Donnerstag, 30. August 2012

Terezín

Bazar und Museum

In Austerlitz erscheinen die beiden böhmischen Städte Prag und Marienbad in der deutschen Namensform, Terezín dagegen in der tschechischen, der deutsche Name Theresienstadt ist dem Lager vorbehalten, der Stadt, die der Führer den Juden schenkt.

Austerlitz ist nicht in guter Verfassung, als er nach Terezín aufbricht. Tags zuvor hatte ihn der Blick des Pagen der Rosenkönigin durchdrungen, also der photographierte Blick seiner selbst als Kind, und sprach- und begriffslos und zu keiner Denkbewegung imstande gemacht. Zwar fällt Austerlitz’ böhmischer Besuch schon in die Nachwendezeit, in der mit mehreren Mänteln bekleideten Bauersfrau aber auf dem Bahnhofsvorplatz Lovosice, die hinter einem notdürftig zusammengezimmerten Stand darauf wartet, daß es jemandem einfallen möchte, eines der vor ihr aufgetürmten Krauthäupter zu kaufen, sowie in dem vom Rost zur Hälfte schon zerfressenen petrochemischen Kombinat sind die deprimierenden Formate des gerade erst untergegangen Bauern- und Arbeiterstaates noch gut zu erkennen. Von Lovosice – weiteres war von der Stadt nicht zu sagen - macht Austerlitz sich zu Fuß auf den Weg nach Terezín, offenbar über verborgene Feldwege, denn von irgendeiner Begegnung, sei es Mensch oder Fahrzeug, ist nicht die Rede. Das Land ist immer bereit, sich für den wandernden Dichter zu entvölkern. Wegemale fehlen, die Silhouette der Festung sollte sich abzeichnen, tatsächlich aber duckt Terezín sich tief in die feuchten Niederungen des Zusammenflusses von Eger und Elbe hinein.

Selbst nachdem man es betreten hat, wird Terezín kaum sichtbarer als zuvor. Was eine Stadt ausmacht: Menschen, die sie bewohnen, fehlt so gut wie vollständig. Eine vornübergebeugte Gestalt bewegt sich an einem Stock unendlich langsam voran und ist dann plötzlich verschwunden. Ein Geistesgestörter fuchtelt wild, ehe er, mitten im Davonspringen, vom Erdboden verschluckt wird. Am unheimlichsten aber waren die Türen und Tore von Terezín, die sämtlich den Zugang versperrten zu einem nie noch durchdrungenen Dunkel. Nicht nur die Häuser sind verschlossen, auch die Sprache ist weggesperrt, über mehrere Seiten findet sich kein Wort, nur ganzseitige Abbildungen der Türen, hinter denen nicht etwa Menschen wohnen, sondern Spinnen, Totemtier der Nornen, die ihre Fäden ziehen, mit ihren hastig trippelnden Beinen über die Dielen laufen und erwartungsvoll in ihren Geweben hängen. Das moderne Terezín ist, dieser Eindruck stellt sich ein, schwer gezeichnet von seiner Theresienstädter Vergangenheit.
Am Antikos Bazar, in gewisser Weise das kulturelle Zentrum des Ortes, trifft Austerlitz auf einen weiteren, wenn auch nur flüchtigen Bewohner, es ist sein eigenes Schattenbild im Fenster der Auslage. Dem Leser will allerdings scheinen, daß es weniger Austerlitz als Selysses ähnlich sieht, der wiederum, wie sich aus verschiedenen über das Werk verstreuten Photographien ergibt, verblüffende Ähnlichkeit mit dem Dichter Sebald hat. Da Selysses ausweislich des Romans nicht in Terezín war, hat mit großer Wahrscheinlichkeit Sebald auf den Spuren des Jacques Austerlitz die böhmische Stadt besucht und das fragliche Photo geschossen. Wessen Kopf auch immer dort schemenhaft über dem reitenden Helden schwebt, der ein verlassenes weibliches Wesen zu sich emporzieht und so vor einem grauenvollen Unglück rettet, den Besitzer des Ladens, einen gewissen Augustýn Němeček, bekommt er nicht zu Gesicht. In den vier Fenstern des Ladens erscheinen die Ausstellungsstücke als willkürlich zusammengesetzte Stilleben. Zierstücke, Geräte und Andenken sind es - darunter die Hirschhornknöpfe, die eine bekannte deutsche Kritikerin vor Jahren gründlich aus der Bahn geworfen hatten -, die aufgrund unerforschlicher Zusammenhänge ihre ehemaligen Besitzer überlebt und den Prozeß der Zerstörung überdauert hatten. Austerlitz ist derart angezogen von der Ausstellung, daß er sich lange nicht losreißen kann und, die Stirne gegen die kalte Scheibe gepreßt, die hundert verschiedenen Dinge studiert, ausgeliefert der Melancholie dessen, was unser Leben bestenfalls ist und was vom ihm bleibt. Man weiß ich nicht, was es ist an bestimmten Dingen und Wesen, das uns manchmal so rührt. Der Antikos Bazar ist Ouvertüre oder Einübung in den Besuch des Ghettomuseums, dessen Gegenstück auf der bürgerlichen Seite der Gesellschaft sozusagen. Im Museum sind ganz ähnlich Gegenstände und Hinterlassenschaften verwahrt wie im Bazar, Handtaschen nämlich, Gürtelschnallen, Kleiderbürsten und Kämme. Von unerforschlichen Zusammenhängen kann aber nicht die Rede sein, die Handtaschen, Gürtelschnallen, Kleiderbürsten und Kämme sind gefertigt von den bald dann ums Leben gebrachten Häftlingen. Während der Antikos Bazar reichlich und liebevoll mit Bildern dokumentiert ist, fehlt für das Museum jegliche Bilddokumentation.

Wir können vermuten, daß Austerlitz das Ghettomuseum lieber nicht betreten und es gern beim Antikos Bazar belassen hätte. Wie unter Zwang aber betritt er den Vorraum zur Hölle und läßt sich von einer freundlichen Wärterin das Eintrittsbillet ausstellen. Die ganze Zeit über häkelnd scheint es sich um eine entfernte und volkstümliche Verwandte der Nornen zu handeln. Das weiße Taschentuch, das sie mit blütenblattähnlichen Schlaufen umsäumt, wird nach der Fertigstellung womöglich schon bald im Bazar zum Verkauf ausliegen. Der eigentliche Brotberuf im Museum überfordert sie nicht, bis zum Schließen, am späten Nachmittag wohl, bleibt Austerlitz der einzige Besucher.
 
Lovosice und Terezín sind ganz in graudunklen Tönen gehalten, von denen sich allenfalls die elfenbeinfarbene Porzellankomposition in der Auslage des Antikos Bazar mild abhebt, und wenn Austerlitz im Museum wie geblendet dasteht, so ist die Lichtquelle nicht etwa die weiße Häkelarbeit der Wärterin mit der altmodisch gewellten Frisur, es ist vielmehr der mit ausgeklügeltem Aufwand in die Praxis umgesetzte Ordnungs- und Sauberkeitswahn der Herren des Lagers Theresienstadt. Das und anderes begreift Austerlitz und begreift es auch nicht in einer ganz anderen Art des Nichtbegreifens wie vor den Auslagen des Antikos Bazar, den es womöglich schon gab, als Theresienstadt noch eine stille Garnison im kaiserlich und königlichen Reich war, mit Offiziergattinnen, die sich unendlich langweilten und einem, wie man glaubte, in alle Ewigkeit geltenden Dienstreglement. In diese Vergangenheit hätte sich der Bazar ganz unauffällig eingefügt.

Die Rückfahrt bestreitet Austerlitz nicht mit der Bahn, sondern mit einem altertümlichen Omnibus, der aus dem Nirgendwo auftaucht. Der Bus ist naturgemäß nicht führerlos, aber wortlos nur gibt der Fahrer auf einen Hundertkronenschein das Wechselgeld heraus. Einmal, als Austerlitz sich umwendete während der Fahrt, sieht er, daß die Fahrgäste in den Schlaf gesunken waren, ausnahmslos. Mit verrenkten Leibern lehnen und hängen sie in ihren Sitzen. Dem einen war der Kopf nach vorn gesunken, dem anderen seitwärts oder in den Nacken gekippt. Manche röcheln leise. Es ist ein Totenbus, mit dem schließlich eine Art Rampe hinunter in die Vorstädte von Prag einfährt.

Der Dichter ist kein auf Objektivität bedachter Historiograph und auch kein in Böhmen reisendes Mitglied des deutschen Ethikrates. Sein in Austerlitz’ Erleben gespiegeltes Terezín ist so real wie ein Bild Chiricos. Le surréalisme est un réalisme, könnte man sagen, oder, ungefähr so hat sich Sebald ausgedrückt, der Realismus vervollständigt sich im Surrealismus. Die Textpassage schließt mit einem geträumten Vernichtungswunsch: Südwärts, in einem weiten Halbrund, erhoben sich die Kegel der erloschenen böhmischen Vulkane, von denen ich mir in diesem bösen Traum wünschte, daß sie ausbrechen und alles ringsum überziehen möchten mit schwarzem Staub. Alle Farben sind endgültig verschwunden. Anders als der weiße Schnee wird der schwarze nicht auftauen im Frühjahr und eingeschneite Menschen werden nicht wieder hervorkommen. Der Vernichtungswunsch betrifft nicht allein und nicht einmal vordringlich das an sich schöne und unschuldige Land Böhmen. Der schwarze Staub soll bis an das Ende der Welt reichen. Es ist der Todeswunsch des Jacques Austerlitz, der das Buch schließlich dann aber lebend verläßt, auf der Suche nach seinem Vater und nach Marie de Verneuil.

Kafka ist in Terezín nicht vertreten. Im Jahr 1944 wurden Agátas Schwestern Milena Jesenká in Ravensbrück und Julie Wohryzek in Auschwitz ums Leben gebracht.

Donnerstag, 23. August 2012

Marienbad

Winterkönigin

Die böhmischen Städte Prag und Theresienstadt sucht Austerlitz in den frühen neunziger Jahren auf, Marienbad im Jahre 1972. Es ist Sebalds einziger erzählerischer Aufenthalt im sozialistischen Reich. Dessen Wesen ist, ohne daß es thematisiert würde, an einigen atmosphärischen Chiffren greifbar, an den beiden uniformierten Motorradfahrern, die der Tatra-Limousine vom Prager Flughafen bis zum Hotel in Marienbad folgen, den die langen Steigungen hinaufkriechenden, dichte Qualmwolken hinter sich herziehenden Lastern, an der gleichen Ausstaffierung aller Angestellten der unter staatlicher Führung stehenden Badehotels, am ausnahmslos in Regenhüllen aus dünnem, blaugrauen Perlon gekleideten, zur Erholung entsandten Gästetrupp aus irgendeinem böhmischen Kombinat oder einem sozialistischen Bruderland.
Marie de Verneuils Besuch in Marienbad dient nach eigenem Bekunden baugeschichtlichen Studien zur Entwicklung der europäischen Kurbäder. Nach ersten Anfängen zu Beginn des 19. Jahrhunderts habe Marienbad schon bald einen rasanten Aufschwung genommen. Bauhandwerker aller Art kamen aus Prag, Wien und von überall her. Der Waldgrund wurde in einen englischen Landschaftspark verwandelt, immer mehr und immer stolzere Hotels wuchsen aus dem Boden, 1873 wurde die große gußeiserne Kolonnade errichtet. Wenn Marie dann in einer regelrechten medizinisch-diagnostischen Wortkoloratur die Heilkraft der Quellen schildert, dient das dem zweiten und eigentlichen Zweck der Reise, der darin besteht, Austerlitz aufzuheitern und aus seiner Vereinzelung zu befreien.

Goethes elegisches Erleben in Marienbad hat Sebald an anderer Stelle verarbeitet. Das herrliche Geflecht verschlungener Minnen will ihm nicht gefallen – schon die Thematik hat ihm sicher weitaus weniger bedeutet als Martin Walser -, und mehr als das Faksimile der Niederschrift im Marienbader Museum spricht ihn das dort ebenfalls verwahrte gelbe Tulpenbaumblatt aus Ulrikes Herbarium an. Dennoch bleibt Goethes Marienbad als verblichene und zerknitterte Folie erkennbar, insofern als auch Sebalds Marienbad eine mißlingende Liebesgeschichte erzählt. Das würde angesichts der Allgegenwart gelingender und mißlingender Amouren in der Literatur naturgemäß für eine Verbindung nicht hinreichen, wenn nicht das eigens nach Marienbad verlagerte Geschehen eine rare Ausnahme darstellen würde in einem Werk, das Liebesgeschichten programmatisch so gut wie ausschließt.

Für einen Augenblick sieht es nach Gelingen aus. Tatsächlich sei er, so Austerlitz, nie zuvor in seinem Leben besser einschlafen als in dieser ersten mit Marie gemeinsam verbrachten Nacht. Aber vor dem Morgengrauen noch erwacht er mit einem abgründigen Gefühl der Verstörung und muß sich wie ein Seekranker aufrichten und an den Bettrand setzen. Schon bei der Anreise war es ihm geschienen, als führe die schnurgerade Chaussee einmal in Wellentäler hinunter und dann wieder hinauf bis dorthin, wo Böhmen, wie Shakespeare schon ausgeführt hatte und viele nach ihm bestätigt haben, angrenzt an das Baltische Meer. An diesem Morgen tauchen die großen Hotelpaläste aus dem Frühnebel auf wie Ozeandampfer auf einem dunklen Meer. Er ist seekrank und in einem falschen Leben. Eine Zeitung, von der er in der Nacht geträumt hatte, besteht fast ausschließlich aus Todesanzeigen. In der Stadt dann empfindet er den schlechten Zustand der einst herrschaftlichen Gebäude, den aufgebrochenen Verputz, die teilweise mit Brettern und Wellblech vernagelten Fenster als einen genauen Ausdruck seiner seelischen Verfassung. Im Taubenhaus bei Königswart liegen die Kadaver der todkrank aus ihren Nischen gestürzten Vogeltiere am Boden, während ihre noch lebendigen Genossen in einer Art Alterdemenz unter dem Dach leise klagend durcheinander gurren. Der in Regenhüllen aus dünnem, blaugrauen Perlon gekleidete Trupp der zur Erholung Abkommandierten schließlich ist nicht nur ein Inbild der sozialistischen Ordnung, so wie die leicht vornübergebeugten, auffallend untersetzten Gestalten aus dem Nichts auftauchen und im Gänsemarsch den Weg kreuzen, sind sie den Schwadronen der Toten in Wales oder auch auf Korsika ähnlich. Tatsächlich ist Austerlitz in einem falschen Leben, was er 1972 in Marienbad erlebt, ist die Prophezeiung einer Erinnerung, die zwanzig Jahre später erst von Vera wachgerufen werden wird und die dann schon mehr als fünfzig Jahre zurückreicht, weiter wohl als Austerlitz’ eigene Erinnerung reichen kann. 1938 waren sie alle miteinander, Agáta, Vera, Maximilian und Jacquot, in Marienbad gewesen. Logis hatten sie im Osborne-Balmont gleich hinter dem Palace Hotel genommen. Es waren drei wunderbare, beinahe selige Wochen, und doch zogen schon die dunklen Wolken herauf und wenig später würde Agáta in der anderen böhmischen Stadt in den Tod gehen.

Die alles in allem nicht seligen Tage des Aufenthalts im Jahre 1972, in denen Glück und Todeszeichen weitaus enger zusammenrücken, sind auf das Verlangen nach Erinnerung einerseits und das Unvermögen zur und auch die Verweigerung der Erinnerung andererseits zurückzuführen. Als er sich seine frühe Kindheit in Prag so weit wie möglich zueigen gemacht hat, beschließt Austerlitz weiterzusuchen nach seinem Vater und auch nach Marie de Verneuil. Liest man das Buch für einen Augenblick als Tatsachenbericht, so will das Auffinden Maries als um einiges leichter und wahrscheinlicher erscheinen als das des Vaters, und am Horizont erscheint die Verheißung einer Spätsommergeschichte ähnlich der im Fall Paul Bereyters, die mit Goethes Spätherbst- wenn nicht gar Wintermärchen, das nicht jedem gefallen kann, keine nennenswerte Ähnlichkeit haben würde.

Böhmen

A desert country near the sea

Wer ohne jede Vorbereitung zu Sebalds Roman Austerlitz greift, ist nach kurzer Zeit dépaysé, wie in einer falschen Welt. Was wird ihm hier eigentlich erzählt, geht es um Bauwerke, Festungen zumal, oder um Bahnhöfe, um Reisen vielleicht, soll Europa in seiner Vielfalt und Einheitlichkeit dargestellt werden – keiner dieser Ansätze wäre falsch, keiner ist naturgemäß aber auch nur im geringsten erschöpfend. Unter den vom Buch erfaßten europäischen Regionen nimmt Böhmen, tschechisch Čechy, einen der vorderen Plätze ein.

In den Schwindel.Gefühlen, die nach Sebalds eigenem Bekunden eine einzige Hommage an den in Böhmen beheimateten Dichter Kafka sind, hatte Selysses auf der Rückfahrt nach England im Zug das Rheintal abwärts die Winterkönigin getroffen, auf das tiefste versenkt in ein Buch, welches den Titel Das böhmische Meer trug und verfaßt war von einer ihm unbekannten Autorin namens Mila Stern. Weder über das Buch noch über die Autorin läßt sich sehr zum Leidwesen des Reisenden später auch nur das geringste herausfinden. In Austerlitz hatte Marie de Verneuil geäußert, die Straße von Prag nach Marienbad führe in Wellentäler hinunter und dann wieder hinauf bis dorthin, wo Böhmen angrenzt an das Baltische Meer. Nicht auszuschließen – die Chronologie spricht nicht dagegen -, daß Marie de Verneuil unter dem Namen Mila Stern das Buch selbst verfaßt hat und im Rheinexpreß das einzige Exemplar des ansonsten nicht veröffentlichten Werkes liest. Was aber, muß man sich fragen, könnte sie bewogen haben, nun ausgerechnet in Bonn aus dem Zug auszusteigen. Sicher ist nur, daß man von Bonn aus gleichermaßen leicht nach Paris oder Prag weiterreisen kann.

Die Frage, warum Böhmen ein Schauplatz des Buches ist, wird man zunächst unbedacht damit beantworten, daß Austerlitz in Prag geboren wurde und Agáta in Theresienstadt ums Leben kam. Austerlitz aber ist ein Geschöpf des Dichters und Todesstätten hatten die Deutschen in großer Zahl überall in Europa errichtet. Feststeht dagegen, daß Prag Kafkas Stadt ist, der Name Austerlitz aus seinem Tagebuch stammt und auch die Abschiedszene am Prager Bahnhof mit den fliegenden Taschentüchern und dem Zug, der nicht eigentlich wegfährt, sondern nur die kurze Bahnhofstrecke fährt, um uns ein Schauspiel zu geben, und dann versinkt, - auch diese Szene also geht auf seine Aufzeichnungen zurück. Unstrittig ist auch, daß die Suche nach Mila Stern und die Frage des an das Meer angrenzenden Binnenlandes den Dichter unweigerlich nach Böhmen führen mußten.

Die drei böhmischen Städte Prag, Terezín und Marienbad werden jede für sich behandelt. In Marienbad sehen wir bei der Rückkehr ins Hotel Kafka halbverdeckt hinter einer roten Fahne an einem Balkontischchen sitzen, beschäftigt mit einer für ihn viel zu großen Portion Kaiserfleisch. Dieses Verlangen, das er fast immer hatte, wenn er einmal seinen Magen gesund fühlte, Vorstellungen von schrecklichen Wagnissen mit Speisen in sich zu häufen.

Samstag, 18. August 2012

Wien


An der Grenze
ed ero partito per Vienna

Stendhal zieht mit Napoleon nach Italien über den Großen Sankt Bernhard, naturgemäß ohne vorher Station in Wien zu machen. Kafkas Aufenthalt in Wien ist auf drei Seiten abgehandelt. Selysses verweilt, zählt man Klosterneuburg hinzu, gut siebzehn Seiten lang in der österreichischen Metropole. Da das Kapitel All’estero heißt, ist der Leser auf Italien eingestellt und vielleicht ein wenig verdrossen über den langen Zwischenaufenthalt diesseits der Grenze. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich allerdings, daß nur die Reise nach Wien nachweislich geplant war, und Oberitalien nur ein Ort der Flucht vor den auftretenden Schwindelgefühlen ist. Der erste Italienaufenthalt im Jahre 1980 ist nach Tagen eher kürzer als der Aufenthalt in Wien und nach Seiten nur ungefähr doppelt so lang. Erst die zweite Reise, sieben Jahre später, die Wien nur in einem Satz erwähnt und Selysses für mehrere Monate und sechzig Seiten nach Italien versetzt, rechtfertigt den transalpinen Titel der Erzählung.
Der Grund für die erste Reise wird erläutert. Eine Ortsveränderung soll über eine besonders ungute Zeit hinweghelfen. Warum die Wahl dabei auf Wien fällt, wird allerdings nicht offenbart und der gewünschte Heileffekt stellt sich nicht ein. Wien ist leer, menschenleer, Selysses kommt mit niemandem ins Gespräch so wie er später mit Malachio in Venedig ins Gespräch kommt, kein Bekannter wie Salvatore in Verona stellt sich ein. Obwohl Selysses in einem Hotel wohnt und Kaffeehäuser und Gastwirtschaften aufsucht, gewinnt niemand aus dem großen Reich des Hotelpersonals, der Empfangsdamen, der Mitreisenden und Lesegefährten Kontur. Er hat es nur mit Schemen zu tun, Menschen, die mit Sicherheit nicht mehr am Leben sind, wie die Mathild Seelos, der einarmige Dorfschreiber Fürgut oder, in der Gonzagagasse der aus seiner Heimatstadt verbannte Dichter Dante. Auch die Versuche telephonischer Kontaktaufnahme, ohnehin sehr untypisch für unseren Reisenden, scheitern. Bloß mit den Dohlen redet er einiges und mit einer weißköpfigen Amsel. Auch findet Selysses, anders als in Padua, Verona oder auch in London, keinen Halt bei der Betrachtung alter Meister.

Die einzige Beschäftigung in Wien besteht für Selysses aus ebenso endlosen wie leeren Gängen, die aber über ein eher enges Areal nicht hinausführen, einen genau umrissenen, sichel- bis halbmondförmigen Bereich, dessen Rand zugleich die Grenze seiner Vernunft, Vorstellungs- und Willenskraft ist. Jahre später wird er in der Heide von Dunwich ein ähnliches Erlebnis von Carte intérieure et territoire extérieur haben: Im Traum sah ich das Labyrinth, den hellen Sandboden, die scharf abgezirkelten Linien der mehr als mannshohen, fast schon nachtschwarzen Hecken, ein einfaches Muster, von dem ich mit absoluter Sicherheit wußte, daß es einen Querschnitt darstellte durch mein Gehirn. Selysses überschreitet die Grenze, die offenbar die zum Wahnsinn ist, nicht, nähert sich ihr aber gefährlich an. Er wird zum Billigesser mit der zunehmenden Neigung, Gaststätten zu vermeiden, und hält seine Mahlzeit, wie es sich ergibt, an einem Stehimbiß oder verzehrt einfach etwas aus dem Papier. Er führt in einer Plastiktasche allerlei unnütze Dinge mit sich herum und entsetzt sich schließlich angesichts des inwendig schon gänzlich in Fetzen aufgelösten Schuhwerks selbst über die immer deutlicher werdenden Zeichen der Verwahrlosung. Nachdem er den Entschluß zur Abreise gefaßt hat, überschreitet er die Grenze und besucht den Dichter Ernst Herbeck, der auf der anderen Seite wohnt. Das scharfe Denken seines Vaters habe ihm, so Herbeck selbst, die Nerven zersetzt.

Herbeck ist nicht der einzige auf der anderen Seite. Ein Hund wirft sich an ein grüngestrichenes eisernes Gartentor, völlig außer sich, als sei er um den Verstand gekommen. Es war ein großer schwarzer Neufundländer, dessen angeborene Sanftmut durch Mißhandlungen, lange Einsamkeit oder das glasklare Wetter zerstört worden war; - auch ein Hoch, eine klare Wetterlage kann, ähnlich wie ein allzu scharfes Denken des Vaters, schon hinreichen für den Grenzübertritt. Naturgemäß ist zu hoffen, daß dem Tier außer Sonnenschein nichts Schlimmes widerfahren ist, und vielleicht wäre es bei geöffneter Tür für eine Weile freundlich mitgegangen. Anna Goldsteiner, eine andere Bewohnerin der anderen Seite, leidet an einer extremen Vergeßlichkeit, die ihr auch die einfachsten täglichen Arbeiten unmöglich macht. Zuletzt bringt sie zu ihrer eigenen Verwunderung nicht einmal die Namen der drei Ehemänner zusammen, die sie überlebt hat.
Sebalds Prosa hat eine solide realistische Außenhaut, eine erste Lektüre von All’estero hinterläßt den Eindruck, hier werde eine recht chaotisch verlaufende Reise mehr oder weniger so geschildert, wie sie tatsächlich stattgefunden hat. Warum wird das überhaupt erzählt und warum sollen wir es lesen, mag man fragen und spürt, soeben sich noch auf dem ein wenig faden aber festen Boden der Realität wähnend, wie der Grund unter den Füßen schwankt und das Wasser bis zum Hals steht, wie sich untergründige Sinnmengen immer neu ordnen. Das Wasserelement ist in dem Wienkapitel überraschend stark ausgeprägt und nicht allein der schönen blauen Donau geschuldet. Als ich die Augen aufmachte, sah ich mich die Gangway eines großen Fährschiffes herunterkommen. Draußen im Inundationsgebiet Weiden, Pappeln, Erlen und Eschen. Es war als blicke man auf ein wogendes Meer. Das Festland war bereits hinter dem Horizont versunken. Ein Nebelhorn dröhnte. Weiter und weiter zog das Schiff auf das Wasser hinaus. Ja, wenn einer gelehnt steht an den Strom der Zeit. Das Nebelhorn ertönte wieder. Andererseits möchte man entfliegen hoch in die Luft. Luftwellen durchliefen die Bäume, und einzelne losgelöste Blätter fanden den Aufwind und stiegen so hoch, daß sie allmählich den Augen entschwanden. Viel hätte nicht gefehlt an diesem Vormittag und wir hätten das Fliegen gelernt oder zumindest, was man braucht für einen anständigen Absturz. Auch das vierte der althergebrachten Elemente fehlt nicht, der Dichter steuert es bei von jenseits der Grenze: Die Zigarette ist ein Monopol und muß geraucht werden. Auf Dassie in Flammen aufgeht. Der Dichter diesseits der Grenze ist, wie oft bezeugt, der gleichen Ansicht und sieht die Welt dem Feuertod entgegengehen.

In Sebalds Werk treten kaum Kinder auf, im Wienkapitel aber gleich zweimal. Wir bekommen sie aber nicht zu sehen und hören sie lediglich singen, in beiden Fällen in gewisser Weise fehlerhaft. Die unsichtbaren Kinder im jüdischen Gemeindezentrum sangen in englischer Sprache seltsamerweise Jingle Bells und Silent Night. Ein paar Häuser weiter sangen die Kinder in der Volksschule, am schönsten die, denen es nicht recht gelang, den Bogen der Melodie einzuhalten. Olga gab der Versuchung nach, in die Schule, die sie als Kind besucht hatte, hineinzugehen. Allein in dem großen Vorraum, umgeben von den geschlossenen Türen, die ihr seinerzeit wie hohe Pforten erschienen waren, wurde sie von einem Weinkrampf ergriffen.

Die Begegnung mit der eigenen Kindheit führt bei Olga zu einem Gemütszustand, der den titelgebenden Schwindelgefühlen subsumiert werden kann. Im den Schwindel.Gefühlen nachfolgenden Prosawerk Die Ausgewanderten führt der Rückblick auf das eigene Leben in vier Fällen zur alternativen Form des Grenzübertritts, zum Selbstmord. Selysses wird während der gesamten ersten Reise in Grenznähe bleiben, der Entschluß, die Wasserstadt Venedig aufzusuchen, ist ohnehin eine Fehlentscheidung, wie soll er dort festen Boden gewinnen unter den Füßen. Der zweiten, alles in allem erfolgreicheren Reise dienen Wien und Venedig nur für einen kurzen Zwischenaufenthalt, das Bahnhofsgelände wird nicht verlassen.
Entscheidend für das bessere Gelingen der zweiten Reise ist aber weniger die Vermeidung feuchten Untergrunds als der Umstand, daß Selysses in jedem freien Augenblick über seinen Papieren liest und schreibt. Er schreibt über die vergangene erste Reise und auch über die noch stattfindende zweite, und was wir lesen, die Schwindel.Gefühle, sind das Ergebnis dieses Schreibens. Bei seinen Aufzeichnungen hat Selysses möglicherweise noch den gerade in seiner Unvollkommenheit schönen Kindergesang im Ohr. Zwar sind die Melodiebögen der einzelne Sätze immer tonsicher und rein, die größeren Textabschnitte aber scheinen sich der Willkür und den Zufällen des Reisens auszuliefern, und die vielfältigen und rastlosen semantischen Bewegungen unter der Oberfläche heben das nicht auf, sondern scheinen es im Gegenteil noch zu steigern.

Die Schwindel.Gefühle sind das erste Prosabuch des Dichters, das Schreiben hilft ihm jetzt und auch in der Zukunft, diesseits der Grenze zu bleiben. In Ritorno in patria kehrt Selysses wie Olga zurück in die eigene Kindheit und weit entfernt von einem Weinkrampf lächelt er beim erinnernden Betreten der Schule im Gedanken an das Fräulein Rauch, mit dem vor den Traualtar zu treten seine feste Absicht war. Das Schreiben ist aber keineswegs die Heilung vom Leben, sondern allenfalls ein Palliativ mit allerlei gefährlichen Nebenwirkungen. Die Grenze muß so oder so überschritten werden. Als Paul Bereyter sich nahe der Grenze zum Erblinden sieht, schreckt ihn die Idee eines Lebens im mausgrauen Prospekt nicht. Er entscheidet sich dann aber doch für die andere Form des Grenzübertritts.

Dienstag, 7. August 2012

Seidenvogel

Zehnter Teil

Thomas Brownes Musaeum Clausum leitet den zehnten und letzten Teil der Ringe des Saturn ein wie ein musikalisches Vorspiel, bei dem man lange nicht wissen kann, in welche Richtung es gehen soll. Tausend Themen werden für jeweils einige Takte nur angeschlagen, die altsächsische Sprache, das Anlegen künstlicher Berge, Molinea von Sedan und Maria Schurmann im Briefwechsel, ein verschollenes Poem des Ovid -, bis die gesuchte Melodie sich zeigt. Wir erkennen sie sogleich, die Melodie des Seidenwurms, denn sie ist schon verschiedentlich angeklungen im Buch, vor allem im Sechsten Teil, der uns nach China geführt hat. Wenn es Nacht wurde, saß die Kaiserin mit besonderer Vorliebe ganz für sich nur zwischen den Stellagen und lauschte hingebungsvoll auf das leise, gleichmäßige, ungemein beruhigende Vertilgungsgeräusch, das von den ungezählten, das frische Maulbeerlaub zernagenden Seidenwürmern kam. Diese blassen, beinahe transparenten Wesen, die bald ihr Leben lassen würden für den feinen Faden, den sie spannen, betrachtete sie als ihre wahren Getreuen. – Es scheint ein seltsames Einverständnis zu bestehen zwischen der Kaiserin und dem wandernden Selysses, der zum einen eine enge Verbindung zum Spinnen und Weben unterhält und zum anderen auch immer wieder seinen Überdruß am Menschen in der Welt durchblicken läßt.

Sebalds vier Prosabücher teilen sich leicht ersichtlich in zwei Gruppen, deren Unterscheidung sich auf verschiedene Weise beschreiben läßt. Dem spontanen Reisen und Wandern des Selysses, so kann man etwa sagen, in den Schwindel.Gefühlen und in den Ringen des Saturn steht in den Ausgewanderten und in Austerlitz ein Selysses gegenüber, der in Verfolgung des Lebensschicksals anderer reist; Austerlitz ist dabei eigentlich nur die fünfte, überlange Erzählung eines Ausgewanderten. Tiefer greift womöglich die Unterscheidung von kosmologischen und humanistischen Büchern, nicht in der Weise, daß der Autor sich einmal als Welten- und das andere Mal als Menschendichter gibt, sondern so, daß er als kosmologischer Humanist uns einmal stärker die eine und dann wieder die andere Seite zuwendet. Was ist gemeint mit der Klassifizierung als kosmologischer Humanist?
Der kosmologische Humanismus mindert nicht die absolute, wohl aber die relative Bedeutung des Menschen. Es ist eine Frage der Perspektive und der Blickebene. Der humanistische Humanismus, wenn man so sagen kann, beschwört in exzessiver Weise die Ebene gleicher Augenhöhe unter den Menschen – wie sie auch zwischen den Sebaldmenschen besteht - mit der Maßgabe, daß nicht in allzu weite Fernen geschaut werden kann, nicht in die Tiefe des Alls und nicht auf unsere kleineren Brüder. Dem kosmologischen Humanisten hingegen geht es auch um die Ebene knapp unterhalb des von Gott geräumten Platzes. Immer wieder finden sich bei Sebald die verschiedensten Bilder eines Aufschwungs in größere Höhe. In Wahrheit ist van Ruisdael beim Malen natürlich nicht auf den Dünen gestanden, sondern auf einem künstlichen, ein Stück über der Welt imaginierten Punkt, Mrs. Ashbury verschwindet wie eine auffahrende Heilige im Bibliotheksplafond, die Flieger sind in monomaner Weise an nichts als der Höhe interessiert, der Seidenwurm selbst, bevor er noch zum Schmetterling geworden ist, strebt gegen die Höhe und gleichsam, die niedere Welt verachtend, gegen den Himmel an, Tiepolo, der wie alle Welt bis zum Endsieg der europäischen Moderne von einer menschengerechten Kosmologie ausgehen konnte, wußte noch einen Begriff geben von dem, was sich über unseren Köpfen vollzieht, und die seit nahezu siebenhundert Jahren über dem unendlichen Unglück schwebenden Engeln Giottos sind das weitaus Wunderbarste von allem, was wir uns jemals haben ausdenken können. Beim Blick aus der Höhe bis in die Ferne Chinas erscheinen der Kaiserhof und der Lebenszyklus des Seidenspinners wie zwei uns gleichermaßen verschlossene und ineinander verschlungene fremde Welten. Der noch weitere und tiefere, in die Mythenzeit zurückreichende Blick auf den Beginn der Seidenzucht ist dann idyllisch eingefärbt. Dreitausend Jahre vor unserer Zeitrechnung habe der Kaiser Hoang-ti, der mehr als ein Jahrhundert regierte, seine Gemahlin Si-ling-chi bewogen, den Seidenwürmern ihre Aufmerksamkeit zu widmen und unter ihrer Obhut seien sie so gut gediehen, daß in der Folge die sogenannte Hausseidenzucht zur vornehmlichen Beschäftigung aller Kaiserinnen wurde und aus deren Händen überging in die Hände des gesamten weiblichen Geschlechts. Die chinesische Idylle dauerte an bis in die Zeit des Justinian, als zwei persische Mönche die ersten Eier der Seidenraupe über die Reichsgrenzen und in den westlichen Weltteil brachten. Auch beim Zwischenaufenthalt in Byzanz liegt über dem Seidenbau noch das angenehme Dämmerschatten der Frühgeschichte. Dann aber muß sich der Seidenbau dem Licht der anbrechenden Neuzeit stellen.

Frankreich wurde gegen den erbitterten Widerstand des Ministers Heinrichs des Vierten Maximilien de Béthune Duc de Sully serikultiviert, nachzulesen in dessen Memoiren, die das Lexikon unserer Tage als in Stil und Form ungenießbar ausweist, wohingegen Selysses sie zu seinen liebsten Lektüren zählt; man mag rätseln wie er das im einzelnen meint, Logis im Landhaus hat er dem Duc jedenfalls nicht angeboten. Die Hugenotten tragen den Seidenbau nach England, wo er seine frühe europäische Blüte erlebt, und auch im damaligen, eher rückständigen Deutschland, wo man in manchen Residenzstädten am Abend noch die Schweine über den Schloßplatz trieb, werden bald die größten Anstrengungen zum Emporbringen des Seidenbaus unternommen, allerdings ohne durchgreifenden Erfolg. Als sich dann das Dritte Reich der Sache annimmt, sieht es einerseits so aus, als solle auf dem Obersalzberg eine Teezeremonie abgehalten werden, andererseits aber lagen Zuchtauswahl und die letztendliche Tötung der Raupen naturgemäß in den besten Händen. Die Abtötung der Raupen, als letzter Schritt ihrer Zucht, geschieht dadurch, daß man die Kokons über einen beständig am Sieden gehaltenen eingemauerten Wasserkessel schiebt. Drei Stunden müssen sie in flachen Körben ausgebreitet über dem aus dem Schaff aufsteigenden Wasserdampf liegenbleiben, und wenn man mit einer Menge fertig ist, so fährt man mit der nächsten fort, so lange, bis das ganze Tötungsgeschäft vollendet ist.
Der Lebenszyklus des Seidenspinners ist extrem kurz, eher nach Wochen denn nach Monaten bemessen, ein Leben nur knapp oberhalb der Grenze zum Tod, möchte man sagen. Der voll ausgebildete Seidenvogel ist nur eine unscheinbare Motte. Ihr einziges Geschäft ist die Fortpflanzung. Das Männchen stirbt bald nach der Begattung, das Weibchen legt mehrere Tage hintereinander drei- bis fünfhundert Eier und stirbt dann gleichfalls. Damit ist der Seidenvogel eine wahre Bewährungsprobe für das Programm, allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zuzusprechen. Das Versprechen wird in einer Zeit allgemeiner Daseinsverachtung dadurch eingelöst, daß die Sprachhaltung eine isomorphe Struktur des Tötungsgeschäftes an Menschen, Heringen und Seidenraupen ans Licht bringt.

Fortpflanzung und vielleicht noch ein kurzer Augenblick zwecklosen Flatterns und Fliegens anspruchsloser Schönheit. Die einzig wirkliche Freiheit, die wir, vom Selbstmord abgesehen, vor anderen Tieren und damit auch vor den Seidenvögeln haben, ist ja die, uns nicht fortzupflanzen, so urteilen bei Sebald die Flieger. Sie steigen auf und kehren schließlich von einem ihrer Flüge nicht mehr zurück und haben, anders als die Seidenvögel, keine Nachfahren. Nur so kann dem allem Leben innewohnenden Tötungsgeschäft Einhalt geboten werden.

Selysses selbst rechnet sich nicht den Fliegern, sondern den Seidenwebern zu, die zur Melancholie und allen aus ihr entspringenden Übeln neigen, das versteht sich bei einer Arbeit, die einen zwingt zu beständigen krummen Sitzen und zu andauernden scharfen Nachdenken. Man macht sich nicht leicht einen Begriff davon, in welche Ausweglosigkeiten und Abgründe das ewige, auch am sogenannten Feierabend nicht aufhörende Nachsinnen, das bis in die Träume hineindringende Gefühl, den falschen Faden erwischt zu haben einen Treiben kann. Mit dem Elend teilt der Dichter aber auch den Glanz der Weber. Die Kehrseite ist es, und auch das verdient festgehalten zu werden, das manche der Gewebe von wahrhaft phantastischer Vielfalt und einer mit Worten kaum zu beschreibenden Schönheit sind, ganz als seien sie hervorgebracht von der Natur selber. – Welcher Leser der Ringe des Saturn und der anderen Bücher wollte das bestreiten.

Durch fünftausend Jahre Menschengeschichte hat Selysses den feinen Faden und das prekäre Leben der Seidenraupe gesponnen, aber die beinahe nur aus Kalamitäten bestehende Geschichte taugt nicht für ein sinnvolles Gewebe. Am letzten Tag der Wanderschaft und des Buches bricht die Kakophonie aus, die offenen Fäden zeigen wirr in alle Richtung. Es ist Gründonnerstag, Namensfest der Heiligen Agathon, Carpus, Papylus und Hermengild, vor genau dreihundert Jahren wurde das Edikt von Nantes erlassen, vor zweihundertdreiundzwanzig Jahren Warren Hastings zum Gouverneur von Bengalen ernannt, vor einhundertdreizehn Jahren die antisemitische Liga gegründet &c &c. Allein der Tod verhilft dann doch zu einem ordentlich Schlußakkord in Gestalt eines fein gewebten Seidentuchs: Zu Brownes Zeit ist es in Holland Sitte gewesen, im Hause eines Verstorbenen alle Spiegel und alle Bilder, auf denen Landschaften, Menschen oder die Früchte der Felder zu sehen waren, mit seidenem Trauerflor zu verhängen, damit nicht die den Körper verlassende Seele auf ihrer letzten Reise abgelenkt würde, sei es durch ihren eigenen Anblick, sei es durch den ihrer bald für immer verlorenen Heimat.

Sonntag, 29. Juli 2012

Räume der Kindheit

Puer ludit, puella cantat

In der Erzählgegenwart der Bücher Sebalds gibt es keine Kinder, allem Anschein nach werden in der Gegenwart keine mehr geboren, die Prokreation wurde eingestellt. Wir treffen nur die Kinder, als die die Erwachsenen sich erinnern. Das sind vor allem Selysses selbst, ferner Austerlitz, Aurach, Aurachs Mutter Luisa Lanzberg, Bereyter und Mme Landau, Hamburger und Conrad.

So wie sich für die meisten von uns die frühe Kindheit aus nur wenigen nicht erloschenen Bildern zusammensetzt, so ist auch Paul Bereyters Erinnerung von nur einem Bild geprägt, den Zimtläden in Drogobytsch nicht unähnlich. Er sieht sich auf seinem Dreirädchen durch das von seinem Vater erstandene wundervolle Emporium fortbewegen, meistens auf der untersten Ebene, durch die Schluchten zwischen Ladentischen, Kästen und Budeln und durch eine Vielfalt von Gerüchen hindurch, unter denen die des Mottenkampfers sowie die der Maiglöckchenseife immer die hervorstechendsten gewesen sind, während die Walkwolle und der Loden einem nur bei feuchtem, die Heringe und das Leinöl nur bei heißem Wetter in die Nase gestiegen sind.

Auch die Kindheit der Mme Landau ist geprägt von einem Raum, einem Haus, das sich aber erheblich unterscheidet von dem Emporium, das der kleine Bereyter durchradelt. Während das Entzücken des Emporiums in seiner Vollgeräumtheit besteht, liegt der Zauber der kleinen Villa am Ufer des Sees in seiner Leere. Der Vater hatte mit dem Kauf fast sein gesamtes Vermögen aufgezehrt und sie hätten, infolgedessen, ihre ganze Kindheit hindurch in dem so gut wie unmöblierten Haus wohnen müssen. Das Wohnen in den leeren Zimmern sei ihr allerdings nie als ein Mangel, sondern vielmehr, auf eine nicht leicht beschreibbare Weise, wie eine besondere, durch eine glückliche Entwicklung der Dinge ihr zugefallene Entwicklung der Dinge ihr zugefallene Auszeichnung oder Vergünstigung erschienen. Fast könnte einem die Villa am Seeufer als eine Art Nullstufe der sorgsamen und kostbaren Interieurs in Stifters Nachsommer erscheinen, die man sich ja auch als klar und so leer wie nur möglich vorstellt.

Selysses hat als Kind die Bekanntschaft weder eines Emporiums voller Geheimnisse noch der klaren Linien einer leeren Villa am Seeufer gemacht. Das Wohnzimmer im Elternhaus war versehen mit einer standesgemäßen Einrichtung, die nach einer ungeschriebenen Vorschrift akkurat den Geschmacksvorstellungen des für die damals sich formierende klassenlose Gesellschaft repräsentativen Durchschnittspaars entsprach. Die später bezeugte Vorliebe für ungeputzte, verstaubte Ambiente dürfte in diesem, zweifellos immer im frischen Glanz gehaltenen Wohnzimmer ihren Ausgangspunkt haben. Überdies ging man in das Wohnzimmer werktags nicht hinein, so daß Selysses gleichsam exiliert und auf andere Räume angewiesen war. In der Abenddämmerung erfaßte ihn unfehlbar der Wunsch in die unter der elterlichen Wohnung gelegene Wirtschaft hinunterzugehen und dort der Romana, der Mutter aller Empfangsdamen, beim Abwischen der Tische und Bänke, beim Kehren des Bodens oder beim Trocknen der Gläser zu helfen. An der Seite des Großvaters besucht er die Kapellen, die es zahlreich um W. herum gab, und vieles von dem, was er damals von ihnen gesehen und gespürt hat, wird in ihm geblieben sein, die Angst vor den dort abgebildeten Grausamkeiten nicht weniger als in seiner Unerfüllbarkeit der Wunsch nach einer Wiederholung der in ihrem Inneren herrschenden vollkommenen Stille. Ein weiterer prägender Ort der Kindheit ist das Haus der Mathild Seelos, das Selysses häufig in der Begleitung des Großvaters besucht. Sie saßen dann im Kaffeezimmer, weil die Mathild niemand, auch den Großvater nicht, zu sich hinaufließ. Insbesondere aber hatte sie dem Jungen verboten, in den Dachboden hinaufzusteigen, wo, so die Begründung, der graue Jäger logierte. Die Begehungsverbote im Haus der Mathild haben keine Ähnlichkeit mit der werktags verschlossenen Stube in der elterlichen Wohnung, enthalten sie doch ein Transzendenzversprechen, das viele Jahre später, als Selysses den Dachboden erkundet und Mathilds hinterlassene Bibliothek an sich nimmt, nicht einmal enttäuscht wird.
Die zurückblickenden Erwachsenen sehen sich als Kind ganz überwiegend allein oder aber im Verhältnis zu Erwachsenen und kaum jemals unter Gleichaltrigen. Selysses sieht sich immerhin als Schüler der dritten, von Paul Bereyter geführten Klasse und er sieht sich überdies in einer Art Huckleberry-Finn-Beziehung zu Fritz, der, wie er bald herausfand, die dritte Klasse zum zweiten Mal machte und dem die Schularbeit unendlich langsam vonstatten ging. Meistens aber sieht man Selysses das Kind allein unterwegs, am Lehrerhaus und am Kaplanhaus vorbei die hohe Friedhofsmauer entlang, an deren Ende der heilige Georg ohne Unterlaß mit einem Spieß dem zu seinen Füßen liegenden greifartigen Vogeltier den Rachen durchbohrt, und dann den Kirchberg hinunter und durch die obere Gasse, oder aber an der endlosen Mauer der Jägerkaserne entlang in die Ostrachstraße hinaus, hinter welcher, in einer Entfernung von kaum mehr als fünf, sechs Metern, ein reißender Sägemühlenkanal vorbeifloß, aus dem man des öfteren schon eine Wasserleiche herausgezogen hatte, zuletzt einen sechsjährigen Knaben, dessen Bruder auch Paul Bereyters Klasse besuchte. Es ist, als wolle das Kind sich bereits einüben auf die spätere Existenz des Dichters, den wir nie zuhaus erleben und bei dem nur unsichere Indizien den Schluß zulassen, daß er ein Zuhause überhaupt hat.

Wenn wir die Gestalt des Selysses auf die werktags verschlossene Zimmertür zurückführen, kann dem, was als die meßbare Größe eines Ereignisses erscheinen mag, keine Bedeutung zukommen, jedenfalls ist die Vorenthaltung eines Hauses der Kindheit im Fall von Joseph Conrad weitaus gründlicher und das Ergebnis, nämlich die Berufung zum Prosadichter, doch ähnlich. Am Ende des Sommers 1862 reiste Mme. Evelina Korzeniowska mit ihrem damals noch nicht ganz fünfjährigen Knaben Teodor Josef Konrad von der kleinen podolischen Stadt Schytomyr nach Warschau, um sich ihrem Gemahl Apollo Korzeniowski anzuschließen. Noch im Oktober wird der Vater festgenommen, zunächst in die Zitadelle eingesperrt und dann mit der Familie nach Wologda verbannt. Der an Tuberkulose erkrankten Evelina samt ihrem kleinen Sohn wird als Gnadenerweis der zaristischen Behörden die Erlaubnis eines längeren Genesungsurlaubs auf dem Gut ihres Bruders zuteil, muß dann aber, dem Tod schon näher als dem Leben, zurück ins Exil, wo sie anderthalb Jahre später stirbt. Wiederum zwei Jahre später werden der Vater, seinerseits schon todkrank, und mit ihm der Sohn aus dem Exil entlassen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Lemberg beziehen sie ein paar Zimmer in der ul. Poleska in Krakau. Während der Sterbewochen saß Konrad immer an einem von einer grünen Lampe beleuchteten Tischchen in einem fensterlosen Kabinett und machte seine Hausaufgaben. Die Tintenflecke im Heft und an den Händen kamen von der Angst in seinem Herzen. Schon bald faßte er den für den Sohn eines polnischen Landadligen ganz und gar abwegigen Gedanken, Kapitän werden zu wollen, abwegig und doch auch naheliegend, Wohnung zu nehmen in einem fahrenden Haus, um Jahre später dann zurückzukehren an eine von einer grünen Lampe beleuchtete Schreibplatte.
Die denkbar schärfste Grenze ist für Austerlitz zwischen der ersten Kindheit und der späteren gezogen. Das Predigerhaus in Bala kann er nicht als Haus der Kindheit akzeptieren. Schlimm war beim Erwachen am frühen Morgen das Jeden-Tag-von-neuem-Begreifenmüssen, daß er nicht mehr zu Hause war, sondern sehr weit auswärts, in einer Art von Gefangenschaft. Es hat ihn immer gefroren in dem Predigerhaus, nicht bloß im Winter, wenn oft nur der Herd in der Küche geschürt wurde und nicht selten der steinerne Boden des Eingangs von Reif überzogen war, sondern auch schon im Herbst und bis weit in das Frühjahr und die unfehlbar verregneten Sommer hinein. Die Annäherung an das Haus der ersten Kindheit vollzieht sich in einer Art Erinnerungssturm der ausgelöst wird durch das unebene Pflaster der Šporkova. Der gesprenkelte Kunststeinboden des Entrees im Haus Šporkova 12, der feuchte Kalkgeruch, die sanft ansteigende Stiege, die haselnußförmigen Eisenknöpfe auf dem Handlauf des Geländers, lauter Buchstaben und Zeichen aus dem Setzkasten der vergessenen Dinge, die zu einer glückhaften und zugleich angstvollen Verwirrung der Gefühle führen. Die elterliche Wohnung verfehlt er knapp, die Tür öffnet ihm Vĕra Ryšanová, die die Nachbarin seiner Mutter sowohl als sein Kinderfräulein gewesen ist. Auch mit sich selbst als Kind kann er die Einheit nicht herstellen. Das Bild seiner selbst als Kinderkavalier bewegt und erschüttert ihn nicht etwa, sondern macht ihn nur sprach- und begriffslos und zu keiner Denkbewegung imstande.

Aurach findet nur vermittels eines illusionistischen Zugangs zurück in das Haus der Kindheit und auch das nur im Traum. Schließlich gelangten wir durch eine mit erstaunlicher Kunstfertigkeit gemalte trompe-l’œil-Türe in ein tief verstaubtes, seit Jahren offenbar nicht mehr betretenes, im größtmöglichen Gegensatz zu den gerade erst verlassenen glitzernden Glaspalast stehendes Kabinett, das ich nach einigem Zögern erkannte als das Wohnzimmer meiner Eltern. Auf dem Kanapee aber sitzt ein Fremder, Frohmann aus Drohobycz. Für Hamburger überblenden sich unentwirrbar Eindrücke seiner englischen Heimat in Middleton mit Erinnerungen an ein Haus der Kindheit in Berlin. Es braucht in der Traumzeit wohl eine Stunde und mehr, daß ich mich nicht in dem Haus in Middleton, sondern in der weitläufigen Wohnung der Eltern der Mutter in der Bleibtreustraße befinde, deren museale Räumlichkeiten mich bei meinen Kindheitsbesuchen kaum weniger beeindruckten als die Zimmerfluchten von Sanssouci. Und jetzt ist hier alles versammelt, die Berliner Verwandten, die deutschen und die englischen Freunde, meine Schwiegerleute, meine Kinder, die Lebendigen und die Toten. Unerkannt schreite ich durch sie hindurch, von einem Salon in den anderen. 

Die Erinnerung an die Kindheit führt bei allen zu einem Raum, einem Haus, einer Umgebung. Selysses nimmt insofern eine Sonderstellung ein, als er sich von dem mit einer standesgemäßen Wohnzimmereinrichtung versehenen Haus seiner Kindheit lossagt. Auf der anderen Seite steht Mme. Landau die ihr nach allem was man vermuten kann glückliches Leben in einem ungebrochenen und ungetrübten Verhältnis zu der kleinen leeren Villa am Ufer des Sees verbringt. Sieht man Bereyter das Kind auf seinem Dreirädchen, Austerlitz bei der Beobachtung des Schneiders Moravec, Aurach unterwegs mit seinem Vater dem Kunsthändler, so schien ihnen ein ähnlich ungebrochener Lebensverlauf verheißen wie Marie Landau, aber sie alle wurden auf die ein oder andere Weise aus dem Haus der Kindheit vertrieben. Sie sind Exilierte ihrer Kindheit, und so kann es nicht verwundern, wenn Nabokow, traumatisiert von der Zerstörung einer als unwirkliches Glück erlebten Kindheit in einem ebenso liebevollen wie reichen Elternhaus des zaristischen Rußlands, herumirrt zwischen den Ausgewanderten.

Mit dem unebenen Pflaster der Šporkova ist unüberhörbar ein Proustsches Motiv angeschlagen, und wenn Agáta endlich zu ihm ins Zimmer trat und sich zu ihm niedersetzte, umhüllt von einem seltsamen, aus verwehtem Parfüm und Staub gemischten Theatergeruch, dann scheint es für einen Augenblick, als seien wir wieder eingestiegen in den fünftausend Seiten langen Bericht von der Vertreibung aus dem Paradies der symbiotischen Existenz mit der Mutter. Selysses’ eigenes Erleben ist aber davon weit entfernt, und so überläßt er, dabei zurückgreifend auf einen sogenannten Prätext*, für den ausführlichsten Kindheitsbericht in seinem Werk das Wort der Luisa Lanzberg. Einmal beim Heimgehen am Sabbat ist der Leo untröstlich über seinen neuen, aus gesteiften hellblauweißen Baumwollstoff geschneiderten Matrosenanzug, hauptsächlich über den dicken Krawattenknopf und den über die Schultern hinabhängenden Latzkragen mit den gekreuzten Ankern, an denen die Mutter gestern bis tief in die Nacht hinein gestickt hat. Erst als wir, in der Dunkelheit schon, auf der vorderen Treppe hocken und zusehen, wie sich am Himmel die Gewitterwolken übereinanderschieben, vergißt er allmählich sein Unglück. Nachdem der Vater zurück ist, wird die aus vielen bunten Wachsträngen geflochtene Kerze zum Sabbatausgang angezündet. Wir riechen an dem Gewürzbüchschen und gehen hinauf ins Bett. Pausenlos fahren die grellweißen Blitze herunter, und es krachen die Donnerschläge, daß das Haus zittert. Wir stehen am Fenster. Heller als am Tag ist es manchmal draußen. Heubüschel treiben auf den Wasserstrudeln im Straßengraben. Dann zieht das Gewitter ab.

*Klaus Gasseleder, Erkundungen zum Prätext der Luisa-Lanzberg-Geschichte

Donnerstag, 19. Juli 2012

Die Toten

L’éternité perdue

Nichts ist ihm in der Kindheit sinnvoller erschienen als diese beiden Tage, Allerheiligen und Allerseelen, Tage der Erinnerung an die Leiden der heiligen Märtyrer und der armen Seelen, an denen die dunklen Gestalten der Dorfbewohner seltsam gebeugt im Nebel herumgingen als seien ihnen ihre Wohnungen aufgekündigt worden. Insbesondere aber berührte ihn alljährlich das Verspeisen der Seelenwecken, die der Mayrbeck einzig für diese Gedenktage machte, und zwar nicht mehr und nicht weniger als einen einzigen für jeden Mann, jede Frau und ein jedes Kind. Aus Weißbrotteig waren diese Seelenwecken gebacken und so klein, daß man sie leicht in einer geschlossenen Hand verbergen konnte. Der Mehlstaub, der an seinen Fingern zurückgeblieben war, nachdem er seinen Seelenwecken aufgegessen hatte, ist ihm wie eine Offenbarung vorgekommen, und am Abend desselben Tags hat er noch lange in der im Schlafzimmer der Großeltern stehenden Mehlkiste gegraben, um das dort verborgene Geheimnis zu ergründen.

Der Seelenwecken unterscheidet sich vielleicht in der Backsubstanz nicht allzu deutlich von Prousts Madeleine. La recherche du mystère dans une huche à farine, à l’ombre des morts: eine weitere der gültigen Selbstspiegelungen des Prosawerks, anders als die der durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung einer jeden Erscheinung, eines jedes Blättchens (Pisanello) und die der Levitation der Sätze (Browne) nicht in einem anderen Kunstwerk, sondern auf einer Fläche des eigenen Erlebens und Erinnerns aus der Ferne der Kindheit. Festum Omnium Sanctorum und Commemoratio Omnium Fidelium Defunctorum, Feiern der Annäherung an die Toten, die dunklen Gestalten der Dorfbewohner gehen seltsam gebeugt im Nebel umher, den Toten um einiges ähnlicher als an gewöhnlichen Tagen, und vom Seelenwecken erweckt beginnt Selysses im jungen Alter die Suche nach der Wahrheit dort, wo er sie auf Dauer vermuten wird, im Kleid des Geheimnisses in einem von keinem Menschen noch entdeckten Abseits.

Die beiden sinnvollen Tage sind vorüber und alles kehrt zurück zur Ordnung, die Lebenden in ihren Alltag, die heiligen Märtyrer an die Seite des Herrn und die armen Seelen ins Fegefeuer, das Jahr darauf wird man sich wieder treffen. Dieser Ablauf war aber nur möglich, solange die alten Meister noch einen Begriff geben konnten von dem, was sich über unseren Köpfen vollzieht und dabei zuverlässig auch die unsichtbare Zeitdimension der Ewigkeit mitmalten. But then people stopped thinking about eternity, they began do concentrate on measurable hours. Überall ticken die Uhren, eine Unzahl von Standuhren, Regulatoren, Wohnzimmer- und Küchenuhren, Weckern, Taschen- und Armbanduhren durcheinander, ganz so als könne ein Uhrwerk allein nicht genug Zeit zerstören. Und wir sind schon selbst wie eine Uhr, unsere getrübten Augen, die wir den Blinden gleich etwas aufrecht gegen die Helligkeit gerichtet halten, sind von derselben eisgrauen Farbe wie der Pastis im Glas. Wir blicken nur immer unverwandt nach oben und drehen dabei gleichmäßig mit dem Daumen und dem Zeigefinger der rechten Hand den sechskantigen Stiel des Glases Ruck für Ruck weiter, so gleichmäßig, als hätten wir in unserer Brust statt eines Herzens das Räderwerk einer Uhr.

Die Augen nach oben gerichtet gegen die vermeintliche Helligkeit sehen wir nichts als graues Dunkel, mit dem Verlust der Ewigkeit ist ein geordnetes Miteinander von Toten und Lebenden unmöglich geworden. Durch das fortwährende Ticken der Uhren wird die Zeit feingeschrotet zu einer ewigen Gegenwart, möglichst - vermittels Abortio am Eingang und Gerätemedizin am Ausgang - ohne weiteren Austausch des Personals, der einseitige Verlauf der Zeit streicht neben der Ewigkeit auch die Vergangenheit fort, und die Zukunft ist nurmehr eine ganz und gar leere Verheißung.

Selysses aber, in der Gestalt des Jacques Austerlitz, hat nie eine Uhr besessen, weder einen Regulator, noch einen Wecker, noch eine Taschenuhr, und eine Armbanduhr schon gar nicht. Seine Sehnsucht ist, sich in einer steinernen Burg bis an sein Lebensende mit nichts zu beschäftigen als dem Studium der vergangenen und der zeitlos vergehenden Zeit. Den Platz der Toten sucht er nicht in der von der christlichen Lebens- und Totenordnung verlassenen Gegenwart, die den Toten jeden Platz streitig macht, sondern in einer vorchristlichen Vergangenheit, etwa auf Korsika. Überall zogen sie dort herum, die Toten, in kleinen Banden und Gruppen und manchmal in regelrechten Regimentern. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie normale Leute, aber sowie man genauer hinschaut, verwischen sich ihre Gesichter oder flackern, gerade wie die Gesichter der Schauspieler in einem alten Film. Als Sebald das Korsikaprojekt aufgegeben hat, findet er die Regimenter bei der Niederschrift von Austerlitz im keltischen Wales wieder. Dort gehen Toten fast immer alleine, manchmal ziehen sie aber auch in kleinen Schwadronen herum: in bunten Uniformröcken oder in graue Umhänge gehüllt hat man sie schon gesehen, wie sie zwischen den Feldmauern, die sie nur knapp überragten, mit leisem Rühren der Trommel hinaufmarschierten in die Hügel über dem Ort.

Während bei einem der Mittelmeerinsel Korsika gewidmeten Buch die Beschäftigung mit archaischen Totenvorstellungen ohne weiteres einleuchtet, überrascht das Motiv in einem nach breitem Konsens vor allem anderen dem Holocaustthema verpflichteten Buch. Der Schuster Evan, von dem die keltischen Totenberichte stammen, ist in dieser Angelegenheit der Gegenspieler des Predigers. Im Gegensatz zu Elias, der Krankheit und Tod immer in einen Zusammenhang brachte mit Prüfung, gerechter Strafe und Schuld, erzählte Evan von Verstorbenen, die das Los zur Unzeit getroffen hatte, die sich um ihr Teil betrogen wußten und danach trachteten, wieder ins Leben zurückzukehren. Auszuschließen ist, daß Austerlitz, den die gewaltigen Kanzelreden des Prediger Elias nicht zum Glauben der Christenheit haben bekehren können, daraufhin der keltischen Mythologie und dem Glauben an die Krierien-noz anheimgefallen wäre. Evans Ausführungen mögen ihm eher einleuchten als die gewaltigen und fruchtlosen Rechtfertigungsanstrengungen des christlichen Lehrgebäudes, was erzählerisch benötigt wurde, war in jedem Fall ein scharfes Kontrastbild zur Moderne, die für die Toten keinen Platz in ihrer Mitte hat und sie unauffindbar unter ihren Tempeln verscharrt. Über die mit dem Staub und den Knochen zusammengesunkener Leiber versetzte Erdschicht hinweg war die große Stadt gewachsen. Um 1860, vor Beginn der Bauarbeiten an den beiden nordöstlichen Bahnhöfen, wurden ungeheure Erdmassen, mitsamt den in ihnen Begrabenen, aufgewühlt und verschoben, damit die Eisenbahntrassen, die auf den von den Ingenieuren angefertigten Plänen sich ausnahmen wie Muskel- und Nervenstränge in einem anatomischen Atlas, herangeführt werden konnten an den Rand der City.

Mit nichts anderem beschäftigt als dem Studium der vergangenen und vergehenden Zeit: der Begriff des Studiums überrascht in diesem Zusammenhang, eher würde man mit Betrachtung oder Versenkung oder ähnlichem rechnen, zumal bei Selysses vor Jahren schon den Wunsch erweckt wurde, alles aufgeben zu können außer dem Schauen. Man kann eine ironische Verwendung von Studium diagnostizieren. Bildung ist der operative Begriff der Aufklärung und Studium ihr Einsatzmodus. Zum einen erhofft man, da das nüchterne Studium des Vorhandenen häßliche Vorurteile und üble Meinungen über den Menschen vertreibt, und zum anderen soll das Studium, technisch ausgerüstet, zu Verbesserungen und Erleichterungen des Lebens der Menschen und damit in der Summe zu einer lichten Zukunft führen. Nichts dergleichen aber ist vom Studium der vergangenen und vergehenden Zeit zu erwarten.
Vor allem die Ringe des Saturn können als Protokoll einer längeren Studiensitzung gelten. Dem Studium der vergehenden Zeit dient die aktuelle Wanderzeit, die fortwährenden Abschweifungen in mehr oder weniger weite geschichtliche Tiefen erlauben das Studium der vergangenen Zeit, wenn es aber ein Studienergebnis gibt, dann dies, das beides ein und dasselbe ist. Das Buch beginnt mit zwei Totenreden und wird fortgeführt mit der Suche nach dem Schädel Thomas Brownes, der in seinem berühmten, halb archäologischen, halb metaphysischen Traktat über die Praxis der Feuer- und Urnenbestattung zu den späteren Irrfahrten des eigenen Schädels den schönsten Kommentar liefert an der Stelle, wo er schreibt, aus dem Grabe gekratzt zu werden sei eine Tragödie und eine Abscheulichkeit. Möglicherweise, so Selysses, war Browne anwesend bei der anatomischen Vorlesung des Dr. Tulp, die, so wie Rembrandt sie gesehen und festgehalten hat, das Scheitern der Neuzeit belegt bei dem Versuch, die alte Zeit abzustreifen, denn zweifellos handelte es sich bei der Prosektur einesteils um eine Demonstration des unerschrockenen Forschungsdrangs der neuen Wissenschaft, andernteils aber, obzwar man das sicher weit von sich gewiesen hätte, um das archaische Ritual der Zergliederung eines Menschen, um die nach wie vor zum Register der zu verhängenden Strafen gehörende Peinigung des Fleisches des Delinquenten bis über den Tod hinaus. An Schädeln und Gebeinen fehlt es in der im witeren Verlauf des Buches nicht, im Kongo nicht, nicht in China, auf dem Balkan und in Bergen Belsen. Dann aber schließt das Buch, so als gäbe es die Ewigkeit, mit einem schönen Totenbild, kaum weniger innig als das von den Seelenwecken: Zu Brownes Zeit ist es in Holland Sitte gewesen, im Hause eines Verstorbenen alle Spiegel und alle Bilder, auf denen Landschaften, Menschen oder die Früchte der Felder zu sehen waren, mit seidenem Trauerflor zu verhängen, damit nicht die den Körper verlassende Seele auf ihrer letzten Reise abgelenkt würde, sei es durch ihren eigenen Anblick, sei es durch den ihrer bald für immer verlorenen Heimat.

Wie klar ist die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten? Als Selysses in seinen Heimatort W. zurückkehrt, ist die Engelwirtin, die namenlos bleibt, die einzige unter den aktuellen Bewohnern, mit der er, notgedrungen, in ein weitgehend wortloses Gespräch eintritt. Überlebt hat auch der Lukas Seelos, der nun den ganzen Tag auf dem Sofa lag oder höchstens mit nutzlosen kleinen Arbeiten im Haus herum verbrachte, und dem es geradezu unbegreiflich geworden war, daß er einmal ein guter Torwart gewesen sei und daß er, der immer öfter von schweren Depressionen geplagt wurde, im Dorf seinerzeit den Hanswursten gemacht hatte, ja daß er jahrelang in der Fasnacht das Ehrenamt des Fasnachtskaspers innegehabt hatte. Auf sein vergangenes Ich schaut er zurück wie auf einen Toten, und Selysses selbst verwandelt sich in seinen eigenen Großvater, indem er beim Herauskommen aus einer Haustür wie dieser zuerst stehengeblieben ist, um nach dem Wetter zu schauen und auf sein verlorenes Ich als Kind wie auf einen vertrauten Fremden. Wenn die Toten, die Krierien-noz, regelmäßig kleiner sind als die Lebenden, so vielleicht deswegen, weil sie den Durchschnittswert unserer verschiedenen nacheinander dahinscheidenden Lebensabschnitte innehaben.