Dienstag, 19. März 2013

Besucht Ernst Herbeck

Altamira

Bourdieu, geboren in der nahe den Pyrenäen gelegenen Ortschaft D., die eher kleiner noch ist als die Ortschaft W. am Fuß der Alpen, führt Duchamp und den Zöllner Rousseau als extreme Vertreter des Kunstfeldes vor. Der eine, so die Annahme, wäre aus eigener Kraft gar nicht hineingelangt, le Douanier Rousseau est entièrement fait par le champ dont il est le jouet. Marcel Duchamp wiederum ist die reine Verkörperung des unruhigen Feldes, rompant continûment avec les conventions, s’agirait-il de celles de l’avangarde, il ne cesse d’affirmer sa volonté d’aller plus loin, de dépasser toutes les tentatives passées et présentes, dans une sorte de révolution permanente. In einigen polemischen, gegen Sartre, Gadamer und andere gerichteten Passagen der Règles de l’art klingt es so, als sei Bourdieu angesichts der Erfolge und des großen Ertrags seiner Feldlehre zu der Überzeugung gelangt, es sei der einzig richtige Ansatz. Wenn wir aber die Höhle von Altamira betreten und uns umschauen, so wissen wir nicht, ob der Stier und die Gazelle von einem paläolithischen Duchamp oder von einem paläolithischen Zöllner Rousseau gemalt wurden, oder vielleicht der Stier von einem Duchamp und die Gazelle vom Zöllner, der überwältigenden Eindruck der Malereien wird dadurch nicht geringer. Durch die Odyssee führt uns der bärtige und augenlose Dichter, aber auch wenn er in dieser Gestalt eine Fiktion ist und wir von dem wahren Autor und dem Feld, in dem er gestanden ist, so gut wie nichts mit Sicherheit wissen, müssen wir deswegen die rosenfingrige Morgenröte nicht von uns weisen, andere Formen der Betrachtung und des Ausdrucks ästhetischer Freude sind möglich. Was aber notgedrungen möglich ist, bleibt auch dann möglich, wenn die Not entfällt. Das ist ohnehin klar, und eines strengen Beweises, wie er hier geführt wurde, bedarf es im Grunde nicht.

Sebald und Herbeck bilden ein Paar, das dem Paar Duchamp und Douanier Rousseau in mancher Hinsicht ähnelt. Sebald bewegt sich, wenn man Bourdieus Feldbegriff eine etwas andere Ausrichtung und zugleich eine konkrete Bildlichkeit verleihen will, schon in seinem ersten Prosawerk so souverän wie sonst nur der junge Austerlitz auf dem Rugbyfeld, wenn er die Reihen der Mitspieler durchquert wie keiner sonst. Naturgemäß aber gehören Kafka, Stendhal, Büchner, Browne, Bernhard und andere zu Sebalds Team, nur eine Mannschaft ertüchtigt sich auf dem Feld, der Gegner fehlt. Was Herbeck anbelangt, so wäre er, wie der Zöllner, ohne die Entdeckung durch anerkannte Literaten wie Gerhard Roth und vor allem auch Sebald selbst gar nicht erst auf das Spielfeld gelangt.
Der empfängliche Leser wird in den Schwindel.Gefühlen den Besuch bei Ernst Herbeck in Klosterneuburg als eine Art Fremdkörper empfinden, als den einzigen auf alltägliche Weise lebenswahren, nicht untergründigen und Schwindelgefühle erregenden Erzählabschnitt. Stendhal zieht sich in Beyle oder das merckwürdige Faktum der Liebe mit der von ihm erdachten Mme Gherardi in die eigene Literatur zurück, Kafka überantwortet sich dem Jäger Gracchus, der Artist Santini erweist sich als San Giorgio, der Venezianer Malachio und der Veronese Altamura verbergen in sich den Heiland und seinen Propheten. Ernst Herbeck dagegen ist Ernst Herbeck, aber wer ist er? Sebald ist der Frage in dem Aufsatz Des Häschen Kind, der kleine Hase nachgegangen.

Abgeschmackt kämen ihm die meisten Produkte der neueren Literatur schon nach kurzer Zeit vor, so beginnt Sebald den Aufsatz, ähnlich wie auch Bourdieu auf die oft rapiden Alterungsprozesse auf den Feldern der Kunst und der Literatur eingeht, eine fatale Entwicklung, vor der Leute wie Duchamp, die sich ständig an der Spitze der Neuerer abarbeiten, am wenigsten gefeit sind. Herbeck aber scheint völlig aus der Zeit gefallen und ihrem Zugriff entzogen. Er schreibt: Poesie lernt man vom Tiere aus, das sich im Wald befindet. Berühmte Geschichteschreiber sind die Gazellen – so mag auch bereits der Höhlenmaler in Altamira gedacht haben, als er die Tiere in eleganten Bildern voller Poesie an die Wände brachte.

Bourdieu geht den kleinbürgerlichen Elementen in den Bildwerken des Zöllners nach: Les moments qu’il fixe sont les dimanches de la vie petite-bourgeoise, et ses personnages sont pourvus de tous les accessoires inévitables de la fête, faux cols impeccables, moustaches luisantes de cosmétique, rédingotes noires -, und sieht von daher seine Auffassung bestätigt, Rousseau sei eine Art blinder Passagier im Feld. Ein besonders schneller Alterungsprozeß ergibt sich aus diesen Elementen der Zeitgebundenheit aber nicht, in manchen Augen mögen Rousseaus Dschungeltiere sich nicht schlechter behauptet haben als Duchamps Pissoir, das, um es mit einem gewagten Bild zu sagen, sein Pulver längst verschossen hat. Herbeck hat einen ähnlich vorschriftsmäßigen Kleidungsstil wie Rousseaus Sonntagsmenschen und fällt doch in eine ganz andere Kategorie. Er trug einen Glencheckanzug mit einem Wanderabzeichen am Revers. Auf dem Kopf hatte er einen kleinen Hut, eine Art Trilby, den er später abnahm und neben sich hertrug, genauso wie Selysses’ Großvater das beim sommerlichen Spazierengehen oft getan hatte. Das Photo, das, wollte man dem Text vertrauen, Herbeck zeigt, zeigt in Wahrheit Robert Walser. Schauen wir also auf Herbeck, so schauen wir auf ein Dichtertrio, denn Herbeck ist wie Walser und auch wie Selysses, weil der, wie wir aus Ritorno in patria wissen, seinen Großvater zum Verwechseln ähnelt. Herbeck ist gewissermaßen der Häuptling der kleinen Bande und hat, wie Sebald feststellt, ein Totemtier. Es ist nicht der Stier und nicht die Gazelle, sondern der Hase. Damit sind wir bei den von den Europäern im Paläolithikum angetroffenen Ureinwohnern Nordamerikas, deren Sandmalereien und Totemschnitzwerke, wie die Höhlenmalereien in Altamira, zwar und in besonderem Maße dem physikalischen Verschleiß in der Zeit, nicht aber dem Verschleiß im Kunstfeld unterliegen, und grad so unverwüstlich sind auch Herbecks Wortkunstwerke:
Der Hase habe, so heißt es, eine ambivalente Verfassung, in der Macht uns Ohnmacht, Kühnheit und Angst auf das engste miteinander verbunden sind. Wir treffen ihn leibhaftig in den Ringen des Saturn. Ich sehe den Rand des grauen Asphalts, jeden einzelnen Grashalm, sehe den Hasen, wie er hervorspringt aus seinem Versteck, mit zurückgelegten Ohren und einem vor Entsetzen starren, irgendwie gespaltenen, seltsam menschlichen Gesicht, und ich sehe in seinem im Fliehen rückwärtsgewandten, vor Furcht fast aus dem Kopf sich herausdrehenden Auge, mich selber, eins geworden mit ihm. Im Hasen, von dem Herbeck feststellt, daß er letzten Endes doch kein Tiger ist, erkennt auch Selysses sein Totemtier, seinen Urahn und damit in Herbeck seinen engen Verwandten. Wenn Ernst Herbeck in den Schwindel.Gefühlen niemand anderes als Ernst Herbeck ist, ohne einen mythologischen Schatten wie Santini, Malachio oder Altamura, so führt er uns andererseits, als der, der er ist, auf geradem Wege ins Paläolithikum.

In der vielleicht einzigen Bemerkung, die Niklas Luhmann dem französischen Distinktionssoziologen widmet, naturgemäß in seinem Kunstbuch, konzediert er, Bourdieus Analysen machten es möglich, über Bourdieu und seine Analysen zu sprechen, gibt aber zu bedenken, im Hause der Gastgeber würde man wohl kaum darüber sprechen, wie man sie einschätzt, wenn man Dürers Hasen über ihrem Klavier hängen sieht. Bourdieu und das Problem des Hasen, der Ring hat sich auf eine überraschende aber wohl wenig ergiebige Weise geschlossen.

Montag, 11. März 2013

Freundschaft

Zusammengekauerte Gestalt

so young and bold


Freundschaft, genauer gesagt Männerfreundschaft, war in der Antike ein großes Thema, Orest und Pylades, Herakles und Philoktet. Die Klassik hat in ihrer Rückbesinnung auf das Altertum auch dieses Motiv nicht vernachlässigt, Hyperion und Bellarmin, Goethe und Schiller. Die meisten begeisterten Leser hat in Deutschland wohl die transatlantische Freundschaft zwischen Old Shatterhand und Winnetou gefunden. Mit Holmes und Watson stand ein Freundespaar am Beginn der Detektivliteratur. Naturgemäß sind alle diese Verhältnissen, mit der möglichen Ausnahme desjenigen zwischen Goethe und Schiller, längst als homosexuell basiert verdächtigt wenn nicht entlarvt worden. Nach aufgeklärtem Verständnis wären sie damit aus dem Feld der Freundschaft in das der Liebesbeziehung übergewechselt und Freundschaft wäre mehr oder weniger zu einem Motiv der Kinder- und Jugendliteratur geschrumpft, der kleine Tiger und der kleine Bär können bis auf weiteres noch unbeschwert die besten Freunde sein. Da in Sebalds Werk das Motiv der Liebesbeziehungen, sowohl hetero- als auch homosexueller Art, programmatisch schwach entwickelt ist, könnte der Frage nachgegangen werden, ob im Wege eines Ausgleichs das Freundschaftsthema bei ihm Terrain zurückerobert hat.
Auch in Sebalds Werk sind die beiden Freundschaften, an die sich der Leser sogleich erinnert, Schul- und Jugendfreundschaften. Beide haben die gleiche Struktur, derjenige, der der Situation besser gewachsen ist, nimmt sich des Schwächeren an und hilft ihm auf dem Weg ins Leben. Sogar als alle Nachzügler längst fertig waren, hatte der Fritz nicht viel mehr als ein Dutzend Kreuzchen auf seinem Blatt. Nach einem stillschweigenden Blickwechsel führte ich geschwind sein fragmentarisches Werk zu Ende, wie ich in den zwei Jahren, die wir von diesem Tag an noch nebeneinander saßen, einen Gutteil seiner Rechen-, Schreib- und Zeichenarbeiten erledigte. Der Fritz hat an nichts so viel Interesse gehabt wie an allem, was mit Viktualien, mit ihrer Zubereitung und Einverleibung zu tun hatte. Es war beim Verzehren einer Kaiserbirne, daß der Fritz mir eröffnete, daß er Koch werden würde, und Koch ist er dann auch geworden, und zwar, wie ohne weiteres gesagt werden kann, ein Koch von Weltrenommé, der in New York ebenso gefragt war wie in Madrid oder London. Der Fritz und ich sind uns dann noch einmal wiederbegegnet, im Lesesaal des British Museum, wo ich der Geschichte der Beringschen Alaskaexpedition nachging, während der Fritz französische Kochbücher aus dem 19. Jahrhundert studierte. Als wir einmal zugleich von der Arbeit aufschauten, haben wir uns, trotz des inzwischen vergangenen Vierteljahrhunderts sogleich wiedererkannt.

Immerzu, in jeder freien Minute, ordnete Gerald in seiner Tuckbox die Sachen, die er von zu Hause mitgebracht hatte, und einmal, nicht lange nachdem er mir als Faktotum zugeteilt worden war, beobachtete ich ihn an einem trostlosen Samstagnachmittag, wie er am Ende eines Korridors Feuer zu legen versuchte an einem Stapel Zeitungen, der dort aufgeschichtet war auf dem Steinboden neben dem offenen, in einen Hinterhof hinausführenden Tür. In dem grauen Gegenlicht sah ich seine kleine, zusammengekauerte Gestalt und die Flämmchen, die an den Rändern der Zeitungen züngelten, ohne daß es recht brennen wollte. Als ich ihn zur Rede stellte, sagte er, am liebsten wäre ihm ein riesiges Feuer und an der Stelle des Schulgebäudes ein Haufen Trümmer und Asche. Von da an habe ich mich um Gerald gekümmert, habe ihm das Aufräumen und Stiefelputzen erlassen und den Tee selber gekocht und mit ihm getrunken. Gerald ging mir in der Dunkelkammer gern zur Hand, und ich sehe ihn noch, einen Kopf kleiner als ich, wie er neben mir in der von einem rötlichen Lämpchen schwach erleuchteten Kammer steht und mit der Pinzette die Bilder hin- und herbewegt in dem mit Wasser gefüllten Ausguß. Er erzählte mir bei diesen Gelegenheiten oftmals von seinem Zuhause, am liebsten aber von den drei Brieftauben, die dort, so meinte er, nicht weniger sehnlich seine Rückkehr erwarteten als er sonst die ihre. Die Liebe zu den Tauben hat ihn wohl daran gewöhnt, sich vornehmlich in den oberen Sphären wohlzufühlen. Er hat dann den Beruf eines Astrophysikers ergriffen, und seine Leidenschaft wurde das Fliegen. Später erzählte mir Gerald gern von den Ausflügen, die er in seiner Cessna machte über das schneeglänzende Gebirge oder die Vulkangipfel des Puy de Dôme, die schöne Garonne hinab bis nach Bordeaux. Daß er von einem dieser Flüge nicht heimkehrte, war ihm wohl vorherbestimmt. Es war ein schlimmer Tag, als ich von dem Absturz in den Savoyer Alpen erfuhr, und vielleicht der Beginn meines eigenen Niedergangs, meiner im Laufe der Zeit immer krankhafter werdenden Verschließung in mich selbst.
Das Ungleichgewicht am Beginn der beiden Freundschaften ist im Erwachsenenalter aufgehoben. Der Fritz ist längst ein Koch von Weltrang, bevor Selysses das von sich als Autor sagen kann. Die Freundschaft hat nur im Verborgenen fortbestanden und schließt den Abgrund zwischen zwei gänzlich verschiedenen Welten, steht Selysses doch, was die Viktualien anbelangt, vom Fritz fast so weit entfernt wie Paul Bereyter, dem Lehrer der beiden, von dem es heißt, niemand habe ihn jemals etwas essen sehen. Die Freundschaft zwischen Austerlitz und Fitzpatrick besteht fort bis zu Geralds frühem Tod und über den Tod hinaus, eine Kluft zwischen den Lebenswelten besteht nicht, beide sind Wissenschaftler, der eine im geistes- und der andere im naturwissenschaftlichen Bereich.

Herakles und die anderen an den antiken Freundespaaren Beteiligten waren Krieger, Hyperion ist in den in den griechischen Krieg gezogen, die Leistungen von Henrystutzen und Silberbüchse sind bekannt. Holmes hatte es nicht nur ständig mit Leichen zu tun, gegen Moriarty mußte er einen langen mörderischen Kampf ausfechten. Freundschaft gedeiht offenbar besonders gut vor dem Hintergrund des blutigen Kriegshandwerks oder doch eines kämpferischen Lebens. Sebald hat das Feld der Literatur als Krieger betreten, von Sternheim über Döblin zu Broch und Andersch zieht sich eine Spur der Vernichtung. Dann aber hat er Freunde zu sich ins Landhaus eingeladen, Hebel, Keller, Robert Walser und andere noch. Zum Emblem wird ihn sein Namenspatron, der kämpferische Heilige, der sich einen Strohhut aufsetzt, San Giorgio con cappello di paglia. Die Landhausstimmung setzt sich in das dichterische Werk hinein fort.

Von den Schwindel.Gefühlen hat Sebald als von einem Buch der Liebe gesprochen. Mit Stendhal und Kafka begegnen uns ein mehr oder weniger glücklicher und ein unglücklicher Meister des Metiers. Begleitend dazu bewegt sich auch Selysses, maßvoll, auf der Liebesbahn, er läßt sich von seinen Mitreisenden im Zug bezaubern, von dem jungen Mädchen mit der bunten Jacke und der Franziskanerin auf dem Weg nach Mailand und von der Winterkönigin auf der Rheinstrecke, und er erträumt zwei Trauungen, die frühe mit dem Lehrerfräulein Rauch und in schon reifem Alter die mit Luciana Michelotti. In den Ringen des Saturn fehlt das Liebesmotiv so gut wie ganz, zu verweisen wäre lediglich auf Chateaubriands Affäre in England und, falls als nötig erachtet, die Molluske am Strand. Es ist das Buch der einsamen Komparsen, Farrar, Garrad, Le Strange, Hamburger, die angesichts ihrer stationären Lebensweise kaum Gelegenheit haben, Liebesgeschichten zu beginnen oder Freundschaften einzugehen. Ihnen allen stattet Selysses Freundschaftsbesuche ab, dem bereits toten Le Strange naturgemäß nur in Gedanken.

Bereits tot sind auch Paul Bereyter und Ambros Adelwarth, als Selysses sich daranmacht, ihre Lebensgeschichte zu recherchieren und aufzuzeichnen. Die Vier langen Erzählungen und auch Austerlitz lassen sich als Dienst an den Protagonisten verstehen, wobei im Falle des Ambros Adelwarth nicht von einem Freundschafts-, sondern von einem Verwandtschaftsdienst, eine Rarität, wenn nicht eine Singularität im Werk des Dichters, dessen Blick über das familiäre Umfeld ansonsten hinweggeht. Hier aber sind sie alle vertreten, nicht nur der Ambros, auch die Theres, die Fini, der Kasimir, die Lina und die Rosa, fast so, als sei Blut dicker als Wasser. Paul Bereyter war bereits in der Freundschaft mit dem Fritz als Mentor so etwas wie der Dritte im Bunde. Erst nach seinem Tode aber kann ihm der erwachsene Selysses den Freundschaftsdienst einer Erzählung seiner Lebensgeschichte entrichten. Bei Dr. Selwyn geht die Freundschaft, die er als junger Mensch mit dem damals schon im vorgerückten Alter befindlichen Bergsteiger Naegeli geschlossen hatte, der unter umgekehrten Altersvorzeichen sich anbahnenden mit Selysses voran. Max Aurach und Austerlitz sind Berichte von einer langsam wachsenden, sich, anders als in der Jugend, nur von bloßer Bekanntschaft abhebenden Freundschaft zwischen dem jeweiligen Protagonisten und dem wandernden Selysses.

Am Horizont der Erzählungen toben die schlimmsten Verbrechensgewitter, Holocaust, Völkermord im Kongo, grausames Morden auf dem Balkan, Seeschlachten, Gruppe Ludwig, ein innerer Bezirk, in dem Selysses sich bewegt, ist weitgehend konfliktfrei und geprägt von einer Atmosphäre der Freundlichkeit und Freundschaft mit nur wenigen Übergriffen aus dem Außenbereich. Im Mailand wird Selysses Opfer eines Raubversuches, in Den Haag wird er Zeuge, wie ein morgenländischer Mann einen anderen mit dem Messer verfolgt, die Empfangsdamen sind zum Teil unmutig, die Engelwirtin in W. mustert den Gast mit unverhohlener Mißbilligung, im Hotel Boston richtet die Signora, ein fast völlig ausgetrocknetes Wesen von sechzig oder siebzig Jahren, skeptisch ihren Vogelblick auf ihn, die Bedienerin in den Innsbrucker Bahnhofsgaststätten hängt ihm auf die bösartigste Weise, die man sich denken kann, das Maul an: das sind schon die schwerwiegendsten Vorkommnisse, sonst herrscht Frieden unter den Menschen.
Wenn eingangs die insgesamt schwache Vertretung des Liebesgeschichtenmotivs eine korrespondierende Stärkung des Freundschaftsthemas vermuten ließ, so ist doch das eine nicht vertrieben vom anderen. Für Bereyter ist die Liebe zu Helen Hollaender mit ihrem unglücklichen Ausgang die wohl schlimmste Verletzung in seinem Leben, Selwyns Ehe hatte als Liebesgeschichte begonnen, und wenn man bereit ist, auch sparsamen Hinweisen nachzugehen, mag man ein Liebesverhältnis zwischen Aurach und der Flügelhornistin G.I. annehmen, der zu einem lebenslänglichen Junggesellentum verurteilte arme Poet Herbeck allerdings macht zur Einrichtung des Ehelebens nur ein paar vage und möglichst unverfängliche Anmerkungen. Bereyters Verhältnis zu Mme Landau ist bereits besser als Freundschaft beschrieben und Austerlitz’ Verhältnis zu Marie de Verneuil nimmt einen ähnlichen Weg. Liebe und Freundschaft verschwimmen ineinander, die furchtbare Separation der Geschlechter, das Unglück selbst der Heiligen, scheint behoben.

Ist Freundschaft das beste Wort für das Beobachtete, sollte man nicht eher von Brüderlichkeit, Fraternité sprechen? Abgesehen davon, daß Fraternité durch Sororité ergänzt werden müßte und dann durch einen dritten Begriff, der die beiden ersten übergreift und ihre Differenz neutralisiert, fehlt der revolutionäre Fanfarenklang ebenso wie der Anspruch des Allumfassenden, und auch Nächstenliebe könnte nur taugen, sofern man den Begriff wörtlich nimmt und nicht, wie verbreitet, im Sinne allgemeiner Menschenfreundlichkeit, die dem Dichter fremd ist. Immer wieder hört man sein Odi profanum vulgus, wobei vulgus der Angriffspunkt und profanum nicht etwa auf die einfachen Leute zielt. Er bekennt, von Jahr zu Jahr werde es ihm unmöglicher, sich unter ein Publikum zu begeben, das Ferienvolk erscheint ihm aus Hunden und Lemurengesichtern zu bestehen und die Arbeiter in den Goldminen der City einer in keinem Bestiarium beschriebenen Tierart zugehörig. Bei der Einrichtung der menschlichen Gattung ist dem Herrn ganz offensichtlich ein schwerer Kunstfehler unterlaufen, wie anders ließe sich unser von Grund auf kranker Verstand erklären.

Montag, 4. März 2013

Komparsen

Randlos

Den Hauptdarstellern und den Komparsen sei dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen: sollte Sebald diesen Gleichbehandlungsimperativ nicht allein bei Pisanello verwirklicht gesehen sondern auch als Aufforderung für das eigene Werk verstanden haben, so ginge es ihm um das Recht der Komparsen nicht mehr als um den Schutz der Hauptdarsteller, als der eher noch gefährdeten Gattung. In den beiden Reise- und Wanderbüchern, Schwindel.Gefühle und Ringe des Saturn, treten, sieht man ab von Selysses, der weder Haupt- noch Nebendarsteller ist, ausschließlich um ihre Rechte angesichts fehlenden übergeordenten Personals ganz unbesorgte Komparsen auf. Da ist es nur billig, wenn die beiden Lebensgeschichtenbücher, die Ausgewanderten und Austerlitz, dem Zwang ihrer Anlage folgend, dem jeweiligen Protagonisten mehr Raum zugestehen. Wer aber, nach reiflicher Überlegung, geneigt ist, unter den Lebensgeschichten Ambros Adelwarth den ersten Platz einzuräumen, folgt dabei womöglich auch dem Eindruck, daß der Hauptdarsteller hier von geringer Sichtbarkeit und von den Komparsen kaum unterscheidbar ist.

Persönlich begegnet ist Selysses dem bei dieser Gelegenheit unter der Vielzahl der Verwandten versteckten Onkel Ambros Adelwarth nur einmal, als Kind noch, auf einer Familienfeier. Versteckt bleibt der Onkel auch in der Folge hinter den Verwandten, die von seinem Leben Zeugnis geben, ein Zeugnis, das seinerseits zum großen Teil auf Hörensagen beruht und dessen Authentizität sich nicht näher überprüfen läßt. Adelwarth bleibt verborgen hinter dem japanischen Legationsrat, dessen Leben er für ein Jahr teilt, verborgen hinter Dr. Abramsky, der dabei war, als er im Sanatorium Samaria zu Tode gebracht wurde. Adelwarths Lebenslauf zeichnet sich nur fragmentarisch ab, immer wieder taucht er am Horizont auf wie ein Wüstenwanderer, und tatsächlich hat er Cosmo Solomon begleitend die türkischen Länder und palästinensischen Wüstenstriche bereist. Ohne die Verpflichtung gegenüber dem Titel Die Ausgewanderten, hätte die Erzählung auch nach Cosmo Solomon benannt werden können, und wir wissen nicht recht, ob wir es mit zwei Hauptdarstellern oder mit zwei Komparsen zu tun haben.
Nabokow macht in seiner Gogolstudie aufmerksam auf die zahlreichen Personen, die in den Toten Seelen jeweils einmal nur mit ihrem Namen erwähnt werden und keine andere Funktion erfüllen als die, sofort wieder zu verschwinden und vergessen zu werden, Komparsen der untersten Kategorie, denen die Daseinsberechtigung nur vorgegaukelt wird, Parias der Literatur, wie sie es in Sebalds Werk nicht gibt. Aber auch die meisten seiner Komparsen treten nur einmal auf. Der kurze einmalige Auftritt ist eine hinreichende nicht aber notwendige Bestimmung für die Einordnung als Komparse. Komparsen mit mehreren Auftritten finden sich verstärkt in den Büchern, die Protagonisten haben, in Austerlitz etwa das Predigerpaar oder Gerald Fitzpatrick. Das führt aber nicht zu einer Zurücksetzung der Komparsen mit nur einem Auftritt, man denke nur an die unvergeßliche Penelope, die linkshändig das Kreuzworträtsel auf der letzen Seite des Telegraph löst.

Nabokow selbst tritt mit seinem Schmetterlingsnetz in den Ausgewanderten mehrfach als namenloser geisterhafter Komparse auf, vergessen wird man ihn nicht, Aurach hält sein Auftauchen auf dem Grammont in einem Bild fest. Einige der typischerweise nur einmal auftauchenden Komparsen wurden in Gruppen erfaßt, so die Empfangsdamen, darunter die in der U-Bahnstation mit der dunklen Vorhalle in einer Art Schalterhäuschen sitzende sehr schwarze Negerfrau; unter den Mitreisenden treffen wir eine veritable Königin, die in einem Buch liest, das sich später auf keine Art und Weise bibliographieren läßt, obschon es ausfindig zu machen, für Selysses von der größten Wichtigkeit gewesen wäre; unter den Lesegefährten den Bibliothekar in Verona, der sich ruhig über seine Arbeit beugt und mit gleichmäßigen Schriftzügen die Zeilen füllt, die er zuvor gezogen hatte; die einfachen Leute in der Ortschaft W. und anderswo, wie die Frau Unsinn mit ihrem Konsumgeschäft, in dem sie eine Pyramide aus goldenen Sanellawürfeln errichtet hatte, eine Art Vorweihnachtswunder als Anzeichen der auch in W. anhebenden neuen Zeit. Über jeden einzelnen und jede einzelne sind wir froh und darüber, daß sie in so großer Zahl versammelt sind.

Wenn die nur für einen Augenblick gesehene sehr schwarze Negerfrau in ihrem Schalterhäuschen in der dunklen Vorhalle zur U-Bahnstation, an der nie jemand ein- oder aussteigt, tief zu denken gibt, so daß man sie, auch wenn das Buch längst geschlossen ist, immer wieder vor Augen hat, so gilt das nicht weniger für den auffallend hell gekleideten Giorgio Santini, der den Strohhut des San Giorgio in der Hand hat. Santini sehen wir einmal im Konsulat und dann nicht wieder, unsere Gedanken kann er gleichwohl dauerhaft beflügeln. Maleachi in Venedig und Salvatore Altamura in Verona erscheinen als einfache Reisebekanntschaften und erweisen sich dann als Prophet und Heiland, die tiefsten Geheimnisse werden eher von den Komparsen als von den Protagonisten verwahrt.

Die starke Stellung der Komparsen, ihre Freiheit und Eigenständigkeit, ihre Verpflichtung allenfalls gegenüber den tieferliegenden Motivgeschichten, ist nur denkbar in einem Prosawerk, das auf Romanintrigen ganz verzichtet, wie in den Schwindel.Gefühlen und den Ringen des Saturn oder aber doch weitgehend, wie in den beiden anderen Bänden. Entfernt noch scheinen Sebalds Bücher von François Julliens eigentlich einem ganz anderen Landstrich unseres Planeten zugedachten Éloge de la fadeur erfaßt, insofern als sich die Prosa unbeirrt auf ihrer schönen, Satz für Satz vor uns aufgerollten Bahn dahinbewegt, dabei alle Extreme einebnet, im monotonen Raum jeden Reichtum bewahrt und keine Ränder im Sinne benachteiligter Bezirke enthält. Der verschiedentlich erhobene Vorwurf, Sebald marginalisiere die Frauen, ist ist in einem Werk ohne Rand gegenstandslos. Die männlichen Protagonisten aber, die Ausgewanderten, treten vor uns unter dem Grußwort Morituri vos salutant und dann hinaus über den Rand der verlorenen Ewigkeit, den Rand, an dessen Beseitigung alle Worte scheitern.
Die Komparsen sind zum großen Teil stationär, an einen Ort gebunden, als schon fast pflanzenhafter Teil ihrer Umgebung. Alec Garrad wird sein Modellbauatelier nicht mehr verlassen, regungslos steht die chilenische Araukarie auf dem Vorplatz, sogar die Enten auf dem Wasser rühren sich nicht. Le Strange wird seine Ländereien um Manor House in Henstead gelegenen Ländereien nicht verlassen, Mathild, die sich lange hält, bis gut über achtzig, nicht die Ortschaft W. im Allgäu und der Dichter Herbeck nicht die Ortschaft Klosterneuburg bei Wien, Dr. Abramsky wird in seiner Bleibe verharren mit den einzigen Ziel zu erleben, wie die Narrenburg des Sanatoriums in sich zusammensinkt und nichts bleibt als ein Häufchen puderfeines blütenstaubähnliches Holzmehl. Während die Genannten sowohl als literarische Gestalten als auch in einer gedachten Realität stationär bleiben, wissen wir, daß die Empfangsdamen im wahren Leben am Abend irgendwann hinter ihren Tischen und aus ihren Gehäusen hervortreten würden, um in ein anderes, uns nicht bekanntes Dasein überzuwechseln, und doch sind sie für uns wie gebannt an ihren Platz, die sehr schwarze Negerfrau in ihrem Schalterhäuschen, die Dame unbestimmten Alters in einer lilafarbenen Bluse und mit einer altmodisch gewellten Frisur hinter dem Kassentisch im Ghettomuseum Terezín, die jüngere Frau in der Casa Bonaparte Ajaccio wird auf ewig hinter dem Tresen in einem schwarzledernen zurückgekippten Bürosessel sitzen, ja, beinahe hätte man sagen können, liegen, so daß man förmlich über den Tresenrand zu ihr hinunterschauen muß. Aber auch die Protagonisten nähern sich einer immer seßhafteren Lebensweise an. Aurach war ohnehin mit größter Mühe nur zu bewegen, Manchester noch einmal zu verlassen, Dr. Selwyn ist zu einem Teil seines Gartens geworden, und auch Bereyter scheint, bevor er über den Rand tritt, im Garten Mme Landaus seine Heimat gefunden zu haben.

Die ortsfesten Personen leben in der Regel allein für sich, ein dem Sebaldleser so vertrauter Umstand, daß er ihn kaum noch bemerkt. Le Stranges Arrangement mit der Haushälterin Florence Barnes akzentuiert nur sein Alleinsein. An den Hotelrezeptionen entsteht kein Gedränge und an den Einlaßkassen der Museen bilden sich keine Schlangen. Die einsamste von allen ist die sehr schwarze Negerfrau in ihrem Schalterhäuschen zum Eingang der Station, an der nie jemand aus- oder einsteigt. Auch Selysses wechselt nur aus gebührender Entfernung einige Blicke mit der dunklen Frau, dann verläßt ihn der Mut, und den entscheidenden Schritt hinein in den Schalterraum wagt er nicht zu tun. Der Leser reibt sich fast schon verwundert die Augen, als Selysses im deutschen Konsulat zu Mailand auf eine komplette Familie bestehend aus dem Elternpaar, drei Töchtern und einer Großmutter trifft. Aber die Artistenfamilie ist in keiner Weise ortsfest, und zudem trifft man sich sozusagen auf exterritorialem Gelände. Luciana Michelottis Familie tritt erst nach längerer Zeit in Erscheinung und dann nur kurz, im Zusammenhang mit dem verlorenen Paß. Von Selysses wird Lucianas Familie gezielt übersehen, wie sonst hätte er sich mit ihr trauen lassen können.
Die Textbewegung wird damit nicht allein von dem rast- und ortlosen Selysses bestimmt, sondern vom Gegensatz zwischen seinem Reisen und Wandern und den vielen stationären Komparsen, so daß der Bewegungsmodus dem eines äußerst langsamen Slalomläufers zwischen den Toren ähnelt. Naturgemäß aber sind bei diesem Lauf nicht alle menschlichen Richtungsmale unbeweglich. Als Selysses in Mailand den Zug verläßt, sind das Mädchen mit der vielfarbigen Jacke und die Franziskanerschwester längst schon verschwunden, anders als bei der immerfort in ihrem Schalterhäuschen in der dunklen Vorhalle zur U-Bahnstation sitzenden sehr schwarzen Negerfrau, es gibt es keinen Ort, an dem er sie wiedertreffen könnte, und als ein anderer Zug hinein nach Bonn rollte, ist die Winter­königin, die hier aussteigt, ohne daß er noch etwas zu ihr hätte sagen können, für immer verloren. Unter den Protagonisten sind Adelwarth und Austerlitz die Unsteten. Dabei bewegt sich Adelwarth, abgesehen von der frühen Begegnung beim Familienfest von Selysses zeitlich und räumlich wie ein Schatten am Horizont. Austerlitz und Selysses dagegen treffen einander immer an Überschneidungspunkten ihrer unterschiedlichen Reiserouten, eines der Charakteristika, das den Rhythmus dieses Buches von dem der anderen erheblich unterscheidet.

Pierre Bourdieu hat seinen Règles de l’art einen Prolog vorangestellt, in dem er zeigt, wie sich in Flauberts Éducation sentimentale die französische Sozialstruktur formgebend auswirkt. Dabei kommt dem Soziologen der hohe Soziologisierungsgrad der französischen Romanliteratur des neunzehnten Jahrhunderts entgegen, die er im Grunde fortschreiben kann. Die Romane handelt von Menschen, die vehement ihren Platz in der Gesellschaft suchen, während in der zeitgleichen deutschen oder auch in der unvergleichlichen russischen dieser Jahre eher nach dem Ausgang gesucht wird. Auch in Sebald mit seinen auf Auswanderung bedachten Hauptdarstellern und den vielen Komparsen, die ihr Leben hinter Rezeptionen und in Schalterhäuschen oder versunken in Bücher verbringen, hätte Bourdieu ein für seine Zwecke weniger ergiebiges Studienobjekt gefunden. Wollte ein zukünftiger Soziologe ausgehend von Sebalds Werk als einzigem verbliebenen Zeugnis ein Bild von der untergegangenen europäischen Gesellschaft entwerfen, wäre es ein Bild fern der Wirklichkeit und nahe der Wahrheit, ein Bild mithin, das den gegenwärtigen Leseeindruck bestätigen würde. Die Komparsin Janine Rosalind Dakyns hatte in ihren Flaubertstudien eine andere Forschungsrichtung eingeschlagen und sich den Fragen des Sandkorns verschrieben. 

Donnerstag, 21. Februar 2013

Paradieren

Reine Stirn der Engel

People paraded up and down, seeing and being seen.

Es hat den Eindruck, als sei Selysses, der so viel wahrnimmt, selbst kaum sichtbar. Als er in Oberitalien glaubt, zwei Augenpaare würden seinen Tarnschutz durchdringen, gerät er in Panik. Auch die Sebaldmenschen, die Ausgewanderten, sind verborgen. Aurach verbringt den Tag im Atelier und begibt sich erst in der Dunkelheit des Abends in das Wadi Halfa, sehen kann ihn aber ohnehin niemand, da Manchester menschenleer ist. Wenn Bereyter seine Erblindung und den ihn erwartenden mausgrauen Prospekt begrüßt, so möglicherweise auch weil er die Blicke der anderen nicht mehr spüren wird. Die Blicke der anderen sind Kafkas Entsetzen, und der Einfall des Dichters, er solle vor den auf dem Marktplatz angetretenen Bewohnern Desenzanos paradieren, erscheint als ein ebenso komischer wie robuster Therapievorschlag. Im Bahnhof von Antwerpen erkennen sich gleichsam im Wege einer doppelten Negation mit Selysses und Austerlitz zwei Unsichtbare. In einer Erzählwelt der Versteckten fällt es auf, wenn jemand, und sei es auch ein Komparse, sich vor anderen darstellt.
Beyle kaufte sich einen neuen gelben Rock, dunkelblaue Beinkleider, schwarz lackiertes Schuhwerk, einen extrahohen Velourshut und ein paar grüne Brillen, und in dieser Aufmachung ging er in Volterra herum und versuchte, Métilde, sooft als nur möglich, wenigstens aus einiger Distanz zu sehen. Beyle glaubte sich zunächst tatsächlich unerkannt, stellte dann aber mit noch größerer Befriedigung fest, daß Métilde ihm vielsagende Blicke zuschickte. - Offenbar liegt eine eigenartige Verkennung der Umstände vor, Stendhal sieht seine grelle Aufmachung als Tarnanzug, aus dem heraus er inkognito den Anblick der Geliebten verehren kann, tatsächlich schlägt er ihr an den verschiedenen Ecken und Enden der kleinen toskanischen Stadt Volterra vor den Augen der Öffentlichkeit ein Pfauenrad nach dem anderen. Die extrovertiert-farbige Vorstellung endet in grauer Verbannung, mit einem sehr trockenen Billett wird er aus dem Liebesdienst entlassen, auf seiner Schreibtischplatte liegt fortan, zum Andenken an Métilde, ein Gipsabdruck ihrer linken Hand. Die leichte Krümmung des Ringfingers aber verursacht ihm Emotionen von einer Heftigkeit, wie er sie bislang noch nicht erfahren hatte. Die Gaffe der bunten Parade in Volterra erweist sich unter der Hand, wenn man das sagen darf, als Glücksfall. Stendhal wird in Zukunft viel Zeit am Schreibtisch verbringen und für uns seine schönen Bücher schreiben, Métildes Gipshand wird sich in die Hand Mme Gherardis verwandeln, an deren Seite er, weiterhin am Schreintisch sitzend, eine beglückende Reise durch Oberitalien unternimmt, wobei sie nach Möglichkeit die Einsamkeit suchen. Bei einer Bootsfahrt auf dem See fern von den Blicken der Menschen wird Mme Gherardi ausführen, die Liebe sei eine Chimäre, nach der es uns umso mehr verlange, je weiter wir uns entfernen von der Natur.
Die Mathild ihrerseits hat sich in ihrer Eingezogenheit offensichtlich in zunehmendem Maße wohlgefühlt, ja, die Art wie sie Jahr um Jahr unter den von ihr verachteten Dorfbewohnern herumgegangen ist, unfehlbar in einem schwarzen Kleid oder einem schwarzen Mantel und stets unter der Bedeckung eines Hutes und nie, auch beim schönsten Wetter nicht, ohne Regenschirm, hat etwas durchaus Heiteres an sich gehabt. - Mathild ist nicht Métilde und schon gar nicht Stendhal, und doch scheint sie die begonnene Geschichte weiterzuerzählen. Der Ort W. im Allgäu ist keine südliche Stadt mit einer Rambla, auf der die Menschen paradieren, um zu sehen und gesehen zu werden, aber auch der Dorfanger reicht für die Veröffentlichung der Person. Wir stellen uns vor, daß Mathild Seelos beim Mayrbeck eintritt, um ein Brot zu besorgen, dann herübergeht zum Ebentheuer, um nach ihrer defekten Uhr zu sehen, von dort zum Dr. Rambousek für eine neue Verschreibung, mit provokanter Langsamkeit zurück zum Mayrbeck, weil es noch ein süßer Wecken sein soll und schließlich zum Café Alpenrose, wo sie im Obergeschoß ihre Wohnung hatte, in die sie nie jemanden hinaufließ. Es ist die augenblickhafte Extrovertierung der Eingezogenheit, die aufreizende Enthüllung des Verborgenen, das aber verborgen bleibt. Stendhal wird aus seiner neugewonnenen Eingezogenheit Buch nach Buch heraussenden, vielleicht findet sich auch das eine oder andere unter dem Literarischen des letzten Jahrhunderts in Mathilds Bibliothek, die erst nach ihrem Tod entdeckt wird. Ob sie, die gleichfalls nicht als Einsiedlerin geboren wurde, selbst etwas zu Papier gebracht hat, ist nicht bekannt.

Es gab Leute, die behaupteten, ihn gelegentlich gesehen zu haben in einem kanarienfarbenen Gehrock oder einer Art Trauermantel aus verschossenem veilchenfarbenen Taft mit vielen Knöpfen und Ösen. Auch hieß es, Le Strange, der immer schon einen zahmen Hahn auf seinem Zimmer gehalten hatte, sei nachmals ständig umschwärmt gewesen von allem möglichen Federvieh, von Perlhühnern, Fasanen Tauben und Wachteln und den verschiedenen Garten- und Singvögeln, die teils am Boden um ihn herumliefen, teils in der Luft ihn umflogen. – Le Strange übertrifft Stendhal an Buntheit und Mathild an Eingezogenheit. Eigentlich stellt man sich ihn hinter hohen Hecken verborgen vor, aber es muß sich doch eine Position, einen Einblickswinkel gefunden haben, der die Beobachtung seines einsamen Treibens erlaubte, ohne sein Wissen und wider seinen Willen, nichts liegt ihm ferner als zu paradieren, da ist man sich sicher und kann sich doch nicht sicher sein. Wie auch immer, wir können uns freuen, Zeugen einer farbenprächtigen Demonstration des gänzlich Verborgenen zu sein.

Bei keiner der drei Szenen handelt es sich um ein sorgloses, dem Flanieren verwandtes Paradieren auf der Esplanade. Für Stendhal bedeutet die mißlingende Parade in Volterra den Übergang in die Abgeschiedenheit des Schriftstellerdaseins, im Garten des Klosters der Minori Osservanti hoch überhalb des Albaner Sees zeichnet er langsam mit einem Stock die Initialen seiner vormaligen Geliebten wie eine rätselhafte Runenschrift seines Lebens in den Sand. Mathild demonstriert ihre Abgeschiedenheit provokant in Schwarz, Le Strange, ohne Zeugen, wie er glaubt oder auch nicht, in bunten Farben. Sieht man ab von dem in seiner ursprünglichen Extrovertiertheit in Sebalds Werk ohnehin auffälligen Stendhal, ist die Veröffentlichung des Verborgenen Aufgabe der Komparsen*, nicht der Hauptdarsteller. Dr. Selwyn, in seiner Gartenexistenz Le Strange in mancher Hinsicht ähnlich, wirkt, obzwar großgewachsen, wie ein ganz kleiner Mensch und teilt damit die Neigung der Sebaldmenschen, der Male Leads, zum Verschwinden.

Samstag, 16. Februar 2013

Bürger

Zeitwanderer
Widzę i opisuję

Der deutsche Begriff des Bürgers wird im Französischen bekanntlich durch die zwei Begriffe des Bourgeois und des Citoyen aufgefangen. In der nach der Zahl Achtundsechzig benannten Zeit gab es ausschließlich den Bourgeois, der in jeder Form zu bekämpfen war von denen, die sich als die anderen sahen, der Citoyen hatte ein weiteres Mal die Gestalt des Revolutionärs angenommen. Irgendwann, vermutlich in den frühen Achtzigern, war dann der Bourgeois über Nacht durch den Citoyen, zu deutsch: mündiger Bürger, als der Lichtgestalt, dem Heiligen der sich sakralisierenden säkularen Demokratie, ersetzt worden und umfaßt seither alle und jeden einschließlich der Bevölkerungsgruppe, für die der Fernsehkritiker Kalkofe jede Woche neue, ebenso drastische wie zutreffende Bezeichnungen entwickelt, Dumpfbacken die mildeste. Wenige Jahre später hat dann der Markt einen ähnlichen Transsubstationsprozeß durchlaufen, der Quell allen Unheils wurde zum Engel des Heils über der Agora. Erst nach einer längeren Schockstarre vermochten erste Wiedererweckte in der neuen Erscheinung am gesellschaftlichen Himmel den neoliberalen Luzifer zu erkennen.

Im Essaywerk zeigt Sebald sich als Kapitalismuskritiker, äußert sich dabei aber weniger unmittelbar Marx folgend als in der Explikation von Stifter und Keller. Im Erzählwerk kommt das Thema kaum offen zur Sprache, auch vom simplen Geld ist so gut wie nicht die Rede, allenfalls, ähnlich wie bei Bernhard, im Motiv großer Vermögen, die ungenutzt bleiben (Le Strange) dem Versuch der Vernichtung unterzogen (Cosmo Solomon) oder verschenkt werden, wie im Fall Wittgensteins, der zwar keine Gestalt im Erzählwerk ist, es aber doch als Schatten durchwandert. Ansonsten verliert sich die Kapitalismusbetrachtung in der Naturgeschichte der Zerstörung, und der Ton der Kritik macht dem der Weltklage Platz.

In der fraglichen achtundsechziger Zeit hat sich Sebald, nach allem, was man erkennen kann, als Citoyen verstanden, der begann, sich durch die Entlarvung von Sternheim u.a. als Bourgeois selbst eine bürgerliche Existenz als Hochschullehrer aufzubauen. Als er später in den Beruf des Dichters ergreift, bleibt in seiner Prosa die Unterscheidung von Bourgeois und Citoyen taub. Austerlitz, Bereyter u.a. sind sicher keine Bourgeois, ihnen fehlt aber auch das den Citoyen auszeichnende Merkmal der aktiven Teilnahme am Gemeinwesen, läßt man sie gewähren, macht sich ein ausgeprägter Hang zur Weltflucht bemerkbar. Auch Dumpfbacken begegnen nur selten, sie scheinen auf die Region Kissingen begrenzt, der Brotzeiter schon im Zug dahin und dann am Ort der Metzgermeister Michael Schultheis, von dem es hieß, er habe sich großer Beliebtheit erfreut, sei dem Raucherclub Blaue Wolke und der Reservistenkameradschaft eng verbunden gewesen und habe seine Freizeit im wesentlichen seinem treuen Schäferhund Prinz gewidmet, zwei beeindruckende Exemplare der Gattung. Auf den Begriff des Bürgers könnte insofern verzichtet werden, wenn nicht der Übergang einiger mythischer Gestalten in bürgerliche Existenzen und umgekehrt die Verwandlung bürgerlicher Existenzen in mythische Gestalten zu beobachten und zu beschreiben wäre.

In Lindenhardt verläßt der Heilige Georg Grünewalds Altarbild und tritt seinem Namenspaten Selysses entgegen. In Verona trifft Selysses San Giorgio wieder vor dem Drachenkampf, in der Londoner Nationalgalerie dann hat der Drache, ein geringeltes, geflügeltes Tier, sein Leben bereits ausgehaucht, und San Giorgio trägt als unverkennbares Zeichen für das Ende der heroischen Zeit und den Eintritt ins bürgerliche Leben einen Strohhut auf den Kopf. Zuvor hatte Selysses ihn schon im Konsulat zu Mailand getroffen, ohne ihn freilich zu erkennen, mit den gleichen Strohhut in der Hand, jetzt nicht mehr San Giorgio, sondern Giorgio Santini, seines Zeichen Hochseilartist. Begleitet ist er von seiner Frau, seinen drei jugendhaften Töchtern und der Nonna. Hochseilartist ist sicher kein Beruf aus der Mitte des bürgerlichen Raums, auf der anderen Seite zeichnet sich Santini durch eine überaus korrekte, wenn auch ein wenig ins Extravagante gehende Bekleidung aus, und auch Auftreten und Verhalten seiner Begleiterinnen sind tadellos. Als Künstler und Familienmensch ist er ein Spiegelbild des Selysses, die Familie allerdings nach italienischer Sitte ein wenig umfänglicher gestaltet. Tiefere Einsichten in seine Verankerung im bürgerlichen Leben erhalten wir aber nicht. Selysses muß einige Worte mit Santini gewechselt haben, dem Leser wird aber nur ein knappes Ergebnis übermittelt. Die weiblichen Familienmitglieder schweigen beharrlich, die Töchter gehen im Wartesaal zwischen den Sesseln und Tischen umher, die eine mit einem bunten Windrädchen, die andere mit einem ausziehbaren Teleskop und die dritte mit einem Sonnenschirm. Auf eine ungewisse Weise scheinen die drei Schwestern noch der mythischen Welt verbunden.

Auf dem Dachboden der Mathild erträumt sich das Kind Selysses einer Jäger, der, was er nicht wissen kann, dem von Kafka im Tagebuch festgehaltenen Jäger Hans Schlag aufs Wort entspricht: Eine große runde Mütze aus Krimmerpelz saß tief auf seinem Kopf. Ein starker Schurrbart breitete sich steif aus. Gekleidet war er in einen weiten braunen Mantel, den ein mächtiges Riemenzeug, es erinnerte an das Geschirr eines Pferdes, zusammenhielt. So ist Selysses arglos und ohne Ahnung, als er den Jäger Hans Schlag in seinem Heimatort W. antrifft, wo er den gutbürgerlichen Beruf eines Wildhüters im Rahmen der Bayerischen Fortverwaltung ausübt. Das Maß seiner Verankerung im bürgerlichen Leben bleibt allerdings unklar. Eine Wohnung scheint er nicht zu haben, bis tief in die Nacht sitzt er in der Wirtschaft, das Liebeswerk mit der Romana wird im Holzschopf verrichtet. Der Rucksack, den er immer bei sich trägt, ist dem Beruf geschuldet, ordnet ihn aber auch der Gruppe der Sebaldmenschen zu, die sich an diesem Wittgenstein entlehnten Emblem erkennen. Der Försterdackel ist zu jeder Tages- und Nachtzeit am Rucksack festgebunden, so daß sich die Frage artgerechter Tierhaltung aufdrängt. Der Name des Hundes, Waldmann, sowie der Umstand, daß die nach dem Tode des Jägers aufgefundene Taschenuhr eine Takte aus dem Lied Üb immer treu und Redlichkeit spielt, scheinen eine hohen Grad der Verbürgerlichung, fast schon der Vergartenzwergung anzuzeigen, die am Oberarm eintätowierte Barke andererseits fusioniert den Jäger Hans Schlag posthum mit Kafkas ungleich bekannterem Jäger Gracchus, der im Allgäu endlich den ersehnten Tod gefunden hätte. Der mythologische Hintergrund der rundum rätselhaften Gestalt weitet sich damit noch einmal immens.
Während Hans Schlag und Giorgio Santini sich auf den weiten langen Weg aus der Vor- und Frühgeschichte in die Gegenwart begeben haben, ohne daß sich genau abschätzen ließe, wie weit sie gekommen sind, haben sich Malachio und Salvatore Altamura, der eine Astrophysiker und Prophet, der andere Heiland und Redaktionsmitarbeiter, den Anschein nach auf ein Leben als Berufspendler an der Grenze der Äonen eingerichtet. Die Ashburys in Irland wiederum scheinen sich auf dem Rückweg in eine mythische Vergangenheit zu befinden, die drei Schwestern Catherine, Clarissa und Christina sitzen als wie von einem bösen Bannspruch getroffene Riesenkinder da und Mrs. Ashbury auf der Bibliotheksstaffelei stehend zwischen den am Plafond angebrachten raschelnden Samenbehältern wie eine in den Himmel auffahrende Heilige. Den längsten Weg aber legt der Major George Wyndham Le Strange (GWS) zurück.

Wir sehen in ihm einen Halbbruder des Dichters WGS sowie auch des Artisten Giorgio Santini (GS), allesamt Abkömmlinge des San Giorgio (SG). Erneut ist er in den dunklen Wald eingedrungen, bei Bergen Belsen, und hat einen ungleich übleren Drachen zur Strecke gebracht. Nach der Kriegstat macht er sich auf den Weg zurück in die mythische Welt, vorbei am Heiligen Georg mit dem vorwärtsgewandten Blick hin zum Heiligen Franz zunächst und dann zum Heiligen Hieronymus, der im Erdloch lebt.

Es sind durchweg Komparsen im Werk, die sich zwischen der mythologischen und der realen Welt hin- und herbewegen, ähnliche Lebensverläufe der Hauptdarsteller hätten einen Genrewechsel hin zum Fantasyfach erfordert. Da der Dichter uns aber anhält, die Nebendarsteller nicht geringer zu achten als die Protagonisten, stellt sich die Frage, wie sich die beiden Rollenfächer zueinander verhalten. Auch die eigentlichen Sebaldmenschen, die Ausgewanderten und die in ihrer Eingezogenheit, haben eine weit geöffnete Vergangenheit, die sich ins Dunkel verliert. Austerlitz hat mit seinen Bemühungen um Erhellung nur begrenzten Erfolg, und zweifelsfrei benennbare Gründe für Bereyters Tod auf den Schienen ergeben sich nicht. Der Major Le Strange nimmt eine Schlüsselstellung ein zwischen den Komparsen und den Protagonisten. Jederzeit hätte er in die Liga der Ausgewanderten aufsteigen können, als Eingezogener, gänzlich nach Innen Ausgewanderter allerdings, so wie Mathild Seelos. Selysses hätte Florence Barnes’ Vertrauen erworben und einiges mehr über sein und ihr Leben erfahren, vielleicht wäre ein Tagebuch aufgetaucht. Die expliziten mythologischen Bezüge zum Urvater San Giorgio, die ihm zum Halbbruder Giorgio Santinis und des Selysses machen, hätten dann aber gekappt werden müssen.

Sebald beruft sich für sein Werk auf die bürgerliche Erzählliteratur des neunzehnten Jahrhunderts im süddeutschen Sprachraum, Stifter und Keller. Einerseits bewegen wir uns, sprachlich und motivisch, in einer bürgerlichen Welt, andererseits entziehen sich seine Figuren immer wieder in einen geheimen Rückraum hinter der Welt.

Mittwoch, 13. Februar 2013

Schrecken der Kindheit

Metzger und Bader

Salta i corre
I no es fa mal.

Die Folterkammer in der Festung Breendonk ruft bei Selysses ein Bild aus der Kindheit wach. Indem ich in diese Grube hinabstarrte, auf den glattgrauen Steinboden, das Abflußgitter in seiner Mitte und den Blechkübel, der daneben stand, hob sich aus der Untiefe das Bild unseres Waschhauses in W. empor und zugleich, hervorgerufen durch den eisernen Haken, der an einem Strick von der Decke hing, das der Metzgerei, an der ich immer vorbei mußte auf dem Weg in die Schule und wo man am Mittag oft den Benedikt sah in einem Gummischurz, wie er die Kacheln abspritzte mit einem dicken Schlauch. Genau kann niemand erklären, was in uns geschieht, wenn die Türe aufgerissen wird, hinter der die Schrecken der Kindheit verborgen sind. - Eine monochrome Erzählwelt aus einem Guß, könnte es scheinen, vom Grauen der Kindheit ins Grauen der Welt und wieder zurück, es soll Leser geben, die Sebalds Bücher in dieser Weise erleben.
Liest man die weitaus detailreichere Darstellung der Ortschaft W. in den Schwindel.Gefühlen, hat man den Eindruck, alle Gewerbetreibenden im Dorf seien erfaßt und bemerkt erst nachträglich das Fehlen des Metzgers. Niemand sonst von den Versammelten aber kann die Schrecken der Kindheit gleichwertig vertreten, sicher nicht der Mayrbeck, der alljährlich zu Allerheiligen die Seelenwecken produziert und zwar nicht mehr und nicht weniger als einen einzigen für jeden Mann, jede Frau und ein jedes Kind. Aus Weißbrotteig waren diese Seelenwecken gebacken und so klein, daß man sie leicht in einer geschlossenen Hand verbergen konnte. Die Hand noch bestäubt vom Wecken hat das Kind Selysses in der Mehlkiste der Großeltern gegraben, um das dort nach seiner Vermutung verborgene Geheimnis zu ergründen. Von der aus dem Böhmischen stammenden Modistin Valerie Schwarz, trotz ihrer geringen Körpergröße mit einer Brust ausgestattet von Ausmaßen, wie man sie später nur noch einmal gesehen hat, und zwar an der Trafikantin in Fellinis Film Amarcord, mag ein gewisser Schrecken ausgegangen sein, missen möchte man diesen Schrecken, zurückschauend, eher nicht. Beim Schmied kann man nie sicher sein, ob er das Feuer auch wirklich zu zähmen vermag, aber er ist abwesend. Aus der Schmiede roch es nach verbranntem Horn. Das Essenfeuer war ganz in sich zusammengesunken, und das Werkzeug, die schweren Hämmer, Zangen und Raspeln lagen und lehnten herrenlos überall herum. Nirgends rührte sich etwas. Das Wasser im Bottich, in den der Schmied sonst jeden Augenblick mit dem glühenden Eisen, daß es zischte, hineinfuhr, war so still und glänzte von dem schwachen Widerschein, der vom offenen Tor auf seine Oberfläche fiel, so tiefschwarzdunkel, als hätte noch nie jemand es angerührt und als sei ihm bestimmt, in solcher Unversehrtheit bewahrt zu bleiben. Ein reiches Gefühl des Unheimlichen, aber kein Schrecken der Kindheit. Für den muß letzten Endes der Bader Köpf herhalten. Der Rasiersessel stand leer. Das Rasiermesser lag, aufgeklappt, auf der marmorierten Platte des Waschtischs. Vor nichts fürchtete ich mich mehr, als wenn der Köpf, bei dem ich mir jeden Monat einmal die Haare schneiden lassen mußte, mir mit diesem an dem Lederriemen frisch abgezogenen Messer den Hals ausrasierte. Derart tief hat diese Furcht in mich sich eingegraben, daß mir, als ich viele Jahre zum ersten Mal eine Darstellung der Szene sah, in welcher Salome das abgeschnittene Haupt des Johannes hineinträgt, sogleich der Köpf in Erinnerung gekommen ist. Und daß ich mich vor einigen Jahren im Bahnhof Santa Lucia aus freien Stücken habe rasieren lassen, das ist mir nach wie vor eine ganz und gar unbegreifliche Ungeheuerlichkeit. – Ersichtlich ist der Schrecken der Kindheit hier in eine heitere Richtung gelenkt, in der ihm durch heilsame humoristische Übersteigerung aller Schrecken genommen wird.

In Ritorno in Patria werden viele Türen zur Kindheit geöffnet, hinter einigen kommt Schönes zum Vorschein, hinter anderen Rätselhaftes und hinter wieder anderen Beängstigendes. Keine ist die eine Tür, hinter der die Schrecken der Kindheit verborgen sind. Cioran kannte in seiner radikalnihilistischen Weltschau einen blinden Fleck, der bei ihm naturgemäß nur die Form des Seligen annehmen konnte, und das war seine Kindheit in der Ortschaft Răşinari unweit Hermannstadt. Offenbar war es ihm gelungen, die Tür zur Kindheit immer nur auf eine bestimmte, ihn rettende Weise zu öffnen. Selysses wird die Tür in der Folteranlage Breendonk aus der Hand gerissen, und für einen Augenblick wenigstens fließt das Grauen ungehemmt.

Freitag, 1. Februar 2013

Prophet und Heiland

Gesprächspartner 

Proffwyd Iddewig yn y Beibl oedd Malachi


In Wien findet Selysses niemanden, mit dem er sprechen kann, selbst die Telephone bleiben stumm. Bloß mit den Dohlen in den Anlagen vor dem Rathaus hat er einiges geredet und mit einer weißköpfigen Amsel. Diese Situation ändert sich im weiteren Verlauf des Buches und der Reise nicht von Grund auf. Mit Empfangsdamen, Taxifahrern, Gendarmen, Bibliotheksangestellten werden belanglose Worte gewechselt. Die Bedienerin in der Bahnhofsgaststätte Innsbruck, der gegenüber er eine gar nicht unfreundliche Bemerkung über den Tiroler Zichorienkaffee fallen läßt, hängt ihm auf die bösartigste Weise, die man sich denken kann, das Maul an. Dort, wo er ein Gespräch beginnen möchte, wie mit der Franziskanerin und dem jungen Mädchen im Zug nach Mailand oder mit der Winterkönigin im Zug rheinabwärts, bleibt er dumm und stumm, selbst dann, wenn ihm, wie im Fall der Winterkönigin, die Last des Gesprächsbeginns eigentlich schon abgenommen wurde. Gesprächspartner in einem ausführlicherem Sinn sind der Dichter und Anstaltsinsasse Ernst Herbeck in Klosterneuburg, Lukas Seelos in der Ortschaft W. und Luciana Michelotti in Limone. Die Gespräche mit Luciana beanspruchen nur wenige Worte und sind von verschwiegener Bedeutsamkeit. Sie zeichnen sich im übrigen dadurch aus, daß Selysses’ Gesprächanteile zu überwiegen scheinen, während in anderen Gesprächen seine Beiträge weitgehend unterschlagen werden. Das gilt insbesondere für die Unterhaltungen mit Malachio in Venedig und mit Salvatore Altamura in Verona. Die dadurch verursachten Gesprächslücken erhöhen das erratische Moment im Fortgang der Schwindel.Gefühle noch einmal erheblich. Das Gefühl des Befremdlichen geht aber noch tiefer, so als sei man in eine womöglich nicht ungefährliche Unterströmung geraten.

Malachio trifft Selysses eines Abends in einer Bar an der Riva, und ehe man sich versieht, sind die beiden in einem Boot draußen auf dem Wasser. Ein erster Gesprächsabschnitt wird dem Leser vorenthalten, er erfährt stattdessen im Überblick, daß Malachio in Cambridge Astrophysik studiert hat - offenbar als ein Kommilitone Gerald Fitzpatricks, der zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht das Licht des Werkes erblickt hat - und daß er alles aus der größten Entfernung sieht, nicht nur die Sterne. Im Boot dreht sich das Gespräch dann um Wunder des aus dem Kohlenstoff entstandenen Lebens, das dann wieder in Flammen aufgeht. Beim Blick auf den Inceneritore Comunale, erhält Selysses auf seine Frage, ob hier auch mitten in der Nacht noch gefeuert werde, die Antwort: Sì, di continuo. Brucia continuamente. Malachio merkt an, er habe in letzter Zeit viel nachgedacht über die Auferstehung und zumal über den Satz, demzufolge unsere Gebeine und Leiber von den Engeln dereinst übertragen werden in das Gesichtsfeld Ezechiels, und ein weites Feld lag voller Totengebein, und des Gebeins lag sehr viel auf dem Feld, sie waren sehr verdorrt. Antworten habe er nicht gefunden, aber es genügten ihm eigentlich auch schon die Fragen. Mancher mag sich die Gedankenwelt eines Astrophysikers anders vorgestellt haben. Malachio verabschiedet sich dann mit dem Gruß: Ci vediamo a Gerusalemme, und noch Stunden später fragt Selysses sich, was er damit gemeint haben könnte.
Das Zusammentreffen mit Salvatore Altamura in Verona ist offenbar verabredet, für den Leser aber ebenso unerwartet wie das mit Malachio. Der Nachname Altamura wird nur einmal genannt, anschließend ist es nur noch Salvatore, ein engerer Freund des reisenden Selysses, muß man folgern. Salvatore sitzt vor der Bar mit einer grünen Markise und liest, die Brille in die Stirn geschoben, in einem Buch, das er so nah vor sein Gesicht hielt, daß es unvorstellbar war, wie er auf diese Weise etwas zu entziffern vermochte. Seinem Bedürfnis zu lesen wisse er um diese Tageszeit einfach keinen Widerstand entgegenzusetzen, er rette sich in die Prosa wie auf eine Insel. Wenn er die ersten Sätze anfange zu lesen, so sei es, als rudere er weit auf das Wasser hinaus. Malachios Bootsfahrt ist gleichsam in die Metapher eingeschlossen. Das Gespräch mit Salvatore hat die Gestalt eines dreiteiligen Vortrags. Der erste Teil des Vortrags betrifft den Inhalt von Sciascias Buch 1912+1 und schließt an Selysses’ Studien zum Jahr 1913 an; im zweiten Teil geht es um die GRUPPE LUDWIG, offenbar der Anlaß des Treffens: aber es interessiert Sie ja eine ganz andere Geschichte; im dritten Teil geht es mit der Oper Aida zurück ins Jahr 1913 mit der Eröffnung der Festspiele in Verona. Di morte l’angelo a noi s’appressa, mit diesen Worten steht Salvatore auf und verabschiedet sich. Selysses aber ist noch lange sitzen geblieben auf der Piazza mit dem Bild des hereinbrechenden Engels, das Salvatore ihm hinterlassen hatte.
Soweit gekommen, fragt man sich, warum der in Venedig aus dem Nichts auftauchende, wenn nicht gar vom Himmel gefallene, und ebenso wieder verschwindende Astrophysiker Malachio, der den Namen eines biblischen Propheten (Malachi, Maleachi) mit der Bedeutung Bote Gottes trägt, sich, als gäbe es bei seinem Beruf nichts Näherliegendes, mit Engelsfragen beschäftigt, und warum in Verona der Heiland, il Salvatore, sich unter Hinterlassung eines Engelsbildes verabschiedet. Sebald hat mehrfach in einer bündigen, Zweifel nicht zulassenden Weise bekannt, daß ihm religiöse Gläubigkeit fremd ist, eine theologische Exegese seines Werkes verbietet sich insofern. Gleichwohl läßt sich nicht übersehen, daß er immer wieder und ganz besonders im Italienteil der Schwindel.Gefühle über die Trümmer- und Schädelstätten des Katholischen Erbes geht, vorbei an Skeletten, die in den großen Bildwerken der Vergangenheit ihr Leben bewahrt haben und jederzeit vor unseren Augen auferstehen können. Gleich bei der Einfahrt nach Italien, im Friaul, träumt Selysses von Tiepolos Gemälde Santa Tecla libera Este della peste, wo die himmlischen Heerscharen durch die Luft fahren und uns, wenn wir hinsehen wollen, einen Begriff geben von dem, was sich über unseren Köpfen vollzieht. Der weitere Verlauf der Bildererzählung gabelt sich dann. Pisanellos Bilder von San Giorgio vor und nach dem Drachenkampf führen in einer Schleife zurück zu Giorgio Santini, der Gegenwartserscheinung des Heiligen Georgs im Gewand des Artisten, und von dort zu dessen Namensmündel Selysses respektive Sebald. Die Engel am Himmel über Giottos Compianto sul Cristo morto andererseits, deren lautlose Klage seit nahezu siebenhundert Jahren über dem unendlichen Unglück erhoben wird, kehren wieder als die Engel der mehr als fraglichen Wiederauferstehung bei Malachio und als der Opernengel des Todes, dessen Bildnis Salvatore hinterläßt.
In seinem neuen Beruf als Astrophysiker steht Maleachi in der Nachfolge der theologisch verwalteten vorkopernikanischen Kosmologie, von der Abschied zu nehmen er offensichtlich nicht bereit ist, anders als sein Studienfreund Gerald, der Austerlitz einen inspirierten sternenkundlichen Vortag über die sinnfreien Tiefen des Alls hält. Malachios Fernblick findet den Weg in das von einem mythischen Licht erhellte Dunkel der vorkopernikanischen Geschichte. Es bedarf vertiefter Bibelkenntnisse, um Malachios Engel in der Heiligen Schrift zu entdecken. Der Laie dringt bis Hesekiel 37 vor und hat den Eindruck, der Herr führe den Propheten ohne Engelshilfe an den Rand des Beinfeldes. Es ist nicht auszuschließen, daß Sebald die Engel aus eigener Macht herbeizitiert hat, da er sie für die Entfaltung des Motivs in Giottos Bild von der Beweinung Christi benötigte; Arrondierungen dieser Art sind dem Dichter nicht fremd. Das Bild von der Beweinung stellt die Frage nach der Auferstehung, ohne sie zu beantworten, wie Malachio auch muß uns die bloße Frage reichen. Die Engel diverser froher Verkündigungen kommen nicht zu Wort und Bild, Giottos Fresko von der Auferstehung Christi steht nicht auf dem Besichtigungsplan, der Auferstehungsvorgang stagniert, und so hält die lautlose Klage der Engel unverändert und unbeeinträchtigt an bis zum heutigen Tag.

Der Heiland, il Salvatore, findet sich nicht zurecht in der Gegenwart, er flüchtet sich in die Schrift, die er nur mit größter Mühe zu entziffern vermag. In seinem dreiteiligen Vortrag berichtet von lauter Untaten und Sünden. Dem Angelion ist das Eu abhanden gekommen, und nichts, nebenbei bemerkt, läßt glauben, verselbständigt habe es sich in EU verwandelt. Nichts auch weist darauf hin, daß nach 1913 Rettung oder Erlösung noch möglich sei. Der Gang der Erzählung legt nahe, Salvatore habe den Engel während seines Vortrags gedankenverloren auf eine Serviette gezeichnet, tatsächlich ist es ein weiterer Engel Giottos*. Trägt Salvatore Giottos Engel als Votivbilder mit sich, erklärt er den italienischen Meister zum offiziellen Himmelsmaler des Herrn? Der Engel ist kopflos und scheint vom Wind getrieben, als handele es sich um Benjamins Engel in einer Seitenansicht.
In der frühen Phase des Buches hatten sich Passanten aufgrund optischer Ähnlichkeiten in halluzinatorischer Übersteigerungen in den Dichter Dante oder den König Ludwig verwandelt, hier haben durch Giottos Fresco aufgeweckte Namensähnlichkeiten den gleichen Effekt. Trotz ihrer transzendenten Unternähung, die den Gesprächen den Charakter einer Verkündigungen verleiht, sind Malachio und Salvatore Altamura daher nicht von der Liste der regulären Gesprächspartner zu streichen. Die Realitätssuggestion der Prosa hat keinen Riß, und auch wenn den Leser nie das Gefühl des nicht ganz Geheuren verläßt, kann er nach der Enttarnung des Propheten und des Heilands jederzeit zu dem Zustand zurückkehren, als der eine ein bloßer Venezianer und der andere ein schlichter Bewohner Veronas war, when Jesus was sweet Mary’s son and Cain was just a man. Freilich staunt man über die diffizile Schichtung der Erzählebenen, fast wie im Falle Johann Sebastian Bachs, der bei der Überwindung größter kompositorischer Schwierigkeiten jederzeit noch Kraft und Zeit für verzwickte Zahlenspiele im Notenbild hatte. Wird die Musik aufgeführt, hört man davon nichts – oder doch? Stellt man zusätzlich in Rechnung, daß Selysses sich künstlerisch im Bild des Artisten spiegelt, läßt sich kaum mehr sagen, was Spiel und was Ernst ist. Aber auch Giorgio Santini kehrt nach einer kurzen Weile der Identität mit San Giorgio und ungeachtet seiner erstaunlichen Leistungen auf dem Hochseil zurück in eine betont bürgerliche Existenz mit Frau, drei Töchtern und Nonna. Von den Rückverwandlungen wird nicht erzählt, aber auch von den Verwandlungen ist im strengen Sinne nicht erzählt worden.

*Auskunft Christian Wirths