Wirrwarr
Bei seinem
unfreiwilligen Besuch in Wien und auch später auch bei seinen Besuchen in
Venedig und anderen Stäten scheint es, als würde er in der ganzen Zeit nichts zu
Papier bringen. Zweifellos hat er nichts vom Schloß oder vom Prozeß
geschrieben, möglicherweise aber unbemerkt kleine Skizzen wie die von Nächsten
Dorf oder die vom Großen Taschenspieler. Nie folgt er den Menschen
auf eine übliche Weise, gemeinhin sind die, die das Sagenhaben und andererseits
die diejenigen, die ihnen gehorchen müssen. Nehmen wir als Beispiel den, wie es
scheint, von der Arbeit befreiten Mann mit Namen Blumfeld, wir kommen auf ihn
zurück. Besonders auffällig ist die Situation des Jäger Cracchus,
der seit langen Jahren tot aber nicht gestorben ist. Durch eine falsche Drehung
des Steuers hatte er die richtige Einfahrt ins Totenreich verpaßt, seit mehr
als tausend Jahren ruderte er hilflos herum, jetzt aber, in Riva, vermag der
Bootsfahrer den Cracchus endlich einfahren ins stille Reich der Toten. Zurück
zu Blumfeld. Sein bisheriges, wie es scheint, ungestörtes Leben, wird gestört,
zwei in die Wohnung eingedrungene Bälle, die erheblich störend umher springen.
Es gelingt ihm sie einzusperren und den Lärm stillzulegen. Zum Erstaunen der
Leser zeigt sich ab, daß Blumfeld keineswegs sein Leben in der Stille seiner
Wohnung verbringt, er ist, wie sich zeigt, leitender Angestellter in einer Wäschefabrik,
der führenden Person, einem gewissen Ottomar, in der Fabrik allerdings
nachgeordnet.
Sonntag, 7. Juli 2024
Literatur
Mittwoch, 3. Juli 2024
Frühes Ende
Man weiß, daß der Erzähler Zigaretten raucht, es aber nicht literarisch nutzt. Er ist der Zigarette in keiner Weise abhold, erwähnt sie aber nicht in seinen Erzählungen. Ein Schauspieler reagiert ganz anders als ein Literat, James Dean zeigt sich in seinen Photographien gern mit einer Zigarette, entweder zwischen den Lippen oft, lang anhaltend, oder zwischen Zeigefinger und Mittelfinger, der Daumen frei nach oben hochgestellt. Man sieht ihn auf Spaziergängen durch die Metropole und auch in seinen Filmen. 1931geboren kommt er 1955 bei einem Autounfall ums Leben, Schädigungen durch das Zigarettenrauchen konnten zu dieser Zeit noch nicht festgestellt werden. Stachura hielt die Zigarette seltener im Mund, meistens hält er sie lange zwischen Finger und Daumen. Auch für ihn ist ein Tag ohne Zigarette nicht denkbar, ein Tag ohne Zigarette ist wie ein Tag ohne Kleidung. Stachura kommt nicht durch einen Unfall ums Leben, sondern durch Selbstmord, so manches im Leben ist gefährlicher als das Rauchen. Beide, Dean und Stachura, waren zum Zeitpunkt ihres Todes derart jung, daß, keine gesundheitlichen Schäden durch das Rauchen festgestellt werden konnten, sie rauchten in ihren besten Jahren. Hillerman, ein Autor, konfrontiert uns mit einer gewissen Margaret Cigaret, ohne daß vertieftes Erzählen vom Zigarettenrauchen zu erkennen wäre. John Banville, ein anderer Autor, erzählt von einer brennenden Zigarette, die offenbar jemand auf einer Theke vergessen haben mochte, besondere Folgen hatten sich nicht eingestellt.
Ein Mensch

Man hat ihn zu
einem Kongreß nach Wien geschickt, Freude daran hat er nicht. Anschließend
sucht er Triest, Venedig und Riva auf, eins ist nicht trister als das andere,
schließlich führt es ihn zu einer Wasserheilanstalt, ob sie hilfreich ist
bleibt im Dunkeln. Auffällig ist, daß er anscheinend nicht schreibt, vom Jäger
Cracchus schreibt er erst deutlich später. Hatte er aber nicht schon an den
Abenden während des Kongresses in Wien und abends in der Wasserheilanstalt
geschrieben, von Blumfeld unter anderem? Blumfeld ist ein einsam lebender
Mensch, ohne Frau und ohne Kinder. Manchmal denkt er an einen Hund als
Gefährten, dann aber scheint er ihm doch wieder als zu schmutzig. Zudem kann
der Hund krank werden. Auch die Bedienerindie ihm das Essen bringt, ist alles
in allem nicht nach seinem Geschmack. An eine Katze oder an Kanarienvögel
könnte er denken, nicht aber an ab eine Katze und an Kanarienvögel, die Katze
würde die Kanarienvögel alsbald vertilgen. Vielleicht schafft sich Blumfeld
doch einen Hund an. Währen er noch überlegt geschieht etwas unerwartetes, zwei Celluloidbälle
springen plötzlich durch die Wohnung. Im
Vergleich zu den Hunden haben sie sowohl Vor- wie auch Nachteile. Wenn auch nur
recht entfernt, ähneln die Bälle Gregor, beide Teile sind völlig überraschend,
man muß sich darum nicht kümmern. Blumfeld ist verblüfft und dann verärgert,
als er schlafen geht, trommeln die Bälle unter seinem Bett. Sein Schlaf ist
traumlos aber unruhig. Der Bedienerin, für ihn ein begriffsstutziges Weib, ist
er, als sie ihn weckt, in dieser Situation dankbar. Schließlich gelingt es ihm,
die Bälle einzusperren, sie sind still, jedenfalls hört man sie nicht mehr. Blumfeld
hat eine zweite Welt, die seines Berufes, das hatte man zunächst gar nicht
erwartet, man vermutete einen wohlhabenden Mann ohne Berufsnotwendigkeit. Tatsächlich
aber ist er eine leitende Person in einer Wäsche Fabrik, allerdings erst an
zweiter Stelle, nach Ottomar, dem Chef, nicht ohne Problematik. Da sieht nun alles ganz anders aus. Blumfeld zieht es ohne Zögern zu seinem Bureau, es
enthält einen Schreibtisch für Blumfeld und
zwei Stehpulte für die Praktikanten. Ursprünglich hatte man es mit zehn
Näherinnen zu tun, inzwischen sind es fünfzig oder sechzig, die Zahl der
Praktikanten, was immer sie zu tun haben, ist beeindruckend. Die Näherinnen
versorgt man mit Bonbons, eine Untat, die Blumfeld unterbindet. Unrat wird mit
einem Besen entfernt. Mehr ist eigentlich nicht zu sagen.
Montag, 1. Juli 2024
Ehepaare

Zeit
Sonntag, 9. Juni 2024
Chorknaben
Sonntag, 2. Juni 2024
Miasto, die Stadt

Jeden Morgen früh machte er sich nun auf den Weg und legte anscheinend end- und ziellose Wege zurück, das war nun überwunden. Den anderen war es früher schon besser gegangen, viel besser. Nun war er hungrig und voller Unschuld. Städte sind wie Lebewesen. Am Morgen wacht die Stadt nervös und
eilig auf. Nach einigen Stunden fällt eine grausame Sonnenhitze vom Himmel, und
die Stadt schläft wieder ein. Er schleppte sich über den erhitzten Asphalt
durch die verlassenen Straßen, die Augen zu Schlitzen verengt. Ermüdung stellte
sich ein, und er setzte mich unter einen Baum am Straßenrand. Diese Stadt, die er aus unklaren Gründen so sehr haßte, in der es so viele schöne Frauen gab, so viele große
Baudenkmäler, so viele mehr oder weniger angenehme Kneipen, in der es fünf
Kirchen gab und eine gotische Kathedrale, diese Stadt, die er so sehr haßte, war
für den Augenblick sein Eigentum. Auf dem Gehsteig sitzend inmitten der Sonne
und den hohen Häusern war er in keiner Weise verloren, so wie er am Morgen
und am Abend verloren war, wenn die Straßen und Häuserblöcke sich mit
Passanten füllten. Er lehnte mich an einen Baumstamm und zog die Sportschuhe aus
und legte die Füße in die Sonne. Dann zog er einige aufgefundene
Zigarettenkippen hervor, zündete die größte an, schloß die Augen für den Genuß,
bis die Glut zum Finger gelangt war. Gut betucht war er nicht. Unter den Fußsohlen war der Asphalt weich
und klebrig wie feuchter, einen Augenblick zuvor aus dem Automaten gezogener
Tabak. Als er dich an den Fersen zu sehr brannte, stellte er sich vor, es sei
schmutziger Winterschnee, aber das half nicht, und ich mußte die Schuhe wieder
anziehen. Er war, so schien es ihm, im
hohen Norden in einem riesigen Palast. Seine Schritte auf dem Marmorboden
hallten in einem hörbaren, hellen und kalten Echo von den Wänden zurück. Er mochte sich die Stille nicht vorstellen, die sich einstellen würde, wenn er
stehenblieb. Deswegen ging er weiter. Mit jedem durchlaufenen Saal wurde das
Echo noch reichhaltiger. Dann ist er offenbar eingeschlafen, denn an mehr kann
ich mich nicht entsinnen. Eine leichte Berührung
am Arm weckte ihn auf. Ein ihm wohlbekannter Polizist beugte sich über ihn
und lächelte. Praktisch alle Polizisten in der Stadt kannten ihn. Sie waren zu ihm immer gut und verständnisvoll. Wenn er jemanden von seinem Haß ausnehmen
wollte, dann wären sie es. Das einzige, das er ihnen anrechnen könnte, war,
daß sie ihn aufweckten und er an den Hunger erinnert wurde. Die Sonne sank
langsam immer tiefer, die Straßen füllten sich mit Menschen, und zwischen ihnen
zappelte, wie ein aus dem Wasser gefangener Fisch, mein Untergang.