Montag, 10. September 2012

Bunte Röcke

Farben der Zeit

Mit offenkundigem Beifall berichtet Sebald von Michael Parkinsons Anspruchslosigkeit in Kleiderfragen. Jahraus, jahrein trug er abwechslungsweise eine dunkelblaue und eine rostfarbene Jacke, und wenn die Ärmel abgestoßen oder die Ellbogen durchwetzt waren, hat er selbst zu Nadel und Faden gegriffen und einen Lederbesatz aufgenäht. Austerlitz hält es ähnlich, er trägt schwere Wanderstiefel, eine Art Arbeitshose aus verschossenem blauen Kattun, sowie ein maßgeschneidertes, aber längst aus der Mode gekommenes Anzugsjackett. Im Hintergrund steht, so kann man mutmaßen, der Lebensstil Wittgensteins, den Sebald, wie er sagt, zu seinen ständigen Begleitern zählt. Auch Sebald selbst neigte, soweit wir das den Photographien ablesen können, nicht zu Extravaganz in der Bekleidung, wenn auch ein höherer Grad von Gediegenheit als bei Michael Parkinson erkennbar scheint. Selysses wiederum, so wie er etwa an die libanesischen Zeder im Park von Ditchingham gelehnt ist, scheint es noch etwas legerer zu lieben als sein Doppelgänger im realen Leben, aber das mag auch daran liegen, daß die meisten Photos, die wir kennen, Sebald bereits in einem reiferen Alter zeigen.

Aber längst nicht alle Figuren im Werk sind zur Wittgensteinfraktion zu rechnen. Stendhal kauft sich, als er nach Volterra fährt, einen neuen gelben Rock, dunkelblaue Beinkleider, schwarz lackiertes Schuhwerk, einen extrahohen Velourshut und ein paar grüne Brillen. Daß ihm diese mutige Ausstattung nicht zum Heil gereicht, ist eine andere Frage. Von der verschreckten Geliebten bleibt ihm fortan nur der farblose Gipsabdruck der linken Hand, der allerdings, und insbesondere die leichte Krümmung des Ringfingers, bei ihm Emotionen von einer Heftigkeit hervorrufen, wie er sie bislang noch nicht erfahren hatte. Goethe schreitet gedankenversunken in einem zimtbraunen Rock durch die Flucht der drei nach Südwesten hinausgehenden Zimmer. Zimtbraun ist wenn schon nicht gerade gelb, so doch modisch anspruchsvoll, und auch die Marienbader Affäre endet bekanntlich elegisch.
Man mag annehmen, daß der Wittgensteinstil des unauffälligen Sakkos - die Farben werden im Fall Michael Parkinsons nur zum Zweck der Unterscheidbarkeit genannt - und des offenen Hemdkragens Kennzeichen einer sich rationalisierenden Welt ist, dies unter Leitung der Wissenschaft, deren Vertreter Parkinson, Austerlitz und auch Sebald sind. Im neunzehnten Jahrhundert hatte sich der Wissenschaftler im Auftreten stilistisch von der Gesellschaft noch nicht abgesetzt, während in der Kunst, wie bei Stendhal zu beobachten, dandy- und pfauenhafte Absetzbewegungen feststellbar waren.

Le Strange ist weder Künstler noch Wissenschaftler, sondern Soldat in einer Zeit, als der Waffenrock längst nicht mehr bunt ist. Welche Ausbildung er hat und ob er zunächst einen zivilen Beruf ausgeübt hatte, erfahren wir nicht. Nach der Quittierung des Dienstes bringt er auf seinen Gütern nahezu jede Berufsausübung zum Erliegen. Die einzige Berufsgruppe, an der er sich in gewisser Weise noch orientiert, ist die der Heiligen. Ohne genaueres zu wissen, kann man annehmen, daß er bekleidungsmäßig der Wittgensteingruppe zuzurechnen ist. Seine diesbezügliche Konsumunlust ähnelt der des Michael Parkinson, eben das aber bringt ihn in einer überraschenden Volte auf die Seite Stendhals. Weil er seine Garderobe völlig abgetragen hatte und neue Stücke sich nicht mehr zulegen mochte, holte es sich das Notwendige aus den Kästen auf dem Dachboden seines Hauses hervor, und so konnte man ihn gelegentlich sehen in einem kanarienfarbenen Gehrock oder in einer Art Trauermantel aus verschossenem veilchenfarbenen Taft mit vielen Knöpfen und Ösen: Ein Dandy der Askese halber.

Daß Le Strange mit dieser Prachtausstattung Florence Barnes betreffend ähnliches im Sinn gehabt hätte wie Stendhal bei Métilde Dembowska, kann guten Gewissens ausgeschlossen werden, ebenso aber auch, daß es sich bei den bunten Röcken um eine vom Autor sinnfrei eingeflochtene Arabeske handeln sollte. Über die Kleidung des anderen reichen Exzentrikers im Werk, Cosmo Solomon, erfahren wir wenig. Vom Klang des ganz dem Vokal O vorbehaltenen Namens her vermutet man schwarze Kleidung. Zum Sanctum der Spieler in der Salle de la Cuvette hatten ohnehin nur Herren im Smoking Zutritt. Auf dem Polofeld wird er das vorgesehene Dreß getragen haben. Wir wissen nicht, was er trug, als er nach Tagen im obersten Stock des Hauses in seinem alten Kinderzimmer gefunden wird, von wo er, mit bewegungslos herabhängenden Armen auf einem Schemelchen stehend, hinausschaute auf das Meer und die langsam vorbeiziehenden Dampfschiffe nach Boston und Halifax.
Mit dem Rückgriff auf die bunten Röcke vom Dachboden geht Le Strange in der Zeit zurück zu einem Punkt, als Röcke dieser Art weder auffällig noch unüblich waren, auch wenn selbst nach diesen Maßstäben der liebestolle Stendhal über das Ziel hinausschossen war. Bevor Stendhal zum papageienhaften Zivilisten wurde, hatte er die Pflichten und Freuden des bunten Waffenrocks erfahren, komplettiert durch hirschlederne Hosen, einen vom Nacken bis zum Scheitel mit gestutzten Roßhaar besetzten Helm, Stiefel, Sporen, Gürtelschnallen, Brustriemen, Epauletten, Knöpfe und Rangabzeichen. George Le Strange aber, der in den Wald bei Bergen Belsen eingedrungen war, um den bösen Drachen zu besiegen, hatte das Werk eines anderen Soldaten fortgeführt, das des Georgius Miles, dessen aus weißem Metall geschmiedete, kunstreiche Rüstung allen Abendschein auf sich versammelt hatte.

Als zweifelsfreie Reinkarnation des San Giorgio ist Giorgio Santini zu erkennen, der nicht nur den Namen des Heiligen weiter trägt, sondern auch dessen formvollendeten weitkrempigen Strohhut, von dem Pisanello uns berichtet hat, in der Hand hält und der die weiße Rüstung des Ritters, den Anforderungen der Zeit nachkommend, in einen weißen Sommeranzug verwandelt hat mit ihn ergänzenden überaus eleganten steifleinenen Schuhen mit Lederbesatz. Santinis Anzug leuchtet für einen Augenblick nur auf in Le Stranges kanarienfarbenem Gehrock, bevor er sich in den Trauermantel aus verschossenem veilchenfarbenen Taft verwandelt. Schließlich bleiben von der schimmernden Wehr an einer auf dem Dachboden vergessenen alten Schneiderpuppe zwei hechtgraue Beinkleider und ein hechtgrauer Rock, dessen Kragen, Aufschläge und Vorstöße einmal von grasgrüner, die Knöpfe aber von goldgelber Farbe gewesen sein mochten, und auf dem Kopfholz der Puppe ein gleichfalls hechtgrauen Hut mit einem grünen Hahnenfederbusch. Als ich näher herantrat und an einen der leer herunterhängenden Uniformärmel rührte, ist dieser in Staub zerfallen.

Donnerstag, 6. September 2012

Paris

Die Gans der Gaukler

Thomas Bernhard schimpft über alles in der Welt, nicht zuletzt über Städte vom Norden bis zum Süden und vom Osten zum Westen. Ein eigener Band unter dem Titel Städtebeschimpfungen ist herausgegeben worden. Wenn Bernhard dann plötzlich die Stadt Warschau als dunkel und schön preist, ist man, ohne Anlaß zum Widerspruch zu haben, überrascht. Eine gewisse Willkür scheint zu herrschen. Sebald ist im Umgang mit Städten ausgeglichener und subversiver. Offene Beurteilungen der Städte, im Guten oder im Schlechten, gibt es nicht, es gibt nur den Wanderer, den Reisenden, der die Städte betritt und erlebt. In Venedig reicht ein mit Bergen von Müll beladener Kahn, auf dem eine große Ratte die Bordkante entlang läuft und sich kopfüber ins Wasser stürzt, um gleich wieder abzureisen.
Ginge es nach Austerlitz, gäbe es wohl gar keine Städte. Als Bauwerke läßt er gelten allein die Feldhütte, die Eremitage, das Häuschen des Schrankenwärters, den Aussichtspavillon und die Kindervilla im Garten, eine auf diese architektonischen Formen reduzierte städtische Ansiedlung ist schwer vorstellbar. Wahrscheinlich aber muß auf der Ebene des Städtebaus die Beurteilung neu einsetzten. Jeder hat Ortschaften vor Augen, die, erbaut zumeist aus den Materialien der nahen Umgebung, in ein Flußtal eingeschmiegt oder angelehnt an einen Berghang wenigstens einen Abglanz des Friedens uns versprechen, wohingegen von einem Riesenstadt wie beispielsweise Paris niemand, der bei rechten Sinnen ist, behaupten kann, daß sie rundum und in allen Einzelheiten ihm gefalle: so mag Austerlitz urteilen.

Der touristische Impetus ist bei der Lektüre der Bücher Sebalds angesprochen. Man sieht vertraute Städte wie Prag oder Paris wieder, ohne sich erneut auf eine reale Reise mit den immer vielfältigen Widrigkeiten begeben zu müssen. Wir fühlen uns wohl in Verona, Prag und Paris und fragen zunächst nicht, ob mit oder gegen den Willen des Dichters. Wie erleben wir Städte, was bringt den einen oder anderen dazu, Warschau als dunkel und schön zu sehen, ist es der Gesamteindruck oder sind es Einzelheiten. Um eine große Stadt insgesamt zu würdigen, muß man Höhe gewinnen. Austerlitz sieht Paris vom 18. Stock des Südostturms der neuen Nationalbibliothek aus, er sieht eine im Laufe der Jahrtausende aus dem jetzt völlig ausgehöhlten Untergrund herausgewachsene Stadtagglomeration, ein fahles Kalksteingebilde, eine Art von Exkreszenz. Aus der Luft betrachtet sind Riesenstädte immer abstoßend und furchterregend, man denke an den Schrecken des Landeanflugs auf Los Angeles oder Chicago, wo es scheint, als müsse man bis an das Ende der Tage über die Häuserwüste dahingleiten.

Die Paris nach breiter Übereinkunft zuerkannte Schönheit muß also, da in der Gesamtschau nicht feststellbar, in den Einzelheiten gesucht werden. Die Austerlitz beigegebenen Bildausschnitte sind bei dieser Suche nicht hilfreich, sie sind von ausgesuchter Häßlichkeit, das krank und invalid wirkende Haus mit der Werbung für einen Enzianaperitif, der Blick vom Friedhof auf die dümmlich dastehende Tour Montparnasse, der delinquente Blickwinkel auf den ohnehin schon monströsen Bibliotheksbau. Die in Filmen immer wieder zitierten Vorzeigestücke, die Seine mit ihren Brücken und Ufern, die Île de la Cité, die Champs-Élysées bleiben in Bild und Wort unerwähnt. Die unförmige Betonmasse des Pont Mirabeau, sicher nicht der zierlichste Flußübergang, in dessen Nähe er in seiner ersten Pariser Zeit ausgangs der fünfziger Jahre gewohnt hatte, sieht Austerlitz, wie er sagt, noch heute manchmal in seinen Angstträumen.
Drei Zeitebenen des Buches sind in Paris zu unterscheiden, die Gegenwartszeit der Erzählung, die erwähnte Zeit des ersten Aufenthalts und die vierziger Jahre, als der Vater Maximilian Aychenwald hier seinen Fluchtort gefunden hatte. Paris scheint damit in der Erzählung gegenüber Prag* mit der dort verbrachten frühen Kindheit und dem Besuch in den neunziger Jahren eine zusätzliche Zeitebene aufzuweisen. Das ist bei genauer Betrachtung aber nicht richtig, Austerlitz hatte Prag schon im Jahre 1972 besucht, allerdings ohne es zu betreten, da er vom Flughafen aus mit Marie de Verneuil sogleich in einer schwarzen Tatra-Limousine nach Marienbad weitergefahren war. Eine größere Annäherung an die böhmische Hauptsstadt war unter Wahrung des realistischen Anspruchs der Erzählung nicht möglich, sofern der quälende Vorgang der Wiedererkennung vollständig dem zweiten Aufenthalt in den neunziger Jahren vorbehalten bleiben sollte. Schon so ist schwer zu verstehen, wie die Wiederbegegnung mit der tschechischen Sprache während des mehrtägigen Aufenthalts in Marienbad so gänzlich ohne Spuren bleiben konnte. Das Prag der Mutter und das Paris des Vaters haben im Buch gleiches Gewicht.

Der wichtigste Pariser Schauplatz in den fünfziger Jahren ist für Austerlitz die alte Nationalbibliothek in der rue Richelieu, wo er unter der Woche tagtäglich meist bis in den Abend hinein in stummer Solidarität mit den zahlreichen anderen Geistesarbeitern an seinem Platz gesessen ist, um nur für die Nacht in sein bei Amélie Cerf, einer körperhaft kaum noch vorhandenen Person, gemietetes Quartier in der Rue Emile Zola nahe dem Pont Mirabeau zurückzukehren. Hier, in der Bibliothek, lernt er Marie de Verneuil kennen. Mit Marie macht er dann lange Spaziergänge im Luxemburggarten, in den Tuilerien und im Jardin des Plantes. Wenn sie nicht in Paris ist, macht er sich regelmäßig auf, die Randbezirke der Stadt zu erkunden und fährt mit der Métro nach Montrueil, Malakoff, Charenton, Bobigny und zu anderen Orten hinaus. In Maisons-Alfort besucht er das Veterinärmedizinische Museum und erleidet auf der Rückfahrt einen Herzfall. Er wird in die Salpêtrière eingeliefert, wo Marie dann stunden- und tagelang an seinem Bett sitzt. Auf einem der wiederaufgenommenen Spaziergänge stoßen sie in der Gegend der Gare d’Austerlitz und des Quai d’Austerlitz auf das kleine Zelt des Wanderzirkus Bastiani. Die weiße Gans, die am Ende der Vorstellung mit vorgestrecktem Hals und gesenkten Lidern dem Vortrag der musizierenden Schausteller lauscht, kennt womöglich nicht nur ihr eigenes Los, sondern auch das derjenigen, in deren Gesellschaft sie sich befand, also auch das der Zuschauer, also auch das von Marie und Austerlitz.

Bei seinem Parisaufenthalt in der aktuellen Erzählzeit des Buches nimmt Austerlitz Wohnung in der Rue des cinq Diamants im dreizehnten Bezirk, dort wo sein Vater, in der rue Barrault, seine letzte Adresse hatte. Mit Selysses trifft er sich in der unweit entfernten Bistrobar Le Havane am Boulevard Auguste Blanqui, nahe der Métrostation Glacière, um ihm über den neuesten Stand seiner Ermittlungen zu berichten und auch von seiner frühen Zeit in Paris. An die Stelle der geschlossenen alten Nationalbibliothek in der rue Richelieu ist jetzt die neue am Quai François-Mauriac getreten, gar nicht weit von der Gare d’Austerlitz entfernt. Es handelt sich in Austerlitz' Augen um ein den Bedürfnissen jedes wahren Lesers kompromißlos entgegengesetztes, eigens zu seiner Verunsicherung und Erniedrigung erdachtes Gebäude. Undenkbar, daß er hier seine den Vater betreffenden Recherchen vorantreiben könnte, ganz undenkbar auch, daß er hier erneut Marie de Verneuil lesend antreffen würde.
Die vierziger Jahre, genauer die Zeit der deutschen Besetzung, sind durch keine Figur auf der Handlungsebene des Buches vertreten, sie leben fort unter den verschiedenen Orten und Plätzen der Stadt und treten jäh hervor. So richtig es ist, die verschiedenen Zeitebenen zu trennen, so richtig ist es auch, sie als eine ineinander verschlungene Einheit zu sehen. Es ist als spüre man im 18. Stock des Südostturms der Bibliothek die Strömungen der Zeit um seine Schläfen und seine Stirn, aber es ist nur ein Reflex des Bewußtseins von den verschiedenen Schichten, die dort drunten auf dem Grund der Stadt übereinandergewachsen sind. Maximilian Aychenwald mag bereits nach der ersten Pariser Razzia 1941 in Drancy interniert worden sein, oder erst im Juli des folgenden Jahres, vielleicht aber auch hat er Paris rechtzeitig verlassen, ist südwärts gefahren und zu Fuß über die Pyrenäen gegangen. Auf dem Friedhof Montparnasse erinnert ein Gedenktäfelchen an Hugo und Lucie Sussfeld, auf dem es heißt, daß die Eheleute 1944 bei der Deportation umgekommen sind. Unter einem Werbeplakat, das den Wintersportort Chamonix anpreist, schaut noch 1958 am oberen Rand ein vergilbter Anschlag der Pariser Stadtverwaltung aus dem Juli des Jahres 1943 hervor.

Der letzte Pariser Schauplatz des Buches ist die Gare d’Austerlitz. Daß sich das Schicksal des Titelhelden an dem, wie man meinen möchte, nach ihm benannten Bahnhof erfüllt, ist eine so weitgehende Koinzidenz, daß sie gar nicht einmal als solche benannt wird. Schon Ende der fünfziger Jahre war Austerlitz unweit der Gare auf die seine Zukunft lesende weiße Gans der Gaukler gestoßen; von diesem seiner Wohnung zunächst gelegenen Bahnhof könnte der Vater bald nach dem Einmarsch der Deutschen Paris verlassen haben. Jedenfalls ist ihm dieser Bahnhof immer der rätselhafteste aller Pariser Bahnhöfe gewesen. Nicht weit vom Bahnhof stapelten sich auf dem Lagerplatz Austerlitz-Tolbiac in den Jahren ab 1942 die den Internierten abgenommenen Güter. Über siebenhundert Eisenbahnzüge vollbeladen mit Beutestücken sind von hier abgefahren in die zerstörten Städte des Reichs. Von hier aus wird Austerlitz weitersuchen nach dem Vater und nach Marie de Verneuil.

Was den touristischen Impetus anbelangt, so ist nicht klar, ob Selysses Kafka tadelt oder feiert, wenn er mutmaßt, der habe auf seiner unter Schwindelgefühlen vollzogenen Italienreise nicht viel gesehen von all dem Sehenswürdigen. Kafka hat im übrigen auch Paris besucht. Im Café Biard fand er, daß man abgesehen vom Genuß des feinen Gebäcks zum deutlichen Genuß des eigentlichen Vorteils dieses Cafés kommt, nämlich des vollständigen Unbeachtetseins bei ziemlich leerem Lokal, guter Bedienung, nahe allen Menschen hinter dem Pult und vor der immer geöffneten Ladentür. Thomas Bernhard hat diese frühe Kaffeehauskette nicht mehr kennengelernt.

Donnerstag, 30. August 2012

Terezín

Bazar und Museum

In Austerlitz erscheinen die beiden böhmischen Städte Prag und Marienbad in der deutschen Namensform, Terezín dagegen in der tschechischen, der deutsche Name Theresienstadt ist dem Lager vorbehalten, der Stadt, die der Führer den Juden schenkt.

Austerlitz ist nicht in guter Verfassung, als er nach Terezín aufbricht. Tags zuvor hatte ihn der Blick des Pagen der Rosenkönigin durchdrungen, also der photographierte Blick seiner selbst als Kind, und sprach- und begriffslos und zu keiner Denkbewegung imstande gemacht. Zwar fällt Austerlitz’ böhmischer Besuch schon in die Nachwendezeit, in der mit mehreren Mänteln bekleideten Bauersfrau aber auf dem Bahnhofsvorplatz Lovosice, die hinter einem notdürftig zusammengezimmerten Stand darauf wartet, daß es jemandem einfallen möchte, eines der vor ihr aufgetürmten Krauthäupter zu kaufen, sowie in dem vom Rost zur Hälfte schon zerfressenen petrochemischen Kombinat sind die deprimierenden Formate des gerade erst untergegangen Bauern- und Arbeiterstaates noch gut zu erkennen. Von Lovosice – weiteres war von der Stadt nicht zu sagen - macht Austerlitz sich zu Fuß auf den Weg nach Terezín, offenbar über verborgene Feldwege, denn von irgendeiner Begegnung, sei es Mensch oder Fahrzeug, ist nicht die Rede. Das Land ist immer bereit, sich für den wandernden Dichter zu entvölkern. Wegemale fehlen, die Silhouette der Festung sollte sich abzeichnen, tatsächlich aber duckt Terezín sich tief in die feuchten Niederungen des Zusammenflusses von Eger und Elbe hinein.

Selbst nachdem man es betreten hat, wird Terezín kaum sichtbarer als zuvor. Was eine Stadt ausmacht: Menschen, die sie bewohnen, fehlt so gut wie vollständig. Eine vornübergebeugte Gestalt bewegt sich an einem Stock unendlich langsam voran und ist dann plötzlich verschwunden. Ein Geistesgestörter fuchtelt wild, ehe er, mitten im Davonspringen, vom Erdboden verschluckt wird. Am unheimlichsten aber waren die Türen und Tore von Terezín, die sämtlich den Zugang versperrten zu einem nie noch durchdrungenen Dunkel. Nicht nur die Häuser sind verschlossen, auch die Sprache ist weggesperrt, über mehrere Seiten findet sich kein Wort, nur ganzseitige Abbildungen der Türen, hinter denen nicht etwa Menschen wohnen, sondern Spinnen, Totemtier der Nornen, die ihre Fäden ziehen, mit ihren hastig trippelnden Beinen über die Dielen laufen und erwartungsvoll in ihren Geweben hängen. Das moderne Terezín ist, dieser Eindruck stellt sich ein, schwer gezeichnet von seiner Theresienstädter Vergangenheit.
Am Antikos Bazar, in gewisser Weise das kulturelle Zentrum des Ortes, trifft Austerlitz auf einen weiteren, wenn auch nur flüchtigen Bewohner, es ist sein eigenes Schattenbild im Fenster der Auslage. Dem Leser will allerdings scheinen, daß es weniger Austerlitz als Selysses ähnlich sieht, der wiederum, wie sich aus verschiedenen über das Werk verstreuten Photographien ergibt, verblüffende Ähnlichkeit mit dem Dichter Sebald hat. Da Selysses ausweislich des Romans nicht in Terezín war, hat mit großer Wahrscheinlichkeit Sebald auf den Spuren des Jacques Austerlitz die böhmische Stadt besucht und das fragliche Photo geschossen. Wessen Kopf auch immer dort schemenhaft über dem reitenden Helden schwebt, der ein verlassenes weibliches Wesen zu sich emporzieht und so vor einem grauenvollen Unglück rettet, den Besitzer des Ladens, einen gewissen Augustýn Němeček, bekommt er nicht zu Gesicht. In den vier Fenstern des Ladens erscheinen die Ausstellungsstücke als willkürlich zusammengesetzte Stilleben. Zierstücke, Geräte und Andenken sind es - darunter die Hirschhornknöpfe, die eine bekannte deutsche Kritikerin vor Jahren gründlich aus der Bahn geworfen hatten -, die aufgrund unerforschlicher Zusammenhänge ihre ehemaligen Besitzer überlebt und den Prozeß der Zerstörung überdauert hatten. Austerlitz ist derart angezogen von der Ausstellung, daß er sich lange nicht losreißen kann und, die Stirne gegen die kalte Scheibe gepreßt, die hundert verschiedenen Dinge studiert, ausgeliefert der Melancholie dessen, was unser Leben bestenfalls ist und was vom ihm bleibt. Man weiß ich nicht, was es ist an bestimmten Dingen und Wesen, das uns manchmal so rührt. Der Antikos Bazar ist Ouvertüre oder Einübung in den Besuch des Ghettomuseums, dessen Gegenstück auf der bürgerlichen Seite der Gesellschaft sozusagen. Im Museum sind ganz ähnlich Gegenstände und Hinterlassenschaften verwahrt wie im Bazar, Handtaschen nämlich, Gürtelschnallen, Kleiderbürsten und Kämme. Von unerforschlichen Zusammenhängen kann aber nicht die Rede sein, die Handtaschen, Gürtelschnallen, Kleiderbürsten und Kämme sind gefertigt von den bald dann ums Leben gebrachten Häftlingen. Während der Antikos Bazar reichlich und liebevoll mit Bildern dokumentiert ist, fehlt für das Museum jegliche Bilddokumentation.

Wir können vermuten, daß Austerlitz das Ghettomuseum lieber nicht betreten und es gern beim Antikos Bazar belassen hätte. Wie unter Zwang aber betritt er den Vorraum zur Hölle und läßt sich von einer freundlichen Wärterin das Eintrittsbillet ausstellen. Die ganze Zeit über häkelnd scheint es sich um eine entfernte und volkstümliche Verwandte der Nornen zu handeln. Das weiße Taschentuch, das sie mit blütenblattähnlichen Schlaufen umsäumt, wird nach der Fertigstellung womöglich schon bald im Bazar zum Verkauf ausliegen. Der eigentliche Brotberuf im Museum überfordert sie nicht, bis zum Schließen, am späten Nachmittag wohl, bleibt Austerlitz der einzige Besucher.
 
Lovosice und Terezín sind ganz in graudunklen Tönen gehalten, von denen sich allenfalls die elfenbeinfarbene Porzellankomposition in der Auslage des Antikos Bazar mild abhebt, und wenn Austerlitz im Museum wie geblendet dasteht, so ist die Lichtquelle nicht etwa die weiße Häkelarbeit der Wärterin mit der altmodisch gewellten Frisur, es ist vielmehr der mit ausgeklügeltem Aufwand in die Praxis umgesetzte Ordnungs- und Sauberkeitswahn der Herren des Lagers Theresienstadt. Das und anderes begreift Austerlitz und begreift es auch nicht in einer ganz anderen Art des Nichtbegreifens wie vor den Auslagen des Antikos Bazar, den es womöglich schon gab, als Theresienstadt noch eine stille Garnison im kaiserlich und königlichen Reich war, mit Offiziergattinnen, die sich unendlich langweilten und einem, wie man glaubte, in alle Ewigkeit geltenden Dienstreglement. In diese Vergangenheit hätte sich der Bazar ganz unauffällig eingefügt.

Die Rückfahrt bestreitet Austerlitz nicht mit der Bahn, sondern mit einem altertümlichen Omnibus, der aus dem Nirgendwo auftaucht. Der Bus ist naturgemäß nicht führerlos, aber wortlos nur gibt der Fahrer auf einen Hundertkronenschein das Wechselgeld heraus. Einmal, als Austerlitz sich umwendete während der Fahrt, sieht er, daß die Fahrgäste in den Schlaf gesunken waren, ausnahmslos. Mit verrenkten Leibern lehnen und hängen sie in ihren Sitzen. Dem einen war der Kopf nach vorn gesunken, dem anderen seitwärts oder in den Nacken gekippt. Manche röcheln leise. Es ist ein Totenbus, mit dem schließlich eine Art Rampe hinunter in die Vorstädte von Prag einfährt.

Der Dichter ist kein auf Objektivität bedachter Historiograph und auch kein in Böhmen reisendes Mitglied des deutschen Ethikrates. Sein in Austerlitz’ Erleben gespiegeltes Terezín ist so real wie ein Bild Chiricos. Le surréalisme est un réalisme, könnte man sagen, oder, ungefähr so hat sich Sebald ausgedrückt, der Realismus vervollständigt sich im Surrealismus. Die Textpassage schließt mit einem geträumten Vernichtungswunsch: Südwärts, in einem weiten Halbrund, erhoben sich die Kegel der erloschenen böhmischen Vulkane, von denen ich mir in diesem bösen Traum wünschte, daß sie ausbrechen und alles ringsum überziehen möchten mit schwarzem Staub. Alle Farben sind endgültig verschwunden. Anders als der weiße Schnee wird der schwarze nicht auftauen im Frühjahr und eingeschneite Menschen werden nicht wieder hervorkommen. Der Vernichtungswunsch betrifft nicht allein und nicht einmal vordringlich das an sich schöne und unschuldige Land Böhmen. Der schwarze Staub soll bis an das Ende der Welt reichen. Es ist der Todeswunsch des Jacques Austerlitz, der das Buch schließlich dann aber lebend verläßt, auf der Suche nach seinem Vater und nach Marie de Verneuil.

Kafka ist in Terezín nicht vertreten. Im Jahr 1944 wurden Agátas Schwestern Milena Jesenká in Ravensbrück und Julie Wohryzek in Auschwitz ums Leben gebracht.

Donnerstag, 23. August 2012

Marienbad

Winterkönigin

Die böhmischen Städte Prag und Theresienstadt sucht Austerlitz in den frühen neunziger Jahren auf, Marienbad im Jahre 1972. Es ist Sebalds einziger erzählerischer Aufenthalt im sozialistischen Reich. Dessen Wesen ist, ohne daß es thematisiert würde, an einigen atmosphärischen Chiffren greifbar, an den beiden uniformierten Motorradfahrern, die der Tatra-Limousine vom Prager Flughafen bis zum Hotel in Marienbad folgen, den die langen Steigungen hinaufkriechenden, dichte Qualmwolken hinter sich herziehenden Lastern, an der gleichen Ausstaffierung aller Angestellten der unter staatlicher Führung stehenden Badehotels, am ausnahmslos in Regenhüllen aus dünnem, blaugrauen Perlon gekleideten, zur Erholung entsandten Gästetrupp aus irgendeinem böhmischen Kombinat oder einem sozialistischen Bruderland.
Marie de Verneuils Besuch in Marienbad dient nach eigenem Bekunden baugeschichtlichen Studien zur Entwicklung der europäischen Kurbäder. Nach ersten Anfängen zu Beginn des 19. Jahrhunderts habe Marienbad schon bald einen rasanten Aufschwung genommen. Bauhandwerker aller Art kamen aus Prag, Wien und von überall her. Der Waldgrund wurde in einen englischen Landschaftspark verwandelt, immer mehr und immer stolzere Hotels wuchsen aus dem Boden, 1873 wurde die große gußeiserne Kolonnade errichtet. Wenn Marie dann in einer regelrechten medizinisch-diagnostischen Wortkoloratur die Heilkraft der Quellen schildert, dient das dem zweiten und eigentlichen Zweck der Reise, der darin besteht, Austerlitz aufzuheitern und aus seiner Vereinzelung zu befreien.

Goethes elegisches Erleben in Marienbad hat Sebald an anderer Stelle verarbeitet. Das herrliche Geflecht verschlungener Minnen will ihm nicht gefallen – schon die Thematik hat ihm sicher weitaus weniger bedeutet als Martin Walser -, und mehr als das Faksimile der Niederschrift im Marienbader Museum spricht ihn das dort ebenfalls verwahrte gelbe Tulpenbaumblatt aus Ulrikes Herbarium an. Dennoch bleibt Goethes Marienbad als verblichene und zerknitterte Folie erkennbar, insofern als auch Sebalds Marienbad eine mißlingende Liebesgeschichte erzählt. Das würde angesichts der Allgegenwart gelingender und mißlingender Amouren in der Literatur naturgemäß für eine Verbindung nicht hinreichen, wenn nicht das eigens nach Marienbad verlagerte Geschehen eine rare Ausnahme darstellen würde in einem Werk, das Liebesgeschichten programmatisch so gut wie ausschließt.

Für einen Augenblick sieht es nach Gelingen aus. Tatsächlich sei er, so Austerlitz, nie zuvor in seinem Leben besser einschlafen als in dieser ersten mit Marie gemeinsam verbrachten Nacht. Aber vor dem Morgengrauen noch erwacht er mit einem abgründigen Gefühl der Verstörung und muß sich wie ein Seekranker aufrichten und an den Bettrand setzen. Schon bei der Anreise war es ihm geschienen, als führe die schnurgerade Chaussee einmal in Wellentäler hinunter und dann wieder hinauf bis dorthin, wo Böhmen, wie Shakespeare schon ausgeführt hatte und viele nach ihm bestätigt haben, angrenzt an das Baltische Meer. An diesem Morgen tauchen die großen Hotelpaläste aus dem Frühnebel auf wie Ozeandampfer auf einem dunklen Meer. Er ist seekrank und in einem falschen Leben. Eine Zeitung, von der er in der Nacht geträumt hatte, besteht fast ausschließlich aus Todesanzeigen. In der Stadt dann empfindet er den schlechten Zustand der einst herrschaftlichen Gebäude, den aufgebrochenen Verputz, die teilweise mit Brettern und Wellblech vernagelten Fenster als einen genauen Ausdruck seiner seelischen Verfassung. Im Taubenhaus bei Königswart liegen die Kadaver der todkrank aus ihren Nischen gestürzten Vogeltiere am Boden, während ihre noch lebendigen Genossen in einer Art Alterdemenz unter dem Dach leise klagend durcheinander gurren. Der in Regenhüllen aus dünnem, blaugrauen Perlon gekleidete Trupp der zur Erholung Abkommandierten schließlich ist nicht nur ein Inbild der sozialistischen Ordnung, so wie die leicht vornübergebeugten, auffallend untersetzten Gestalten aus dem Nichts auftauchen und im Gänsemarsch den Weg kreuzen, sind sie den Schwadronen der Toten in Wales oder auch auf Korsika ähnlich. Tatsächlich ist Austerlitz in einem falschen Leben, was er 1972 in Marienbad erlebt, ist die Prophezeiung einer Erinnerung, die zwanzig Jahre später erst von Vera wachgerufen werden wird und die dann schon mehr als fünfzig Jahre zurückreicht, weiter wohl als Austerlitz’ eigene Erinnerung reichen kann. 1938 waren sie alle miteinander, Agáta, Vera, Maximilian und Jacquot, in Marienbad gewesen. Logis hatten sie im Osborne-Balmont gleich hinter dem Palace Hotel genommen. Es waren drei wunderbare, beinahe selige Wochen, und doch zogen schon die dunklen Wolken herauf und wenig später würde Agáta in der anderen böhmischen Stadt in den Tod gehen.

Die alles in allem nicht seligen Tage des Aufenthalts im Jahre 1972, in denen Glück und Todeszeichen weitaus enger zusammenrücken, sind auf das Verlangen nach Erinnerung einerseits und das Unvermögen zur und auch die Verweigerung der Erinnerung andererseits zurückzuführen. Als er sich seine frühe Kindheit in Prag so weit wie möglich zueigen gemacht hat, beschließt Austerlitz weiterzusuchen nach seinem Vater und auch nach Marie de Verneuil. Liest man das Buch für einen Augenblick als Tatsachenbericht, so will das Auffinden Maries als um einiges leichter und wahrscheinlicher erscheinen als das des Vaters, und am Horizont erscheint die Verheißung einer Spätsommergeschichte ähnlich der im Fall Paul Bereyters, die mit Goethes Spätherbst- wenn nicht gar Wintermärchen, das nicht jedem gefallen kann, keine nennenswerte Ähnlichkeit haben würde.

Böhmen

A desert country near the sea

Wer ohne jede Vorbereitung zu Sebalds Roman Austerlitz greift, ist nach kurzer Zeit dépaysé, wie in einer falschen Welt. Was wird ihm hier eigentlich erzählt, geht es um Bauwerke, Festungen zumal, oder um Bahnhöfe, um Reisen vielleicht, soll Europa in seiner Vielfalt und Einheitlichkeit dargestellt werden – keiner dieser Ansätze wäre falsch, keiner ist naturgemäß aber auch nur im geringsten erschöpfend. Unter den vom Buch erfaßten europäischen Regionen nimmt Böhmen, tschechisch Čechy, einen der vorderen Plätze ein.

In den Schwindel.Gefühlen, die nach Sebalds eigenem Bekunden eine einzige Hommage an den in Böhmen beheimateten Dichter Kafka sind, hatte Selysses auf der Rückfahrt nach England im Zug das Rheintal abwärts die Winterkönigin getroffen, auf das tiefste versenkt in ein Buch, welches den Titel Das böhmische Meer trug und verfaßt war von einer ihm unbekannten Autorin namens Mila Stern. Weder über das Buch noch über die Autorin läßt sich sehr zum Leidwesen des Reisenden später auch nur das geringste herausfinden. In Austerlitz hatte Marie de Verneuil geäußert, die Straße von Prag nach Marienbad führe in Wellentäler hinunter und dann wieder hinauf bis dorthin, wo Böhmen angrenzt an das Baltische Meer. Nicht auszuschließen – die Chronologie spricht nicht dagegen -, daß Marie de Verneuil unter dem Namen Mila Stern das Buch selbst verfaßt hat und im Rheinexpreß das einzige Exemplar des ansonsten nicht veröffentlichten Werkes liest. Was aber, muß man sich fragen, könnte sie bewogen haben, nun ausgerechnet in Bonn aus dem Zug auszusteigen. Sicher ist nur, daß man von Bonn aus gleichermaßen leicht nach Paris oder Prag weiterreisen kann.

Die Frage, warum Böhmen ein Schauplatz des Buches ist, wird man zunächst unbedacht damit beantworten, daß Austerlitz in Prag geboren wurde und Agáta in Theresienstadt ums Leben kam. Austerlitz aber ist ein Geschöpf des Dichters und Todesstätten hatten die Deutschen in großer Zahl überall in Europa errichtet. Feststeht dagegen, daß Prag Kafkas Stadt ist, der Name Austerlitz aus seinem Tagebuch stammt und auch die Abschiedszene am Prager Bahnhof mit den fliegenden Taschentüchern und dem Zug, der nicht eigentlich wegfährt, sondern nur die kurze Bahnhofstrecke fährt, um uns ein Schauspiel zu geben, und dann versinkt, - auch diese Szene also geht auf seine Aufzeichnungen zurück. Unstrittig ist auch, daß die Suche nach Mila Stern und die Frage des an das Meer angrenzenden Binnenlandes den Dichter unweigerlich nach Böhmen führen mußten.

Die drei böhmischen Städte Prag, Terezín und Marienbad werden jede für sich behandelt. In Marienbad sehen wir bei der Rückkehr ins Hotel Kafka halbverdeckt hinter einer roten Fahne an einem Balkontischchen sitzen, beschäftigt mit einer für ihn viel zu großen Portion Kaiserfleisch. Dieses Verlangen, das er fast immer hatte, wenn er einmal seinen Magen gesund fühlte, Vorstellungen von schrecklichen Wagnissen mit Speisen in sich zu häufen.

Samstag, 18. August 2012

Wien


An der Grenze
ed ero partito per Vienna

Stendhal zieht mit Napoleon nach Italien über den Großen Sankt Bernhard, naturgemäß ohne vorher Station in Wien zu machen. Kafkas Aufenthalt in Wien ist auf drei Seiten abgehandelt. Selysses verweilt, zählt man Klosterneuburg hinzu, gut siebzehn Seiten lang in der österreichischen Metropole. Da das Kapitel All’estero heißt, ist der Leser auf Italien eingestellt und vielleicht ein wenig verdrossen über den langen Zwischenaufenthalt diesseits der Grenze. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich allerdings, daß nur die Reise nach Wien nachweislich geplant war, und Oberitalien nur ein Ort der Flucht vor den auftretenden Schwindelgefühlen ist. Der erste Italienaufenthalt im Jahre 1980 ist nach Tagen eher kürzer als der Aufenthalt in Wien und nach Seiten nur ungefähr doppelt so lang. Erst die zweite Reise, sieben Jahre später, die Wien nur in einem Satz erwähnt und Selysses für mehrere Monate und sechzig Seiten nach Italien versetzt, rechtfertigt den transalpinen Titel der Erzählung.
Der Grund für die erste Reise wird erläutert. Eine Ortsveränderung soll über eine besonders ungute Zeit hinweghelfen. Warum die Wahl dabei auf Wien fällt, wird allerdings nicht offenbart und der gewünschte Heileffekt stellt sich nicht ein. Wien ist leer, menschenleer, Selysses kommt mit niemandem ins Gespräch so wie er später mit Malachio in Venedig ins Gespräch kommt, kein Bekannter wie Salvatore in Verona stellt sich ein. Obwohl Selysses in einem Hotel wohnt und Kaffeehäuser und Gastwirtschaften aufsucht, gewinnt niemand aus dem großen Reich des Hotelpersonals, der Empfangsdamen, der Mitreisenden und Lesegefährten Kontur. Er hat es nur mit Schemen zu tun, Menschen, die mit Sicherheit nicht mehr am Leben sind, wie die Mathild Seelos, der einarmige Dorfschreiber Fürgut oder, in der Gonzagagasse der aus seiner Heimatstadt verbannte Dichter Dante. Auch die Versuche telephonischer Kontaktaufnahme, ohnehin sehr untypisch für unseren Reisenden, scheitern. Bloß mit den Dohlen redet er einiges und mit einer weißköpfigen Amsel. Auch findet Selysses, anders als in Padua, Verona oder auch in London, keinen Halt bei der Betrachtung alter Meister.

Die einzige Beschäftigung in Wien besteht für Selysses aus ebenso endlosen wie leeren Gängen, die aber über ein eher enges Areal nicht hinausführen, einen genau umrissenen, sichel- bis halbmondförmigen Bereich, dessen Rand zugleich die Grenze seiner Vernunft, Vorstellungs- und Willenskraft ist. Jahre später wird er in der Heide von Dunwich ein ähnliches Erlebnis von Carte intérieure et territoire extérieur haben: Im Traum sah ich das Labyrinth, den hellen Sandboden, die scharf abgezirkelten Linien der mehr als mannshohen, fast schon nachtschwarzen Hecken, ein einfaches Muster, von dem ich mit absoluter Sicherheit wußte, daß es einen Querschnitt darstellte durch mein Gehirn. Selysses überschreitet die Grenze, die offenbar die zum Wahnsinn ist, nicht, nähert sich ihr aber gefährlich an. Er wird zum Billigesser mit der zunehmenden Neigung, Gaststätten zu vermeiden, und hält seine Mahlzeit, wie es sich ergibt, an einem Stehimbiß oder verzehrt einfach etwas aus dem Papier. Er führt in einer Plastiktasche allerlei unnütze Dinge mit sich herum und entsetzt sich schließlich angesichts des inwendig schon gänzlich in Fetzen aufgelösten Schuhwerks selbst über die immer deutlicher werdenden Zeichen der Verwahrlosung. Nachdem er den Entschluß zur Abreise gefaßt hat, überschreitet er die Grenze und besucht den Dichter Ernst Herbeck, der auf der anderen Seite wohnt. Das scharfe Denken seines Vaters habe ihm, so Herbeck selbst, die Nerven zersetzt.

Herbeck ist nicht der einzige auf der anderen Seite. Ein Hund wirft sich an ein grüngestrichenes eisernes Gartentor, völlig außer sich, als sei er um den Verstand gekommen. Es war ein großer schwarzer Neufundländer, dessen angeborene Sanftmut durch Mißhandlungen, lange Einsamkeit oder das glasklare Wetter zerstört worden war; - auch ein Hoch, eine klare Wetterlage kann, ähnlich wie ein allzu scharfes Denken des Vaters, schon hinreichen für den Grenzübertritt. Naturgemäß ist zu hoffen, daß dem Tier außer Sonnenschein nichts Schlimmes widerfahren ist, und vielleicht wäre es bei geöffneter Tür für eine Weile freundlich mitgegangen. Anna Goldsteiner, eine andere Bewohnerin der anderen Seite, leidet an einer extremen Vergeßlichkeit, die ihr auch die einfachsten täglichen Arbeiten unmöglich macht. Zuletzt bringt sie zu ihrer eigenen Verwunderung nicht einmal die Namen der drei Ehemänner zusammen, die sie überlebt hat.
Sebalds Prosa hat eine solide realistische Außenhaut, eine erste Lektüre von All’estero hinterläßt den Eindruck, hier werde eine recht chaotisch verlaufende Reise mehr oder weniger so geschildert, wie sie tatsächlich stattgefunden hat. Warum wird das überhaupt erzählt und warum sollen wir es lesen, mag man fragen und spürt, soeben sich noch auf dem ein wenig faden aber festen Boden der Realität wähnend, wie der Grund unter den Füßen schwankt und das Wasser bis zum Hals steht, wie sich untergründige Sinnmengen immer neu ordnen. Das Wasserelement ist in dem Wienkapitel überraschend stark ausgeprägt und nicht allein der schönen blauen Donau geschuldet. Als ich die Augen aufmachte, sah ich mich die Gangway eines großen Fährschiffes herunterkommen. Draußen im Inundationsgebiet Weiden, Pappeln, Erlen und Eschen. Es war als blicke man auf ein wogendes Meer. Das Festland war bereits hinter dem Horizont versunken. Ein Nebelhorn dröhnte. Weiter und weiter zog das Schiff auf das Wasser hinaus. Ja, wenn einer gelehnt steht an den Strom der Zeit. Das Nebelhorn ertönte wieder. Andererseits möchte man entfliegen hoch in die Luft. Luftwellen durchliefen die Bäume, und einzelne losgelöste Blätter fanden den Aufwind und stiegen so hoch, daß sie allmählich den Augen entschwanden. Viel hätte nicht gefehlt an diesem Vormittag und wir hätten das Fliegen gelernt oder zumindest, was man braucht für einen anständigen Absturz. Auch das vierte der althergebrachten Elemente fehlt nicht, der Dichter steuert es bei von jenseits der Grenze: Die Zigarette ist ein Monopol und muß geraucht werden. Auf Dassie in Flammen aufgeht. Der Dichter diesseits der Grenze ist, wie oft bezeugt, der gleichen Ansicht und sieht die Welt dem Feuertod entgegengehen.

In Sebalds Werk treten kaum Kinder auf, im Wienkapitel aber gleich zweimal. Wir bekommen sie aber nicht zu sehen und hören sie lediglich singen, in beiden Fällen in gewisser Weise fehlerhaft. Die unsichtbaren Kinder im jüdischen Gemeindezentrum sangen in englischer Sprache seltsamerweise Jingle Bells und Silent Night. Ein paar Häuser weiter sangen die Kinder in der Volksschule, am schönsten die, denen es nicht recht gelang, den Bogen der Melodie einzuhalten. Olga gab der Versuchung nach, in die Schule, die sie als Kind besucht hatte, hineinzugehen. Allein in dem großen Vorraum, umgeben von den geschlossenen Türen, die ihr seinerzeit wie hohe Pforten erschienen waren, wurde sie von einem Weinkrampf ergriffen.

Die Begegnung mit der eigenen Kindheit führt bei Olga zu einem Gemütszustand, der den titelgebenden Schwindelgefühlen subsumiert werden kann. Im den Schwindel.Gefühlen nachfolgenden Prosawerk Die Ausgewanderten führt der Rückblick auf das eigene Leben in vier Fällen zur alternativen Form des Grenzübertritts, zum Selbstmord. Selysses wird während der gesamten ersten Reise in Grenznähe bleiben, der Entschluß, die Wasserstadt Venedig aufzusuchen, ist ohnehin eine Fehlentscheidung, wie soll er dort festen Boden gewinnen unter den Füßen. Der zweiten, alles in allem erfolgreicheren Reise dienen Wien und Venedig nur für einen kurzen Zwischenaufenthalt, das Bahnhofsgelände wird nicht verlassen.
Entscheidend für das bessere Gelingen der zweiten Reise ist aber weniger die Vermeidung feuchten Untergrunds als der Umstand, daß Selysses in jedem freien Augenblick über seinen Papieren liest und schreibt. Er schreibt über die vergangene erste Reise und auch über die noch stattfindende zweite, und was wir lesen, die Schwindel.Gefühle, sind das Ergebnis dieses Schreibens. Bei seinen Aufzeichnungen hat Selysses möglicherweise noch den gerade in seiner Unvollkommenheit schönen Kindergesang im Ohr. Zwar sind die Melodiebögen der einzelne Sätze immer tonsicher und rein, die größeren Textabschnitte aber scheinen sich der Willkür und den Zufällen des Reisens auszuliefern, und die vielfältigen und rastlosen semantischen Bewegungen unter der Oberfläche heben das nicht auf, sondern scheinen es im Gegenteil noch zu steigern.

Die Schwindel.Gefühle sind das erste Prosabuch des Dichters, das Schreiben hilft ihm jetzt und auch in der Zukunft, diesseits der Grenze zu bleiben. In Ritorno in patria kehrt Selysses wie Olga zurück in die eigene Kindheit und weit entfernt von einem Weinkrampf lächelt er beim erinnernden Betreten der Schule im Gedanken an das Fräulein Rauch, mit dem vor den Traualtar zu treten seine feste Absicht war. Das Schreiben ist aber keineswegs die Heilung vom Leben, sondern allenfalls ein Palliativ mit allerlei gefährlichen Nebenwirkungen. Die Grenze muß so oder so überschritten werden. Als Paul Bereyter sich nahe der Grenze zum Erblinden sieht, schreckt ihn die Idee eines Lebens im mausgrauen Prospekt nicht. Er entscheidet sich dann aber doch für die andere Form des Grenzübertritts.

Dienstag, 7. August 2012

Seidenvogel

Zehnter Teil

Thomas Brownes Musaeum Clausum leitet den zehnten und letzten Teil der Ringe des Saturn ein wie ein musikalisches Vorspiel, bei dem man lange nicht wissen kann, in welche Richtung es gehen soll. Tausend Themen werden für jeweils einige Takte nur angeschlagen, die altsächsische Sprache, das Anlegen künstlicher Berge, Molinea von Sedan und Maria Schurmann im Briefwechsel, ein verschollenes Poem des Ovid -, bis die gesuchte Melodie sich zeigt. Wir erkennen sie sogleich, die Melodie des Seidenwurms, denn sie ist schon verschiedentlich angeklungen im Buch, vor allem im Sechsten Teil, der uns nach China geführt hat. Wenn es Nacht wurde, saß die Kaiserin mit besonderer Vorliebe ganz für sich nur zwischen den Stellagen und lauschte hingebungsvoll auf das leise, gleichmäßige, ungemein beruhigende Vertilgungsgeräusch, das von den ungezählten, das frische Maulbeerlaub zernagenden Seidenwürmern kam. Diese blassen, beinahe transparenten Wesen, die bald ihr Leben lassen würden für den feinen Faden, den sie spannen, betrachtete sie als ihre wahren Getreuen. – Es scheint ein seltsames Einverständnis zu bestehen zwischen der Kaiserin und dem wandernden Selysses, der zum einen eine enge Verbindung zum Spinnen und Weben unterhält und zum anderen auch immer wieder seinen Überdruß am Menschen in der Welt durchblicken läßt.

Sebalds vier Prosabücher teilen sich leicht ersichtlich in zwei Gruppen, deren Unterscheidung sich auf verschiedene Weise beschreiben läßt. Dem spontanen Reisen und Wandern des Selysses, so kann man etwa sagen, in den Schwindel.Gefühlen und in den Ringen des Saturn steht in den Ausgewanderten und in Austerlitz ein Selysses gegenüber, der in Verfolgung des Lebensschicksals anderer reist; Austerlitz ist dabei eigentlich nur die fünfte, überlange Erzählung eines Ausgewanderten. Tiefer greift womöglich die Unterscheidung von kosmologischen und humanistischen Büchern, nicht in der Weise, daß der Autor sich einmal als Welten- und das andere Mal als Menschendichter gibt, sondern so, daß er als kosmologischer Humanist uns einmal stärker die eine und dann wieder die andere Seite zuwendet. Was ist gemeint mit der Klassifizierung als kosmologischer Humanist?
Der kosmologische Humanismus mindert nicht die absolute, wohl aber die relative Bedeutung des Menschen. Es ist eine Frage der Perspektive und der Blickebene. Der humanistische Humanismus, wenn man so sagen kann, beschwört in exzessiver Weise die Ebene gleicher Augenhöhe unter den Menschen – wie sie auch zwischen den Sebaldmenschen besteht - mit der Maßgabe, daß nicht in allzu weite Fernen geschaut werden kann, nicht in die Tiefe des Alls und nicht auf unsere kleineren Brüder. Dem kosmologischen Humanisten hingegen geht es auch um die Ebene knapp unterhalb des von Gott geräumten Platzes. Immer wieder finden sich bei Sebald die verschiedensten Bilder eines Aufschwungs in größere Höhe. In Wahrheit ist van Ruisdael beim Malen natürlich nicht auf den Dünen gestanden, sondern auf einem künstlichen, ein Stück über der Welt imaginierten Punkt, Mrs. Ashbury verschwindet wie eine auffahrende Heilige im Bibliotheksplafond, die Flieger sind in monomaner Weise an nichts als der Höhe interessiert, der Seidenwurm selbst, bevor er noch zum Schmetterling geworden ist, strebt gegen die Höhe und gleichsam, die niedere Welt verachtend, gegen den Himmel an, Tiepolo, der wie alle Welt bis zum Endsieg der europäischen Moderne von einer menschengerechten Kosmologie ausgehen konnte, wußte noch einen Begriff geben von dem, was sich über unseren Köpfen vollzieht, und die seit nahezu siebenhundert Jahren über dem unendlichen Unglück schwebenden Engeln Giottos sind das weitaus Wunderbarste von allem, was wir uns jemals haben ausdenken können. Beim Blick aus der Höhe bis in die Ferne Chinas erscheinen der Kaiserhof und der Lebenszyklus des Seidenspinners wie zwei uns gleichermaßen verschlossene und ineinander verschlungene fremde Welten. Der noch weitere und tiefere, in die Mythenzeit zurückreichende Blick auf den Beginn der Seidenzucht ist dann idyllisch eingefärbt. Dreitausend Jahre vor unserer Zeitrechnung habe der Kaiser Hoang-ti, der mehr als ein Jahrhundert regierte, seine Gemahlin Si-ling-chi bewogen, den Seidenwürmern ihre Aufmerksamkeit zu widmen und unter ihrer Obhut seien sie so gut gediehen, daß in der Folge die sogenannte Hausseidenzucht zur vornehmlichen Beschäftigung aller Kaiserinnen wurde und aus deren Händen überging in die Hände des gesamten weiblichen Geschlechts. Die chinesische Idylle dauerte an bis in die Zeit des Justinian, als zwei persische Mönche die ersten Eier der Seidenraupe über die Reichsgrenzen und in den westlichen Weltteil brachten. Auch beim Zwischenaufenthalt in Byzanz liegt über dem Seidenbau noch das angenehme Dämmerschatten der Frühgeschichte. Dann aber muß sich der Seidenbau dem Licht der anbrechenden Neuzeit stellen.

Frankreich wurde gegen den erbitterten Widerstand des Ministers Heinrichs des Vierten Maximilien de Béthune Duc de Sully serikultiviert, nachzulesen in dessen Memoiren, die das Lexikon unserer Tage als in Stil und Form ungenießbar ausweist, wohingegen Selysses sie zu seinen liebsten Lektüren zählt; man mag rätseln wie er das im einzelnen meint, Logis im Landhaus hat er dem Duc jedenfalls nicht angeboten. Die Hugenotten tragen den Seidenbau nach England, wo er seine frühe europäische Blüte erlebt, und auch im damaligen, eher rückständigen Deutschland, wo man in manchen Residenzstädten am Abend noch die Schweine über den Schloßplatz trieb, werden bald die größten Anstrengungen zum Emporbringen des Seidenbaus unternommen, allerdings ohne durchgreifenden Erfolg. Als sich dann das Dritte Reich der Sache annimmt, sieht es einerseits so aus, als solle auf dem Obersalzberg eine Teezeremonie abgehalten werden, andererseits aber lagen Zuchtauswahl und die letztendliche Tötung der Raupen naturgemäß in den besten Händen. Die Abtötung der Raupen, als letzter Schritt ihrer Zucht, geschieht dadurch, daß man die Kokons über einen beständig am Sieden gehaltenen eingemauerten Wasserkessel schiebt. Drei Stunden müssen sie in flachen Körben ausgebreitet über dem aus dem Schaff aufsteigenden Wasserdampf liegenbleiben, und wenn man mit einer Menge fertig ist, so fährt man mit der nächsten fort, so lange, bis das ganze Tötungsgeschäft vollendet ist.
Der Lebenszyklus des Seidenspinners ist extrem kurz, eher nach Wochen denn nach Monaten bemessen, ein Leben nur knapp oberhalb der Grenze zum Tod, möchte man sagen. Der voll ausgebildete Seidenvogel ist nur eine unscheinbare Motte. Ihr einziges Geschäft ist die Fortpflanzung. Das Männchen stirbt bald nach der Begattung, das Weibchen legt mehrere Tage hintereinander drei- bis fünfhundert Eier und stirbt dann gleichfalls. Damit ist der Seidenvogel eine wahre Bewährungsprobe für das Programm, allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zuzusprechen. Das Versprechen wird in einer Zeit allgemeiner Daseinsverachtung dadurch eingelöst, daß die Sprachhaltung eine isomorphe Struktur des Tötungsgeschäftes an Menschen, Heringen und Seidenraupen ans Licht bringt.

Fortpflanzung und vielleicht noch ein kurzer Augenblick zwecklosen Flatterns und Fliegens anspruchsloser Schönheit. Die einzig wirkliche Freiheit, die wir, vom Selbstmord abgesehen, vor anderen Tieren und damit auch vor den Seidenvögeln haben, ist ja die, uns nicht fortzupflanzen, so urteilen bei Sebald die Flieger. Sie steigen auf und kehren schließlich von einem ihrer Flüge nicht mehr zurück und haben, anders als die Seidenvögel, keine Nachfahren. Nur so kann dem allem Leben innewohnenden Tötungsgeschäft Einhalt geboten werden.

Selysses selbst rechnet sich nicht den Fliegern, sondern den Seidenwebern zu, die zur Melancholie und allen aus ihr entspringenden Übeln neigen, das versteht sich bei einer Arbeit, die einen zwingt zu beständigen krummen Sitzen und zu andauernden scharfen Nachdenken. Man macht sich nicht leicht einen Begriff davon, in welche Ausweglosigkeiten und Abgründe das ewige, auch am sogenannten Feierabend nicht aufhörende Nachsinnen, das bis in die Träume hineindringende Gefühl, den falschen Faden erwischt zu haben einen Treiben kann. Mit dem Elend teilt der Dichter aber auch den Glanz der Weber. Die Kehrseite ist es, und auch das verdient festgehalten zu werden, das manche der Gewebe von wahrhaft phantastischer Vielfalt und einer mit Worten kaum zu beschreibenden Schönheit sind, ganz als seien sie hervorgebracht von der Natur selber. – Welcher Leser der Ringe des Saturn und der anderen Bücher wollte das bestreiten.

Durch fünftausend Jahre Menschengeschichte hat Selysses den feinen Faden und das prekäre Leben der Seidenraupe gesponnen, aber die beinahe nur aus Kalamitäten bestehende Geschichte taugt nicht für ein sinnvolles Gewebe. Am letzten Tag der Wanderschaft und des Buches bricht die Kakophonie aus, die offenen Fäden zeigen wirr in alle Richtung. Es ist Gründonnerstag, Namensfest der Heiligen Agathon, Carpus, Papylus und Hermengild, vor genau dreihundert Jahren wurde das Edikt von Nantes erlassen, vor zweihundertdreiundzwanzig Jahren Warren Hastings zum Gouverneur von Bengalen ernannt, vor einhundertdreizehn Jahren die antisemitische Liga gegründet &c &c. Allein der Tod verhilft dann doch zu einem ordentlich Schlußakkord in Gestalt eines fein gewebten Seidentuchs: Zu Brownes Zeit ist es in Holland Sitte gewesen, im Hause eines Verstorbenen alle Spiegel und alle Bilder, auf denen Landschaften, Menschen oder die Früchte der Felder zu sehen waren, mit seidenem Trauerflor zu verhängen, damit nicht die den Körper verlassende Seele auf ihrer letzten Reise abgelenkt würde, sei es durch ihren eigenen Anblick, sei es durch den ihrer bald für immer verlorenen Heimat.