Montag, 13. Oktober 2008

Ajaccio und Moskau

Eine haltlose Spekulation

Die Marbacher Ausstellung Wandernde Schatten ist eine große Freude für den Sebaldverfallenen, mehr vielleicht noch als die Ausstellung selbst aber der in allen seinen Einzelheiten tadellose Katalog, enthält er doch, neben vielem anderen, so umfangreiche Entwürfe des aufgegeben Korsikabuches, daß es möglich wird, seine Umrisse zu erahnen. Die an verschiedenen Stellen deutlich nur vorläufigen Entwürfe erfordern auch eine gewisse Korrektur der Vorstellung, man würde sich in Sebalds Prosa immer gleich wohl fühlen, ganz gleich wie und worüber sie geht. Mancher, der unvorbereitet die Lektüre des Austerlitzbuches aufgenommen hatte, konnte zunächst mutmaßen, es sei ein Buch ausschließlich über Bahnhöfe und wäre es zufrieden gewesen. Einige der nicht fertiggestellte Prosatexte geben jetzt aber eine Vorstellung davon, welche Mühe es war, die fertigen an die Oberfläche zu heben.

Michael Niehaus weist in seinem sehr schönen und allseits erhellenden, ebenfalls im Marbacher Katalog enthaltenen Aufsatz darauf hin, daß Sebald, der der Romanform aus dem Weg ging, seine Prosastücke gleichwohl überzeugend figurieren mußte mit Personen, die eine hinreichende Distanz zur Erzählstimme ausweisen. In der Tat sind die Erzählpassagen, in denen die Stimme des Selysses allzu sehr mit der eines Gleichgesinnten in eins fließt, oft die weniger befriedigenden. Das betrifft etwa den siebten Teil der Ringe des Saturn mit dem Besuch bei Michael Hamburger. Die größte Distanz und oft auch ein besonderes Erzählglück ergeben sich sozusagen von selbst bei historischen Personen, zumal wenn es sich um solche handelt, die in China wohnen und dort herrschen.

In den Aufzeichnungen aus Korsika, Zweite Fassung wird Gerald Ashmann als ausdauernder Flugbegleiter des Selysses in eine Position gebracht, die schon ein wenig auf die des Austerlitz vorbereitet, und es ist klar, dabei konnte es nicht bleiben. Mit seinem Hintergrund, der im wesentlichen aus seiner unbändigen Fluglust besteht, konnte er nicht der Vergil sein, der Dante-Selysses durch Hölle und Himmel führt. Einsperrt, wie die beiden sind, in die enge Flugzeugzelle fließen die gleichgerichteten Ansichten der beiden Flieger sozusagen rettungslos zusammen. Niehaus erwähnt, daß in den in Campo Santo veröffentlichten Korsikatexten nur ephemere Gestalten wie die der Kassiererin in der Casa Bonaparte figuriert sind, freilich aber ist an der enormen, rhythmusgebenden, die Augen und Ohren immer wieder neu öffnenden Bedeutung ephemerer Gestalten in Sebalds Prosa festzuhalten. Irgendwie sind sie ja auch alle ephemer, die Reise- und Wanderbekanntschaften, nicht nur die Empfangsdamen, sondern auch Conrad, Swinburne und die Kaiserin inmitten ihrer Seidenraupen, so daß man von den kleinen und den großen Ephemeren sprechen müßte. Der Zutritt zu einem kleinen Flugzeug, das bereits auf Reisekurs ist, bleibt ihnen jedenfalls verwehrt, sie können nicht helfen. Im Austerlitzbuch finden wir Gerald wieder, angenehm reduziert, zersplittert und zugleich angereichert um eine konkrete Jugend, eine Familie u.a. - Einzelheiten des Übertrags vom fallengelassenen in das veröffentlichte Buch sind in dem gleichfalls im Katalog enthaltenen und gleichfalls sehr schönen Aufsatz Ulrich von Bülows ausgeführt.

Mit dem Austerlitzbuch kommt Sebald der selbstgezogenen Grenze, wonach sein Medium die Prosa und nicht der Roman ist, bis zur Verletzung nahe, und die gewiß müßige Frage, ob er nicht vielleicht doch besser beim Korsikabuch geblieben wäre, meldet sich auf lästige Weise. Der auf Seite 218 erscheinende Kapitelplan ist kaum vollständig, man kann schwer glauben, daß Sebald nicht die Gestalt Napoleon Bonapartes zur Raumgewinnung genutzt hätte, und daß er, dem in den Ringen des Saturn eine Spielzeugeisenbahn für die Fahrt nach China reichte, nicht bis Moskau gelangt wäre, um dort Tolstoi und andere Russen zu treffen. Tschechow war er ja bereits auf sehr schöne und traurige Art in Deutschland begegnet, mit einer allerletzten Sehnsucht nach Rußland im Herzen:


Wie der Morgen graut,
legt ihm der Arzt
Eis auf das Herz,
gibt ihm Morphium
und ein Glas Champagner.
Ans Heimreisen dachte er (LW 70)


Müssen sich vielleicht die Freunde der russischen Literatur, ohne daß sie es schon wissen oder jemals mit Sicherheit wissen würden, mehr noch als andere grämen über das liegengelassene Projekt?

Donnerstag, 18. September 2008

Land & Wasser

Entfaltung und Einfaltung in Lyrik und Prosa

Im Nachwort zum aus dem Nachlaß herausgegebenen Lyrikband Über das Land und das Wasser zitiert der Herausgeber Sebald mit den Worten: Mein Medium ist die Prosa – und schränkt das mit Hinweis auf die fortgesetzte lyrische Produktion des Autors ein. Man mag darin zunächst Marketing für das Buch und allenfalls an zweiter Stelle einen Dissens zwischen Autor und Herausgeber sehen. Jedenfalls wird, wer den Prosadichter Sebald liebt und sich auf dem Boden der Lyrik generell unsicher fühlt, gern der Selbsteinschätzung des Autors folgen. Er wird dem Herausgeber dann auch großzügig nachsehen, daß er nicht mit offenen und obendrein mit gezinkten Karten spielt, das vollständige Zitat lautet nämlich: Mein Medium ist die Prosa und nicht der Roman – ein Unterschied, den zu betonen Sebald allen Anlaß hatte. Prosa ist also gar nicht der Lyrik konfrontiert, die Idee, sie, die Lyrik, könne sein endgültiges Medium sein, lag Sebald wohl eher fern. An dieser Stelle soll jedenfalls keine nähere Beschäftigung mit der Lyrik stattfinden, es sollen nur einige Reflexe ins Auge gefaßt werden, die entstehen, wenn man die Lyrik auf die Prosa projiziert.

In der angelsächsischen Kritik ist Sebald als easy read charakterisiert worden. In der Tat gibt es kaum einen zeitgenössischen Autor, der sich vergleichbar, wie es scheint, um eine ganz und gar klare und ungetrübt durchsichtige Prosaoberfläche bemüht wie Sebald. Immer wird noch ein zusätzliches klarstellendes Wort eingefügt, noch ein weiterer erläuternder Halbsatz aufgeklappt. Die Klarheit der Oberfläche zieht aber sichtbar-unsichtbar das ganze vielgestaltige Dunkel der Welt hinter sich her. Man könnte glauben, Sebald habe erst mit der Veröffentlichung künstlerischer Prosa begonnen, als dieses Prosaideal für ihn feststand und auch erreichbar war. Der Einsatz fand mit den Schwindel.Gefühlen denn auch gleich auf dem höchsten, nicht mehr zu übertreffenden, sondern nur noch zu variierenden Niveau statt. Wie verhält sich dazu die Lyrik.

Das erste Gedicht in dem Band lautet:

Schwer zu verstehen
ist nämlich die Landschaft,
wenn du im D-Zug von dahin
nach dorthin vorbeifährst,
währen sie stumm
dein Verschwinden betrachtet.

Weder entfaltet noch eingefaltet, ein Augenblick der Evidenz mit einer durchaus durchsichtigen Bedeutungsschicht überzogen, die aber, wie die spätere Prosa, das Dunkel der Unverständlichkeit im Nacken hat (Schwer zu verstehen...). Der knappe Vers enthält mit dem Reisen ein Generalthema der Prosa, und auch die Inversion, die den Blick vom Leblosen auf das Belebte lenkt, wird zum Prosathema: Was mich beunruhigte war die an sich unsinnige Vorstellung, daß die durch diese Verschuppung ihrer Oberfläche gewissermaßen ans Lebendige heranreichende gußeiserne Säule sich erinnerte an mich (AUS 319/320).

Einige Gedichte weiter (LW 10):

Versiegelt die Absicht
bewahrter Zeichen.
Durch Regen gereist
verwischt die Adresse.
Vermute das „Wiederkehr“
am Ende des Briefes!
Zuweilen gegen das Licht
erscheint: „der Seele“.

Eine Annäherung an das vermutete Prosaideal der Oberflächenklarheit hat auf den wenigen Seiten, die zwischen den beiden Gedichten liegen, nicht stattgefunden, die Sprache ist deutlich nicht entfaltend, sondern eingerollt, verrätselt.

Ganz anders sieht es aus bei der späten, parallel zur Prosaproduktion, man kann vermuten: zur Entspannung entstandenen Lyrik aus. Ein besonders ansprechendes Beispiel ist die auf das 1999 datierte Marienbader Elegie. Es ist eine Schriftstellervignette ähnlich der Rousseaus im Landhaus, Stendhals und Kafkas in den Schwindel.Gefühlen oder Chateaubriands und Swinburnes in den Ringen des Saturn. Es ist die gleiche Mischung kollegialer Nähe zu Mitgliedern der Glücks- und Leidensgemeinschaft der Schreibenden, äußerster Dezenz der Annäherung, aber auch einer leicht spöttischer Distanz, die freilich umfassend auf die seltsamen Handwerke des Schreibens, des Lebens und des Liebens zielt und insofern selbstreflexiv den Autor selbst bewusst immer mit einbezieht. Noch weitergehend sind auch wir einbezogen, denn stilistisch sind wir alle als Teilnehmer einer Comédie Humaine verstanden. Dabei ergibt sich speziell an dieser Stelle zusätzlich Entlastung für alle, die dem Mittelteil der Trilogie der Leidenschaft nicht ohne ein gewisses hilfloses Stirnrunzeln gegenüberstehen:


Mir aber wollte es
nicht recht gefallen
dies herrliche Geflecht
verschlungener Minnen.

....Ein
Faksimile davon habe
Ich heute gesehen im Museum
Von Marienbad nebst
ein paar anderen Sachen

die mir viel näher
gingen & unter denen
eine Dochtschere gewesen
ist & ein Siegellacksatz,
ein Ablegeschälchen aus
Papiermaché & eine Feder-
zeichnung Ulrikes...

Wenn das Gedicht insgesamt als eine Wortwelterinnerungen zu charakterisieren ist, so gleitet es dann hin zu den aus den stummen Dingen des ANTIKOS BAZAR, auf den Selysses allenthalben stößt und aus denen sein Blick die tieferliegenden Erinnerungen der Wortlosigkeit löst. Man kann mutmaßen, daß in einem parallelen Prosatext die Entfaltungen noch über tausend Blütenblätter weiter gegangen wären. Die Nagelprobe ist möglich an zwei Gedichten, zu denen es eine derartige Prosavariante gibt. Dabei kann es natürliche nicht um absolute Maßstäbe gehen, da Lyrik ganz allgemein als eine einfaltende und Prosa demgegenüber als ein entfaltende Literaturform zu kennzeichnen wäre. Das Interesse zielt vielmehr auf das Verhältnis einer nur schwach einfaltenden, eigentlich schon entfaltenden Lyrik zu einer extrem entfaltenden Prosa.

Viele der Gedichte sind offenbar auf Reisen entstanden, einige von den späteren offenbar auf Reisen, die zu Prosazwecken unternommen wurden. Die Entstehung der Marienbader Elegie möchte man einer Reise in die Tschechei zuordnen, die für das Austerlitzbuch notwendig war. Man stellt sich den Dichter einsam in einem Hotelzimmer vor, wie er versucht, die rastlos sich bewegenden, noch nicht in Prosaform gebrachten Stoffmengen, die ihm den Schlaf rauben, durch das Gedicht zum Schweigen zu bringen, eine persönliche Mentalhygiene also. Der Beginn des Gedichtes In Bamberg:

In Bamberg
liege ich schlaflos
in einem steinernen
Haus (76)

scheint diese Phantasie zu bestätigen.

Das Gedicht New Jersey Journey (60) verarbeitet in der angenommenen Art Material der Erzählung Ambros Adelwarth:

Eine zerdehnte Katastrophe
der Strom des Verkehrs
Überholvorgänge die eine Ewigkeit
währen todessüchtige Blickwechsel
mit den wildfremden Menschen
auf der anderen Spur

Im Prosatext ist die Todessehnsucht verschwunden, und es wird daraus eine der bei Sebald gar nicht seltenen Stellen, wo die Klarheit der Prosa vor einem semantisch hellen, geradezu spaßigen Hintergrund steht, hier umso schöner, als die Helligkeit von dunklen Menschen ausgeht: Die Überholvorgänge verliefen so langsam, daß man, während man Zoll für Zoll sich nach vorn schob oder zurückfiel, sozusagen zu einem Reisebekannten seines Spurnachbarn wurde. Beispielsweise befand ich mich einmal eine gute halbe Stunde in Begleitung einer Negerfamilie, deren Mitglieder mir durch verschiedene Zeichen und wiederholtes Herüberlächeln zu verstehen gaben, daß sie mich als eine Art Hausfreund bereits in ihr Herzgeschlossen hatten, und als sie an der Ausfahrt nach Hurleyville in einem weiten Bogen von mir sich trennten, da fühlte ich mich eine Zeitlang ziemlich allein und verlassen (AW 154). Das Überholen, auf deutschen Autobahnen, wenn es nach dem Willen und der Absicht der Verkehrsteilnehmer geht, eine Sache von Sekundenbruchteilen, hier fast in den Stundenbereich gedehnt: ganz offenbar ein gefundenes Fressen für Sebalds Entfaltungskunst, mit dem knappen Aufklappen in der Gedichtform konnte er noch längst nicht zufrieden sein.

Die Überholszene ist in der Erzählung in die Fahrt nach Ithaca New York verlegt, die weiteren Szenen des Gedichts verbleiben auch in der Prosaspiegelung in New Jersey. Dem Gedicht entsprechen in der Erzählung im wesentlichen die Seiten 104 bis 130.

Getrieben von der Sehnsucht
nach den Brüdern der grauen Vorzeit
erhebt sich aus dem Flughafen Newark
ein Jumbo über Lagunen und Sümpfe
über ein rauchendes
Riesengebirge aus Müll
und die ungezählten Lichter der Raffinerien

Gleich außerhalb des Flughafengeländes wäre ich um ein Haar von der Straße abgekommen, als ich über einem dort aufgeworfenen wahren Riesengebirge aus Müll einen Jumbo wie ein Untier aus ferner Vorzeit schwerfällig in die Luft sich erheben sah. Er zog einen schwarzgrauen Rauchschleier hinter sich her, und einen Augenblick lang war mir, als habe er die Schwingen bewegt (AW 105).

Die Entfaltung geht weniger in den Umfang, als daß, wie schon beim Überholvorgang, eine Veränderung der Tonlage ins Entspannte, Freundlichere, fast Heitere stattfindet. Mit dem Beinaheunfall (wie dürfen uns von Sebalds schlimmen persönlichem Schicksal nicht in der literarischen Wahrnehmung beirren lassen) wird ein wenn auch nur leichter Slapstickeffekt erzielt. Schon in Verona, auf dem Corso Cavour, wäre Selysses fast dem Verkehr zum Opfer gefallen, als er einem herrenlosen Hund nachschaut (SG 139). Sebalds Humor ist längst nicht so deadpan wie der Buster Keatons, den niemand jemals hat lachen sehen, für viele aber anscheinend unsichtbar.

Krüppelholz meilenweit
Telegraphenstangen Blaubeerfelder
eine sibirische Gegend
kolonisiert und verwildert
totgesagte Supermärkte
aufgelassene Hühnerfarmen
durchgeistert von Abermillionen
von Frühstückseiern
bergend die unentzifferten Seufzer
einer ganzen Nation

Den ganzen Garden State Parkway entlang gab es nichts als Krüppelholz, verwachsenes Heidekraut und von ihren Bewohnern verlassene, teils mit Brettern vernagelte Holzhäuser, umgeben von verfallenen Gehegen und Hütten, in denen, wie der Onkel Kasimir mir später erklärte, bis in die Nachkriegszeit hinein Millionen von Hühnern gehalten wurden, die unvorstellbare Abermillionen von Eiern legten für den Markt von New York, bis neue Methoden der Hühnerhaltung das Geschäft unrentabel machten und die Kleinhäusler samt ihrem Federvieh verschwanden (AW 105).

Hier ist die räumliche Entfaltung wieder deutlicher, vor allem eignet sich der sozusagen de profundis hervorgestoßene lyrische Text erneut als Kontrastmittel, um zu zeigen, wie sehr der Erzähltext durch eine zwischengeschobene Erzählerinstanz, durch das zeitliche Nachschieben der Erklärung, durch ein wenig niedliche Vokabeln wie Kleinhäusler oder Federvieh auf Distanz und freundliche Verträglichkeit gebracht wurde.

Die im Gedicht festgehaltene Episode des Besuchs beim Onkel Kasimir und der Tante Lina gibt in der Erzählung nur den Rahmen ab für Gespräche über den Titelhelden Ambros Adelwarth, die Erzählung entfaltete sich insofern über lange Strecken in eine Richtung, für die die Projektion auf das Gedicht nicht ergiebig ist, Gedicht und Erzählung treffen sich dann abererneut:

Schnaps trinkend
erzählte er mir später
von der Eroberung New Yorks
Schnaps trinkend überlege ich
die Verzweigung unseres Unglücks
und die Bedeutung des Bildes
das ihn meinen Onkel
als Spenglergesellen im 23erjahr
auf dem neuen Kupferdach
der Augsburger Synagoge zeigt
was waren das für Zeiten

Der Onkel hatte zwei Gläser hervorgeholt und schenkte den Enzian ein, den ich mitgebracht hatte. In Deutschland sei er auf keinen grünen Zweig gekommen. Nur ein einziges Mal habe er, wie er mit der Spenglerlehre in Altenstadt fertig war, eine Arbeit gehabt, anno 28, als ein neues Kupferdach auf die Augsburger Synagoge gemacht worden sei. Das hier bin ich, sagte der Onkel Kasimir, indem er eine postkartengroße gerahmte Fotographie, die er von der Wand genommen hatte, mir über den Tisch zuschob.... (AW 117).

Anderntags fahren wir hinunter ans Meer
Seaside Park Avenue um zwölf Uhr mittags
menschleer die hölzernen side-walks
verbarrikadierte Stehrestaurants
im alpenländischen Stil Sommerhäuser
in denen die Zugluft umgeht
Segelboote klappernd vor Kälte
Dünen unterwandern die Stadt

Vor den haushohen braunen Wellen
des Ozeans macht der Onkel
vornübergebeugt in den Wind
mit seinem Polaroidapparat
noch ein Bild von mir

Die Straßen waren leer. Wir brauchten für die zwanzig Meilen bis an den Atlantik hinunter bald eine Stunde, weil der Onkel Kasimir so langsam fuhr, wie ich auf einer freien Strecke noch nie habe jemand fahren sehen. Im Hafen lagen dicht wie eine verängstigte Herde aneinandergedrängte Segelboote mit scheppernden Takelwerk. Der Buyright Store, der Pizza Parlour und der Hamburger Haven und auch die Wohnhäuser waren versperrt und hatten die Läden herabgelassen. I often come out here, sagte der Onkel Kasimir, it makes me feel that I am a long way away, though I never quite know from where. Dann holte er seine Kamera aus seinem großkarierten Überzieher heraus und machte diese Aufnahme, von der er mir zwei Jahre später einen Abzug schickte zusammen mit seiner goldenen Taschenuhr (AW 129f).

Das Motiv der extrem langsamen Fahrzeugbewegung, diesmal nicht relativ beim Überholen, sondern absolut, ist ein zweites Mal genutzt, wieder fühlt man sich in der Prosa, anders als im Gedicht, behütend bei der Hand genommen. Das Gedicht wirkt schon optisch so, als stände es in einem harten Wind, der von Osten in es einschlägt, in der Prosa bewegen wir uns hinter unsichtbaren schützenden Wällen.

Wenn schon die Marienbader Elegie als Nebenprodukt einer Prosaerkundungsreise gedeutet wurde, so gilt das umso mehr für Das vorvergangene Jahr (LW 65). Dem Gedicht entspricht eine konkrete Erzählstrecke im Austerlitzbuch (AUS 298ff). Der Lyrik/Prosakontrastbefund ist dem Wesen nach ähnlich wie bei der New Jersey Reise, aus einem Motorradfahrerfahrer im Gedicht werden zwei in der Erzählung, den vier Seiten Lyrik, allenfalls halbe Zeilen, werden zehn Seiten Prosa, dem kann im einzelnen nicht nachgegangen werden. Der Titel des Gedichtes ähnelt dem des bekannten Films Letztes Jahr in Marienbad. Dem könnte aber nur nachgehen, wer den bekannten Film auch kennt.

Das in den Gedichten durchgängig verwendete Zeichen & möchte man, weil man es nicht besser weiß, als eine Besonderheit des lyrischen Sebald verstehen, tatsächlich handelt es sich aber, wie dem Marbacher Katalog Wandernde Schatten zu entnehmen ist, um eine übliche Handschriftengewohnheit des Dichters, die bei der Veröffentlichung der Prosatexte dann aufgehoben wurde. Bei den Gedichten hat man davon abgesehen, Rücksprache mit dem Dichter war nicht mehr möglich. Es ist zweifellos ein anmutiges Zeichen, fast schon, als sei es dem kartwelischen Alphabet entlehnt.

Vorfahren

Kalender, Atlanten, Trödel und Aschenregen

Der Blick von der Milchstraße herab auf die öde
und schwarz im Weltall sich drehende, ausgebrannte
Ruine der Erde könnte fremder nicht sein, und doch
liegt die Kindheit, die wir auf ihr verbrachten,
kaum weiter zurück als der gestrige Tag.

Sebald nimmt Logis in einem Landhaus und lädt sich Freunde und Vorfahren ein. Im Gespräch mit ihnen offenbart er mehr über den gedanklichen und biographischen Hintergrund seiner Erzählkunst als an anderen Orten. Hebel wird als Kalendermacher eingeführt und sogleich wird erläutert, der eigene Großvater, dessen Sprachgebrauch in vielem an den des Hausfreunds erinnerte, habe die Gewohnheit gehabt, auf jeden Jahreswechsel einen Kemptner Calender zu kaufen, in welchem er dann die Namensfeste seiner Verwandten und Freunde, den ersten Frost, den ersten Schneefall, den Einbruch des Föhns, Gewitter, Hagelschlag und ähnliches mehr mit dem Tintenblei vermerkte (LL 13f). Der Kalender des Großvaters bringt eine verlässliche Ordnung in die Welt, ähnlich wie auf dem höheren Niveau derjenige Hebels: Dem blind und taub sich fortwälzenden Prozeß der Geschichte hält er Begebenheiten entgegen, in denen ausgestandenes Unglück entgolten wird, auf jeden Feldzug folgt ein Friedensschluß, jedes Rätsel, das uns aufgegeben wird, hat eine Lösung, und in dem Buch der Natur, das Hebel vor uns aufschlägt können wir studieren, daß selbst die kuriosesten Kreaturen, wie zum Beispiel die Prozeßspinner und die fliegenden Fische ihren Platz haben in der aufs sorgfältigste austarierten Ordnung (LL 17).

Was einen weiteren Gast im Landhaus, Robert Walser, anbelangt, so erinnerte er mich unwillkürlich immer an meinen Großvater Josef Egelhofer, mit dem ich als Kind stundenlang oft durch eine dem Appenzell in vielem verwandte Gegend gewandelt bin (LL 135). Mit Jan Peter Tripp, auch er zu Gast im Landhaus, hat Sebald posthum den Band Unerzählt herausgebracht. Auf dem Einband findet sich ein Portrait, das Sebald mit Walser und also, wegen der Ähnlichkeit der beiden untereinander, zwangsläufig auch mit dem Großvater überblendet. Ein ähnliches Bild muß der Lukas Seelos vor Augen gehabt haben, denn natürlich sei es überhaupt nicht das Kind gewesen, an das ich ihn erinnert habe, sondern der Großvater, der denselben Gang gehabt habe wie ich und beim Herauskommen aus der Haustür gerade so wie ich zunächst stehengeblieben sei, um nach dem Wetter zu schauen (SG 229f).

Erzählerisch aufgegriffen wird der gedanklich-biographische Hintergrund am unmittelbarsten in den Schwindel.Gefühlen. Im Zug unterwegs nach Mailand holt Selysses den „Beredten Italiener heraus, ein im Jahre 1878 in Bern erschienenes Hülfsbuch für Alle, welche in der italienischen Sprache schnelle und sichere Fortschritte machen wollen. In diesem Büchlein ist alles aufs beste geordnet, so als setze die Welt sich tatsächlich bloß aus Wörtern zusammen, als wäre dadurch auch das Entsetzliche in Sicherheit gebracht, als gäbe es zu jedem Teil ein Gegenteil, zu jedem Bösen ein Gutes, zu jedem Verdruß eine Freude, zu jedem Unglück ein Glück und zu jeder Lüge auch ein Stück Wahrheit (SG 119). Auf schlichteste Weise also die gleiche Weltberuhigung, die vom Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreund ausgeht.

Im Café Alpenrose, wo der Großvater die Tanten Babett und Bina trifft, um mit ihnen Karten zu spielen, vertreibt sich der kleine Selysses währenddessen die Zeit mit einem alten Atlas und zumal mit dem Blatt, auf dem die größten Ströme und die höchsten Erhebungen der Erde ihrer Länge beziehungsweise ihrer Höhe nach angeordnet waren (SG 242). Auch hier also die große weite Welt auf engem Raum zusammengefaßt und ihrer Gefahren beraubt. Der gleiche Blickwinkel von einem festen, gesicherten Punkt, heiße er ruhig Heimat, in die Weite der Welt ergibt sich auch aus der in drei großen Folianten untergebrachten Ansichtskartensammlung der Engelwirtin, die sich der kleine Selysses oft stundenlang anschaute. Das gab im Verlauf der Zeit eine lange topographische Litanei aus Ortsnamen wie Chur, Bregenz, Innsbruck, Altausee, Hallstatt, Salzburg, Wien, Pilsen, Marienbad, Bad Kissingen, Würzburg, Bad Homburg und Frankfurt am Main. Auch italienische Karten gab es zahlreiche aus Meran, Bozen, Riva, Verona, Mailand, Verona, Mailand, Ferrara, Rom und Neapel. Eine davon (und die wollen wir uns besonders merken) zeigte den rauchenden Kegel des Vesuvs (SG 213f).

Ein weiterer bekannter Logisgast ist Gottfried Keller, bei ihm wird neben anderem die Sammlerleidenschaft hervorgehoben (LL 112), die ihn einerseits als barocken Poeten der Vergänglichkeit kennzeichnet, andererseits ist dem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wie ein Lauffeuer um sich greifenden Hochkapitalismus (LL 104) mit den verdämmernden Dingen, die aus dem Verkehr gezogen sind und ihren Warencharakter längst eingebüßt haben, ein Bild entgegengesetzt aus jener früheren Zeit, in der die Verhältnisse der Menschen zueinander noch nicht über Geld geregelt waren: Ein Bündel vergilbter Papiere mit Rezepten und Geheimnissen, ein Fläschchen mit Hoffmannstropfen, ein anderes mit Kölnischem Wasser und eine Buchse mit Moschus; eine andere, worin ein Endchen Maderdreck lag, und ein Körbchen aus wohlriechenden Palmen geflochten, sowie eines aus Perlen und Gewürznägeln zusammengesetzt. (LL 113). – Die Buchse mit Marderdreck scheint in ihrer Abseitigkeit auch für Sammlerkreise unmittelbar zu den sieben verschieden geformten, nicht mehr als zwei bis drei Zoll hohen Bakelitdosen zu leiten, von denen jede, wie es sich zeigte, den sterblichen Rest einer der hier in diesem Haus an das Ende ihres Lebens gekommenen Motten enthielt (AUS 241).


Zeugnisse der Sammlerleidenschaft sind zahlreich in Sebalds Erzählungen, am meisten Wirkung gezeigt hat der ANTIKOS BAZAR in Theresienstadt: Kristallene Schalen, Keramikvasen und irdene Krüge, ein blechernes Reklameschild, das die Aufschrift Theresienstädter Wasser trug, ein Seemuschelkästchen, eine Miniaturdrehorgel, die kugelförmiger Briefbeschwerer, in deren Glassphären wunderbare Meeresblüten schwebten, ein Schiffsmodell, eine Art Korvette unter geblähten Segeln, ein Trachtenkittel aus einem leichten helleinenen Sommerstoff, die Hirschhornknöpfe, eine überdimensionale russische Offiziersmütze und die dazugehörige olivgrüne Uniformjacke mit den goldenen Schulterstücken (AUS 283).

Daß der Erzähler sich in unmittelbarer Nähe des Ghettomuseums Theresienstadt für Hirschhornknöpfe erwärmen kann, ist ihm übel angekreidet worden. Ganz offenbar teilt Sebald nicht die offiziell verordnete Haltung gegenüber dem Holocaust, wonach die Menschheit, im Prinzip gut unterwegs in Richtung Demokratie, Menschenrechte und Völkerverständigung, lediglich, von kleineren Stolpereien und Knieabschürfungen abgesehen, ein Mal zwischen 1933 und 1945 auf ihrem Weg verbrecherisch umgestoßen und übel zu Fall gebracht wurde. Die tieferreichende und, was die Grundstimmung anbelangt, konträre Sicht ist, daß 1933 nur ein weiteres Mal eine dunkle, der Moderne fest eingegrabene rabenschwarze Komponente ausgeschwitzt wurde.

Das Verhängnis ist schon langandauernd und nicht behebbar. Das Gespräch mit Hebel im Landhaus endet damit, daß der Ätti, unterwegs mit dem kleinen Knaben an der Hand, den Untergang der Stadt Bern und der Welt imaginiert. Ätti kann im Schweizerdeutsch sowohl Vater als auch Großvater bedeuten oder, abstrakter, auch alter, gutmütiger, etwas altmodischer Mann (von Greyerz/Bietenhard, Berndeutsches Wörterbuch). Ganz offenbar ist es auch der kleine Selysses, der unmittelbar aus dem Mund seines Großvaters vernimmt: Der Belche stoht vercholt, der Blauen au, as wie zwee alti Türn, und zwische drinn isch alles uße brennt, bis tief in Boden abe. D’Wies het ke Wasser meh, s’isch alles öd und schwarz (LL 40). Sebalds erwachsene Helden stehen in keinem geschützten Raum und erfahren die Weite der Welt nicht handgerecht aus Kalendern, Atlanten und Postkartensammlungen, sie sind typisch die Ausgewanderten, in den Orbit geschleudert, und schauen von dort herab auf die öde und schwarz im Weltall sich drehende, ausgebrannte Ruine der Erde (LL 40f). Den Ausgewanderten bleibt gleichwohl die Sehnsucht nach der Enge der Herkunft. Dr. Selwyn kommt das Heimweh im Verlauf der letzten Jahre mehr und mehr an. Ich sehe, wie der Kinderlehrer im Cheder, den ich zwei Jahre schon besucht hatte, die Hand auf den Scheitel legt. Ich sehe das ausgeräumte Zimmer. Ich sehe mich zuoberst auf dem Wägelchen sitzen, sehe die Kruppe des Pferdes, das weite, braune Land, die Gänse im Morast der Bauernhöfe mit ihren gereckten Hälsen (AW 31). Die Gänse sind aus ihrem Verschlag verschwunden. Bald darauf werden sie teilweise mit kochendem Fett eingegossen. Ein paar Frauen kommen aus dem Dorf zum Federschleißen. Sie sitzen in der kleinen Kammer, jede mit einem Haufen Federn vor sich, und schleißen bald die ganze Nacht. Alles schaut aus wie eingeschneit. Aber am Morgen, wenn wir wieder aufsteigen, ist die Kammer so sauber und federlos, als wäre nichts gewesen (AW 307).

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts konnte es für einen Augenblick so scheinen, als sei der Menschheit eine neue Kindheit geschenkt worden, die sich verlängern ließe zum richtigen Leben. Der Augenblick ist schnell verflogen. Zur Fundierung dieser Sicht greift Sebald, getreu seiner Neigung zum Demodierten, auf leicht ergraute Theorielagen ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert zurück (LL 104), die alle Schuld beim „Kapitalismus“ sahen, obwohl er zum Umkehrschluß wohl kaum bereit war, die Überwindung der kapitalistischen Wirtschaftsform, wie immer das aussehen soll, könne die Welt ins Lot bringen. Ein interessantes Apercu in diesem Zusammenhang ist, daß Luhmann, so als habe auch er beim Ätti gelernt, von den erloschenen Vulkanen des Marxismus spricht, um dann selbst den gemeinten beängstigenden Umstand, daß die ins Rasen geratene moderne Gesellschaft auf Bremsen irgendwelcher Art nicht mehr anspricht, mit feineren Theoriemitteln herzuleiten.


Sebalds Werk läßt sich insgesamt als ein Bremsversuch lesen, der um seine Vergeblichkeit weiß, dem Leser aber Zeit zum Atemholen schenkt. In der Tat werden die verdämmernden Dinge im ANTIKOS BAZAR den Zeugnissen rasenden Unheils im Ghettomuseum Theresienstadt entgegengehalten, und auf diesem Gegensatz wird der Platztausch der Lebenden und der Toten vorbereitet. Die Toten: Es schien mir auf einmal mit der größten Deutlichkeit so, als wären sie nicht fortgebracht worden, sondern lebten, nach wie vor dichtgedrängt in den Häusern, in den Souterrains und auf den Dachböden, als gingen sie pausenlos die Stiegen auf und ab, schauten bei den Fenstern heraus, bewegten sich in großer Zahl durch die Straßen und Gassen und erfüllten sogar in stummer Versammlung den gesamten, grau von dem feinen Regen schraffierten Raum der Luft (AUS 289). Und die Lebenden: Einmal, als ich mich umwandte, sah ich, daß die Fahrgäste in den Schlaf gesunken waren, ausnahmslos. Mit verrenkten Leibern lehnten und hingen sie in ihren Sitzen. Dem einen war der Kopf nach vorn gesunken, dem anderen seitwärts oder in den Nacken gekippt. Mehrere röchelten leise (AUS 290).

Die Toten sind lebendig und die Lebenden sind tot. Der Aufenthalt in Theresienstadt endet mit einer Untergangsvision, die diejenige des Ätti geradezu wiederholt: Südwärts, in einem weiten Halbrund, erhoben sich die Kegel der erloschenen böhmischen Vulkane (jetzt wissen wir auch warum wir uns die Bildkarte vom Vesuv besonders gemerkt haben), von denen ich mir in diesem bösen Traum wünschte, daß sie ausbrechen und alles ringsum überziehen möchten mit schwarzem Staub (AUS 294). Asche senkt sich gleichermaßen über die Lebenden und die Toten, Gerechtigkeit ist hergestellt, Frieden eingekehrt. Aber es ist ja nicht das letzte Wort der Erzählung.

Sonntag, 7. September 2008

Selysses und Bekysseus


Ins nächste Dorf zu reiten,ohne zu fürchten, daß - von unglücklichen
Zufällen ganz abgesehen - schon die Zeit
des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden
Lebens für einen solchen Ritt
bei weitem nicht hinreicht.


Jeder Leser bildet im Laufe der Zeit einen Kreis von Favoriten aus, der Kreis wird zunächst wachsen, dann aber, jedenfalls nach Sebalds Auffassung, mit zunehmenden Alter wieder enger werden, man braucht dann nur noch wenige, die besonders zuverlässig sind. Manch einer mag sich dann selbst wundern, was bei ihm übrig geblieben ist, als Konzentrat sozusagen, etwa dann, wenn Sebald sich in diesem engen Kreis einiger weniger mit Beckett vertragen muß, zwei Dichter, mag der erste Eindruck sein, wie sie unterschiedlicher nicht sein können: der Satzasket und geniale Satzstolperer und der Meister der ausufernden Satzlandschaften souveräner Makellosigkeit. Eine unmittelbare Verständigung zwischen den beiden, auf die man zurückgreifen könnte, fehlt. Der Ältere konnte den Jüngeren nicht kennen, Sebald hat mit Hilfe von Jan Peter Tripp Becketts Augen in den Band Unerzählt aufgenommen, die Bildunterschrift erlaubt lange tiefe Meditation, ohne daß aber Sebalds Beckettbild dabei klare Umrisse gewinnen würde: Er wird Dich bedecken mit seinem Gefieder & unter seinem Flügel dann ruhest Du aus.
Man kann es dabei bewenden lassen und sich still über die Spannweite des eigenen Begreifens freuen. Andererseits stößt freilich schon oberflächliche Reflexion auch auf Verbindendes. Beide, Sebald und Beckett, versprühen wenig Optimismus und können auch nicht als Matadore positiven Denkens gelten. Beide sind philosophische Dichter in dem Sinne, daß es ihnen um letzte Fragen der Stellung des Menschen in der Welt geht, keiner von beiden beschäftigt sich mit dem, was, zumindest nach der Auffassung demokratischer Politiker, „die Menschen wirklich interessiert“ oder sie gar betroffen macht, noch greifen sie Themen auf, „die in der Luft liegen“. Sebald lädt dabei allerdings zu Mißverständnissen ein, viele finden, falls überhaupt, den Zugang zu ihm über die Beurteilung des Luftkrieges oder die Frage, ob der Angriff auf Alfred Andersch nun gerechtfertigt war oder nicht, halten Austerlitz dann für ein halbdokumentarisches Werk über den Holocaust und sind für die Dichtung verloren.


Wir wollen uns aber von diesen eher allgemeinen Erwägungen lösen und stattdessen ein kleineres, ursprünglich in englischer Sprache verfaßtes Prosastück Becketts: D’un ouvrage abandonné (1957, in Tetes-Mortes, Les Éditions de Minuit 1972) gleichsam rückblickend mit den Augen und dem besonderen Orientierungsvermögen des Sebaldianers lesen.

In dem knapp zwanzigseitigen Prosastück erinnert sich ein gealterter Beckettscher Wanderer, nennen wir ihn Bekysseus, an drei anscheinend beliebig aufgerufene Tage aus seinem Leben. Erinnerung, da sind wir zweifellos auf gutem Sebaldboden. Debout au petit matin, ce jour-là, jétais jeune alors… Also eine Rückkehr zur Jugend, wenn nicht zur Kindheit, das passende Sebaldstück ist Ritorno in patria. Wie im Ritorno führt der Weg zurück in die Kindheit durch Landschaft: Beau matin frais, clair trop tot comme si souvent – ohne daß natürlich eine grandiose Schilderung in der Art des Sebaldweges von Oberjoch nach Wertach (vgl. den Aufsatz Sebaldweg in dieser Sammlung) erreicht oder irgend angestrebt wäre. Weiter wie im Ritorno begegnet Federvieh (vgl. den Aufsatz Vynwry in dieser Sammlung): Des oiseaux j’en ai vu de ma vue percante voler si haut, si loin –, wenn auch die positiven Konnotationen fehlen (Les canards c’est peut-etre le pire), aber das ist nicht weiter bemerkenswert, da Beckett alle positiven Konnotationen an der Oberfläche seiner Prosa zuverläßlich abdreht. Die Mutter am Fenster gibt einerseits den Blick auf das Innere der Wohnung frei (ma mère blanche et si mince laissait passer mon regard jusqu’au fond sombre de la chambre), verstellt ihn aber andererseits durch ihr Gezappel im Fensterrahmen (si seulement elle avait pu rester tranquille et me laisser contempler). Im Ritorno sind umgekehrt die Eltern ganz und gar hinter der Zimmereinrichtung verschwunden: Die Anschaffung einer standesgemäßen Wohnzimmereinrichtung, die nach einer ungeschriebenen Vorschrift akkurat den Geschmacksvorstellungen des für die damals sich formierende klassenlose Gesellschaft repräsentativen Durchschnittspaars entsprach, hatte für die Eltern nach einer in mancher Hinsicht nicht leichten Jugend wahrscheinlich den Augenblick markiert, in dem es ihnen vorkam, als gäbe es doch eine höhere Gerechtigkeit. Dieses Wohnzimmer bestand also aus einem massiven Wohnzimmerschrank .... (SG 210f). Beide Heimkehrende vermeiden, auf die eine oder andere Art die Eltern, und: Une veine que mon père soit mort quand j’étais encore jeune, sinon j’aurais pu finir professeur - genau das, was dem anderen, nehmen wir für einen Augenblick die reale Gestalt, unterlaufen ist.

Der zweite Tag steht im Zeichen des Schimmels: C’est là le seul cheval entièrement blanc dont je me souvienne, ce que les Allemands appellent un Schimmel si j’ai bonne mémoire, ah jeunot quelle vivacité, quelle faim de connaissance, Schimmel, joli mot pour une oreille anglaise. Der Sebaldianer hat sogleich das große Gemälde von der Schlacht auf dem Lechfeld vor Augen, wo der Fürstbischof Ulrich mit seinem Schimmel über einen am Boden liegenden Hunnen hinwegreitet und auf dem auch alle Pferde diese irren Augen haben (SG 227, Bild 228).

Eh bien d’abord tout va bien , pas d’histoire, rien que la violence et puis ce cheval blanc, quand soudain je piquai une rage des plus sauvages, proprement aveuglante: die Wut ist, als Zustand des Außersichseins zu den Schwindelgefühle zu rechnen. Il fut un temps où j’essayais de me soulager en me tapant la tete contre quelque chose, mais j’y ai renoncé. – In der krankhaften Haltung eines Wesens, das sich zum ersten Mal von der Erde erhoben hat, stand ich gegen die Glasscheibe gelehnt (RS 13).

Jamais aimé personne à mon avis, je m’en souviendrais. Die Unfähigkeit zu lieben, ein weiteres Sebaldthema, erinnert sei nur an Jacques Austerlitz und Marie de Verneuil.

Und doch eine Liebe: J’ai l’amour du mot, les mots ont été mes seules amours, quelques-uns. Und andererseits : Je dois peut-etre signaler ici que je ne parlais jamais à personne, mon père a du etre le dernier à qui j’ai parlé. Sebalds Bücher sind voll von Berichten über die Wortlosigkeit und die Lust und die Qual des Umgangs mit den Worten, und wir, die Leser, wissen, warum wir die beiden Autoren lieben: Weil in ihren Texten jede andere möglich Spannung zurücktritt hinter der Frage, welches das nächste Wort sein und welche Gestalt der nächste Satz haben wird. Und so ist es denn auch bei der Arbeit hier eine größere Freude, die Zitate abzuschreiben, als die eigenen Worte zu setzen, die nicht im gleichen Glanz erstrahlen wollen.

Aller en enfer, c’est la grace que je demande – die Hölle ist dem Sebaldianer nicht fremd, er ist versucht, das Austerlitzbuch als danteske Höllenwanderung mit kurzen Einblicken ins Paradies zu lesen.

Oh sans cette affreuse bougeotte (Ludovic Janvier hat in einem Anhang zu seinem Buch Pour Samuel Beckett am Thema der Unruhe die engen Bezüge zu Pascal herausgestellt) que j'ai toujours eue j'aurais vécu ma vie enfermé dans uns grande pièce vide à échos, avec une grande pendule ancienne, rien à écouter et à somnoler, le coffre ouvert pour que je puisse voir le balancier, suivant des yeux son va-et-vient, et les poids de plomb pendillant et plus en plus bas jusqu'à ce que je me lève de ma bergère et les remonte, une fois par semaine. – Hier berühren wir ganz offenbar einen zentralen Überschneidungsbereich. Bougeotte, Reise- und Wanderzwang, ist ein festes Merkmal des Sebaldschen Helden. Selysses durchwandert fieberhaft Wien (All’estero in SG), Manchester (Max Aurach in AW), Austerlitz das nächtliche London. Wie Grillparzer finde ich an nichts Gefallen, bin von allen Sehenswürdigkeiten maßlos enttäuscht und wäre, wie ich oft meine, viel besser bei meinen Landkarten und Fahrplänen zu Hause geblieben (SG 62). Zum Uhrenthema sei auf den Aufsatz Uhren in dieser Sammlung verwiesen.

Der Wanderer benötigt eine angemessene Ausrüstung. J’ai mon baton à la main, tout en allant mon chemin – auf dem Bild im Austerlitzbuch können wir den Stock des Selysses deutlich erkennen, freilich fehlt bei Sebald die obsessive Beschäftigung mit dem Zubehör, sei es der Regenschirm oder der Wetterfleck.

Becketts Text endet mit einem Gang durch hohes Farnkraut: Je suis là-haut dans les fougères, sabrant de droite et de gauche avec mon baton à en faire gicler les gouttes et jurant. Qu’elles sont grièches ces grands fougères, presque du bois, tiges terribles, vous arracher la peau des jambes à travers le pantalon. – Und auf der anderen Seite: Der Fußpfad führte um den Verhack herum, durch eine Ginsterböschung auf die Anhöhe der Lehmklippe hinauf und dort in geringer Entfernung von dem stets von Einbrüchen bedrohten Rand des festen Landes zwischen Adlerfarnen hindurch, von denen die größten mir bis an die Schultern reichten (RS 83, Bild 84).

Selysses und Bekysseus, Wanderpaare wie Didi und Gogo, Mercier und Camier, Selysses und Austerlitz, oft zu zweit, immer einsam: Simplement j’allais mon chemin toujours, mon corps faisant de son mieux sans moi. Im Aufsatz Bedürfnislosigkeit hatten wir gezeigt, wie sehr der typische Sebaldheld dem Beckettschen angenähert ist, der Major Le Strange, der Hochschullehrer Michael Parkinson und auch Jacques Austerlitz, dieser wiederum verschmolzen mit Ludwig Wittgenstein, der allein schon durch sein bekanntes Geständnis, ihm sei egal, was er esse, Hauptsache nur, es sei immer das gleiche, unmittelbar Beckettformat bewiesen hat, gern hätte er sich auf carottes à l’Estragon festlegen lassen. Wer vor vierzig Jahren mit Beckett trainiert hat, war dreißig Jahre später auf die Begegnung mit Sebald bestens vorbereitet.

Das vorgeführte Spielchen ist von Beckettscher Clownerie infiziert, niemand sollte es allzu ernst nehmen.

Montag, 25. August 2008

Vynwry: Der Hund und das Mädchen

Kaum Liebe zwischen Mensch und Tier

C'est de cette facon que l'homme se distingue des primates et va, de découverte en découverte, toujours plus haut, vers la lumière.

Zu sagen, Sebald Bücher seien kaum weniger von Tieren als von Menschen bevölkert, wäre, nimmt man die schiere Zahl der auftauchenden Motten, Heringe und Seidenwürmer, eine mörderische Untertreibung. Auch wer diese Art der Rechnung mit gutem Grund zurückweist, wird nicht bestreiten wollen, daß Tiere eine eigene und sehr starke Bedeutungsschicht im Werk darstellen. Bevor wir im Austerlitzbuch mit den Augen des Selysses den ersten Menschen sehen, haben wir schon Fleder- und Springmäuse, Igel, Uhus und Eulen, australische Baummarder, Siebenschläfer, Halbaffen und einen Waschbären getroffen. Die ersten beiden Bilder im Buch zeigen Tieraugen, erst dann folgt ein Doppelphoto mit Menschenaugen. In der großen Masse der Tiere ist auffällig, daß Gefährten von Effi Briests Rollo und Thomas Manns Bauschan, individuelle Tiere als Freunde und Gefährten der Menschen also, weitgehend fehlen.


Den vielleicht nachhaltigsten Eindruck unter den Hunden hinterläßt der hellfarbige, der Selysses für eine Wegstrecke durch Verona folgt mit seinem schwarzen Fleck wie eine Klappe über dem linken Auge. Es ist kein Rollo oder Bauschan, es ist ein herrenloser Hund, und wie alle herrenlosen Hunde schien er schräg zu der Richtung zu laufen, in der er sich fortbewegte. Blieb ich stehen, so hielt auch er ein und schaute versonnen auf das fließende Wasser der Etsch. Ging ich weiter, so machte auch er sich wieder auf den Weg. Als ich aber am Castelvecchio den Corso Cavour überquerte, blieb er an der Bordsteinkante zurück, und ich wäre, weil ich mitten auf dem Corso mich umwandte nach ihm, um ein Haar überfahren worden (SG 139).

Hunden mit einem sogenannten menschlichen Zuhause geht es keineswegs zuverlässig besser: Ein Hund warf sich an ein grüngestrichenes eisernes Gartentor, völlig außer sich, als sei er um seinen Verstang gekommen. Es war ein großer schwarzer Neufundländer, dessen angeborene Sanftmut durch Mißhandlungen, lange Einsamkeit oder das glasklare Wetter zerstört worden war. In immer neuen Anläufen rannte das Tier gegen das Gitter. Nur manchmal hielt es inne und richtete seine Augen auf uns, die wir stehengeblieben waren. Ich warf einen Schilling als Seelenopfer in den am Gartentor angebrachten blechernen Briefkasten. Beim Weitergehen fühlte ich die Kälte des Schreckens in meinen Gliedern. Der Hund war nun verstummt und stand bewegungslos im Mittagslicht. Vielleicht hätten wir ihn einfach auslassen sollen (SG 50).

Dem ausdrücklichen Zwang, Joyces Buch vom Leopold Bloom als Neuauflage der Odyssee zu lesen, entspricht die leise Erlaubnis, im Austerlitzbuch eine Neuauflage der Divina Comedia zu sehen, und es bedarf schon des Paradieses, das im Buch die Gestalt und das Aussehen von Andromeda Logde annimmt, um in der Gestalt des Hündchens Toby auf einen Gefährten Rollos und Bauschans zu treffen (AUS 144). Toby, der den gleichen seltsamen Haarkranz um das Gesicht hat, ist der ins Paradies gerettete Engel des kleinen Hundes auf dem Schoß des Mädchens von Vynwry, so wie ja das überflutete, untergegangene Vynwry (AUS 81) so etwas wie die untergründige Spiegelung von Andromeda Logde ist. Auch im Paradies freilich tritt Toby kaum markant hervor in der Masse der Papageien und weißen Kakadus, die seufzten, lachten, niesten und gähnten wie die Menschen und sich räusperten, ehe sie in ihrer Kakadusprache zu reden anfingen (122f) und der Motten und Falter, den Porzellan- und Pergamentspinnern, den spanischen Fahnen und schwarzen Ordensbändern, Messing- und Ypsiloneulen, Wolfsmilch- und Fledermausschwärmern, Jungfernkindern und alten Damen, Totenköpfen und Geistermotten (136).

Den dicken, fuchsfarbenen Dackel, der nicht mehr gut auf den Beinen war und ab und zu stehenblieb, um mit gefurchter Braue vor sich hin in den Erdboden zu starren, Repräsentant einer ganzen Gattung griesgrämiger kleiner Hunde, die fast alle einen Maulkorb aus Draht trugen und vielleicht deshalb so verstummt und böse geworden sind (AUS 237f), diesen Dackel müssen wir hier nicht weiter beachten. Bleibt als weiterer möglicher Kandidat auf den Bauschanposten der Hund Waldmann des Jägers Hans Schlag aus den Schwindel.Gefühlen. Der Name Waldmann individualisiert den caninen Begleiter eines Jägers nicht ernstlich, typisiert ihn vielmehr scherzhaft. Wir sehen ihn festgebunden an Hans Schlags über die Stuhllehne hängenden Rucksack für Stunden in der Engelwirtschaft liegen (SG 259), wir sehen Waldmann wie er, angebunden wie immer an den Rucksack seines Herrn, still hinter diesem an der Erde stand und teilnahmslos dem ablaufenden Geschlechtsverkehr mit der Romana Gesellschaft leistet (261) und man hört schließlich, daß der Dachshund, als man ihm und dem Leichnam sich annäherte, auf einmal und obschon nur noch ein Hauch Leben in ihm gewesen war, toll geworden sei, so daß man ihn auf der Stelle habe erschießen müssen (271). Von einer sozusagen humanen Beziehung zwischen Herr und Hund wird nicht berichtet, von Bauschan sind wir Meilen entfernt.

Sebald sucht nicht die Nähe der uns nahen, sondern die Nähe und Ferne der uns fernen Tiere. Zu einem guten Teil sind sie flugbegabt, Hühner- und Wasservögel verschiedener Art, Tauben, Falter und Motten. Sie bescheren uns metaphysische Augenblicke, den schönsten erzeugt Sebald in unnachahmlichen Art, indem er ihn einfach und möglichen Widerstand gar nicht beachtend als solchen deklariert: Einmal fielen mir ein paar Hühner auf mitten in einem grünen Feld, die sich, obschon es doch noch gar nicht lang zu regnen aufgehört hatte, ein für die winzigen weißen Tiere, wie mir schien, endloses Stück von dem Haus entfernt hatten, zu dem sie gehörten. Aus einem mir nach wie vor nicht ganz erfindlichen Grund ist mir der Anblick dieser so weit ins offene Feld sich hinauswagenden Hühnerschar damals sehr ans Herz gegangen. Überhaupt weiß ich nicht, was es ist an bestimmten Dingen und Wesen, das mich manchmal so rührt (SG 192). Die Vögel erlauben uns mystische Versenkung: Immer habe ich Enten gehalten, schon als Kind, und immer ist mir die Farbgebung ihres Federkleids, insbesondere das Dunkelgrüne und das Schneeweiße, als die einzig mögliche Antwort erschienen auf die Fragen, die mich von jeher bewegten (RS 294f). Sie entführen uns ins Reich der Phantastik: Le Strange, der immer schon einen zahmen Hahn auf seinem Zimmer gehalten hatte, sei nachmals ständig umschwärmt gewesen von allem möglichen Federvieh, von Perlhühnern, Fasanen Tauben und Wachteln und den verschiedenen Garten und Singvögeln, die teils am Boden um ihn herumliefen, teils in der Luft ihn umflogen (RS 82). Vor allem anderen aber sind sie Gefährten der Höhe, wie die Tauben des Fliegers Gerald (AUS 168 u.a.), und so vorbereitet ist man fast versucht, auch die Engel, insbesondere Giottos angeli visitanti la scena della disgrazia (SG 96), einfach zu den hochfliegenden Gefährten hinzuzuzählen, und ebenso die in einem in Goldfarbe gemalten ornamentalen Bildnis erscheinende Taube, die gerade zurückkehrt zu der unter einem Regenbogen schwimmenden dreistöckigen Arche, in ihrem Schnabel den grünen Zweig (AUS 67).

Die Tiere dienen als Dekor menschlicher Behausungen, und nach dem Niedergang der prächtigen Zeit finden wir sie in einem Zustand kläglicher Verwahrlosung: Freilich bedrückte es mich, in einer der größtenteils aufgelassenen Volieren eine einsame chinesische Wachtel zu sehen, die – offenbar in einem Zustand der Demenz – in einem fort am rechten Seitengitter ihres Käfigs auf und ab lief und jedesmal, bevor sie kehrt machte, den Kopf schüttelte, als begreife sie nicht, wie sie in diese aussichtslose Lage geraten sei (RS 50). Der Erdboden im Inneren des gemauerten Kogels war bedeckt mit dem unter seinem eigenen Gewicht zusammengepreßten und doch bereits bis zu einer Höhe von mehr als zwei Fuß angewachsenen Taubendrecks, einer in sich verbackenen Masse, auf der zuoberst die Kadaver der todkrank aus ihren Nischen abgestürzten Vogeltieren lagen, während ihre noch lebendigen Genossen, in einer Art von Alterdemenz, in der Düsternis unter dem Dach, wo man sie kaum sehen konnte, leise klagend durcheinandergurrten und ein paar Flaumfedern, in einem Wirbel um sich selber sich drehend, langsam herabsanken durch die Luft (AUS 310). Aber auch nach moderner Terminologie artgerecht gehaltene Tiere befinden sich in einer falschen Welt, der unsrigen offenbar: Lange beobachtete ich den Waschbären, wie er mit ernstem Gesicht bei einem Bächlein saß und immer wieder den denselben Apfelschnitz wusch, als hoffe er, durch dieses, weit über jede Gründlichkeit hinausgehende Waschen entkommen zu können aus der falschen Welt, in die er gewissermaßen ohne sein eigenes Zutun geraten war (AUS 10). Ich entsinne mich, in einer graslosen, staubigen Einfriedung eine Damwildfamilie in schöner Eintracht und zugleich verängstigt unter einer Heuraufe beieinander gesehen zu haben. Unvergeßlich ist mir geblieben, daß die eingesperrten Tiere und wir, ihr menschliches Publikum, einander anblickten à travers une brèche d’incompréhension (AUS 375).Der geringen Rolle der Tiere als Stubengenossen entspricht die weitgehende Absenz der üblichen Nutztiere.

In den Ringen des Saturn freilich trifft Selysses auf eine an die hundert Stück zählende Schweineherde. Eines der Tiere öffnete, als ich mich niederbeugte zu ihm, sein kleines von hellen Wimpern umsäumtes Auge. Ich fuhr im mit der Hand über den staubbedeckten, unter der ungewohnten Berührung erschauernden Rücken und kraulte ihm die Kuhle hinter dem Ohr, bis es aufseufzte wie ein von endlosen Leiden geplagter Mensch (RS 85). Von den realen Schweinen, deren Nutzwert völlig außer Acht gelassen bleibt, gleitet die Erzählung zum biblischen Bericht von der Schweineherde beim Evangelisten Markus. Der Herr befiehlt den bösen Geistern hineinzufahren in die Sauherde, die daselbst auf der Weide ist. Haben wir hier, fragte ich mich, eine von dem Evangelisten bloß erfundene Parabel, die, wenn man es recht bedenkt, darauf hinausläuft, daß wir unseren kranken Menschenverstand immer wieder auslassen müssen an einer anderen, von uns für niedriger gehaltenen und für nichts als zerstörenswert erachteten Art? (RS 86)

Als vollendete Perversion erscheint die Jagd. Obgleich das in früherer Zeit so zahlreich in den Inselwäldern wohnende Wild nahezu restlos ausgerottet ist, bricht auf Korsika nach wie vor jeden September das Jagdfieber aus. Es schien, als sei die gesamte männliche Bevölkerung beteiligt an einem längst ziellos gewordenen Zerstörungsritual. Unrasiert, mit schweren Gewehren und bedrohlichen Gehabe sehen die Jäger aus wie die kroatischen und serbischen Milizen, die ihre Heimat zugrunde gerichtet haben, verstehen auch die korsischen Jäger, wenn man sich auf ihr Territorium verirrt, keinen Spaß. Als ich einen von ihnen fragte, worauf er hier warte, antwortete er bloß sangliers, als müsse das allein genügen, mich zu verscheuchen (CS 43f). Ihren Kulminationspunkt, zu hoch, als das wir ihn hier ersteigen könnten, findet die Jagdim großen Bericht vom Heringsfang, der dem von der Schweineherde unmittelbar vorausgeht (RS 69ff). Nur soviel, daß die Annahme bestand, die besondere physiologische Organisation der Fische sie schütze vor der Empfindung der Angst und der Schmerzen, die beim Todeskampf durch die Körper und die Seelen der höher ausgebildeten Tiere gehen. Doch in Wahrheit wissen wir nichts von den Gefühlen des Herings (RS 75).

Ein Nutztier freilich, das uns weniger gegenwärtig ist als Ochs, Schwein und Rind, spinnt sich durch alle Ringe des Saturn, der Seidenwurm, unmittelbarer Verwandter der Motten im Austerlitzbuch und ihre Nutzvariante, der es verwehrt ist, das Falterstadium auch nur zu erreichen. Es ist nicht annähernd möglich, all die Fäden hier aufzuhaspeln, nicht vergessen lassen sich aber die der Kaiserwitwe Tz’u-hsi zugeschriebenen Sehnsüchte: Diese blassen, beinahe transparenten Wesen, die bald ihr Leben lassen würden für den feinen Faden, den sie spannen, betrachtete sie als ihre wahren Getreuen. Sie erscheinen ihr als das ideale Volk, dienstfertig, todesbereit, in kurzer Frist beliebig vermehrbar, ausgerichtet nur auf den einzigen ihnen vorbestimmten Zweck, völlig das Gegenteil der Menschen, auf die grundsätzlich kein Verlaß war (RS 183).

Natürlich geht es hier, wie in einem Untertitel des Kapitels VI vermerkt, um die Geheimnisse der Macht und um ihre Perversionen, aber geht es nur darum? Sebald ist kein Humanist in dem Sinne, daß ihm der Mensch unbehelligt im Mittelpunkt stünde, der Rest der Welt ihm nur zugeordnet. Gerade aus der weitgehenden Überspringung der dem Menschen nach dessen eigenen Verständnis zur Freude oder zum Nutzen zugeordneten Tiere und der Aufmerksamkeit, die er fernen und uns gänzlich verschlossenen Geschöpfen wie den Motten oder den Heringen widmet, gewinnt er Abstand von diesem falschen Zentrum. Jeder Luhmannadept weiß, daß dem normalen Humanismus das intellektuelle Fundament längst völlig abhanden gekommen ist und daß er umso wüster seine gewonnenen Positionen verteidigt. Nur so ist es verständlich, daß nicht wenige Rezensenten, die ja auf die eine oder andere Weise auch die ersten drei Seiten des Buches gelesen haben müssen, im Austerlitz nichts anderes sehen können als einen "halbdokumentarischen" Roman "über den Holocaust". In bestimmter Hinsicht aber sind in dem Roman und in der Welt, in die wir verloren sind, die Motten nicht weniger wichtig als Theresienstadt, die ständigen Anlehnungen in Sebalds Werk an den Schmetterlingsfänger Nabokow unterstreichen das nur.

Es sollten sich Reflexionen anschließen über die toten Motten in den Schächtelchen, über das Veterinärmuseum in Paris und das Quincunx und Bestiarium der Abnormitäten des Thomas Browne.

Samstag, 16. August 2008

Bedürfnislosigkeit und Luxus

Des objets de toilette, dit Mercier
Luxe inutile, dit Camier.
Et des provisions de bouche, dit Mercier.
Juste bonnes à jeter, dit Camier

Logis in einem Landhaus ist nicht in eine Reihe mit Sebalds professoralen Essaybänden Unheimliche Heimat und Unglück und Beschreibung des Unglücks zu stellen, sondern den Prosawerken zuzurechnen. Natürlich ist de Grenzverlauf nicht so klar geregelt wie der zwischen modernen Staaten, im Landhaus wohnen aber ausschließlich Dichter und Maler, denen Sebald sich aus dem einen oder anderen Grund verwandt gefühlt hat, und der Gestus des Vortrags entspricht weitgehend dem der Vignetten Conrads, Chateaubriands und anderer in den Ringen des Saturns. Die Urszene des in Sebalds Werk an den verschiedensten Stellen auftauchenden, insgesamt für die Farbe der Prosa nicht unmaßgeblichen Motivs der Bedürfnislosigkeit finden wir im Aufsatz über Gottfried Keller, und sie ist dessen Werk entnommen: Durch den Tod des Vaters früh mit dem Mangel vertraut, wird die winzige, im Grunde bloß noch aus Sparsamkeit bestehende Hauswirtschaft der Mutter Keller in der Rückschau zum Sinnbild einer so gut wie restlos reduzierten Existenz. Am Abend nach meiner Abreise hatte meine Mutter sogleich die Wirtschaft geändert und beinahe vollständig in die Kunst verwandelt, von nichts zu leben. Sie erfand ein eigentümliches Gericht, welches sie jahraus, jahrein, einen Tag wie den anderen um die Mittagszeit kochte, auf einem Feuerchen, welches gleichermaßen von nichts brannte (LL 101).

Das bedürfnislose Feuerchen findet sich wieder, sozusagen brennend nach Wales getragen und in einen sarkastischen Kontext gestellt, im Austerlitzbuch: Nur wenn mehrere Tage hintereinander die Temperatur auf dem Thermometer am Fensterrahmen zur Mittagszeit unter fünfzig Grad Fahrenheit sank, durfte die Haushälterin im Kamin ein winziges Feuerchen anschüren, das von fast gar nichts brannte (AUS 131). Vom Onkel Evelyn, der schwer von der Bechterewschen Krankheit gezeichnet ist, heißt es erbarmungslos, er sei so krumm geworden aus reinem Geiz, den er vor sich selbst damit rechtfertigte, daß er allwöchentlich das von ihm nicht ausgegebene Geld an die Kongomission überweisen ließ zur Errettung der dort im Unglauben schmachtenden schwarzen Seelen (AUS 130). Jedem halbwegs eingeführten Sebaldleser steigt sofort das Kongokapitel aus dem Saturnbuch in den Sinn mit der grauenvollen Evidenz, daß es nicht um die schmachtenden Seelen, sondern nur um die gemarterten Leiber der Schwarzen im Herzen der Finsternis gehen kann.

Die Mutter bei Keller ist bedürfnislos aus Armut, notgedrungen, der Onkel Evelyn aus Krankheit und Verschrobenheit, der eigentliche Sebaldsche Held ist bedürfnislos aus geistiger Notwendigkeit. Im Austerlitzbuch repräsentiert der Titelheld selbst diesen Typus, über eine Reihe von Schaltungen ist er mit der asketischen Gestalt Ludwig Wittgensteins verbunden. Das auffälligste gemeinsame Merkmal ist der für beide unverzichtbare Rucksack, Sinnbild des omnia mea mecum. Der Rucksack ist abgebildet auf Seite 63, bereits das nächste Bild zeigt die Kuppel des Great Eastern Hotels, einer Luxusunterkunft der Jahrhundertwende, jetzt größtenteils stillgelegt. Der Diningroom umfasste dreihundert Gäste, es gab Rauch- und Billardsalons, Zimmerfluchten und Stiegenhäuser, ein kühles Labyrinth zu Lagerung von Rheinwein, Bordeaux und Champagner, allein der Fischkeller, wo Barsche, Zander, Schollen, Seezungen und Aale zuhauf auf den aus schwarzen Schiefer geschnittenen, unablässig von frischem Wasser überflossenen Tischflächen lagen, war ein kleines Totenreich für sich.

Wittgensteineske Gestalten bestimmen den Ton in drei der vier großen Bücher Sebalds, aber auch Proust und seine Guermantes, Trümmerbrocken der Belle Epoque, geistern ständig durch das Blickfeld. In den Schwindel.Gefühlen ist diese Texteinfärbung nicht in auffälliger Weise vorhanden, immerhin aber irrlichtert das Jahr 1913, das allerletzte der Belle Epoque durch das gesamte Buch. 1913 war für Sebald offenbar auch der letzte Augenblick, zu dem sich die Menschheit noch Illusionen über sich selbst machen konnte. Professionelle Leser haben herausgefunden, daß der Dichter sein Wörterbuch der deutschen Sprache 1933 geschlossen und Neueingänge ins Vokabular nicht mehr berücksichtigt hat - oder war das schon zwanzig Jahre zuvor geschehen?

Heruntergekommene Luxushotels und zerfallende Herrenhäuser stehen in der vordersten Front Sebaldscher Erzählkunst. In der Erzählung Ambros Adelwarth wird bei einem Besuch des alten mondänen Seebads Deauville in der Normandie, Terre de Proust, auf fünfzehn Seiten (AW 171 bis 186), überwiegend in einer Traumsequenz, die Proustsche Morbidität ohne Abstriche eingefangen. Es schien, als habe sich hier in Deauville im Sommer 1913 die gesamte Welt versammelt. Ich sah die Comtesse de Montgomery, die Comtesse Fitz James, die Baronne d’Erlanger und die Marquise de Massa, die Rothschild, die Deutsch de la Meurthe, die Peugeot und die Orlovs, Künstler und Künstlerinnen und die Demimondäne, griechische Reeder, mexikanische Petroleummagnaten und Baumwollpflanzer aus Louisiana. Ein wunderbar rosarot durch die gedämpfte Atmosphäre leuchtendes Hummertier, das langsam manchmal eines seiner Glieder rührte, lag zwischen ihnen auf einer silbernen Platte. Von der wie von einem leichten Seegang bewegten Menge der dinierenden Gäste waren nur die glitzernden Ohrringe und Halskettender Damen und die weißen Hemdbrüste der Herren zu sehen. Eine österreichische Gräfin, femme au passé obscur, von unvergleichlicher Unergründlichkeit, hielt Hof in einer der etwas abgelegenen Ecken. Eine ungeheuer feingliedrige, beinahe transparente Person in grau- und braunseidenen Moirékleidern. Niemand kannte ihren wirklichen Namen, niemand vermochte ihr Alter zu schätzen oder wußte, ob sie ledig, verheiratet oder verwitwet war. Zum letzten Mal erblickte ich sie, als ich, aus dem Deauviller Traum wieder erwacht, ans Fenster meines Hotelzimmers getreten war. Auf das geschmackloseste zusammengerichtet und auf das entsetzlichste geschminkt kam sie daher, mit einem hoppelnden weißen Angorakaninchen an der Leine. Außerdem hatte sie einen giftgrün livrierten Clubman dabei, der immer, wenn das Kaninchen nicht mehr weiterwollte, sich hinunterbeugte zu ihm, um es ein wenig zu füttern von dem riesigen Blumenkohl, den er in der linken Armbeuge hielt.

Die beiden Erzählbände von den Ausgewanderten und von den Ringen des Saturn lassen sich lesen, neben zahllosen anderen Lesarten, die sie ermöglichen, als eine durchgehende Wellenbewegung aus Bedürfnislosigkeit und Luxus. Paul Bereyter ist ein Permanentasket aus der Wittgensteinschule. Dr. Henry Selwyn, den Selysses und seine Begleiterin Clara als praktizierenden Asketen antreffen, gibt an, in den zwanziger und dreißiger Jahren in großem Stil gelebt zu haben (AW 34). Ambros Adelwarth nimmt als Begleiter des Cosmos Salomon an dessen mondänen Ausschweifungen teil und sucht dann selbst seine psychiatrischen Folterknechte auf zum Zweck der planvollen Selbstzerstörung. Max Aurach kennt nur die künstlerische Arbeit, ohne sie irgend zu lieben oder zu achten, allenfalls liebt er den durch das Ausradieren erzeugten Staub. Als sich der nicht gesuchte und unerwünschte Erfolg einstellt, mietet er eine Suite hinter der an ein phantastisches Befestigungswerk erinnernden Fassade des Midland Hotels (AW 348), von dem ganze Teile schon abgesperrt sind, so daß es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis der Betrieb eingestellt wird, nur um seinem Zustand, den er als schandbar empfand, schon möglichst bald zu entkommen auf die eine oder andere Weise.

In den Ringen des Saturn treffen wir schon bald (RS 14) Michael Parkinson, den mehr als alles andere eine Bedürfnislosigkeit auszeichnete, von der manche behaupteten, daß sie ans Exzentrische grenzte. Jahraus, jahrein trug er abwechslungsweise eine dunkelblaue und eine rostfarbene Jacke, und wenn die Ärmel abgestoßen oder die Ellbogen durchgewetzt waren, hat er selber zu Nadel und Faden gegriffen. Im Kapitel II lernen wir dann Morton Peto und seinen im anglo-italienischen Stil gehaltenen Prinzenpalast kennen. Es gab Korridore, die in einer Farngrotte mit immerzu plätschernden Brunnen zusammentrafen, überlaubte Gartengänge, die sich kreuzten unter der Kuppel einer phantastischen Moschee. Versenkbare Fenster öffneten den Raum nach draußen, während inwendig auf den Spiegelwänden die Landschaft erschien. Palmenhäuser und Orangerien, der einem grünsamtenen Tuch gleichende Rasen, die Bespannung der Billardtische, die Bouquets in den Morgen- und Ruhezimmern und die Majolikavasen auf der Terrasse, die Paradiesvögel und Goldfasane auf den Seidentapeten, die Stieglitze in den Volieren und die Nachtigallen im Garten, die Teppicharabesken und die von Buchsbaumhecken eingefassten Blumenparterres. – Und so fort, auf und ab, das ganze Buch hindurch. Die schönste und phantastischste Verbindung von Bedürfnislosigkeit und Luxus stellt im Kapitel III der über ein Vermögen von mehreren Millionen Pfund verfügende Major George Wyndham Le Strange dar. Er nimmt an der Befreiung von Bergen Belsen teil und zieht sich anschließend in noch recht jungen Jahren auf seine Landgüter zurück, um eine eigenwillige Logis in einem Landhaus zu beziehen. Als Haushälterin verschreibt er sich eine einfache junge Frau namens Florence Barnes unter der ausdrücklichen Bedingung, daß sie die von ihr zubereiteten Mahlzeiten mit ihm gemeinsam, aber unter Wahrung absoluten Stillschweigens einnimmt (RS 80). Le Strange sei in seinem späteren Alter, weil er seine Garderobe völlig abgetragen hatte und neue Stücke sich nicht mehr zulegen wollte, in Kleidern aus früheren Zeiten herumgegangen, die er bei Bedarf aus den Kästen auf dem Dachboden seines Hauses hervorholte. Es gab Leute, die behaupteten, ihn gelegentlich gesehen zu haben in einem kanarienfarbenen Gehrock oder einer Art Trauermantel aus verschossenem veilchenfarbenen Taft mit vielen Knöpfen und Ösen. Auch hieß es, Le Strange, der immer schon einen zahmen Hahn auf seinem Zimmergehalten hatte, sei nachmals ständig umschwärmt gewesen von allem möglichen Federvieh, von Perlhühnern, Fasanen Tauben und Wachteln und den verschiedenen Garten- und Singvögeln, die teils am Boden um ihn herumliefen, teils in der Luft ihn umflogen. Einmal im Sommerhabe Le Strange in seinem Garten eine Höhle ausgehoben, in der er tage und nächtelang gesessen sei gleich dem heiligen Hieronymus in der Wüste.

Wittgenstein und Proust könnten sich vielleicht einigen auf Sebalds Feldern, aber Józef Korzeniowski, später Joseph Conrad genannt, läßt das nicht zu. Sebald ist der Vorwurf gemacht worden, im Austerlitzbuch die Belgier nicht mit dem nötigen Respekt behandelt zu haben. Die Schuld, in Wahrheit natürlich das Verdienst liegt aber bei Joseph Conrad, der mit The Heart of Darkness das konzentrierteste und eindringlichste zeitgenössische Buch geschrieben hat über die Verheerungen des Kolonialismus, der das wahnwitzigen Aufbrausen des Reichtums in Europa erst ermöglichte. Wenn aber das Herz der Finsternis am Kongofluß liegt, so ist Brüssel der Kopf der Finsternis, und Brüssel ist inzwischen die Hauptstadt Europas. Angesichts solcher Zusammenhänge kann der Dichter auf die empirischen Belgier unserer Tage keine große Rücksicht nehmen. Proust hat eine gewaltige Kathedrale der vergangenen Zeit errichtet, in deren Bau die großen mondänen Hotels samt der sie ermöglichenden fernen afrikanischen Marter nur als kleine Bausteine oder als Flecken im Mauerwerk eingegangen sind. Wie der Dichter Bergotte in den Mauerfleck auf Vermeers Gemälde, so mag sich auch Sebald in die Mauerflecken der Proustschen Kathedrale versenken, Wittgenstein, Austerlitz und der Major Le Strange werden dafür vielleicht schon keinen Blick mehr haben.

Freitag, 8. August 2008

Sehfehler

I'm blind and you can see
I've been blinded totally


Viele Leser haben die Bekanntschaft mit Sebald über das Buch Austerlitz gemacht und waren vielleicht ein wenig schockiert, sich bereits auf der dritten Seite mit vier ausgeschnittenen Augenpaaren konfrontiert zu sehen, zwei tierischen und zwei menschlichen, in dieser Abfolge. Der erzählerische Kommentar zu den photoähnlichen Abbildungen macht gleich deutlich, daß es hier hineingeht in einen zentralen Motivkomplex: Von den in dem Nocturama behausten Tieren ist mir sonst nur in Erinnerung geblieben, daß etliche von ihnen auffallend große Augen hatten und jenen unverwandt forschenden Blick, wie man ihn findet bei bestimmten Malern und Philosophen, die vermittels der reinen Anschauung und des reinen Denkens versuchen, das Dunkel zu durchdringen, das uns umgibt (AUS 11f). Posthum ist der Band Unerzählt erschienen mit gut dreißig solcher von Augenpaare, präpariert von Jan Peter Tripp, darunter solche von Größen wie Beckett oder Onetti, von nicht ganz so bekannten Leuten, und auch die Augen eines Hundes, jeweils unterlegt mit einem Kürzestprosatext von Sebald. Das Thema der Augen schließt unmittelbar an an das der Photographie, die Sebalds Prosa in zwei Formen durchzieht, als Thema und, auffälliger noch, als "Illustration", dies sicher ein falscher Begriff, die Suche nach einer angemessenen Kennzeichnung würde aber zu tief in die Verknüpfungen semantischer Großkomplexe bei Sebald führen. Hier soll es wieder um ein abzweigendes Nebenthema gehen, das der Augenerkrankungen.

Die reichhaltigste Darstellung eines Augenleidens findet sich im Austerlitzbuch selbst. Ich befand mich damals gerade in einiger Unruhe, weil ich beim Heraussuchen einer Anschrift in einem Telephonbuch bemerkt hatte, daß, sozusagen über Nacht, die Sehkraft meines rechten Auges fast gänzlich verschwunden war. Die mir bis ins einzelne vertrauten Figuren und Landschaften hatten sich aufgelöst, unterschiedslos, in eine bedrohliche schwarze Schraffur. Ich ängstigte mich um die Fortführung meiner Arbeit, war aber zugleich erfüllt, wenn ich so sagen darf, von einer Vision der Erlösung, in der ich mich, befreit von dem ewigen Schreiben- und Lesenmüssen, in einem Korbsessel in einem Garten sitzen sah, umgeben von einer konturlosen, nur an ihren schwachen Farben noch zu erkennenden Welt (AUS 54f). Befreit zu sein vom Sehen, Denken, Lesen und Schreiben ist ein wiederkehrendes Motiv bei Sebald, insbesondere aufblühend in dem Prosastück J'aurais voulu que ce lac eut été l'Océan LL 43 ff). Es ist eine Ausweitung der Augenkrankheit und zugleich eine Umkehrung von Krankheit und Gesundheit. Eingelassen in diese Umkehrung ist in der Szene im Austerlitzbuch die Umkehrung von sehen zu gesehen werden: Den Opersängerinnen ebenso wie den jungen Frauen, wenn man sie einem Freier vorführte, gab man ein paar Tropfen einer aus dem Nachtschattengewächs Belladonna destillierten Flüssigkeit auf die Netzhaut, wodurch ihre Augen erstrahlten in einem hingebungsvollen, quasi übernatürlichen Glanz, sie selber aber so gut wie gar nichts mehr wahrnehmen konnten.

Über die ganze Strecke leitmotivisch durchsetzt von Augenschwäche und Sehfehlern ist die Erzählung Paul Bereyter. Bis in den Tod ist die Brille ein festes Merkmal Bereyters. Ich sah ihn hingestreckt auf dem Gleis. Er hatte in meiner Vorstellung die Brille abgenommen und zur Seite in den Schotter gelegt (AW 44). Nicht selten nahm er dabei auch sein Sacktuch heraus und biß, vor Zorn über unsere, wie er vielleicht nicht zu Unrecht meinte, vorsätzliche Dummheit, in es hinein. Regelmäßig tat er nach solchen Rappeln seine Brille herunter, blieb blind und wehrlos mitten in der Klasse stehen, hauchte auf die Linsen und putzte sie so hingebungsvoll, als sei er froh, uns eine Zeitlang nicht sehen zu müssen (AW 52f).Trotz seines schwächer werdenden Augenlichts habe er tagelang in den Archiven gesessen und sich endlose Notizen gemacht (AW 80). Ein ruhiges Sichversenken in bewegte Blätter zur Schonung und Besserung seines Auges war ihm ja angeraten worden von dem Arzt, der ihm den Star gestochen habe (AW 85). Schon als Kind sei er vom sogenannten Mückensehen geplagt worden und habe immer befürchtet, die kleinen dunklen Flecken und perlartigen Figuren, die durch sein Gesichtsfeld huschten, würden nächstens zu seiner Erblindung führen. Tatsächlich redete Paul in jenen Tagen mit der größten Ausgeglichenheit über den, wie er sich ausdrückte, mausgrauen Prospekt, welcher nun vor ihm sich erstreckte, und er stellte die Hypothese auf, die neue Welt, in die er nun im Begriff sei einzutreten, wäre zwar enger als die bisherige, doch verspreche er sich davon ein gewisses Gefühl des Komforts (AW 88). Also das gleiche Motiv des freudige Sichschickens in die Erblindung, hier allerdings mit einem langen, etappenweisen Vorlauf der Sehbehinderung, darin das Motiv der (wenn auch unwirksam) als Waffe gegen die Dummheit eingesetzten Blindheit, und verlängert in den Selbstmord auf den Gleisen mit zuvor sorgsam zusammengelegter Brille. Die Rückgabe des Sehens geht der Rückgabe des Lebens nur um eine sehr geringe Zeit voraus.

Angesichts der immer weiter ausufernden und immer gründlicheren Arbeit am Modell des Jerusalemer Tempels fragt sich Alec Garrad jetzt, wo es allmählich dunkel zu werden beginnt an den Rändern des Gesichtsfelds, ob er den Bau jemals zu Ende führen werde, und ob nicht alles, was er bislang geschaffen habe, bloß ein Machwerk sei (RS 291). Hier verschwimmen befürchtetes Scheitern des Lebenswerks und fortschreitende Erblindung zu einem unauflöslichen Grau.

In den Schwindel.Gefühlen verhalten sich die Dinge anders und doch ähnlich. Es ist mir gewesen, als spürte ich ihre Hand auf meiner Schulter. Selten genug ist es vorgekommen in meinem Leben, daß ich von einer mir an sich fremden Frau angerührt worden bin. Ich erinnere mich beispielsweise, vor Jahren einmal in der verdunkelten Konsultationskammer eines Optikergeschäftes in Manchester gesessen zu sein. Neben mir stand eine chinesische Optikerin, die, wie ein kleines Schild an ihrem Berufskittel anzeigte, wunderbarerweise Susi Ahoi hieß. Wenn sie sich zu mir neigte, um die Linsen auszuwechseln, spürte ich die kühle, von ihr ausgehende Fürsorglichkeit, und einmal rührte sie sogar, viel länger, wie ich mir einbildete, als nötig gewesen wäre, mit ihren Fingerkuppen an meine wie so oft vor Schmerz klopfenden Schläfen (SG 111).

Zum einen scheint Sebald hier in Wettstreit zu treten mit einem Großteil der modernen Literatur, die ihr Heil sucht in einer sich stetig steigernden sexuellen Drastik, indem er ihr ein intensives erotisches Sordino kaum oberhalb der Wahrnehmungsschwelle zurückspielt, und zum anderen ist es das Thema des Repos du guerrier, verwandelt durch die weibliche Zauberberührung zum Repos du penseur. In der Gegenwart Lucianas verläuft das Schreiben schmerzlos, die Chinesin Ahoi lindert die Qual hinter den Augen.

Fraglos ist die Labilität des Auges eine Verästelung der Großthemen Ambivalenz des Denkens, Ambivalenz des Lebens. Um die Nachzeichnung dieser Verästelung sollte es gehen, und keineswegs soll sich ein interpretatorischer Großangriff anschließen. In einer seiner Glossen zu Fontane macht Blumenberg des bloße Gedanke schaudern, eine gerade entdeckte ebenso schöne wie rätselhafte Grabinschrift könne einem der zeitgenössischen theologischen Meisterdenkern zur Auslegung in die Hände fallen. Sebalds Prosa täuscht ständig ein intensives Bemühen um Selbsterläuterung vor, immer noch ein weiterer erhellender Halbsatz wird aufgeklappt. Im Rücken aber dieser fingierten Bemühung um Erhellung breitet sich das Dunkel aus. Wollte man darein mit der interpretatorischen Grubenlampe vordringen, würde man kein semantisches Erz zu Tage fördern, sondern den semantisches Tod beim Grubeneinsturz hervorrufen.