Sonntag, 18. Juni 2017

Finita la commedia

Sprachgewalt

Wenn ein Festredner zu seiner Festrede ansetze, habe er immer, so Tschechow, das nahezu unwiderstehliche Verlangen, sich unter dem nächstgelegenen Tisch zu verkriechen, an der legendären Ansprache des italienischen, seinerzeit in Deutschland beruflich tätigen Fußballehrers Trapattoni aber hätte er  zweifellos seine helle und uneingeschränkte Freude gehabt. Kafka hätte nicht gezögert, der Rede das Ehrenprädikat des Kafkaesken zuzuerkennen. Der Dichter, der bekannt hat, von Jahr zu Jahr werde es ihm unmöglicher, sich unter ein Publikum zu begeben, dem aber entgegen einer verbreiteten Einschätzung Humor nicht fremd war, wäre bei diesem Ereignis gern dabeigewesen, um der Sprachgewalt des Italieners seine Reverenz zu erweisen. Proust erinnert sich, wie er in seinen Kindertagen beim Vorlesen oft ganze Abschnitte und Seiten verträumte, wodurch die Handlung ihm aber nur umso dunkler und schöner schien. Die durch Unaufmerksamkeit verursachten Lücken wurden noch dadurch vermehrt, daß die Mutter zur Schonung des Knabengemüts alle Liebesszenen übersprang. Die bizarren Bewegungen, denen das Geschehen auf diese Weise unterworfen war, schienen die tiefsten und erregendsten Geheimnisse zu bergen: auf das Schönste wären diese teuren Erinnerungen aus glücklichen Zeiten bei Trapattonis Rede wachgerufen worden. Eine vollständige, lückenlose Exegese des Redetextes wäre keine geringere Herausforderung als es seinerzeit die Entzifferung der Keilschrift war. Eine autorisierte Rückübersetzung ins Italienische steht nach wie vor aus. Der doppelt legendäre Schlußsatz: Ich habe fertig könnte mit Finita la commedia wiedergegeben werden, mit den Worten also, vermittels derer Astrow Tschechows Drama Djadja Wanja resümiert.

Mittwoch, 7. Juni 2017

Disdain

Stumm und klug

Die Häuser der Altstadt draußen sind in einem bösen Zustand. Aus schwarzen Eingängen und Mauerlöchern schauen die mageren korsischen Katzen hervor, stumm und klug. Der Blick der Katze verunsichert uns zutiefst. What it is cats know about us that makes them disdain us so much, fragt sich Philip Marlowe, in der Obhut von Banville alias Benjamin Black. Nicht, was haben wir ihnen angetan, daß sie uns hassen müssen, ist die Frage, sondern welche verächtlichen Züge unseres Wesens haben sie entdeckt, davon gibt es nicht wenige und nichts läßt sich verstecken vor ihrem Blick. Altman hat wohl eine ähnliche Intuition gehabt wie Banville, als er The Long Goodbye abweichend vom Buch mit einer Katzenszene beginnen ließ. Marlowes Katze frißt nur Kattekit, im Supermarkt ist an diesem Abend aber nur Kittekat zu haben. Marlowe, genauer gesagt Elliott Gould füllt das Kittekat um in eine alte Kattekitdose, die er die Katze ausführlich studieren läßt, bevor er den Inhalt in den Freßnapf gibt. Die Katze straft ihn mit einem Blick of deep disdain und rührt das Fressen nicht an. Der Grund der Verachtung muß irgendwo in unserer modernen Lebensweise zu suchen sein. Im Blick der altägyptischen Katzengöttin ist Verachtung nicht zu entdecken, und auch die korsischen Katzen schauen wenn nicht freundlich, das ist der Katze fremd, so doch emotionslos in die Welt. Nicht einmal Verwunderung ist ihnen anzusehen über die großen ungefügen Wesen, die ohne Sinn und Verstand in ihrer Stadt herumirren.

Donnerstag, 1. Juni 2017

Hier und heute

Selterswasser

In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre sei er, teilweise aus Studienzwecken, teilweise aus anderen, ihm selbst nicht recht erfindlichen Gründen von England aus wiederholt nach Belgien gefahren: niemand wird behaupten, er wisse nun, warum der Erzähler den Antwerpener Bahnhof aufsucht, immerhin aber weiß er von ihm mehr als von Austerlitz, über dessen Aufenthaltsgründe nichts berichtet wird. Im weiteren Verlauf des Buches werden wir aus Austerlitz‘ eigenem Munde ausführlich unterrichtet über sein zurückliegendes Lebensschicksal, seine doppelte Kindheit und Jugend im tschechischen Prag und im walisischen Bala, mehr oder weniger gar nicht aber über sein Leben hier und heute. Es war so gut wie unmöglich, mit Austerlitz über seine Person zu reden, Auskunft über seine Lebensumstände zu erhalten, nur beiläufig erwähnt er etwa seine Dozentur an einem Londoner kunsthistorischen Institut. Die Zurückhaltung wirkt ansteckend auf den Erzähler, er stellt keine Fragen und schweigt über seine Beobachtungen. Viel zu beobachten gibt es auch nicht, immer der gleiche Schopf, das seltsam gewelltes Haar, wie man es sonst nur an dem deutschen Helden Siegfried in Langs Nibelungenfilm gesehen hat, und immer der gleiche Aufzug, schwere Wanderstiefel, eine Art Arbeitshose aus verschossenem blauen Kattun, sowie ein maßgeschneidertes, aber längst aus der Mode gekommenes Anzugsjackett: die gleichbleibende Erscheinung scheint anzuzeigen, daß im aktuellen Leben eine Entwicklung, eine Lebensgeschichte nicht mehr stattfindet, Austerlitz ist zeitenthoben. Nicht nur sich selbst, seine aktuelle Person hat Austerlitz nicht im Blick, auch für das Alltagstreiben der Menschen hat er kein Auge, die Buffetdame im Bahnhofssauschank, die mit übereinandergeschlagenen auf einem Barhocker thront und sich mit vollendeter Hingabe und Konzentration die Fingernägel feilt, überhöht er gleich zur Göttin der Vergangenheit und befreit sie so von ihrem banalen Dasein. Die Arbeiter in den Goldminen der City in der Salon Bar des Great Eastern Hotel in London, die den Erzähler befremden und ratlos lassen, hat Austerlitz anscheinend gar nicht wahrgenommen.

Der Erzähler hat einen besonderen Blick für einsame Menschen in der Gesellschaft eines Getränks. Im Bahnhofsbuffet war ihm gleich der einsame Fernettrinker aufgefallen, ein abgründiger Genuß, der ihm nicht fremd ist, er selbst hatte in Verona, am hellichten Tag, in der Bar auf der Piazza einen doppelten Fernet mit Eis bestellt. Die Beobachtung des Pastistrinkers im Café des Sports in Evisa wird ihm zu einem geradezu mystischen Erlebnis: Seine vom Star getrübten Augen, die der alte Mann gleich einem Blinden etwas aufrecht gegen die Helligkeit gerichtet hielt, waren von derselben eisgrauen Farbe wie der Pastis in seinem Glas. Er blickte nur immer unverwandt nach oben und drehte dabei gleichmäßig mit dem Daumen und dem Zeigefinger seiner rechten Hand den sechskantigen Stiel seines Glases Ruck für Ruck weiter, so gleichmäßig, als habe er in seiner Brust statt eines Herzens das Räderwerk einer Uhr. – Als von Schwindelgefühlen geplagter Reisender in Oberitalien legt der Erzähler zudem ein enges Verhältnis zu Espresso und Cappuccino an den Tag. Einige von den zahlreichen, extremer Zufälligkeit geschuldeten Treffen des Erzählers mit Austerlitz haben eine Gastwirtschaft als Schauplatz, das Café des Espérances in Lüttich, das Billardcafé Terneuzen, die Salon Bar des Great Eastern Hotel in London. Austerlitz sitzt immer schon da, wenn der Erzähler eintritt, nach der Geschäftsordnung des Gaststättengewerbes müßte ein Getränk vor ihm auf dem Tisch stehen, eine Tasse oder ein Glas, wir bekommen es aber nicht zu Gesicht. Es könnte Kaffee, Bier oder auch Wein sein, wir votieren, so wie wir Austerlitz einschätzen, für Selterswasser, keine geeignete Grundlage für Mystizismus oder metaphysische Anwandlungen. Das Treffen in der Bistrobar Le Havane in Paris, unweit der Metrostation La Glacière, ist nicht zufällig, sondern anberaumt. In dem hoch an der Wand angebrachten Fernseher liefen gerade Bilder eines seit Wochen schon dauernden Brandes in Indonesien, vergessen ist auch hier, wenn nicht das Heute, so doch das Hier, kein Gedanke an und kein Blick für die Getränke auf dem Tisch.

In der alten Nationalbibliothek in Paris hatte die Tischnachbarin Austerlitz auf einen Kaffee ins gegenüber gelegenen Arkadencafé eingeladen. Der Kaffee ist nicht wörtlich zu nehmen, für Mme de Verneuil besteht er aus Pfefferminztee und Vanilleeis. Austerlitz‘ Order bleibt im Dunklen, man kann vermuten, aus Desinteresse an Änderung und Spezifizierung habe er tatsächlich einen Kaffee bestellt, falls nicht ein empfindlicher Magen dem entgegenstand. Auch der Morgenkaffee beim letzten Treffen des Erzählers mit Austerlitz, wieder in der Bistrobar Le Havane, ist als Chiffre zu sehen, hinter der sich alles mögliche verbergen kann. Nach seinem Vater wolle er weiter suchen, so Austerlitz, aber auch nach Marie de Verneuil, die er seit Jahren schon nicht mehr gesehen habe. Zum ersten Mal ist sein Blick nicht ausschließlich auf die Vergangenheit oder in die Höhen von Wissenschaft und Kunstbetrachtung gerichtet, sondern auch auf sein hier und heute gelebtes Leben, seine Gegenwart und seine Zukunft. Bei einem weiteren Zusammentreffen von dann nicht zwei, sondern drei Personen sähe es vielleicht anders aus, die Alltagsdinge würden stärker ins Gewicht fallen, aber dazu kommt es nicht.

Dienstag, 23. Mai 2017

Moustache

Aufatmen

Als vor Jahren der deutsche Politiker Trittin sich den Oberlippenbart, der als sein unverzichtbares Attribut, ja als eine Charaktereigenschaft galt, abrasierte, lief ein Schauder durch die Wählerschaft. Noch heute geben ihm nicht wenige in Gedanken, vor ihrem inneren Auge den Bart zurück. Emmanuel Carrère erzählt die gegenläufige Geschichte eines Mannes, der nach zehnjähriger Trägerschaft seinen Schnauz entfernt, und niemand, beginnend mit seiner Frau, bemerkt es und, schlimmer noch, rundum wird behauptet, er habe nie einen Bart gehabt. Die daraus erwachsende Identitätskrise - um diesen inzwischen ein wenig überholten Begriff neu zu beleben - ist leicht zu ermessen, wenn auch nicht unbedingt in der von Carrère unterbreiteten Wucht bis hin zur Selbstverstümmelung mit wahrscheinlich letalem Ausgang. Der zu Schwindelgefühlen neigende Dichter hat sich wohlweislich auf Experimente nicht eingelassen, kaum dem Kindesalter entwachsen, sehen wir ihn mit Moustache, etwaige spätere bartlose Phasen sind nicht dokumentiert. In seiner Prosa wird der Bart nicht thematisiert, in der die Prosa begleitenden Photoausstellung ist sein Personal bartlos. Es wäre auch unverantwortlich, die ohnehin labilen Gestalten, die sein Werk bevölkern, zusätzlich den Gefahren auszusetzen, die Carrère so eindrücklich schildert, Gefahren und Risiken, die allenfalls ein so robuster Mensch wie Trittin eingehen kann. Von Austerlitz haben wir kein deutliches Photo, das ihn im Mannesalter zeigt, sein Aussehen wird aber unmißverständlich dem des Siegfried in Fritz Langs Film verglichen und der ist, wie sich jeder leicht überzeugen kann, bartlos. Und doch bleibt ein Unbehagen. Auf einem der Photos, die Austerlitz vom Antikos Bazar in Terezín macht, sehen wir umrißhaft in der Schaufensterscheibe das Antlitz des Photographen, also sein eigenes, gespiegelt, und da scheint er dem Dichter ähnlicher als dem Siegfried. Die untere, bartverdächtige Gesichtshälfte ist allerdings zum einen durch die vorgehaltene Kamera und zum anderen durch die lichtstarke weiße Reiterfigur hinter der Scheibe verdeckt. Wir können vorsichtig aufatmen und uns weiter an den Siegfried halten. Endgültig verscheucht das versöhnliche Ende des Buches mit einem Austerlitz, der sich, mit oder ohne Bart, auf die Suche nach Marie de Verneuil begibt, unsere Ängste.


Donnerstag, 18. Mai 2017

Se equivocaba

Gebrochener Flügel

Die Stellung der Taube ist ambivalent, auf der einen Seite ist sie das Transportvehikel des Heiligen Geistes und des Friedens obendrein, auf der anderen Seite ist sie in vielen Gegenden zur Landplage geworden. Alles Schlechte aber, was man über die Taube denken mag, ist verweht, wenn die ersten Zeilen nur des Gedichts über die verirrte Taube aufgerufen werden:

Se equivocó la paloma,
se equivocaba.
Por ir al norte fue al sur,
creyó que el trigo era el agua,
se equivocaba.

Die Taube täuschte sich,
sie hat sich getäuscht.
Um nach Norden zu kommen flog sie nach Süden,
das Korn hielt sie für Wasser,
sie hat sich getäuscht.

Jede Zeile nimmt den Atem, bereitet ein wohliges Entsetzen. Es ist nicht eine einfache Kursabweichung, fünf Grad Nordnordost, die korrigiert werden könnte, die Taube fliegt aus unerfindlichen Gründen in die genaue Gegenrichtung. Se equivocó, se equivocaba, mehr weiß man nicht, und die Bestätigung der Täuschung in einer zweiten Tempusformen läßt die Lage als unabänderlich erscheinen, als niemals gutzumachen, so als sei die Taube dem Fehlläuten einer Nachtglocke gefolgt. Was wollte sie im Norden, warum und von wo aus hatte sie die Flugreise angetreten, was ist die Ursache dieser massiven Fehlorientierung, wie konnte es zu dieser Täuschung, dieser Selbsttäuschung kommen? Hatte sie auf ihrem vermeintlichen Flug nach Norden schon bald mit einem See oder einem anderen Gewässer als Orientierungsmal gerechnet und hält nun, da sie nach Süden fliegt, zur Aufrechterhaltung der Selbsttäuschung das Kornfeld für ein Gewässer, oder hat sie einfach Durst oder aber Hunger? Eins nur sie sicher, sie hat sich getäuscht. Hatte sie ihre Heimat im Norden und war im Süden ausgesetzt worden, um dann, anstatt zurückzukehren, erfaßt von einer unerklärlichen Verwirrung weiter noch nach Süden zu fliegen? Einiges spricht dafür, daß es sich bei der Verirrten um Tilly, die schneeweiße unter den drei Brieftauben gehandelt hat, Tilly, die gegen Ende des Sommers weit über die Zeit ausgeblieben war, nachdem sie nur ein paar Meilen südlich, talaufwärts auf einen Probeflug geschickt worden war. Se equivocó la paloma, se equivocaba. Als man die Hoffnung bereitshatte  aufgeben wollen, war sie endlich zurückgekommen, zu Fuß über die Kiesbahn der Einfahrt herauf, mit einem gebrochenen Flügel. Gerald Fitzpatrick mag Alberti die Geschichte erzählt haben, sicher ist das alles aber nicht und wer will auch schon, daß das Rätsel der verirrten Taube restlos gelöst wird. So oder so vermag niemand zu sagen, wie weit Tilly - die womöglich den Frieden bringen wollte im Norden und im Süden und den heiligen Geist in alle Himmelsrichtungen tragen, zweifellos eine die Sinne trübende Überforderung - wie weit also sie in die falsche Richtung geflogen und warum und wann sie schließlich doch umgekehrt war und wo und auf welche Weise sie sich den Flügel gebrochen hatte.

Freitag, 12. Mai 2017

Trendsetter

Goldminen der City


Szczepan Twardoch gibt in Sztuka życia dla mężczyzn (Lebenskunst für Männer) einen Überblick über die derzeit tonangebenden Formen fortgeschrittener Männlichkeit in Polen und anderswo. Er unterscheidet zwischen Gentlemen, Yuppies, Yeppies (young experimenting perfection seekers) Hipsters, Dandys, Geeks und Survivalists. Ein tonangebendes Unterscheidungsmerkmal zwischen den Gruppen ist die Kleidung, ein allerdings nicht einfach zu handhabendes Merkmal, da die Kombination T-Shirt und Jeans die Unterschiede verwischend bei fast allen einen guten Ruf hat, wenn auch nicht bei den gleichen Gelegenheiten. So verzichtet der Hipster bei Beerdigungen, Hochzeiten und ähnlichen Anlässen in der Regel auf sein Lieblings-T-Shirt mit der Aufschrift Sexinstructor, first lesson for free. Auch Twardoch selbst, dessen Kenntnisse ganz offenbar nicht allein theoretischer Natur sind, ist nur schwer einer der von ihm genannten Gruppierungen zuzuordnen.

Pauschal von den Arbeitern in den Goldminen der City spricht der Dichter, dem auf dem Gebiet des Trendsettings ein Distinktionsverlangen und damit auch ein Distinktionsvermögen fehlt, wie es Twardoch auszeichnet. Zur frühen Abendstunde haben sie sich eingefunden an ihrem gewohnten Trinkplatz, alle einander ähnlich, in ihren nachtblauen Anzügen, gestreiften Hemdbrüsten und grellfarbenen Krawatten. Schwer ist es, die rätselhaften Gewohnheiten dieser in keinem Bestiarium beschriebenen Tierart zu begreifen, ihr enges Beieinanderstehen, ihr halb geselligen, halb aggressives Gehabe, das Freigeben der Gurgel beim Leeren der Gläser, das immer aufgeregter werdende Stimmengewirr, das plötzliche Davonstürzen des einen oder anderen.

Wenn der Dichter die Goldminenarbeiter in die Tierwelt verbannt, will er sich wohl nicht näher mit ihnen beschäftigen. Das muß uns aber nicht hindern, sie mit Twardochs Lupe genauer zu betrachten. Offenbar sind die Minenarbeiter unmittelbar vom Arbeitsplatz in den Pub und hatten noch nicht die Gelegenheit, ein für den Betrachter aufschlußreiches Outfit ihrer persönlichen Wahl anzulegen. Ein Gentleman im anspruchsvollen Sinn ist sicher nicht unter ihnen, aber den hat Twardoch auch nicht im Auge, ihm geht es um Poseure, die sich als Gentlemen darstellen. Deren bevorzugte Anzugsfarbe sei aber nicht nachtblau, sondern grau mit dazu passenden auf keinen Fall grellen Krawatten. Es ist nicht auszuschließen, daß sich unter den zahlreichen nachtblauen Anzügen auch der eine oder andere graue befunden hat, der im Interesse eines einheitlichen Gesamtbildes unerwähnt geblieben ist. Wahrscheinlicher ist aber, daß die Gentlemen um ihr Image rein zu halten, auf den Barbesuch verzichtet haben. Yuppie ist fast schon, wie Minenarbeiter, ein Oberbegriff, unter den, wenn nicht alle, so doch die meisten zu fassen sind, hilfreich wäre es, könnte man die in ihrem jeweiligen Appartement eingetroffenen nachtblau Gekleideten beim synchronen Wechsel hin zu Shirt und Jeans beobachten. Wer, vom Regelverhalten abweichend, den blauen Rock lediglich gegen einen gelben austauscht, wäre als Dandy einzuschätzen. Survivalists können wir unter den Blaumännern nicht vermuten und auch Yeppies und Geeks könnten sich wohl nur unter Androhung von Gewalt mit einem nachtblauen Anzug abfinden. Gleiches gilt im Grunde auch für die Hipster, die allerdings zu Ironie und Satire neigen, es kann daher nicht ausgeschlossen werden, daß sich der eine oder andere zu ironischen und satirischen Zwecken eines Blaurocks bedient.

Der Erzähler wirft nur einen kurzen Blick voller Verwunderung und Abneigung auf die Blauröcke, ein Blick, der sich kaum eignet für eine Gegenüberstellung mit Twardochs leidenschaftsloser und differenzierter Untersuchung. Hätte der Erzähler seine Beobachtungen ausgeweitet, wäre sein Augenmerk nicht unversehens in Anspruch genommen worden von einem Rucksack gleicher Machart, wie Wittgenstein ihn immer mit sich getragen hatte? Austerlitz hatte die Blauröcke offenbar gar nicht beachtet und im gleich einsetzenden Gespräch zwischen den beiden ist kein Platz für sie.

Samstag, 6. Mai 2017

Quelle der Weisheit

Sage Ernest

Jeden Neuankömmling unter der Friedhofserde überfallen die Alteingesessenen mit Fragen zu den aktuellen Entwicklungen oberhalb der Erdoberfläche, der gerade eingetroffene Tomás Rua unterläuft jede Frage. Wie es dem Postmeister gehe, möchte man gern wissen, ist er gesund, oder ist mit seinem baldigen Eintreffen hier auf dem Friedhof zu rechnen? Darauf Tomás Rua: Es werde viel geredet, die einen sagen, der Postmeister sei kerngesund, die anderen sagen, er werde die Friedhofsbewohner wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen, nur ein Weiser könne die Wahrheit sagen, is críonna an té a dearfadh. Und so, nach dem gleichen Muster, bei allen Fragen, allenfalls ein Weiser hätte die Wahrheit parat. Aus welchen Quellen aber soll der Weise die diesbezügliche Wahrheit schöpfen, und wie soll sie aussehen. Die Weisheit ist ins Absurde gestürzt, in einen tiefen Schacht, den Luhmann mit den Instrumenten der Theorie erkundet hat.

Weisheit werde gewonnen auf der Ebene der Beobachtung erster Ordnung, also der unmittelbaren, einsamen Beobachtung eines Sachverhalts. Weisheit ist insofern demodiert, da sich in der Moderne alles Maßgebliche auf der Ebene von Beobachtungen zweiter und dritter Ordnung abspielt, also der Beobachtung eines Beobachters, wenn nicht gar der Beobachtung eines Beobachters einer Beobachtung. Unter Beobachtung schmilzt die Weisheit schnell dahin, wer dem Weisen über die Schulter schaut merkt bald, daß der gegenteilige Weisheitsspruch oft nicht weniger einleuchtend ist als die Ausgangssentenz. Alte Weisheiten, bevorzugt Bauernweisheiten, mögen in mumifizierter Form überdauern, neue kommen nicht hinzu. Cioran ist um einiges impulsiver und spürbar weniger kontrolliert als Luhmann, wenn er den Tag über in den Büchern der Weisen gelesen habe, überkomme ihn, so läßt er wissen, der kaum zu zügelnde Drang, auf die Straße zu laufen, um dem Erstbesten in die Fresse zu hauen.

Die Weisen haben es heutzutage ähnlich schwer wie die Heiligen. Nicht daß sie einander besonders ähnlich wären, die Heiligen neigen mehr zur Tollheit als zur Weisheit und gleichzeitig haben sie den Vorteil, daß sie ihr besonderes Merkmal als Namensteil mit sich tragen. Der heilige Franz mag mit dem Gesicht nach unten im Sumpfwasser treiben, der in der Höhe des Schulterblatts auf die Kutte genähte Namenszug Sanctus Franciscus Assisiensis gibt ihn gleichwohl für jedermann leicht zu erkennen als der Heilige, der er ist. San Giorgio hat allerdings seinen Namen in Giorgio Santini geändert und würde er nicht leichtsinnig den Strohhut in der Hand halten, den Pisanello ihm geschenkt hatte, bliebe seine Identität im Dunkeln.

Die Weisen verfügen über keine Institution, die ihnen ihre besondere Eigenschaft als festen Namensteil zuerkennen könnte, Sage Ernest etwa. Wir haben Jaroslaw den Weisen, aber hier handelt sich um die Hervorhebung der individuellen Eigenschaft eines Herrschers, die Jaroslaw nicht einem Kollegium der Weisen zuweist, sondern in ihn eine Reihe stellt mit anderen Herrschern mit anderen Auffälligkeiten wie Bolesław dem Kühnen oder Karl dem Kahlen. Bei der Suche nach einem Weisen im Werk des zu Schwindelgefühlen neigenden Dichters kann uns also kein Namenzusatz leiten und wir können auch nicht auf auffällige Weisheitssprüche im traditionellen Sinne hoffen, eher schon gilt es Ausschau zu halten nach mehr oder wenig auffällig als Unweisheiten getarnte Weisheiten wie: England ist bekanntlich eine Insel für sich. Wenn man nach England reisen will, braucht man einen ganzen Tag. Von dieser klaren, unaufdringlichen, nicht parfümierten Weisheit ist der rasende Cioran nicht nur entwaffnet, er ist erlöst. Oder: Die Zigarette ist ein Monopol und muß geraucht werden. Auf Dassie in Flammen aufgeht. Diese Weisheit enthält einen heilsamen Kern der Destruktion und ist dem Dichter daher besonders angenehm. Ihm ist, als habe er das Fliegen gelernt, zumindest was man braucht für einen anständigen Absturz. Zu rauchen nur des Feuers und der Flammen wegen, zu fliegen nur um abzustürzen. Auf Dassie in Flammen aufgeht: Eine gewisse Tollheit ist zu spüren, Weiser und Heiliger in eins, Sage Ernest, San Ernesto.