Dienstag, 26. August 2014

Weiber

Gwrachod

Daß der Dichter die Neger Neger und die Zigeuner Zigeuner nennt, die Irren Irre, mag man so oder so beurteilen. Wer will, kann sich den Klagen über mangelhaften Geschlechterproporz im Prosawerk  und mehr noch in den Aufsätzen anschließen. Ernstlich Sorgen aber bereitet der wenig empathische Umgang mit älteren Frauen, ältere Frauen dabei unterschieden von gebildeten älteren Damen. Die Anforderungen an Bildung oder Einkommen sind gar nicht hoch, es reicht eigentlich schon, wenn man  einen Namen  hat, Vera Rysanova, Janine Rosalind Dakyns, Mathild Seelos oder Mme. Landau, und man gehört nicht zu der Gruppe der hier Gemeinten. Ausgesprochen lieblos ist die Behandlung der namenlosen Tiroler Weiber, die in den Bus einsteigen, der unterwegs von Innsbruck nach Oberjoch ist. In gewissen Abständen standen sie unter ihren schwarzen Regendächern an der Straße. Es kam auf diese Weise bald eine ganze Zahl solcher Tiroler Weiber zusammen. Sie unterhielten sich in ihrem hinten im Hals wie eine Vogelsprache artikulierten Dialekt vornehmlich, ja ausschließlich von dem nicht mehr enden wollenden Regen. Ganz anders ist die Wahrnehmung junger weiblicher Mitreisender wie der Franziskanerin und dem Mädchen in der bunten Jacke im Zug nach Mailand oder der Winterkönigin oder auch der sehr schwarzen Negerfrau, die als Reiseagentin in der Londoner U-Bahn tätig ist und mit der ein geheimes Einvernehmen besteht. Den Tirolerinnen ähnlich sind die Bewohnerinnen der Ortschaft W., die Selysses ausnahmslos fast als kleine, dunkle, dünnzopfige und böse Bäuerinnen und Mägde in Erinnerung hat. Dabei hat er offenbar nicht die junge Romana vor Augen, die eher schon Prousts paysannes belles et timides zuzurechnen wäre.

Auch die Mesnerin von Sant’Anastasia, eine kummervolle und von langen Jahren des Schweigens und der Einsamkeit fast schon vergangene Frau, erweckt nicht in erkennbarer Weise die Sympathie des Dichters. Sie war, nachdem sie kurz nach vier Uhr das schwere eisenbeschlagene Hauptportal aufgesperrt hatte, und einem Schatten gleich durch das Kirchenschiff vor mir, dem einzigen Besucher, hergeschwankt war, wortlos in ihrem Verschlag verschwunden. Mit einer Regelmäßigkeit, als hätte sie den ewigen Umgang, kam sie mehrmals wieder hervor und entfernte sich ein Stück weit ins Dunkel hinein, um bald darauf, auf ihrer Umlaufbahn zurückkehrend, ihr Gehäuse wieder aufzusuchen. In Nürnberg holt eine ältere Frau, die ihn wohl wegen des alten Rucksacks für einen Obdachlosen gehalten hat, mit gichtigen Fingern aus ihrer Börse ein Markstück hervor und überreicht sie ihm vorsichtig als ein Almosen: eigentlich eine rührende Szene, die bei Austerlitz aber keine Anerkennung findet. Im Zug nach Kissingen sitzt nur wenig entfernt von Selysses eine alte Frau, die mit ihrem Federmesser, das sie stets aufgeklappt in der Hand behielt, Schnitz um Schnitz ihren Apfel zerteilte, die abgeschnittenen Stücke zerkiefelte und die Schale in ein Papiertuch spuckte, das sie auf dem Schoß liegen hatte. Zwar stellt sie eine spürsame Erleichterung dar gegenüber dem Selysses unmittelbar gegenübersitzenden, rundheraus ekelhaften Mann, bei dem unklar war, ob seine Körper- und Geistesdeformation ihre Ursache hatte in einer langen psychiatrischen Internierung, in einer angeborenen Debilität oder allein im Biertrinken und Brotzeitmachen: als liebenswert erscheint aber auch die Alte nicht.

In einer belgischen Gaststätte wärmt Selysses sich ein wenig auf. Am anderen Ende der Stube saß eine bucklige Rentnerin in dem trüben, durch die belgischen Butzenscheiben einfallenden Licht. Sie trug eine wollene Haube, einen Wintermantel aus dickem Noppenstoff und fingerlose Handschuhe. Die Bedienerin brachte ihr einen Teller mit einem großen Stück Fleisch. Als sei sie eine Hexengestalt der Brüder Grimm, schaute die Alte es eine Weile an, dann holte sie aus ihrer Handtasche ein scharfes Messerchen mit einem Holzgriff und begann, es aufzuschneiden. Ihr Geburtsdatum mochte in etwa übereinstimmen mit der Fertigstellung der Kongobahn, für die Abertausende von Schwarzen ihr Leben lassen mußten.

Vielleicht deutlicher noch als die anderen, läßt die Belgierin erkennen, was literarisch geschieht. Die Lebensspanne der Fleischesserin berührt die Zeit des großen belgischen Verbrechens im Kongo. Wenn auch selbst unschuldig, lebt sie doch im Schatten der Vergangenheit. Die Gnade der späten Geburt wird nicht gewährt. Die zahllosen Buckligen und Irren, die der Dichter in Brüssel erblickt, sind nicht durchweg schuldige Greise, die einzige Gerechte, die er im Frankenland findet, ist eine Türkin. Der verborgene Ton ist alttestamentarisch, die Kinder büßen für die Verbrechen der Eltern. Eine weitere, eigentlich deklassierte Literaturform tritt hinzu, das Märchen. Männer, Leopold II, Hitler, sind die Schuldigen, die alten Frauen in ihrem Land Frauen sind verwunschen zu Hexen. Seltsamerweise benutzt die Belgierin nicht das üblicherweise in Gastwirtschaften gereichte Besteck, sondern ein eigenes scharfes Messerchen, vielleicht hat sie auch das Fleisch, das sie so aufmerksam mustert, mitgebracht, vielleicht ist es der gemästete und zubereitete Hänsel, der ihr gereicht wird, wie immer dessen Identität dann zu bestimmen wäre. Der Almosen der Nürnbergerin kann nichts ausrichten gegen die Schuld, die über der Stadt liegt, und wer, wenn nicht eine Hexe oder doch eine Hexenähnliche im ewigen Umgang, könnte über Giottos Engeln wachen, die seit Jahrhunderten unser Unheil beweinen. Auf der engeren Heimat des Dichters und dem angrenzenden Tirol liegt ohnehin ein Fluch. Hexen haben keinen Namen, keine Persönlichkeit. Ein Tiroler Weib ist wie das andere, die eine dünnzopfige böse Bäuerin nicht unterscheidbar von der anderen. Gäbe sich die Mesnerin als Signora Gianna Falieri zu erkennen und die Belgierin als Mme Louise Simenon, sie würden aufwachen und wären erlöst.

Freitag, 22. August 2014

Franken

Land und Leute

Die aus Deutschland Ausgewanderten haben, sieht man ab von der von schwerem Heimweh geplagten Tante Theres, wenig Neigung in das alte Land der Väter, hen wlad fy nhadau, zurückzukehren. Bereyter, der die Rückkehr wagt, bekommt sie aus nur zu verständlichen Gründen nicht gut. Selysses unterhält zu seiner engeren Heimat im Süden Deutschlands, nahe der österreichischen Grenze, ein zwiespältiges Verhältnis. Den Norden nimmt er in der Prosa so gut wie nicht zur Kenntnis, in gebundener Sprache übernachtet er auch schon einmal an einem so verlorenen Ort wie Hannover. Die dunkelste Gegend aber, weder Norden noch tiefer Süden, ist offenbar das Land der Franken.

Austerlitz, dem Deutschland zuvor fremder gewesen ist als Afghanistan oder Paraguay, betritt deutschen Boden erstmalig im mittelfränkischen Nürnberg, zuvor war er im Zug, von Prag kommend, über den deutschen Boden in gehörigem Abstand nur dahingeglitten. Bei seiner Exkursion in die Nürnberger Innenstadt sticht ihm die die große Zahl grauer, brauner und grüner Jägermäntel und Hüte in die Augen, zweckmäßig und solide waren die Nürnberger Fußgänger gekleidet. Länger in die Gesichter zu schauen, scheute er sich. An den Fassaden zu beiden Seiten der Straße, selbst an den ihrem Stil nach älteren, war nirgends, weder an den Eckkanten, noch an den Giebeln, Fensterstöcken und Gesimsen eine krumme Linie zu erkennen oder sonst eine Spur der vergangenen Zeit. Hoch über den Hausdächern war die Burg zu sehen, irgendwie verkleinert, im Briefmarkenformat sozusagen. Lange ist er wie mit benommenen Blicken gestanden am Rand des ohne Unterbrechung an ihm vorüberziehenden Volks der Deutschen. Schließlich hat eine ältere Frau, die ihn wohl wegen des alten Rucksacks für einen Obdachlosen gehalten hat, mit gichtigen Fingern aus ihrer Börse ein Markstück hervorgeholt und ihm vorsichtig als ein Almosen überreicht. Bis zur Abfahrt des Zuges hat er die mit dem Kopf des Kanzlers Adenauer geprägte Münze in der Hand gehalten. Vom Reichparteitagsgelände her aber war wie ein dumpfes Echo aus der Tiefe der Zeit die brausende Begeisterung des damals hier zusammengeführten Volkes zu hören.
Selysses steuert in einem Zug, der, neben der Lokomotive, nur aus einem einzigen Wagen bestand, das unterfränkischen Kissingen an. In einem Zug dieser Güteklasse kann man kaum Fernreisende, sondern ganz überwiegend nur Einheimische, also Franken vermuten. Ihm gegenüber sitzt der wohl übelste Patron, der uns im ganzen Prosawerk begegnet. In einem fort wälzte seine unförmige Zunge, auf der sich noch Essensreste befanden, in seinem halboffenen Mund herum. Die Beine gespreizt saß er da, Bauch und Unterleib auf eine grauenerregende Weise eingezwängt in eine kurze Sommerhose. Ich hätte nicht zu sagen gewußt, ob die Körper- und Geistesdeformation meines Mitreisenden ihre Ursache hatte in einer langen psychiatrischen Internierung, in einer angeborenen Debilität oder allein im Biertrinken und Brotzeitmachen. Kaum weniger sagt dem Dichter, generell älteren Damen aus dem Volk wenig zugetan, die nur wenig entfernter sitzende alte Frau zu, die mit ihrem Federmesser, das sie stets aufgeklappt in der Hand behielt, Schnitz um Schnitz ihren Apfel zerteilte, die abgeschnittenen Stücke zerkiefelte und die Schale in ein Papiertuch spuckte, das sie auf dem Schoß liegen hatte. In Kissingen erwartet ihn dann eine Empfangsdame, die etwas von einer Oberin an sich hatte, und ihn maß mit ihren Blicken, als befürchte sie von ihm einen Hausfriedensbruch, und schließlich trifft er auf das ebenfalls in dem Hotel eingekehrte gespenstische alte Ehepaar, das ihn mit einem Ausdruck unverhohlener Feindseligkeit, wo nicht gar des Entsetzens anstarrte. Die Toten sind nicht besser als die Lebenden, im Nachruf auf den Metzgermeister Michael Schultheis in der Saale-Zeitung heißt es, er habe sich großer Beliebtheit erfreut, sei dem Raucherclub Blaue Wolke und der Reservistenkameradschaft eng verbunden gewesen und habe seine Freizeit im wesentlichen seinem treuen Schäferhund Prinz gewidmet. Im Rathaus des Kurbads stößt Selysses nach längerem Suchen auf einen schreckhaften Beamten, der ihm, nachdem er etwas entgeistert ihn angehört hatte, beschreibt, wo die alte von den Deutschen zerstörte Synagoge gestanden und wo der jüdische Friedhof zu finden war. Hier, auf dem Friedhof, stößt Selysses auf die Namen der wahren Bewohner der fränkischen Kleinstadt: Wertheimer, Friedländer, Arnsberg, Grunwald, Leuthold, Blumenthal - und es gab ihm den Gedanken ein, daß die Deutschen den Juden vielleicht nichts so sehr mißgönnt hatten als ihre schönen, mit dem Land und der Sprache, in der sie lebten, so sehr verbundenen Namen. Unter den Lebenden bewegt sich der Dichter wie in einem Reich der Toten, auf dem Totenacker wie unter Lebenden.

Unter den im biologischen Sinne Lebenden des Frankenlandes findet nur die Saaleschifferin Gnade, und die stammt bezeichnenderweise aus der Türkei. Sie diente bereits seit einer Reihe von Jahren bei der Kissinger Flußschiffahrt. Es zeigte sich bald, daß die Fährfrau das Boot auf dem kleinen Fluß nicht nur bestens zu manövrieren verstand, sondern daß sie darüber hinaus eine Person war, die durchaus Bedenkenswertes über den Lauf der Welt zu äußern hatte. Von dieser ihrer kritischen Philosophie gab sie einige äußerst eindrucksvolle Proben, die alle in der von ihr mehrmals wiederholten These gipfelten, daß nichts so unendlich und so gefährlich sei wie die Dummheit. Diese Ausführungen stoßen bei Selysses durchaus auf Verständnis, ein versöhnlicher Ausklang des Besuchs in Unterfranken.

All das ist weit entfernt von dem, was der Dichter, befragt zu den Franken, gesprächsweise geäußert hätte. Offenkundig läßt er ihnen im Prosawerk ebensowenig Gerechtigkeit widerfahren wie den Bewohnern Brüssels, die ihm in der Mehrzahl als verwachsen und debil erscheinen. Die poetischen Verhältnisse ähneln den alttestamentarischen, die Kinder müssen herhalten für die Verbrechen der Eltern. Glücklich schätzen können sich die Leser aus nicht ausdrücklich angefeindeten Gegenden und Orten wie dem ostwestfälischen Bielefeld oder dem rheinischen Bonn. Zu Bonn hat der Dichter gar ein sentimentales Verhältnis, ist hier doch die Winterkönigin, die ihn zutiefst beeindruckt und die er dann nie wiedergesehen hat, aus dem Zug gestiegen.

Samstag, 9. August 2014

Lebendige Philosophie

Stultitiae vituperatio

Die Philosophie nahm ihren Beginn nicht in Seminarräumen, sondern unter freiem Himmel, vorzugweise dem über Athen. Nicht wenige der frühen Vertreter des Fachs waren Exzentriker, denen man die Liebe zur Weisheit auf den ersten Blick nicht ansah, man denke etwa an Diogenes. Vor diesem Hintergrund ist es nur zu begrüßen, wenn Selysses die Ohren für philosophische Einsichten auch an Orten öffnet, wo man sie nicht ohne weiteres erwarten kann. Ein Dutzend Sandler waren es im Innsbrucker Bahnhof und eine Sandlerin. Sie bildeten eine bewegte Gruppe um einen Kasten Gösser-Bier, der wundersamerweise, gewissermaßen aus dem Nichts hervorgezaubert, auf einmal in ihrer Mitte stand. Verbunden untereinander durch die weit über die Landesgrenzen hinaus für ihren Extremismus bekannte Tiroler Trunksucht, verbreiteten sich diese teils kaum erst aus dem bürgerlichen Leben ausgeschiedenen, teils ganz und gar zerrütteten Tiroler Sandler, die durch die Bank einen Zug ins Philosophische, ja sogar ins Theologische hatten, über das Tagesgeschehen sowohl als über den Grund aller Dinge, wobei es regelmäßig gerade denjenigen, die besonders lauthals das Wort ergriffen, mitten im Satz die Rede verschlug oder aber sie winkten voller Verachtung ab, weil sie den Gedanken, den sie gerade noch im Kopf gehabt hatten, nicht mehr in Worte fassen konnten. Einen Zug ins Philosophische, ja sogar ins Theologische: auf beruhigende Art gilt unter den Sandlern noch die gute Ordnung und Hierarchie der Philosophia ancilla teologiae. Die Inhalte ihres Denkens lassen sich leider nicht erörtern, da die Fähigkeit zur verständlichen Formulierung der Lehrsätze den destruktiven Folgen des exzessiven Lebensstils der Weisheitsfreunde zum Opfer gefallen ist. Diogenes und seinesgleichen hatten bei aller Bohème das Überschreiten dieser für die Philosophie essentiellen Grenze zu vermeiden gewußt. Immerhin läßt die Verbindung des Alltagsgeschehen mit dem Grund der Dinge auf eine praktische, angewandte Philosophie schließen, der es deswegen aber nicht an Tiefgang fehlen muß.
Wenn, wofür einiges spricht, die Dummheit der anderen ein wichtiger Punkt ist in den Erörterungen der Sandler, ergäbe sich eine Brücke zum ansonsten ganz anders gelagerten Fall der als Saaleschifferin getarnten Philosophin Güpatia. Selysses besteigt das am Ufer liegende Boot, in dem die Bootsführerin bislang vergebens auf einen Passagier gewartet hatte. Diese Dame stammte aus Bergama im einstmals hellenischen Teil der Türkei und diente bereits seit einer Reihe von Jahren bei der Kissinger Flußschiffahrt. Es zeigte sich bald, daß die Fährfrau das Boot auf dem kleinen Fluß nicht nur bestens zu manövrieren verstand, sondern daß sie darüber hinaus eine Person war, die durchaus Bedenkenswertes über den Lauf der Welt zu äußern hatte. Von dieser ihrer kritischen Philosophie gab sie mir einige äußerst eindrucksvolle Proben, die alle in der von ihr mehrmals wiederholten These gipfelten, daß nichts so unendlich und so gefährlich sei wie die Dummheit. Der Einfluß Einsteins und Kants ist unverkennbar. Einstein: Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit. Das Theorem der unendliche Dummheit, wirft, so eingängig es auf den ersten Blick scheint, eine Reihe schwerwiegender philosophischer Fragen auf. Wie kann, so die erste Frage, ein endliches Wesen wie der Mensch Unendliches in sich tragen. Wie, so eine zweite Frage, ist die Unendlichkeit der Dummheit zu bewerten, nachdem die Vernunft sich als allzu endlich erwiesen und den philosophischen Stoßseufzer: Nie wieder Vernunft! provoziert hat. Sollte gar das Heil nicht von der Vernunft, sondern von der Dummheit zu erwarten sein? Immerhin, Erasmus darf in diesem Kontext nicht fehlen, ist ihr philosophischer Lobpreis längst schon verfaßt worden. Bei Kant hatte es noch geheißen: Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Wie ist es zu bewerten, so die dritte Frage, daß die unendliche Dummheit offenbar die ursprünglich von der ehernen Moral besetzte Stelle eingenommen hat; oder war das eine schon immer das andere, Moral so gefährlich wie Dummheit? Leider hat Selysses es versäumt, die Flußphilosophin mit diesen und anderen Fragen zu konfrontieren. Die Ausführungen der Schifferin seien bei ihm auf Verständnis gestoßen, heißt es, offenbar aber nicht auf uneingeschränkte Zustimmung. Seine Vorbehalte und weiterführenden Gedanken behält er für sich. Aus unserer Sicht wäre anzuführen, daß der Mensch das einzige Lebewesen ist, dem ernstlich der Vorwurf der Dummheit gemacht wird, bei Zecken, Raben, Katzen und Bonobos würde dieser Vorwurf ersichtlich ins Leere laufen. Vielleicht hat sich der Mensch mit der Selbstkategorisierung als Homo sapiens schlicht und einfach übernommen, und die Rüge der Dummheit - nicht anstelle ihres Lobs, sondern anstelle der neutralen Betrachtung menschlicher Begrenztheit - ist nichts als der Katzenjammer nach dem Fest.

Donnerstag, 7. August 2014

Zeitungsleser

Rückeroberte Blätter


Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien: wenn es stimmt, was der Theoretiker dekretiert, weiß Selysses wenig über unsere Welt. Zu den neuen elektronischen Medien unterhält er keinen Kontakt. Kaum hat er es sich im Hotel in Southwold im grünen Samtfauteuil vor dem Fernseher eingerichtet, ist er auch schon in einen tiefen Schlaf gesunken, und als er Stunden später erwacht, zittert nur noch das Testbild in dem stummen Kasten. Immerhin liest er in den Zeitungen. In Venedig nimmt er Platz in einer der Bars an der Riva, trinkt einen Morgenkaffee und studiert den Gazzettino. Was ihm dabei ins Auge fällt, erfahren wir nicht. In Limone fällt ihm das Schreiben, das zunächst leicht von der Hand ging, schwerer und schwerer. Er ist daher erleichtert, als man ihm die Zeitungen bringt, die zu besorgen er gebeten hatte, englische und französische und auch zwei italienische, wiederum der Gazzettino und der Alto Adige. Er sieht sie alle durch, offenbar aber nicht gründlich, und studiert als letzten den Alto Adige. Im Kulturteil findet er dann doch noch die für ihn bestimmte Nachricht. Es war eine kurz gefaßte Vorschau auf ein Theaterstück, das tags darauf in Bozen aufgeführt werden sollte: Casanova al Castello di Dux. Die für ihn bestimmte Nachricht: nichts weist darauf hin, Selysses habe die Vorstellung in Bozen besucht, aber in Austerlitz wird uns der in Dux weilende, inzwischen pensionierte Womanizer wiederbegegnen. Der Besuch des Feuilletons ist aber durchaus nicht immer erfolgreich. Als der Dichter während einer Zugfahrt unbedacht einige Zeilen aus dem ratenweise in einer namhaften deutschen Zeitung abgedruckten Roman eines namhaften deutschen Literaten liest, muß er die sogleich aufkommende Übelkeit im Speisewagen mit einem Magenbitter bekämpfen.
Bevor er im Alto Adige auf Casanova stieß, hatte Selysses lange an einer Notiz herumgerätselt, deren Überschrift Fedeli a Riva auf ein Geheimnis hinzudeuten schien, die dann aber nur von einem Ehepaar namens Hilse aus Lünen bei Dortmund handelte, das seit 1957 jedes Jahr seinen Urlaub am Gardasee verbrachte: nach Geheimnissen sucht er also. Ratloses Staunen ruft im Kissinger Saale-Zeitung der Nachruf auf den Metzgermeister Michael Schultheis hervor, von dem es hieß, er habe sich großer Beliebtheit erfreut, sei dem Raucherclub Blaue Wolke und der Reservistenkameradschaft eng verbunden gewesen und habe seine Freizeit im wesentlichen seinem treuen Schäferhund Prinz gewidmet. In der Biblioteca Civica läßt Selysses sich die Veroneser Zeitungen aus den August- und Septemberwochen des Jahres 1913 reichen. Ob das Studium der alten Bände als Zeitungslektüre zu werten ist, muß dahingestellt sein, besteht das Wesen der Zeitung doch in der Unterrichtung über Neues. Von einer methodisch vorgehenden wissenschaftlichen Recherche kann aber auch nicht die Rede sein, der Forscher ist schon bald abgelenkt, ausgehend von Anzeigen und Reklamebildern spielen sich allerhand Stummfilmszenen vor ihm ab. In der Via Alberto Mario sah er diverse Herren auf und ab gehen, um dann mit einem blitzartigen Seitensprung im Eingang eines Hauses zu verschwinden, Mallatie della Pelle, das ist ihr Geheimnis, dann wieder sah er den Dott. Pesavento eine seiner schmerzlosen Extraktionen vollführen. Das blasse Antlitz der Patientin machte den Eindruck völliger Gelöstheit, dafür aber bog und wand sich ihr Leib in dem Behandlungssessel auf eine geradezu agonale Weise. - Selysses nimmt das Zeitungsstudium nicht so ernst, wie die Redakteure es sich wünschen würden. Die üblichen, dem verbesserten Wissen über unsere Welt verpflichteten, mit Analysen und Beurteilungen ausgestatteten Sparten eines Tagblattes wie Politik, Wirtschaft, Naturwissenschaft und Technik, Sport scheint er zu überblättern, auch das Feuilleton ist alles in allem nicht ergiebig. Er hofft auf Zufallsfunde, magische Nachrichten, die ausdrücklich für ihn allein bestimmt scheinen, geheime Botschaften unter den Faits divers, definiert als ein type d'événements qui ne sont classables dans aucune des rubriques qui composent habituellement un média d'actualité. Er geht dabei nach dem Aschenputtelprinzip vor, nur weniges gelangt ins Töpfchen, aber auch was im Kröpfchen verschwindet, der Schäferhund Rex, das ganz und gar geheimnislose Ehepaar aus Lünen, der Doktor Pesavento, ist in seiner Disparatheit und Bedeutungslosigkeit nicht ohne Nährwert für die Prosa. Im Töpfchen findet sich aber längst nicht nur der Casanova aus Bozen, der mit den Worten Trauer um einen beliebten Mitbürger überschriebene Nachruf im Anzeigeblatt, der ihm zugeschickt worden war, setzt die Erzählung Paul Bereyter überhaupt erst in Gang, die Erzählung Dr. Henry Selwyn andererseits schließt mit einem Blick in die in Zürich gekaufte Lausanner Zeitung, die Selysses, nachdem er sie durchgeblättert hatte, gerade schon beiseitelegen wollte. Ein Zeitungsbericht macht den Dichter mit dem Leben und dem Tod des Major George Wyndham Le Strange bekannt, eine der beeindruckendsten und rätselhaftesten Gestalten überhaupt im Werk.
Wenn es denn eine Wahrheit sein sollte, daß wir unser Wissen über die Welt den Massenmedien entnehmen, so ist es keine zeitlose anthropologische Wahrheit, wenn es denn solche Wahrheiten gibt. Die längste Zeit hat die Menschheit ohne Massenmedien verbracht und darunter nicht gelitten. Die Massenmedien sind Teil des uns als Segen anempfohlenen Verhängnisses der Neuzeit. Zuvor zielte der Erkenntniswille auf die Ewigkeit und den in ihr waltenden Herrn, der Rest ergab sich von selbst. Die Wende kam mit dem der Erfindung des dann die Entwicklung der Massenmedien ermöglichenden Buchdruck. Das handgeschriebene Buch hatte dieses Potential noch nicht. Der Einband von Die Realität der Massenmedien zeigt ein Bild von László Lakner, Für die Malerei eroberte Blätter, übermaltes Buchobjekt. Zu sehen ist ein bedrucktes Doppelblatt, nachträglich übertüncht, so daß die Schrift nur noch am oberen Rand zu lesen ist, ansonsten bleibt bloß der Eindruck wortloser Zeilen, die fatale, vom Buchdruck eingeleitete Entwicklung ist rückgängig gemacht. Aber nicht nur die Malerei übermalt die geschäftigen Worte, die Wortkunst nicht weniger: Kunst unterscheidet sich in jedem Fall vom Ingangsetzen einer sprachlichen Kommunikation dadurch, daß sie im Medium des Wahrnehmbaren oder Anschaulichen operiert, ohne die spezifische Sinnleitung der Sprache in Anspruch zu nehmen. Das gilt auch und noch viel dramatischer, weil weniger selbstverständlich, für alle Wortkunst, für Dichtung. Die Wahl des Einbandbildes läßt vermuten, das Herz des Theoretikers schlage auf der Seite der Kunst, keineswegs fordert er auf zum verstärkten Frequentieren der Massenmedien. Auch der Theoretiker läßt es ja nicht bei den Wahrheiten der Massenmedien bewenden. Ihr Wissen erscheint ihm als Unwissen, der gesamte mediale Ertrag wird ihm zu Semantik, wie er es nennt, die ihren Charakter zutiefst ändert, wenn sie sich an den ihr verborgenen, von der Theorie freigelegten Gesellschaftsstrukturen bricht. Die entzauberte Welt erscheint wie neu verzaubert, allerdings ohne anheimelnde Momente für die Menschen. Dem das Wissen meidenden, in diesem Sinne ignoranten Dichter ist die Wahl seines Weges an den Medien vorbei also nicht vorzuwerfen.

Sonntag, 3. August 2014

Mütter

Seltsamer Theatergeruch


An die elterliche Wohnung im Engelwirt erinnert sich Selysses bei der Rückkehr ins Vaterland im Leerzustand, ohne daß Vater und Mutter auftreten würden. Das Kind ganz rückwärts mit dem Kreuzchen über dem Kopf, ist deine Mutter, die Rosa, erfährt er an anderer Stelle. Könnten wir sie auf der Photographie erkennen, würden wir die Rosa als Kind und nicht als Mutter des Erzählers sehen. Auch Aurachs Mutter erleben wir bei der Lektüre ihres Tagebuchs als Kind und nicht als Mutter. Bei Selwyns Abreise aus dem litauischen Dorf wird die Mutter erwähnt als eine derjenigen, die auf dem Wagen sitzen, ein besonderer Blick aber gilt ihr nicht. Von Bereyters Mutter hören wir, sie habe Thekla geheißen und im Nürnberger Stadttheater auf der Bühne gestanden, eine Kollegin der Agata also, vom Verhältnis zu ihrem Sohn aber erfahren wir wenig. Den kleinen Paul sehen wir ohne die Mutter auf seinem Dreirädchen, wie er sich auf der untersten Ebene des vom Vater betriebenen Emporiums auf seinem Dreirädchen fortbewegt, durch die Schluchten zwischen Ladentischen, Kästen und Budeln. Die Mütter des Ambros Adelwarth und des Cosmo Solomon bleiben gänzlich unerwähnt. Wir sehen den Cosmo mit schon zerstörtem Geist in seinem alten Kinderzimmer reglos auf einem Schemel stehend, der Blick hinaus aufs Meer, und versuchen uns vorzustellen, wie er in diesem Raum unter den Augen seiner Mutter als Kind gespielt hat.

Als Joseph Conrad geboren wird, ist seine Mutter fünfzehn Jahre alt, als sie acht Jahre später dreiundzwanzigjährig stirbt, hat sie ihn wie seine ältere und immerfort kranke Schwester die kurze gemeinsame Lebensspanne begleitet, beide fortwährend im Gefolge des politisch umtriebigen Vaters. Am Verbannungsort Wologda regnet es während des grünen Winters ohne Unterlaß, im weißen Winter sinkt das Thermometer auf unvorstellbare Tiefen. Die Tuberkulose, an der Ewelina Korzeniowska seit Jahren leidet, entfaltet sich unter diesen Umständen ungehindert. Der Krankheit und dem Heimweh, das ihre Seele zersetzte, kann sie nicht lange standhalten. Edward FitzGeralds Mutter ist von grundsätzlich anderem Kaliber. In ihrer äußeren Erscheinung sah sie dem Admiral Wellington verblüffend ähnlich. Immer, wenn die meist auswärts weilende Mutter anreiste, standen Edward und seine Geschwister wie versteinert hinter den Fenstern der Kinderstuben im obersten Stock oder hielten sich versteckt in dem Gebüsch bei der Einfahrt, zu eingeschüchtert von ihrer Herrlichkeit, als daß sie es gewagt hätten ihr entgegenzulaufen oder zum Abschied zu winken. Manchmal kam sie in die Kinderstube hinauf und ging dort, eingehüllt in ihre raschelnden Kleider und in eine große Parfümwolke, wie eine fremde Riesin hin und her. Heutzutage, unter dem Gebot umfassender Gleichartigkeit, würden wir das anstandslos hinnehmen, seinerzeit konnte man sich nichts anderes denken als einen Rollentausch zwischen den Ehepartnern, und tatsächlich hatte der Gatte, ein angeheirateter Vetter von bedeutungsloser wenn nicht gar verächtlicher Gestalt, dem mächtigen Format und der furchteinflößenden Büste seiner Gemahlin nichts entgegenzusetzen. Für Edward aber war die Wirkung der Mutter so fatal wie die des Vaters für Kafka.
Angesichts der allgemeinen Mütterarmut kann man Austerlitz schon fast als das Mütterbuch des Dichters ansehen. Der Titelheld bringt es gleich auf drei, wenn nicht vier Mütter. Gwendolyn, die Frau des Predigers in Bala, war ständig mit ihrem Haushalt beschäftigt, mit Abstauben und dem Abwischen der Fliesen, mit der Kochwäsche und der Zubereitung der mageren Mahlzeiten. Zu ihrem Ziehkind hat sie kein Verhältnis, nicht aus bösem Herzen, sondern aus Hilflosigkeit. Einmal, als sie ihn unter der Türe stehen sah, erhob sie sich und fuhr ihm im Herausgehen mit den Fingern durchs Haar, das einzige Mal, daß dies geschehen ist. In Andromeda Logde dann erlebt Austerlitz die ungetrübte Gemeinschaft zwischen Adela Fitzpatrick und ihrem Sohn Gerald, die sich in dieser Form wohl nur nach dem Tod des Vaters entwickeln konnte. Austerlitz wird in diese Mutter-Kind-Gemeinschaft einbezogen, älter als Gerald und nur wenig jünger als Adela, wie er ist, aber mit einem gewissen, wenn man so sagen darf, inzestuösen Einschlag. Was Agata, seine leibliche Mutter anbelangt, so entsann Austerlitz sich, von einem unbekannten Kummer erfüllt gewesen zu sein, als er, weit jenseits der Schlafenszeit, die Augen im Dunkeln weit offen, auf die Viertelstundenschläge der Turmuhren gehorcht und gewartet hatte, bis Agata nach Hause kam, bis er den Wagen, der sie aus der anderen Welt zurückbrachte, vor dem Haustor anhalten hörte, sie endlich ins Zimmer trat und zu ihm sich niedersetzte, umhüllt von einem seltsamen, aus verwehtem Parfum und Staub gemischten Theatergeruch: une scène Proustienne, allerdings ohne die Hysterie des kleinen Marcel, die hatte Jacquot auch nicht nötig, stand im doch die ganze Zeit mit Vera eine fast gleichwertige Zweitmutter zur Verfügung. Es ist freilich nur ein spätes Erinnerungsbild an eine, die ihm schon bald so gründlich genommen wurde, daß für lange Zeit auch die Erinnerung an sie verloren war. Für Selysses stellt sich die Erinnerung auf ganz andere Weise ein. In Rovereto steigt eine alte Tirolerin in den Zug ein mit einer aus Lederflecken zusammengenähten Einkaufstasche. Sie ist in Begleitung ihres vielleicht vierzigjährigen Sohnes. Über die Maßen dankbar ist er den beiden, als sie, obschon der Waggon ganz leer ist, sich hereinsetzen zu ihm. Hin und wieder ergreift den Sohn ein Krampf in seiner Brust. Die Mutter macht ihm dann zur Beruhigung einige Zeichen in die Fläche seiner linken, wie ein unbeschriebenes Blatt offen in ihrem Schoß liegenden Hand. Als sei er der nur um einige Jahre jüngere Bruder des Umsorgten, begibt auch Selysses sich heimlich in den mütterlichen Schutz: nach und nach wird es ihm besser.

Das kleine Bild ist in der oberen Hälfte fast ganz ausgefüllt von einer aus dem Himmelsblau hervorstrahlenden goldenen Scheibe, die als Hintergrund dient für eine Darstellung der Jungfrau mit dem Erlöserkind. Zwar wendet das Interesse sich sogleich ab von der Gottesmutter und hin zu den Heiligen Antonius und Georg mit dem Strohhut, immerhin aber wird sie nicht weggeschnitten, so wie bei der Betrachtung des Giottobildes in Padua das eigentliche Sujet, die Beweinung Christi, weggeschnitten ist und nur die in der oberen Bildhälfte segelnden Engel Beachtung finden. Es könnte scheinen, der Ecclesia Catholica sei dank der ihre Geschichte begleitenden zahllosen Madonnendarstellungen die Kontrolle über die Glaubensinhalte und Dogmen ein wenig entglitten, zieht doch regelmäßig die Frauengestalt größere Aufmerksamkeit auf sich als das nicht selten zu einem fragwürdigen Wurm geschrumpfte Jesuskind. Als Jungfrau ist die Madonna gewissermaßen auch befreit von der Mutterschaft üblicher Art. Die Jungfrauengestalt schießt über das ihr zugedachte Ziel hinaus und übertrifft im Herzen der Gläubigen schließlich noch die Heiligkeit der Heiligsten Dreifaltigkeit. Zugegebenermaßen sind die Geheimnisse der Christenlehre nicht leicht zu ergründen, und es ist mühsam, sich zurechtzufinden in der christlichen Ordnung der Dinge und insbesondere in der schwierigen Sache der heiligen Trinität. Leicht und erholsam ist hingegen die träumerische Betrachtung eines Madonnenbildes. Dem nachgebend gerät das Christentum mit der Beförderung einer Frau in die obersten Ränge des Götterhimmels in großen Abstand zu den anderen abrahamitischen Religionen, mit unabsehbaren Folgen, die hier außer acht bleiben müssen. In Raphaels sixtinischen Darstellung aber, dem wohl bekanntesten Madonnenbild, ist das Gesicht des Kindes nicht weniger ausdrucksstark als das der Mutter. Etwas herzbewegend Weltliches geht von ihm aus, als sei es der heilige Georg im Kleinkindalter oder der kleine Gerald auf dem Arm seiner Mutter Adela. Wenn Selysses bei der Betrachtung des Pisanellobildes ähnliche Gedanken bewegt haben sollten, so hat er sie verschwiegen.

Montag, 14. Juli 2014

Commander Dalgliesh

From Norfolk

Der nicht mit dem Verfassen von Kriminalromanen befaßte Bevölkerungsanteil ist stark rückläufig, noch schneller schrumpfen die nicht dem Kriminalfach zuzurechnenden Teile der Literatur in Relation zu den Morderzählungen. Dabei sind die Grenzen nicht klar, Dostojewski etwa stand immer schon im Verdacht, Kriminalromane geschrieben zu haben. In den Brüdern Karamasow und den Dämonen wird gemordet, in Schuld und Sühne zudem eine reguläre Ermittlung durchgeführt. Stifters Nachsommer, um dieses Beispiel zu nennen, befindet sich dagegen alles in allem auf der verbrechensfreien Seite. Mit Kriminalromanen haben wir es in jedem Fall zu tun, wenn ein serieller Ermittler - Holmes, Marlowe, Maigret, Rebus - in einer Reihe von Büchern immer wieder auftritt. Nicht selten ist der fiktive Ermittler zugleich der fiktive Verfasser, Verfasser von Kriminalromanen werden aber auch als Opfer oder Täter angetroffen. P.D. James' Ermittler Commander Dalgliesh weist die Besonderheit auf, daß er im Zweitberuf Lyriker ist und allem Anschein kein Kriminallyriker, schon weil dieses Genre außerhalb von Moritat und Bänkelsang bislang wenig entwickelt wurde. Dalgliesh betont immer wieder, daß die Verbrechensaufklärung als Erfahrungshintergrund für seine Wortkunst dient, daß er hier die entscheidenden Einsichten in Welt und Gesellschaft gewinnt. Wie im einzelnen aber sich das Verhältnis von Ermittlung und Dichtung gestaltet, wird nicht deutlich, die poetischen Erzeugnisse des Kriminalisten werden dem Leser vorenthalten. Wer alle Bücher der Autorin gelesen haben sollte, wüßte, ob es einen Roman gibt, der von Dalgliesh dem Dichter handelt und von Dalgliesh dem Ermittler nur nebenbei. Man könnte sich einen Plot denken mit Dalgliesh bei einer ausführlichen Lesung seiner Werke, an der wir teilnehmen dürfen, und sodann einem Mordopfer unter den Zuhörern. Ohne entsprechende Einsichtsmöglichkeiten bleibt der Eindruck, die Autorin habe selbst keine detaillierte Vorstellung vom dichterischen Schaffen ihres Protagonisten. Ermittler und Dichter: offenbar soll eine große Entfernung zwischen den beiden Polen angezeigt werden, die sich als große Nähe erweist.

Eine breite statistische Untersuchung könnte belegen, daß gottgläubige Menschen im Schnitt weniger Kriminalliteratur konsumieren als gottlose. Die Aufklärung eines Verbrechens ist die Wiederherstellung einer gestörten Ordnung, Gott aber der Garant einer unverbrüchlichen Ordnung, die von einem Verbrechen nur sehr oberflächlich berührt werden kann. Das bedeutet allerdings nicht, der Weltenlenker könne ganz ohne menschliche Unterstützung auskommen. In der mittelalterlichen Literatur waren die Ritter fortwährend zugunsten der Bedrückten und Beleidigten unterwegs auf einer Queste, lexikalisch unmittelbar der Enquête verwandt, wie Maigret sie kennt. Bei ihren Unternehmungen bekommen es die Rauhreiter mit allerhand Wundern und Zauberkräften zu tun. Im englischen Sprachraum wird der Kriminalroman noch heute als Mystery bezeichnet, und im speziellen Fall des Locked Room Mystery scheint die Lösung ohne göttliche oder doch Merlins Hilfe nicht erreichbar. Als es schließlich gelungen war, das Böse mehr oder weniger zu verbannen aus Arthurs Reich, tritt an die Stelle der individuellen, fallbezogenen Queste die große Recherche du Saint Graal, sozusagen der Übergang vom Kriminalroman zur Literatur an sich, die sich allerdings von der Religion noch nicht getrennt hatte. Ob sie das in der Folge dann in bündiger Weise getan hat, mag dahingestellt sein, jetzt, bei funktionierendem säkularem Rechtswesen und zahllosen, vom Publikum mit Eifer beobachteten Ermittlern in Buch und Film, die alle Ordnungsverstöße schwerwiegenderer Art zuverlässig beseitigen, hat es aber den Anschein, als könne der Herr sein Richter- und Lenkeramt ablegen und sich ganz der angestammten Milde seines Herzens überlassen.
Dalgliesh stammt aus einem Pfarrhaus in Norfolk und erweist sich damit sozusagen als Landsmann Sebalds; vielleicht ist der sogar sein Wohnungsnachfolger im Rectory. Das mildert die Überraschung aber nur wenig, wenn Sebald, verkleidet als Selysses, sich im Gespräch mit Luciana Michelotti als Kriminalschriftsteller ausweist, wird er doch verbreitet als Geistesverwandter Stifters angesehen, dessen Nachsommer hier gerade als Beispiel für nichtkriminalistische Literatur gewählt wurde. Die Verwandtschaft besteht aber nicht. Wer bei Stifter und Sebald einen ähnlichen Klang der Sätze vernimmt, ist taub, und naturgemäß geht es bei Sebald nicht darum, eine für vollkommen erachtete Welt aufwendig abzusichern und unverändert, mit gewaschenen Bäumen und wohlerzogener Vogelwelt an die nachfolgende Generation weiterzureichen: gleichsam die frühzeitig erstarrte oder doch extrem verlangsamte Form der immer noch populären, wenn auch inzwischen arg auf die Probe gestellten Erwartung, alles würde immer besser. Selysses begibt sich auf eine seltsame Queste, die ihn von Wien aus nach Oberitalien und von dort schließlich ins Allgäu führt. Er kann dabei an die Schwermut der Ritter anknüpfen aber nur sehr begrenzt an ihre Erfolge. Als seinen bedeutendsten Sieg erlebt er selbst die Erringung eines Cappuccinos im Bahnhofsbuffet von Venedig, eine gestörte Weltordnung kann dadurch nicht wieder ins Lot gebracht werden. Die Enquête, die kriminalistischen Ermittlungen verlaufen im Sande, das Verbrechen des Jägers Gracchus bleibt so dunkel wie es war. In den folgenden Büchern, bis hin zu Austerlitz, wird dann immer deutlicher: die Lage ist verzweifelt weit über das hinaus, was ein irgendein Held oder ein Ermittler zu richten vermöchte. Alle Handlungen draußen führen zu nichts. Wenn der Ermittler zum Dichter wird und der Dichter zum Ermittler muß etwas Unbekanntes in der Mitte liegen, nach dem beide suchen. Sie begeben sich auf die Suche nach dem Gral im Inneren des Sprachkunstwerkes, der Suche nach der künstlerische Wahrheit, ebenso verborgen und unsichtbar wie das heilige Gefäß.

Donnerstag, 10. Juli 2014

Sprachfülle

Lord Phi. Chandos

Die Gestalt des Major Le Strange wirkt auf den ersten Blick so vollendet und klar wie eine Einstrichzeichnung Picassos, eigentlich aber besteht sie nur aus Fragen und Rätseln. Florence Barnes hat er unter der ausdrücklichen Bedingung verdingt, daß sie die von ihr zubereiteten Speisen mit ihm gemeinsam aber wortlos einnimmt. Ist das Redeverbot nun allgemein oder beschränkt es sich auf die Essenszeit; kann sie sich abends erkundigen, nach welcher Speise ihm tags darauf der Sinn steht; wenn das Redeverbot, wie anzunehmen, durchgehend gilt, kann er seinerseits sich mit Worten an sie wenden; schreiben sie einander Zettel wie Jean Gabin und Simone Signoret; hat das Redeverbot, was Florence bestreitet, sich vielleicht im Verlauf der Jahre gelockert oder gar verflüchtigt; wohnt Florence Barnes ständig auf dem Gut, oder kommt sie nur für die Stunden ihrer Arbeit; hat sie Anspruch auf Jahresurlaub, und wie überbrückt Le Strange dann diese Zeit; hat Le Strange anderweitig Kontakt mit der Sprache, liest er das Tagblatt, verbringt er lange Stunden in der Bibliothek; verfolgt er Radio- und Fernsehsendungen; oder hat er das Sprachvermögen ganz eingebüßt?
Eine kürzere Sprachabstinenz kann sich nur vorteilhaft auf das Sprachvermögen auswirken. Alleinreisende sind in der Regel dankbar, wenn sie, nach manchmal tagelang nicht unterbrochenem Schweigen, eine Ansprache finden und können sogar bereit sein, sich einem fremden Menschen rückhaltlos zu öffnen. Bei Austerlitz war es dabei erstaunlich, wie er seine Gedanken beim Reden verfertigte, wie er sozusagen aus einer Zerstreutheit heraus die ausgewogensten Sätze entwickeln konnte. Man muß sich dabei vor Augen halten, daß der Erzähler Austerlitz ständig dolmetscht. Austerlitz ist ein vierhundertseitiges Fest der deutschen Sprache, bei dem, schaut man genau hin, so gut wie kein Deutsch gesprochen wird. Austerlitz und Selysses unterhalten sich zunächst in französischer Sprache und wechseln dann ins Englische. In seiner Jugend hat Austerlitz zudem die walisische Sprache, wie er sagt, im Fluge erlernt, ein Geschehnis, um das ihn jeder, der sich lustvoll mit dieser oder einer anderen keltischen Sprache plagt, nur beneiden kann. Nid dy fyd di ydi fy lle i: schwer zu glauben, daß sich Menschen am äußersten westlichen Rand unseres Kontinents tatsächlich auf diese wundersame Weise verständigen, man könnte meinen, wie sie uns mit diesen acht kurzen, sich verwirrend ähnlich sehenden Worten auch selbst versichern, ihre Welt sei nicht die unsere. In der tschechischen Sprache hat Austerlitz mühselig einen Begrüßungssatz einstudiert und mit unsicheren Schritten wie aufs Eis findet er, ausgehend von der Zahlenreihe, zurück in die ihm, wie er glaubte, unbekannte Sprache. Er, der während seiner walisischen Zeit auch im entferntesten nicht auf den Gedanken gekommen war, vom Tschechischen je berührt worden zu sein, verstand nun wie ein Tauber, dem durch ein Wunder das Gehör wieder aufging, so gut wie alles. Beides, das Französische und das Tschechische, hatte er in der frühen Prager Zeit von seiner französischen Kinderfrau erlernt. Auf den gemeinsamen Spaziergängen war das Französische die Umgangssprache gewesen, nachmittags wurde, über häusliche und kindliche Dinge sozusagen, tschechisch geredet. Die deutsche Sprache dringt nur von außen in diese Welt. Im Rundfunk konnte man mitanhören, wie in tausend, zehntausend, zwanzigtausend, tausend mal tausend und abertausend Wiederholungen mit heiserer Stimme der Reim hervorgestoßen wurde, der den Deutschen ihre eigene Größe und das ihnen schon bevorstehende Ende eintrichterte. Die Übersetzungsarbeit des Erzählers kann, nicht als Wiederherstellung der Unschuld der deutschen Sprache, die sie als Sprache nicht verlieren konnte, sondern als ihre Freilegung von Schutt und Unrat ihres Mißbrauchs und als erneute Sichtbarmachung ihres Glanzes angesehen werden. Das ist nicht eines der geringsten Anliegen des Buches, und der Erzähler geht dabei auf Wegen weit abseits von den gängigen Purifizierungs- verfahren.
An späterer Stelle berichtet Austerlitz, der Meister der ausgewogensten Sätze, von seinem zeitweiligen Sprachverlust. Es ist in diesem Zusammenhang auf die Beichte des Lord Chandos hingewiesen worden, und tatsächlich ergibt sich der Eindruck, als lasse Austerlitz, ähnlich wie Selysses zu Beginn von Ritorno in patria das Tiroler Land an der Seite von Thomas Bernhard durchmißt, sich ein Stück des Weges von Hofmannthal begleiten. Die beiden gehen aber längst nicht im Gleichschritt. Beiden gemein ist, daß sie von ihrem Sprachverlust in beredten Worten berichten, im Falle des Lord Chandos umso auffälliger, als er wortreich einen noch andauernden Zustand der Sprachlosigkeit deklariert: aber was versuche ich wiederum Worte, die ich verschworen habe, so er selbst. Aber berichtet er überhaupt von einem Sprachverlust und nicht vielmehr von einer Sprachwandlung, einer Sprachentsagung zum Zwecke der Sprachfindung? Lord Chandos ist Dichter, für ihn ist die Sprache nicht, wie bei Austerlitz, Mittel der Gedankenentwicklung, sondern Material der Wandlung in etwas anderes: Kunst. Kunst aber unterscheidet sich, wie der Theoretiker ausführt, vom Ingangsetzen einer sprachlichen Kommunikation dadurch, daß sie im Medium des Wahrnehmbaren oder Anschaulichen operiert, ohne die spezifische Sinnleitung der Sprache in Anspruch zu nehmen. Das gelte auch und noch viel dramatischer, weil weniger selbstverständlich, für alle Wortkunst, für Dichtung.

Chandos durchlebt diesen dramatisch Augenblick, in dem Sprache als Gerät der Kommunikation und des Denkens vergehen muß, um als Stoff der Kunst wieder aufzuerstehen. Eine Gießkanne, eine auf dem Feld verlassene Egge, ein Hund in der Sonne, ein ärmlicher Kirchhof, ein Krüppel, ein kleines Bauernhaus, alles dies kann das Gefäß meiner Offenbarung werden - und alle diese Dinge findet man, Wort geworden, bei Sebald wieder. Überhaupt weiß ich nicht, was es ist an bestimmten Dingen und Wesen, das mich manchmal so rührt, sagt Selysses, als er im Tiroler Land nach dem Regen eine Schar Hühner weithinaus aufs Feld sich bewegen sieht. Die Prosa ist durchsetzt von solchen Dingen und Wesen. Da ist das Entenpaar im Schutz der niederhängenden Trauerweide, reglos auf der von grasgrüner Grütze ganz und gar überzogenen Fläche des Wassers; da ist das Schiff, das aus der Mitte des Sonnenfeuers hervorgekommen war und jetzt auf den Hafen von Porto zuhielt, so langsam, das man meinte, es bewege sich nicht. Vielleicht eine Stunde lag das Schiff hell leuchtend in der Finsternis. Dann, als die Sterne schon über den Bergen hervortraten, drehte es ab und fuhr so langsam, wie es gekommen war, wieder davon. Lord Chandos Volk der Ratten, dessen gellende Todesschreie er nach dem Auslegen des Giftes aus seinem Keller vernimmt, wird für Selysses von einem Hasen vertreten. Ich sehe den Rand des grauen Asphalts, jeden einzelnen Grashalm, sehe den Hasen, wie er hervorspringt aus seinem Versteck, mit zurückgelegten Ohren und einem vor Entsetzen starren, irgendwie gespaltenen, seltsam menschlichen Gesicht, und ich sehe in seinem im Fliehen rückwärtsgewandten, vor Furcht fast aus dem Kopf sich herausdrehenden Auge, mich selber, eins geworden mit ihm.
Der polyglotte Austerlitz, so die Überlegung, könnte sich, wenn es ihm die eine Sprache zerschlägt, in eine andere flüchten wie auf eine Insel, aber das ist nicht der Fall. Die Symptome des Sprachverlustes schließen an an eine breite Symptomatik eines depressiven Persönlichkeitsverfalls. Schon die geringste Aufgabe oder Verrichtung wie das Einräumen einer Schublade mit verschiedenen Dingen konnte seine Kräfte übersteigen. Es war, als habe sich etwas Stumpfsinniges und Verbohrtes in ihm festgesetzt, das nach und nach alles lahmlegen würde. Austerlitz ist ein Gedankenverfasser auf dem Gebiet der Architektur und beschreibt seinen Sprachverlust mit einer Metapher aus dem Bauwesen: Wenn man die Sprache ansehen kann als eine alte Stadt, mit einem Gewinkel von Gassen und Plätzen, so glich er selbst einem Menschen, der sich, aufgrund einer langen Abwesenheit in dieser Agglomeration nicht mehr zurechtfindet, der nicht mehr weiß, wozu eine Haltestelle dient was ein Hinterhof, eine Straßenkreuzung, ein Boulevard oder eine Brücke ist. Chandos Gießkanne, seine auf dem Feld verlassene Egge, sein kleines Bauernhaus schließlich erlebt Austerlitz, wenn auch nicht in einer unmittelbaren Syntax zur Erzählung von der verlorenen Sprache, in seiner eigenen künstlerischen Disziplin: Die unter dem Normalmaß der domestischen Architektur sind es die Feldhütte, die Eremitage, das Häuschen des Schrankenwärters, der Aussichtspavillon, die Kindervilla im Garten, die wenigstens einen Abglanz des Friedens uns versprechen.

Für alle drei, Austerlitz, Chandos und den Erzähler, Selysses, führt der Weg zur künstlerischen Wahrheit über Reinigung, Rückzug, Melancholie und Askese. Was ist mit Le Strange? Da wir wenig wissen, können wir uns viel denken. Daß sein Sprachverzicht auf die Erlebnisse im Krieg und insbesondere bei der Befreiung von Bergen Belsen, oder dessen was noch zu befreien war, zurückgeht, ist wohl unbestritten. Steckt vielleicht auch hinter seinem Sprachverzicht eine Sprachwandlung? Wir sehen ihn nur in seltenen Augenblicken außerhalb seines Hauses, in einem kanarienfarbenen Gehrock oder einer Art Trauermantel aus verschossenem veilchenfarbenen Taft mit vielen Knöpfen und Ösen, ständig umschwärmt von allem möglichen Federvieh, von Perlhühnern, Fasanen Tauben und Wachteln und den verschiedenen Garten- und Singvögeln, die teils am Boden um ihn herumliefen, teils in der Luft ihn umflogen. So wunderlich diese Auftritte sind, haben sie doch etwas Siegreiches, geradezu Triumphales an sich. Fast auch glaubt man seine möglicherweise lautlosen Selbstgespräche zu hören. Einmal im Sommer habe er in seinem Garten eine Höhle ausgehoben, in der er tage- und nächtelang gesessen sei gleich dem heiligen Hieronymus in der Wüste. Vertrauter als im Erdloch ist uns der heilige Hieronymus im Gehäuse, umgeben von Büchern. Wenn der Dichter Dürers Melencolia Janine Rosalind Dakyns als Inbild zuschreibt, so hat er vielleicht nur versäumt oder es mit Absicht uns überlassen, in Dürers anderem Meisterstich, einem Abbild des Friedens und der domestizierten Schwermut, Le Strange als Hieronymus erkennen. Selbst die ausschließliche Beschäftigung mit dem Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit, sollte sie seinen Tagesverlauf bestimmen, wäre sprachlos schwer vorstellbar. Vielleicht aber vertieft Le Strange sich im Korrespondenzen aus vergangener Zeit, beispielsweise in diejenige der Madame de Sévigné, die schon für Proust so wichtig war, und entwirft Pläne zu einem Sévigné-Dictionnaire, in dem sämtliche in der Korrespondenz erwähnten Personen und Örtlichkeiten kommentiert werden. Vielleicht auch feilt er in der stillem Muße seines Landhauses an tastenden Übersetzungen alter Autoren, die er nicht drucken zu lassen gedenkt. Auszuschließen kann man, auch wenn sein Dasein nicht unfroh ist, eine Beschäftigung mit zukunftsfrohen Dingen.