Dienstag, 10. Dezember 2024

Der Tod

und das Leben

Graccus, ursprünglich ein Jäger aus dem Schwarzwald, findet seinen Tod nicht in der angemessener Zeit, bei genauer Betrachtung vielmehr erst nach fünfzehnhundert Jahren, sein Totenkahn, der ihn führen sollte, verfehlt wegen einer falschen Drehung des Steuers das vorgesehene Ende der Fahrt. Er findet nicht das Ziel, seither, nach vielen hundert Jahren schon, ist Graccus wie verloren, er lebt aber als Toter noch tausend Jahre weiter, schließlich aber findet er die ersehnte Zufahrt die ewige Ruhe. Ein anderer findet Leben und Tod korrekt zur rechten Zeit, er hat viele Geschichten erzählt, zuletzt La luna e i falo, daneben andere wie Il compagno oder La bella estate. Die besagte Erzählung aber vom Mond und vom Feuer ist die Krönung seiner literarischen Kunst und seines Lebens. Die Freunde und Leser sind entzückt, er selbst lehnt sich zurück, seine strapazierenden Erzählungen quer durch Italien sind abgeschlossen. Er genießt fortan die Stille seines Daseins, bald schon trinkt er ein tödliches Wasser, der Tod ist ihm lieber als  das Leben.



 

 


 


Sonntag, 8. Dezember 2024

Zu Haus

Allein

Man muß nicht aus dem Haus gehen, man bleibt bei seinem Tisch und horcht, horcht und wartet. man horcht nicht einmal, wartet nur. Man wartet nicht einmal, man ist völlig still und allein. Gegen Mittag verläßt man das Haus, man braucht die freie Luft. Menschen gehen wie gesagt vorbei, auch ein Mädchen geht vorbei, ein sehr schönes Mädchen. Menschen gehen vorbei, nicht in großer Zahl, vor allem, gottseidank, nicht das immer wachsende Ferienvolk, das längst über das ursprüngliche Maß hnausgegangen war, für einen Augenblick hatte es sich jetzt verzogen. Er kehrt ein, ißt ein wenig, trinkt ein wenig. Was will er noch länger, erfrischt macht er sich auf den Rückweg und ist für den Rest des Tages wieder in seinem Haus.


Donnerstag, 5. Dezember 2024

Mailand

Kurzaufenthalt


Es konnte sich um nichts und niemand handeln als nur um lauter Mailänder und Mailänderinnen. Den Bus mußte er verlassen wegen Unstimmigkeiten mit den anderen Passagieren, das Aussteigen aus dem Bus war ein schlechter Augenblick, für die anderen schien er es auch zu sein, war es aber nicht. Er gelangt zu Luciana, die ihn die während der nächsten zwei Tage verwöhnt. Die folgende Station ist die Fahrt zum Konsulat, es gilt, einen neuen Paß zu besorgen. Die Franziskanerschwester hatte in Desenzano bereits im Zug gesessen. Die Schwester las ihr Brevier, ihr gegenüber ein Mädchen, nicht minder versenkt in seine Lektüre, einen Bilderroman. Von vollendeter Schönheit waren sie beide. Im Konsulat erwartete ihn eine Artistenfamilie, zwei Mädchen, das eine mit einem Windrädchen, die andere mit einem Teleskop, die Nonna in einem Seidenkleid, beschäftigt mit einer Häkelarbeit, das Oberhaupt der Truppe trug einem weitkrempigen Strohhut. Der neue Paß, um den es ging, wurde ihm, dem einsamen Reisenden, im Konsulat umgehend ausgehändigt. Als er heraustritt aus dem Konsulat, erwartet ihn ein sehr windiges Wetter und Menschen, lauter Mailänder und Mailänderinnen, die quer über das Pflaster hasten,. Seines Bleibens ist hier nicht, am Abend ist er bereits unterwegs nach Verona.






Mittwoch, 4. Dezember 2024

Weltwunder

Einst und Heute

Die Überlieferung der sieben Weltwunder war immer von dem Gerücht umgeben, daß noch ein achtes Weltwunder bestanden habe und es wurden auch über dieses achte Wunder verschiedenen Mitteilungen gemacht. Die Pyramiden von Gizeh, die Zeus Statue des Phidias, der Artemis-Tempel und so weiter nicht alle sollen hier genannt werden ganz abgesehen von dem vermuteten achten Wunder, von dem man aber nicht wußte, ob er tatsächlich existiert. Heutzu Tage sind die Weltwunder nicht mehr in aller Augen und erstaunen nur wenige, allenfalls das Ferienvolk wäre erstaunt, wenn es denn erstaunt sein könnte. Die in den Hintergrund geratenen ehemaligen Weltwunder sind jetzt Gegenstand einer unauffälligen Wissenschaft. Die Weltwunder beruhen nun auf anderen Gesichtspunkten, zu nennen wären neben vielem anderen die Raumfahrt oder die Künstliche Intelligenz. Wie wird es weitergehen, was sagt der sogenannte liebe Gott?


Dienstag, 3. Dezember 2024

Brücken

Vorzüge

Er kam mit der Eisenbahn von weit her, von wo weiß man nicht. Er bevorzugt Städte mit Fließgewässern und Brücken, es könnte zum Beispiel Augsburg sein, letztlich vorgezogen aber sind Städte aus Polen, offenbar seine Heimat. Nicht die Stadt und nicht die Bewohner interessieren ihn sonderlich und auch nicht die Häuser und Kirchen, und seien sie auch noch so schön, sondern das Wasser und die Brücken über das Wasser und das immer wieder. Er geht schließlich weiter, in anderer Richtung aber, ohne die Lust zu verlieren, mit einem ähnlichen Ziel, einer anderen Brücke. Man lehnt sich an das Geländer einer Brücke und dann wieder an das Geländer einer anderen Brücke und dann wieder einer dritten Brücke und so weiter. Schließlich hält man inne und raucht eine Zigarette. Vor jeder Brücke senkt man den Kopf und schaut herab. Schließlich hält man inne und raucht eine Zigarette, nicht die einzige, nicht die letzte des Tages. Schließlich hält man inne und raucht wieder eine Zigarette, nicht die einzige, nicht die letzte. Es ist aber kalt, przekleta zima, dobre lato, verfluchte Kälte, herrlicher Sommer, nur schwer kann man sich befreien, aber schließlich muß es weitergehen.


Montag, 2. Dezember 2024

Vater und Sohn

Eigentlich unerlaubt

Sein Vater war nicht der, den er sich erwünscht hatte, auch im ausgewachsenen Zustand des Jungen blieb das Verhältnis zwischen Vater und Sohn vorsichtig gesagt zurückhaltend. Während bei ihm die Einzelheiten versteckt blieben, erzählt Kafka im Umfang von mehr als fünfzig Seiten so gut wie alles über seinen Vater und sich selbst. Noch während seines Sterbens forderte Kafka von Max Brod alle Texte zu vernichten, sofern sie nicht bereits veröffentlicht waren. Brod ist dem nicht nachgekommen. Fragwürdig war ins besonders die Veröffentlichung des Brief an den Vater, den Kafka allein und nur für sich schreiben wollte, Brod hat auch das mißachtet. Inzwischen muß man sagen: längst zu seinem und unserem Vorteil. Der Brief an den Vater, war nicht für ein Publikum gedacht, sondern allein für Kafka, den Autor selbst, tatsächlich aber ergab sich nach Veröffentlichung des Briefes ein immer noch endloses Staunen des Publikums. Der Brief an den Vater ist besonders umfänglich. Zunächst geht es allein um den Vater, dann aber auch um den Sohn. Der Vater sieht sich als Chef und Anführer, der Sohn, Kafka also, sieht sich zu Recht, wie er meint, als Niete. Zu seiner eigenen Überraschung war er es, dem niemand in seinen Leistungen gleich kommen konnte, das Lernen fiel ihm in den Schoß. Der Vater schweigt im Hintergrund.



Sonntag, 1. Dezember 2024

Überrollt

Pokatulkalo go i kaput

Er ist oft mit der Eisenbahn gefahren, nach Wien, Venedig und sonstwo, ein Unglück mußte er nicht erleiden. Anders ist es  Zbigniew Cybulski, dem sogenannten polnischen James Dean, ergangen. Er war es gewohnt im letzten Augenblick herbeizulaufen und auf den bereits angelaufenen Zug zu springen, dies Mal war es das letzte Mal. Es hatte sich bald schon rumgesprochen, pokatulkalo go i kaput, es hat ihn erwischt und fertig, hieß es unter anderem. Es war in der Frühe, wissen einige, im Sprung auf den letzten Waggon gelangt, aber an der vorderen Tür. Er wollte sterben und er starb, sagte einer, to jest los, das ist das Schicksal. Soweit, wenn auch nicht so gut. Pradera raucht seine Zigaretten und nimmt an den Überlegungen der anderen nicht teil. Wieso, fragt er sich, kann der Verlauf der Zeit nicht für einen Augenblick innehalten und umgedreht werden, die Abfahrt des Zuges nicht wiederholt werden? Man stellt sich vor, Cybulski kommt im letzten Augenblick herbeigesprungen, Pradera stellt sich ihm entgegen, der Zug fährt davon, Cybulski ist außer Gefahr. Oder: Pradera sitzt schon hinten im Zug und hilft Cybulski beim  Einsteigen, er ist außer Gefahr. Sein Vorhaben, so oder so, läßt sich aber gegen alle Vernunft nicht verwirklichen.