Donnerstag, 10. Juli 2014

Sprachfülle

Lord Phi. Chandos

Die Gestalt des Major Le Strange wirkt auf den ersten Blick so vollendet und klar wie eine Einstrichzeichnung Picassos, eigentlich aber besteht sie nur aus Fragen und Rätseln. Florence Barnes hat er unter der ausdrücklichen Bedingung verdingt, daß sie die von ihr zubereiteten Speisen mit ihm gemeinsam aber wortlos einnimmt. Ist das Redeverbot nun allgemein oder beschränkt es sich auf die Essenszeit; kann sie sich abends erkundigen, nach welcher Speise ihm tags darauf der Sinn steht; wenn das Redeverbot, wie anzunehmen, durchgehend gilt, kann er seinerseits sich mit Worten an sie wenden; schreiben sie einander Zettel wie Jean Gabin und Simone Signoret; hat das Redeverbot, was Florence bestreitet, sich vielleicht im Verlauf der Jahre gelockert oder gar verflüchtigt; wohnt Florence Barnes ständig auf dem Gut, oder kommt sie nur für die Stunden ihrer Arbeit; hat sie Anspruch auf Jahresurlaub, und wie überbrückt Le Strange dann diese Zeit; hat Le Strange anderweitig Kontakt mit der Sprache, liest er das Tagblatt, verbringt er lange Stunden in der Bibliothek; verfolgt er Radio- und Fernsehsendungen; oder hat er das Sprachvermögen ganz eingebüßt?
Eine kürzere Sprachabstinenz kann sich nur vorteilhaft auf das Sprachvermögen auswirken. Alleinreisende sind in der Regel dankbar, wenn sie, nach manchmal tagelang nicht unterbrochenem Schweigen, eine Ansprache finden und können sogar bereit sein, sich einem fremden Menschen rückhaltlos zu öffnen. Bei Austerlitz war es dabei erstaunlich, wie er seine Gedanken beim Reden verfertigte, wie er sozusagen aus einer Zerstreutheit heraus die ausgewogensten Sätze entwickeln konnte. Man muß sich dabei vor Augen halten, daß der Erzähler Austerlitz ständig dolmetscht. Austerlitz ist ein vierhundertseitiges Fest der deutschen Sprache, bei dem, schaut man genau hin, so gut wie kein Deutsch gesprochen wird. Austerlitz und Selysses unterhalten sich zunächst in französischer Sprache und wechseln dann ins Englische. In seiner Jugend hat Austerlitz zudem die walisische Sprache, wie er sagt, im Fluge erlernt, ein Geschehnis, um das ihn jeder, der sich lustvoll mit dieser oder einer anderen keltischen Sprache plagt, nur beneiden kann. Nid dy fyd di ydi fy lle i: schwer zu glauben, daß sich Menschen am äußersten westlichen Rand unseres Kontinents tatsächlich auf diese wundersame Weise verständigen, man könnte meinen, wie sie uns mit diesen acht kurzen, sich verwirrend ähnlich sehenden Worten auch selbst versichern, ihre Welt sei nicht die unsere. In der tschechischen Sprache hat Austerlitz mühselig einen Begrüßungssatz einstudiert und mit unsicheren Schritten wie aufs Eis findet er, ausgehend von der Zahlenreihe, zurück in die ihm, wie er glaubte, unbekannte Sprache. Er, der während seiner walisischen Zeit auch im entferntesten nicht auf den Gedanken gekommen war, vom Tschechischen je berührt worden zu sein, verstand nun wie ein Tauber, dem durch ein Wunder das Gehör wieder aufging, so gut wie alles. Beides, das Französische und das Tschechische, hatte er in der frühen Prager Zeit von seiner französischen Kinderfrau erlernt. Auf den gemeinsamen Spaziergängen war das Französische die Umgangssprache gewesen, nachmittags wurde, über häusliche und kindliche Dinge sozusagen, tschechisch geredet. Die deutsche Sprache dringt nur von außen in diese Welt. Im Rundfunk konnte man mitanhören, wie in tausend, zehntausend, zwanzigtausend, tausend mal tausend und abertausend Wiederholungen mit heiserer Stimme der Reim hervorgestoßen wurde, der den Deutschen ihre eigene Größe und das ihnen schon bevorstehende Ende eintrichterte. Die Übersetzungsarbeit des Erzählers kann, nicht als Wiederherstellung der Unschuld der deutschen Sprache, die sie als Sprache nicht verlieren konnte, sondern als ihre Freilegung von Schutt und Unrat ihres Mißbrauchs und als erneute Sichtbarmachung ihres Glanzes angesehen werden. Das ist nicht eines der geringsten Anliegen des Buches, und der Erzähler geht dabei auf Wegen weit abseits von den gängigen Purifizierungs- verfahren.
An späterer Stelle berichtet Austerlitz, der Meister der ausgewogensten Sätze, von seinem zeitweiligen Sprachverlust. Es ist in diesem Zusammenhang auf die Beichte des Lord Chandos hingewiesen worden, und tatsächlich ergibt sich der Eindruck, als lasse Austerlitz, ähnlich wie Selysses zu Beginn von Ritorno in patria das Tiroler Land an der Seite von Thomas Bernhard durchmißt, sich ein Stück des Weges von Hofmannthal begleiten. Die beiden gehen aber längst nicht im Gleichschritt. Beiden gemein ist, daß sie von ihrem Sprachverlust in beredten Worten berichten, im Falle des Lord Chandos umso auffälliger, als er wortreich einen noch andauernden Zustand der Sprachlosigkeit deklariert: aber was versuche ich wiederum Worte, die ich verschworen habe, so er selbst. Aber berichtet er überhaupt von einem Sprachverlust und nicht vielmehr von einer Sprachwandlung, einer Sprachentsagung zum Zwecke der Sprachfindung? Lord Chandos ist Dichter, für ihn ist die Sprache nicht, wie bei Austerlitz, Mittel der Gedankenentwicklung, sondern Material der Wandlung in etwas anderes: Kunst. Kunst aber unterscheidet sich, wie der Theoretiker ausführt, vom Ingangsetzen einer sprachlichen Kommunikation dadurch, daß sie im Medium des Wahrnehmbaren oder Anschaulichen operiert, ohne die spezifische Sinnleitung der Sprache in Anspruch zu nehmen. Das gelte auch und noch viel dramatischer, weil weniger selbstverständlich, für alle Wortkunst, für Dichtung.

Chandos durchlebt diesen dramatisch Augenblick, in dem Sprache als Gerät der Kommunikation und des Denkens vergehen muß, um als Stoff der Kunst wieder aufzuerstehen. Eine Gießkanne, eine auf dem Feld verlassene Egge, ein Hund in der Sonne, ein ärmlicher Kirchhof, ein Krüppel, ein kleines Bauernhaus, alles dies kann das Gefäß meiner Offenbarung werden - und alle diese Dinge findet man, Wort geworden, bei Sebald wieder. Überhaupt weiß ich nicht, was es ist an bestimmten Dingen und Wesen, das mich manchmal so rührt, sagt Selysses, als er im Tiroler Land nach dem Regen eine Schar Hühner weithinaus aufs Feld sich bewegen sieht. Die Prosa ist durchsetzt von solchen Dingen und Wesen. Da ist das Entenpaar im Schutz der niederhängenden Trauerweide, reglos auf der von grasgrüner Grütze ganz und gar überzogenen Fläche des Wassers; da ist das Schiff, das aus der Mitte des Sonnenfeuers hervorgekommen war und jetzt auf den Hafen von Porto zuhielt, so langsam, das man meinte, es bewege sich nicht. Vielleicht eine Stunde lag das Schiff hell leuchtend in der Finsternis. Dann, als die Sterne schon über den Bergen hervortraten, drehte es ab und fuhr so langsam, wie es gekommen war, wieder davon. Lord Chandos Volk der Ratten, dessen gellende Todesschreie er nach dem Auslegen des Giftes aus seinem Keller vernimmt, wird für Selysses von einem Hasen vertreten. Ich sehe den Rand des grauen Asphalts, jeden einzelnen Grashalm, sehe den Hasen, wie er hervorspringt aus seinem Versteck, mit zurückgelegten Ohren und einem vor Entsetzen starren, irgendwie gespaltenen, seltsam menschlichen Gesicht, und ich sehe in seinem im Fliehen rückwärtsgewandten, vor Furcht fast aus dem Kopf sich herausdrehenden Auge, mich selber, eins geworden mit ihm.
Der polyglotte Austerlitz, so die Überlegung, könnte sich, wenn es ihm die eine Sprache zerschlägt, in eine andere flüchten wie auf eine Insel, aber das ist nicht der Fall. Die Symptome des Sprachverlustes schließen an an eine breite Symptomatik eines depressiven Persönlichkeitsverfalls. Schon die geringste Aufgabe oder Verrichtung wie das Einräumen einer Schublade mit verschiedenen Dingen konnte seine Kräfte übersteigen. Es war, als habe sich etwas Stumpfsinniges und Verbohrtes in ihm festgesetzt, das nach und nach alles lahmlegen würde. Austerlitz ist ein Gedankenverfasser auf dem Gebiet der Architektur und beschreibt seinen Sprachverlust mit einer Metapher aus dem Bauwesen: Wenn man die Sprache ansehen kann als eine alte Stadt, mit einem Gewinkel von Gassen und Plätzen, so glich er selbst einem Menschen, der sich, aufgrund einer langen Abwesenheit in dieser Agglomeration nicht mehr zurechtfindet, der nicht mehr weiß, wozu eine Haltestelle dient was ein Hinterhof, eine Straßenkreuzung, ein Boulevard oder eine Brücke ist. Chandos Gießkanne, seine auf dem Feld verlassene Egge, sein kleines Bauernhaus schließlich erlebt Austerlitz, wenn auch nicht in einer unmittelbaren Syntax zur Erzählung von der verlorenen Sprache, in seiner eigenen künstlerischen Disziplin: Die unter dem Normalmaß der domestischen Architektur sind es die Feldhütte, die Eremitage, das Häuschen des Schrankenwärters, der Aussichtspavillon, die Kindervilla im Garten, die wenigstens einen Abglanz des Friedens uns versprechen.

Für alle drei, Austerlitz, Chandos und den Erzähler, Selysses, führt der Weg zur künstlerischen Wahrheit über Reinigung, Rückzug, Melancholie und Askese. Was ist mit Le Strange? Da wir wenig wissen, können wir uns viel denken. Daß sein Sprachverzicht auf die Erlebnisse im Krieg und insbesondere bei der Befreiung von Bergen Belsen, oder dessen was noch zu befreien war, zurückgeht, ist wohl unbestritten. Steckt vielleicht auch hinter seinem Sprachverzicht eine Sprachwandlung? Wir sehen ihn nur in seltenen Augenblicken außerhalb seines Hauses, in einem kanarienfarbenen Gehrock oder einer Art Trauermantel aus verschossenem veilchenfarbenen Taft mit vielen Knöpfen und Ösen, ständig umschwärmt von allem möglichen Federvieh, von Perlhühnern, Fasanen Tauben und Wachteln und den verschiedenen Garten- und Singvögeln, die teils am Boden um ihn herumliefen, teils in der Luft ihn umflogen. So wunderlich diese Auftritte sind, haben sie doch etwas Siegreiches, geradezu Triumphales an sich. Fast auch glaubt man seine möglicherweise lautlosen Selbstgespräche zu hören. Einmal im Sommer habe er in seinem Garten eine Höhle ausgehoben, in der er tage- und nächtelang gesessen sei gleich dem heiligen Hieronymus in der Wüste. Vertrauter als im Erdloch ist uns der heilige Hieronymus im Gehäuse, umgeben von Büchern. Wenn der Dichter Dürers Melencolia Janine Rosalind Dakyns als Inbild zuschreibt, so hat er vielleicht nur versäumt oder es mit Absicht uns überlassen, in Dürers anderem Meisterstich, einem Abbild des Friedens und der domestizierten Schwermut, Le Strange als Hieronymus erkennen. Selbst die ausschließliche Beschäftigung mit dem Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit, sollte sie seinen Tagesverlauf bestimmen, wäre sprachlos schwer vorstellbar. Vielleicht aber vertieft Le Strange sich im Korrespondenzen aus vergangener Zeit, beispielsweise in diejenige der Madame de Sévigné, die schon für Proust so wichtig war, und entwirft Pläne zu einem Sévigné-Dictionnaire, in dem sämtliche in der Korrespondenz erwähnten Personen und Örtlichkeiten kommentiert werden. Vielleicht auch feilt er in der stillem Muße seines Landhauses an tastenden Übersetzungen alter Autoren, die er nicht drucken zu lassen gedenkt. Auszuschließen kann man, auch wenn sein Dasein nicht unfroh ist, eine Beschäftigung mit zukunftsfrohen Dingen.

Donnerstag, 3. Juli 2014

Schwermut

A tendency towards acedia

In einem Aufsatz zur Neuauflage der Ausgewanderten heißt es: W.G. Sebald erzählt mit erbarmungsloser Obsession von nichts anderem als diesem mörderischen 20. Jahrhundert. - Bei genauerem Hinsehen wagt er sich allerdings, auch in den Ausgewanderten, mehr noch in anderen Büchern, bis ins mörderische 19. Jahrhundert und noch weiter zurück. Begonnen hat der Dichter mit der Gestalt Grünewalds und einem erbarmungslosen Blick ins blutige Mittelalter. Und weiter: Immer suchen Sebalds Figuren nach Form, aber es ist, als grabe die Schwermut jene Kraft ab, die die Entropie zu stoppen vermöchte. Die Melancholie ist ihrerseits keine typische Erscheinung des 20. Jahrhunderts, auch wenn Alain Ehrenberg den Fortschritt, auf den die Neuzeit so stolz ist, für das vergangene Jahrhundert als den Fortschritt von der Neurose zur Depression beschrieben hat. Dennoch, bereits die beiden vortrefflichsten Ritter der Tafelrunde, Trystan fab Tallwch und Lawnslot y Llyn, litten unter bedrückender Schwermut. Beide waren von Haus aus ebenso untröstlich wie unbesiegbar, beide waren zu ihrem Kummer und ihrer Scham die ehebrecherischen Geliebten einer Königin, Esyllt im einen und Gwenhwyfar im anderen Fall. Dabei war Trystans Lage weniger verzweifelt, war Esyllt doch die Gemahlin des verachtenswerten Königs March, das sündhafte, zudem einem Zaubertrank geschuldete Tun also in gewissem Maße entschuldbar; Gwenhwyfar dagegen war die Gemahlin des bewunderten und geliebten Königs Arthur, bewundert und geliebt nicht zuletzt von Lawnslot. - In den Einzelheiten folgen wir der verläßlichsten Fassung der Artussage, nämlich Thomas Bergers Arthur Rex.
Bemerkenswert ist das enge Band, das Melancholie und Perfektion umschließt. Gwalchmai hat im ritterlichen Kampf gegen Trystan oder Lawnslot, die so untröstlichen wie perfekten Vertreter ihres Standes, keine Chance, von Cei ganz zu schweigen. Schon weit vor der Zeit der Ritter sah Theophrast die Melancholie eng mit der Genialität verknüpft, und ein Reim wird in jedem Fall daraus, wenn ein Dichter sich der Angelegenheit annimmt. Auch Ijoma Mangold, der Verfasser des Aufsatzes, stellt fest: Die einzige Form, die, anders als die Form der Figuren, als ein kontrafaktisches Trotzdem nicht zerbricht, ist die des Sebaldschen Erzählens. Und er fährt fort: Sebald ist der Dichter der Untröstlichkeit, seine Literatur ein Requiem, die Toten sind seine wahren Adressaten. In der Summe also erbarmungslose Obsession, mörderisches Jahrhundert, Untröstlichkeit, Requiem für die Toten: da fragt sich, wie Sebald, wenn auch weit von Bestsellerzahlen entfernt, dann doch die nicht geringe Zahl von Lesern auch außerhalb des Lagers der Hardcoremasochisten finden konnte, die er gefunden hat, anders gefragt, worin besteht das Besondere dieses Erzählens, das die Lektüre ungeachtet der andauernden Beschreibung des Unglücks so verlockend macht?

Thomas Berger bewahrt in Arthur Rex die schwermütigen Ritter der Tafelrunde, ebenso wie die robusteren, vor dem Spott der Neuzeit, indem er sie selbst diesem Spott in recht hochdosierter Form aussetzt und sie, denen seine Bewunderung und seine Liebe gilt, damit immunisiert. Ist das bei Sebald ganz anders, unterläuft er nicht seinerseits die Melancholie, ist nicht auch bei ihm der schwermütige Blick immer mit einem Lächeln versehen? Der erste Schwermütige, der Selysses als Kind in der Ortschaft W. begegnet, ist der Dr. Rambousek. Seine verhangenen, fremdländisch wirkenden und wohl am besten mit dem Wort levantinisch zu bezeichnenden Gesichtszüge, die allzeit über seine großen dunklen Augen zur Hälfte gesenkten Lider, und sein ganzer irgendwie abgewandter Habitus ließen wenig Zweifel daran, daß er zu den von Haus aus Untröstlichen gerechnet werden mußte. Die schwarze Tinte der Melancholie kann sich aber nicht über das ganze Blatt ergießen, da Rambousek unmittelbar seinem sicher schon auf die Siebzig zugehenden Kollegen Dr. Piazolo kontrastiert wird. Den sah man zu jeder Tages- und Abendstunde auf seiner Zündapp im Dorf herum oder bergauf und bergab zwischen den umliegenden Ortschaften hin und her fahren. Winters wie sommers trug der Dr. Piazolo, der in Notfällen ohne weiteres auch Veterinärgeschäfte zu übernehmen bereit war und der offenbar den Vorsatz gefaßt hatte, im Sattel zu sterben, eine Fliegerhaube mit Ohrenklappen, eine ungeheure Motorradbrille, eine lederne Montur und lederne Gamaschen. Piazolo wiederum hatte einen Doppelgänger oder Schattenreiter in dem gleichfalls nicht mehr zu den Jüngsten zählenden Pfarrer Wurmser, der seine Versehgänge auch die längste Zeit schon mit dem Motorrad machte, wobei er das Versehgerät, das Salböl, das Weihwasser, das Salz, ein kleines silbernes Kruzifix sowie das Allerheiligste Sakrament in einem alten Rucksack mit sich führte, der dem des Dr. Piazolo bis aufs Haar glich: Ein Rauhreitergespann, das besser in die wüste Zeit des Uthr Bendragon als in die geläuterte und melancholiegeneigte Zeit des Brenin Arthur gepaßt hätte.

Sie gleiche, zwischen ihren Papieren, dem bewegungslos unter den Werkzeugen der Zerstörung verharrenden Engel der Dürerschen Melancholie, läßt Selysses Janine Rosalind Dakyns wissen, die Papierlandschaft in ihrem Arbeitszimmer aber hatte er zuvor mit Zuneigung und liebevollem Spott beschrieben, auch der Teppich war seit langem schon unter mehreren Lagen Papier verschwunden, ja das Papier hatte angefangen, vom Boden, auf den es fortwährend aus halber Höhe hinabsank, wieder die Wände emporzusteigen. Nicht zuletzt aber trifft der gutmütige Spott den melancholischen Erzähler selbst, Selysses also. Um über eine besonders ungute Zeit der Schwermut hinwegzukommen, begibt er sich auf eine seltsame Queste nach Oberitalien. Seine Niederlagen erlebt er in Hotels und Restaurants: Einerseits bin ich zu wählerisch und gehe stundenlang durch die Straßen und Gassen, ehe ich mich entscheiden kann; andererseits gerate ich zuletzt meistens wahllos einfach irgendwo hinein und verzehre dort in trostloser Umgebung und unter Unbehagen ein mir in keiner Weise zusagendes Gericht. Die Siege liegen auf der gleichen Ebene: In der Goldenen Taube war wider alles Erwarten ein ihm in jeder Hinsicht aufs beste zusagendes Zimmer zu haben und er sieht sich, daran gewöhnt zumeist schlecht bedient zu werden, mit der ausgesuchtesten Zuvorkommenheit behandelt. Die Nachtruhe, die er unter dem Dach der Goldenen Taube genießt, grenzt, wie das anschließende, ihm als würdevoll in Erinnerung gebliebene Frühstück, ans Wunderbare. Im Bahnhofsbuffet Venedig wird ihm nach langem und schweren Kampf ein Cappuccino serviert, und einen Augenblick war ihm zumute, als hätte er mit dieser Auszeichnung den bisher bedeutendsten Sieg seines Lebens errungen. Aber auch einen wahren ritterlichen Dreikampf gilt es zu bestehen. Indem er sich auf dem Absatz drehend die Tasche von der Schulter schwang und in die beiden Angreifer hineinfahren ließ, gelang es ihm freizukommen und sich mit dem Rücken gegen einen der Pfeiler des Türbogens zu stellen. Nicht einmal das mit den melancholischen Rittern offenbar unlöslich verbundene ehebrecherische Motiv fehlt. Als er, die Bescheinigung in der Hand, mit Luciana wieder im Auto saß, war es ihm, als seien sie von dem Brigadiere getraut worden und könnten nun miteinander hinfahren, wo sie wollten.
Auch in den Ausgewanderten, in denen der Erzähler naturgemäß nicht in vergleichbarer Weise im Vordergrund steht, fehlt diese Tonlage nicht. In Manchester wird Selysses allein von dem außerordentlich sinnreichen mechanischen Gerät der Teas maid am Leben erhalten. Nach dem gescheiterten Versuch, sich in einen Hemingwayhelden zu verwandeln, verliert er den Glauben an Amerika und findet ihn wieder auf dem Highway. Die Überholvorgänge verliefen so langsam, daß man, während man Zoll für Zoll sich nach vorn schob oder zurückfiel, sozusagen zu einem Reisebekannten seines Spurnachbarn wurde. Beispielsweise befand ich mich einmal eine gute halbe Stunde in Begleitung einer Negerfamilie, deren Mitglieder mir durch verschiedene Zeichen und wiederholtes Herüberlächeln zu verstehen gaben, daß sie mich als eine Art Hausfreund bereits in ihr Herzgeschlossen hatten, und als sie an der Ausfahrt nach Hurleyville in einem weiten Bogen von mir sich trennten, da fühlte ich mich eine Zeitlang ziemlich allein und verlassen. Am Ende der Reise erweist sich das Hotel als ein von einem verwachsenen Portier bewachtes Zauberschloß, eine wunderbare Mahagonistiege vermittelte das Gefühl, als schwebe man gleichsam hinauf. Öffnete man eines der hohen Fenster des geräumigen Zimmers, so schaute man mitten hinein in den wogenden Schatten einer aus Tiefe heraufragenden Zypresse. Das beständige Rauschen rührte aber nicht von dem Wind in den in den Bäumen, sondern von den in geringer Entfernung niedergehenden Ithaca Falls.

Es kann keine Rede sein von ufer- und freudloser Schwermut, von Grauen allenthalben, von einem Gespräch nur mit den Toten. Wer, vom Zufall geleitet, die Sebaldlektüre in Andromeda Lodge beginnen sollte, wird glauben, er sei unvermittelt in den dritten Teil der Divina Commedia geraten. Gottfried Keller im Auge spricht Sebald von einer Prosa, die bedingungslos allem Lebendigen zugetan ist, die ihre staunenswertesten Höhepunkte gerade dort erreicht, wo sie an den Rändern der Ewigkeit entlangführt. Wer sich dahinbewegt auf ihrer schönen, Satz für Satz vor uns aufgerollten Bahn, der spürt immer wieder mit Erschauern, wie abgrundtief es zu beiden Seiten hinuntergeht, wie das Tageslicht manchmal schon schwindet vor den weit draußen hereinziehenden Schatten und oft schon erlischt unter dem Anhauch des Todes. Die schöne Bahn der Sätze zum Begehen entlang den Rändern der Ewigkeit, zur Linken das frohe Leben, zur Rechten der schwarze Tod - das trifft auf beide, Keller und Sebald, zu, bei Sebald sieht man vielleicht die hereinziehenden Schatten vor allem anderen, sie können uns aber nicht die allem Lebendigen zugetane Weise verdecken. Es fragt sich, ob es überhaupt lohnt, Bücher zu lesen, die dieser Beschreibung nicht auf die eine oder andere Weise entsprechen, vorzugsweise aber in der Gestalt der Perfektion.

Sonntag, 22. Juni 2014

Kunst und Kultur

Armes Herz

Kein Gegensatz sei schärfer, so Benn, kein Graben tiefer, als der zwischen Kunst und Kultur. Der Begriff der Kultur ist deutlich verschwommener als der der Kunst, gemeint ist offenbar weniger die Lebensweise indigener Völker als der sogenannte Kulturbetrieb in entfalteten Zivilisationen. Vergleicht man Benn und Sebald, so fallen gemeinsame Merkmale der Herkunft ins Auge. In beider Elternhäusern hingen keine Gainsboroughs, im Fall Sebalds verfügen wir über eine detaillierte Beschreibung des elterlichen Wohnzimmers, die das Fehlen von Gainsboroughs zwar nicht ausdrücklich hervorhebt, Gainsborough praktisch aber ausschließt. In beiden Häusern wurde nicht Chopin gespielt, bei den Sebalds war es stattdessen altbayerische Volksmusik aus dem Radio. Das Gedankenleben war im Hause Benn amusisch, im Hause Sebald obendrein eher unauffällig. Theaterbesuche waren hier und dort selten, für Benn ist Wildenbruchs Haubenlerche zu nennen, für Sebald die Aufführung von Schillers Räubern im heimischen Engelwirtssaal. Im weiteren Werdegang hat Benn den kulturbetiebsfernen Beruf des Arztes ergriffen, der Beruf des Hochschullehrers, Fall Sebald, ist kulturaffiner aber, sofern man sich an der ursprünglichen deutschen Universitätsidee orientiert oder etwa an Kant denkt, ebenfalls nicht dem Kulturbetrieb zuzurechnen. Beide, Benn und Sebald, sind dann, aus amusischen Verhältnissen stammend, zu bedeutenden Meistern in der künstlerischen Behandlung der deutschen Sprache geworden.
Betrachten wir die Protagonisten der vier langen Erzählungen sowie der sehr langen Erzählung Austerlitz, so sehen wir einen Arzt, einen Lehrer, einen Butler, einen Maler und einen Architekturhistoriker. Unter den zahlreichen Komaparsen ist Salvatore Altamura als Redaktionsmitarbeiter in Verona möglicherweise dem Kulturbetrieb zuzurechnen, er, der sich am Abend in die Prosa wie auf eine Insel flüchtet, hinterläßt aber keinen betriebsamen Eindruck. Konzentrieren wir uns auf Aurach, den Künstler. Er scheint Benns eingangs genanntes Diktum voll und ganz zu bestätigen. Er arbeitet Tag für Tag zehn Stunden in seinem Atelier, den siebten Tag nicht ausgenommen. Nichts weist drauf hin, daß er sich um Anerkennung und Ausstellungen bemüht. Die Entdeckung durch den Kunstmarkt, auf dem seine Bilder später zu den höchsten Preisen gehandelt werden, geschieht gleichsam hinter seinem Rücken und wider seinen Willen und hat auf seine Lebensweise keinen Einfluß. Die Trennung zwischen Kunstschaffen und Kunstbetrieb, als einer Sparte des Kulturbetriebs, ist perfekt.
Selysses verfertigt keine Bilder, betrachtet sie aber gern, vorzugsweise in Kirchen und nicht in den kulturbetrieblichen Museen. In jedem Fall aber gelingt es ihm, kulturbeflissenen Touristen aus dem Weg zu gehen. Die Kapelle Enrico Scrovegni in Padua ist bei seinem Besuch so menschenleer wie die Kapelle der Pellegrini in Verona. In der Nationalgalerie in London wartet er geduldig ab, bis die mit einem Ausdruck völliger Verständnislosigkeit die Säle durchstreifenden Besucher abgewandert sind. Keinerlei Kulturgehabe soll zwischen ihm und dem Kunstwerk stehen. Daß er sich bereiterklärt hatte, einen Part im Rahmenprogramm der Bregenzer Festspiele zu übernehmen, reut ihn noch heute. Nebst einem Honorar erhält er für seine Bemühungen eine Karte für die abendliche Nabuccoaufführung. In Rahmen der Inszenierung war man auf die Idee verfallen, aus den anonymen Sklaven richtige Juden in Zebraanzügen zu machen, und da stand er nun mit seiner Billet in der Hand und will den Chor der verkleideten KZ-Häftlinge nicht sehen. Der Lyriker hat es leichter sich von Kultur zu distanzieren als der Dramaturg. Von Haus aus Spektakel wird das Schauspiel im Rahmen eines Festivals vom Kulturbetrieb unter tätiger Mithilfe des sogenannten Regietheaters gleichsam niedergerungen und als Kunstwerk ausgeschaltet. Nur ein allesfresserisches oder aber ein von Distinktionsbedürfnissen à la Bourdieu geplagtes Publikum, so ungefähr muß man es verstehen, läßt Dinge über sich ergehen, die bei hellem Verstand ein jeder vermeiden würde.

Anders als Aurach hat Sebald sich für vier Jahrzehnte aus dem Inneren der Kunst herausgehalten. Einmal begonnen, wird sein Arbeitspensum kaum geringer gewesen sein, die Familie jedenfalls habe von ihm bis zum Abend nur den unter der Tür hervorquellenden Zigarettenqualm gesehen. Dem Kulturbetrieb in Form von Interviews, Lesungen und Auftritten konnte er sich nicht entziehen. Photoaufnahmen aus dieser Zeit erwecken den Eindruck, die Aufmerksamkeit habe ihm gut getan, einige aber meinen, es seien diese Belastungen gewesen, denen sein armes Herz nicht standgehalten hat.

Donnerstag, 19. Juni 2014

Zahlungsmoral

Athrophie

Die Wirtschaft habe den Menschen zu dienen und nicht umgekehrt, so hört man, und Beifall, nicht zuletzt aus der Politik, ist sicher. Wie sollte es auch anders sein, ist das Wesen der Wirtschaft doch die materielle Daseinsfürsorge, sie ist das Mittel und wir sind der Zweck. Andererseits ist bei Überlegungen dieser Art Vorsicht geboten seitdem eingeräumt werden mußte, daß die Erde sich um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Die professionellen Ökonomen schweigen denn auch und die Philosophen zeigen sich gegenüber der Mittel-Zweck-Vorstellung grundsätzlich reserviert. Man müsse allmählich darauf verzichten, die Menschheit als noch einmal größeren Pantagruel und feistes Hätschelkind des Universums zu verstehen. Aus der Sicht der Soziologie beruht die geschmeidige Anatomie der Wirtschaft auf einem ununterbrochenen Strom von Zahlungen, reißen die Zahlungen ab, sind Wirtschaft und Gesellschaft im uns vertrauten Sinn am Ende. Aus diesem Grund wechselt die Politik in Zeiten ökonomischer Krisen die Seite und hilft dann doch wieder den Banken und nicht, wie es heißt, den Menschen.
Die Kunst muß die Sorge um das wirtschaftliche Wohlergehen nicht teilen, in Sebalds Prosawerk sind die Zahlungsströme gering. Ich legte 10 000 Lire auf den Teller, raffte die Zeitung zusammen und stürzte auf die Straße hinaus: Das ist eine der wenigen Szenen, in denen wir Selysses bei einer Barzahlung beobachten können. Der Versuch, im Bus nach Riva gegen Vorkasse ein Bild der Kafkazwillinge zu bestellen scheitert. Gegen Aushändigung eines Zehnmarkscheins gelingt es ihm in einer ähnlichen Lage, die Erlanger Hochzeitsreisenden zu einem Photo von der inzwischen geschlossenen Pizzeria Verona zu veranlassen, ob sie es ihm jemals zugeschickt haben, erfahren wir nicht. Finanzielle Transaktionen werden nur in außergewöhnliche Situationen, sozusagen in Notfällen offengelegt, ansonsten bleibt das Geld ein unsichtbares Fluidum. Wir können nur annehmen, daß Selysses in den Hotels nicht die Zeche prellt oder öffentliche Verkehrsmittel ohne gültigen Fahrausweis benutzt. Ernstliche Sorge ist aber unbegründet, Geld scheint immer in hinreichendem Maße verfügbar, mit dem Prekariat oder gar Subprekariat kommen wir kaum in Berührung, zu erwähnen wären immerhin die Sandler im Innsbrucker Bahnhof, aber auch die können sich ihr Bier leisten, dies und philosophische Gespräche, mehr streben sie nicht an. In Wahrheit ist Armut ein Sehnsuchtsziel. Seine Nachbarn seien von der aberwitzigen Brüsseler Landwirtschaftspolitik immer fetter geworden, bemerkt Alec Garrad, der Tempelbauer, mißbilligend, und auch Sebald selbst ist seine Heimat dadurch verleidet, daß die Bauern dort jetzt, wie er sagt, ein Schweinegeld verdienen. Treffen wir auf große Vermögen, so sind sie, wie im Fall des Cosmo Solomon, Gegenstand einer Vernichtungsabsicht, oder das Vermögen ist, wie im Fall des Majors Le Strange, stillgelegt und ungenutzt, für Investitionen steht es nicht zur Verfügung.
Geringer Konsum, brachliegende Vermögen, die in Sebalds Prosawerk erkennbar geleisteten Zahlungen können die Konjunktur nicht befeuern, den Dichter wird das nicht anfechten. Auch um die anderen sozialen Systeme steht es nicht gut. Von der Politik ist nach dem Nationalsozialismus nichts mehr zu erwarten, im heutigen Brüssel geben Bucklige und Irre den Ton an, von London und Berlin wird geschwiegen. Die Religion, auf der katholischen Seite vertreten durch den Katecheten Meier sowie den Benefiziaten Meyer, auf der protestantischen durch den Prediger Elias hinterläßt keinen guten Eindruck, auch wenn dem Prediger Größe nicht abzusprechen ist. Das Gesundheitswesen ist selbst siech, die Therapie oft eine Folterprozedur oder ein Martyrium. Im Erziehungswesen trifft man vereinzelt begeisterte und begnadete Lehrer wie Bereyter oder Hilary, sonst gibt es nicht viel zu lernen an den Schulen und Hochschulen. Auch die Wissenschaft ist ein von Grund auf problematischer Bereich, die ringsum mit Unmengen von Steinen zugeschütteten Betongehäuse, in denen Hundertschaften von Technikern an der Entwicklung neuer Waffensysteme gearbeitet hatten, nehmen sich aus der Entfernung wie Hügelgräber aus. Auf eine Karriere im Rechtswesen kann man als emeritierter Richter nur mit einem gewissen Entsetzen zurückblicken.
Sebald malt das melancholisches Bild einer schon fast gesellschaftsfreien Gesellschaft mit absterbenden Funktionen, naturgemäß kein genaues Abbild der Realität. Daß der Mensch ein geselliges Wesen sei, mag mit den Worten Benns eine Balkanidee sein, der Gesellschaft im harten Sinn kann er nicht entkommen. Eine gesellschaftfreie Gesellschaft, also etwa eine Gesellschaft ohne Zahlungen und ohne die Logik des Geldes, ist nur in der nahen Todesstunde der Menschheit denkbar. Diesen dunklen Augenblick der Freiheit, diese eigenartige Form der Emanzipation gilt es zu nutzen. Sebalds Menschen und wir, die Leser, sind nicht weniger glücklich als Sisyphos, wenn auch auf andere Weise. Immer wieder wird uns eine Vorausschau auf den schon menschenleeren Planeten gegönnt.

Samstag, 14. Juni 2014

Gwalchmai

Legato

King Arthur did not understand this coarse anglish language,
just so many grunts and groans, but only melodious Welsh
and the tongue of God, which was Latin.



Peredur fab Efrawg, Titelheld einer der drei Romanzen des Mabinogion, Parzival in anderen Fassungen der Artussage, hat es am Hof des Königs zu tun einerseits mit Cei, der ihm, ohne daß er seinerseits etwas Böses getan hätte, übelwill, und andererseits mit dem ihm wohlgesonnenen Gwalchmai. Gegen Ende der Erzählung zieht Gwalchmai auf seine eigene Âventiure, anturiaeth. Wie immer bei diesen Unternehmungen reitet er schon bald ein in die bevorzugte ritterliche Landschaftsformation, ein Flußtal, dyffryn afon, das ihn zu einem Schloß führt, auf dem es, wie später selbst noch bei Kafka, nicht mit rechten Dingen zugeht. In der Morgenfrühe bricht er wieder auf, und dann heißt es unvermittelt und zur nicht geringen Überraschung des Lesers: ac ni ddywed yr hanes fwy na hynny am Walchmai i'r cyfeiriad hwnnw - und das ist soweit das letzte, was diese Geschichte von Gwalchmai berichtet. Der Autor hält Wort, keine Silbe vorerst mehr über Gwalchmai, geschweige denn, daß wir vom Fort- und Ausgang seiner Queste, hynt, erfahren würden. Ein gerade erst begonnener und dann so abrupt abgebrochener Erzählbogen, das hinterläßt einen einigermaßen modernistischen Effekt. Ganz zum Schluß trifft Peredur Gwalchmai auf einem anderen Schloß wieder, wie der dort hingelangt ist und was er in der Zwischenzeit getrieben hat, erfahren wir nicht.

Der traditionelle Roman, nehmen wir Krieg und Frieden, legt Wert auf eine lückenlose, in ihrem Ablauf klare Geschichte. Jederzeit kann sich der Blick weg vom Fürsten Andrej hin zu Pierre Besuchow wenden und von dort zu den Rostows, der jeweils Verlassene und die Leser können aber vertrauensvoll abwarten, daß der Dichter zurückfindet zum ursprünglichen Ort und den dort ruhenden Faden wieder aufnimmt. Sebalds Bücher sind nicht nach diesem traditionellen Muster gebaut, bei ihm ersetzt das extreme Legato der Sätze das Legato der Handlung und verdeckt die Brüche in ihrem Verlaufs. In Austerlitz ergibt sich geradezu ein musikalisches Spiel zwischen dem ruhigen Fluß der Sätze und den unerwarteten, abrupten Begegnungen des Erzählers mit dem Titelhelden, gleichzeitig erstellt sich aus Austerlitz' Berichten ein gerundetes Bild seines Lebens. Das Buch mit mittelalterlicher Einschlag aber sind die Schwindel.Gefühle, werden wir doch Zeuge zweier Anturiaethau, der des Jägers Gracchus, dessen Barke von weit her aus der Tiefe der Zeit einfährt in den Hafen von Riva, und der des heiligen Georg, der schon nach kurzer Zeit als Heiliger wieder aussteigt aus dem geistlichen Tableau Grünewalds und, beginnend mit den Bildern Pisanellos, sein ritterliches Leben in wechselnder Gestalt wieder aufnimmt.
Die Ritter sind ihrer Natur nach ein einsame Reisende, zu Hauf auf des Königs Schloß Caer Llion ar Wysg fällt ihnen außer fortwährendem Tafeln gan bob math o fwydydd a diodydd nicht allzuviel ein, die Jagd, das Gwyddbwyllspiel, ab und zu ein Barde mit seiner Harfe, davon zehren sie, das ist alles. Das Wesen des Ritters erfüllt sich erst auf der einsamen Queste, und so ist er für jedweden Anlaß zum Aufbruch dankbar, bevorzugterweise naturgemäß, um einer Demoiselle en détresse beizuspringen. In den Schwindel.Gefühlen begeben sich drei Ritter oder Reisende neuzeitlicher Art auf eine Queste nach Oberitalien. Was sie suchen, ist unklar, aber das war mit dem Gral nicht anders, a quest from which a knight could not return but unsatisfied, owing to its peculiar nature. Stendhal folgt Napoleon, den man wohl nicht als den Artus, dessen Regentschaft als short reign of decency beschrieben wird, aber doch als den Uthr Bendragon seiner Zeit ansehen kann. Schon bald aber nimmt Stendhal Abschied vom bewaffneten Reiterwesen und begibt sich auf die zivile Suche nach der Frau, die er am meisten liebt, y wraig a garwn fwyaf, in seinem Fall ein langwieriges Unternehmen mit vielen letzten Endes vergeblichen Zugriffen. Schließlich verharrt er bei Mme Gherardi, die er sich als seinen Wünschen gemäß erfunden und ausgedacht hat. Bei Kafka und Selysses ist der Kampfesmut von Beginn an weniger ausgeprägt, auch wenn Selysses in Mailand eine Joute, ymladd, bravourös übersteht: Indem er sich auf dem Absatz drehend die Tasche von der Schulter schwang und in die beiden schwarzen Ritter hineinfahren ließ, gelang es ihm freizukommen und sich mit dem Rücken gegen einen der Pfeiler des Türbogens zu stellen, eine Position, in der er dann unbesiegbar war. Auch was die Amouren anbelangt, sind Kafka und Selysses weitaus weniger zupackend als die Ritter der Tafelrunde oder auch noch Stendhal. Kafka kapriziert sich darauf, der jungen Dame aus der Schweiz das Wesen der körperlosen Liebe zu erläutern, und Selysses beschränkt sich, was Luciana Michelotti oder die Winterkönigin anbelangt, ganz und gar auf das innere Erleben, das kannten die Ritter der herkömmlichen Art so nicht, auch wenn Arthur sie, einigen Fassungen der Legende zufolge, sie in diese Richtung drängte.

Gwalchmais abgebrochene Âventiure ist längst nicht die einzige Unebenheit in der Erzählung des Mabinogion. Peredurs ritterliche Unternehmungen folgen einander in ruppig zusammengesetzter und nicht immer widerspruchsfreien Reihe. Bei der Erstlektüre der Schwindel.Gefühle kann sich ein ähnliches Lesegefühl einstellen. Stendhals Italienabenteuer bricht zwar nicht unversehens ab, sondern wird ordnungsgemäß bis zum Ende in Form des Todes geführt, wenn im Anschluß daran dann aber Selysses all'estero auftritt, weiß man nicht, wie das zusammenhängen soll. Es werden wohl vier getrennte Erzählungen sein, so das erste Resümee, das sich aber nicht halten läßt, da All'estero und Ritorno in patria zueinander im direkten Verhältnis der Fortsetzung stehen. Als der dazwischen liegende Kafkaabschnitt beginnt, ist der Leser durch die diversen Gracchusverweise schon hinreichend eingestellt, ihn als integralen Teil der Gesamterzählung zu sehen, und je mehr er vertraut wird mit dem Buch, desto mehr weicht der Eindruck unverbundener Teile dem gegenteiligen Gefühl, eingesponnen und verstrickt zu werden, und schließlich bewegt er sich in einem Zauberwald, aus dem es kaum ein Entkommen gibt.

Als Georg, wie von Pisanello im Bilde festgehalten, aufbricht, im Dienste der Prinzessin von Trapezunt den Drachen zu erlegen, ist das spezifisch christliche, die Heiligsprechung rechtfertigende Element schwer zu entdecken, dagegen finden sich alle Merkmale eines Ritters der Tafelrunde vor der Zeit, der einer Damsel in distress beispringt. Nicht von ungefähr bestätigt der Dichter ihm etwas herzbewegend Weltliches. Unter welchem Namen Siôr Sant zweihundert Jahre später an dem riesigen, gut hundertundfünfzig Rittern Platz bietenden runden Tisch Platz genommen hat, ist nicht bekannt. Pisanellos Bild, das ihn bedeckt mit einem Strohhut zeigt, hält einen der kostbaren moments of decency in history fest, mythologische Lichtblicke im realen Dunkel, Momente des Ausgleichs der himmlischen und der üblicherweise zerstrittenen irdischen Kräfte, ganz offenbar ein Bild aus Arthurs Zeit. Mittelalterliche Helden, Georg und Gracchus, eine auf den ersten Blick sprunghafte und undurchsichtige Erzählabfolge, magische Elemente, Koinzidenzen und Zahlenalchimie, Zauberei: Vergleicht man Sebalds Erzählliteratur zum einen mit der klassischen Romanliteratur (Krieg und Frieden) und zum anderen mit der mittelalterlichen Erzählweise (Peredur fab Efrawg), so ist, angesichts der großen Distanz zur einen sowohl wie zur anderen Seite hin, gar nicht einmal leicht zu entscheiden, was ferner und was näher liegt. Eine verläßliche literaturwissenschaftliche Metrologie für Fragen dieser Art konnte bislang nicht entwickelt werden.  

Donnerstag, 5. Juni 2014

Baldachin

Der Dichter stellt seine Geburt in den Mittelpunkt des kosmischen Geschehens: Als ich zum Himmelsfahrtstag auf die Welt kam, zog gerade die Flurumgangsprozession unter den Klängen der Feuerwehrkapelle am Haus vorbei in das blühende Maifeld hinaus. Die Mutter nahm dies zunächst für ein gutes Zeichen, nicht ahnend, daß der kalte Planet Saturn die Stunde regierte und daß über den Bergen schon das Unwetter stand, das bald darauf die Bittgänger zersprengte und einen der vier Baldachinträger erschlug. Wir sehen den Baldachin, das ramponierte Himmelszelt, verlassen auf dem Feld.
Das gesamte Werk läßt sich als Auflösung dieser Urszene lesen. Der Phantomschmerz über den Verlust des Himmels, richtiger noch: der Schmerz abgesichts des gestörten Verhältnisses zwischen Himmel und Erde ist allenthalben spürbar. Giottos Engel fahren fort in ihrer stummen Klage, allem Anschein nach aber sind sie getrennt vom beweinten Christi, der, so hieß es, bald auferstehen wird, sie weinen jetzt über die vom Heiland Verlassenen. Bei allem Schrecken der Pest war es tröstlich, wenn Tiepolo einen himmlischen Truppenteil im Einsatz gegen sie malen konnte - nun, die Pest scheint jetzt mit anderen Mitteln besiegt. Gleichwohl dürfen die Bemühungen der fachkundigen heilenden Hände nicht überschätzt werden, man denke an die Heilbehandlung Adelwarths in Ithaca oder an Austerlitz in der Salpêtrière, einem ein eigenes Universum bildenden Gebäudekomplex, in welchem die Grenzen zwischen Heil- und Strafanstalt von jeher unsicher gewesen sind, wo er in einem der oft mit vierzig Patienten und mehr belegten Männersälen lag. Tiepolo, der Meister der Decken- und Himmelsbilder, der schon sehr an der Gicht litt, liegt mit kalk- und fragverspritzten Gesicht in der Kälte der Wintermonate zuoberst auf dem Gerüst einen halben Meter nur unter der Decke und trägt trotz der Schmerzen in seinem rechten Arm mit sicherer Hand die Farblasur ein in das Fleck für Fleck aus dem nassen Verputz entstehende riesige Weltwunderbild. Dem heiligen Georg reicht schon die Handbreit, die er über der Welt steht, um frühzeitig auszutreten aus dem Verband der Nothelfer, seither bewegt er sich in wechselnder Gestalt durch die Zeiten. Gerald Fitzpatrick wird die nackte Astrophysik zum metaphysischen Erlebnis, und mit seiner Cessna steigt er immer wieder auf in den entleerten Himmel, bis er dann von seinem letzten Flug nicht zurückkommt. - Dies nur einige Einblicke in das schwierige Verhältnis von Himmel und Erde.
Es ist längst nicht alles schlecht am Himmel und auf der Erde, aber das Sehnen aller Kreatur nach Erlösung ist ohne Hoffnung, seit Saturn den Baldachin zu Fall brachte. Der säkulare Humanismus ist für jemanden, der nach Art der Fundamentalökologen eine Sonderstellung des Menschen in der Welt nicht sieht, kein geeigneter Nachfolger für die vom Unwetter zerschlagene Gotteswelt. Schon dem Herrn selbst war ein böser Kunstfehler unterlaufen, als er zur Rettung des einen tobsüchtigen Gadareners mehrere tausend Säue über die Klippe schickte. Die großen Geschichtsdeutungen mit gutem Ausgang für die Menschen mit oder ohne Gottes Hilfe in der Art von Hegel und Marx sind ihrerseits ausgelaufen. Nehmen wir etwa den 13. April 1995, und schauen uns um. Es ist Gründonnerstag, der Tag der Fußwaschung und das Namensfest der Heiligen Agathon, Papylus und Hermengild. Auf den Tag genau vor dreihundertsiebenundneunzig Jahren wurde von Heinrich IV das Edikt von Nantes erlassen; wurde in Dublin, vor zweihundertdreiundfünfzig Jahren, das Messias Oratorium Händels aufgeführt; Warren Hastings vor zweihundertdreiundzwanzig Jahren zum Gouverneur von Bengalen ernannt; in Preußen, vor einhundertunddreizehn Jahren die antisemitische Liga gegründet; &c. bis in die nahe Vergangenheit; ja, und zuletzt, wie wir am Morgen früh noch nicht wußten, ist Gründonnerstag, der 13. April 1995 auch der Tag, an dem Claras Vater, kurz nach seiner Einlieferung in das Coburger Spital, aus dem Leben geholt wurde. Soviel ungefähr läßt sich verstehen vom Geschichtsverlauf. Als letzte und naturgemäß wie immer endgültige Errungenschaft teleologischen Geschichts- verständnisses gilt Demokratie. Ohne daß er etwas Böses, also etwas entschieden Undemokratisches getan hätte, zählt der Dichter nicht zu den Jüngern der Demokratie als Heilslehre. Generell fehlt ihm eine sogenannte Vision für die politische Gestaltung der Zukunft. Von Brüssel, der Welthauptstadt der Demokratie, wohin die mühseligen und beladenen Völker drängen, bis her vom Rande der Welt, Ukraju, auf daß sie erquickt werden und geheilt von ihren Wunden, behauptet er bündig und unter Mißachtung schonender demokratischer Sprachregelungen, er habe dort in einem Monat mehr Bucklige und Irre gesehen als irgendwo sonst in einem Jahr.

Die Welt sei sinnlos und jeder wisse es, hat Sebald bemerkt. Die längste Zeit hat das fast niemand gewußt oder wahrhaben wollen. Sinn ist das Medium menschlichen Erlebens, und so konnte man schlecht darauf gefaßt sein, daß Sinn in der Welt draußen keinen Widerhall hat. Wenn planvoller Geschichtsverlauf undurchsichtiger gesellschaftlicher Evolution Platz machen muß, bleibt nur noch die Hoffnung, den Zufall bei seiner Arbeit beobachten zu können. Vorsichtiger Umgang mit der Zahl Dreizehn könnte sich lohnen, ebenso, die Bahn des Saturn im Auge zu behalten. Naturgemäß ist das sinnlos, aber, so wie die Dinge liegen, nicht auffällig sinnlos. Aberglaube ist nicht schlechter als Glaube, wenn auch nicht so schön auszumalen.

Montag, 2. Juni 2014

Agoraphobie

Öffentliche Plätze

forumque vitat

Städtische Plätze sind im Gespräch, der Tahrir, der Taksim, der Maidan. Bei einigen Kommentatoren* rufen diese Namen das Bild einer als erfüllbar erscheinenden Sehnsucht hervor, der Sehnsucht nach, wie sie es sehen, gelebter, greifbarer Demokratie. Zunächst, so die gedachte Abfolge, wird über Barrikaden hinweg grob für Ordnung und das Einschlagen des rechten Wegs gesorgt, dann aber treffen sich die Menschen auf dem Platz und, zumal bei schlechtem Wetter, in den angrenzenden Gebäuden und handeln miteinander das künftige und in jedem Fall friedliche Zusammenleben aus. Als sich die Dinge weit entfernt auf dem Platz des himmlischen Friedens abspielten, blieben diese Erwartungen noch aus, aber jetzt, rund ums Mittelmeer, in der demokratischen Aura Europas, kann es eigentlich nur so oder so ähnlich ablaufen. Tatsächlich aber ist es bislang nirgendwo so abgelaufen. Am Taksim hat die Neuordnung nicht stattgefunden, am Tahrir schon eher, aber vom anschließenden friedlichen Aushandeln des Zusammenlebens kann nicht die Rede sein, und am Maidan steckt die Zukunft noch in der Gegenwart fest mit eher ungünstiger Prognose.

Die Agora der Polis, die als Wunschbild und Utopie im Hintergrund steht, war Markt- und Versammlungsplatz der Bürger, niemand wird behaupten, daß sich das relevante Marktgeschehen in modernen Gesellschaften noch auf offenen Plätzen abspielt, der Amazonmarktplatz mit seinen riesigen, nicht einsehbaren und für das Publikum gesperrten Lagerhäusern kommt der Wahrheit schon näher. Gleichwohl ist der Besuch eines offenen Marktes auch heute noch für viele eine besondere Lust. Je mehr in der modernen Gesellschaft die Bedeutung von Kommunikation unter Anwesenden schwindet, desto stärker wird das als Verlust empfunden. Für ein erstes grobes, gewaltsames Zurechtrücken der politischen Verhältnisse aber scheint leibliche Präsenz, vorzugsweise auf Plätzen, in der Tat unabdingbar. An jedem Wochenende, auf dem Weg zur Besetzung der Stadien und wieder zurück, wird ohne erkennbaren Anlaß oder Ziel gewaltsam geübt, vermutlich, um gerüstet zu sein für den Ernstfall, der nicht ausbleiben wird. Der Konflikt benötigt die Plätze, der Konsens nicht. Hinter allen idealen Demokratievorstellungen steht die Annahme, die Welt liege den Menschen entscheidungsfähig zu Füßen und alle müßten sich nur auf die eine oder andere Weise einig werden, wie entschieden werden soll. Wenn der Realitätsgehalt dieser Vorstellung schon gering ist, so bringt ihn die Rückprojektion auf idealisierte Polisverhältnisse vollends zum Schwinden: und bleibt doch ein Licht in der Finsternis. Für die Dichter ist der Realitätsgehalt eines Sehnsuchtsbildes professionsbedingt ohnehin von geringer Bedeutung.
Sebald zeigt uns Gottfried Keller unterwegs zum öffentlichen Platz mit dem Ziel, die Dinge zurechtzurücken. Der kleine Mann, der in der Mitte die Trommel rührt, das ist der Schweizer Dichter als seltsam ziviler Tambour mit Zylinderhut. Überhaupt hat die Szene etwas auffallend Zivilistisches und Zugeknöpftes. Man kann sich schwerlich denken, daß der Dichter und seine Begleiter jetzt gleich auf die Barrikaden gehen. Da sind die Erwartungen gedämpft, das Komödiantische des Auftritts nimmt gewissermaßen das Scheitern der Revolution oder Neuordnung schon vorweg. Ein gutes halbes Jahrhundert später ist die Mathild Seelos unmittelbar vor dem ersten Krieg in das Regensburger Kloster der Englischen Fräulein eingetreten, hat das Kloster aber noch vor Kriegsende unter eigenartigen Umständen wieder verlassen und einige Monate lang, in der roten Zeit, in München sich aufgehalten, von wo sie in einem arg derangierten und fast sprachlosen Zustand nach Haus zurückgekehrt ist. Was ihr im einzelnen auf den Plätzen in München widerfahren ist, wissen wir nicht. Jedenfalls hat sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden und sich in ihrer Eingezogenheit offensichtlich in zunehmendem Maße wohlgefühlt. Wiederum knapp zwanzig Jahre später erhalten wir einen weitaus genaueren Einblick in das Geschehen auf den Straßen und Plätze. Aus der Münchner Zeit nach 1933 ist kaum etwas anderes erinnerlich als die Prozessionen, Umzüge und Paraden, zu denen es offenbar immer einen Anlaß gegeben hat. Entweder es war Maifeiertag oder Fronleichnam, Fasching oder der zehnte Jahrestag des Putschs, Reichsbauerntag oder die Einweihung des Hauses der Kunst. Entweder trug man das Allerheiligste Herz Jesu durch die Straßen der inneren Stadt oder die sogenannte Blutfahne. Von Mal zu Mal hat bei den einander ablösenden Versammlungen und Aufmärschen die Anzahl der verschiedenen Uniformen und Abzeichen zugenommen. Es war, als entfalte sich unmittelbar vor den Augen der Zuschauer eine neue Menschenart nach der anderen.

Der Dichter nimmt, was die öffentlichen Plätze anbelangt, die seiner Profession erteilte Lizenz zum freien Umgang mit Realitätsgehalten kaum in Anspruch. Bei unverkennbarer Sympathie für Gottfried Keller und Mathild Seelos hat er doch klar die wahren Herren der Plätze vor Augen. Ein Platz ist kein freies Gelände, erst durch die Umbauung wird er zum Platz. Wenn der Brüsseler Justizpalast mit seinen türlosen Räume und Hallen, die nie jemand zu betreten scheint, als die ummauerte Leere das innerste Geheimnis aller sanktionierten Gewalt ist, so ist die Herrschaft auf den Plätzen Demonstration ihrer Reichweite einschließlich der willkürlichen Bestimmung dessen, was als Realität zu gelten hat: Auf dem Photo war die Bücherverbrennung auf dem Würzburger Residenzplatz zu sehen, offenbar aber handelte es sich um eine Fälschung, Weil man aufgrund der bereits einsetzenden Dunkelheit keine brauchbaren Photographien hatte machen können, war man kurzerhand hergegangen und hatte dem Bild irgendeiner anderen Ansammlung vor der Residenz eine mächtige Rauchfahne und einen tiefschwarzen Nachthimmel hineinkopiert. Und so, wie dieses Dokument eine Fälschung war, so war alles eine Fälschung von Anfang an; eine Fälschung, und doch grauenhaft realer als alles, was man sich als real ausdenken mochte.
Ein weiteres Bild einer Menschenansammlung auf einem Platz ist gefälscht. Die Mehrzahl der Einwohner von Desenzano hatte sich zum Empfang des Vicesekretärs der Prager Arbeiterversicherungsanstalt auf dem Marktplatz versammelt. Ob es sich bei dem abgebildeten Marktplatz um den in Desenzano handelt, ist unsicher, sicher ist, die Angetretenen warten nicht auf Kafka. Die Fälschung in Desenzano ist der in Würzburg gegenläufig. Dort bestimmten die Machthaber, was real ist, hier ist es ein Bild, das vor dem innerem Auge Kafkas, des Machtlosen par excellence, auftaucht, geboren aus seiner Furcht im Blickpunkt auf ihn gerichteter Augen zu stehen, und so ist das Bild falsch aber wahr. Selysses erleben wir nie unterwegs zu einer Versammlung oder zu einem Aufmarsch, angesichts seiner geringen Hoffnung auf eine gelungene Neuordnung und ein gutes Ende nicht weiter verwunderlich. Die englische Wallfahrt führt durch abgelegene Landstriche ohne städtischen Plätze. Auch wenn sie frei sind von Menschenansammlungen, scheint er die öffentlichen Plätze nicht sonderlich zu schätzen. Vor dem Wiener Rathaus sehen wir ihn in einer versteckten Ecke des Platzes, außerhalb des Blickfeldes der Passanten, mit den Dohlen und mit der weißköpfigen Amsel reden. In Venedig weist nichts darauf hin, daß er bis zum Platz San Marco vordringt. In Mailand schließlich steigt er bis auf die oberste Galerie des Doms hinauf und schaut von hoch oben auf die Piazza, wo die Menschen sich in seltsamer Neigung bewegten, als stürze ein jeder einzelne von ihnen seinem Ende entgegen. Wäre es so, müßte der Platz schon bald so menschenleer sein, daß er gefahrlos herabsteigen kann. Einerseits wird er auf der Galerie von immer wiederkehrenden Schwindelgefühlen geplagt, andererseits scheint die Agoraphobie, bei der es sich bei genauerem Hinsehen um eine Anthropo-Agoraphobie handelt, ausgeglichen durch eine gewisse Höhenlust, die uns auch aus seiner Neigung zu kleinen einmotorigen Propellerflugzeugen bekannt ist.
Als erstes hat die Entwicklung von Schrift die Bedeutung der Kommunikation unter Anwesenden vermindert, dann der Buchdruck, jetzt, vermutlich ein gewaltiger Stoß, sind es die elektronischen Medien. Vermehrt werden Menschen beobachtet, die sich auch als Anwesende über die Apparate unterhalten, als seien sie Abwesende. Sebald hat sich auf die neue Entwicklung nicht eingelassen, aber auch ohne das beschwört er immer wieder das Verschwinden der Menschen in ihren Apparaten. Nirgends war ein Mensch zu erblicken, wenn auch über die nassen Landstraßen genügend in dichte Sprühwolken gehüllte Fahrzeige brausten. Tatsächlich schien es, als habe unsere Art bereits einer neuen Platz gemacht oder als lebten wir doch zumindest in einer Form der Gefangenschaft. Auch in den Städten sind weitaus mehr Fahrzeuge als Menschen zu sehen, aus vielen städtischen Plätzen sind Parkplätze geworden. Sofern hier Kommunikation unter Anwesenden stattfindet, ist sie meistens konfliktgeladen, weil Blech auf Blech gestoßen war.

*Ausführlich FR Feuilleton 6. Mai 2014