Sonntag, 21. Oktober 2012

Eyes Wide Shut

Falsche Welt
Wer das Buch Austerlitz aufschlägt und sich vom Dichter mit auf die Fahrt nach Antwerpen nehmen läßt, mag sich schon bald vorkommen wie die schöne junge Lilofee, die Quartier am Grunde des Sees beziehen muß. Der Leser wird in den Nachtzoo entführt, den er sich, wohl zu Unrecht, als unterirdische Anlage vorstellt. Mit dem Leben unter Wasser wird er tatsächlich erst siebzig Seiten später vertraut, aber schon hier kann er sich, in Form einer Trockenübung, auf die dort herrschenden Lebens- und Lichtverhältnisse einstellen. In dem künstlichen Halbdunkel sind verschiedene Tiere zu erkennen, die hinter der Verglasung ihr von einem fahlen Mond beschienenes Dämmerleben führen. Der Dichter gibt vor, sich an die einzelnen Tierarten nicht zu entsinnen, zählt sie dann aber doch in detaillierter Ausführlichkeit auf. Wirklich gegenwärtig geblieben sei ihm nur der Waschbär, der mit ernstem Gesicht an einem Bächlein saß und immer wieder denselben Apfelschnitz wusch, als hoffe er, durch dieses, weit über jede vernünftige Gründlichkeit hinausgehende Waschen entkommen zu können aus der falschen Welt, in die er gewissermaßen ohne sein eigenes Zutun geraten war. Von allen Tieren aber seien die auffallend großen Augen in der Erinnerung geblieben und jener unverwandt forschende Blick, wie man ihn findet bei bestimmten Malern und Philosophen, die vermittels der reinen Anschauung und des reinen Denkens versuchen, das Dunkel zu durchdringen, das uns umgibt.
Der Text könnte hier enden, es wäre dann eine kleine in sich geschlossene Geschichte wie La cour de l’ancienne école, wie diese mit offenem Ende. Allerdings würde man schon gerne erfahren, was die Maler und Philosophen mit reiner Anschauung und reinem Denken zustande bringen, also fahren wir fort. Als Eröffnungsszene des ganzen Buches läßt sich das Nocturama prinzipiell zu allen nachfolgenden Motiven in Beziehung setzen, wenn auch nicht in der jeweils gleichen Weise. Die Beziehung kann eng sein oder aber lose, sie kann auf Ähnlichkeit beruhen oder auf Kontrast. Der Bericht vom versunkenen Ort Llanwddyn scheint eine besonders enge Affinität zum Nocturama zu haben.
Schaut man herab von der Staumauer von Vyrnwy, so muß man wissen, daß vielleicht hundert Fuß unter dem dunklem Wasser noch mindestens vierzig Häuser und Höfe stehen, ferner die Kirche zum heiligen Johann und drei Kapellen und drei Bierschenken, und man stellt sich vor, daß die Dorfbewohner drunten in der Tiefe weiterhin in ihren Häusern sitzen und auf der Gasse herumgehen, aber ohne sprechen zu können und mit viel zu weit offenen Augen. Nachts vor dem Einschlafen ist es uns, als seien auch wir untergegangen in dem dunklen Wasser, nicht anders als die armen Seelen von Vyrnwy, die Augen weit offen, um hoch über uns einen schwachen Lichtschein zu sehen und das von den Wellen gebrochene Spiegelbild des steinernen Turms, der so furchterregend für sich allein an dem bewaldeten Ufer steht.
Die gleichen weit geöffneten Augen im Nachtzoo und unter Wasser. Die Augen der Nachttiere setzen sich fort in den Augen der Maler und Philosophen, die Augen der Seelen am Grund auf der Suche nach einem schwachen Lichtschein hoch oben verlängern sich in die Augen Dafydds, des jungen Austerlitz. Mehr noch als der Waschbär, so wird man urteilen, sind die Wassermänner und -frauen in einer falschen Welt. Beim Waschbären scheint klar zu sein, was zu tun wäre, man müßte ihn in die rechte Welt der Freiheit entlassen, mit den Wasserseelen aber verbündet sich Austerlitz, der sich selbst im überirdischen Leben am falschen Ort sieht, und am Grunde des Sees womöglich sogar einen richtigeren erahnt. Wo ist die richtige und wo ist die falsche Welt, vielleicht ist es auch mit dem Waschbären so einfach nicht.

Beim Philosophen des reinen Denkens kann man an Kant und seine reine Vernunft denken, abgebildet ist aber Wittgensteins Augenpaar. Sebald hat im Gespräch bekannt, die Person Wittgenstein habe ihn immer fasziniert, Wittgensteins Philosophie aber sei ihm fremd und verschlossen geblieben. Vielleicht war ihm aber doch Wittgensteins Zielbestimmung der Philosophie vertraut, die darin bestehe, der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zu zeigen. Motivisch klingt dabei Platons Höhlengleichnis an, das die Philosophie ständig neu ermuntert, im Kern ist Wittgensteins Diktum aber wohl eine herabgetönte Variation auf Kants triumphalen Auszug aus der Unmündigkeit, die obendrein noch selbstverschuldet sein soll. Dem Waschbären wird man die Mündigkeit seiner Gattung nicht absprechen, und von der Schuld an seiner Lage wird er ausdrücklich freigesprochen. Ob die Fliege, der die ihr zur Verfügung stehende Vernunft innerhalb des Fliegenglases nicht geholfen hat, mit dieser außerhalb des Glases viel anfangen kann, bleibt die Frage. Was findet sie vor außerhalb des Glases, was der Waschbär außerhalb des Zoos. Es gebe kein richtiges Leben im falschen, heißt es, gibt es eine richtiges Welt neben oder hinter der falschen? Die Philosophen haben neben die falsche Welt immer wieder richtige Welten gestellt in Form von Utopien, die sich aber ihrerseits schon bald samt und sonders als Irrtum erwiesen haben. Wittgenstein macht denn auch in Kenntnis der Philosophiegeschichte keinerlei Versprechen zur Situation außerhalb des Fliegenglases.

Die Bilder der Maler, um uns ihnen zuzwenden, zumal diejenigen Pisanellos (das abgebildete Augenpaar ist dasjenige Jan Peter Tripps), mögen im Dichter den Wunsch erwecken, alles aufgeben zu können außer dem Schauen, aber die reine Anschauung ist nicht sein Metier. Wie der Philosoph ist er der Sprache verpflichtet und damit dem Denken, wenn auch nicht in der reinen Form. Wie der Maler geht er aus von der Anschauung, kann sie aber bei der Übertragung in Sprache nicht rein halten. In der Sprache, dies- oder auch jenseits der reinen Anschauung und des reinen Denkens, erschafft der Dichter fiktionale und als solche falsche Welten, die uns nicht selten aber gegenüber der realen, in der wir leben, als richtiger und vertrauenswürdiger erscheinen. Geborgen im Text, sind wir nicht sicher, ob wir nach einem Ausweg aus diesem Fliegenglas suchen sollen.

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Fragmente aus dem Orient

Baumparadiese

In der Goldenen Taube zu Verona trägt sich Selysses, ohne seinen Übermut weiter zu begründen, unter falschem Namen ein und zwar als Jakob Philipp Fallmerayer, Historiker von Landeck. Erläuternd wurde bereits ausgeführt, daß Selysses in Limone mit dem Paß auch seine Identität verloren, diese auch in Mailand nach der Ausstellung eines Ersatzdokuments nicht wiedergefunden hatte, um sie dann in Verona ausdrücklich zu verleugnen. Vermerkt wurde ferner, daß nach der Verwandlung in den Orientfachmann Fallmerayer die morgenländischen Motive im weiteren Verlauf der Erzählung All’estero deutlich zunehmen. Gleichwohl bleibt die Verwandlung rätselhaft.
Fallmerayer hatte in seiner Zeit einen guten Ruf als Prosaist. Hebbel nennt es bewundernswürdig, wie er den Menschen und die Natur, wie sie sich gegenseitig bedingen, mit fast dramatischer Energie darstelle. Ein anderer Rezensent spricht von der ruhigen und doch durchpulsten Sprache der Fragmente aus dem Orient. Der heutige Leser wird nicht widersprechen wollen, aber doch, wie beim Goldwaschen, ein Sieb für notwendig halten, um etwa die Stellen abzuseihen, an denen es nach Kara Ben Nemsi im wilden Kurdistan klingt. Man könnte meinen, Sebald, dessen Sprache schon unangemessener beschrieben wurde als mit ruhig und doch durchpulst und dem die von Hebbel konstatierte gegenseitige Bedingung von Mensch und Natur sicher zugesagt hat, habe für seine eigenen Orientfragmente ein solches Sieb zum Einsatz gebracht. Stellt man sich Fallmerayers Prosa durch die genannte Prozedur gehörig verschlankt vor, könnte der Eindruck entstehen, Sebald habe sich bei seinen Fragmenten aus dem Orient und insbesondere bei der Darstellung der Stadt Konstantinopel von ihr inspirieren lassen.

Konstantinopel oder Istanbul ist keine Stadt, die Selysses, wie Venedig, Mailand und Verona, im Auftrag Sebalds aktuell bereist. Es ist das Konstantinopel des Jahres 1913 und ob es nicht eher ein unbestimmtes osmanisches Konstantinopel des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist, läßt sich nicht entscheiden anhand dessen, was wir vernehmen, und ob alle aufscheinenden Bilder auch nur irgendwann in der Stadt anzutreffen waren, kann heute kaum noch jemand verläßlich bestätigen oder aber verneinen. Mensch und Natur, so heißt es, bedingen sich gegenseitig in dieser Stadt, so viel Bauwerk, so viel verschiedenes Grün. Pinienkronen hoch in der Luft. Akazien, Korkeichen, Sykomoren, Eukalyptus, Wacholder, Lorbeer, wahre Baumparadiese, Schattenhalden und Haine mit rauschenden Bächen und Brunnen. Unvermittelt tut sich eine Art Kanzel auf und mit ihr der ausgedehnteste Panoramablick.
Fallmerayer sieht bei der Darstellung von Trapezunt drei Zypressen und viele Feigenbäume, reichlich Efeugebüsch, Kohl, Haselstauden, und Quitten ohne Symmetrie und Ordnung mitten im Steingeklüft, und auch in dem kleinen Garten vorzugsweise die Feige, die Quitte, ferner den Pfirsich, die Kirsche, die Orange, den Granatapfel, die Zitrone, die Maulbeere, die Olive und die Ulme, die in Kolchis besonders häufig und prachtvoll wächst. Ein wenig weiter strotzt die Myrte, prangt die Nelke, rankt das Immergrün und die Weinrebe, duftet der wilde Thymian und gedeiht ungepflegt der Oleander und der Lorbeerstrauch. Überall Quellen im Gestein, kleine Wasserstürze vom Berg hinab, wundervolles Spielwerk der Felsenbildung.

Große Teile der Stadt Konstantinopel sind ganz aus Holz, Häuser aus braun und grau verwitterten Balken und Brettern, mit flachen Giebeldächern und vorstehenden Altanen, und auch in Kolchis strebt man, Fallmerayers Bericht zufolge, nicht nach Symmetrie und architektonischer Eleganz der Außenseite. Je melancholischer der Eindruck auf die Vorübergehenden, desto besser für den Besitzer. Man will allein sein in Ruhe und Genuß. Man sieht kaum Bauten von mehr als einem Stockwerk. Häufig sind es gar nur Erdgeschosse, so daß in mancher Straße nichts als braune Ziegeldächer und rauchlose Schornsteine aus Schieferplatten zu sehen sind.
In beiden Fällen also üppige Vegetation und Wasserspiele, in beiden Fällen anspruchslose, melancholische Architektur. Würden sich die Beschreibungen auf die wiedergegebenen Textstellen beschränken und wäre nicht bekannt, daß wir das eine Mal in Konstantinopel und das andere Mal in Trapezunt sind, könnte es scheinen, als hätten sich zwei Autoren mit ähnlicher Sichtweise derselben Stadt angenommen. Wenn Sebald, der sich ein eigenes Bild vom osmanisches Reich nicht machen konnte, Fallmerayer als Augenzeuge in die Pflicht genommen hätte, wäre daran nicht Verwunderliches, auch nicht, wenn er dabei nicht ausschließlich auf Konstantinopel unmittelbar betreffende Textstellen vertraut hätte. Zur osmanischen Hauptstadt selbst läßt Fallmerayer im übrigen wissen, ein unübersehbares Gewimmel von Holzziegeldächern und Holzgezimmer, von Gärten, Zypressenwäldern, Kegelbergen und Lusttälern, von bleigedeckten, goldblitzenden Spitztürmen und Tempelkuppen schließe der Name Stambul ein, ein Sitz der Widersprüche sei es, Land und Wasser, Licht und Schatten und lange Karawanenzüge, vorüberschiffende Delphine: auch das recht nah an Adelwarths Tagebuch.

Verschiedentlich war schon festzustellen, daß sich einzelne Motive in Sebalds Büchern erst im Nachherein erklären. So gibt sich der Artist Giorgio Santini erst dann als San Giorgio zu erkennen, als der Heilige am Ende der Schwindel.Gefühle in der Londoner Nationalgalerie auf Pisanellos Bild den gleichen Strohhut auf dem Kopf trägt, den Santini mehr als hundert Seiten zuvor im Mailänder Konsulat in den Händen dreht. Die in kleinen Bakelitdosen verwahrten toten Motten in Austerlitz’ Wohnung erhalten erst dann ihren Sinn, als am Ende des Buches die Vermutung geäußert wird, sie seien vom benachbarten Judenfriedhof eingeflogen. Hier hätten wir es gleichwohl insofern mit einer neuen Qualität zu tun, als sich der Fallmerayer der Schwindel.Gefühle erst ein ganzes Buch später in der Erzählung Ambros Adelwarth zu erkennen gibt.
Das erwähnte Verfahren der Prosaverschlankung geht über das Erwartbare hinaus, da die zum Teil skizzenhaften Tagebuchaufzeichnungen Adelwarths nicht den üblicherweise in allen Einzelheiten ausgebauten Satzmustern Sebalds entsprechen. Zwar weitet sich der Blick in der Stadt Istanbul, aber auch hier bleiben unvollständige Sätze ohne Verb, die dem Vortrag Flüchtigkeit und zugleich vorwärtsdrängende Dichte verleihen, in der Schönheit und Melancholie des welken osmanischen Reichs sich in besonderem Glanz zeigen.

Samstag, 13. Oktober 2012

Jerusalem

Abrahamitische Religionen

Sebald hat sich als im bürgerlichen Leben religions- und glaubensfrei bekannt. Nicht im Widerspruch, aber doch im auffälligen Kontrast dazu führen die katholischen Heiligen ein reges Leben in seinem Werk. Gleich im ersten Satz der veröffentlichten Dichtung schließt sich der Flügel des Altars der Pfarrkirche Lindenhardt, und auf dem Tafelbild treten uns die vierzehn Nothelfer und Nothelferinnen entgegen. Der heilige Georg verläßt Grünewald Gemälde und wird in den Bildern Pisanellos zu einem heimlichen Protagonisten der Schwindel.Gefühle. Im gleichen Buch liegt der heilige Franz in einem schwankenden Schilfbeet mit dem Gesicht nach unten im Wasser, und über die Sümpfe schreitet die heilige Katharina, ein kleines Modell des Rads, auf dem man sie gebrochen hatte, in der Hand. Verstreut über das Werk begegnen uns der heilige Hieronymus und andere Heilige mehr.

Nichts ist Selysses in der Kindheit sinnvoller erschienen als diese beiden Tage, Allerheiligen und Allerseelen, Tage der Erinnerung an die Leiden der heiligen Märtyrer und der armen Seelen, an denen die dunklen Gestalten der Dorfbewohner seltsam gebeugt im Nebel herumgingen als seien ihnen ihre Wohnungen aufgekündigt worden. Unter all den längst namenlosen Seelen sind die Heiligen wie Pfeiler der Ewigkeit und sorgen für eine schöne Totenordnung, da sich jede Seele auf einen Heiligen bezieht. Selysses, der nach allem, was wir wissen, auf den Vornamen Georg hört, ist sehr einverstanden mit seinem Schutzheiligen schon im Leben. Zur Linken steht für die alte Welt, die Georg auf Grünewalds Tafelbild verlassen hat, der heilige Antonius in dunklem Gewand und mit strengem Blick, rechts San Giorgio unter dem Strohhut im Licht mit den ausdrücklichen Merkmalen der herzbewegenden Weltlichkeit und der schutzlosen Unschuld.
Der vom heiligen Georg, mit Pisanellos Hilfe, bewirkte Augenblick eines glücklichen Gleichgewichts der Zeiten ist schnell dahin, das Projekt Moderne verläuft nicht in den gewünschten Bahnen, und daher hat auch der christliche Strafprediger nicht ausgedient. Einen solchen, katholischer Provenienz, sieht Sebald in Thomas Bernhard, ein wohl durchaus origineller Beitrag zur Bernhardforschung: Ich sehe ihn, immer wenn ich an ihn denke, irgendwie auf einer Kanzel, wie er also das Sonntagspublikum sozusagen fix und fertig macht, bis sie also nicht mehr schnaufen können. Mit Emyr Elias hat Sebald einen kalvinistischen Confrère Bernhards in die Welt gesetzt: Am Sonntag führte er der versammelten Gemeinde mit erschütternder Wortgewalt das allen bevorstehende Strafgericht, die Farben des Fegefeuers und die Qualen der Verdammnis vor Augen, so daß nicht wenige am Ende des Gottesdienstes mit einem kalkweißen Gesicht nach Hause gingen.

Jüdische Heilige werden nicht aktiv im Werk, es sei denn, man wollte Kafka, der in seinen Tagebüchern die Geschichte eines Zaddik erzählt und die Begegnung mit einem Rabbi in Marienbad schildert, als einen solchen ansehen; ein Heiliger der Literatur ist er in jedem Fall. Auf den jüdischen Friedhöfen herrscht nicht die schöne, von den Heiligen gewährleistete Totenordnung, sondern die Schönheit der Namen, die ihnen die Deutschen vielleicht mehr als alles andere mißgönnt haben: Wertheimer, Friedländer, Leuthold, Goldstaub. Wenig erinnert an die mit dem Wort Friedhof verbundenen Vorstellungen, man schaut auf seit langen Jahren verlassen daliegende, allmählich in sich zerfallende und versinkende Gräberfelder, hohes Gras, Wiesenblumen, Baumschatten in einer leichten Bewegung der Luft.

Das jüdisches Leben ist auf das engste mit dem mosaischen Glauben verbunden. Am Sabbat spielen einige der Männer, was für sehr kühn und fortschrittlich gilt, eine Partie Billard. Der Ferdinand Lion raucht sogar eine Zigarre. Anschließend gehen sie gemeinsam in die Synagoge. Die Frauen packen zusammen und machen sich mit den Kindern in der einbrechenden Dämmerung auf den Weg nach Haus. In der Dunkelheit schon hocken wir auf der vorderen Treppe und sehen zu, wie sich am Himmel die Gewitterwolken übereinanderschieben. Nachdem der Vater zurück ist, wird die aus vielen bunten Wachssträngen geflochtene Kerze zum Sabbatausgang angezündet. Wir riechen an den Gewürzbüchschen und gehen hinauf ins Bett.

Ci vediamo a Gerusalemme, ruft der Venezianer Malachio, bevor er abdreht mit seinem Boot. Eine Verabredung zu einem realen Wiedersehen in Jerusalem steht nicht unbedingt hinter dieser alten Grußformel der Juden. Warum aber verwendet Malachio sie, wo doch zumindest Selysses, nach allem was wir wissen, kein Jude ist. Selysses fragt sich, was Malachio mit diesen Worten gemeint haben mag und versucht, vergebens, sich an sein Gesicht zu erinnern. Ambros Adelwarth und Cosmo Solomon gehen der Sache auf den Grund und reisen ins Heilige Land.

In Jerusalem finden sie einmal ums andere Kirchen, Klöster, religiöse und philanthropische Einrichtungen jeder Art und Denomination. Nach Norden liegen die russische Kathedrale, das russische Männer- und Frauenhospiz, das französische Hospital de St. Louis, das jüdische Blindenheim, die Kirche und das Hospiz des hl. Augustinus, die deutsche Schule, das deutsche Waisenhaus, das deutsche Taubstummenasyl, the School of the London Mission of the Jews, die Abessinische Kirche, the Anglican Church, College and Bishop’s House, das Dominikanerkloster, das Seminar und Kirche St. Stephan, das Rothschildsche Institut für Mädchen, die Gewerbeschule der Alliance Israélite, die Kirche Notre Dame de France und am Teich von Bethesda der St. Anna Convent ... : und viele andere mehr, eine seltsame Insel frommer Institutionen, allem Anschein nach unbewohnt und abgetrennt vom Rest der Welt und der Stadt, sofern man von einem Rest der Stadt überhaupt sprechen kann:

Über den Dächern kein Laut, kein Lebenszeichen, nichts. Nirgends, soweit das Auge ausschweift, erblickt man ein lebendiges Wesen, ein huschendes Tier oder auch nur den kleinsten Vogel im Flug. On dirait que c’est la terre maudite. In der Vergangenheit hat Jerusalem einen anderen Anblick geboten. Neun Zehntel des Glanzes der Welt waren auf diese prachtvolle Hauptstadt vereint. Jahrelang ist dann das Projekt der Niederlegung des Lebens von den Cäsaren planmäßig betrieben worden, und auch später hat man Jerusalem wiederholt heimgesucht, befreit und befriedet, bis endlich die Verödung vollendet und von dem unendlichen Reichtum des Gelobten Landes nichts mehr übrig war als der dürre Stein und eine ferne Idee in den Köpfen seiner inzwischen weit über die Erde hin verstreuten Bewohner.

Manchester war eines der Sammelstellen für die über die Erde hin verstreuten Juden. Das vormalige Judenviertel war gleich hinter der Victoria Station um das sternförmige Gefängnis Strangeways gelegen. Das von seinen Bewohnern aufgegebene Quartier wurde seither von der Stadtverwaltung Manchester dem Erdboden gleich gemacht. An der Wand einer der wenigen verbleibenden Ruinen läßt sich noch das Schild einer Anwaltskanzlei mit den Namen Glickmann, Grunwald und Gottgetreu entziffern. Noch zu Beginn des Jahrhunderts galt Manchester in allen Ländern als ein an Unternehmergeist und Fortschrittlichkeit nicht zu überbietendes Industriejerusalem. Es fragt sich, ob der jüdische Teil der Bevölkerung sich dieser Einschätzung anschließen konnte unter Löschung der fernen Idee Jerusalems in den Köpfen. Sie wären betrogen worden, um das moderne Industriejerusalem steht es inzwischen, in der Schilderung Sebalds, kaum besser als um die Stadt im heiligen Land.

Das gegenwärtige, von den Juden wieder in Besitz genommene Jerusalem betritt der Dichter nicht. Der Tempel läßt sich dort nicht neu erbauen, zu lange schon ist er in seiner Zerstörtheit der Tempel der Juden, jeder Versuch der Restaurierung wäre eine Profanierung. Möglich ist allenfalls, sich vom Tempel ein Bild zu machen im Modellbau, so wie Alec Garrad ihn betreibt, oder besser noch die Traumgestalt Frohmann, der ein aus Fichtenholz, Papiermaché und Goldfarbe bereits fertiggestelltes Modell des Tempels auf dem Schoß hält, wie vielleicht jeder Jude es Herzen mit sich trägt.
Auf die Herausforderung unserer Tage, sich auch mit der dritten abrahamitischen Religion zu beschäftigen, hat Sebald sich nur bedingt eingelassen. Die Begegnung mit den morgenländischen Männern in Den Haag läßt Fragen offen. Das Wohlgefallen des Dichters findet offensichtlich das von Cosmo Solomon und Ambros Adelwarth besuchte Stadt Istanbul. Der Besuch findet statt im Jahre 1913, noch bevor die Zeit sich wendete und, wie eine Natter durchs Gras, der Funken die Zündschnur entlanglief. Es ist die schöne Herbststadt des welken osmanischen Reiches. Die Minarette scheinen sich im Wind zu wiegen wie die Masten der großen Segelschiffe. Auf der Galerie eines der Minarette erscheint ein zwergenhafter Muezzin und nickt grüßend den Reisenden zu, bevor er seinen Vortrag beginnt, ein ganz und gar freundliches Bild.

Montag, 8. Oktober 2012

Motten

Seelen in Bakelit

Eng verwandt, wie die Falter sind, gilt der Seidenvogel als Nutztier, die Motte hingegen als Schädling. Die Seidenraupe sorgt für unsere Kleidung, die Motte zerstört sie. Für die Tiere ist die Konsequenz in der Realität die gleiche, die der menschlichen Perspektive entstammenden Qualitäten Nutzen und Schaden muß das eine wie das andere mit dem Leben zu bezahlen. Das Tötungsgeschäft an den Seidenraupen ist im letzten Teil der Ringe des Saturn detailliert vorgeführt, die Motten aber werden in Austerlitz äußerst pfleglich behandelt, noch bis über ihren Tod hinaus. An drei markanten Stellen treten die Motten, mit abnehmender Ausführlichkeit aber mit eher zunehmender Bedeutsamkeit, ins Blickfeld. In der Summe entfällt in etwa ein Prozent der gesamten Erzählstrecke des Buches auf die Motte, das ist für ein so kleines Tier nicht wenig in einem Buch, das von so großen Dingen handelt. Dem immer bestehenden Auftrag ist Genüge getan, wonach allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zuzusprechen ist.
Als die Glühstrumpflampe aufgestellt und entzündet war, begannen die Nachtfalter wie aus dem Nichts heraus in ihrer überwältigenden Mannigfaltigkeit einzuschwärmen, Spanische Fahnen und Schwarze Ordenbänder, Messing- und Ypsiloneulen, Jungfernkinder und Alte Damen, um nur die bekanntesten zu nennen. Jedes dieser extravaganten Geschöpfe hat seine Eigenart, manche leben nur im Erlengrund, manche nur an heißen Steilhängen, auf mageren Triften oder im Moor. Allein die Raupen fressen, und das bis zur Bewußtlosigkeit, wohingegen die Falter zeit ihres kurzen Lebens gar nichts mehr zu sich nehmen und einzig darauf bedacht sind, das Fortpflanzungsgeschäft möglichst schleunig zuwege zu bringen. Einige tragen Halskragen und Umhänge wie vornehme Herren auf dem Weg in die Oper. Diese spaßhafte Vermenschlichung leitet über zur ernsten Frage nach dem Seelenleben der geringen Kreaturen. Bedenkt man das Leben und Sterben der Motten, so kann man ihnen nur die größte Ehrfurcht entgegenbringen. Wen sie sich in ein Haus verflogen haben und nicht mehr weiter wissen, so verharren sie reglos, bis der letzte Hauch aus ihnen gewichen ist, und bleiben, festgehalten durch ihre winzigen im Todeskrampf erstarrten Krallen, am Ort ihres Unglücks haften. - Die ausführliche Vorstellung der Motten im walisischen Abermaw enthält Naturkundliches, Beobachtetes und Spekulatives gleichermaßen. Mit dem Tod sind die Motten nicht am Ende ihres Erdendaseins angekommen.

In der Londoner Wohnung des Juden Austerlitz finden sich sieben verschieden geformte, nicht mehr als zwei bis drei Zoll hohe Bakelitdosen, von denen jede den sterblichen Rest einer in diesem Haus auf die geschilderte Weise an das Ende ihres Lebens gekommenen Motte enthielt, gewichtslose elfenbeinfarbene Wesen mit einem von Silberschuppen bedeckten Rumpf: eine bizarre und sonst kaum gebräuchliche Abwandlung der Menora.

In der Austerlitz Wohnung befindet sich noch ein weiteres, um einiges größeres Bakelitgehäuse, das die Außenwand eines altertümlichen Radios darstellt. Mancher aus der Generation Sebalds hat nachgesonnen über die Beschriftung dieser Rundfunkempfänger, und unter Beromünster und Hilversum mag er sich weniger Ortschaften als riesige Sendeanlagen in unbewohnten und menschenleeren Gebieten vorgestellt haben oder weit draußen im Meer im Dienste der Seefahrer. Aus großer Ferne sprechen, kaum hörbar und in unverständlicher Sprache, Stimmen, die manchmal untergehen zwischen den Wellen und dann wieder auftauchen. Ab Anbruch der Dunkelheit durchschwärmen sie die Luft und führen, wie die Fledermäuse, ihr eigenes die Taghelle scheuendes Leben. Das ungeheuer empfindliche Gehör der Motten aber ist imstande, die Schreie der Fledermäuse über weite Entfernungen weg zu erkennen, also wohl auch die von den Radiowellen getragenen Stimmen. Ganz offenbar, wenn auch keineswegs in einer durchschaubaren Weise, gehören die Motten in den kleinen Bakelitkästchen und das Radio mit seinen Geisterstimmen in dem größeren Gehäuse zueinander.

Aus dem Fenster der Wohnung aber sieht man hinter einer Ziegelmauer einen von Lindenbäumen und Fliederbüschen bewachsener Platz, auf dem man seit dem 18. Jahrhundert Mitglieder der aschkenasischen Gemeinde beigesetzt hatte, unter anderem den Rabbi David Tevele Schiff und den Rabbi Samuel Falk, den Baal Schem von London. Von diesem Platz, so ist zu vermuten, sind die Motten ins Haus geflogen. Diese Vermutung mag einen realen Hintergrund haben, wenn man annimmt, es gebe Mottenarten deren Raupen, anders als die auf mageren Triften oder im Sumpfgelände, sich auf das Vertilgen des Blattwerks von Lindenbäumen und Fliederbüschen spezialisiert haben. In den Vordergrund aber drängen sich mythologisch Vorstellungen von den Seelen, die als Schmetterlinge aus den toten Körpern ausfahren. Die Seelen der toten Juden, sieben an der Zahl, sind, so mag man denken, erst in den Bakelitsarkophagen zur endgültigen Ruhe gekommen.

Die drei Erwähnungen der Motten sind jeweils durch hundert und mehr Seiten von einander getrennt. Liest man sie im Zusammenhang, so ergibt sich eine eigene kleine Mottengeschichte. Das Beziehungsfeld aus Nachtfaltern, nächtlichen Radiotönen, Fledermäusen und Seelen ist ohne Zweifel vorhanden, gibt man ihm, es nachzeichnend, Kontur, wird es fast schon zerstört. Die Eigenständigkeit der Mottengeschichte löst sie nicht etwa aus den anderen Textbezügen, sondern intensiviert sie nur. Erst mit dem Auffliegen vom Friedhof der Juden sind die Motten den zentralen Themen des Buches endgültig verbunden.

Es ist also eine Erläuterung vom Ende her, ähnlich wie bei dem Artisten Giorgio Santini, der sich als Wiedergänger des San Giorgio erst offenbart, als dieser am Ende des Buches auf Pisanellos Bild den nämlichen außergewöhnlich schön gearbeiteten, weitkrempigen Strohhut auf dem Kopf trägt, den Santini viele Seiten zuvor im deutschen Konsulat zu Mailand in den Händen dreht. Erläuterung heißt freilich nicht, daß das Geheimnis sich klärte, es wird nur gerade erst sichtbar. Der Zauber der Prosa Sebalds beruht nicht zuletzt auf diesen Motiven, die wie unverbunden mitschweben und erst verspätet ihren Platz finden, ohne daß sich aber, ganz im Sinne der Quantentheorie, präzis sagen ließe, was dieser Platz ist.

Freitag, 28. September 2012

Morgenland

Jakob Philipp Fallmerayer

Ci vediamo a Gerusalemme

Wer die Flügel des Altars der Pfarrkirche Lindenhardt zumacht und die geschnitzten Figuren in ihren Gehäuse verschließt, so daß ihm auf dem ins Licht gerückten Tafelbild die vierzehn Nothelfer entgegentreten, wähnt sich auf dem vertrauten Boden des christlichen Abendlands, der Dichter aber verliert die Realität nicht aus den Augen: Die drei Nothelferinnen stecken am linken Rand der Tafel ihre gleichförmigen orientalischen Köpfe zusammen. San Giorgio, der Grünewalds Bild verläßt, um in den Bildern Pisanellos wieder aufzutauchen, wird man angesichts seines rotgoldenen Haars nicht als Orientalen einordnen, aber es ist schließlich die Prinzessin von Trapezunt, der er gegen den Drachen hilft. Allerdings gelingt es ihm nicht, den Schwindel.Gefühlen, in denen er zu einem der Protagonisten aufsteigt, eine für alle sichtbare morgenländische Einfärbung zu verleihen.

In den Ringen des Saturn treffen wir auf Edward Fitzgerald, der die Rubai des persischen Dichters Omar Khayyám übersetzt hat, und auf Swinburne, der sich für Kublai Chan begeistert, der Faden des Seidenvogels führt uns bis nach China an den kaiserlichen Hof. Wir wollen uns aber nicht in diesem weiten Begriff des Orients bewegen und lassen den Faden fallen.

Im üblichen Sprachgebrauch ist der Orient eine Gegend mit ausgedehnten Wüstengebieten, als solcher kann er aber auch im Abendland überall auftreten, in Bala, Wales, etwa, das ganz der Wüste Sinai mit ihren kahlen, ineinander verschobenen Bergrücken gleicht, eine furchtbare Einöde, viele Tagseisen lang und breit, die die Kinder Israels durchqueren; in Manchester, wo eine Karawane aus der fernsten Tiefe heraus und über ein Wellengebirge von Dünen hinweg auf den Betrachter zu sich bewegt; in Amerika, wo eine Karawane aus einem Palmenhain hervor auf die Bühne zieht und von dort in den Saal herunter, um mitten durch die voller Erstaunen ihre Köpfe wendenden Zuschauer hindurchzuziehen und so spukhaft, wie sie erschienen war, wieder zu verschwinden; in Den Haag, wo über einem Teppichladen eine durch die Wüste ziehende Karawane beobachtet werden kann, und in Scheveningen, wo ein Volk Rast auf dem Weg durch die Wüste hält; in Venedig, wo ein wahres Heer auf Strohmatten oder auf dem nackten Steinboden, dicht nebeneinander hingestreckt liegt wie sonst ein fremdes Volk auf dem Weg durch die Wüste; in London, wo die Bewohner nachts in ihren Betten liegen, zugedeckt und, wie sie glauben müssen, unter sicherem Dach, während sie doch in Wahrheit nur niedergestreckt sind, das Gesicht vor Furcht gegen die Erde gekehrt, wie einst bei der Rast auf dem Weg durch die Wüste; und in Paris schließlich, wo kleine Gruppen am Boden kauernden Gestalten sich in der letzten Abendglut niedergelassen haben auf ihren Weg durch die Sahara oder über die Halbinsel Sinai. Es scheint, als lägen Okzident und Orient geographisch nicht nebeneinander, als habe sich der Orient vielmehr unter den Okzident geschoben und scheine durch.

In Verona gibt Selysses sich als Jakob Philipp Fallmerayer aus, Autor der Geschichte des vom Drachen befreiten Kaisertums von Trapezunt und der Fragmente aus dem Orient. Tatsächlich ist es schon bald, als tue sich im soliden oberitalienischen Boden die eine oder andere Öffnung auf für den selbstberufenen Orientalisten, und der Wanderer berühre die verborgene morgenländische Schicht. Er sieht nicht einsame Wüstenwanderer, sondern Bilder fragwürdiger Begegnungen zwischen Ost und West, so als habe er den einen Fuß auf der oberen und den anderen auf der unteren Ebene. In Omdurman gilt der Tiroler Missionar Giuseppe Ohrwalder seit mehreren Wochen als verschollen. In der Arena von Verona wird die einen altägyptischen Stoffe behandelnde Oper Aida gegeben als exakte Nachschöpfung der Eröffnungsaufführung von 1913, dem Jahr als die Zeit sich wendete und, wie eine Natter durchs Gras, der Funken die Zündschnur entlanglief. La spettacolosa Aida, eine phantastische Nacht auf dem Nil, am Weihnachtsabend 1871 zur Feier des unaufhaltsamen Fortschritts im Opernhaus von Kairo uraufgeführt. Zum erstenmal erklingt die Ouvertüre, durch den Suezkanal gleitet das erste Schiff, Okzident und Orient vereint durch Kunst und Technik, aber jetzt bricht ein Brand aus im Opernhaus, ein prasselndes Feuer, krachend verschwindet die Bestuhlung des Parketts mit der gesamten Zuhörerschaft im Orchestergraben.

Bislang haben wir es mit Bildern des Morgenlands zu tun, mit offenen und verdeckten, mit Träumen und Halluzinationen, da ist es eine Art Erlösung, wenn Cosmo Solomon und Ambros Adelwarth den Entschluß fassen, den Orient leibhaftig zu bereisen, um dort nach dem Rechten zu sehen. Die als Tagebuchaufzeichnung fingierte Orientreise der beiden ist innerhalb der langen Erzählung Ambros Adelwarth eine weitgehend selbständige kurze Erzählung von besonderer Dichte und Schönheit. Die Reise findet statt im Schicksalsjahr 1913, als die Zeit sich wendete und wie eine Natter durchs Gras der Funken die Zündschnur entlanglief. Die Reise beginnt in Venedig, führt von da nach Griechenland und im Mittelpunkt stehen zwei Städte des verblühenden osmanischen Reiches, Istanbul und Jerusalem.

Istanbul ist ein Baumparadies, Pinienkronen hoch in der Luft, Akazien, Korkeichen, Schattenhalden und Haine mit rauschenden Bächen und Brunnen. In dem dichten Gezweig nisten die türkischen Tauben. Ungezählte Störche verwandeln auf ihren Zug nach Norden den Himmel in einen schwarzweiß gemusterten bewegten Baldachin. Große Segler fahren vorbei in geringster Entfernung, umschwärmt von Hunderten wenn nicht Tausenden Delphinen. Minarette scheinen leicht zu schwanken wie die Masten der Schiffe. Architektonische Glanzstücke wie die Hagia Sophia und die osmanischen Großmoscheen geraten nicht in den Blick. Große Teile der Stadt sind ganz aus Holz, Häuser aus braun und grau verwitterten Balken und Brettern, mit flachen Giebeldächern und vorstehenden Altanen. Die Stadt ist auf eine rätselhafte Wiese verwinkelt und verschachtelt, du biegst ein in eine dustere, immer enger werdende Gasse, glaubst dich bereits gefangen, machst einen letzten Verzweiflungsschritt und überblickst unvermittelt von einer Art Kanzel das ausgedehnteste Panorama. Auf dem Platz neben einer alten Dorfmoschee macht viel Volk aus dem Hinterland auf dem Weg in die Stadt Station. Sie haben keinerlei Wagen oder sonstige Gefährte, so als sei das Rad noch nicht erfunden. Die eigentlichen Bewohner der Stadt sieht man nur sehr vereinzelt. Zwei Würfelspieler hocken am Kai, ansonsten keine Menschenseele. In der kleinen Moschee, im Dämmer einer Nische sitzt ein junger Mann und studiert den Koran. Auf der Galerie eines Minaretts erscheint ein zwergenhafter Muezzin. Als die beiden Reisenden die sandweiße Helligkeit des Hafenplatzes überqueren, wie Wüstenwanderer mit der Hand die geblendeten Augen beschattend, weist ihnen eine graue Taube den Weg in eine Gasse ein, in der sie auf einen zwölfjährigen Derwisch treffen. Als sie Tage später zurückkehren, treffen sie ihn am nämlichen Platz. - Kein Verkehrslärm, Pflanzen und Tiere, Menschen in geringen Mengen und angenehm verteilt, eine Stadt ganz nach dem Herzen des Dichters, von der er da liest im Tagebuch des Ambros Adelwarth.

Jerusalem ist eine ganz und gar andere Stadt. Schon die Anreise führt durch kein Baumparadies, über weite Strecken kein Baum, kein Strauch, kaum ein armseliges Büschelchen Kraut. Die neueren Bauten in der Stadt sind von unbeschreiblicher Häßlichkeit, in den Straßen liegen große Mengen Unrat, on marche sur des merdes. Die dereinstigen Teiche von Siloam sind nur mehr faule Tümpel und Senkgruben. Über den Dächern kein Laut, kein Lebenszeichen, nichts. Nirgends, soweit das Auge ausschweift, erblickt man ein lebendiges Wesen, ein huschendes Tier oder auch nur den kleinsten Vogel im Flug. On dirait que c’est la terre maudite. In der Vergangenheit hat Jerusalem einen anderen Anblick geboten. Neun Zehntel des Glanzes der Welt waren auf diese prachtvolle Hauptstadt vereint. Jahrelang ist dann das Projekt der Niederlegung des Lebens von den Cäsaren planmäßig betrieben worden, und auch später hat man Jerusalem wiederholt heimgesucht, befreit und befriedet, bis endlich die Verödung vollendet und von dem unendlichen Reichtum des Gelobten Landes nichts mehr übrig war als der dürre Stein und eine ferne Idee in den Köpfen seiner inzwischen weit über die Erde hin verstreuten Bewohner.
Terre maudite und neun Zehntel des Glanzes der Welt: Im Traum gewinnt Jericho einen ähnlichen Doppelcharakter. Als er-Riha ist es ein von Staub umwehtes dreckiges Dorf, als Jericho eine Oase von so seltener Schönheit wie sonst nur der paradiesische Obstwald von Damaskus, mit allem sind die Menschen hier versorgt. Vom realen Ain Jidy am Toten Meer hatte man sich, anders als von Jerusalem, nichts Gutes erwartet. Kein Vogel, so hatte man gehört, könne über den See hinfliegen, ohne zu ersticken, und in mondhellen Nächten komme ein absinthfarbener Grabesschimmer aus seiner Tiefe heraus. Nichts von dem aber wird als bestätigt gefunden. Der See hat einen wunderbar durchsichtigen Wasserspiegel und murmelnd bricht sich die Brandung am Ufer. Im Ufergebüsch steigen Schnepfen herum, und der Gesang des braunblau gefiederten, rotschnabligen Vogels Bülbül ertönt.

Jeder Leser wird Sebald als einen Dichter Europas wahrnehmen, hier finden die Reisen und Wanderungen des Selysses statt, hier sind die Helden seiner Lebensgeschichtenerzählungen geboren und hier sterben die meisten von ihnen. Die immer wieder hörbaren leisen Orientanklänge wird er vielleicht ein wenig ratlos vernehmen und würde sie vielleicht verscheuchen, wäre nicht das Orienttagebuch des Ambros Adelwarth in seiner überwältigenden Dichte, Schönheit und Rätselhaftigkeit. Ein Dichter Europas muß nicht unbedingt ein sogenannter begeisterter Europäer sein. Rom, das die Niederlegung des Lebens nicht nur in Jerusalem planmäßig betrieben hat, steht für Europa, für das es in der Tat für Jahrtausende auf die eine oder andere mehr oder weniger fragwürdige Art gestanden ist, bevor Brüssel ihm den Rang abgenommen hat.

Die Orientreise findet statt in dem Jahr, als die Zeit sich wendete, in dieser Weltgegend aber scheint sie in den ewigen Stillstand eingetreten. Die heutige Riesenstadt am Bosporus wird uns in Sebalds Werk nicht vorgeführt und auch nicht das zwischen Juden und Palästinensern umstrittene Stadtgebiet Jerusalems. Was immer Malachio gemeint haben mag, als er Selysses zu Abschied zuruft: Ci vediamo a Gerusalemme, eine Verabredung zu einem zweiten Treffe, diesmal in Israel, ist es sicher nicht. Jerusalem ist eine ferne Idee in den Köpfen, die sich festmacht vor allem in der Erinnerung an dem Tempel. Alec Garrad arbeitet seit seiner Jugend schon an einem Modell des Tempels. Obwohl er mehrere Stunden täglich an dem Modell arbeitet, sind auch in Jahresabständen kaum Fortschritte bemerkbar. Selysses ist sich mit ihm einig darin, daß sein Tempeldienst in seiner Bedeutung weit hinausgeht über die der Dekrete des neuen Roms, etwa der aberwitzigen Brüsseler Landwirtschaftpolitik, ist das Modell doch geeignet, eine ferne Idee vom verlorenen Jerusalem wachzuhalten in den Köpfen seiner inzwischen weit über die Erde hin verstreuten Bewohner, von denen, nicht zuletzt, Sebalds Bücher handeln. Frohmann wiederum, eine Traumgestalt, hält ein aus Fichtenholz, Papiermaché und Goldfarbe bereits fertiggestelltes Modell des Tempels auf dem Schoß und erläutert, wie er den Tempel getreu nach den Angaben der Bibel eigenhändig erbaut habe. Sehen Sie, man erkennt jede Turmzacke, jeden Vorhang, jede Schwelle, jedes heilige Gerät. Aurach beugte sich über das Tempelchen und wußte zum ersten Mal in meinem Leben, wie ein wahres Kunstwerk aussieht; ein Kunstwerk der Erinnerung an das verlorene Jerusalem. Der Anspruch, das neue Jerusalem zu sein, hatte Manchesters, der Stadt, in der Aurach wohnt, nicht lange aufrecht erhalten können, Jerusalem ist keine Angelegenheit, keine Verheißung Europas und der Neuzeit.

Mittwoch, 19. September 2012

Wüstenmenschen

Trugbilder

Nur vom Dichter bemerkt gehen in unseren Städten  Menschen durch Wüstensand. In Bala, Wales, erfährt Austerlitz, als Dafydd Elias noch, religiöse Erziehung von Seiten seines Ziehvaters, des Predigers, sowie auch vom Schuster Evan, am weitesten auf dem Weg der Theologie aber bringt ihn wohl das Selbststudium der kymrischen Kinderbibel. Besonders hat ihn der Bericht angezogen, wie die Kinder Israels eine furchtbare Einöde durchqueren, viele Tagseisen lang und breit. Er hat versucht, die Wolkensäule sich vorzustellen, die dem wandernden Volk voran des Wegs ging, und er hatte sich in die ganzseitige Illustration vertieft, in der die Wüste Sinai mit ihren kahlen, ineinander verschobenen Bergrücken ganz der heimischen Gegend glich. Unter den winzigen Figuren, die das Lagerbevölkerten, wußte er sich an seinem richtigen Ort. Jeden Quadratzoll des Bildes hat er durchforscht, die abstürzende Bergseite zur Rechten und die Linien darunter, in der er die Geleise einer Bahn zu erkennen glaubte. Am meisten aber gab ihm der umzäunte Platz in der Mitte zu denken und der zeltartige Bau am hinteren Ende, über dem sich eine weiße Rauchwolke erhebt.

Tatsächlich scheint die Illustration dem biblischen Geschehen nicht in der vertrauten Weise Dorés und anderer Buchausstatter angemessen, unkommentiert möchte man eher an ein neuzeitliches Militärcamp denken. Die kindliche Phantasie, die sich auch mit der Möglichkeit einer Eisenbahn im biblischen Land anfreunden konnte, hat daran offenbar keinen Anstoß genommen. Dafydd, der sich, ähnlich dem Waschbären ganz zu Beginn des Buches, in Bala in einer falschen Welt fühlt, sieht sich im in seinen Augen äußerlich ganz ähnlichen biblischen Wüstengelände in eigenartiger und ihm selbst nicht ganz verständlichen Weise wohl verwahrt.

In der Erzählung Max Aurach wird eine weiteres künstlerisch nicht hochstehendes Wüstenbild Gegenstand der Deutung. Unter völliger Mißachtung des grauenhaften Charakters der vom eines Tages aus dem Nomadisieren im Sudan in sein jetziges Gewerbe übergewechselten Kochs bereiteten Speisen nimmt der in Manchester ansässige Maler Aurach seine Mahlzeit allabendlich im Wadi Halfa ein. Ein von unbekannter Hand gemaltes Fresko an der Wand des Lokals zeigte eine Karawane, die aus der fernsten Tiefe des Bildes heraus und über ein Wellengebirge von Dünen hinweg auf den Betrachter zu sich bewegte. Infolge der Ungeschicklichkeit des Malers und der schwierigen Perspektive wirkten die menschlichen Figuren sowohl als die Lasttiere in ihren Umrissen leicht verzerrt, so daß es, wenn man die Lider halb senkte, tatsächlich war, als erblicke man eine in der Helligkeit und Hitze des Tages zitternde Fata Morgana, und an den Tagen, an denen Aurach mit Kohle gearbeitet und der pudrig feine Staub seine Haut mit einem metallischen Glanz imprägniert hatte, schien es, als sei er soeben aus dem Wüstenbild herausgetreten oder gehöre in es hinein. Das ist nicht die Deutung Aurachs, sondern die seines Begleiters. Die Deutung des Bildes ist aber nur eine Intensivierung des Umstandes, daß Aurach allabendlich die Gesellschaft der Nomaden – neben dem Koch auch dessen zwölf als Kellner im Lokal beschäftigten Söhne - aufsucht, deren Gründe für die Aufgabe des Nomadenlebens im einzelnen nicht bekannt sind. Daß er dort am richtigen Ort sei, würde Aurach, der im Unterschied zu Dafydd Elias die Kindheit längst hinter sich hat, vielleicht nicht behaupten, das Wadi Halfa ist aber neben der Malerwerkstatt, die er in eine Staubwüste verwandelt hat, so gut wie sein einziger Ort.

Mit dem Amerikaner Cosmo Solomon wendet sich das Wüstenthema von der bildenden der darstellenden Kunst zu. Aus dem Bühnenhintergrund tauchte das Trugbild einer Oase auf. Eine Karawane kam aus einem Palmenhain hervor auf die Bühne und von dort in den Saal herunter, um mitten durch die voller Erstaunen ihre Köpfe wendenden Zuschauer hindurchzuziehen und so spukhaft, wie sie erschienen war, wieder zu verschwinden. Er, so Cosmo Solomon, habe mit dieser Karawane den Saal verlassen und könne nun nicht mehr sagen, wo er sich befinde.

Austerlitz, Aurach, Solomon, drei Kinder Israel, die imaginativ von ihrer Wüstenheimat aufgenommen oder aber verschlungen werden. Während Austerlitz in die Bibelillustration gleichsam einsteigt und sich dort am richtigen Ort weiß, sieht Solomon sich von einer phantasmagorischen Karawane fortgerissen und verschleppt.
Aber auch Selysses, nach allem was wir wissen kein Kind Israel, hat ein ganz ähnliches Erlebnis. Beim Eintritt in die Stadt Den Haag wird er gleich auf semitische, teils islamitische und teils israelitische Verhältnisse eingestimmt. Er bemerkt eine islamitische Metzgerei, daneben den Massada-Grill, auch ein Minarett und über einem Teppichladen das primitive vierteilige Fresko einer durch die Wüste ziehenden Karawane. Auf den Trottoirs versammeln sich in kleinen Gruppen morgenländische Männer Als er am Strand von Scheveningen ausruht, ist ihm, als halte rings um ihn sein Volk Rast auf dem Weg durch die Wüste und halb im Traum noch glaubt er sich zum erstenmal in seinem Leben angekommen, zuhause. Die Fassade des Kurhauses ragt vor ihm auf wie eine große Karawanserei. Daß er hier zuhause sei, ist insofern eine unerwartete Wende, als er am Strand von Scheveningen nur den Schlaf nachholt, den er in der Nacht nach verschiedenen verstörenden Erlebnissen im semitischen Den Haag auf dem Bett in seinem Hotelzimmer liegend nicht hatte finden können. Dabei ist die gesamte Textpassage durch das Fassadengemälde der Karawane zu Beginn und das als Karawanserei erscheinende Kurhaus am Schluß eindeutig zu einer Einheit geklammert. Welches ist denn nun sein Volk, das da mit ihm am Strand von Scheveningen ruht, wo er doch an anderer Stelle bekundet hatte, am liebsten würde er keiner Nation, keinem Volk angehören. Eigentlich können die da lagern, wenn er in Wirklichkeit nicht einsam am Strand liegt, nur Feriengäste sein.

Das Ferienvolk aber, bestehend unter anderem aus verkleideten Hunden und Lemurengesichtern, ist, trotz seiner offenkundigen nomadisierenden Züge, eindeutig nicht das Volk des Selysses. In der Bahnhofshalle lagert hingestreckt wie von schweren Krankheit ein wahres Heer von Touristen in ihren Schlafsäcken auf Strohmatten oder auf dem nackten Steinboden, dicht nebeneinander hingestreckt wie sonst ein fremdes Volk auf dem Weg durch die Wüste. Auch draußen auf dem Vorplatz liegen ungezählte Männer und Frauen, in Gruppen, paarweise oder allein auf den Stufen und überall ringsherum. Wider Erwarten erhebt sich der eine oder andere und wandert herum zwischen den noch an der Erde liegenden Brüdern und Schwestern, als müßte er sich einüben in die Mühseligkeiten der nächsten Etappe einer endlosen Reise. Da muß zusätzlich nur noch ein mit Bergen von Müll beladener Kahn vorbeikommen, auf dem eine große Ratte die Bordkante entlang läuft und sich kopfüber ins Wasser stürzt, und Selysses verläßt Venedig fluchtartig.

Der Boden der großen Vorhalle in der neuen Pariser Nationalbibliothek, einem den Bedürfnissen jedes wahren Lesers kompromißlos entgegengesetztes, eigens zu seiner Verunsicherung und Erniedrigung erdachtes Gebäude, ist ausgelegt mit einem rostroten Teppich, auf dem weit voneinander entfernt ein paar niedrige Sitzgelegenheiten aufgestellt sind, Posterbänke ohne Rückenlehne und klappstuhlartige Sesselchen, auf denen die Bibliotheksbesucher nur so hocken können, daß die Knie ungefähr so hoch sind wie der Kopf und es schien, daß diese in kleinen Gruppen am Boden kauernden Gestalten, um ihre Heimstatt gebrachte Leser, sich hier in der letzten Abendglut niedergelassen haben auf ihren Weg durch die Sahara oder über die Halbinsel Sinai.

Bei den Nomaden in Paris nicht weniger als in Venedig handelt es sich um sekundäre Wüstenwanderer, Täter und Opfer zugleich der VerWÜSTung unserer Welt durch die Neuzeit, durch das Ferienvolk, durch lieb- und respektloses Bauen und andere Mittel, die uns zur Verfügung stehen.

Das in auffälliger Häufigkeit und unerwarteten Kontexten auftauchende Bild der Wanderer in der Wüste hat naturgemäß keine fixierte Bedeutung, bewegt sich aber in einem beschreibbaren Bedeutungsfeld mit den widersprüchlichen Zügen von Beglückung und Ängstigung, Anziehung und Abstoßung, Aufnahme und Verschlingen. In der Wüste hat das Volk Israel und wir mit ihm seinen Ursprung und in der Wüste sind wir unserem Ende nah. In dieser zweiten Bedeutung ist die Wüste nur einen Schritt vor den bei Sebald so häufig erscheinenden Bildern vom Ende der Welt.

Tief eingegraben hat sich dem Dichter das Wüstenbild offenbar bei der Lektüre der Erzählung Nachts. Kafkas Nacht ist in Austerlitz verwandelt in die Nacht der Bewohner Londons, die in ihren Betten liegen, zugedeckt und, wie sie glauben müssen, unter sicherem Dach, während sie doch in Wahrheit nur niedergestreckt sind, das Gesicht vor Furcht gegen die Erde gekehrt, wie einst bei der Rast auf dem Weg durch die Wüste. Als Austerlitz Selysses zu sich einlädt, steht auf der Rückseite einer Ansichtskarte aus den zwanziger oder dreißiger Jahren, die eine weiße Zeltkolonie zeigt in der ägyptischen Wüste, nichts als Saturday 19 March Alderney Street, ein Fragezeichen und ein großes A.

Ganz und gar unvergeßlich aber war Austerlitz Adelas Frage geblieben, als sie in Andromeda Lodge nach dem Federballspiel in die im Abendlicht erlöschende Welt hinausschauten: Siehst du die Wipfel der Palmen und siehst du die Karawane, die dort durch die Dünen kommt?

Mittwoch, 12. September 2012

Damenmode

Multiversum

Die Frauen in Sebalds Büchern stellt man sich nicht in Hosenkleidern vor. Photos, die anderes belegen könnten, sind nicht beigegeben, überhaupt finden sich so gut wie keine Photos von Frauen, die handelnde Personen im Text sind. Wie den meisten seiner Generation waren Selysses in der Kindheit Frauen in Beinröhren unbekannt. Die Weiber der amerikanischen Besatzungsmacht gingen in Hosen herum, undenkbar, daß eine Autochthone dem erschreckenden und abstoßenden Beispiel gefolgt wäre. Beifall dürfen sie für diese Zurückhaltung vom Dichter aber nicht erwarten, die Weiberschaft von W. bestand in seinen Augen ausnahmslos fast aus kleinen, dunklen, dünnzopfigen und bösen Bäuerinnen und Mägden. Auf der Tiroler Seite sieht es bis auf den heutigen Tag nicht besser aus. Bisweilen hielt der Bus und ließ eines der inzwischen alt gewordenen Weiber einsteigen, die in gewissen Abständen unter ihren schwarzen Regendächern an der Straße standen. In Tracht und Gestalt entsprachen sie den Regendächern vollkommen. Die sehr schöne, den Ort ganz offensichtlich verabscheuende Frau des Pächters im Engelwirt Sallaba ist ebensowenig zu den dünnzopfigen indigenen Bewohnerinnen des Ortes zu zählen wie die blasse Frau des Dr. Rambousek. In jeder Hinsicht unterscheidet sich von ihnen aber auch die einheimische Bauerstochter Romana in ihrer auffälligen Schönheit. Über die Art ihrer Schönheit und ihren Kleidungsstil werden wir nicht unterrichtet. In der Tracht den Tirolerinnen auf den ersten Blick ähnlich scheint die Mathild, die wir uns gleichwohl als schön vorstellen. Jahr um Jahr unter den von ihr verachteten Dorfbewohnern herumgegangen ist, unfehlbar in einem schwarzen Kleid oder einem schwarzen Mantel und stets unter der Bedeckung eines Hutes und nie, auch beim schönsten Wetter nicht, ohne Regenschirm, hat etwas durchaus Heiteres an sich gehabt. Ihr Äußeres scheint etwas von Parodie oder Hohn auf die Weiberschaft mit sich zu tragen.

Mit den Jahren und vor allem durch zahlreiche Reisen weitet Selysses naturgemäß seinen Horizont. Ein Frauentyp, auf den er immer wieder stößt, ist blaß und beinahe transparent, von einer beängstigend zierlichen Statur oder gar körperhaft kaum noch vorhandenen. Gekleidet sind die Frauen dieser Richtung wohl alle wie die Tante Otýlie in ein schwarzseidenes plissiertes Überkleid mit einem abnehmbaren Kragen aus weißer Spitze oder in ein ähnliches Gewand, um so das Geheimnis ihres möglicherweise fehlenden Körpers zu wahren. Genauer unterrichtet über den Schnitt des Kleides werden wir allerdings längst nicht in allen Fällen.
Andererseits bedarf es nur einer Winzigkeit, um weibliche Körperlichkeit, wenn man es so ausdrücken will: sinnenfällig zu machen. Una fantesca, hörte ich sie leis sagen, und es ist mir gewesen, als spürte ich ihre Hand auf meiner Schulter. Selten genug ist es vorgekommen in meinem Leben, daß ich von einer mir an sich fremden Frau angerührt worden bin, aber immer hat dieses unvermutete Angerührtwerden etwas Gewichtsloses, Geisterhaftes, mir durch und durch Gehendes gehabt. Von Luciana Michelotti wird des weiteren gesagt, sie sei an sich resolut und lebensfroh, am Tag ihres 44. Geburtstages aber schwermütig, wenn nicht gar untröstlich gewesen. Wie sie sich kleidet, erfahren wir nicht.

Wenig später nur die Franziskanerin und das junge Mädchen im Zug nach Mailand, beide von vollendeter Schönheit. Bei der Franziskanerin erübrigt sich längeres Grübeln über die Tracht, wenn auch der Habit der Ordensschwestern wohl nicht ganz einheitlich ist. Das junge Mädchen trägt eine aus vielen farbigen Flecken geschneiderte Jacke um die Schultern, ob die Jacke ergänzt wird durch einen Rock oder vielleicht durch Jeans, erfahren wir nicht. Die Winterkönigin ist eine junge Frau mit lockigem Haar und braunem Samtbarett, alles andere wird mit gutem Grund verschwiegen, denn wenn wir einerseits nicht glauben können, sie sei von oben bis unten in der Weise des 17. Jahrhunderts gekleidet, so würde ein Hinweis etwa auf rote Chinohosen die Illusion, an der dem Dichter gelegen ist, erheblich stören.

Über Mme Landaus äußere Erscheinung erfahren wir nichts. Sie, die in ihrem nicht unbeträchtlichen Leben eine ziemliche Anzahl von Männern des näheren kennengelernt hat, gehört aber in keinem Fall zu den transparenten und körperlosen, das Gefühl ihrer Hand an der Schulter geht durch und durch. Über das Äußere von Marie de Verneuil, eine der weiblichen Lichtgestalten im Werk, erfahren wir am allerwenigsten und wenig mehr nur von ihrer Vorgängerin, wenn man so will, Adela Fitzpatrick: Ja, ich sehe Adela noch so schön wie sie damals war. Nicht selten, am Ende der langen Sommertage, spielten wir Badminton miteinander in dem seit langem ausgeräumten Ballsaal. Schlag für Schlag flog das gefiederte Geschoß hin und her. Die Bahn, die es durchsauste, und in der es sich jedesmal umwendete, ohne daß man gesehen hätte, wie, war ein weiß durch die Abendstunde gezogener Streifen, und Adela schwebte, wie ich hätte schwören können, viel länger oft, als es die Schwerkraft erlaubte, ein paar Spannen über dem Parkettboden in der Luft. Im lichtdurchfluteten Abermaw sehen wir sie beim Badminton mit unseren Augen in weißer Bluse und langem weißen Rock.

Die moderne physikalische Kosmologie erzählt uns von zahllosen Welten, die möglicherweise hinter der uns vertrauten, von Newton beschriebenen Welt verborgen sind, Welten, für die es vorerst nur mathematische Chiffren gibt und die Hoffnung auf Spuren im Teilchenbeschleuniger. Sebalds Figuren, Menschen sowohl wie Waschbären, die immer wieder das Gefühl überkommt, sie seien in eine andere, falsche Welt geraten, scheinen von einer ähnlichen Intuition geleitet. Parallele Empfindungen hat der Leser. San Giorgio, der diese Welt verlassen hat, kehrt, den Strohhut, den Pisanello ihm einst verpaßt hatte, noch immer in der Hand, als Giorgio Santini in sie zurück, in welcher Welt er in der Zwischenzeit war, kann niemand wissen. Vielleicht waren es sogar mehrere Welten, denn im Werk ist er in mehr als einer mehr oder weniger deutlichen Spiegelung vertreten. Mme Gherardi ist an der Seite Stendhals aus einer fremden Welt in die unsere übergewechselt, für wie lange, weiß man nicht. Luciana Michelotti sieht sich in einer anderen Welt mit Selysses getraut, ohne daß sie es weiß, oder weiß sie es? Dem Lehrerfräulein Rauch ergeht es nicht anders.
Weniger um fremde Welten, in die die Figuren entschwinden und aus denen sie gegebenenfalls auch wieder zurückkehren, soll es aber gehen als um Welten, die, ganz wie es die Stringtheorie postuliert, in ihren unbekannten Dimensionen eingefaltet am Wegrand liegen. Fast jede auftretende Frauengestalt scheint eine solche Welt zu sein. Zwei Merkmale ermöglichen diesen Eindruck, zum einen das Fehlen einer Romanintrige, die ihre Gestalten sei es als Hauptdarstellern sei es als Komparsen verbrauchen würde, und zum anderen die betörende Unbestimmtheit der weiblichen Figuren.

Wer möchte nicht erkunden, ob Tereza Ambrosovás Leben, zumal das außerhalb des Archivs, so transparent verläuft, wie ihre Erscheinung verheißt; erfahren, wie Amélie Cerfs Leben verlaufen ist, bevor sie ihre Körperhaftigkeit verlor; mit Luciana Michelotti nicht noch ein wenig mehr Zeit verbringen in ihrer zweiten Welt nach der Trauung; das Leben des Lehrerfräuleins Rauch nicht in der Weise erzählen wie Siegfried Lenz seine Schweigeminute erzählt hat, nur noch deutlich schöner und natürlich mit gutem Ende. Am Mailänder Bahnhof muß man sich entscheiden, ob man der Franziskanerin oder dem Mädchen mit der bunten Jacke folgen will, sie werden kaum längere Zeit in die gleiche Richtung gehen. Hinsichtlich der Winterkönigin wurde schon erwogen, ob sie identisch sei mit Marie de Verneuil, sicher eine kühne Hypothese, gemessen an den Zumutungen der Stringtheorie aber durchaus noch bodenständig. Gern würde man nicht nur Austerlitz von sich und Marie de Verneuil erzählen hören, sondern auch Marie de Verneuil über sich und Austerlitz, und Mme Landau sollte den kurzen Hinweis zu den ziemlich vielen Männern doch ein wenig präzisieren. Bei der Mathild hatten wir uns schon gefragt ob Sebald sie zur Protagonistin des geplanten Buches zur Münchener Räterepublik gemacht hätte.