verfolgt von einem seiner Landsleute, dessen Augen geradezu glänzten vor Mordlust und Wut, ein langes, blitzendes Messer in der Hand, ergreift der Flaneur die Flucht und liegt, verstört von den Nachwirkungen des Erlebnisses, lange schlaflos auf dem Bett in seinem Hotelzimmer.

In Antwerpen sucht Selysses, kaum angekommen, die Tierwelt im Dunkel des Nocturamas auf, ein Besuch der prägend wird für das Erleben dieser Stadt. Auch Austerlitz flaniert in London vorwiegend nachts, wenn die potentiellen Passanten schlafen. Man kann ja tatsächlich zu Fuß in einer einzigen Nacht fast von einem Ende der riesigen Stadt ans andere gelangen, und wenn man einmal gewöhnt ist an das einsame Gehen und auf diesen Wegen nur einzelnen Nachtgespenstern begegnet, dann wundert man sich bald darüber, daß überall in den zahllosen Häusern die Bewohner jeden Alters anscheinend aufgrund einer vor langer Zeit getroffenen Vereinbarung, in ihren Betten liegen, zugedeckt und, wie sie glauben müssen unter sicherem Dach, während sie doch in Wahrheit nur niedergestreckt sind, das Gesicht vor Furcht gegen die Erde gekehrt, wie einst bei der Rast auf dem Weg durch die Wüste.

Paris, Capitale du XIXème siècle, ist das Eldorado der Flaneure. Austerlitz macht hier lange Spaziergänge in der Begleitung von Marie de Verneuil, ebenso in Marienbad. Nun findet der Flaneur unter den beobachteten Passanten, wie Botho Strauß hervorgehoben hat, durchaus Paare, er selbst aber kann nicht paarweise auftreten, da ihm in dieser Konstellation sein Charakteristikum, die entspannte und unbehinderte Aufmerksamkeit, verlorengeht.

Der Flaneur ist eine Erscheinung der Belle Epoque, deren Trümmer in Sebalds Werk zu besichtigen sind, so das Midland Hotel in Manchester, drei Kellergeschosse, sechs Stockwerke über der Erde, nicht weniger als sechshundert Zimmer. Derart enorm waren die Brausen, daß man unter ihnen wie in einem Monsunregen stand. Jetzt funktioniert die legendäre Dampfheizung bestenfalls noch stotternd, aus den Wasserhähnen rieselt der Kalk, die Fensterläden sind mit einer dichten, vom Regen marmorierten Staubschicht überzogen, ganze Teile des Hauses sind abgesperrt. Merkmal des klassischen Flaneurs war sein Hang zum Dandytum und zur ostentativen Langsamkeit, man führte Schildkröten bei seinem Spaziergang mit sich. Einen späten Abkömmling von vollendeter Dekadenz treffen wir in Deauville. Auf das geschmackloseste zusammengerichtet und auf das entsetzlichste geschminkt kam die Gräfin daher, mit einem hoppelnden Angorakaninchen an der Leine. Sie hatte ein giftgrün livrierten Clubman dabei, der immer, wenn das Kaninchen nicht mehr weiterwollte, sich hinunterbeugte zu ihm, um es ein wenig zu füttern von dem riesigen Blumenkohl, den er in der linken Armbeuge hielt.

Der Flaneur betritt, sozusagen als seine essayistische Variante, mehr oder weniger zeitgleich mit dem Soziologen die geschichtliche Bühne, beide suchen eine Beobachterperspektive auf die rätselhaft gewordene Gesellschaft der Menschen von außerhalb der Gesellschaft. Die Soziologie hat sich inzwischen längst als gesellschaftliche Aktivität innerhalb der Gesellschaft erkannt, dem Flaneur jedoch, dem ungebundenen Intellektuellen fällt es nach wie vor schwer, den Anspruch auf eine archimedischen Position aufzugeben. Ce fut le regard d'un flâneur, dont le genre de vie dissimula derrière un mirage bienfaisant la détresse des habtitants futurs de nos métropoles. Selysses ist auf der Höhe unserer Zeit, indem er als Stadtgänger scheitert am schieren Unmaß der Neuzeit. Austerlitz spricht im Einverständnis mit dem Autor anhand der von ihm einzig akzeptierten Architekturformen unter dem Normalmaß der domestischen Architektur - der Feldhütte, der Eremitage, dem Häuschen des Schrankenwärters, dem Aussichtspavillon, der Kindervilla im Garten – der Stadt praktisch das Existenzrecht ab. Nicht umsonst zieht durch die verschiedensten Städte unversehens und an den überraschensten Orten immer wieder die Karawane der Wüstenbewohner. Nicht fern ist Ciorans Urteil, die Menschheit hätte nie über den Stand der Hirtenvölker hinauswachsen dürfen.

Die Schwindel.Gefühle sind, neben vielem anderen, das Buch des scheiternden Flaneurs, die Ausgewanderten und Austerlitz wenden sich einzelnen Lebensschicksalen zu, der Blick auf die Stadt bleibt dabei der gleiche. In den Ringen des Saturn tritt an die Stelle des urbanen Flanierens die ländliche Wanderung. Daß dabei das Weltgeschehen nicht aus dem Blick gerät, muß man niemandem sagen.

Sonntag, 21. Oktober 2012

Eyes Wide Shut

Falsche Welt
Wer das Buch Austerlitz aufschlägt und sich vom Dichter mit auf die Fahrt nach Antwerpen nehmen läßt, mag sich schon bald vorkommen wie die schöne junge Lilofee, die Quartier am Grunde des Sees beziehen muß. Der Leser wird in den Nachtzoo entführt, den er sich, wohl zu Unrecht, als unterirdische Anlage vorstellt. Mit dem Leben unter Wasser wird er tatsächlich erst siebzig Seiten später vertraut, aber schon hier kann er sich, in Form einer Trockenübung, auf die dort herrschenden Lebens- und Lichtverhältnisse einstellen. In dem künstlichen Halbdunkel sind verschiedene Tiere zu erkennen, die hinter der Verglasung ihr von einem fahlen Mond beschienenes Dämmerleben führen. Der Dichter gibt vor, sich an die einzelnen Tierarten nicht zu entsinnen, zählt sie dann aber doch in detaillierter Ausführlichkeit auf. Wirklich gegenwärtig geblieben sei ihm nur der Waschbär, der mit ernstem Gesicht an einem Bächlein saß und immer wieder denselben Apfelschnitz wusch, als hoffe er, durch dieses, weit über jede vernünftige Gründlichkeit hinausgehende Waschen entkommen zu können aus der falschen Welt, in die er gewissermaßen ohne sein eigenes Zutun geraten war. Von allen Tieren aber seien die auffallend großen Augen in der Erinnerung geblieben und jener unverwandt forschende Blick, wie man ihn findet bei bestimmten Malern und Philosophen, die vermittels der reinen Anschauung und des reinen Denkens versuchen, das Dunkel zu durchdringen, das uns umgibt.
Der Text könnte hier enden, es wäre dann eine kleine in sich geschlossene Geschichte wie La cour de l’ancienne école, wie diese mit offenem Ende. Allerdings würde man schon gerne erfahren, was die Maler und Philosophen mit reiner Anschauung und reinem Denken zustande bringen, also fahren wir fort. Als Eröffnungsszene des ganzen Buches läßt sich das Nocturama prinzipiell zu allen nachfolgenden Motiven in Beziehung setzen, wenn auch nicht in der jeweils gleichen Weise. Die Beziehung kann eng sein oder aber lose, sie kann auf Ähnlichkeit beruhen oder auf Kontrast. Der Bericht vom versunkenen Ort Llanwddyn scheint eine besonders enge Affinität zum Nocturama zu haben.
Schaut man herab von der Staumauer von Vyrnwy, so muß man wissen, daß vielleicht hundert Fuß unter dem dunklem Wasser noch mindestens vierzig Häuser und Höfe stehen, ferner die Kirche zum heiligen Johann und drei Kapellen und drei Bierschenken, und man stellt sich vor, daß die Dorfbewohner drunten in der Tiefe weiterhin in ihren Häusern sitzen und auf der Gasse herumgehen, aber ohne sprechen zu können und mit viel zu weit offenen Augen. Nachts vor dem Einschlafen ist es uns, als seien auch wir untergegangen in dem dunklen Wasser, nicht anders als die armen Seelen von Vyrnwy, die Augen weit offen, um hoch über uns einen schwachen Lichtschein zu sehen und das von den Wellen gebrochene Spiegelbild des steinernen Turms, der so furchterregend für sich allein an dem bewaldeten Ufer steht.
Die gleichen weit geöffneten Augen im Nachtzoo und unter Wasser. Die Augen der Nachttiere setzen sich fort in den Augen der Maler und Philosophen, die Augen der Seelen am Grund auf der Suche nach einem schwachen Lichtschein hoch oben verlängern sich in die Augen Dafydds, des jungen Austerlitz. Mehr noch als der Waschbär, so wird man urteilen, sind die Wassermänner und -frauen in einer falschen Welt. Beim Waschbären scheint klar zu sein, was zu tun wäre, man müßte ihn in die rechte Welt der Freiheit entlassen, mit den Wasserseelen aber verbündet sich Austerlitz, der sich selbst im überirdischen Leben am falschen Ort sieht, und am Grunde des Sees womöglich sogar einen richtigeren erahnt. Wo ist die richtige und wo ist die falsche Welt, vielleicht ist es auch mit dem Waschbären so einfach nicht.

Beim Philosophen des reinen Denkens kann man an Kant und seine reine Vernunft denken, abgebildet ist aber Wittgensteins Augenpaar. Sebald hat im Gespräch bekannt, die Person Wittgenstein habe ihn immer fasziniert, Wittgensteins Philosophie aber sei ihm fremd und verschlossen geblieben. Vielleicht war ihm aber doch Wittgensteins Zielbestimmung der Philosophie vertraut, die darin bestehe, der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zu zeigen. Motivisch klingt dabei Platons Höhlengleichnis an, das die Philosophie ständig neu ermuntert, im Kern ist Wittgensteins Diktum aber wohl eine herabgetönte Variation auf Kants triumphalen Auszug aus der Unmündigkeit, die obendrein noch selbstverschuldet sein soll. Dem Waschbären wird man die Mündigkeit seiner Gattung nicht absprechen, und von der Schuld an seiner Lage wird er ausdrücklich freigesprochen. Ob die Fliege, der die ihr zur Verfügung stehende Vernunft innerhalb des Fliegenglases nicht geholfen hat, mit dieser außerhalb des Glases viel anfangen kann, bleibt die Frage. Was findet sie vor außerhalb des Glases, was der Waschbär außerhalb des Zoos. Es gebe kein richtiges Leben im falschen, heißt es, gibt es eine richtiges Welt neben oder hinter der falschen? Die Philosophen haben neben die falsche Welt immer wieder richtige Welten gestellt in Form von Utopien, die sich aber ihrerseits schon bald samt und sonders als Irrtum erwiesen haben. Wittgenstein macht denn auch in Kenntnis der Philosophiegeschichte keinerlei Versprechen zur Situation außerhalb des Fliegenglases.

Die Bilder der Maler, um uns ihnen zuzwenden, zumal diejenigen Pisanellos (das abgebildete Augenpaar ist dasjenige Jan Peter Tripps), mögen im Dichter den Wunsch erwecken, alles aufgeben zu können außer dem Schauen, aber die reine Anschauung ist nicht sein Metier. Wie der Philosoph ist er der Sprache verpflichtet und damit dem Denken, wenn auch nicht in der reinen Form. Wie der Maler geht er aus von der Anschauung, kann sie aber bei der Übertragung in Sprache nicht rein halten. In der Sprache, dies- oder auch jenseits der reinen Anschauung und des reinen Denkens, erschafft der Dichter fiktionale und als solche falsche Welten, die uns nicht selten aber gegenüber der realen, in der wir leben, als richtiger und vertrauenswürdiger erscheinen. Geborgen im Text, sind wir nicht sicher, ob wir nach einem Ausweg aus diesem Fliegenglas suchen sollen.

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Fragmente aus dem Orient

Baumparadiese

In der Goldenen Taube zu Verona trägt sich Selysses, ohne seinen Übermut weiter zu begründen, unter falschem Namen ein und zwar als Jakob Philipp Fallmerayer, Historiker von Landeck. Erläuternd wurde bereits ausgeführt, daß Selysses in Limone mit dem Paß auch seine Identität verloren, diese auch in Mailand nach der Ausstellung eines Ersatzdokuments nicht wiedergefunden hatte, um sie dann in Verona ausdrücklich zu verleugnen. Vermerkt wurde ferner, daß nach der Verwandlung in den Orientfachmann Fallmerayer die morgenländischen Motive im weiteren Verlauf der Erzählung All’estero deutlich zunehmen. Gleichwohl bleibt die Verwandlung rätselhaft.
Fallmerayer hatte in seiner Zeit einen guten Ruf als Prosaist. Hebbel nennt es bewundernswürdig, wie er den Menschen und die Natur, wie sie sich gegenseitig bedingen, mit fast dramatischer Energie darstelle. Ein anderer Rezensent spricht von der ruhigen und doch durchpulsten Sprache der Fragmente aus dem Orient. Der heutige Leser wird nicht widersprechen wollen, aber doch, wie beim Goldwaschen, ein Sieb für notwendig halten, um etwa die Stellen abzuseihen, an denen es nach Kara Ben Nemsi im wilden Kurdistan klingt. Man könnte meinen, Sebald, dessen Sprache schon unangemessener beschrieben wurde als mit ruhig und doch durchpulst und dem die von Hebbel konstatierte gegenseitige Bedingung von Mensch und Natur sicher zugesagt hat, habe für seine eigenen Orientfragmente ein solches Sieb zum Einsatz gebracht. Stellt man sich Fallmerayers Prosa durch die genannte Prozedur gehörig verschlankt vor, könnte der Eindruck entstehen, Sebald habe sich bei seinen Fragmenten aus dem Orient und insbesondere bei der Darstellung der Stadt Konstantinopel von ihr inspirieren lassen.

Konstantinopel oder Istanbul ist keine Stadt, die Selysses, wie Venedig, Mailand und Verona, im Auftrag Sebalds aktuell bereist. Es ist das Konstantinopel des Jahres 1913 und ob es nicht eher ein unbestimmtes osmanisches Konstantinopel des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist, läßt sich nicht entscheiden anhand dessen, was wir vernehmen, und ob alle aufscheinenden Bilder auch nur irgendwann in der Stadt anzutreffen waren, kann heute kaum noch jemand verläßlich bestätigen oder aber verneinen. Mensch und Natur, so heißt es, bedingen sich gegenseitig in dieser Stadt, so viel Bauwerk, so viel verschiedenes Grün. Pinienkronen hoch in der Luft. Akazien, Korkeichen, Sykomoren, Eukalyptus, Wacholder, Lorbeer, wahre Baumparadiese, Schattenhalden und Haine mit rauschenden Bächen und Brunnen. Unvermittelt tut sich eine Art Kanzel auf und mit ihr der ausgedehnteste Panoramablick.
Fallmerayer sieht bei der Darstellung von Trapezunt drei Zypressen und viele Feigenbäume, reichlich Efeugebüsch, Kohl, Haselstauden, und Quitten ohne Symmetrie und Ordnung mitten im Steingeklüft, und auch in dem kleinen Garten vorzugsweise die Feige, die Quitte, ferner den Pfirsich, die Kirsche, die Orange, den Granatapfel, die Zitrone, die Maulbeere, die Olive und die Ulme, die in Kolchis besonders häufig und prachtvoll wächst. Ein wenig weiter strotzt die Myrte, prangt die Nelke, rankt das Immergrün und die Weinrebe, duftet der wilde Thymian und gedeiht ungepflegt der Oleander und der Lorbeerstrauch. Überall Quellen im Gestein, kleine Wasserstürze vom Berg hinab, wundervolles Spielwerk der Felsenbildung.

Große Teile der Stadt Konstantinopel sind ganz aus Holz, Häuser aus braun und grau verwitterten Balken und Brettern, mit flachen Giebeldächern und vorstehenden Altanen, und auch in Kolchis strebt man, Fallmerayers Bericht zufolge, nicht nach Symmetrie und architektonischer Eleganz der Außenseite. Je melancholischer der Eindruck auf die Vorübergehenden, desto besser für den Besitzer. Man will allein sein in Ruhe und Genuß. Man sieht kaum Bauten von mehr als einem Stockwerk. Häufig sind es gar nur Erdgeschosse, so daß in mancher Straße nichts als braune Ziegeldächer und rauchlose Schornsteine aus Schieferplatten zu sehen sind.
In beiden Fällen also üppige Vegetation und Wasserspiele, in beiden Fällen anspruchslose, melancholische Architektur. Würden sich die Beschreibungen auf die wiedergegebenen Textstellen beschränken und wäre nicht bekannt, daß wir das eine Mal in Konstantinopel und das andere Mal in Trapezunt sind, könnte es scheinen, als hätten sich zwei Autoren mit ähnlicher Sichtweise derselben Stadt angenommen. Wenn Sebald, der sich ein eigenes Bild vom osmanisches Reich nicht machen konnte, Fallmerayer als Augenzeuge in die Pflicht genommen hätte, wäre daran nicht Verwunderliches, auch nicht, wenn er dabei nicht ausschließlich auf Konstantinopel unmittelbar betreffende Textstellen vertraut hätte. Zur osmanischen Hauptstadt selbst läßt Fallmerayer im übrigen wissen, ein unübersehbares Gewimmel von Holzziegeldächern und Holzgezimmer, von Gärten, Zypressenwäldern, Kegelbergen und Lusttälern, von bleigedeckten, goldblitzenden Spitztürmen und Tempelkuppen schließe der Name Stambul ein, ein Sitz der Widersprüche sei es, Land und Wasser, Licht und Schatten und lange Karawanenzüge, vorüberschiffende Delphine: auch das recht nah an Adelwarths Tagebuch.

Verschiedentlich war schon festzustellen, daß sich einzelne Motive in Sebalds Büchern erst im Nachherein erklären. So gibt sich der Artist Giorgio Santini erst dann als San Giorgio zu erkennen, als der Heilige am Ende der Schwindel.Gefühle in der Londoner Nationalgalerie auf Pisanellos Bild den gleichen Strohhut auf dem Kopf trägt, den Santini mehr als hundert Seiten zuvor im Mailänder Konsulat in den Händen dreht. Die in kleinen Bakelitdosen verwahrten toten Motten in Austerlitz’ Wohnung erhalten erst dann ihren Sinn, als am Ende des Buches die Vermutung geäußert wird, sie seien vom benachbarten Judenfriedhof eingeflogen. Hier hätten wir es gleichwohl insofern mit einer neuen Qualität zu tun, als sich der Fallmerayer der Schwindel.Gefühle erst ein ganzes Buch später in der Erzählung Ambros Adelwarth zu erkennen gibt.
Das erwähnte Verfahren der Prosaverschlankung geht über das Erwartbare hinaus, da die zum Teil skizzenhaften Tagebuchaufzeichnungen Adelwarths nicht den üblicherweise in allen Einzelheiten ausgebauten Satzmustern Sebalds entsprechen. Zwar weitet sich der Blick in der Stadt Istanbul, aber auch hier bleiben unvollständige Sätze ohne Verb, die dem Vortrag Flüchtigkeit und zugleich vorwärtsdrängende Dichte verleihen, in der Schönheit und Melancholie des welken osmanischen Reichs sich in besonderem Glanz zeigen.

Samstag, 13. Oktober 2012

Jerusalem

Abrahamitische Religionen

Sebald hat sich als im bürgerlichen Leben religions- und glaubensfrei bekannt. Nicht im Widerspruch, aber doch im auffälligen Kontrast dazu führen die katholischen Heiligen ein reges Leben in seinem Werk. Gleich im ersten Satz der veröffentlichten Dichtung schließt sich der Flügel des Altars der Pfarrkirche Lindenhardt, und auf dem Tafelbild treten uns die vierzehn Nothelfer und Nothelferinnen entgegen. Der heilige Georg verläßt Grünewald Gemälde und wird in den Bildern Pisanellos zu einem heimlichen Protagonisten der Schwindel.Gefühle. Im gleichen Buch liegt der heilige Franz in einem schwankenden Schilfbeet mit dem Gesicht nach unten im Wasser, und über die Sümpfe schreitet die heilige Katharina, ein kleines Modell des Rads, auf dem man sie gebrochen hatte, in der Hand. Verstreut über das Werk begegnen uns der heilige Hieronymus und andere Heilige mehr.

Nichts ist Selysses in der Kindheit sinnvoller erschienen als diese beiden Tage, Allerheiligen und Allerseelen, Tage der Erinnerung an die Leiden der heiligen Märtyrer und der armen Seelen, an denen die dunklen Gestalten der Dorfbewohner seltsam gebeugt im Nebel herumgingen als seien ihnen ihre Wohnungen aufgekündigt worden. Unter all den längst namenlosen Seelen sind die Heiligen wie Pfeiler der Ewigkeit und sorgen für eine schöne Totenordnung, da sich jede Seele auf einen Heiligen bezieht. Selysses, der nach allem, was wir wissen, auf den Vornamen Georg hört, ist sehr einverstanden mit seinem Schutzheiligen schon im Leben. Zur Linken steht für die alte Welt, die Georg auf Grünewalds Tafelbild verlassen hat, der heilige Antonius in dunklem Gewand und mit strengem Blick, rechts San Giorgio unter dem Strohhut im Licht mit den ausdrücklichen Merkmalen der herzbewegenden Weltlichkeit und der schutzlosen Unschuld.
Der vom heiligen Georg, mit Pisanellos Hilfe, bewirkte Augenblick eines glücklichen Gleichgewichts der Zeiten ist schnell dahin, das Projekt Moderne verläuft nicht in den gewünschten Bahnen, und daher hat auch der christliche Strafprediger nicht ausgedient. Einen solchen, katholischer Provenienz, sieht Sebald in Thomas Bernhard, ein wohl durchaus origineller Beitrag zur Bernhardforschung: Ich sehe ihn, immer wenn ich an ihn denke, irgendwie auf einer Kanzel, wie er also das Sonntagspublikum sozusagen fix und fertig macht, bis sie also nicht mehr schnaufen können. Mit Emyr Elias hat Sebald einen kalvinistischen Confrère Bernhards in die Welt gesetzt: Am Sonntag führte er der versammelten Gemeinde mit erschütternder Wortgewalt das allen bevorstehende Strafgericht, die Farben des Fegefeuers und die Qualen der Verdammnis vor Augen, so daß nicht wenige am Ende des Gottesdienstes mit einem kalkweißen Gesicht nach Hause gingen.

Jüdische Heilige werden nicht aktiv im Werk, es sei denn, man wollte Kafka, der in seinen Tagebüchern die Geschichte eines Zaddik erzählt und die Begegnung mit einem Rabbi in Marienbad schildert, als einen solchen ansehen; ein Heiliger der Literatur ist er in jedem Fall. Auf den jüdischen Friedhöfen herrscht nicht die schöne, von den Heiligen gewährleistete Totenordnung, sondern die Schönheit der Namen, die ihnen die Deutschen vielleicht mehr als alles andere mißgönnt haben: Wertheimer, Friedländer, Leuthold, Goldstaub. Wenig erinnert an die mit dem Wort Friedhof verbundenen Vorstellungen, man schaut auf seit langen Jahren verlassen daliegende, allmählich in sich zerfallende und versinkende Gräberfelder, hohes Gras, Wiesenblumen, Baumschatten in einer leichten Bewegung der Luft.

Das jüdisches Leben ist auf das engste mit dem mosaischen Glauben verbunden. Am Sabbat spielen einige der Männer, was für sehr kühn und fortschrittlich gilt, eine Partie Billard. Der Ferdinand Lion raucht sogar eine Zigarre. Anschließend gehen sie gemeinsam in die Synagoge. Die Frauen packen zusammen und machen sich mit den Kindern in der einbrechenden Dämmerung auf den Weg nach Haus. In der Dunkelheit schon hocken wir auf der vorderen Treppe und sehen zu, wie sich am Himmel die Gewitterwolken übereinanderschieben. Nachdem der Vater zurück ist, wird die aus vielen bunten Wachssträngen geflochtene Kerze zum Sabbatausgang angezündet. Wir riechen an den Gewürzbüchschen und gehen hinauf ins Bett.

Ci vediamo a Gerusalemme, ruft der Venezianer Malachio, bevor er abdreht mit seinem Boot. Eine Verabredung zu einem realen Wiedersehen in Jerusalem steht nicht unbedingt hinter dieser alten Grußformel der Juden. Warum aber verwendet Malachio sie, wo doch zumindest Selysses, nach allem was wir wissen, kein Jude ist. Selysses fragt sich, was Malachio mit diesen Worten gemeint haben mag und versucht, vergebens, sich an sein Gesicht zu erinnern. Ambros Adelwarth und Cosmo Solomon gehen der Sache auf den Grund und reisen ins Heilige Land.

In Jerusalem finden sie einmal ums andere Kirchen, Klöster, religiöse und philanthropische Einrichtungen jeder Art und Denomination. Nach Norden liegen die russische Kathedrale, das russische Männer- und Frauenhospiz, das französische Hospital de St. Louis, das jüdische Blindenheim, die Kirche und das Hospiz des hl. Augustinus, die deutsche Schule, das deutsche Waisenhaus, das deutsche Taubstummenasyl, the School of the London Mission of the Jews, die Abessinische Kirche, the Anglican Church, College and Bishop’s House, das Dominikanerkloster, das Seminar und Kirche St. Stephan, das Rothschildsche Institut für Mädchen, die Gewerbeschule der Alliance Israélite, die Kirche Notre Dame de France und am Teich von Bethesda der St. Anna Convent ... : und viele andere mehr, eine seltsame Insel frommer Institutionen, allem Anschein nach unbewohnt und abgetrennt vom Rest der Welt und der Stadt, sofern man von einem Rest der Stadt überhaupt sprechen kann:

Über den Dächern kein Laut, kein Lebenszeichen, nichts. Nirgends, soweit das Auge ausschweift, erblickt man ein lebendiges Wesen, ein huschendes Tier oder auch nur den kleinsten Vogel im Flug. On dirait que c’est la terre maudite. In der Vergangenheit hat Jerusalem einen anderen Anblick geboten. Neun Zehntel des Glanzes der Welt waren auf diese prachtvolle Hauptstadt vereint. Jahrelang ist dann das Projekt der Niederlegung des Lebens von den Cäsaren planmäßig betrieben worden, und auch später hat man Jerusalem wiederholt heimgesucht, befreit und befriedet, bis endlich die Verödung vollendet und von dem unendlichen Reichtum des Gelobten Landes nichts mehr übrig war als der dürre Stein und eine ferne Idee in den Köpfen seiner inzwischen weit über die Erde hin verstreuten Bewohner.

Manchester war eines der Sammelstellen für die über die Erde hin verstreuten Juden. Das vormalige Judenviertel war gleich hinter der Victoria Station um das sternförmige Gefängnis Strangeways gelegen. Das von seinen Bewohnern aufgegebene Quartier wurde seither von der Stadtverwaltung Manchester dem Erdboden gleich gemacht. An der Wand einer der wenigen verbleibenden Ruinen läßt sich noch das Schild einer Anwaltskanzlei mit den Namen Glickmann, Grunwald und Gottgetreu entziffern. Noch zu Beginn des Jahrhunderts galt Manchester in allen Ländern als ein an Unternehmergeist und Fortschrittlichkeit nicht zu überbietendes Industriejerusalem. Es fragt sich, ob der jüdische Teil der Bevölkerung sich dieser Einschätzung anschließen konnte unter Löschung der fernen Idee Jerusalems in den Köpfen. Sie wären betrogen worden, um das moderne Industriejerusalem steht es inzwischen, in der Schilderung Sebalds, kaum besser als um die Stadt im heiligen Land.

Das gegenwärtige, von den Juden wieder in Besitz genommene Jerusalem betritt der Dichter nicht. Der Tempel läßt sich dort nicht neu erbauen, zu lange schon ist er in seiner Zerstörtheit der Tempel der Juden, jeder Versuch der Restaurierung wäre eine Profanierung. Möglich ist allenfalls, sich vom Tempel ein Bild zu machen im Modellbau, so wie Alec Garrad ihn betreibt, oder besser noch die Traumgestalt Frohmann, der ein aus Fichtenholz, Papiermaché und Goldfarbe bereits fertiggestelltes Modell des Tempels auf dem Schoß hält, wie vielleicht jeder Jude es Herzen mit sich trägt.
Auf die Herausforderung unserer Tage, sich auch mit der dritten abrahamitischen Religion zu beschäftigen, hat Sebald sich nur bedingt eingelassen. Die Begegnung mit den morgenländischen Männern in Den Haag läßt Fragen offen. Das Wohlgefallen des Dichters findet offensichtlich das von Cosmo Solomon und Ambros Adelwarth besuchte Stadt Istanbul. Der Besuch findet statt im Jahre 1913, noch bevor die Zeit sich wendete und, wie eine Natter durchs Gras, der Funken die Zündschnur entlanglief. Es ist die schöne Herbststadt des welken osmanischen Reiches. Die Minarette scheinen sich im Wind zu wiegen wie die Masten der großen Segelschiffe. Auf der Galerie eines der Minarette erscheint ein zwergenhafter Muezzin und nickt grüßend den Reisenden zu, bevor er seinen Vortrag beginnt, ein ganz und gar freundliches Bild.

Montag, 8. Oktober 2012

Motten

Seelen in Bakelit

Eng verwandt, wie die Falter sind, gilt der Seidenvogel als Nutztier, die Motte hingegen als Schädling. Die Seidenraupe sorgt für unsere Kleidung, die Motte zerstört sie. Für die Tiere ist die Konsequenz in der Realität die gleiche, die der menschlichen Perspektive entstammenden Qualitäten Nutzen und Schaden muß das eine wie das andere mit dem Leben zu bezahlen. Das Tötungsgeschäft an den Seidenraupen ist im letzten Teil der Ringe des Saturn detailliert vorgeführt, die Motten aber werden in Austerlitz äußerst pfleglich behandelt, noch bis über ihren Tod hinaus. An drei markanten Stellen treten die Motten, mit abnehmender Ausführlichkeit aber mit eher zunehmender Bedeutsamkeit, ins Blickfeld. In der Summe entfällt in etwa ein Prozent der gesamten Erzählstrecke des Buches auf die Motte, das ist für ein so kleines Tier nicht wenig in einem Buch, das von so großen Dingen handelt. Dem immer bestehenden Auftrag ist Genüge getan, wonach allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zuzusprechen ist.
Als die Glühstrumpflampe aufgestellt und entzündet war, begannen die Nachtfalter wie aus dem Nichts heraus in ihrer überwältigenden Mannigfaltigkeit einzuschwärmen, Spanische Fahnen und Schwarze Ordenbänder, Messing- und Ypsiloneulen, Jungfernkinder und Alte Damen, um nur die bekanntesten zu nennen. Jedes dieser extravaganten Geschöpfe hat seine Eigenart, manche leben nur im Erlengrund, manche nur an heißen Steilhängen, auf mageren Triften oder im Moor. Allein die Raupen fressen, und das bis zur Bewußtlosigkeit, wohingegen die Falter zeit ihres kurzen Lebens gar nichts mehr zu sich nehmen und einzig darauf bedacht sind, das Fortpflanzungsgeschäft möglichst schleunig zuwege zu bringen. Einige tragen Halskragen und Umhänge wie vornehme Herren auf dem Weg in die Oper. Diese spaßhafte Vermenschlichung leitet über zur ernsten Frage nach dem Seelenleben der geringen Kreaturen. Bedenkt man das Leben und Sterben der Motten, so kann man ihnen nur die größte Ehrfurcht entgegenbringen. Wen sie sich in ein Haus verflogen haben und nicht mehr weiter wissen, so verharren sie reglos, bis der letzte Hauch aus ihnen gewichen ist, und bleiben, festgehalten durch ihre winzigen im Todeskrampf erstarrten Krallen, am Ort ihres Unglücks haften. - Die ausführliche Vorstellung der Motten im walisischen Abermaw enthält Naturkundliches, Beobachtetes und Spekulatives gleichermaßen. Mit dem Tod sind die Motten nicht am Ende ihres Erdendaseins angekommen.

In der Londoner Wohnung des Juden Austerlitz finden sich sieben verschieden geformte, nicht mehr als zwei bis drei Zoll hohe Bakelitdosen, von denen jede den sterblichen Rest einer in diesem Haus auf die geschilderte Weise an das Ende ihres Lebens gekommenen Motte enthielt, gewichtslose elfenbeinfarbene Wesen mit einem von Silberschuppen bedeckten Rumpf: eine bizarre und sonst kaum gebräuchliche Abwandlung der Menora.

In der Austerlitz Wohnung befindet sich noch ein weiteres, um einiges größeres Bakelitgehäuse, das die Außenwand eines altertümlichen Radios darstellt. Mancher aus der Generation Sebalds hat nachgesonnen über die Beschriftung dieser Rundfunkempfänger, und unter Beromünster und Hilversum mag er sich weniger Ortschaften als riesige Sendeanlagen in unbewohnten und menschenleeren Gebieten vorgestellt haben oder weit draußen im Meer im Dienste der Seefahrer. Aus großer Ferne sprechen, kaum hörbar und in unverständlicher Sprache, Stimmen, die manchmal untergehen zwischen den Wellen und dann wieder auftauchen. Ab Anbruch der Dunkelheit durchschwärmen sie die Luft und führen, wie die Fledermäuse, ihr eigenes die Taghelle scheuendes Leben. Das ungeheuer empfindliche Gehör der Motten aber ist imstande, die Schreie der Fledermäuse über weite Entfernungen weg zu erkennen, also wohl auch die von den Radiowellen getragenen Stimmen. Ganz offenbar, wenn auch keineswegs in einer durchschaubaren Weise, gehören die Motten in den kleinen Bakelitkästchen und das Radio mit seinen Geisterstimmen in dem größeren Gehäuse zueinander.

Aus dem Fenster der Wohnung aber sieht man hinter einer Ziegelmauer einen von Lindenbäumen und Fliederbüschen bewachsener Platz, auf dem man seit dem 18. Jahrhundert Mitglieder der aschkenasischen Gemeinde beigesetzt hatte, unter anderem den Rabbi David Tevele Schiff und den Rabbi Samuel Falk, den Baal Schem von London. Von diesem Platz, so ist zu vermuten, sind die Motten ins Haus geflogen. Diese Vermutung mag einen realen Hintergrund haben, wenn man annimmt, es gebe Mottenarten deren Raupen, anders als die auf mageren Triften oder im Sumpfgelände, sich auf das Vertilgen des Blattwerks von Lindenbäumen und Fliederbüschen spezialisiert haben. In den Vordergrund aber drängen sich mythologisch Vorstellungen von den Seelen, die als Schmetterlinge aus den toten Körpern ausfahren. Die Seelen der toten Juden, sieben an der Zahl, sind, so mag man denken, erst in den Bakelitsarkophagen zur endgültigen Ruhe gekommen.

Die drei Erwähnungen der Motten sind jeweils durch hundert und mehr Seiten von einander getrennt. Liest man sie im Zusammenhang, so ergibt sich eine eigene kleine Mottengeschichte. Das Beziehungsfeld aus Nachtfaltern, nächtlichen Radiotönen, Fledermäusen und Seelen ist ohne Zweifel vorhanden, gibt man ihm, es nachzeichnend, Kontur, wird es fast schon zerstört. Die Eigenständigkeit der Mottengeschichte löst sie nicht etwa aus den anderen Textbezügen, sondern intensiviert sie nur. Erst mit dem Auffliegen vom Friedhof der Juden sind die Motten den zentralen Themen des Buches endgültig verbunden.

Es ist also eine Erläuterung vom Ende her, ähnlich wie bei dem Artisten Giorgio Santini, der sich als Wiedergänger des San Giorgio erst offenbart, als dieser am Ende des Buches auf Pisanellos Bild den nämlichen außergewöhnlich schön gearbeiteten, weitkrempigen Strohhut auf dem Kopf trägt, den Santini viele Seiten zuvor im deutschen Konsulat zu Mailand in den Händen dreht. Erläuterung heißt freilich nicht, daß das Geheimnis sich klärte, es wird nur gerade erst sichtbar. Der Zauber der Prosa Sebalds beruht nicht zuletzt auf diesen Motiven, die wie unverbunden mitschweben und erst verspätet ihren Platz finden, ohne daß sich aber, ganz im Sinne der Quantentheorie, präzis sagen ließe, was dieser Platz ist.