Montag, 29. Juli 2013

Nachtquartiere

Through the night

Statistisch verbringt die überwiegende Mehrzahl der Menschen die bei weitem überwiegende Mehrzahl ihrer Nächte in der eigenen Wohnung, für Selysses aber, so könnte man meinen, ist das Seltene die einzige Regel. Zu Beginn der Ausgewanderten begegnen er und seine Frau Clara uns auf der Suche nach einer Wohnung, die sie im Haus des Dr. Selwyn finden. Später heißt es, Clara habe ein Haus gemietet. In diesem Haus oder einer anderen eigenen Wohnung werden wir Selysses nie antreffen, übernachten sehen wir ihn immer allein und ausschließlich in Hotels und Pensionen. Der Bericht über die Hotelaufenthalte hat jeweils die folgenden möglichen Teile: Erster Anblick der Herberge; Betreten der Herberge; Anmeldung an der Rezeption; Entgegennahme des Schlüssels; Umsehen im Zimmer; Einnehmen des Nachtmahls im Hotel; die Nacht, Schlaf und Schlaflosigkeit, Traum; Frühstück; Verlassen des Hotels. Kein Hotelaufenthalt weist sämtliche Teile auf, und keine zwei werden das gleiche Muster bei der Inanspruchnahme der Teile aufweisen. Fast jeder Hotelaufenthalt hat, ganz abgesehen von seiner jeweiligen Individualität, was etwa den Ort anbelangt, eine erzählerische Besonderheit, die sich an anderer Stelle nicht wiederholt. Gehen wir die Übernachtungen durch, in der Reihenfolge der Bücher, beginnend als mit den Schwindel.Gefühlen.

Selysses ist bereits in Wien, als die Erzählung All’estero einsetzt, eine Hotelunterkunft hat er sich ohne unser Dabeisein besorgt. Er verbringt ungefähr zehn Tage in der Stadt, irgendwann wundert er sich angesichts der zunehmenden Auflösung seiner Person, daß er weiterhin in einem Hotel wohnt und nicht als Sandler auf der Straße. Während er, die Plastiktasche mit gekreuzten Armen gegen die Brust gedrückt, im Foyer auf den Lift wartet, spürt er den langen fragenden Blick des Nachportiers in seinem Nacken. Die zerfetzten und herrenlosen Schuhe, Schnee und Schuhe zuhauf – mit diesen Worten im Sinn legt er sich nieder. Am nächsten Morgen erwacht er nach einem tiefen, traumlosen Schlaf, den nicht einmal die vom Ring heraufdringenden Brandungsgeräusche der Verkehrsströme hatten stören können.

Das zweite Schlafquartier ist kein Hotel, sondern der Nachtzug von Wien nach Venedig. Beruhigt von dem geschwinden Fahren ist Selysses bald in den Schlaf gesunken, und im Schlaf hat er ein unvergeßliches Landschaftsbild gesehen. Über den Dächern erhoben sich dunkel bewaldete Kogel, die schwarzgezackte Höhenlinie wie ausgeschnitten aus dem Gegenschein des Abendlichts. Aufgewacht ist er erst mit dem Gefühl, daß der Zug nun aus dem Gebirge heraus- und in die Ebene hineinstürzte. Dunkle schmale zerrissene Täler öffneten sich, nach und nach brachte das Morgengrauen verschobenes Erdreich, Felsbrocken, Schutt- und Schotterhalden schemenhaft an den Tag.
Als Selysses in Venedig nach dem Bootsausflug mit Malachio in das Hotel zurückkehrt, liegt alles schon in den Betten, sogar der Nachtportier ruht wie aufgebahrt auf einem engen, seltsam hochbeinigen Lager. Im Fernsehen zittert das Testbild, einzig die Maschinen haben begriffen, daß man nicht mehr schlafen darf. Selysses selbst wird schon bald von der Müdigkeit übermannt. Während er in Wien, Frankfurt oder Brüssel immer vom einsetzenden Verkehrslärm aufgewacht ist, wird er in Venedig gleichsam von der Stille geweckt, nur einzelne Rufe, das Flügelklatschen der Tauben. Mit gelegentlichen Aufzeichnungen und mehr noch mit Nachdenken beschäftigt, verläßt er das Zimmer nicht mehr, vom Hauskellner läßt er sich Rotwein und Butterbrote bringen. In einem Tagtraum erscheint ihm die Krankenhausinsel La Grazia wie ein großes Schiff, aus dem Tausende von Irren herausschauen, der heilige Franz liegt in einem schwankenden Schilfbeet mit dem Gesicht nach unten im Wasser, und über die Sümpfe schreitet die heilige Katharina. Eine zweite Nacht vergeht und eine dritte, die Glieder werden aufgrund der Bewegungslosigkeit immer kälter und starrer. Ein heißes Bad und die Reste des Rotweins und der Brote setzen ihn soweit instand, daß er seine Sachen packen und sich auf den Weg machen kann. Ausgehend vom Bild eines regulären Hotelaufenthalts, ist auch der hart erkämpfte Cappuccino in der Ferrovia noch als Teil der Übernachtung anzusehen.

In Limone bezieht Selysses weniger ein Hotel, als daß er heimkehrt zu Luciana, seinem angetrauten Weibe, die ihn nährt und labt und seine Gedankenwelt mit ihm teilt. Die Nacht muß er freilich allein verbringen, denn die Trauung vor dem Postenkommandanten Dalmazio Orgiu findet erst am darauffolgenden Tag statt. Auch aus anderen Gründen verläuft die Nacht nicht erfreulich. Ich legte mich auf mein Bett und verschränkte die Arme unter dem Kopf. An ein Einschlafen war nicht zu denken. Von der Terrasse herauf drang der Lärm der Musik und das Stimmengewirr der großteils schon angetrunkenen Gäste. Anders als der Held der Odyssee hat Selysses nicht die Kraft, die lästigen Freier zu vertreiben.

Im Hotel Boston zu Mailand kommt die Signora, ein völlig ausgetrocknetes Wesen von sechzig bis siebzig Jahren aus dem Fernsehzimmer hervor und hält skeptisch ihren Vogelblick auf Selysses gerichtet, der keinen Paß vorweisen kann. Schließlich ruft sie ihren Mann, der auf den Namen Orlando hört und nun gleichfalls aus dem Fernsehnzimmer herauswankt, wo er, wie die Signora, in tiefen Dämmer versunken gewesen war. Selysses erzählt seine Geschichte nochmals von vorn und sogar ihm selbst erscheint sie jetzt unglaubwürdig. Halb mitleidig, halb verächtlich wird ihm schließlich ein alter eiserner Schlüssel mit der Nummer 513 (in Worten: ... dreizehn) ausgehändigt. Ein langer Korridor, viel zu lang für das schmale Haus, führt leicht abschüssig, wie mir vorkam, an den Zimmertüren vorbei, die in Abständen von kaum mehr als zwei Metern aufeinander folgen. Es ist wie ein Gang in die Arrestzelle. Die armen Reisenden, geht ihm durch den Kopf, immer anderwärts, der Schlüssel dreht sich im Schloß. Stunden, endlose Stunden verfließen, ohne daß er zur Ruhe kommen konnte. Schon gegen Morgen erhebt er sich und stellt sich in das schräg ins Zimmer hineinragende Brausebecken. Lang ließ ich das Wasser herablaufen an mir. Endlich glaubte ich den ersten Schein wahrnehmen zu können, hörte den Schrei einer Amsel. Erst jetzt ist an Schlaf zu denken. Er macht die Augen zu, unter meinen geschlossenen Lidern beginnt es zu leuchten, ecco arcobaleno! Über einem weiten grünen Kukuruzfeld schwebt mit ausgebreiteten Armen eine Klosterfrau, die mir aus meiner Kindheit vertraute Schwester Mauritia.

In Verona erlebt Selysses ein Hotelwunder, das kaum genug gewürdigt werden kann. In der Goldenen Taube war wider alles Erwarten ein ihm in jeder Hinsicht aufs beste zusagendes Zimmer zu haben und er sieht sich, daran gewöhnt zumeist schlecht bedient zu werden, von einem an Ferdinand Bruckner erinnernden Portier und der anscheinend eigens in der Halle sich einfindenden Geschäftsführerin des Hotels mit der ausgesuchtesten Zuvorkommenheit behandelt. Seinen Ausweis braucht er nicht vorzulegen, der Portier hebt seine Tasche auf und geht ihm voraus in das Zimmer voraus, wo er sich mit einer Verbeugung von ihm verabschiedet. Die Nachtruhe, die er unter dem Dach der Goldenen Taube genießt, grenzt, wie das anschließende, ihm als würdevoll in Erinnerung gebliebene Frühstück, ans Wunderbare. Könnten Nachtquartiere heilig gesprochen werden, alle Bedingungen wären erfüllt. - Das Hotel oberhalb von Bruneck, am Ende der Vegetation gelegen, mit Blick auf den Großvenediger, bleibt, obwohl Selysses dort den gesamten Oktobermonat verbringt, für uns ein bloßer Schatten, ohne Konturen.

Die Empfangsszene im Engelwirt in der Ortschaft W. zählt zu den ausführlichsten im Werk. Schließlich ist es der Empfang in der Heimat, das Prädikat der Herzlichkeit verdient er sich allerdings nicht. Hinter der Rezeption war, nachdem sich auf mein Läuten lang nichts gerührt hatte, eine sehr wortkarge Dame aufgetaucht. Ich hatte nirgends eine Tür gehen hören, nirgends sie hereinkommen sehen, und doch war sie auf einmal dagewesen. Mit unverhohlener Mißbilligung musterte sie mich, sei es wegen meiner von der langen Wanderschaft in Mitleidenschaft gezogenen äußeren Erscheinung, sei es wegen meiner ihr unerklärlichen Geistesabwesenheit. Sie hielt, als sei es ihr kalt, mit der Linken die Strickjacke zusammen und erledigte umständlich und ungeschickt alles nur mit der anderen Hand, wodurch sie, wir mir schien, sich Bedenkzeit gewinnen wollte diesem eigenartigen Novembergast gegenüber. Während der ersten Tage habe ich den Engelwirt nicht verlassen. Die Nacht über von Träumen geplagt und erst am Morgen zur Ruhe kommend, habe ich den ganzen Vormittag verschlafen. Den Nachmittag über bin ich, mit meinen Aufzeichnungen und dem damit verbundenen Nachsinnen beschäftigt, in der leeren Gaststube gesessen und am Abend habe ich über meine vorgebliche Zeitungslektüre hinweg den Gesprächen der Bauern zugehört. Wochen später, beunruhigt von den ersten Vorbereitungen für den Saisonbeginn, entschloß ich mich abzureisen.
In den Vier langen Erzählungen treten die Reisen und Erlebnisse des Selysses zurück hinter die des jeweiligen Protagonisten, zu Beginn der Erzählung Max Aurach ist er aber noch in eigener Mission unterwegs, und es gilt, mit Hilfe des Taxifahrers in Manchester eine nicht allzu teure Unterkunft für eine unbestimmte Dauer zu finden. Der Wagen hält schließlich vor einem kaum zwei Fenster breiten Haus, an dessen rußgeschwärzter Fassade in geschwungener Leuchtschrift der Name Arosa angebracht war. Das von Gracie Irlam geleitete Hotel Arosa wird für längere und schwierige Zeit Selysses’ Quartier sein mit einem elektrischen Teeapparat und einer darin eingelassenen Weckuhr als engstem Gefährten. Das absonderliche Gerät wird ihn durch sein nächtliches Leuchten, sein leises Sprudeln am Morgen und durch sein bloßes Dastehen untertags am Leben festhalten lassen. Auch Nabokow im Exil hatte zunächst Lolita veröffentlichen müssen, bevor er das Montreux Palace beziehen konnte. Die Pension Elisabeth Schmidt in der Berliner Trautenaustraße stellt man sich so schlicht vor wie Gracie Irlams Arosa, und auch in Montreux noch quälte der Dichter, der uns in den Ausgewanderten nahezu so oft begegnet wie Selysses, sich durch lange schlaflose Nächte.

Eine frühe imaginäre Amerikanisierung der eigenen Person habe bald einer gegen alles Amerikanische gerichteten Abneigung Platz gemacht, bekennt Selysses, und nichts sei ihm absurder erschienen als der Gedanke, einmal ungezwungenermaßen eine Reise nach Amerika zu unternehmen. Der Aufenthalt im Lande führt offenbar zu einer neuerlichen Revision seiner Einstellung. Mit Freude erfüllt das Dahinrollen auf den Highways, und auch das Guesthouse in Ithaca hinterläßt einen günstigen Eindruck. Beruhigend ist schon, daß der greise Portier ganz und gar dem Cicerone in der Arena von Verona ähnelt, so stark vorübergebeugt, wie er geht, war er mit Sicherheit nicht imstande, von seinem Gegenüber mehr als die Beine und den Unterleib wahrzunehmen. Eine wunderbare Mahagonistiege vermittelte das Gefühl, als schwebe man gleichsam hinauf. Öffnete man eines der hohen Fenster des geräumigen Zimmers, so schaute man mitten hinein in den wogenden Schatten einer aus Tiefe heraufragenden Zypresse. Das beständige Rauschen rührte aber nicht von dem Wind in den in den Bäumen, sondern von den in geringer Entfernung niedergehenden Ithaca Falls. Todmüde legt Selysses sich nieder und verfällt gleich in einen tiefen Schlaf.

Nach Deauville reist Selysses in der vagen Hoffnung und entgegen jeder vernünftigen Annahme, Spuren der Welt zu finden, in der Cosmo Solomon und Ambros Adelwarth sich bewegt hatten. Das Grand Hôtel des Roches Noires, in dem sich um die Jahrhundertwende amerikanische Multimillionäre, englische Hocharistokraten, französische Börsenkönige und deutsche Großindustrielle gegenseitig die Ehre gaben, ist nicht mehr betretbar. Das 1912, also im vorletzten Jahr des neunzehnten Jahrhunderts, fertiggestellte Hôtel Normandy ist auch jetzt noch ein Haus der gehobenen Klasse, ohne daß aber vom Flair vergangener Tage irgendetwas geblieben wäre. Selysses ist offenbar der einzige Gast neben einer Unzahl von Japanern, die hier auf der dritten Station einer Globusglücksreise nach Las Vegas und Atlantic City eingetroffen sind. Es bleibt kein anderer Ausweg, als nachts im Hotelzimmer den verblichenen Glanz herbeizuträumen, die Comtesse de Montgomery, die Comtesse de Fitz James, die Baronin d’Erlanger, die Marquise de Massa, die Rotschild &c. Die Zauberküste auf fünf Seiten. Schließlich trifft er am Roulettetisch auch den Cosmo und den Ambros. Aus dem Deauviller Traum erwacht, tritt Selysses ans Fenster seines Hotelzimmers. Der Morgen bricht soeben an. Farblos noch geht der Strand in das Meer und das Meer in den Himmel über. - Das Motiv der Luxushotels der Jahrhundertwende taucht noch verschiedentlich auf, allerdings ohne daß es mit einer Einnachtung des Selysses verbunden wäre. In Austerlitz ist es das Londoner Great Eastern Hotel in der Liverpool Street, in dessen Salon Bar Selysses wie üblich durch einen Zufall sondergleichen mit dem Titelhelden des Buches zusammentrifft, und in Manchester ist es das Midland Hotel, in dessen Überresten Aurach, zu Geld gekommen, sich einlogiert. Ambros Adelwarth beginnt seine Karriere als apprenti garçon im weltberühmten Grand Hotel Eden in Montreux und die gleichen Hotels, in denen Cosmo Solomon soviel Geld wie möglich verbrennt, umwerben Fritz, den Schulfreund aus dem Allgäu, als Meisterkoch.

Kissingen vermittelt Selysses kaum freundliche Eindrücke, Schon bei der Anreise ist er dem deprimierenden Anblick des Brotzeiters ausgesetzt und dem der alten Frau, die für die Vertilgung eines einzelnen Apfels eine volle Stunde benötigt. Das Foyer des Hotels ist so leer wie der Bahnhofsvorplatz und die Empfangsdame mustert ihn mit einem Blick, als befürchte sie von ihm einen Hausfriedensbruch. Im Lift sieht er sich einem gespenstischen alten Ehepaar gegenüber, das ihn mit einem Ausdruck unverhohlener Feinseligkeit, wo nicht gar des Entsetzens anstarrt. Die Nachtruhe mag gleichwohl zufriedenstellend verlaufen sein, man hört nichts Gegenteiliges.
Der Wanderer der Ringe des Saturn ist auf Hotels kaum weniger angewiesen als der Reisende der Schwindel.Gefühle, und doch mindert offenbar die Nähe zu Selysses’ festem Wohnsitz ihre erzählerische Bedeutung. In Lowestoft nimmt Selysses Quartier im Victoria, einst ein Promenadenhotel of a superior description. Jetzt wandert Selysses längere Zeit durch völlig verlassene Räume, ehe er auf eine verschreckte junge Frau stößt, die ihm, nach einigen zwecklosen Herumsuchen im Register der Rezeption, einen mächtigen, an einer hölzernen Birne hängenden Zimmerschlüssel reicht. Das Zimmer lernen wir nicht kennen, die Aufmerksamkeit richtet sich allein auf das Abendbrot, das Selysses in dem großen Speisesaal einnimmt, ein Ort, an dem wir ihn sonst nie antreffen. Möglich ist ihm das wohl nur, weil er der einzige Gast ist, Selysses speist nicht in Gesellschaft.

Im Crown Hotel Southwold hat Selysses sich offenbar für mehrere Tage einquartiert, als Ort der Nachtruhe tritt das Etablissement aber kaum in Erscheinung. Am Nachmittag sitzt er bis zur Teestunde in dem Barrestaurant des Hotels. Am Abend des zweiten Tages schläft er im Samtfauteuil vor dem Fernseher ein und verpaßt die Sendung über Roger Casement. Schließlich kommt er in der Bar des Crown Hotels mit einem Holländer namens Cornelis de Jong ins Gespräch, unüblich und auffällig, da Selysses gemeinhin in Hotels nicht auf Mitbewohner stößt oder aber sie nicht wahrnimmt und jedenfalls keine Worte mit ihnen wechselt.

Die beiden Hotelaufenthalte in Holland finden nicht in der aktuellen Erzählzeit der Ringe des Saturn statt, sondern als Erinnerung an zurückliegende Ereignisse. Das Hotel in Den Haag wird ausdrücklich der zweifelhaften Kategorie zugeordnet. Ob sein Name nun Lord Asquith, Aristo oder Fabiola gewesen ist, das Etablissement erfüllte selbst den bescheidensten Reisenden mit einem Gefühl der tiefsten Niedergeschlagenheit. In der Rezeptionsnische saßen zwei nicht mehr ganz junge, offenbar seit langem miteinander vermählte Herren und zwischen ihnen, an Kindes satt sozusagen, ein aprikosenfarbener Pudel. Nachdem er Zeuge eines auch für ihn selbst nicht ungefährlichen Attentats geworden war, liegt Selysses verstört von den Nachwirkungen des Erlebnisses auf dem Bett. Wegen der Schwüle konnte man die Fenster nicht geschlossen halten, und wenn man sie öffnete, hörte man einen unerträglichen Verkehrslärm von der Kreuzung herauf.

Ganz anders im nur wenig entfernten Amsterdam. Gegen Abend saß ich in dem stillen, mit alten Möbeln, Bildern und Spiegeln ausgestatteten Salon eines mir von früher her bekannten Hotels am Vondelpark und machte verschiedene Aufzeichnungen über die Stationen meiner nun bald abgeschlossenen Reise. Dann war es Nacht geworden und ich saß im Dunklen auf meinem Zimmer im Dachgeschoß und horchte auf die Sturmböen, die jetzt die Kronen der Bäume durchwogten. Von fern her rollte der Donner. Ein fahles Wetterleuchten ging um den Horizont. Einmal, als wieder ein Blitz über den Himmel fuhr, blickte ich hinab in den weit unter mir liegenden Garten des Hotels und sah dort, in dem breiten Graben, der den Garten vom Park trennt, im Schutz der niederhängenden Zweige einer Trauerweide ein Entenpaar, reglos auf der von grasgrüner Grütze ganz und gar überzogenen Fläche des Wassers. 
In Austerlitz treten die Reisen des Selysses zurück hinter denen des Titelhelden. Zwei Hotelaufenthalte sind zu betrachten. Ich hatte mir in einem kleinen Hotel auf der Kampainsel ein Zimmer genommen, saß dort bis zum Dunkelwerden am Fenster und schaute auf das graubraune, träge dahinfließende Wasser der Moldau hinaus. Die ganze Nacht bin ich teils schlaflos gelegen, teils geplagt worden von unguten Träumen. Der Volksstamm der Azteken sei ausgestorben, erfährt Austerlitz, höchstens daß hie und da ein alter Papagei überlebte, welcher noch etliche Worte der Sprache versteht. Ein prophetischer Traum wohl, mit einer schlechten Prognose für die eigenen Recherchen.

Das Palace Hotel in Marienbad ist im gesamten Prosawerk das einzige, in dem nicht ein einzelner Reisender an den Rezeptionstisch tritt, sondern, mit Marie de Verneuil und Austerlitz, ein Paar. Es brauchte eine geraume Zeit, bis der Empfangsportier, der in seiner engen Loge an einem Stehpult stand, von seiner Lektüre aufblickte, um sich den späten Gästen zuzuwenden mit einem kaum hörbar gemurmelten Dobry vecer. Dieser ungemein magere Mann, an dem einem als erstes auffiel, wie sich, trotzdem er nicht mehr als vierzig sein konnte, seine Stirne fächerförmig in Falten legte, erledigte mit der größten Langsamkeit, beinahe so als bewegte er sich in einer dichteren Atmosphäre, ohne ein weiteres Wort die notwendigen Formalitäten, verlangte unsere Visa zu sehen, blätterte in den Pässen und in seinem Register herum, machte mit einer kraxligen Schrift einen längeren Eintrag in ein kariertes Schulheft, ließ uns einen Fragebogen ausfüllen, kramte in seiner Schublade nach dem Schlüssel und brachte schließlich durch das Läuten einer Klingel einen krummen Dienstmann herbei, der einen mausgrauen, ihm bis zu den Knien reichenden Nylonkittel trug und, nicht anders als der Empfangschef des Hauses, geschlagen war von einer seine Glieder lähmenden krankhaften Müdigkeit. Das Zimmer, das für uns aufgesperrt wurde, hatte die Nummer 38, - ein großer, geradezu salonartiger Ort. Die Wände waren mit einer burgunderfarbene, an manchen Stellen arg verschossenen Brokattapete überzogen. Auch die Portieren und das Bett, das in einem Alkoven stand, stammten aus einer vergangenen Zeit. Tatsächlich sei er, so Austerlitz, nie zuvor in seinem Leben besser einschlafen als in dieser ersten mit Marie gemeinsam verbrachten Nacht. Aber vor dem Morgengrauen noch erwacht er mit einem abgründigen Gefühl der Verstörung und muß sich wie ein Seekranker aufrichten und an den Bettrand setzen. Am Morgen tauchten die großen Hotelpaläste aus dem Frühnebel auf wie Ozeandampfer auf einem dunklen Meer.

In zwei der vier langen Erzählungen begleiten wir Selysses bei der Wohnungssuche. In Manchester bringt er es aus eigener Kraft nur zum Aufenthalt in einer Pension, zusammen mit Clara mieten die Vermählten im Hause Selwyns eine Wohnung an, und es ist Clara, die schließlich ein Haus ersteht. Für den, was diesen Erfolg anbelangt, gleichsam nicht verantwortlichen und ungläubigen Selysses ist, zumal in den Schwindel.Gefühlen, dem ersten Prosawerk, jeder Hotelaufenthalt eine Wiederholung des Versuchs, in der Fremde, all’estero, eine Heimstatt, patria, zu finden. Wie Selysses seine Nachtquartiere auswählt, erfahren wir in der Regel nicht. In Manchester hatte er den Taxifahrer nach einem nicht allzu teurem Hotel gefragt und ihm die weitere Entscheidung überlassen. Wohin es ihn verschlägt, immer anderwärts, so auch in Wien, Venedig, Mailand, Herbergen der gleichen Güteklasse, so als gelte es, einer in Manchester noch nicht ausgeschöpften und wenig angenehmen Wahrheit weiter nachzugehen. Absteigen – das Arosa ist auch ein Patíbulo für die travelling gentlemen - und seltsame Hospize, das Hotel als Totenstatt in Venedig, es gilt: je fragwürdiger der Ort der Übernachtung, desto ertragreicher ist er existentiell und erzählerisch.

Daneben stehen die Orte gepflegte Gastlichkeit etwa in Verona, Ithaca oder Amsterdam. Als solche bedeuten sie Selysses nicht viel. Das Wohlbefinden in Verona geht an ihm vorüber, es ist real aber trotz der erwogenen Heiligsprechung in gewissem Sinne nicht wahr. Es kann ihn nicht betreffen, einer der Gründe, warum er sich in ironischer Distanzierung unter falschem Namen als Jakob Philipp Fallmerayer einträgt. In der Erinnerung bleibt nur Bruckner, der hier als Portier Dienst tut. Auch in Amsterdam und Ithaca ist nicht so sehr die gute Unterbringung bedeutsam und wertvoll, sondern verschiedene Einzelheiten, die im Licht des Blitzes erscheinenden Enten auf dem Grützteich, der Treppenaufgang, die Zeder, der Wasserfall. Gänzlich hors catégorie ist naturgemäß der Aufenthalt in Limone, das erlebte Glück besteht aus Illusionen, Träumereien und Andeutungen, es ist nicht real aber wahr.

Auf der Ebene der Luxushotels erleben wir den Glanz der Vergangenheit. In der Vorbereitung des Passagenwerks notiert Benjamin: Wie Proust seine Lebensgeschichte mit dem Erwachen beginnt, so muß jede Geschichtsdarstellung mit dem Erwachen beginnen, ja sie darf eigentlich von nichts anderem handeln. So handelt diese vom Erwachen aus dem neunzehnten Jahrhundert. Sebald ist, ebenso wie Proust, kein Historiograph oder Geschichtsphilosoph, aber als Dichter steuert er immer wieder zu auf das Jahr 1913, als dem letzten des neunzehnten Jahrhunderts, mit dem bösen Erwachen im Jahr darauf. Als Selysses, erwacht aus dem Deauviller Traum, der ihn zurückgetragen hatte in das Jahr 1913, ans Fenster des Hotelzimmers tritt, sieht er eine auf das geschmackloseste zusammengerichtete Person, vermutlich das Gespenst der Gräfin Dembowski, die ein weißes Angorakaninchen an der Leine spazieren führt. Ein giftgrün livrierter Clubman hält ihm immer dann, wenn es nicht weiter will, ein Stückchen Blumenkohl vor. - Da stellt sich die Frage: Ist Selysses wirklich erwacht in Deauville? Ob Wach- oder Traumbild, in jeden Fall ein ganz und gar surrealistisches Bild. Bei Benjamin heißt es weiter: Der Surrealismus ist das Sterben des letzten Jahrhunderts in der Komödie. In einer Art grauem Schattendasein erhalten war das neunzehnte Jahrhundert an verschiedenen Orten des sozialistischen Reiches, so im Palace Hotel Marienbad.

Hotels sind bei Sebald nicht gestaltet als places where people meet. Einzig im Crown Hotel kommt er einmal ins Gespräch mit jemandem, dem Niederländer Cornelis de Jong. Wie die Städte scheinen auch die Herbergen wie leergefegt. Im Engelwirt und im Victoria in Lowestoft wird Selysses ausdrücklich als der einzige Gast vorgestellt, ansonsten sind die Hotelgäste bestenfalls huschende Schatten am Horizont. Die Gespräche der Bauern im Engelwirt belauscht er in bester Detektivmanier heimlich, versteckt hinter einer Zeitung: er arbeite an einem Kriminalroman, hatte er Luciana wissen lassen. Kontakt hat Selysses nur mit dem Servicepersonal und das nur einmal und intensiv beim Betreten des Hotels. Stellt man sie sich versammelt vor an einem Ort, schaut man auf ein seltsames, von zahlreichen Gebrechen geplagtes Volk. Der Zimmerservice wird in Anspruch genommen, anscheinend aber stumm und ohne Blickkontakt. Daß Selysses seine Hotelrechnungen bezahlt, nehmen wir an, ohne es aus dem Text heraus bezeugen zu können.
Selysses verbringt nicht nur die Nächte in Hotel, meistens ungute, immer wieder aber auch unbeschadete, sondern häufig auch die Tage, die meisten naturgemäß im, wenn man so sagen will: Urhotel Arosa in Manchester, wo ihn in der Nacht das Leuchten und am Tag das bloße Dastehen der teas-maid am Leben erhält. In Wien und Venedig sind die Hoteltage nicht besser als die Nächte, besser wird es nur, wenn die Aufzeichnungen, das Schreiben an die Stelle der teas-maid tritt, im Hotel unterhalb des Großvenedigers, in der Gaststube des Engelwirts oder im Salon des Privathotels in Amsterdam. Hors catégorie ist in Limone nicht die Nacht, sondern der Tag.

Sonntag, 7. Juli 2013

Hotel Boston

Tiempos muertos


Vargas Llosa führt in seinem Aufsatz zu dem mittelalterlichen katalanischen Roman Tirant lo Blanch aus: Las corrientes anímicas de una novela siguen una línea fluctuante, desigual, debido a los irremediables tiempos muertos, aquellos episodios indispensables, pero que tienen un valor puramente relacional. Diese, nicht allein Tirant lo Blanch, sondern allgemein die Gattung des Romans betreffende Charakterisierung läßt sich offenbar nicht in Einklang bringen mit Sebalds, den Bildwerken Pisanellos abgelesener poetologischer Festlegung, wonach allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zuzusprechen ist: ein in einem tiempo muerto behandeltes Motiv ist in seiner Daseinsberechtigung geschmälert. Nicht umsonst und nicht zuletzt aus diesem Grund hat Sebald hervorgehoben, daß sein Metier die Prosa und nicht der Roman ist. Das poetologische Vorhaben derselben Daseinsberechtigung setzt die einzelne Motive frei, sie können nicht puramente relacional sein. In ihrer Freiheit aber können sie überraschende und dichte Beziehungen untereinander eingehen. Das beglückende Leseerlebnis ist vor allem auch in diesem Doppelverhältnis von einander gegenseitig nicht einschränkender Freiheit und Gebundenheit begründet. In hohem Maße frei und nicht eingebunden in das Buch scheint die Begegnung mit der Artistenfamilie Santini im Mailänder Konsulat zu sein, am Ende der Schwindel.Gefühle wird dann aber klar, daß der Strohhut, den Giorgio Santini in den Händen hält, schon vor Jahrhunderten San Giorgio, auf dessen Spur wir schon mehrfach gestoßen waren, als Kopfbedeckung gedient hatte.
Die Fahrt nach Mailand ist, wenn auch nirgends ausdrücklich eingestanden, der Not geschuldet, im deutschen Konsulat ist Ersatz für den verlorenen Paß zu besorgen, ein potentielles tiempo muerto also. Es hätte kaschiert und auf ein Minimum reduziert werden können: In Desenzano stieg ich in den Zug nach Mailand und war, nach der Beschaffung eines neuen Passes im deutschen Konsulat, in den Abendstunden schon wieder auf dem Weg nach Verona. Sebalds Prosa geht den anderen Weg, die tiempos muertos werden nicht ausgemerzt, sondern, ganz im Gegenteil, generalisiert. Befreit von strenger Fron zur Aufrechterhaltung der auf einen knappen Rest geschrumpften Romanhandlung gewinnen sie ein neues Leben eigener Art. Das Kapitel Mailand hat die folgende Szenenfolge: Anreise in entzückender Gesellschaft, Studium des Beredten Italieners; Überfall auf dem Bahnhofsvorplatz; Fahrt im Taxi; Übernachtung im Hotel Boston; die Santinis im Warteraum des Konsulats; Ausstellung des Passes; auf der Galerie des Doms. Blessuren wären nicht sichtbar, würde einer dieser Erzählabschnitte gestrichen, aber an Reichtum würde das Buch verlieren.

Wir hielten vor dem Hotel Boston, einem ungut und schmalbrüstig aussehendem Haus. Wie Selysses auf das Hotel Boston verfallen ist - von einer telephonischen Vorbestellung ist so wenig die Rede wie von einer Absprache mit dem Taxifahrer - und warum er sich, angesichts des deprimierenden Eindrucks, nicht zu einer anderen Unterkunft fahren läßt, erfahren wir nicht. Soweit wir Überblick über seine Hotelaufenthalte haben, war es ihm recht so, das Hotel Boston liegt auf seiner Linie, was könnte sich in einer Unterkunft mit vier oder mehr Sternen an Berichtenswertem zutragen.
Die Signora, ein völlig ausgetrocknetes Wesen von sechzig bis siebzig Jahren war aus dem Fernsehzimmer hervorgekommen, skeptisch hielt sie ihren Vogelblick auf mich gerichtet: damit ist der ornithologische Motivbereich des Buches angesprochen. Die Vögel stehen dem Dichter immer besonders nah, auch in den Schwindel.Gefühlen. In Wien hat er nicht mit den Menschen geredet, sondern bloß mit den Dohlen in den Anlagen vor dem Rathaus und mit einer weißköpfigen Amsel. Ein paar Hühner mitten in einem grünen Feld, die sich, obschon es doch noch gar nicht lange zu regnen aufgehört hatte, waren schon für ein die winzigen Tiere, wie mir schien, endloses Stück von dem Haus entfernt, zu dem sie gehörten. Aus einem mir nach wie vor nicht ganz erfindlichen Grund ist mir der Anblick dieser weit ins Feld sich hinauswagenden Hühnerschar damals sehr ans Herz gegangen. Diese Zuneigung zum Geflügel überträgt sich nicht auf die Vogelmenschen, nicht auf die Tiroler Weiber, die wie große Rabenvögel den Bus nach Oberjoch bevölkern und sich untereinander in ihrer hinten im Hals artikulierten Vogelsprache unterhalten und nicht auf die Signora im Hotel Boston.

Die Signora rief ihren Mann, der auf den Namen Orlando hörte und nun und nun gleichfalls aus dem Fernsehnzimmer herauswankte, wo er, wie die Signora, in tiefen Dämmer versunken gewesen war. Die hard-boiled Private-Eyes in den amerikanischen Detektivromane, ob in Boston oder in einer anderen Stadt, treffen immer wieder auf Hotelmanager, die auf ähnliche Weise unwillig aus kleinen Nebenzimmern hervorkommen. Selysses hatte Luciana Michelotti in Limone gestanden, daß er an einem Kriminalroman arbeitet, gehört selbst aber offenbar nicht zu den Detektiven dieses Schlags, eher schon zu denjenigen, die sich in Winkelhotels dieser Art verbergen müssen. In Mailand hat er bislang kein Verbrechen aufgeklärt, sondern ist Opfer eines allerdings glimpflich verlaufenen Überfalls geworden.
Ich begann meine Geschichte nochmals von vorn und sogar mir selbst erschien sie jetzt unglaubwürdig. Halb mitleidig, halb verächtlich wurde mir schließlich ein alter eiserner Schlüssel mit der Nummer 513 (in vielen Hotel wird die Dreizehn ausgelassen, hier nicht) ausgehändigt. In philosophisch orientierten Gesprächen wie denen mit dem Venezianer Malachio und dem Veronesen Altamura beschränkt Selysses sich weitgehend auf den Part des Zuhörers, gelingende Gespräche unter der Wortführerschaft des Reisenden gibt es eigentlich nur mit den Dohlen und der weißköpfigen Amsel und mit Luciana Michelotti. Wenn Selysses in Alltagssituationen das Wort ergreift, ist er in Gefahr, sich um Kopf und Kragen zu reden, so im Bus zum Gardasee, als er nur durch Flucht der drohenden Festnahme als ein zu seinem Vergnügen in Italien reisender englischer Päderast entgeht. Warum er im Hotel Boston nicht wortlos das vom Postenkommandanten Dalmazio Orgiu ausgestellte Dokument unterbreitet, wissen wir nicht, vielleicht sind es Gründe der Pietät, da das Papier zuvor schon als Trauschein gedient hatte. Im Gespräch mit der Vogelsignora und Orlando verdichtet sich der zunächst leichte auf ihm liegende Verdachtsschatten immer mehr, so daß das Aufsuchen des Hotelzimmers schließlich alle Merkmale des Gangs zur Arrestzelle hat. Ein langer Korridor, viel zu lang für das schmale Haus, führte, leicht abschüssig, wie mir vorkam, an den Zellentüren vorbei, die in Abständen von kaum mehr als zwei Metern aufeinander folgten. Die armen Gefangenen, ging mir durch den Kopf, und ich nahm mich dabei selber nicht aus. Immer anderwärts, Der Schlüssel drehte sich im Schloß. Alles, ohne daß er etwas Böses getan hätte, schließlich war er ja Opfer des Überfalls am Bahnhof. Aber schon der Taxifahrer hatte kaum Mitgefühl gezeigt, doppelt gesichert, wie er selbst war, durch ein Gitter am Seitenfenster einerseits und ein Medaillon Unserer Lieben Frau zwischen den Armaturen andererseits.
Stunden, endlose Stunden verflossen, ohne daß ich zur Ruhe kommen konnte. Schon gegen Morgen erhob ich mich und stellte mich in das schräg ins Zimmer hineinragende Brausebecken. Lang ließ ich das Wasser herablaufen an mir. Endlich glaubte ich den ersten Schein wahrnehmen zu können, hörte den Schrei einer Amsel. Oh, the morning glory! Ob es eine weißköpfige Amsel ist, läßt sich nicht feststellen, denn das Erwachen verläuft angesichts der bis dahin schlaflosen Nacht in der falschen Richtung. Ich machte die Augen zu, unter meinen geschlossenen Lidern begann es zu leuchten, ecco arcobaleno! Wie Hiob verlassen, wie Noah überschwemmt, nun sendet der Herr sein Zeichen der Versöhnung. Über einem weiten grünen Kukuruzfeld schwebte mit ausgebreiteten Armen eine Klosterfrau, die mir aus meiner Kindheit vertraute Schwester Mauritia, eine weniger prominente Heilige als der heilige Franz und die heilige Katharina, die die Hotelnacht in Venedig bereichert hatten. In wenigen Stunden schon aber wird Selysses leibhaftig und im Wachzustand dem heiligen Georg begegnen.
Nach einer ersten Lektüre der Schwindel.Gefühle rekapituliert der Leser: Drei Italienreisende, bei zweien, Stendhal und Kafka, ist der Reiseverlauf aus deren Schriften rekonstruiert. Seine eigenen Reisen erzählt der Autor in realistischer Manier so, wie sie sich zugetragen haben; im letzten Teil des Buches besucht er, die Rückfahrt unterbrechend, dann noch seinen bayerischen Geburtsort. Was wäre mehr noch zu sagen? There is, so der starke Eindruck, more than meets the eye. Allen drei Reisenden begegnet auf die eine oder andere Weise dem von Kafka erfundenen Jäger Gracchus, so unwahrscheinlich das auch sein mag. Selysses stellt sich immer wieder der heilige Georg in den Weg. Er unterhält sich einerseits wie der heilige Franz mit den Vögeln, andererseits treibt der nämliche Heilige mit dem Gesicht nach unten im Sumpfwasser, Selysses unterhält sich auch mit den Propheten und gar dem Heiland selbst, der ihm einen Engel zurückläßt. Selbst Erzählstrecken wie die der Übernachtung in Mailand, die allein realistischen Verpflichtungen zu folgen scheinen, gewinnen, je länger je mehr, ein beunruhigendes Eigenleben. Auch in einem traditionellen Roman können verborgene Motiverzählungen die Handlung überwuchern. Befreit von Handlungsverpflichtungen erreichen sie ein beunruhigendes, Schwindelgefühle erzeugendes Maß. Fridolin Schley hat im Rahmen seiner umfänglichen Studie eigens zur Kennzeichnung dieses Phänomens den Begriff des Waberns in die germanistische Forschung eingeführt. Der Begriff ist weder schön noch prägnant, er kann uns nicht zufriedenstellen.

Dienstag, 2. Juli 2013

Historiographie

Zerstörte Rahmen, zerrissene Bilder

Alles, was in der Welt geschieht, geschieht gleichzeitig, jetzt und jetzt und wieder jetzt. Was aber geschehen und in die Vergangenheit abgeglitten ist, erfahren wir, sofern es außerhalb des engen Bereiches unserer Wahrnehmung liegt, erst in der Zukunft und nur zu einem sehr geringen Teil. Richten wir die Teleskope ins All, so führen sie uns zurück in die Zeit bis zu deren Anfang. Halten wir ein an einer bestimmten Stelle, etwa schon am 13. April 1995, und schauen zur Seite und dann wieder zurück und nach vorn, so ergibt sich ein so buntes wie sinnloses Kaleidoskop vergangener Gegenwarten. Es ist Gründonnerstag, der Tag der Fußwaschung und das Namensfest der Heiligen Agathon, Papylus und Hermengild. Auf den Tag genau vor dreihundertsiebenundneunzig Jahren wurde von Heinrich IV das Edikt von Nantes erlassen; wurde in Dublin, vor zweihundertdreiundfünfzig Jahren, das Messias Oratorium Händels aufgeführt; Warren Hastings vor zweihundertdreiundzwanzig Jahren zum Gouverneur von Bengalen ernannt; in Preußen, vor einhundertunddreizehn Jahren die antisemitische Liga gegründet; &c. bis in die nahe Vergangenheit; ja, und zuletzt, wie wir am Morgen früh noch nicht wußten, ist Gründonnerstag, der 13. April 1995 auch der Tag, an dem Claras Vater, kurz nach seiner Einlieferung in das Coburger Spital, aus dem Leben geholt wurde.

Immer wieder in den Ringen des Saturn steigt Selysses ein in die Brunnenschächte der Geschichte, unterschiedlich tief, ins siebzehnte, achtzehnte, neunzehnte, im zwanzigsten Jahrhundert, an den verschiedensten Stellen, in Europa, Asien, Afrika, Amerika, oft mit einem Führer, Thomas Browne und Rembrandt in Europa, Conrad und Casement in Afrika, Chateaubriand in Amerika, ein von Erkenntnis erhelltes Bild ergibt sich nicht, nichts, was im Fazit über die Einsichten und die Weisheit eines Kalenderblattes hinausführt. Die Kalendernotizen vom 13. April 1995 sind bunt und ohne Sinn aber nicht ungeordnet, sondern führen, wie die Jahresringe eines Baumes von der Vergangenheit bis in die Gegenwart. Anders als in der Botanik ergeben sich aber keine verständigen Wahrheiten.

In den Schwindel.Gefühlen versucht Selysses vergeblich in der Gegenwart, im Jetzt und Jetzt und Jetzt, Standfestigkeit zu gewinnen. Gleichzeitig läßt er sich von Stendhal, Kafka und den alten Meistern der Malerei in die Vergangenheit führen. Die Unglückszahl Dreizehn scheint am ehesten noch Halt und Licht zu versprechen. In der Bibliothek zu Verona versucht er mit wissenschaftlichen Mitteln dem Rätsel auf die Spur zu kommen, doch schon bald kommt er von jeder Systematik ab: Ich blätterte in den Folianten, in welchen die Veroneser Zeitungen des Jahres 1913 gebunden waren. Allerhand Stummfilmszenen begannen sich nun vor mir abzuspielen. In der Via Alberto Mario sah ich diverse Herren auf und ab gehen und in jeweils dem Augenblick, in dem sie sich unbeobachtet glaubten, mit blitzartigem Seitensprung im Eingang des Hauses verschwinden, in dem die Ordination des in Paris und Wien ausgebildeten Dr. Ringger, Facharzt für malattie della pelle, untergebracht war. Dann wieder sah ich den Dott. Pesavento, der in der Via Stella unweit der Biblioteca Civica praktizierte, eine seiner schmerzlosen Extraktionen vollführen. Wohl machte das blasse Antlitz der Patientin den Eindruck völliger Gelöstheit, dafür aber bog und wand sich ihr Leib in dem Behandlungssessel auf eine geradezu agonale Weise. Es gab auch Offenbarungen anderer Art, wie beispielsweise die wie ein Versprechen des ewigen Lebens in der Sonne glänzende und glitzernde Pyramide aus zehn Millionen Flaschen Tafelwasser Ferro-China, die bei einem plötzlichen Löwengebrüll in Milliarden von Scherben zersprang und als rieselnde Kristallkaskade in sich zusammensank. Laut- und schwerelos waren sie, die Bilder und Nachrichten von damals, leuchteten kurz auf und verlöschten gleich wieder, jedes und jede von ihnen ein eigenes ausgehöhltes Mysterium. In Ondurman ist der Missionar Ohrwalder seit mehreren Wochen verschwunden. In Danzig hatte man einen Colonello Stern unter Verdacht der Spionage festgenommen. Geschichten ohne Anfang und Ende.

Die aus den Zeitungen gewonnenen Eindrücke, die sich zu halluzinierten Wahrnehmungen verformen, sind ähnlich disparat wie die des Kalenderblattes, aber doch von anderer Art. Es ist kein Tiefenschnitt in die geschichtliche Vergangenheit, sondern eine Bewegung auf einer geschichtlichen Ebene, der des Jahres 1913. Es sind keine der offiziellen Erinnerung und Kenntnis anempfohlenen Ereignisse wie das Edikt von Nantes, sondern für das sofortige Vergessen bestimmte und im Grunde längst schon vergessenen Nichtigkeiten. In beiden Fällen aber handelt es sich um eine Art Fazit historiographischer Bemühungen des Selysses. Das desillusionierende Kalenderblatt steht unwidersprochen am Ende der Ringe des Saturn und ein Hinweis, daß die Forschungen in Verona noch Solideres, die Schwindelgefühle Linderndes zu Tage gefördert hätten, findet sich auch nicht.

Angesichts der historischen Tiefe seiner Schriften gilt Sebald manchen Kommentatoren als Illustrator seiner geschichtsphilosophischer Überzeugungen. In den Schwindel.Gefühlen und in den Ringen des Saturn haben wir es aber mit einem Reisenden und Wanderer zu tun, dem an verschiedenen Orten aus unterschiedlichem Anlaß verschiedene Dinge durch den Kopf gehen. Das Kalenderblatt und die Zeitungsausschnitte sind nicht das Fazit geschichtlicher Sinnsuche, sondern das Eingeständnis ihres Scheiterns für den Augenblick. Am Ende des Kalenderblattes steigt Selysses aus dem Geschichtsbrunnen hervor und wendet sich mit dem Tode des Schwiegervaters der individuellen Lebensgeschichte zu. Bei der verharrt er aber nur kurz und sucht Halt bei den Sinnlinien der eigenen Prosa, dem von ihm selbst gesponnenen Seidenfaden: Indem ich jetzt, wo ich dies niederschreibe, noch einmal unsere beinahe nur aus Kalamitäten bestehende Geschichte überdenke, kommt es mir in den Sinn, daß einst für die Damen der gehobenen Stände das Tragen schwerer Roben aus schwarzem Seidentaft oder schwarzer Crêpe de Chine als der einzige angemessene Ausdruck der tiefsten Trauer gegolten hat.

Der religiöse Sinngebungsrahmen ist zerstört, zwar laufen Selysses fortwährend die Heiligen über den Weg, aber sie sind in einem desaströsen Zustand, der heilige Franz treibt gar mit dem Gesicht nach unten in den Sümpfen von Venedig. Aber auch die geschichtlichen Sinngebungsmaschinen, wie etwa die von Marx in Gang gebrachte, dröhnen nur noch im Leerlauf. Am 27. August 1943, dem an dem der Vaters nach einem Heimaturlaub in W. nach Dresden abreist, fliegen 582 Maschinen einen Angriff auf Nürnberg, kein Anlaß für eine Steigerung des Vertrauens in den Geschichtsablauf. Am 18. Mai 1944, Himmelfahrtstag, kommt Selysses zur Welt, die Flurumgangsprozession zog unter den Klängen der Feuerwehrkapelle am Haus vorbei in die blühenden Maifelder hinaus, für die religiös gestimmte Mutter ein gutes Zeichen. Sie ahnt aber nicht, daß der kalte Planet Saturn die Konstellation der Stunde regierte und daß über den Bergen schon das Unwetter stand, das bald darauf die Bittgänger zersprengt und einen der vier Baldachinträger erschlägt. Der Einfluß der Sterne obsiegt über Geschichtslogik und Christenglauben. Gut verankert ist man nicht in der Welt mit Astrologie und Koinzidenzsensibilität. Selysses ist umfangen von einem ihm unbegreiflichen Gefühl der Unverbundenheit und hätte sich sehr leicht aus dem Leben entfernen können. Er führt ein taumelndes Leben unter Schwindelgefühlen in der Fremde des Daseins, all’Estero. Wie sollte da nicht die Sehnsucht aufkommen nach einer starren, geschichtslosen Zeit, so wie sie der Beredte Italiener, ein praktisches Hülfsbuch der italienischen Umgangssprache aus dem Jahre 1887 bieten kann, eine Welt ganz aus Wörtern zusammengesetzt, als wäre dadurch das Entsetzliche in Sicherheit gebracht, als gäbe es zu jedem Bösen ein Gutes, zu jedem Verdruß eine Freude, zu jedem Unglück ein Glück und zu jeder Lüge auch ein Stück Wahrheit. In der Kindheit, in Patria in der Ortschaft W., hatte ein alter Atlas bereits eine ähnlich geordnete und zugleich von Geheimnissen erfüllte Welt verheißen. In diesem Atlas gab es ein Blatt, auf dem die größten Ströme und die höchsten Erhebungen der Erde ihrer Länge beziehungsweise ihrer Höhe nach angeordnet waren, und es gab wunderbare kolorierte Karten, sogar von den entlegensten, kaum erst entdeckten Erdteilen, deren winzige Beschriftung, die mir, weil ich sie nicht anders als die frühen Kartographen die Welt, erst teilweise entziffern konnte, mir alles an Geheimnissen nur Ausdenkbare zu enthalten schien.

Alle Gefühle, alle Leidenschaften der Welt sind, so Musil, ein Nichts gegenüber der ungeheuren, aber völlig unbewußten Anstrengung, welche die Menschheit in jedem Augenblick macht, um ihre Gemütsruhe zu bewahren. Bei Selysses waren die unbewußten Anstrengungen nicht erfolgreich und auch nicht die Suche nach einem Fundament in der geschichtlichen Tiefe, jetzt nnimmt die Anstrengung, als letzte Hoffnung gleichsam, mehr oder weniger bewußt die Form des Schreibens an. Der 13. April 1995, an dem er das Kalenderblatt abliest, ist der Tag, an dem er die Niederschrift der Ringe des Saturn abschließt. Die nicht mehr von der gewohnheitsmäßigen Schreib- und Gartenarbeiten ausgefüllten Tage werden bald wieder ungemein lang werden, so daß er nicht mehr wissen wird, wohin sich wenden. Soweit wir wissen, hat er sich dann zunächst nach Korsika gewandt.

Montag, 24. Juni 2013

Die Mesnerin von Sant’Anastasia

Einem Schatten gleich


Überhaupt weiß ich nicht, was es ist an bestimmten Dingen und Wesen, das mich manchmal so rührt: Für einmal ist es, im Interesse der etwas weniger empfänglichen Leser, offen ausgesprochen: die Reiseberichte des Selysses sind durchsetzt von mystischen Erlebnissen und metaphysischen Augenblicken. Anlaß der Rührung sind an der fraglichen Stelle ein paar Hühner mitten in einem grünen Feld, die sich, obschon es doch noch gar nicht lange zu regnen aufgehört hatte, für ein die winzigen Tiere, wie mir schien, endloses Stück von dem Haus entfernt hatten, zu dem sie gehörten. Aus einem mir nach wie vor nicht ganz erfindlichen Grund ist mir der Anblick dieser weit ins Feld sich hinauswagenden Hühnerschar damals sehr ans Herz gegangen. Man kann die einzelnen Augenblicke als Punkte stehen lassen oder zu einem Bild zusammenfügen, etwa dem einer eigenwilligen Vogelwelt: Selysses sieht die kleinen Tiere auf dem Feld aus dem Reisebus in Gesellschaft der sich als große schwarze Rabenvögel darstellenden Tiroler Weiber, die sich untereinander in ihrer hinten im Hals artikulierten Vogelsprache unterhalten; in Wien hatte Selysses mit den Dohlen und mit einer weißköpfigen Amsel in den Anlagen vor dem Rathaus einiges geredet.

Dem metaphysischen Erleben der Weite und des sich öffnenden Raums stehen Erlebnisse der beschützenden Enge gegenüber. Die Krummenbacher Kapelle ist so klein, daß mehr als ein Dutzend auf einmal gewiß nicht ihren Gottesdienst verrichten oder ihre Andacht üben konnten. Kapellen wie die von Krummenbach gab es zahlreiche um W. herum, und vieles von dem, was ich damals von ihnen gesehen und gespürt habe, wird in mir geblieben sein, so in seiner Unerfüllbarkeit der Wunsch nach einer Wiederholung der in ihrem Inneren herrschenden vollkommenen Stille.

Der Ritorno in patria ist zugleich ein Ritorno al catolicismo, nicht im Sinne einer Erweckung, wohl aber als Erinnerung des großen, für viele Jahrhunderte verpflichtenden metaphysischen Angebots des Christentums. Selysses stößt bei seiner Reise durch Oberitalien auf den heiligen Franziskus, der mit dem Gesicht nach unten in den Sümpfen von Venedig treibt, und auf die heilige Katharina mit ihrem Rädchen, in Venedig trifft er den Propheten Malachio und in Verona den Heiland, Salvatore, selbst. Vor allem aber versenkt er sich immer aufs Neue in die großen christlichen Bildwerke. In der Chiesa Sant’Anastasia will er sich das Fresco ansehen, das der Maler Pisanello über dem Eingang zur Kapelle der Pellegrini um das Jahr 1435 verfertigt hat. Die Kapelle existiert als solche heute nicht mehr, in den Torbogen ist eine mit einer Tür versehene Bretterwand eingebaut, hinter der sich jetzt der Aufenthaltsraum, wenn nicht gar die Wohnung der Mesnerin befindet. Mesnerin, das schöne Wort, etymologisch unbegründet klingt die heilige Messe an, die dunklen Vokale der Mansionaria sind längst verschliffen, gebaut ist das Wort nurmehr aus hellen Vokalen, drei an der Zahl, die sich einer Gruppe von fünf Konsonanten einpassen. Die Reformbarbaren haben das kostbare Wort übersehen, so daß ihm das schlimme, dem behenden BEHENDE zugedachte Schicksal erspart geblieben ist. Kümmern muß uns das hier, an diesem sicheren Zufluchtsort des Rechten und Wahren, allerdings ohnehin nicht.

Ältere Frauen behandelt der Dichter für gewöhnlich nicht sonderlich zuvorkommend. Von den Tirolerinnen, die zu ihm in den Bus einsteigen, redet er so schlecht, daß der Leser fast schon in die Handlung eingreifen möchte. Auch die ältere Frau im Zug nach Kissingen, die in aller Sorgfalt einen Apfel zum Verzehr vorbereitet, erregt eher sein Mißfallen, zwischen der Signora mit dem Vogelblick in der Rezeption des Hotels Boston in Mailand und dem Dichter besteht ein Verhältnis herzlicher wechselseitiger Abneigung, und auch die Mesnerin in der Chiesa Sant’Anastasia erweckt keinerlei Begeisterung. Jedenfalls ist die Mesnerin, eine kummervolle und von langen Jahren des Schweigens und der Einsamkeit fast schon vergangene Frau, nachdem sie kurz nach vier Uhr das schwere eisenbeschlagene Hauptportal aufgesperrt hatte, und einem Schatten gleich durch das Kirchenschiff vor mir, dem einzigen Besucher, hergeschwankt war, wortlos in ihrem Verschlag verschwunden. Während der Zeit, in der ich das Fresco betrachtete, kam sie, mit einer Regelmäßigkeit, als hätte sie den ewigen Umgang, mehrmals hervor und entfernte sich ein Stück weit ins Dunkel hinein, um bald darauf, auf ihrer Umlaufbahn zurückkehrend, ihr Gehäuse wieder aufzusuchen.

In einer seiner schönsten Scholien bekennt Gómez Dávila: Mis convicciones son las mismas que las de la anciana que reza en el rincón de una iglesia: Überzeugungen, von denen Selysses naturgemäß meilenweit entfernt ist, aber in der Prosa geht es nicht um Überzeugungen, sondern um zu künstlerischer Form gewordene Wahrnehmungs- und Erlebnismuster, und da ist der Abstand schon deutlich geringer. Zeuge eines Gebets der Mesnerin werden wir nicht und bringen sie auch kaum in Verbindung mit frommen Verhaltensweisen, umso eindrucksvoller ist ihr Rincón, der die Stelle der ursprünglichen Kapelle eingenommen hat. Wie immer, wenn Selysses beim Betreten eines Hotels, eines Museums, einer U-Bahnstation oder, hier, einer Kirche sein Auge auf das Empfangs- und Einlaßpersonal richtet, wächst dieses unter seinem Blick über sich hinaus und gewinnt mythische Qualität. Die vage Annahme, hinter dem Verschlag könne sich die dauerhafte Wohnung der Mesnerin befinden, wird ohne Umschweife Gewißheit, seit Jahren schon hat sie den Kirchenraum schon nicht mehr verlassen und ist von der Einsamkeit zugrundegerichtet. Das düstere gezeichnete Gemälde des Innenraums der Kirche ist kaum weniger beindruckend als Pisanellos Gemälde, dem der Besuch eigentlich gilt, die Mesnerin ist der fragwürdige, im ewigen Umgang begriffene Geist dieses sakralen Raums. Wußte Selysses, daß die Mesnerin die Kirche kurz nach vier Uhr aufschließen würde, hat er einfach nur gewartet oder war er der Mesnerin bereits zuvor magisch verbunden?

Niemand sonst macht Anstalt, die Kirche zu betreten, weder zu religiösen Zwecken noch aus ästhetischem Antrieb. Das Bildwerk scheint im übrigen mitsamt der Kapelle verschwunden zu sein, nur schattenhaft zeichnet es sich über dem Torbogen ab. Allein mit der Hilfe eines technischen Tricks in der Gestalt eines münzbetriebenen Illuminationsapparates kann es für eine kurze Zeit ins Leben zurückgeholt werden; die sakrale Stimmung wird dadurch nicht gehoben. Das Bild führt nicht ins Herz des katholischen Christentums, ist doch die Legende vom Drachentöter einer eher heidnischen Peripherie zuzurechnen. Keines der in den Schwindel.Gefühlen bedachten Bildwerken stellt eine zentrale Szene des Christentums dar, nicht die Geburt des Gottessohnes, die Kreuzigung oder die Auferstehung, mit Ausnahme von Giottos Compianto sul Cristo morto. Hier aber bleibt die untere Bildhälfte, die sich mit der Beweinung im engeren Sinne beschäftigt, so gut wie unbeachtet, alle Aufmerksamkeit gilt der oberen Hälfte mit den kleinen Flugkörper, die eher gedrungenen Kummerdrohnen ähneln als Engeln, deren weiße Flügel aber mit den wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde das weitaus Wunderbarste von allem sind, was wir uns jemals haben ausdenken können. Wenn sich Selysses in reichem Maße des bildnerischen und metaphysischen Angebots des Christentums bedient und sein Erleben darin einzeichnet, so bleiben es doch Kostümteile, die er über- und wieder abstreift, um seine Wanderungen in einer dem Anlaß gemäßen Kleidung fortzusetzen.

Samstag, 15. Juni 2013

Urbanes Leben

Sicherheitsfragen


Die Stadtmauern haben ihre Bedeutung verloren, auch die aufwendigsten Befestigungsanlagen können schon seit langem die Sicherheit nicht mehr gewährleisten. Die rapide industrielle und kommerzielle Entwicklung und das dadurch bedinget Wachstum der Städte trieb die Forts so weit hinaus, daß bald schon die gesamte Armee des Landes für die ordnungsgemäße Besatzung der Anlage einer einzigen Stadt nicht mehr ausreichte. Der Luftkrieg besiegelte dann endgültig das Schicksal des Festungsbaus, riesige Formationen von Lancaster- und Halifaxbombern flogen nachts über die graue Nordsee hinweg, um im Morgengrauen, ihrer Bombenlast über den Städten entledigt, weit auseinandergezogen wieder heimzukehren. Ohnehin konnten die Mauern und Festungen immer nur vor äußeren Feinden schützen und nicht die Menschen in der Stadt voreinander.

Eingeschlossen in Metallgehäuse reist Selysses in die verschiedensten Städte, meist ist es die Eisenbahn, in selteneren Fällen auch das Flugzeug. Die Mitreisenden sind von unterschiedlicher Qualität, auf bezaubernde Weise verstörend wie die Winterkönigin im Zug rheinabwärts, von Grund auf abstoßend wie der Brotzeiter im Zug nach Kissingen, in keinem Fall erweisen sie sich aber als gefährlich. Oft nimmt Selysses kaum Notiz von ihnen oder sie von ihm, nicht im Flugzeug: Es befanden sich nur wenige Passagiere an Bord, die, in ihre Mäntel gehüllt, weit voneinander entfernt in dem halbdunklen und ziemlich kalten Gehäuse saßen; und nicht in der Bahn: Meine wenigen Mitreisenden saßen im Halbdunkel auf den abgewetzten lilafarbenen Sitzpolstern, alle in Fahrtrichtung, möglichst weit voneinander entfernt und so stumm, als hätten sie noch niemals in ihrem Leben ein Wort über die Lippen gebracht. An Bord, so könnte man schließen, fühlt Selysses sich sicher. Den etwa zweistündigen Flug von Kloten nach Manchester übersteht er nach eigenen Angaben ohne größere Besorgnis.
Gleich nach der Ankunft in einer Stadt aber wächst die Gefahr oft spürbar. Selysses hat in der so angenehmen Gesellschaft der Franziskanerin und des jungen Mädchen Mailand erreicht, als, noch in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs, zwei junge Männer auf ihn zukommen. Schon spürt er ihre Hände unter seiner Jacke, und erst als er die Schultertasche mit einem Schwung in sie hineinfahren läßt, gelingt es ihm freizukommen. In Venedig unterzieht sich Selysses in einem Barbiergeschäft noch auf dem Bahnhofsgelände einer scharfen Rasur, eine Handlung sträflicher Todesverachtung, wie es ihm beim Gedanken an den Bader Köpf nachträglich vorkommt. Wer dann vom Bahnhof aus hineingeht in das Innere von Venedig, weiß nie, was er als nächstes sieht oder von wem er im nächsten Augenblick gesehen wird. Geht man in einer sonst leeren Gasse hinter jemandem her, so bedarf es nur einer geringen Beschleunigung der Schritte, um demjenigen, den man verfolgt, die Angst in den Nacken zu setzen und umgekehrt wird man leicht selbst zum Verfolgten. Verwirrung und Schrecken wechseln einander ab. Wen kann es wundern, wenn Selysses schon bald wieder den rettenden Zug aus Venedig heraus besteigt. In Desenzano wird er noch auf dem Bahnhofsvorplatz Zeuge eines kleinen Aufruhrs gegen die Staatsgewalt, kein Grund zur Panik aber auch nicht geeignet, die Stimmung zu heben. In Verona vermeidet Selysses die Gefahr zunächst, indem er sogleich, einer alten Gewohnheit gemäß, in den Giardino Giusti geht. Dort ist er, während der frühen Nachmittagsstunden, auf einer steinernen Bank unter einer Zeder gelegen. Lang war ihm nicht mehr so wohl gewesen. Umso mehr braut es sich zusammen, als er schließlich die Stadt betritt. Beim Verzehr einer Pizza schließlich überkommt ihn das Gefühl einer unmittelbar bevorstehenden Katastrophe und er muß sich mit den Händen an der Tischkante einhalten wie ein Seekranker an der Reling. Sein Herz setzt einen Schlag aus. Er legt 10 000 Lire auf den Teller, rafft die Zeitung zusammen, stürzt auf die Straße hinaus, läuft zur Piazza hinüber, geht dort in eine hellerleuchtete Bar, läßt sich ein Taxi rufen, fährt ins Hotel zurück, packt in aller Eile seine Sachen und flüchtet sich in das Metallgehäuse des Nachtzugs nach Innsbruck. In Den Haag geht schon von den vor den Eingängen der diversen Unterhaltungs- und Eßlokale in kleinen Gruppen versammelten morgenländischer Männer, von denen die meisten stillschweigend rauchen, während der eine oder andere ein Geschäft abwickelt mit einem Klienten, ein zwiespältiger Eindruck aus, und als dann ein dunkelhäutiger Mensch auf Selysses zustürzt, das blanke Entsetzen im Antlitz, verfolgt von einem seiner Landsleute dessen Augen geradezu glänzten vor Mordlust und Wut, ein langes, blitzendes Messer in der Hand, das so knapp an ihm vorbeifuhr, daß er bereits zu spüren glaubte, wie es ihm zwischen die Rippen drang, bleibt ihm nichts als die Flucht.

Wenn Mauern schon lange nicht mehr helfen, so ist auch von den Ordnungskräften nicht viel zu erwarten. Dem auf dem Bahnhofsvorplatz in Desenzano in seiner Würde arg verkürzten Gesetzhüter blieb nichts, als sich in seinen Polizeiwagen hineinzusetzen und mit quietschenden Reifen die Via Cavour hinab davonzufahren, unter den Augen des ruchlosen Pöbels, der sich vor Lachen schier nicht zu fassen wußte, und die Stärke des Postenkommandanten Dalmazio Orgiu liegt unverkennbar mehr auf dem Gebiet nachträglich ausgestellter Zertifikate als auf dem erfolgreicher Gefahrenprävention. Der Dichter kann seine körperliche Unversehrtheit nur mit dichterischen Mitteln sicherstellen.
In Wien hat sich Selysses offenbar gegen von außen drohende Gefahren immunisiert, aber um einen hohen Preis. Die einzige Beschäftigung in Wien besteht für ihn aus ebenso endlosen wie leeren Gängen, die aber über ein eher enges Areal nicht hinausführen, einen genau umrissenen, sichel- bis halbmondförmigen Bereich, dessen Rand zugleich die Grenze seiner Vernunft, Vorstellungs- und Willenskraft ist. Die reale Gefahr droht von Innen und besteht in der Überschreitung dieser Grenze. Der Ausflug mit Ernst Herbeck führt durch den Ort Kritzendorf. Von den Kritzendorfern war nichts zu sehen, sie saßen alle am Mittagstisch und klappern mit ihren Bestecken und Tellern. Ein Hund wirft sich an ein grüngestrichenes eisernes Gartentor, völlig außer sich, als sei er um den Verstand gekommen. Die Kritzendorfer haben sich eingeschlossen, der Hund ist eingeschlossen, Gefahr droht nicht, und doch ist die Situation nicht befriedigend. Erst in Prag ist der richtige magische Kniff gefunden. Selysses, in der Gestalt des Jacques Austerlitz, trifft an einem viel zu hellen, gewissermaßen überbelichteten Tag ein, an dem die Menschen so krank und grau aussehen, als wären sie sämtlich chronische, nicht mehr weit von ihrem Ende entfernte, zu gefahrenträchtigen Handlungen nicht mehr fähige Raucher. Zu tun hat Austerlitz zunächst nur mit zwei Menschen, mit Tereza Ambrosová im Staatsarchiv in der Karmelitská und mit Vĕra Ryšanová ihrer Wohnung in der Šporkova. In den Gemäuern ist man ohnehin sicher, Gefahren lauern auf den Reisenden auf den offenen Plätzen der Stadt, und auf dem Weg von der Karmelitská in die Šporkova lassen sich die Lungenkranken schon nicht mehr blicken. In Theresienstadt fehlen die Menschen so gut wie vollständig. Eine vornübergebeugte Gestalt bewegt sich an einem Stock unendlich langsam voran und ist dann plötzlich verschwunden. Ein Geistesgestörter fuchtelt wild, ehe er, mitten im Davonspringen, vom Erdboden verschluckt wird, das ist es schon, beklemmend aber ohne Risiko. Auf dem Höhepunkt seiner magischen Kraft ist der Dichter in Manchester, über Jahrzehnte gelingt es ihm, die englische Großstadt menschenleer zu halten. Schon bei der Fahrt vom Flughafen aus im Taxi kann er erkennen, daß die Wunderstadt des letzten Jahrhunderts beinahe restlos ausgehöhlt. Im Inneren der Stadt ist, obschon bereits der Morgen graut, niemand zu sehen. Tatsächlich konnte man glauben, die Stadt sei längst von ihren Bewohnern verlassen und nun mehr ein einziges Totenhaus oder Mausoleum. Auf seinen ersten Ausflügen sieht Selysses so gut wie keine Menschen, nur verlorene Hinterlassenschaften der Vergangenheit, eine längst außer Betrieb gesetzte Gasanstalt, ein Kohlendepot, eine Knochenmühle. In der Nachmittagsdämmerung brachen die Stare in einer weit in einer weit in die Hunderttausende gehenden Zahl in dunklen Wolken über die Stadt herein. Und auch viele Jahre später führt in der Weg erneut durch menschenleere Wohnviertel, vorbei an Lagerhäusern über deren zerschlagenen Fensterlöchern sich die Ventilatoren noch drehten. Nichts allerdings wäre irriger als der Glaube, mit der Räumung der Städte und der damit verbundenen Beseitigung der Gefahrenherde wäre das Paradies auf Erden hergestellt. Für Selysses sind die Tage, Wochen und Monate bestimmt von einer bemerkenswerten Geräuschlosigkeit und Leere. Nur die teas-maid, dieses ebenso dienstfertige wie absonderliche Gerät, ließ ihn damals durch ihr nächtliches Leuchten, ihr leises Sprudeln am Morgen und durch ihr bloßes Dastehen untertags am Leben festhalten.

Vermutlich im Widerspruch zu empirisch-statistischen Erkenntnissen vermögen die Reisebehälter aus Metall dem Dichter mehr Sicherheit zu bieten als das Leben auf den offenen Plätzen der Städte. Verkehrsmittel jeglicher Art muß man irgendwann wieder verlassen, sagt der gesunde Menschenverstand, schon deswegen können sie keinen dauerhaften Schutz gewähren, immerhin aber treffen wir bei Cortázar auf ein Volk, das, vielleicht aus ähnlichen Überlegungen und Ängsten, sein Leben ganz in das U-Bahnnetz der Stadt Buenos Aires verlegt hat. Um sich in der U-Bahn einzurichten, müßte Selysses aber zunächst eintreten in die dunkle Vorhalle, in der außer einer sehr schwarzen, in einer Art Schalterhäuschen sitzenden Negerfrau nicht ein lebendiges Wesen zu sehen war. Vielleicht erübrigt sich die Feststellung, daß er in die Untergrundstation nicht hineingegangen ist. Zwar stand er eine beträchtliche Zeit sozusagen auf der Schwelle, wechselte auch einige Blicke mit der schwarzen Frau, den entscheidenden Schritte aber wagte er nicht zu tun. Zudem sind die günstigen Bedingungen in den Beförderungsmitteln keineswegs konstant. Heutzutage ist man in den Flugzeugen zumeist mit einer Vielzahl von Menschen auf das entsetzlichste zusammengezwängt und von der beständigen Betulichkeit des Personals aus der Fassung gebracht, und auch die zweite Bahnfahrt nach Venedig läßt jeden Komfort vermissen. Der Zug war dermaßen überfüllt, daß Selysses die ganze Fahrt über auf dem Gang stehen mußte oder in verschiedenen, äußerst unbequemen Stellungen zwischen den allseits sich türmenden Koffern und Rucksäcken kauern mußte. Bahn- und Luftverkehr haben längst die Merkmale überfüllter Städte angenommen. Ganz anders sind die Reiseverhältnisse in Amerika. Gleich außerhalb des Flughafengeländes wäre Selysses um ein Haar von der Straße abgekommen, als er über einem dort aufgeworfenen wahren Riesengebirge aus Müll einen Jumbo wie ein Untier aus ferner Zeit aufsteigen sah. Besser vertraut geworden mit den Landessitten, gleitet er aber wie von selber auf der breiten Fahrbahn dahin, fast schon wie auf Gleisen, die einzelnen Fahrzeuge wie Abteile in einem Zug, denn die Überholvorgänge verliefen so langsam, daß man, während man Zoll für Zoll sich nach vorn schob oder zurückfiel, sozusagen zu einem Reisebekannten seines Spurnachbarn wurde. In die Ewigkeit könnte man so weiterfahren, und es heißt, nicht wenige Bewohner des nordamerikanischen Kontinents hätten ihre Lebensweise diesem Ideal weitgehend angepaßt. Unvorstellbar allerdings, Selysses, dem nur wenig zuvor noch nichts absurder erschienen wäre als der Gedanke, er könne irgendwann einmal ungezwungenermaßen eine Reise nach Amerika zu unternehmen, sich nun kurzfristig für ein Leben auf den Highways entscheiden würde.

Mittwoch, 12. Juni 2013

Café arabica

Drama und Idylle


In den Ringen des Saturn wird der Weg der Seide vom fernen China bis nach Europa in den Einzelheiten nachgezeichnet. Die Seide ist längst Teil unseres Lebens aber kaum noch beachtetes Thema im öffentlichen Raum, vielleicht hat der Dichter sich gerade aus diesem Grunde ihr zugewandt. Wenig hat er sich immer um Dinge gekümmert, die den Menschen, wie es heißt, auf den Nägeln brennen. Zu diesen Dingen zählt augenscheinlich der Kaffee, eine andere Gabe des Orients. Bei jedem Einkauf stoßen wir auf neue Kapseln, Säckchen, Mischungen, Zubereitungsformen und -maschinen, sogenannte Größen aus Film und Fernsehen vertreten mit Nachdruck den Wert des einen oder anderen Produkts, in den Innenstädten winken die Kaffeehäuser der verschiedenen Ketten einander über die Straße zu, die Menschen sitzen an den Tischchen drinnen und draußen oder tragen das dunkle Labsal in Pappbechern einher. Über die Art und Weise, wie der Kaffee zu uns kam, unterrichtet uns der Dichter nicht, eine der eindrucksvollsten Szenen des Kaffeeverzehrs in der Weltliteratur überhaupt aber hat er nach Venedig verlegt, der östlichen Stadt Italiens, die für lange Phasen ihrer Geschichte den Blick eher zum Orient als zum Okzident hin gerichtet hatte. Von Venedig aus sind auch Cosmo Solomon und Ambros Adelwarth zu ihrer Orientreise aufgebrochen
Die Zeitverlorenheit althergebrachter orientalischer Kaffeestuben finden wir nicht im Stehbuffet der Ferrovia, vielmehr werden wir in ein überaus dramatisches Geschehen einbezogen. Als eine Art feste Insel ragte das Buffet heraus aus der wie in einem Ährenfeld schwankenden Menge der Menschen. Aus Leibeskräften mußte man zunächst, wenn man wie ich eines Billets ermangelte, sein Begehren zu den auf erhobenen Posten sitzenden Kassiererinnen hinaufschreien, die nur mit einer Art Schürze bekleidet, mit lockigem Haar und halbgesenkten Blick in völliger Ungerührtheit über den Häuptern der Bittsteller schwebten und willkürlich, wie mir schien, irgendeinen der von den einander durchdringenden und sich überschlagenden Stimmen vorgebrachten Wünsche herausgriffen, sodann den Preis des Verlangten hinausriefen in den Raum und huldvoll und verächtlich zugleich einem das Zettelchen und das Wechselgeld aushändigten. Einmal im Besitz des inzwischen einem schon lebenswichtig erscheinenden Billets mußte man sich in die Mitte der Cafeteria hinüberkämpfen, wo die männlichen Angestellten dieses ungeheuren Gastronomiebetriebs hinter einem kreisförmigen Buffet mit Todesverachtung geradezu dem andrängenden Volk gegenüberstanden und ihre Arbeit mit einer Gelassenheit erledigten, die vor dem Hintergrund der allgemeinen Panik die Wirkung eines zerdehnten Zeitablaufs hervorbrachte. Der Eindruck, daß hier Gericht gehalten wurde über ein korrumpiertes Geschlecht, wurde noch dadurch verstärkt, daß den weißgekleideten, würdevollen Männern, die im Inneren des Kreises offensichtlich auf einer erhöhten Plattform sich befanden, das Buffet nur etwa bis zur Hüfte reichte, den Außenstehenden hingegen bis unter die Schultern, wo nicht gar bis zum Kinn. Mein Cappuccino wurde serviert, und einen Augenblick war mir zumut, als hätte ich mit dieser Auszeichnung den bisher bedeutendsten Sieg meines Lebens errungen.

Man könnte meinen eingeführt zu sein in ein weiteres Bild von Tiepolo oder Pisanello oder eines bisher unbekannten Malers, in dem der Ritter Georg sich für eine neue Aufgabe rüstet, wieder muß er mithilfe der Mächte des Himmels denen der Hölle trotzen, kein Drache ist diesmal zu erlegen, sondern, ungleich schwerer und gefahrvoller, ein Cappuccino zu erringen. Vielleicht hören wir auch eine Oper von Verdi oder einem anderen Tonmeister mit viel Klangaufwand für eine karge Librettostelle, oder wir verfolgen an der Seite Kafkas einen frühen Slapstickfilm, und Buster Keaton schaut nach wilder Schlacht und unerwartetem Sieg ernst und traurig drein, während wir, die Zuschauer, uns vor Lachen schier nicht zu fassen wissen.

War es in Venedig das Drama des Kaffees, so ist es in Limone am Gardasee, fern vom Orient, die Idylle. Das Schreiben ging mir mit einer mich selbst erstaunenden Leichtigkeit von der Hand. Zeile um Zeile füllte ich die Bogen des linierten Schreibblocks. Luciana, die hinter der Theke wirtschaftete, blickte immer wieder aus den Augenwinkeln zu mir herüber und brachte mir, wie ich es erbeten hatte, in regelmäßigen Abständen einen Expreß und ein Glas Wasser. Ab und zu auch ein in eine Papierserviette gewickeltes Toastbrot.

Es ist beruhigend, daß auch Toast serviert wird, war doch nicht auszuschließen, Selysses würde nach dem schlimmen Erlebnis in der Pizzeria Verona auf feste Kost fortan ganz verzichten. Ansonsten und in der Hauptsache aber geht es: nicht um die die große Trophäe in der Gestalt eines Cappuccinis, sondern um die Verabreichung winziger Ristretti in kurzen Zeitabständen. Die schwerelos verstreichende Zeit erhält so ihren Rhythmus. Die Schreibfeder gleitet unbehindert über das Papier, Luciana bleibt beim Servieren meistens eine kurze Weile stehen und knüpft eine kleine Unterhaltung an. Einmal ist es dem Dichter gewesen, als spürte er ihre Hand auf ihrer Schulter. Wie könnte man es sich idyllischer ausmalen.

Aber schauen wir überhaupt aufmerksam genug hin, ist es wirklich eine Idylle oder doch wieder ein Drama, ein verstecktes Drama von Untreue und Verrat. Hat Luciana, Isolde und Brangaene in einer Person, dem Kaffee etwas beigegeben, war sie es, die den Paß mit voller Absicht dem Herrn Doll ausgehändigt hatte, so daß der Padrone sie dann auffordern muß, sich mit Tristan Selysses auf eine Reise zu begeben, die das ehebrecherische Paar ohne Verzug vor den Postenkommandanten Dalmazio Orgiu führt zum Zweck einer frevlerischen Trauung.

Das Drama und die Idylle oder, wenn man es so sehen will, die zwei Dramen sind zu unserem Behagen aufgegossen aus einem aromatischen Nichts, wir verspüren ein großes inneres Vergnügen und eine Belebung, die weit hinausgeht über die des realen Kaffeegenusses und sei es auch bei Starbucks.

Mittwoch, 5. Juni 2013

Tiepolos Freunde

Vie de la petite morte

Es ist schwer, Pierre Michons Buchtitel Vies minuscules in seiner Bündigkeit ohne Verlust oder willkürliche Anreicherung ins Deutsche zu übersetzen, daher soll auch nicht bemängelt werden, wenn als Titel der deutschen Ausgabe derjenige der letzten der acht Erzählung oder Kapitel gewählt wurde: Leben der kleinen Toten, Vie de la petite morte. Der Sebaldleser möchte ohnehin dem Vorbild deutscher Filmverlage folgen und, den Originaltitel weiter nicht beachtend, sich für Ritorno in patria entscheiden; im Klang des Italienischen wäre, so könnte er ohne viel Grund anführen, bereits die Vorliebe beider Autoren für Tiepolo zu spüren. Beim Betrachten der von ungeschickter Hand gemalten Kreuzwegstationen in der Krummenbacher Kapelle auf dem Weg von Oberjoch in die Heimatortschaft W., sinnt Selysses darüber nach, der anonyme Maler habe sich vielleicht nicht weniger gemüht als Tiepolo, der zu dieser Zeit mit seinen Söhnen Lorenzo und Domenico über die Alpen gezogen war, und nun auf dem Gerüst einen halben Meter unter der Decke des Treppenhauses der Würzburger Residenz an seinem riesigen Weltwunderbild arbeitete. Wenn Tiepolo, wie Michon sagt, der Mozart der Malerei ist, so ist Sebald, trotz eingestandener Vorliebe für Schubert, derjenige, der dem Maler im Feld der Dichtung näher steht, die Deckenmalerei, mit dem Himmel als offenem Fluchtpunkt, kommt seinem Stilideal der Levitation wie kaum etwas sonst entgegen. Leicht und melodiös ineinander verschlungen bewegen sich die Bewohner der Ortschaft W. dahin, die hellen und dunklen Schönheiten, zwar fehlt die wunderbare Amazonenheldin mit dem Federputz auf dem Kopf, aber der Mohr ist dabei: Am unteren Ende der Gasse tauchte ein Fahrzeug auf, wie er zuvor noch nie eins gesehen hatte. Es war eine allseits weit ausladende lila Limousine mit einem hellgrünen Dach. Unendlich langsam und völlig geräuschlos glitt sie heran, und drinnen an dem elfenbeinfarbenen Lenkrad saß ein Neger, der ihm, als er vorbeifuhr, lachend seine gleichfalls elfenbeinfarbenen Zähne zeigte. Da unter unseren Krippenfiguren einer der drei Weisen aus dem Morgenland und zwar derjenige mit dem schwarzen Gesicht, einen lila Mantel mit hellgrünen Besatz trug, stand es für ihn außer Zweifel, daß der Fahrer des Automobils in Wahrheit der König Melchior gewesen ist. Dunkelheit beschränkt sich bei Tiepolo nicht auf die Hautfarbe der Afrikaner, bei der Einreise nach Italien hatte Selysses über Santa Tecla libera Este della peste meditiert, ein Bild Tiepolos, auf dem es in Erdnähe düster zugeht, himmelwärts, über unseren Köpfen allerdings lichtvoll. Michon, durchweg beklemmender und ganz ohne Sebalds Heiterkeit, hat Tiepolos lichtem Bild von der Hochzeit Barbarossas in der Gestalt des François-Èlie Corentin einen dunklen Tiepolo, den Tiepolo de la Terreur entnommen.

Die beiden Freunde Tiepolos treffen sich noch bei einem anderen Maler, einem anderen Bild: On eût dit que les docteurs de La Leçon d’anatomie avaient changé de toile, s’étaient massés dans l’ombre derrièrre l’Alchimiste à sa fenêtre, et emplissaient l’espace habituel de son recueillement de leurs puissantes présences empesées de blanc. Die Ärzte auf Visite haben sich hinter dem Père Foucault versammelt, dem Analphabeten, der sich von ihren Blicken in seiner Seele und seiner Würde seziert fühlt und der sich auf keinen Fall den Blicken der Hauptsstadtärzte stellen will, die allein sein Leben vielleicht retten könnten, – eine philosophische Haltung, die in den Augen des Erzählers mehr Respekt noch verdienen als die Lehrmeinungen des gleichnamigen, von ihm durchaus geschätzten philosophe en vogue et missionaire illustre. Dem Foucault minuscule fühlt er sich verwandt nach seiner Zeit in der Hauptstadt als vom rechten Wege abgekommener, schreibunfähiger Dichter ohne Worte, Worte, die er erst findet nach seiner Rückkehr ins bro gozh zadoù, einige hundert Kilometer südwestlich der Bretagne, im sehr ländlichen Limousin.
Auch Sebald kehrt in seinem Prosaerstling in den ländlichen Raum, allerdings, nach langer Irrfahrt, erst am Ende des Buches und mit gespielter Beiläufigkeit: Eines Nachmittags faßte ich den Entschluß, nach England zurückzukehren, zuvor aber noch auf eine gewisse Zeit nach W. zu fahren, wo ich seit meiner Kindheit nicht mehr gewesen war. Die Rückkehr als kleiner Umweg ohne besondere Bedeutung – wir sollten uns nicht täuschen lassen. Zwar hatte Sebald sich im realen Leben weiter von der Heimat entfernt, zwar hatte er besser Fuß gefaßt in der großen Welt, zur Literatur ist er erst gekommen, als ihm klar war, daß es, nach seinen eigenen Worten, eine Literatur der Armut sein müßte. Die Rückkehr führt in nicht an den aktuellen Ort, wo die Landwirte inzwischen ein Schweinegeld verdienen – Michon spricht, sozusagen von der anderen Seite her, vom deuil de la ruralité -, sondern zu den unscheinbaren Toten seiner Kindheit. Bei beiden Freunden Tiepolos ist das Elternpaar so gut wie abwesend, bei Michon begünstigt dadurch, daß er den familienflüchtigen Vater nicht kennengelernt hat. Der Mutter sind die Vies minuscules gewidmet, gut möglich auch, daß die vielen Anreden an den Leser in Wahrheit Anreden an die Mutter sind, Anreden über uns hinweg an sie, die, unsichtbar, in unserem Rücken steht.

Kaum ein großer Autor hat auf den Weg zurück in die Kindheit verzichtet. Prousts Leser könnten sich allenfalls vorstellen, die Recherche würde nach Combray abbrechen, nicht vorstellbar ist ihnen die Recherche ohne Combray. Wenn Kunst, wenn Dichtung sich im Reich der Wahrnehmung abspielt, dann ist die Kindheit für sie ein unvergleichliches Reservoir unbearbeiteter, sozusagen noch nicht wahrgenommener, beim Aufbruch in die Jugend wie versiegelt zurückgelassener Wahrnehmungen, an deren künstlerischer Erschießung der Dichter zu sich finden kann. Eine auf dem Land verbrachte Kindheit mag dabei gleichsam als eine besonders tiefe, gleichsam verdoppelte Kindheit erscheinen, da sich hier auch schon die einfachste Gegenstände als Schatztruhen erweisen. Das nach dem Verzehr des Seelenwecken am Finger zurückgebliebene Mehl kommt vor wie eine Offenbarung, und noch am Abend desselben Tags gräbt das Kind lang noch mit einem Holzlöffel in der im Schlafzimmer der Großeltern stehenden Mehlkiste, um das dort, wie er meinte, verborgene Geheimnis zu ergründen. Die dörflichen Verhältnisse in Frankreich zu dieser Zeit stellt man sich, zu Recht oder zu Unrecht, sich noch um einiges dörflicher vor. Von der dialektalen Prägung seiner Kindheit hat sich Sebald später deutlich, wenn nicht mit einem gewissen Abscheu losgesagt, andererseits aber immer wieder mit lexikalischen und syntaktischen Alemannismen gespielt. Um einiges weitergehend noch Michon: Cette langue désuète travaille en secret mon texte, certaines sonorités, des ellipses balourdes en sont directement issues. Et quand j’écris, je me parle souvent à moi-même, je me commente, je me moque de moi, je m’approuve ou me désapprouve, en patois. Ce sont ces vieux paysans morts qui, en moi, se défendent opiniâtrement contre le non-être.
Für den athée mal convaincu ist Rückkehr in die Kindheit auch Rückkehr zum sakralen Vokabular, das, weitaus mehr als die profane Sprache der Gottlosen, geeignet ist, eine gottverlassene Welt darzustellen, ce monde privé de grâce depuis l’origine des espèces mortelles. Einer der Höhepunkte des Buches ist die Messe, die ein der Trunksucht verfallener Priester für die Insassen einer Irrenanstalt ließt, crétins et idiots, wie es unverblümt heißt, so wie auch Sebald, die moderne, welterrettende Sprachschulung mißachtend, hartnäckig von Krüppeln, Negern und Zigeunern spricht. Peut-être l’abbé eût-il voulu, comme François d’Assise, parler pour les seuls oiseaux, les loups; car si ces êtres sans langage l’eussent compris, alors il en, eût été sûr: c’eût été que la Grâce le touchait. Corbeaux et sangliers émurent les idiots. Bei Sebald begegnen uns überall die entwurzelten Heiligen, den heiligen Franz hatte Selysses schon mit dem Gesicht nach unten in den Sümpfen von Venedig schwimmen sehen, trifft ihn dann aber wiedererstanden in der Person des demissionierten Majors Le Strange, der, den Menschen gänzlich entfremdet, ständig umschwärmt gewesen ist von allem möglichen Federvieh, von Perlhühnern, Fasanen Tauben und Wachteln und den verschiedenen Garten- und Singvögeln, die teils am Boden um ihn herumliefen, teils in der Luft ihn umflogen.

J’étais quai d’Austerlitz, je ne partais pas. Das war noch, bevor Austerlitz sich anschickte, vom Austerlitzbahnhof aus die Suche nach dem Vater fortzusetzen. Ein Jahr jünger als Sebald war Michon drei Jahre vor ihm in Manchester allerdings nur kurz und ohne greifbare Folgen. Je m’envolai pour Manchester, rien n’y fut considérable.

Hat es zunächst den Anschein, als handle es sich um eine Autobiographie, in der der Autor nur als in den anderen gespiegelter Schemen erscheint, tritt er dann doch deutlicher hervor. Eine offenbar länger andauernde Phase im Dunkel von Trunk- und Tablettensucht wird mit einer Art nachsichtigen Schonungslosigkeit gezeichnet, die nicht jedem gefallen muß. Die leichte Eleganz, mit der Sebald als Selysses stets anwesend ist, ohne aber viel von sich preiszugeben, mag man vermissen. Die im engeren Sinne autobiographischen Passagen gewinnen ihren größten Wert in dem Augenblick, wo sie vom Leben und Sterben der anderen überwältigt werden, so während der Messe, die der geistliche Trunkenbold den Schwachsinnigen liest.
Acht Leben, davon zwei Doppelleben, also zehn: Vie d’André Dufourneau, das Leben eines Afrikareisenden; Vie D’Antoine Peluchet, das eines verlorenen Sohns; Vies d’Eugène et de Clara, das Leben der Großeltern väterlicherseits; Vies des frères Bakroot, das Leben zweier ungleichen Brüder; Vie du père Foucault, das Leben eines Analphabeten; Vie de Georges Brandy, das eines der Trunksucht verfallenen Priesters; Vie de Claudette, das einer Geliebten; Vie de la petite morte, das Leben der erstgebornen Schwester Madeleine, es hat kein Jahr gewährt. Que dans mes étes fictifs l’hiver des morts hésite. Que dans le conclave ailé qui se tient aux Cards sur les ruines de ce qui aurait pu être, ils soient.