Sonntag, 23. November 2014

Exnovation

C'est bizarre

Man muß wohl dankbar sein, daß die Begriffswahl auf Innovation gefallen ist, manche hätten sich Exnovation gewünscht. Wenn Innovation eine Neuerung innerhalb eines Bestehenden und vom Bestehenden ausgehend ist, wäre Exnovation eine Neuerung außerhalb des Bestehenden, ein kompletter Neuanfang auf der Tabula rasa. Da aber das Neue, kaum installiert, schon das Alte ist, müßte, um das Neue neu zu erhalten, auf die erste Exnovation, wenn sie denn überhaupt möglich wäre, alsbald die zweite folgen und so fort. Die baldige Auszehrung und finale Erschöpfung der Welt wäre abzusehen.
Alle wissen um den historischen, die Moderne auszeichnenden Wechsel des Bezugspunktes vom Alten und Vergangenen zum Neuen und Zukünftigen, verblüffen kann immer noch die Schnelligkeit und Radikalität der Wende. Die Französische Revolution ging wohl von einer einmaligen Exnovation aus, die Vernunft tritt an die Stelle der Unmündigkeit, und alles fällt ins Lot. Das war dann ersichtlich nicht der Fall. Hegel streckte die Angelegenheit ein wenig in der Zeit, kam aber nach einigem dialektischen Hin und Her auch bei seinem Endziel an, das keins war und überrollt wurde. Marx streckte noch ein wenig mehr und modifizierte das Endziel, das sich inzwischen seinerseits aber auch verflüchtigt hat. Der Späthegelianer Fukuyama hat daraufhin die marktliberaler Demokratie als das erreichte Endziel der Geschichte ausgerufen, und seither sind die Europäer und ihre Verbündeten mit strengem Nachdruck gehalten, daran zu glauben. Vieles sei zu bemängeln und jeder ist dazu aufgerufen, aber insgesamt sei das Arrangement, wie schon Leibniz und Voltaire ahnten, das denkbar beste. Ob die rastlosen Reformen der Aufrechterhaltung der Balance dienen oder auf ein stabiles Endziel zusteuern, ist unklar. Die fortwährend ergehenden Hinweise an den dahinziehenden Troß, die eine oder andere Weltgegend sei in der einen oder anderen Sache schon weiter, verlangen allerdings nach den Regeln der Logik eine wenn auch verborgene so doch feststehende Richtung und lassen glauben, daß die Eingeweihten das Endziel klar vor Augen haben. Häretiker sehen Lemminge, die auf den Abgrund zumarschieren.
Die Ausrichtung auf das Neue folgt dem Muster der wissenschaftsbasierten Technologieentwicklung, die Infizierung der Politik ist verständlich, die Kunst hätte, so möchte man meinen, immun sein sollen. Erfaßt von Panik beim Gedanken zurückzubleiben, hat sie sich aber zur Avantgarde der Bewegung erklärt, und als Kunst konnte lange Zeit nur noch gelten, was neu war, und alles Neue war Kunst, wenn es das denn behauptete. Im Reich ungezählter Neuheiten ist aber schon seit langem nichts mehr neu. Die Vergabe des Nobelpreises an Modiano, von dem man sagt, er würde unablässig das gleiche Buch schreiben - toujours quelqu'un à la recherche de ces êtres dont les traces se perdent: das Austerlitzmotiv, wenn man so will -, der sich also nicht vom Fleck rührt, könnte als Zeichen der Besinnung gewertet werden. C'est bizarre, soll der Laureat die Preisverleihung kommentiert haben.

Proust zeichnet in Illiers (Jean Santeuil) und Combray (Recherche) eine Welt, die weder alt noch neu, weder Vergangenheit noch Zukunft kennt, sondern nur eine Ewigkeit der Gegenwart: Il y a, dans le temps qui suit un repas copieux, une sorte de temps d'arrêt, plein de douceur, de l'intelligence et de l'énergie, où rester sans rien faire nous donne le sentiment de la plénitude de la vie: warum sollte auch nur diese Siesta jemals enden, und dann ist sie doch verschwunden, die endlose Gegenwart. Der Blick der Suche nach der verlorenen Zeit ist notgedrungen rückgewandt, an Neuem ist dem Dichter nicht gelegen, wer aber wollte die überragende und anhaltende Neuheit seines Werkes bestreiten. Joyce, um einen anderen der Großen zu nennen, war, kann man vermuten, auf Neues aus, mit dem Blick zurück auf Odysseus bleibt er verständlich. Finnegans Wake läßt sich als ein Versuch der Exnovation werten, da ist er dann mehr oder weniger allein.
Wie Proust scheint auch Sebald jede Neuerungsabsicht fremd, ja es scheint, als wolle er jeden Gedanken an Neuheit ersticken. Seine Satzformen sind sogleich denjenigen Stifters zugeordnet worden, und tatsächlich bekennt er sich ausdrücklich zu den Erzählern des süddeutschen Sprachraums im neunzehnten Jahrhunderts, vor allem zu Keller. Das Lexikon der deutschen Sprache hat der Dichter ab einem bestimmten Zeitpunkt für Neuaufnahmen geschlossen. Die Augen sind rückwärts gerichtet wie bei Benjamins Engel, keine Blick fällt auf Fukuyamas Territorium. Nachdem man in Marx' Reich den Künstlern und Literaten ein Übermaß an Zukunftsfreude abverlangt hatte, mußte man sich in der sogenannten freien Welt, wenn auch ungern, daran gewöhnen, einigen von ihnen ein größeres Maß an Pessimismus zuzugestehen als dem Rest der Bürgerschaft.

Originalität und Kreativität gelten als unerläßliche Voraussetzung und Merkmal einer dem Neuen verpflichteten Literatur, und auch da scheint es nicht gut auszusehen. Den Auftakt zum Prosawerk spielt Sebald nicht selbst, sondern überläßt ihn Stendhal. Der erste Auftritt seines Icherzählers endet im Fiasko einer panikartigen Flucht aus Italien. Das Fazit der Reise wird Thomas Browne überlassen, die Übersetzung ist möglicherweise eine originäre Leistung des Dichters: Weit länger währt die Nacht der Zeit als deren Tagesspanne, und es weiß keiner, wann das Äquinoktium gewesen ist. Eine weitere Italienreise bereitet den Auftritt Kafkas vor, der dann auch bald als Protagonist die Bühne beherrscht. Als Kafka samt dem Jäger Gracchus abtritt fürs erste, begibt der Icherzähler sich auf den Ritorno in Patria, bis nach Innsbruck überläßt er die stilistische Reiseleitung Thomas Bernhard, im Allgäu ist Kafka erneut Leiter der Forstbehörde und Aufseher im Jagdrevier. In den Ringen des Saturn führen Thomas Browne, Conrad, Swinburne, Hamburger, FitzGerald, Chateaubriand und die chinesischen Kaiserin das Wort, und als Austerlitz durch das nächtliche und schlafende London wandert, läßt auch er Kafka sprechen, statt aufwendig nach eigenen Worten zu suchen.
Abtretung an andere, Imitation, wohin man schaut, Plagiat, wenn man so will. Wer aber glaubt, nicht zu imitieren, macht sich etwas vor, und andererseits: der Künstler muß die Imitation weder fürchten noch meiden, er wird sie am Ende ohnehin verfehlen. So wie Gleichheit, überläßt man sie sich selbst, zuverlässig Ungleichheit generiert, so bringt das Vertraute, wenn man sich denn mit allem Ernst auf es einläßt, zuverlässig Neues hervor. Die Strategien des Dichters zur Vermeidung der Neuheit, wenn es sie denn gäbe, verfangen nicht und provozieren das Gegenteil: das Gefühl des Neuen, nie Gehörten beim Lesen der vier Bücher Sebalds ist überwältigend. Unter Schwindelgefühlen bricht aus der Betrachtung des Vertrauten das Neue hervor, eine Exnovation, wenn wir die Bedeutung des ohnehin nicht existenten und insofern freien Begriffs entsprechend verschieben. Le véritable changement ne peut prendre racine qu'à une condition: il faut qu'il jaillisse de cette cohérence que seule la tradition nous offre. La tradition ne peut être défiée avec succès que de l'intérieur. L'innovation véritable suppose nécessairement un respect minimum pour le passé et une connaissance de ses œuvres, c'est-à-dire la mimésis.

Freitag, 14. November 2014

Palamedes

Coyoten

In loser Weise bezugnehmend auf die Reisetätigkeit des Odysseus wurde Sebalds namenloser Erzähler Selysses genannt, größere Ähnlichkeiten mit Homers Helden bestehen darüber hinaus nicht. Weder tritt Selysses als besonders listenreich in Erscheinung noch richtet er bei seinen Heimkünften ein Massaker an.
La lunga catena delle storie prima della storia, dove l'Iliade e 'Odissea formavano alcune maglie, si chiudeva con la morte di Odisseo. Dopo Odisseo comincia la vita senza eroi: so beginnt Roberto Calasso das elfte und vorletzte, den Trojanischen Krieg und Odysseus betreffende Kapitel seiner Verlebendigung der griechischen Mythologie Le nozze di Cadmo e Armonia. Eigentlich wollte Odysseus für sich persönlich das heroische Zeitalter schon zuvor beenden. Listenreich gibt er vor, den Verstand verloren zu haben, um, wehrdienstuntauglich, nicht nach Troja in den Kampf ziehen zu müssen. Nicht weniger listenreich aber läßt Palamedes seine Schauspielerei auffliegen und zwingt ihn, sich an der in jeder Hinsicht fragwürdigen Rettungsaktion für Helena zu beteiligen. Palamedes wird ihm daraufhin zum verhaßten Double im Reich der List, zu seinem Bruder Abel, den er nach sorgfältiger und listenreicher Vorbereitung erschlägt. Palamedes, davon nur wenig beeindruckt, rettet sich in die Artussage, in der er sich auf ähnliche Weise diesmal mit Tristan anlegt. Er schafft es sogar bis in Prousts Endzeitroman, wo er als Baron Charlus zum herausragenden Vertreter der untergehenden Welt des fin de siècle wird.

Was zeichnete die heroische Zeit aus, so die Frage, und Calasso antwortet: Il gesto eroico è questo dell'uccisione dei mostri. Da kommt uns als Vertreter der neoheroischen mittelalterlichen Zeit sogleich der aus Sebalds Werk vertraute Heilige und Drachentöter Georg in den Sinn, der eher noch als Palamedes die Aufnahme an Artus Hof verdient gehabt hätte. Hier nun, beim Schutzpatron des Autors und seines Erzählers, schimmert eine Ähnlichkeit mit Odysseus durch. Wie Odysseus ist Georg ein Aussteiger. Auf der linken Tafel des Lindenhardter Altars tritt uns der heilige Georg entgegen. Zuvorderst steht er am Bildrand eine Handbreit über der Welt und wird gleich über die Schwelle des Rahmens treten, den Verband der Heiligen, dem er sich wohl nie so recht zugehörig gefühlt hatte, verlassen. Auf Pisanellos Bild dann, in der Londoner Nationalgalerie, hat der Drache, ein geringeltes, geflügeltes Tier, sein Leben bereits ausgehaucht. Auf dem Kopf trägt San Giorgio einen Strohhut, gleich wird er auch die Rüstung gegen einen weißen Sommeranzug eintauschen und sich in den Zirkus- und Hochseilartisten Giorgio Santini verwandeln, mit dem mittelalterlichen Rittertum ist es vorbei. Nehmen wir die in der Mythenwelt global vertretene Figur des Tricksters - bei den nordamerikanischen Indianern hat er vorwiegend die Gestalt eines Coyoten -, so übergreift er den Listenreichen, den Gaukler und den Künstler: Odysseus, San Giorgio/Giorgio Santini, Sebald/Selysses, drei Trickster. Kein Künstler kommt aus ohne List, und wenn Selysses als geschilderte Figur vielleicht wenig listenreich erscheint, so ist es der Dichter mit seinen Entwendungen, Lügen und falschen Deklarationen umso mehr. Auf Umwegen sind Selysses und Odysseus einander näher gekommen.
Wenn Odysseus die archaische Zeit und San Giorgio das Mittelalter beenden, so sieht Selysses das Ende unserer Zeit kommen. In der Morgenfrühe im verkehrslärmfreien Venedig denkt er daran, wie oft er schon in anderen Städten mit wachem Entsetzen auf die Brandung des Verkehrs gehorcht hat. Im Verlauf der Jahre sei er zu dem Schluß gelangt, daß aus diesem Getöse jetzt das Leben entsteht, das nach uns kommt und das uns langsam zugrunde richten wird. Fürs erste sind die Menschen schon von den Maschinen verschluckt. Eigenartig berührt den Erzähler beim Blick aus einem fahrenden Zug, daß nirgends ein Mensch zu erblicken war, wenn auch über die nassen Landstraßen genügend in dichte Sprühwolken gehüllte Fahrzeuge brausten. Vom Flugzeug aus sieht er weit unter sich einen Traktor, der, wie nach der Richtschnur, quer über einen bereits abgeernteten Acker kroch und ihn in eine hellere und eine dunklere Hälfte teilte, nirgends aber sah man auch nur einen einzigen Menschen. Wie wir unsere, in diesem Augenblick verschwindende Zeit, kennzeichnen sollen, wissen wir nicht. Altertum und Mittelalter haben im Rückblick Gestalt gewonnen, im Kontrast zu dem, das jetzt ist. Wie man aus einer Zeit, aus der der Mensch verschwunden ist, auf die unsere wird zurückblicken und urteilen können, ist schwer vorstellbar.

Montag, 10. November 2014

Figura Christi

Nur Jünger

Von Paul Bereyter heißt es einerseits, er sei gottgläubig, und andererseits, nichts sei ihm so zuwider wie die katholische Salbaderei. Das zielt wohl nicht auf die allgemein als Kunstwerk zur Bewahrung des Glaubens respektierte Tridentinische Messe, sondern auf Äußerungen im katholischen Alltag, wie man sie exemplarisch in den gelispelten Worten des Katecheten Meier sowie, mit dröhnender Stimme vorgetragen, vom Benefiziaten Meyer zu hören bekommt. Das für ihre Verrichtungen unerläßliche Weihwasser entnehmen sie einem das flammende Herz Christi darstellenden Behältnis. Der im flammenden Herzen aufscheinende physiologische Mystizismus will nicht mehr recht in unsere Zeit passen. San Giorgio war denn auch schon bald ausgestiegen aus Grünewalds Heiligentableau, auf dem mindestens einer der Heiligen den Kopf unterm Arm trug, um, den Anforderungen der Neuzeit entsprechend, mit einem Strohhut bekleidet bei Pisanello wieder aufzutauchen. Überhaupt nimmt der Anteil der Gläubigen ab in unserer Zeit, und die Zahl der Ungläubigen steigt. Aber auch viele Ungläubige wollen von der Gestalt des Christus nicht endgültig Abschied nehmen. Einige, die das Augenmerk auf die Unterstützung der Armen richten, sehen in ihm eine Art sehr frühen Karl Marx, dem allerdings die nationalökonomischen Kenntnisse noch fehlten. Andere sehen daraufhin theoretisch weniger belasteten Revolutionäre wie Che Guevara als für den Vergleich geeigneter an; Ches sadistische Gewaltbereitschaft fügt sich aber den Mindestanforderungen der Christenlehre nicht. Wieder andere betonen denn auch die Sanftmut des Christus und erkennen in ihm den ersten neuen Mann mit starker weiblicher Komponente und jedenfalls Herr seines Testosteron. Auf dem bekannten Szenenphoto aus Giants wird James Dean das im Nacken gehaltene Gewehr, beide Arme darüber geworfen, zum Kreuzesbalken, die Füße sind eng beieinander, ein Nagel würde reichen für die Fixierung, Liz Taylor schaut zu ihm auf, als sei sie Maria Magdalena, zwischen den Fingern der linken Hand aber hält er die Zigarette, sublimer Trost, der dem Gekreuzigten von Golgatha vorenthalten war. Der Frage, welche Absicht der Leinwanddichter mit der beeindruckenden Bildkomposition verfolgt hat, wollen wir nicht nachgehen. Selbst bei Chandlers Detektiv Marlowe sind schon Züge des Jesus von Nazareth entdeckt worden. Das wird ebenfalls übersprungen zugunsten der sich dann unmittelbar aufdrängenden Frage, ob sich ähnliches auch vom Erzähler und zugleich Ermittler im Kriminalroman Schwindel.Gefühle sowie in den folgenden drei Prosawerken sagen läßt.
Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah rings um sich auf die Jünger, die im Kreise saßen und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und meine Brüder: ein weitreichender Satz im Markusevangelium, der nicht nur die ihrerseits folgenreiche Glorifizierung der Kernfamilie mit Maria, Joseph und dem Jesuskind im Stall in Frage stellt, sondern auch die ursprüngliche Einheit von Gesellschafts- und Verwandtschaftsstrukturen, den Structures élémentaires de la parenté, und der zugleich auch schon den Universalismusbefehl des Paulus so gut wie vorwegnimmt: Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib. Das alles aber bleibt hier weitgehend unbeachtet und der Blick auf Selysses gerichtet.
Als Selysses uns das erste Mal begegnet, in Wien, hat er sich von der Familie, von der Mutter und den Brüdern mit den Worten des Evangelisten, entfernt, die weiteren Kontakte werden äußerst spärlich bleiben. Allerdings stehen auch keine Jünger als Ersatz bereit, er hat niemanden, mit dem er sprechen kann, bloß mit den Dohlen in den Anlagen vor dem Rathaus hat er einiges geredet und mit einer weißköpfigen Amsel. Die Rekrutierung der Jünger geht im weiteren nur schleppend voran, Herbeck in Klosterneuburg ist zu nennen, Malachi in Venedig und Salvatore Altamura in Verona. Salvatore, das erzeugt ein leichtes Schwindelgefühl und den Eindruck der Seitenverkehrtheit. Tatsächlich ist es nicht Selysses, der beginnt, in Gleichnissen zu reden, von seinen Worten wird, wenn er denn reden sollte, nichts berichtet, es ist Malachi mit dem Prophetennamen, der sich zu den schwierigen Fragen der Auferstehung des Fleisches äußert und abschließend nach Jerusalem einlädt, es ist Altamura mit dem Namen des Heilands, Salvatore, der zum Abschied ein Engelsbild hinterläßt. Vergleichbar unmittelbar biblische Elemente fehlen bei der Rekrutierung von Selwyn, Bereyter, Mme. Landau, Adelwarth, Aurach und anderen in den Ausgewanderten und auch bei Austerlitz, sie tauchen wieder auf bei Le Strange, der von Vögeln umschwärmt wird wie der heilige Franz und sich in einem Erdloch vergräbt wie der heilige Hieronymus, oder bei Mrs. Ashbury, die zum Himmel auffährt und im Plafond steckenbleibt. Die biblischen Elemente sind aber ohnehin nicht das Entscheidende. Entscheidend ist das Zusammenleben der Jünger.
Selysses reist und wandert so rastlos durch die Welt wie Christus durch das Heilige Land, allerdings ohne eine zur Zahl zwölf anwachsende Jüngerschar, die ihm folgen würde. Wie die Kommentatoren ausführen, waren auch die Jünger allein, als sie dem Herrn folgten, denn sie verstanden ihn nicht, erst bei seinem Tode begann es ihnen zu dämmern, einem jeden für sich, und erst als er entrückt war, war er bei ihnen. Wer wollte bestreiten, daß es eine Form der Nächstenliebe ist, die zwischen Selysses und seinen Mitjüngern herrscht. Die Frauenquote, Mme. Landau, Mrs. Ashbury und einige andere sind zu nennen, hat sich gegenüber dem Gefolge Christi kaum verbessert, dennoch kann der Heiland zufrieden sein. Außerhalb des Kreises der Jünger und Jüngerinnen aber bleibt es bei der Betrachtung der Welt nicht bei dem einen, von Selysses diagnostizierten Kunstfehler, der dem Herrn bei der Heilung des Gadareners unterlaufen war, als zweitausend unschuldige Säue über die Klippe springen mußte. Blickt man unvoreingenommen ins weite Rund, so ist die Zahl der Kunstfehler Legion.

Mittwoch, 5. November 2014

Schmetterlingsmann


Seite 27

Man liest den letzten Satz: Rosa, Lusia und Lea oder Nona, Decuma und Morta, die Töchter der Nacht, mit Spindel und Faden und Schere. Dann schließt man das Buch und läßt das Gelesene noch einmal an sich vorüberziehen. Vier Schicksale, Selwyn, Bereyter, Adelwarth und Aurach, man hat unterwegs viele Länder besucht, England, Belgien, die Schweiz, die Vereinigten Staaten von Amerika, auch im Morgenland ist man gewesen; man ist Nabokow begegnet, wo war man ihm denn nur begegnet? Er ist schnell wieder aufgefunden, mit seinem Schmetterlingsnetz im Gebirge bedeckt er fast die gesamte Seite 27. Aber ist man ihm nicht irgendwo im Buch noch einmal begegnet, ist man ihm vielleicht in jeder der vier langen Erzählungen begegnet? Abgelichtet taucht er nicht noch einmal auf, die weitere Suche gestaltet sich daher ein wenig schwieriger. Sie habe, so Mme. Landau, damals in der Autobiographie Nabokows lesend, auf einer Parkbank in der Promenade des Cordeliers gesessen, und dort habe der Paul, nachdem er zweimal bereits an ihr vorübergegangen war, sie mit einer ans Extravagante grenzenden Höflichkeit auf diese ihre Lektüre hin angesprochen. - Als ich Adelwarth am letzten Tag seines Lebens auf seinem Zimmer besuchte, schaute er auf die jenseits des Parklands gelegene Moorwiese hinaus. Auf meine Frage, weshalb er nicht wie sonst zum vereinbarten Zeitpunkt sich eingefunden habe, erwiderte er: It must have slipped my mind whilst I was waiting for the butterfly man. - Die ebenso nahe wie unerreichbare Welt, habe mit solcher Macht ihn angezogen, daß er befürchtete, sich hineinstürzen zu müssen, wäre nicht auf einmal ein um die sechzig Jahre alter Mensch mit einem großen Schmetterlingsnetz aus weißer Gaze vor ihm gestanden und hätte in einem vornehmen Englisch gesagt, es sei jetzt an der Zeit, an den Abstieg zu denken, wenn man in Montreux noch zum Nachtmahl zurechtkommen wollte. Wenn er versuche, so Aurach, sich in die fragliche Zeit zurückzuversetzen, so sehe er sich in seinem Studium wieder bei der über nahezu ein Jahr sich hinziehenden schweren Arbeit an dem gesichtslosen Porträt Man with a Butterfly Net, das er für eines seiner verfehltesten Werke halte, weil es keinen auch nur annähernden Begriff gebe von der Seltsamkeit der Erscheinung, auf die es sich beziehe. Aurachs Mutter Luisa hatte ihrerseits als junges Mädchen bereits bei einem Familienausflug zwei sehr vornehme russische Herren gesehen, von denen er eine gerade ein ernstes Wort Wort sprach mit einem vielleicht zehnjährigen Knaben, der, mit der Schmetterlingsjagd beschäftigt, so weit zurückgeblieben war, daß man auf ihn habe warten müssen. Später erinnert sie sich wieder mit großer Deutlichkeit an den russischen Knaben, den sie längst vergessen gehabt hatte, und sieht ihn mit großer Deutlichkeit mit seinem Schmetterlingsnetz durch die Wiesen springen als den wiederkehrenden Glückboten jenes Sommertages, der nun aus seiner Botanisiertrommel sogleich die Admirale, Pfauenaugen, Zitronenfalter und Ligusterschwärmer entlassen würde zum Zeichen auch ihrer endlichen Befreiung.
Bei der Suche nach Nabokow ist alles andere ein wenig in den Hintergrund gerückt, so daß sich am Ende fast schon die Frage stellt, ob er, Nabokow, nicht vor Selwyn, Bereyter, Adelwarth und Aurach der eigentliche Protagonist des Werkes ist, immerhin treten sie nur in jeweils einer Erzählung auf, er dagegen in allen vier. Die Frage aber hat kein Gewicht, denn bekanntlich ist ohnehin allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen. So kann es nicht schaden, wenn wir den Schmetterlingsmann zum Protagonisten erklären und für einen Augenblick nur ihn ins Auge fassen. Naturgemäß aber hält er sich auf ganz andere Weise im Werk auf als Selwyn, Bereyter, Adelwarth oder Aurach, seine literarische Existenz ähnelt der des Jägers Gracchus oder des heiligen Georg, geheime Protagonisten in den Schwindel.Gefühlen.

In Dr. Selwyn tritt Nabokow als der allseits namentlich bekannte Entomologe in Erscheinung. Dabei geht es gar nicht um ihn, sein Bild dient nur dazu, einen Eindruck vom Aussehen des ihm in Gestalt und Haltung ähnlichen Selwyn zu vermitteln. Erzählerisch dient es dazu, Nabokow in markanter Weise die Bühne betreten zu lassen. In Bereyter tritt er dann als der namentlich allseits bekannte Autor auf. Sein Erinnerungsbuch, das das Buch eines, wenn man so sagen darf, multiplen Auswanderers ist, wird zu einer Brücke nicht nur zwischen Bereyter und Mme. Landau, sondern zwischen allen Ausgewanderten des Buches. In Ambros Adelwarth ist er der namenlose, Adelwarth naturgemäß nicht bekannte Entomologe, der von der benachbarten Cornell Universität wohl öfters auf das Gelände des Sanatoriums herüberwandert. Welche Art der Verbundenheit empfindet Adelwarth mit dem Schmetterlingsmann, die ihn an seinem letzten Lebenstag zum ersten Mal nach all der langen Zeit den Behandlungstermin vergessen läßt? Auch für Aurach ist Nabokow, inzwischen im Palace-Hotel in Montreux ansässig, ein ihm nicht weiter bekannter Mann mit einem Schmetterlingsnetz, den er in den Schweizer Bergen trifft. Die Zusammenkunft ist dichter als im Falle Adelwarths, der nur vom Fenster aus nach dem Schmetterlingsmann schaut, auch Worte werden gewechselt, Worte, die deutlich machen, daß der Schmetterlingsmann eine Art Schutzpatron der Ausgewanderten ist, der sie vor Schlimmen behütet. Die Faszination seines Auftretens, die auch Aurach, nicht zuletzt wegen seines besonderen Gemütszustandes, sogleich spürt, verlängert dieser in das künstlerische Schaffen. Es muß nicht zutreffen, daß Man with a Butterfly Net, eines seiner verfehltesten Werke ist, dort, wo man seinem künstlerischen Ideal womöglich am nächsten gekommen ist, mag die trotz allem verbleibende Distanz am bittersten sein. Das Porträt ist gesichtslos, gibt also den Porträtierten nicht zu erkennen, seine Anonymität bleibt gewahrt. Inwieweit eine Ähnlichkeit zum Bild auf Seite 27 besteht, wird nicht verraten. Das Schmetterlingsnetz läßt sich über das gesamte Buch dehnen, und noch weitaus mehr ließe sich entwirren, als hier versucht.
Wohl kein Leser hat bei der ersten Lektüre der Ausgewanderten das Nabokowmotiv einem close reading unterzogen, wie es hier ansatzweise versucht wurde. Ein close reading des gesamten Textes der Ausgewanderten wäre nicht möglich, jedes sorgfältige Lesen von Einzelheiten läßt den Rest des Textes zurückweichen, verschiebt dessen Bedeutungen, durchaus im Sinne einer dekonstruktivistischen Differanz. Bei ihrer ersten Lektüre der Recherche hatten Deleuze und Girard, um nur diese zu nennen, wohl wenig von dem im Sinn, was sie später dann jeweils zu Papier gebracht haben, Deleuze in Proust et les signes, Girard in Mensogne romantique et vérité romanesque. Beide haben dann bei wiederholten Lektüren jeweils andere Stellen des Riesenwerkes eng gelesen, die verbleibenden Stellen zurückgeschoben. Daß sich ihre Ausführungen ergänzen, wäre schon zuviel gesagt, immerhin aber kommen sie sich kaum ins Gehege.

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Frühe, helle Feste

Entwendete Glückseligkeit

Lévi-Strauss s'est permis, luxe suprême, de ne faire presque aucune allusion à l'extrême vulgarité du monde contemporain, so ein Anthropologe, René Girard, über den anderen, beide mit einem weiten Blick über die Menschheitsgeschichte. Susan Sontag hatte ähnliches vor Augen, als sie Sebalds Prosaarbeiten so sehr heraushob aus der zeitgenössischen Literatur. Der Dichter gibt diese Haltung weiter an seine Figuren, die wiederum entdecken sie bei anderen. Ernest wußte natürlich sehr wohl, daß der Nationalfeiertag der Grund für die ringsum aus der Finsternis aufleuchtenden Freudenfeuer war, vermied es aber auf das Taktvollste, meine Glückseligkeit durch irgendwelche aufklärerischen Bemerkungen zu stören. Überhaupt ist die Diskretion Ernests, der das jüngste Kind in einer vielköpfigen Arbeiterfamilie war, für mein Empfinden immer vorbildlich geblieben, und es hat niemand an sie herangereicht, mit Ausnahme vielleicht des Paul Bereyter, den ich leider viel zu spät kennengelernt habe.
Was Mme. Landaus ziemlich vernachlässigten Garten anbelangt, so war dem Paul ein wahrhaft einmaliges Verwandlungswerk gelungen. Die jungen Bäume, die Blumen, die Blatt- und Kletterpflanzen, die Rosensträucher, die Stauden und Boschen - es war alles am Wachsen, und nirgends gab es eine kahle Stelle mehr. Ob Mme. Landau nach Bereyters Tod die Gartenpflege in eigene Regie genommen hat, wissen wir nicht. Der Richter Frederick Farrar jedenfalls widmet sich, nachdem er in den Ruhestand eingetreten ist, ganz der Zucht seltener Rosen und Veilchen. Beide, die Schweizerin und der Engländer, schauen auf ihr Leben in sehr geraffter Form zurück. Den Richter erfaßt ein gewisses Entsetzen bei dem Gedanken, mehr als ein halbes Jahrhundert in Anwaltskanzleien und Gerichtshöfen zugebracht zu haben, Mme. Landau erinnert sich an die ziemliche Zahl von Männern, die sie in ihrem nicht unbeträchtlichen Leben, wie sie mit einem spöttischen Gesichtsausdruck hervorhob, des näheren kennengelernt hatte. Bis in die Einzelheiten entsinnen sich aber beide an ein Fest aus ihrer Kinderzeit mit einem gewissermaßen parasitären Einschlag - Michel Serres hat dem Wort ja längst seinen üblen Klang genommen -, ein Fest, an dem sie teilgenommen haben, ohne daß es für sie gedacht war, ein Fest, das sie für sich entwendet haben.
Es ist das Jahr 1914, als sich die Zeit wendete, Frederick ist acht Jahre alt. In der Schule hat bereits der Kinderkadett Francis Browne nach einer patriotischen Ansprache des Headmasters auf der Trompete einen Zapfenstreich geblasen. Noch aber tanzt die Hautevolee auf dem weit in die Nordsee hineinreichenden Pier von Lowestoft auf dem Wohltätigkeitsball unter der Schirmherrschaft eines Mitgliedes des Königlichen Hauses. Die gewöhnliche Bevölkerung, die zu der Veranstaltung naturgemäß keinen Zugang hatte, schaut in hundert und mehr Booten vom Meer aus zu, wie sich die bessere Gesellschaft zu den Klängen des Orchesters im Kreise dreht und in einer Lichterwoge gleichsam schwebt über dem nachtdunklen, schon von Nebelschwaden überzogenen Meer. Es ist eine Proustsche Szene, der Faubourg Saint Germain gleichsam auf dem Pier, die anderen, die keinen Zugang haben, draußen auf dem Wasser, die auf dem Wasser können im Grunde froh sein, daß ihnen die extrême vulgarité der Mme. Verdurin erspart bleibt. Aber ohnehin ist alles zusammengesunken zu einem impressionistisches Bild, das die Menschen, falls überhaupt, nur als gesichtslose, die Malerei belebende, selbst aber leblose Figuren erkennen läßt. Volle Gestalt dagegen haben die Mitglieder der Familie Farrar, die wie eine Karawane über den Strand und durch das Bild zieht, vornweg der Vater mit aufgekrempelten Hosen in Begleitung von zwei anderen Herren, die Mama allein mit dem Parasoleil, die drei Schwestern Violet, Iris und Rose mit ihren gerafften Röcken und dahinter die Dienstboten mit dem Eselchen, zwischen dessen Tragekörben Frederick seinen Sitz hatte. Dem ist dieses Familienbild vorgekommen wie einst der kleine Hof Jakobs des Zweiten in der Verbannung an der Küste von Den Haag. Die Verschiebung in Zeit und Raum ist eine Verschiebung aus der Zeit und dem Raum heraus. Die Erinnerung an das Fest ist wie mit einer Schutzhülle umgeben, die sie unvergänglich macht. Und so steht diese Erinnerung mit gleicher Kraft neben dem tatsächlichen Leben, das, vor und hinter dem Gesetz sozusagen, für den Richter eher auf den Wegen Kafkas als auf denen Prousts verläuft. Austerlitz, dem seine Kindheit ganz verloren war, findet sich wieder als sehr junger Teilnehmer an einer Festveranstaltung, einem Maskenball, verkleidet als Page in einem schneeweißen Kostüm, die Mantille über dem Arm, in der Hand einen extravaganten Hut mit einer Reiherfeder. Aber das ist nur einer wiederaufgefundenen Photographie abgelesen, das Fest ist vergessen und hat keine lebensstärkende Kraft, anders als bei Farrar und auch bei Mme. Landau.
Im Grunde hat Mme. Landau ihre Kindheit, das Zusammenleben mit ihrem verwitwetem Vater in eine so gut wie unmöblierten, leeren Villa am Neuenburgersee als ein großes Fest empfunden. Der Ankauf der kleinen Villa hatte das Vermögen erschöpft, für eine Inneneinrichtung fehlten die Mittel. Das Wohnen in den leeren Zimmern sei ihr niemals als ein Mangel erschienen, vielmehr wie eine durch eine wie eine durch eine glückliche Entwicklung der Dinge ihr zugefallene Auszeichnung oder Vergünstigung, so Mme. Landau, und der Dichter, die in Ritorno in patria beschriebene Einrichtung des eigenen Elternhauses vor Augen, hat volles Verständnis. An ihrem achten Geburtstag, offenbar das Alter für prägende Erinnerungen, hatte sie in der eingangs bereits erwähnten Weise mit ihrem Schulfreund Ernest gefeiert, wobei der Vater, in schwarzer Weste und einer Serviette über dem Arm, einen Kellner von seltener Zuvorkommenheit gespielt hatte. Für dieses Fest im wahrhaft engsten Familien- und Freundeszweig wurde das zum Nationalfeiertag rund um den See und überall in der Schweiz gezündete Raketenfeuerwerk gleichsam zu ihren Ehren entwendet.
Was ist unter der Teilnahme an einem Fest zu verstehen? Die Intensität der Teilnahme ist bei den Teilnehmern in keiner Weise gleich. Sieht man Festveranstaltungen als unter modernen Bedingungen von rituellen Aufgaben weitgehend entlastete Riten an, so bleibt im Wohltätigkeitsball und beim Nationalfeiertag diese Herkunft greifbar. Dabei dient das Fest als verblaßter Ritus aber nur noch dem Zusammenhalt der Menschen im Guten. Dem romantischen Helden, man denke an Jewgeni Onegin, dient das Fest nicht selten, sich als nichtteilnehmender Teilnehmer zu profilieren. Etwas ganz anderes aber ist in jedem Fall der Raub eines Festes im Alter von acht Jahren, der letzten Gelegenheit für die Festigung des Glaubens, das Leben meine es, bei aller späteren Befremdung, im Grunde gut mit einem. Ein entwendbares Fest ist ein moveable feast, ein Fest fürs Leben, wie es bei einem amerikanischen Autor heißt, hier ist der Titel mit einer neuen und doch ähnlichen Bedeutung unterlegt.

Samstag, 18. Oktober 2014

Selysses und der Elohist

Wacholderduft bei Delphi

Cosmo Solomon und Ambros Adelwarth reisen über Athen und Konstantinopel, heute Istanbul, nach Jerusalem. Athen und Jerusalem, Griechen- und Judentum, bilden nach verbreiteter Überzeugung die Zwillingswiege der abendländischen Kultur, im Christentum, das die abendländischen Kultur über zweitausend Jahre nahezu konkurrenzlos bestimmt hat, sind Jerusalem und Athen eine unentwirrbare Verbindung eingegangen. Die Idee, auch das ebenfalls bereiste Istanbul sei Teil Europas, liegt derzeit angesichts der Umtriebe des sogenannten Islamischen Staats auf Eis. Erich Auerbach betrachtet die Wiege der europäischen Erzählkunst und legt in Die Narbe des Odysseus, dem Eingangskapitel seines Buches Mimesis, bei der Besprechung einmal eines Abschnitts aus der Odyssee, dem der Wiedererkennung des Odysseus durch die Magd, und zum anderen des Isaakopfers im Alten Testament zwei grundverschiedene Weisen der Realitätserfassung frei.
Bei Homer ist alles vollkommen klar, kein Umriß verschwimmt. Auch für wohlgeordnete, jedes Gelenk zeigende, gleichmäßig beleuchtende Beschreibung der Geräte, Handreichungen und Gesten ist Raum und Zeit reichlich vorhanden; selbst in dem dramatischen Augenblick des Wiedererkennens wird nicht versäumt, dem Leser mitzuteilen, daß es die rechte Hand ist, mit der Odysseus die Alte an der Kehle faßt. Klar umschrieben, hell und gleichmäßig belichtet, stehen oder bewegen sich die Menschen und Dinge innerhalb eines überschaubaren Raumes: und nicht minder klar, restlos ausgedrückt, auch im Affekt wohlgeordnet sind die Gefühle und Gedanken. Ganz anders der Elohist. Gott gibt einen Befehl, und es beginnt die Erzählung selbst, ohne jede Einschaltung, in wenigen Hauptsätzen, deren syntaktische Verbindung miteinander äußerst arm ist, rollt sie ab. Undenkbar wäre es hier, ein Gerät, das gebraucht wird, eine Landschaft, die man durchquert, zu beschreiben, das Aussehen der Geräte oder ihre Brauchbarkeit rühmend zu schildern, nicht einmal ein Adjektiv ertragen sie, es sind Knechte, Esel, Holz und Messer, weiter nichts. - Nicht leicht lassen sich größere Stilgegensätze vorstellen als zwischen diesen beiden, gleichermaßen antiken und epischen Texten. Auf der einen Seite ausgeformte, gleichmäßig belichtete, orts- und zeitbestimmte, lückenlos im Vordergrund miteinander verbundene Erscheinungen. Auf der anderen Seite wird nur dasjenige an den Erscheinungen herausgearbeitet, was für das Ziel der Handlung wichtig ist, der Rest bleibt im Dunkel: Rembrandt als der naturgemäße Maler des Alten Testaments. Die entscheidenden Höhepunkte der Handlung werden allein betont, das Dazwischenliegende ist wesenlos. Die Handlung wiederum ist nur Ausdruck der in ihrem Hintergrund verborgenen Wahrheit Gottes.
Wenn man also annehmen wollte, die europäische Erzählkunst sei aus diesen beiden grundverschiedenen Ansätzen hervorgegangen, so sicher nicht in der Weise, daß die beiden Stränge sich getrennt voneinander ein jeder in seiner Richtung weiterentwickelt hätten, sie haben sich unendlich oft gekreuzt und auf endlose Weise miteinander verwoben, und doch würde man, denkt man etwa an die zwei großen Russen des neunzehnten Jahrhunderts, ohne viel Umstände Dostojewski Jerusalem und Tolstoi Athen zuordnen. Bei Sebald liegen die Dinge verzwickter. Die ständigen Wanderbewegungen seines Erzählers haben uns veranlaßt, ihn, erinnernd an den griechischen Reisenden, Selysses zu nennen. Was der Dichter Pisanello abliest, gilt auch für ihn selbst: Allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt wird dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen - auch das, möchte man meinen, ein deutlicher Fingerzeig hin zur griechischen Seite. Die ebenso reichen wie schwerelosen Sätze vermitteln den Eindruck, alles sei in ihnen restlos ausgedrückt. Die Situationen sind immer exakt orts- und zeitbestimmt, aber bald fragt man sich, warum eigentlich, die Exaktheit verliert sich ohne Spuren zu hinterlassen. Kein gleichgültiger Blick geht über eine namen- und gestaltlose Landschaft hinweg, über eine nicht weiter bestimmte selva oscura etwa. Hier stehen die astlosen, gut siebzig- bis achtzigjährigen Fichten die Abhänge hinauf. Immer wieder, wenn die Luft ein wenig in Bewegung geriet, regnete das Tropfwasser in Güssen herunter. Stellenweise, wo es lichter war, wuchsen vereinzelte, längst blattlose Buchen, das Geäst und die Stämme von der fortwährenden Nässe geschwärzt. Keinen Laut gab es in dem Tobel, als den des Wassers auf seinem Grund, keinen Vogelschrei nichts. Das ist reich in der Erfassung, kein Gedanke aber, es sei alles, hinter den lückenlos im Vordergrund miteinander verbundene Erscheinungen gäbe es nicht einen verborgenen Hintergrund, der immer wieder durch die geschilderte Realität bricht. Einmal fielen mir ein paar Hühner auf mitten in einem grünen Feld, die sich, obschon es doch noch gar nicht lange zu regnen aufgehört hatte, für ein die winzigen Tiere, wie mir schien, endloses Stück von dem Haus entfernt hatten, zu dem sie gehörten. Aus einem mir nach wie vor nicht ganz erfindlichen Grund ist mir der Anblick dieser weit ins Feld sich hinauswagenden Hühnerschar damals sehr ans Herz gegangen. Überhaupt weiß ich nicht, was es ist an bestimmten Dingen und Wesen, das mich manchmal so rührt. Ja, was rührt uns bei der Betrachtung der Welt, was verbirgt sich hinter den Erscheinungen.

Selysses geht unter ständigen Schwindelgefühle durch eine, wie die geregelte Satzfolge suggeriert, völlig aufgeräumte Welt, in einem fortwährenden Wechsel aber von Ausleuchten des Vordergrunds und Erahnen des Verborgenen. Auch bei Dostojewski ist unter der Leitung des Elohisten Homer am Werke, bei Tolstoi unter der Leitung Homers der Elohist. Hier aber scheint es sich fast schon um ein explizites und extremes Spiel mit den beiden Formansätzen zu handeln. Auf der Elohistenseite ist es naturgemäß so, daß das immer wieder durchscheinende Verborgene nicht auf eine souveräne Wahrheit verweist, die Gotteswelt liegt in Trümmern, der heilige Franziskus treibt mit dem Gesicht nach unten im Sumpf, Rembrandt tritt nicht als Schilderer des göttlichen Versprechens auf, als Teilnehmer an der Prosektur des Dr. Tulp sieht er, bereits zwei Schritte weiter, das Scheitern der Neuzeit.

Von Athen und Griechenland nehmen Cosmo Solomon und Ambros Adelwarth auf ihrer Reise kaum Notiz, kaum glaube ich, daß ich derselbe Mensch und in Griechenland bin, aber ab und zu weht der Geruch der Wacholderbäume zu uns herüber, und so ist es wohl wahr; Jerusalem ist, so scheint es, eine bittere Enttäuschung, die neueren Bauten von einer schwer zu beschreibenden Häßlichkeit, in den Straßen große Mengen von Unrat, on marche sur des merdes; Istanbul kann sich in mancher Beziehung sehen lassen. Man müßte darüber nachdenken.

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Nel mezzo del cammin

Neuanfänge

Als ihm klar geworden sei, daß er sein Glück nicht im Dienst der Armee würde machen können, habe Stendhal, so heißt es, den Entschluß gefaßt, der größte Schriftsteller aller Zeiten zu werden, einige bestätigen ihm eine immerhin gute Annäherung an die Zielvorgabe. Nicht jedem ist ein derartiger Neuanfang zur Mitte des Lebensweges vergönnt, Kafka etwa, Selysses' anderer Begleiter in Oberitalien, sah sich angesichts der kurzen ihn erwartenden Lebensspanne veranlaßt, schon früh mit dem Schreiben zu beginnen, ähnliches gilt für Tschechow. Immerhin nahm sich der eine Zeit, begleitend die Juristerei zu erlernen, der andere die Heilkunde. Bei anderen wiederum ist der Neuanfang verborgen. Proust hat bis zur Mitte seines Weges mehr oder weniger gar nichts getan, die Zeit, wie es schien, unter ständigen Selbstvorwürfen vergeudet. Dann, ab einem gewissen Zeitpunkt, hat er nur noch geschrieben, man kann vermuten, mit der Absicht ein noch größerer Schriftsteller zu werden als Stendhal. Die Zeit zuvor hatte er entgegen dem Anschein nicht völlig verloren, er hatte die Augen offen gehalten, Zeugnis davon geben die fast tausend Seiten des posthum herausgegebenen Jean Santeuil eine Art Protorecherche, der alles fehlt, was der wahren Recherche ihren Glanz und ihre Tiefe verleiht, bloße wenn auch fraglos hinreißende Beobachtungen und Impressionen eines unbeteiligten Erzählers, der ein und aus geht in den Salons des Faubourg Saint-Germain und dabei auf die Versammelten und auch auf sich selbst wie durch eine Glasscheibe schaut, unberührt. Der Umstand, daß die Recherche, anders als Jean Santeuil, einen Icherzähler hat, besagt nicht, daß sich das Ich nun erhebt über die anderen, das Gegenteil ist richtig, es wird deutlich, wie das Ich sich in seinem rastlosen Begehren in die anderen verliert.
René Girard benennt Proust neben Cervantes, Stendhal, Flaubert und Dostojewski als Kronzeugen für den von ihm diagnostizierte Gegensatz von Lüge der Romantik und Wahrheit des Romans. Die Lüge der Romantik ist das verselbständigte, klarsichtige Ich, Souverän seiner selbst und seines Begehrens, die das Ideal erreichen sind die authentischen Menschen, die es verfehlen die nichtauthentischen; die Wahrheit des Romans ist das über die Strukturen der Mimesis mit den anderen verwobene Ich, darin sind sich alle mehr oder weniger wenn auch nicht unterschiedslos gleich. Der Schlüsselsatz der Wende von der Lüge zur Wahrheit findet Girard in Dostojewskis Записки из подполья, dem ersten nennens- und bewahrenswerten Buch des Dichters, die vorausgegangenen frühen Werke sind gleichsam sein Jean Santeuil: Я-то один, а они все - ich bin all ein und sie sind alle. Der Held des Buches steht noch auf der Seite der Lüge und hält den Satz für wahr, der Dichter durchschaut die Lüge des Satzes, die Trennung des Ichs von den anderen, und steht auf der Seite der Wahrheit. Der mimetischen Struktur kann niemand entkommen, am wenigsten im Hochmut oder im Gefühl der Erwähltheit. Heidegger se croit étranger au mimétisme ambiant, au Das Man. Et pourtant, au moment où on était nazi autour de lui, Heidegger, lui aussi, était nazi.
Sebald beginnt seine literarische Arbeit im ungefähren Todesalter Kafkas und Tschechows. Wenn es von vornherein seine Absicht war, das bedeutendste Prosawerk in deutscher Sprache des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts zu schreiben, hat er es nicht öffentlich verkündet. Das erste Auftreten seines Alter Ego als Erzähler der Schwindel.Gefühle hat ganz und gar nichts Triumphales. Ähnlichkeit mit Stendhal besteht aber darin, daß er das vorausliegende Metier des Literaturwissenschaftlers und -kritikers nicht selten gefechtsmäßig im Zeichen rivalisierender Mimesis betrieben hat, der Wechsel von der Wissenschaft zur Dichtung ist mithin kaum weniger radikal als der Wechsel herkommend vom Soldatentum. Sebald ist geistig aufgewachsen in der neoromantischen Zeit der achtundsechziger Jahre, und man ist versucht, die Schwindelgefühle mit der damals üblichen Begrifflichkeit von Identitätskrise, Identitätsverlust, Identitätssuche, bis hin zur Selbstfindung und Selbstverwirklichung zu beschreiben. Tatsächlich ist sich Selysses seiner Sache in keine Weise sicher, er weiß nicht, warum er überhaupt unterwegs ist (viel besser wäre ich bei meinen Landkarten und Fahrplänen zu Hause geblieben), er versteht es nicht, sich eine ordentliche Mahlzeit zu verschaffen (meistens gerate ich wahllos einfach irgendwo hinein und verzehre dort in trostloser Umgebung und unter Unbehagen ein mir in keiner Weise zusagendes Gericht) und wenn er einmal so behandelt wird, wie es sich gehört, glaubt er gleich an ein Wunder (das Frühstück in der goldenen Taube grenzte ans Wunderbare). Aber nicht nur mit sich selbst, auch mit den anderen kennt er sich nicht aus, in Wien findet er gar niemand, mit dem er sprechen kann, bloß mit den Dohlen in den Anlagen vor dem Rathaus hat er einiges geredet und mit einer weißköpfigen Amsel, und auf der obersten Galerie des Mailänder Doms kann er sich nur mit größter Mühe zu der Erkenntnis durchringen, daß es sich bei den Menschen auf der Piazza weit unter ihm wohl um lauter Mailänder und Mailänderinnen handelt. Wie viele maßvoll begabte, aber auch wie manche der ganz großen Autoren kehrt er zurück to where it all began, an den Ort der Kindheit, Tolstois Детство, Prousts Combray. Der Neuanfang zur Lebensmitte verbündet sich, in der Art eines Resets, mit dem Anfang. Das Kind allerdings, und das ist die Besonderheit des Ritorno in Patria, bekommen wir so gut wie nicht zu Gesicht und erleben vielmehr nur, wie in einem Film mit subjektiver Kamera, mit seinen Augen die Dorfbewohner.

Liest man die vier Prosabände als eine einzige durchgehende Erzählung vom Leben des Selysses, so berichten die Schwindel.Gefühle von einem Selbst- und Weltverlust nel mezzo del cammin, die anderen drei Bände von einem Wiederfinden des Ichs nicht auf den Plätzen der romantischen Lüge, sondern in der Wahrheit der Prosaerzählung. Immer mehr wird Selysses, dabei an das erinnerte Ich der Kindheit anknüpfend, zum Wegbegleiter anderer, zu einem Therapeuten ohne heilende Absicht. Das bedeutet nicht, daß man sich über Gebühr nahe kommt. Bereyter hat Selysses nur als Kind gesehen, als der sein Lehrer war, Adelwarth nur ein Mal, auch als Kind bei einer Familienfeier. Aurach trifft er in großen Abständen in der menschenleeren, wie evakuiert wirkenden Stadt Manchester. Immer hat er Sorge, Austerlitz zu nahe zu treten, nicht zu fern und nicht, zu nah, pas trop près et pas trop loin les uns les autres, mais plutôt loin, so ist wohl die Einschätzung. Am Ende des Weges läßt Selysses sich von Austerlitz, wie Dante von Vergil, durch die Kreise der großen Hölle in Theresienstadt und das kleine Reich der Seligen in Andromeda Lodge führen. To the unhappy few könnte die Zueignung lauten, aber wer weiß schon, wenn es ernst wird, zwischen Glück und Unglück zuverlässig zu unterscheiden.