Dienstag, 23. September 2014

Mimesis

Dekalog, Position 10

Der eine oder andere maßvolle Atheist mag durch die Lektüre der Schriften René Girards an die Schwelle der Möglichkeit geführt werden, sich als Christ zu verstehen. Girards Auslegung der Schrift - Auslegung nicht eines Theologen, sondern eines Anthropologen, Mythologen und Literaturwissenschaftlers - erfüllt dafür zwei Vorbedingungen. Zum einen ist sie nicht, so Benjamins Vorwurf gegen die Theologie, klein und häßlich und kann sich durchaus sehen lassen, hechelt nicht den Parolen und Launen des säkularen Humanismus hinterdrein, namhafte Gesprächspartner wie Hegel, Hölderlin, Nietzsche, Freud, Heidegger oder Lévi-Strauss muß Girard nicht fürchten. Zum anderen verpflichtet seine Auslegung nicht zu einer sogenannten positiven Weltsicht. Im Roman eines deutschen Autors äußert eine junge Frau die Überzeugung, alles werde immer besser und sei schon fast gut, sie stirbt kurz darauf an einer allergischen Reaktion nach einem Wespenstich. Das geht zu Herzen, man hätte ihr zu Lebzeiten nicht widersprechen wollen und nun, da sie tot ist, erst recht nicht, es ist ihre gültige Wahrheit. Ein Gott aber, der nach Einschätzung seiner Exegeten und Exegetinnen, chrétiens et chrétiennes vertueusement progressistes, von transzendenter Warte aus, mit unverstelltem Panoramablick sozusagen, zum gleichen Ergebnis gelangt und überdies, wie man hört, die Menschen Tag aus Tag ein nur liebt und Gefallen an ihnen findet - offenbar von all seinen Geschöpfen nur an ihnen und nicht auch, was ja nicht schwer fiele, an den Kapuzineräffchen, von den Heringen, die Sebald besonders am Herzen liegen, ganz zu schweigen -, ist eine fragwürdige Erscheinung. Girard führt uns heim ins Reich der realen Apokalypse mit frischer Atemluft. Notre monde d'aujourd'hui est à la fois le pire de ce qu'il a été, et le meilleur: soviel kann auch der besonnene immanente Betrachter feststellen.
Le christianisme historique, et avec lui la société moderne ont échoué: wohl nichts hätte den Dichter gehindert, diesen Satz abzuzeichnen. Girard geht von bislang zwei Geburten der Menschheit aus, einer Notgeburt und einer nachfolgenden Fehlgeburt. Die Notgeburt datiert er auf den Tag, als sich die wandernde Horde am Abend als Primaten schlafenlegte, um am nächsten Morgen als Hominiden aufzuwachen, und zu ihrem Entsetzen festzustellte, daß ihnen die die Selbstzerfleischung unterbindende Instinktsteuerung abhanden gekommen war. Das Problem liegt in der Ambivalenz des mimetischen Verhaltens. Die gute Mimesis, die lernende etwa, war unverzichtbar schon für die Primaten, umso mehr ist sie für die Menschen, bei denen es schon bald um den Erwerb von Sprache und der daran anschließenden Kulturtechniken gehen wird. Als kaum beherrschbar aber erweist sich die begehrende Mimesis. Der Mensch kennt sein Begehren nicht, orientiert sich am Begehren der anderen. Die Konflikte am gemeinsamen Objekt des Begehrens sind unausweichlich, der Hominidenclan steuert auf die Selbstauslöschung zu. In dieser Situation entsteht als Notmaßnahme angesichts der scheiternden Geburt des Menschen das Sakrale als Gewalt, La Violence et le sacré. Ein Unschuldiger, Pharmakos oder Sündenbock, wird als Schuldiger bestimmt und einmütig geopfert, die Spannungen in der Gruppe sind für den Augenblick befriedet. Das zehnte und letzte Gebot aber erweist sich langfristig als das erste, den anderen vorgelagert: Du sollst nicht begehren.
Das Alte Testament setzt auf Gesetz und Gebot, das Neue auf das Beispiel, die Imitatio oder Mimesis Christi. Girard führt vor, wie schon das Alte Testament vorbereitend mit Erzählungen arbeitet, die den archaischen Mythen mit ihrer Bestätigung und zugleich Verhüllung des Opfermordes äußerlich ähneln, ihren Sinn aber in die genaue Gegenrichtung umkehren, so etwa die Erzählung von Joseph und seinen Brüdern: der von der Gemeinschaft der Brüder einmütig als schuldig bestimmte unschuldige Joseph wird, entgegen aller Mythenlogik, als unschuldig erkannt. La crucifixion, enfin, réduit la mythologie à l'impuissance en révélant la contagion dont l'efficacité trop grande dans les mythes empêche les communautés de répéter jamais la vérité, à savoir l'innocence de leurs victimes. Die Heilige Schrift ist bereits die Entmythologisierung, versteckt nur hinter einem dünnen traditionellen Schleiergewand mythologischen Zuschnitts, und Bultmanns nächstfolgender Entmythologisierung nicht bedürftig, die sogenannte Anpassung an unsere Zeit kann entfallen. Das Evangelium hat uns alle notwendigen Hinweise gegeben, seither sind wir frei und können weitere Unterstützung nicht erwarten. Achever la résurrection: soviel in aller Girard kaum gerecht werdenden Kürze.

Die Geburt Christi ist nicht zur zweiten Geburt des Menschen geworden. Daß die Menschen dem Beispiel Christi in der Entlarvung der Gewalt folgen, hat die Kirche nicht bewerkstelligen können, le christianisme historique a échoué. Der aufgeklärte Humanismus ist davon zunächst nicht beeindruckt, aber: L'épanouissement humaniste attendu d'un désir enfin pleinement libéré ne se vérifie jamais. Tatsächlich ist vor dem Hintergrund der Mimesistheorie schwer zu sehen, wie das vorgeblich befreite, tatsächlich aber in seine Begierden entlassene Individuum zum Heil führen soll. Selbstverwirklichung, ob dieser Denkfigur konnte bereits Luhmann, dem es ja so leicht nicht die Sprache verschlug, nur ratlos den Kopf schütteln. Wenn Luhmann notiert, die Imitationskonflikte im Sinne Girards seien in der modernen Gesellschaft entfallen, stattdessen würden Behinderungen des Begehrens als Folge eines Mangels an Kaufkraft erlebt, so ist das wohl ein wenig leger formuliert. Die Imitationskonflikte sind nicht entfallen, sondern durch eine immerfort aber vermutlich nicht endlos wachsende Kaufkraft fürs erste anästhesiert, die Suchtfolgen sind bereits unverkennbar. Der Mythos lebt fort in den Institutionen, im Rahmen eines offen konfliktuellen Wirtschaftssystems kann die Nachfolge Christi keinen Raum gewinnen. Die Genozide des zwanzigsten Jahrhunderts, alle haben es bemerkt, hatten Sündenbockcharakter, daß sie im laufenden Jahrhundert entfallen könnten, war ein Traum, aus dem wir gerade aufwachen. Luhmann hat über alle denkbaren Sparten der Gesellschaft eine Monographie verfaßt, die Armee der Gesellschaft aber ausgespart, Clausewitz wurde nicht zu Ende gedacht, bevor Girard sich der Sache annahm. Zwar ist mittlerweile richtig, notre société est la plus préoccupée de victimes, qui fut jamais, le phénomène est sans précédent, mais il n'est qu'une vaste comédie.
Mit dem zentralen Begriff Girards, der Mimesis, war Sebald, das kann man voraussetzen, in der Fassung Adornos vertraut, auf Pisanello schaut er wohl auch mit Adornos Augen, wenn er dort sieht, daß allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird. Den Menschen und den Vögeln und allem anderen die gleiche Daseinsberechtigung: geleitet davon versucht Selysses sich an der Exegese der Heiligen Schrift: Hinter einem niedrigen Elektrozaun lagerte eine an die hundert Stück zählende Schweineherde, und ich näherte mich einem der schweren, bewegungslos schlafenden Tiere. Ich fuhr ihm mit der Hand über den staubbedeckten Rücken, strich ihm über den Rüssel und das Gesicht und kraulte ihm die Kuhle hinter dem Ohr bis es aufseufzte wie ein von endlosen Leiden geplagter Mensch - Selysses erinnert all das an die Geschichte, die der heilige Evangelist aus der Gegend der Gadarener erzählt, als der Herr den bösen Geistern befiehlt, herauszufahren aus dem Tobsüchtigen und hinein in die Säue, die, zweitausend an der Zahl, sich von dem Abhang hinabstürzen und ersaufen in der Flut. Offenbar ist unserem Herrn bei der Heilung des Gadareners ein böser Kunstfehler unterlaufen. - Selysses hat sich die vielleicht abstoßendste Episode des Evangeliums ausgesucht, zweitausend fraglos Unschuldige werden bedenkenlos für einen möglicherweise Unschuldigen geopfert. Girard schließt die Episode naturgemäß von seinen Demonstrationen aus, zeigt aber an anderer Stelle, daß er den Impetus Selysses' durchaus teilt: Les psaumes nous font penser à un homme, qui aurait l'idée saugrenue de porter une magnifique fourrure à l'envers et qui, au lieu de rayonner de luxe, de calme et de volupté, nous montrerait la peau sanglante des bêtes écorchées vives. Toute cette splendeur, on verrait alors que c'est à la mort de créatures vivantes qu'on la doit.

Weitere Bibelarbeit im engeren Sinne leistet Selysses nicht. Die Menge meidet er, als fürchte er, ihr Opfer zu werden. Daß der heilige Franz mit dem Gesicht nach unten im Brackwasser treibt, kann ihm nicht gefallen, er läßt ihn wiederauferstehen in der Gestalt des ständig vom Geflügel unterschiedlichster Art umschwärmten Majors Le Strange. Wer wollte bestreiten, daß das immer unschuldiger werdende Leben der Ashburys in einer Art verborgener Imitatio Christi verläuft. Der Selbstvorwurf des Dichters, nicht auf immer bei ihnen geblieben zu sein, um dieses Leben zu teilen, ist ernst zu nehmen. Sebalds Helden sind nicht auf Selbstverwirklichung aus, die Dämpfung des Begehrens ist allenthalben spürbar. Stendhal zieht letztendlich die von ihm selbst erdachte Mme Gherardi den leibhaftigen Geliebten vor. Kafka erläutert in der Wasserheilanstalt des Dr. Hartung in Riva der in ihn verliebten Schweizerin die Theorie der körperlosen Liebe. Selysses' Trauung mit Luciana Michelotti fällt in eins mit dem Augenblick ihres Verschwindens: sie strahlte, legte den Gang ein und fuhr davon. Das Begehren liegt nur noch als milder Schimmer über dem Land. An anderer Stelle erleben wir das Schwinden des auf die Güter gerichteten Begehrens: Mehr als alles andere aber zeichnete ihn aus eine Bedürfnislosigkeit, von der manche behaupteten, daß sie ans Exzentrische grenzte. In einer Zeit, wo die meisten Leute zu ihrer Selbsterhaltung in einem fort einkaufen müssen, ist er praktisch überhaupt nie zum Einkaufen gegangen.

Das kleine Bild ist in der oberen Hälfte fast ganz ausgefüllt von einer aus dem Himmelsblau hervorstrahlenden goldenen Scheibe, die als Hintergrund dient für eine Darstellung der Jungfrau mit dem Erlöserkind. Darunter zieht sich von einem Bildrand zum andern ein Saum dunkelgrüner Baumwipfel. Mit strengem Blick sieht der Eremit auf die glorreiche Erscheinung des Ritters, der ihm gerade gegenübergetreten ist und von dem etwas herzbewegend Weltliches ausgeht. Der Drache, ein geringeltes, geflügeltes Tier, hat sein Leben bereits ausgehaucht. Nous voyons Satan tomber comme l'éclair, und als Kriechtier am Boden hat Georg den Satan erstochen. Der Herr der Finsternis, der nichts anderes ist als das Prinzip der schlechten Mimesis, macht aber selbst im Tode noch einen vitalen Eindruck. Il ne faut pas en conclure que les hommes vont tout de suite être débarrassés de leur prince aujourd'hui déchu. Achever Clausewitz: der preußische Offizier ist zu Ende gedacht aber nicht erledigt. Als Major George Le Strange muß der heilige Georg dann noch ein weiteres Mal ausrücken in Bergen Belsen, bevor er sich in den heiligen Franz verwandeln kann. Wir treffen in dann noch einmal als den Zirkuskünstler Giorgio Santini. Das Prinzip der Kunst ist die gute Mimesis, schwerlos vergeht denn auch die Zeit in der Gesellschaft des Artisten und seiner Familie.

Montag, 15. September 2014

Schemen, Gestalten

Verschossener Kattun

Eine Person mag mit Worten noch so detailliert beschrieben sein, wenn wir dann ein Photo von ihr sehen, ist sie anders. Oft können wir nicht sagen, wie wir sie uns vorgestellt haben, auf keinen Fall aber so, wie sie das Photo zeigt. Bilder sehen wir von den Protagonisten Paul Bereyter und Ambros Adelwarth und sind in der üblichen Weise enttäuscht. Austerlitz sehen wir als schemenhaftes Spiegelbild im Fenster des Antikos Bazar in Terezín, auffällig ist die Ähnlichkeit mit dem Dichters. Sollte der uns nicht nur mit diesem, sondern auch mit den anderen Lichtbildern nicht ins Licht gesetzt, sondern hinters Licht geführt haben? Wir hätten dann die verlorene Freiheit unserer Vorstellung wiedergefunden. Das Wesen dieser Freiheit besteht darin, die Vorstellung offen zu lassen und nicht zu verschließen.

Kunst spielt sich ab im Bereich der Wahrnehmung, der Künstler wird alle Formen der Wahrnehmung nutzen, der Rezipient ist in den einzelnen Sparten der Kunst primär auf bestimmte Kanäle verwiesen, bei der Malerei auf das Auge, bei der Musik auf das Ohr, für die Literatur steht kein besonderes Sinnesorgan zur Verfügung. Zwar werden die Buchstaben, die Wörter, die Zeilen mit dem Auge entziffert, aber damit sind wir noch im Vorraum der Wahrnehmung. Im Vergleich zu den anderen Kunstformen hat die Literatur einen kürzeren Weg zum die Wahrnehmungen verwaltenden Hirn. Vor allem zeichnet sie sich aus durch visuelle Abstinenz, für ihre Liebhaber ein unschätzbarer Vorteil, für andere, und ihrer sind viele, ein großes Manko, sie warten die Verfilmung ab. Du sollst Dir kein Bildnis machen: Nachdem, wie immer wieder betont, der Mensch, das Individuum als einzige metaphysische Instanz übriggeblieben ist, müßte das Bilderverbot für ihn gelten, noch nie aber wurde ein Verbot, wenn es denn bestünde, so myriadenhaft mißachtet wie dieses. Die Zahl der Ablichtungen vermehrt sich dank der digitalen Kameratechnik rauschhaft, als gelte es den metaphysischen Restbestand ein für allemal zu vernichten.
Das Schreiben wird von einer Kette optischer Eindrücke begleitet sein, wie immer undeutlich und unvollständig, ebenso das Lesen, ohne daß die Bilder auf der einen und auf der anderen Seite einander gleichen müßten. Sind äußere Referenzen wie der Austerlitzbahnhof in Paris angesprochen, werden die beiden Bildreihen sich einander annähern, um gleich wieder auseinanderzugehen. Es scheint, als wolle der Dichter die Punkte der Übereinstimmung durch die eingestreuten Photos vermehren. Ablichtungen wie die des Eingangsbillets zum Giardino Giusti oder des Fahrscheins für das Saaleschiff in Kissingen betonen aber eher die Unendlichkeit der möglichen Eindrücke und die verschwindend geringe Chance gleicher Eindrücke bei verschiedenen Betrachtern. Andere Bilder wiederum, wie das des begradigten Stroms der Donau gesehen von der Burg Greifenstein aus, sind so undeutlich, daß sich der Eindruck kaum teilen läßt. Eine besondere Kategorie bilden die Bilder von Bilder, also bereits radikal eingegrenzte Sichtfelder. Wenn wir uns zusammen mit Austerlitz über die doppelseitige Illustration aus der Wüste Sinai in der walisischen Kinderbibel beugen, sehen wir Gleiches, soweit verschiedene Menschen Gleiches sehen können.

Auch der Dichter verstößt gegen das Bildnisverbot, wir sehen Bilder von Menschen. Stützen sie das Bild, das wir aus den Worten gewinnen, oder stehen sie im Widerstreit mit ihnen? Von Selwyn heiß es, er wirke, obzwar groß gewachsen und breit in den Schultern, untersetzt, ja geradezu wie ein ganz kleiner Mensch. Das weiße Haar hatte er zurückgekämmt, doch fielen ihm einzelne Strähnen immer wieder in die auffallend hohe Stirn. Diese magische Verwandlung eines großen in einen ganz kleinen Menschen gibt der Vorstellungskraft des Lesers eher Raum, als daß sie sie leitet. Einengung erfährt sie an späterer Stelle: Auf den Bildern aus Kreta sah man Dr. Selwyn in knielangen Shorts mit Umhängetasche und Schmetterlingsnetz. Eine der Aufnahmen glich bis in Einzelheiten einem in den Bergen oberhalb von Gstaad gemachten Photo von Nabokow, das ich ein paar Tage zuvor aus einer Schweizer Zeitschrift ausgeschnitten hatte. Das Vergleichsphoto mit Nabokow ist abgebildet. Niemand weiß, wie weit die Ähnlichkeit tatsächlich reicht. Sie kann eng an die Gebirgssituation gebunden sein, auch sehen die einen Ähnlichkeiten, die anderen verschlossen bleiben. Der Dichter war möglicherweise großzügig in der Ähnlichkeitsbemessung, schließlich ging es ihm auch darum, Nabokow einzuführen, der dann noch einige weitere Auftritte im Buch hat.

Aurach sehen wir als Zweitkläßler tief gebeugt über sein Schreibheft, unser Bild des Malers erhält davon kaum Anstöße. Auch das in einer Zeitschrift abgebildete dunkle Auge des Künstlers hilft kaum beim visuellen Aufbau seiner Person. Als Selysses zum ersten Mal sein Atelier in Manchester betritt, ist der Raum erfüllt von seiner Arbeit und den anfallenden Mengen Staubs, er selbst ist präsent aber unsichtbar, gleichsam versteckt in dem Kohlepulver. Auch im Withington Hospital, wo er in einem Männersaal mit weit über zwanzig Betten liegt, erhalten wir kein optisches, sondern ein akustisches Bild: Da es ihm offenbar nahezu unmöglich war, so etwas wie eine Stimme in sich zu finden, reagierte er auf meine Worte nur in größeren Abständen mit einem andeutungsweisen Sprechen, das sich anhörte wie das Geraschel vertrockneter Blätter im Wind.

Stieße jemand unvermutet auf drei der Photos, die Bereyter zeigen sollen: die kleine Sonntagsnachmittagsphotographie, die, auf der er sich unter einem Stahlhelm zur Tür eines Militärfahrzeugs hinauslehnt, und die, die ihn mit bloßem Oberkörper an einem Tisch sitzend zeigt, würde er kaum die Identität der Person annehmen. Das Bild mit Stahlhelm läßt eher an einen Stummfilmkomiker denken als an die Person links außen auf dem Sonntagsnachmittagsbild. Unverkennbar aber ist der auf dem Miniaturtriptychon mit Helen Hollaender derselbe wie auf dem Sonntagsbild. Lebendiger als durch die Bilder wird uns Bereyter durch die Beschreibung, wie er vor der Klasse steht. Über unsere Begriffsstutzigkeit ist er sehr oft in Verzweiflung geraten. Er griff sich dann mit der linken Hand ins Haar, so daß dies gleich einem dramatischen Akzent nach oben stand. Auch tat er die Brille herunter und blieb blind und wehrlos in der Klasse stehen. Keine rechte Vorstellung haben wir davon, wie Bereyter im Alter ausgesehen haben mag. Wir sehen ihn nicht und er nicht uns, bei nachlassender Sehkraft stellt er sich auf den mausgrauen Prospekt ein, der sich nun bald vor ihm erstrecken würde.
Den Onkel Adelwarth hat Selysses nur einmal als Kind auf einer Familienfeier gesehen. Er ist nicht sonderlich hochgewachsen gewesen, aber er war demohngeachtet eine hochvornehme Erscheinung. Wir sehen Adelwarth auf einem Photoportrait in arabischer Kostümierung und dann, in der Zeit als er nur mehr aus Korrektheit bestand, auf der Treppe vor dem Haus sitzend. Unaufgefordert von den Worten würde niemand dieselbe Person hinter den beiden Ablichtungen vermuten.

Das Kinderbild im Pagenkostüm und das Jugendbild als Rubgyspieler haben kaum Bedeutung für unsere Vorstellung von der Gestalt Austerlitz, das Spiegelbild im Fenster des Antikos Bazar erscheint uns als Lügenbild, wir halten uns an den in Worte gefaßten Austerlitz: Ein beinahe jugendlich wirkender Mann mit blondem, seltsam gewellten Haar, wie ich es sonst nur gesehen habe an dem deutschen Helden Siegfried in Langs Nibelungenfilm. Nicht anders als bei den späteren Begegnungen trug Austerlitz damals in Antwerpen schwere Wanderstiefel, eine Art Arbeiterhose aus verschossenem blauen Kattun, sowie ein maßgeschneidertes, aber längst aus der Mode gekommenes Anzugsjackett. Mit dem Verweis auf eine bekannte, visuell ähnliche Gestalt - hier Langs Siegfried, dort Nabokow - wird der im Fall Selwyns angewandte Kunstgriff wiederholt, die Vorstellung ist geleitet, aber nicht eingeengt. Die immergleiche Kleidung verbürgt zugleich die Konstanz der Erscheinung, das war bei Selwyn, der nur für eine kurze Zeit vom Dichter beobachtet wurde, unnötig. Derbes Schuhwerk, verschossene Hose, demodiertes Sacco, Kopf und Gesicht ein wenig Siegfried und ein wenig Wittgenstein, so sehen wir Austerlitz immer gleich in Belgien, England, in der Tschechei, in Frankreich und, auf der Durchreise, auch in Deutschland. Unsere Vorstellung ist geleitet aber nicht eingeengt.
Die Komparsen erscheinen kaum je auf Photos, sie sind oft auf ein oder zwei optische Merkmale reduziert. Die Negerfrau im Schalterhäuschen der U-Bahnstation ist sehr schwarz, die Cicerone in der Arena zu Verona sehr gebeugt. Die Vorstellung ist wie festgenagelt und doch frei. Frauengestalten erreichen nie den vollen Status eines Protagonisten und sind kaum im Bild festgehalten. Sofern es sich nicht um alte Tirolerinnen mit krächzender Stimme handelt, haben die Frauengestalten des Dichters in unserer Vorstellung eins gemeinsam, son' tutte belle. Es gibt aber einige Ausnahme vom Bildverzicht bei den Komparsen und, in Tateinheit, den Frauen, so die Saaleschifferin in Kissingen. Ihr Bild ist Mahnung, unsere Schönheitserwartung nicht in unwirkliche Höhen zu treiben.

Menschenbilder, sowas Grausliches: dieses im Interview geäußerte Urteil des Theoretikers zielt nicht auf Photographien, sondern auf philosophische Einheitsbilder vom Menschen, sozusagen gedankliche Metaphotographien von der zu dem Menschen geschrumpften Menschheit. Ein solches Bild stand in guten Zeiten möglicherweise Gott zu, der alles in einem zu sehen vermag, aber die Theologie, und mit ihr ihr Gegenstand, ist heute bekanntlich klein und häßlich und darf sich nicht mehr blicken lassen. Im philosophischen oder theologischen Menschenbild ist der einzelne Mensch gefesselt in der Gesamtheit des Menschen, das Photo, der Schnappschuß fesselt ihn in einen einzigen der unzähligen Augenblicke, die sein Leben ausmachen. Sind Menschenphotos ebenso grauslich wie Menschenbilder? Dem Anschein nach ist der Dichter von Überlegungen dieser Art nicht berührt, oft scheint er geradezu von einer unguten Lichtbildgier befallen. Im Bus nach Riva redet er sich, obendrein vergeblich, um Kopf und Kragen, um ein Bild der Kafkazwillinge zu ergattern, in Verona kämpft er geradezu um ein Photo der stillgelegten Pizzeria. Dabei strebt er offenbar nicht die Karriere eines Photokünstlers an, die gesammelten Photographien versehen mit einem zu Bildunterschriften geschrumpften Prosatext hätten kaum einen Verleger gefunden. Auch in der Malerei entdeckt er photographische Elemente, so die auf ewig im Augenblick ihres Sturzes gefangene Eisläuferin Valckenborchs. Bei Giottos Engeln, die seit nahezu siebenhundert Jahren über dem unendlichen Unglück schweben, weiß man nicht, ist es der Augenblick oder die Ewigkeit.

Bleiben wir bei den Menschenbildern. Wir können Bereyter auf dem Ausflugsbild nicht mit dem Bereyter im Militärfahrzeug zusammenbringen, Adelwarth in orientalischer Tracht nicht mit dem Adelwarth in der Butlerausrüstung, Austerlitz im Pagenkostüm nicht mit Austerlitz im verschossenen Kattun. Es scheint, als würden die Photos Brüche betonen, die die Prosa nicht kennt oder behebt. Bilder im Erwachsenenalter haben wir von Bereyter und Adelwarth, die bei Aufnahme der Recherche in ihren Lebensgeschichte bereits tot sind, es sind Bilder aus Alben, in die Selysses Einsicht erhält. Von Selwyn, Aurach und Austerlitz, die Selysses als Lebende begleitet, haben wir nur Bilder aus der Kindheit und Jugend, der Erzähler photographiert sie nicht, sperrt sie nicht ein in den Augenblick. Umgekehrt ist er darauf bedacht, Bereyter und Adelwarth aus dem Augenblicksgefängnis der Photographien zu befreien, ihnen Leben und Lebensverlauf zurückzugeben, sie wiederzuerwecken: zwar leiser als ein Gewehr, ist die Kamera, auf Menschen gerichtet, zweifellos eine tödliche Waffe. In archaischen Gesellschaften waren bereits Spiegel und Zwillinge, sozusagen biologische Spiegelungen, der Verbrechenssphäre zugeordnet. Die Gier nach einem Photo der Kafkazwillinge könnte von daher neu beleuchtet werden.
Selysses, er wurde bislang übergangen, sehen wir anstelle von Austerlitz gespiegelt im Schaufenster des Antikos Bazar, wir sehen ihn auf dem vom deutschen Konsulat in Mailand ausgestellten Paß, unterwegs mit dem Wanderstab, angelehnt an einen Baumstamm mächtigen Ausmaßes und an der amerikanischen Atlantikküste. Abgesehen vom dem Atlantikbild, auf dem er so gut wie unkenntlich ist, hat er immer eine überragende Ähnlichkeit mit dem Dichter Sebald. Das wundert uns nicht, noch stört es, wir hatten nichts anderes erwartet. Auch Lewin sehen wir so, als sei er Tolstoi, und den können wir uns nicht anders vorstellen, als wir ihn von den Bildern kennen. Unmöglich, sich vorzustellen, Dostojewski, Flaubert, Fontane, Sebald und all die anderen, Nabokow nicht zu vergessen, hätten anders ausgesehen, als sie auf Photos, vorzugsweise aus der späten Phase ihres Lebens, aussehen. Es ist, als seien die vielen geschriebenen Worte der Dichter zu ihrem Bild geworden. Ihr Wort ward Bild und wohnt in uns.

Donnerstag, 11. September 2014

Darstellende Kunst

Pas de théâtre chez les juifs


Anders als viele seiner Gefährten, man denke an den kleinen Marcel P., sieht man Selysses als Kind nie über ein Buch gebeugt, sein selbst und der Welt vergessen. Die Einführung in die Wortkunst erfährt er auf dem dramatischen Weg anläßlich einer Aufführung von Schillers Räubern im Gasthof des Heimatortes. So eindrucksvoll das Erlebnis war - immer hatte er damals in die Handlung eingreifen und die Amalia mit einem einzigen Wort darüber aufklären wollen, daß sie, um sich aus dem staubigen Kerker in das Paradies der Liebe zu versetzen, wie sie es sich doch wünschte, bloß die Hand hätte ausstrecken müs- sen -, so wenig prägend ist es geworden. Soweit für den Leser ersichtlich, hat der Dichter nicht oft mehr ein Theater betreten. Auf einer kleinen Bühne in Berlin, unweit des Schlesischen Tors, sieht er auf einer kleinen Bühne ein Dramenfragment von Jakob Michael Reinhold Lenz und glaubt Catherine Ashbury als Catharina von Siena zu erkennen. Dem Gesangstheater verweigert sich der Dichter, in Verona einer Inszenierung von Verdis Aida, in Bregenz einer Inszenierung von Verdis Nabucco. Vertrauter ist ihm das Lichtspieltheater, allerdings nicht immer auf der Ebene herausragender Filmkunstwerke.
Am wenigsten handelt es sich um Filmkunstwerke unserer Tage. Die ausführlichste Behandlung findet ein Stummfilm, den Kafka möglicherweise gesehen hat, die Geschichte des glücklosen Studenten von Prag. In der Titelfigur namens Balduin hat Kafka zweifellos seinen Doppelgänger erkannt. Schon in einer der ersten Szenen stellt sich Balduin, der beste Fechter von Prag, seinem eigenen Spiegelbild, und bald darauf tritt dieses zu seinem Entsetzen aus dem Rahmen, um fortan als Gespenst seiner Friedlosigkeit mit ihm umzugehen, gerad so wie in der Beschreibung eines Kampfes die Hauptfigur zu ihrem Gegner die allerintimste selbstzerstörerische Beziehung unterhält. Und was bleibt einem derart in die Enge Getriebenen anderes, als zu versuchen, des stillen Kompagnons sich zu entledigen durch einen Pistolenschuß. Von seiner Wahnvorstellung befreit, atmet Balduin auf und spürt zugleich, wie die Kugel ihm durch die eigene Brust gedrungen ist. Kaum jüngeren Datums ist Fritz Langs Film zum Schicksal der Nibelungen, der zur äußerlichen Charakterisierung Austerlitz' herangezogen wird: Ein beinahe jugendlich wirkender Mann mit blondem, seltsam gewellten Haar, wie ich es sonst nur gesehen habe an dem deutschen Helden Siegfried in Langs Nibelungenfilm. Austerlitz steht uns daraufhin plastisch vor Augen, wer sich aber darüber hinaus eine kritische Stellungnahme des Dichters zu Langs Film erhofft hatte, sieht sich enttäuscht. Cosmo Solomon wird ein ebenfalls älterer, nicht genauer identifizierbarer deutscher Film zum Verhängnis. Aus dem Bühnenhintergrund tauchte das Trugbild einer Oase auf. Eine Karawane kam aus einem Palmenhain hervor auf die Bühne und von dort in den Saal herunter, um mitten durch die voller Erstaunen ihre Köpfe wendenden Zuschauer hindurchzuziehen und so spukhaft, wie sie erschienen war, wieder zu verschwinden. Er, so Cosmo Solomon, habe mit dieser Karawane den Saal verlassen und könne nun nicht mehr sagen, wo er sich befinde. Annäherung an die moderne Filmkunst wird mit dem Hinweis auf Fellinis Erinnerungsfilm erreicht: Die Modistin Valerie Schwarz besaß trotz ihrer geringen Körpergröße eine Brust von Ausmaßen, wie man sie später nur noch einmal, und zwar an der Trafikantin in Fellinis Film Amarcord, gesehen hat. Damit ist zweifellos ein für Fellini charakteristischer Take angesprochen, ein tieferes, gar umfassendes Verständnis des Films aber erschließt sich nicht.
Das Spielfilmgenre wird ergänzt durch das Genre der Dokumentar- und Amateurfilme. Bei Nacht, schien es in dem 1936 gedrehten Film, wurden die Netze ausgebracht, und bei Nacht wurden sie wieder eingeholt. Der Kapitän steht am Steuer und blickt verantwortungsbewußt in die Ferne. Zuletzt das Löschen der Ladung, die Arbeit in den Hallen. Dann nehmen die Güterwagen der Eisenbahn, so heißt es im Kommentar, den ruhelosen Wanderer des Meeres auf, so wie ganz ähnliche Wagen den ewigen Wanderer zu Lande, um ihn an die Stätten zu bringen, wo sich sein Schicksal auf dieser Erde endgültig erfüllen wird. Und schließlich: I have set up the projector in the library. Das Licht ging aus, der Apparat fing an zu rattern. Man überblickte im Halbrund das umliegende Land, nirgends zeigten sich Spuren der Vernachlässigung. Die Fahrwege waren mit Sand bestreut, die Hecken geschnitten, die Beete säuberlich ausgerichtet. Es war ein wunderschöner Tag, sagte Mrs. Ashbury, das Tauffest Edmunds. Ein Dienstmädchen mit einer Haube auf dem Kopf erschien unter der Tür und hielt gegen die Sonne eine Hand vor die Augen. Als der letzte Streifen zu Ende war, herrschte eine lange Zeit Stille.
Tous amateurs du théâtre et de trompettes de théâtre sont héritiers spirituels des Grecs, pas de théâtre chez les juifs: der Dichter ist in dieser Frage von nicht geringem Gewicht auf Seiten der Juden, ganz besonders sie, in Zebraanzüge gekleidet, mag er auf der Bühne nicht sehen. Das Sprechtheater scheint fast vergessen, das Musiktheater wird gemieden und auch das Lichtspieltheater wird alles in allem stiefmütterlich behandelt, der Dichter wählt nur periphere Zugänge. Was bleibt, ist eine Nachwirkung der Räubervorstellung im Engelwirt dahingehend, daß es den Zuschauern weiterhin schwerfällt, zwischen Bühne und Parkett, dem Geschehen auf der Leinwand und dem eigenen realen Erleben klar zu trennen. Catherine Ashbury ist Catharina von Siena, Kafka erkennt sich wieder in dem unglücklichen Balduin, Cosmo wird gar verschleppt von der Karawane, die durchs Bild zieht. Austerlitz und Valerie Schwarz führen ein Doppelleben im Kinofilm. Den Heringen geschieht Grauenhaftes, wie es auch Menschen geschehen ist. Die Ashburys sehen sich als glückliche Gespenster ihrer selbst, Gespenster, die ihnen möglicherweise realer vorkommen als alles, was danach kam.

Sonntag, 7. September 2014

Doppelgänger, Schattenreiter

Heimlichkeiten vom Anfang

Möglicherweise hat Kafka bei seinem Aufenthalt in Verona die Geschichte des glücklosen Studenten von Prag als Film gesehen und, wenn es so war, in der Titelfigur namens Balduin seinen Doppelgänger erkannt. Schon in einer der ersten Szenen stellt sich Balduin, der beste Fechter von Prag, seinem eigenen Spiegelbild, und bald darauf tritt dieses zu seinem Entsetzen aus dem Rahmen, um fortan als Gespenst seiner Friedlosigkeit mit ihm umzugehen, gerad so wie in der Beschreibung eines Kampfes die Hauptfigur zu ihrem Gegner die allerintimste selbstzerstörerische Beziehung unterhält. Und was bleibt einem derart in die Enge Getriebenen anderes, als zu versuchen, des stillen Kompagnons sich zu entledigen durch einen Pistolenschuß. Von seiner Wahnvorstellung befreit, atmet Balduin auf und spürt zugleich, wie die Kugel ihm durch die eigene Brust gedrungen ist.

Platons Mißtrauen gegenüber der Mimesis und der Kunst als eine ihrer wichtigen Ausprägungen ist bekannt. René Girard zufolge war er sich aber über den tieferen und tiefsten Grund dieses Vorbehalts nicht im Klaren. Girard selbst sieht in der Regulierung der aneignenden Mimesis den Beginn aller Religion und, ausgehend davon, aller Kultur und Gesellschaft. Ein Kind spielt mit Bauklötzen, darunter der einzige rote. Ein zweites kommt hinzu, und nur der rote Klotz in der Hand des anderen scheint ihm begehrenswert. Der Mensch ist nicht Souverän seines Begehrens, kennt es nicht, er imitiert das Begehren anderer. Der Erwachsene ist der Situation, deren fatale Folgen, ließe man ihr freien Lauf, ohne weiteres erkennbar sind, nicht etwa im Wege einer reifenden Vernunft entkommen, sondern durch Gewöhnung an eine durch Tabu, Ritual und Opfer gesellschaftlich gebändigte Mimesis. Zwillinge und Spiegelungen, natürliche Doppelgänger, die sich in ihrem Begehren nicht trennen lassen, gelten unter archaischen Verhältnissen als verbrecherische Störungen, die Ermordung Abels durch Kain und die Ermordung des Remus durch Romulus waren geeignete Maßnahmen zur Wiederherstellung der Ordnung. Das sind im Überblick quelques choses cachées depuis la fondation du monde, einige der Heimlichkeiten vom Anfang der Welt, kekrummena apo katabolês kósmou, wie Girard mit Blick auf Matthäus 13,35* ausführt.

Die Heimlichkeiten, wenn sie denn so bestanden haben, sind heute kaum noch sichtbar. Die religiöse und stratifikatorische Regulierung der Imitationskonflikte im Sinne Girards sind nach Luhmanns Worten entfallen, stattdessen werden Behinderungen des Begehrens als Folge eines Mangels an Kaufkraft erlebt. Das Spiel der Romantik mit Doppelgängern, Zwillingen und Spiegelungen deutet der Theoretiker, der selbst kaum einen Literaten häufiger zitiert als den doppelgängerisch versierten Jean Paul, als ein Phänomen der in Gang gekommenen Neuzeit, als die Umwandlung von Identität in Kommunikation. Kommunikation hat bei ihm keinen exklusiven Bezug zu Friedlichkeit, der Schuß auf den Doppelgänger, das Gespenst der Friedlosigkeit, bleibt im Konzept. Mit diesen Bemerkungen ist die literaturwissenschaftliche Forschungsfront zum Thema nicht in ihrer vollen Länge abgeschritten. Sie abzuschreiten würde aber auch mehr als ein Paar Stiefel verschleißen, umso mehr, als das Doppelgängerthema mit der Romantik nicht erledigt ist.
Dr. Jekyll verlagert seine dunklen Seiten in den Doppelgänger Mr. Hyde, wie in unseren Tagen eine Bank ihre faulen Papiere in eine Bad Bank verlagert. Der Name Hyde: Hide weist aber eher zurück zu den verborgenen Heimlichkeiten am Anfang der Welt, zum victime émissaire, dem Sündenbock, dessen Opfer in den Augen Girards unverzichtbar war für das periodische Reset des archaischen Regulierungssystems; Hyde, Kind der Neuzeit, weigert sich allerdings der Opferung und schlägt zurück. Iwan Karamasow mißbraucht seinen Halbbruder als Double und verleitet ihn zum Vatermord, in den Augen Freuds die Heimlichkeit schlechthin vom Anfang der Welt. Diese zwei Pflastersteine, Stevenson und Dostojewski, sollen ausreichen als Beleg, daß ein geebneter Weg führt von den romantischen zu Kafkas Doppelgängern. Selysses nun wiederholt Kafkas Reise durch Oberitalien, doppelt seinen Gang, und dabei bleibt es nicht. Kurz vor der Abfahrt stieg ein Junge von etwa fünfzehn Jahren ein, der auf die unheimlichste Weise, die man sich denken kann, den Bildern glich, die Kafka als heranwachsenden Schüler zeigen. Und als ob es damit nicht genug gewesen wäre, hatte er zudem noch einen Zwillingsbruder, der sich von ihm soweit ich in meinem Entsetzen feststellen konnte, nicht im geringsten unterschied. Als ich unter Aufbringung allen Mutes ein Gespräch mit ihnen anzuknüpfen versuchte, reagierten sie nur mit einem blöden gegenseitigen Sich-Angrinsen. Und als ich mich dem äußerst reservierten Ehepaar zuwandte, das meine seltsamen Bemühungen um seine Söhne bereits mit wachsender Besorgnis verfolgt hatte, gelang es mir nicht annähernd, ihnen klarzumachen, welcher Art mein Interesse an den unablässig vor sich hinkichernden Knaben war. Als ich zuletzt zur Zerstreuung jeden Verdachts sagte, es würde mir schon reichen, wenn sie mir ein Bild ihrer Söhne nach England schicken würden, war es ihnen, wie ich genau merkte, vollends klar, daß es sich bei mir um nichts anderes als um einen zu seinem sogenannten Vergnügen in Italien herumreisenden Päderasten handeln konnte. - Hätte das ersehnte Photo den bereits verdreifachten Kafka verfünffacht, oder hätte es den Doppelgängerspuk verscheucht und aufgehoben?

Anlaß, gegen die Doppelgängerei vorzugehen, wäre hinreichend gegeben. Noch in Wien wird Selysses von einem ganzen Schwarm dieser Gattung heimgesucht. Öfters kam es mir vor, als ob ich irgend jemand mir Bekannten vor mir hergehen sähe. Es handelte sich ausschließlich um Menschen, an die ich jahrelang nicht mehr gedacht hatte, Abgeschiedene sozusagen gewissermaßen. Auch solche, die sich mit Sicherheit nicht mehr am Leben befanden, wie die Mathild Seelos und den einarmigen Dorfschreiber Fürgut, habe ich gesehen. Einmal, in der Gonzagagasse, glaubte ich sogar, den bei Feuertod aus seiner Heimatstadt verbannten Dichter Dante zu erkennen. In Venedig gesellt sich dann noch der König Ludwig hinzu. Er war um einiges älter und hagerer geworden und unterhielt sich seltsamerweise mit einer zwergenhaften Dame in dem stark nasalierten Englisch der gehobenen Klasse. Die kränkliche Blässe des Angesichts aber, die weit offenen Kinderaugen, das wellige Haar: il re lodovico, kein Zweifel. Die gesamte Schar ist der Gruppe der diachronen Doppelgänger oder auch Wiedergänger zuzurechnen. Es ist kaum zu entscheiden, ob das Heer der Doppelgänger Grund oder Folge der Schwindelgefühle ist, unter denen der Reisende leidet. Im weiteren Verlauf der ersten Reise verengt sich das Thema auf die bedrohlichen zwei Augenpaare eines unbekannt bleibenden Doppelgängerpaares, vom dem Selysses sich verfolgt fühlt und das wesentlich für seine wachsenden Angstgefühle und die panische Flucht aus Verona, Italien und dem europäischen Festland verantwortlich sind.
Auf der zweiten Reise bekommt das Thema einen anderen Tonfall. Die Doppelgänger sind einerseits weniger und andererseits wichtiger, ausführlicher gezeichnet, kaum beängstigend, einige gar beglückend. Für Kafka wird ausdrücklich hervorgehoben, er habe Balduins ostentativen Filmtod und seine letzten Zuckungen durchaus nicht als lächerlich empfunden. Für Selysses war der Ablauf seiner Begegnung mit den Kafkabuben im Bus voller Pein und Scham, Empfindungen, die im erzählenden Rückblick aber der Komik weichen. Für Erheiterung sorgen auch die motorisierten Schattenreiter in W., der eine zuständig für die unsterbliche Seele, der andere für die sterbliche Hülle. Zu jeder Tages- und Abendstunde sah man den Dr. Piazolo auf seiner Zündapp im Dorf herum oder bergauf und bergab zwischen den umliegenden Ortschaften hin und her fahren. Er hatte einen Doppelgänger oder Schattenreiter in dem gleichfalls nicht mehr zu den Jüngsten zählenden Pfarrer Wurmser, der seine Versehgänge auch die längste Zeit schon mit dem Motorrad machte, wobei er das Versehgerät, das Salböl, das Weihwasser, das Salz, ein kleines silbernes Kruzifix sowie das Allerheiligste Sakrament in einem alten Rucksack mit sich führte, der dem des Dr. Piazolo bis aufs Haar glich, weshalb die beiden, als sie einmal beim Adlerwirt beieinandergesessen sind, sie auch verwechselt haben, so daß der Dr. Piazolo mit dem Versehgerät zu seinem nächsten Patienten und der Pfarrer Wurmser mit dem Arztwerkzeug zum nächsten im Erlöschen liegenden Mitglied seiner Gemeinde gekommen sein soll.

Kafkas Jäger Gracchus geht seinen Weg vom Anfang bis zu Ende des Buches. Seinen Doppelgänger hat er in Kafkas Jäger Hans Schlag. Der sitzt zunächst unerkannt auf dem Dachboden, eine große runde Mütze aus Krimmerpelz tief auf seinem Kopf, gekleidet in einen weiten braunen Mantel, den ein mächtiges Riemenzeug zusammenhielt. Später sieht man ihn, einigermaßen verändert, in der Gaststube des Engelwirts. Schlag findet den Tod, der Gracchus vorenthalten wurde, und am Oberarm des Toten findet sich eintätowiert die Barke des Gracchus. Bei dem Leichnam findet man aber auch eine Repetieruhr, die das Lied Üb' immer Treu und Redlichkeit abspielt, einer klarer Fall von Entmythologisierung der Jägergestalt und Verbürgerlichung des Doppelgängermotivs. Dem Jäger verwandt ist der Soldat und Drachentöter Georg, San Giorgio. Ebenfalls verbürgerlicht, mit Ehefrau, drei Töchtern und Schwiegermutter treffen wir ihn oder seinen Doppel- und Wiedergänger im deutschen Konsulat Mailand. In der Hand hält er den nämlichen Strohhut, den Pisanello San Giorgio geschenkt hatte. Von Beruf ist er Hochseilartist, ähnlich dem Dichter also doch eine Existenz am Rande der bürgerlichen Seinsweise. Selysses vergeht in der Gesellschaft der Artistensippe die Wartezeit denn auch wie im Flug.
Sie sind ganz verschieden und doch, vereint in Schönheit und durch eine Art Synchronlesen, ein Zwillingspaar. Mir gegenüber saßen eine Franziskanerin von vielleicht dreißig oder fünfunddreißig Jahren und ein junges Mädchen mit einer aus vielen farbigen Flecken geschneiderten Jacke um die Schultern. Die Schwester las ihr Brevier, das Mädchen, nicht minder versenkt, einen Bilderroman. Von vollendeter Schönheit waren sie beide, dachte ich mir, und ich bewunderte den tiefen Ernst, mit dem sie jeweils die Blätter umwendeten. Einmal blätterte die Franziskanerschwester um, dann das junge Mädchen und dann wieder die Franziskanerschwester. Bei einer späteren Zugfahrt wiederholt sich die Szene in der Gestalt einer klassischen und in unbestimmter Weise verzauberten Doppel- oder Wiedergängerin. Die letzte der neuzugestiegenen Fahr­gäste war eine junge Frau mit einem braunen Samtbarett und lockigem Haar, in der ich auf den ersten Blick und, wie ich mir sagte, ohne den allergeringsten Zweifel, Elizabeth, die Tochter James I, erkannte, die als die Winterkönigin bekannt geworden ist. Diese junge Frau aus dem englischen siebzehnten Jahrhundert war, kaum hatte sie Platz genom­men und in ihrer Ecke sich eingerichtet, auf das tiefste versenkt in ein nicht existentes Buch, welches den Titel Das böhmische Meer trug und verfaßt war von einer mir unbekannten und tatsächlich nicht existenten Autorin namens Mila Stern.

Streckenweise hat es den Anschein, als reise Selysses Kafka in korrigierender Absicht nach, als wolle er, etwa im Wege einer Zivilisierung der Doppelgänger, die Welt ein wenig in die Richtung Stifters bewegen, aber was wäre korrigierbar an Kafka. Stifter war vermutlich überzeugt, im Nachsommer eine bürgerliche Welt für eines Hydes nicht bedürftige Jekylls entworfen zu haben, seine Kommentatoren nehmen ihm das aber nicht ab, der Dichter am allerwenigsten. Der behält gleichwohl Stifters Nachsommerwelt als Penthaus seiner Menschenbehausung bei, das Gebäude aber ist eine Ruine und frei der Blick von oben auf die Kellerverliese. Dort, in der Tiefe, lagern etwa die den Dichter faszinierenden Bestattungsformen und -rituale, Heimlichkeiten vom Anfang der Welt, pas de culture sans tombeau, pas de tombeau sans culture, les rites funéraires autour des premières victimes réconciliatrices pourraient bien constituer les premiers gestes proprement culturels. Die Doppel- und Wiedergänger haben sich emporgearbeitet und scheinen sich auf unterschiedlichen Etagen eingerichtet zu haben. Sind sie aber sicher in ihrer Unterkunft, wie weit reicht der Ernst des Spaßes mit der Repetieruhr des Jägers, den vertauschten Rucksäcken der beiden Schattenreiter aus dem Therapiebereich, wieviel kann man auf die beglückende aber ganz und gar rätselhafte Winterkönigin gebe.

*Pethau sy'n guddiedig er seiliad y byd.

Dienstag, 26. August 2014

Weiber

Gwrachod

Daß der Dichter die Neger Neger und die Zigeuner Zigeuner nennt, die Irren Irre, mag man so oder so beurteilen. Wer will, kann sich den Klagen über mangelhaften Geschlechterproporz im Prosawerk  und mehr noch in den Aufsätzen anschließen. Ernstlich Sorgen aber bereitet der wenig empathische Umgang mit älteren Frauen, ältere Frauen dabei unterschieden von gebildeten älteren Damen. Die Anforderungen an Bildung oder Einkommen sind gar nicht hoch, es reicht eigentlich schon, wenn man  einen Namen  hat, Vera Rysanova, Janine Rosalind Dakyns, Mathild Seelos oder Mme. Landau, und man gehört nicht zu der Gruppe der hier Gemeinten. Ausgesprochen lieblos ist die Behandlung der namenlosen Tiroler Weiber, die in den Bus einsteigen, der unterwegs von Innsbruck nach Oberjoch ist. In gewissen Abständen standen sie unter ihren schwarzen Regendächern an der Straße. Es kam auf diese Weise bald eine ganze Zahl solcher Tiroler Weiber zusammen. Sie unterhielten sich in ihrem hinten im Hals wie eine Vogelsprache artikulierten Dialekt vornehmlich, ja ausschließlich von dem nicht mehr enden wollenden Regen. Ganz anders ist die Wahrnehmung junger weiblicher Mitreisender wie der Franziskanerin und dem Mädchen in der bunten Jacke im Zug nach Mailand oder der Winterkönigin oder auch der sehr schwarzen Negerfrau, die als Reiseagentin in der Londoner U-Bahn tätig ist und mit der ein geheimes Einvernehmen besteht. Den Tirolerinnen ähnlich sind die Bewohnerinnen der Ortschaft W., die Selysses ausnahmslos fast als kleine, dunkle, dünnzopfige und böse Bäuerinnen und Mägde in Erinnerung hat. Dabei hat er offenbar nicht die junge Romana vor Augen, die eher schon Prousts paysannes belles et timides zuzurechnen wäre.

Auch die Mesnerin von Sant’Anastasia, eine kummervolle und von langen Jahren des Schweigens und der Einsamkeit fast schon vergangene Frau, erweckt nicht in erkennbarer Weise die Sympathie des Dichters. Sie war, nachdem sie kurz nach vier Uhr das schwere eisenbeschlagene Hauptportal aufgesperrt hatte, und einem Schatten gleich durch das Kirchenschiff vor mir, dem einzigen Besucher, hergeschwankt war, wortlos in ihrem Verschlag verschwunden. Mit einer Regelmäßigkeit, als hätte sie den ewigen Umgang, kam sie mehrmals wieder hervor und entfernte sich ein Stück weit ins Dunkel hinein, um bald darauf, auf ihrer Umlaufbahn zurückkehrend, ihr Gehäuse wieder aufzusuchen. In Nürnberg holt eine ältere Frau, die ihn wohl wegen des alten Rucksacks für einen Obdachlosen gehalten hat, mit gichtigen Fingern aus ihrer Börse ein Markstück hervor und überreicht sie ihm vorsichtig als ein Almosen: eigentlich eine rührende Szene, die bei Austerlitz aber keine Anerkennung findet. Im Zug nach Kissingen sitzt nur wenig entfernt von Selysses eine alte Frau, die mit ihrem Federmesser, das sie stets aufgeklappt in der Hand behielt, Schnitz um Schnitz ihren Apfel zerteilte, die abgeschnittenen Stücke zerkiefelte und die Schale in ein Papiertuch spuckte, das sie auf dem Schoß liegen hatte. Zwar stellt sie eine spürsame Erleichterung dar gegenüber dem Selysses unmittelbar gegenübersitzenden, rundheraus ekelhaften Mann, bei dem unklar war, ob seine Körper- und Geistesdeformation ihre Ursache hatte in einer langen psychiatrischen Internierung, in einer angeborenen Debilität oder allein im Biertrinken und Brotzeitmachen: als liebenswert erscheint aber auch die Alte nicht.

In einer belgischen Gaststätte wärmt Selysses sich ein wenig auf. Am anderen Ende der Stube saß eine bucklige Rentnerin in dem trüben, durch die belgischen Butzenscheiben einfallenden Licht. Sie trug eine wollene Haube, einen Wintermantel aus dickem Noppenstoff und fingerlose Handschuhe. Die Bedienerin brachte ihr einen Teller mit einem großen Stück Fleisch. Als sei sie eine Hexengestalt der Brüder Grimm, schaute die Alte es eine Weile an, dann holte sie aus ihrer Handtasche ein scharfes Messerchen mit einem Holzgriff und begann, es aufzuschneiden. Ihr Geburtsdatum mochte in etwa übereinstimmen mit der Fertigstellung der Kongobahn, für die Abertausende von Schwarzen ihr Leben lassen mußten.

Vielleicht deutlicher noch als die anderen, läßt die Belgierin erkennen, was literarisch geschieht. Die Lebensspanne der Fleischesserin berührt die Zeit des großen belgischen Verbrechens im Kongo. Wenn auch selbst unschuldig, lebt sie doch im Schatten der Vergangenheit. Die Gnade der späten Geburt wird nicht gewährt. Die zahllosen Buckligen und Irren, die der Dichter in Brüssel erblickt, sind nicht durchweg schuldige Greise, die einzige Gerechte, die er im Frankenland findet, ist eine Türkin. Der verborgene Ton ist alttestamentarisch, die Kinder büßen für die Verbrechen der Eltern. Eine weitere, eigentlich deklassierte Literaturform tritt hinzu, das Märchen. Männer, Leopold II, Hitler, sind die Schuldigen, die alten Frauen in ihrem Land Frauen sind verwunschen zu Hexen. Seltsamerweise benutzt die Belgierin nicht das üblicherweise in Gastwirtschaften gereichte Besteck, sondern ein eigenes scharfes Messerchen, vielleicht hat sie auch das Fleisch, das sie so aufmerksam mustert, mitgebracht, vielleicht ist es der gemästete und zubereitete Hänsel, der ihr gereicht wird, wie immer dessen Identität dann zu bestimmen wäre. Der Almosen der Nürnbergerin kann nichts ausrichten gegen die Schuld, die über der Stadt liegt, und wer, wenn nicht eine Hexe oder doch eine Hexenähnliche im ewigen Umgang, könnte über Giottos Engeln wachen, die seit Jahrhunderten unser Unheil beweinen. Auf der engeren Heimat des Dichters und dem angrenzenden Tirol liegt ohnehin ein Fluch. Hexen haben keinen Namen, keine Persönlichkeit. Ein Tiroler Weib ist wie das andere, die eine dünnzopfige böse Bäuerin nicht unterscheidbar von der anderen. Gäbe sich die Mesnerin als Signora Gianna Falieri zu erkennen und die Belgierin als Mme Louise Simenon, sie würden aufwachen und wären erlöst.

Freitag, 22. August 2014

Franken

Land und Leute

Die aus Deutschland Ausgewanderten haben, sieht man ab von der von schwerem Heimweh geplagten Tante Theres, wenig Neigung in das alte Land der Väter, hen wlad fy nhadau, zurückzukehren. Bereyter, der die Rückkehr wagt, bekommt sie aus nur zu verständlichen Gründen nicht gut. Selysses unterhält zu seiner engeren Heimat im Süden Deutschlands, nahe der österreichischen Grenze, ein zwiespältiges Verhältnis. Den Norden nimmt er in der Prosa so gut wie nicht zur Kenntnis, in gebundener Sprache übernachtet er auch schon einmal an einem so verlorenen Ort wie Hannover. Die dunkelste Gegend aber, weder Norden noch tiefer Süden, ist offenbar das Land der Franken.

Austerlitz, dem Deutschland zuvor fremder gewesen ist als Afghanistan oder Paraguay, betritt deutschen Boden erstmalig im mittelfränkischen Nürnberg, zuvor war er im Zug, von Prag kommend, über den deutschen Boden in gehörigem Abstand nur dahingeglitten. Bei seiner Exkursion in die Nürnberger Innenstadt sticht ihm die die große Zahl grauer, brauner und grüner Jägermäntel und Hüte in die Augen, zweckmäßig und solide waren die Nürnberger Fußgänger gekleidet. Länger in die Gesichter zu schauen, scheute er sich. An den Fassaden zu beiden Seiten der Straße, selbst an den ihrem Stil nach älteren, war nirgends, weder an den Eckkanten, noch an den Giebeln, Fensterstöcken und Gesimsen eine krumme Linie zu erkennen oder sonst eine Spur der vergangenen Zeit. Hoch über den Hausdächern war die Burg zu sehen, irgendwie verkleinert, im Briefmarkenformat sozusagen. Lange ist er wie mit benommenen Blicken gestanden am Rand des ohne Unterbrechung an ihm vorüberziehenden Volks der Deutschen. Schließlich hat eine ältere Frau, die ihn wohl wegen des alten Rucksacks für einen Obdachlosen gehalten hat, mit gichtigen Fingern aus ihrer Börse ein Markstück hervorgeholt und ihm vorsichtig als ein Almosen überreicht. Bis zur Abfahrt des Zuges hat er die mit dem Kopf des Kanzlers Adenauer geprägte Münze in der Hand gehalten. Vom Reichparteitagsgelände her aber war wie ein dumpfes Echo aus der Tiefe der Zeit die brausende Begeisterung des damals hier zusammengeführten Volkes zu hören.
Selysses steuert in einem Zug, der, neben der Lokomotive, nur aus einem einzigen Wagen bestand, das unterfränkischen Kissingen an. In einem Zug dieser Güteklasse kann man kaum Fernreisende, sondern ganz überwiegend nur Einheimische, also Franken vermuten. Ihm gegenüber sitzt der wohl übelste Patron, der uns im ganzen Prosawerk begegnet. In einem fort wälzte seine unförmige Zunge, auf der sich noch Essensreste befanden, in seinem halboffenen Mund herum. Die Beine gespreizt saß er da, Bauch und Unterleib auf eine grauenerregende Weise eingezwängt in eine kurze Sommerhose. Ich hätte nicht zu sagen gewußt, ob die Körper- und Geistesdeformation meines Mitreisenden ihre Ursache hatte in einer langen psychiatrischen Internierung, in einer angeborenen Debilität oder allein im Biertrinken und Brotzeitmachen. Kaum weniger sagt dem Dichter, generell älteren Damen aus dem Volk wenig zugetan, die nur wenig entfernter sitzende alte Frau zu, die mit ihrem Federmesser, das sie stets aufgeklappt in der Hand behielt, Schnitz um Schnitz ihren Apfel zerteilte, die abgeschnittenen Stücke zerkiefelte und die Schale in ein Papiertuch spuckte, das sie auf dem Schoß liegen hatte. In Kissingen erwartet ihn dann eine Empfangsdame, die etwas von einer Oberin an sich hatte, und ihn maß mit ihren Blicken, als befürchte sie von ihm einen Hausfriedensbruch, und schließlich trifft er auf das ebenfalls in dem Hotel eingekehrte gespenstische alte Ehepaar, das ihn mit einem Ausdruck unverhohlener Feindseligkeit, wo nicht gar des Entsetzens anstarrte. Die Toten sind nicht besser als die Lebenden, im Nachruf auf den Metzgermeister Michael Schultheis in der Saale-Zeitung heißt es, er habe sich großer Beliebtheit erfreut, sei dem Raucherclub Blaue Wolke und der Reservistenkameradschaft eng verbunden gewesen und habe seine Freizeit im wesentlichen seinem treuen Schäferhund Prinz gewidmet. Im Rathaus des Kurbads stößt Selysses nach längerem Suchen auf einen schreckhaften Beamten, der ihm, nachdem er etwas entgeistert ihn angehört hatte, beschreibt, wo die alte von den Deutschen zerstörte Synagoge gestanden und wo der jüdische Friedhof zu finden war. Hier, auf dem Friedhof, stößt Selysses auf die Namen der wahren Bewohner der fränkischen Kleinstadt: Wertheimer, Friedländer, Arnsberg, Grunwald, Leuthold, Blumenthal - und es gab ihm den Gedanken ein, daß die Deutschen den Juden vielleicht nichts so sehr mißgönnt hatten als ihre schönen, mit dem Land und der Sprache, in der sie lebten, so sehr verbundenen Namen. Unter den Lebenden bewegt sich der Dichter wie in einem Reich der Toten, auf dem Totenacker wie unter Lebenden.

Unter den im biologischen Sinne Lebenden des Frankenlandes findet nur die Saaleschifferin Gnade, und die stammt bezeichnenderweise aus der Türkei. Sie diente bereits seit einer Reihe von Jahren bei der Kissinger Flußschiffahrt. Es zeigte sich bald, daß die Fährfrau das Boot auf dem kleinen Fluß nicht nur bestens zu manövrieren verstand, sondern daß sie darüber hinaus eine Person war, die durchaus Bedenkenswertes über den Lauf der Welt zu äußern hatte. Von dieser ihrer kritischen Philosophie gab sie einige äußerst eindrucksvolle Proben, die alle in der von ihr mehrmals wiederholten These gipfelten, daß nichts so unendlich und so gefährlich sei wie die Dummheit. Diese Ausführungen stoßen bei Selysses durchaus auf Verständnis, ein versöhnlicher Ausklang des Besuchs in Unterfranken.

All das ist weit entfernt von dem, was der Dichter, befragt zu den Franken, gesprächsweise geäußert hätte. Offenkundig läßt er ihnen im Prosawerk ebensowenig Gerechtigkeit widerfahren wie den Bewohnern Brüssels, die ihm in der Mehrzahl als verwachsen und debil erscheinen. Die poetischen Verhältnisse ähneln den alttestamentarischen, die Kinder müssen herhalten für die Verbrechen der Eltern. Glücklich schätzen können sich die Leser aus nicht ausdrücklich angefeindeten Gegenden und Orten wie dem ostwestfälischen Bielefeld oder dem rheinischen Bonn. Zu Bonn hat der Dichter gar ein sentimentales Verhältnis, ist hier doch die Winterkönigin, die ihn zutiefst beeindruckt und die er dann nie wiedergesehen hat, aus dem Zug gestiegen.

Samstag, 9. August 2014

Lebendige Philosophie

Stultitiae vituperatio

Die Philosophie nahm ihren Beginn nicht in Seminarräumen, sondern unter freiem Himmel, vorzugweise dem über Athen. Nicht wenige der frühen Vertreter des Fachs waren Exzentriker, denen man die Liebe zur Weisheit auf den ersten Blick nicht ansah, man denke etwa an Diogenes. Vor diesem Hintergrund ist es nur zu begrüßen, wenn Selysses die Ohren für philosophische Einsichten auch an Orten öffnet, wo man sie nicht ohne weiteres erwarten kann. Ein Dutzend Sandler waren es im Innsbrucker Bahnhof und eine Sandlerin. Sie bildeten eine bewegte Gruppe um einen Kasten Gösser-Bier, der wundersamerweise, gewissermaßen aus dem Nichts hervorgezaubert, auf einmal in ihrer Mitte stand. Verbunden untereinander durch die weit über die Landesgrenzen hinaus für ihren Extremismus bekannte Tiroler Trunksucht, verbreiteten sich diese teils kaum erst aus dem bürgerlichen Leben ausgeschiedenen, teils ganz und gar zerrütteten Tiroler Sandler, die durch die Bank einen Zug ins Philosophische, ja sogar ins Theologische hatten, über das Tagesgeschehen sowohl als über den Grund aller Dinge, wobei es regelmäßig gerade denjenigen, die besonders lauthals das Wort ergriffen, mitten im Satz die Rede verschlug oder aber sie winkten voller Verachtung ab, weil sie den Gedanken, den sie gerade noch im Kopf gehabt hatten, nicht mehr in Worte fassen konnten. Einen Zug ins Philosophische, ja sogar ins Theologische: auf beruhigende Art gilt unter den Sandlern noch die gute Ordnung und Hierarchie der Philosophia ancilla teologiae. Die Inhalte ihres Denkens lassen sich leider nicht erörtern, da die Fähigkeit zur verständlichen Formulierung der Lehrsätze den destruktiven Folgen des exzessiven Lebensstils der Weisheitsfreunde zum Opfer gefallen ist. Diogenes und seinesgleichen hatten bei aller Bohème das Überschreiten dieser für die Philosophie essentiellen Grenze zu vermeiden gewußt. Immerhin läßt die Verbindung des Alltagsgeschehen mit dem Grund der Dinge auf eine praktische, angewandte Philosophie schließen, der es deswegen aber nicht an Tiefgang fehlen muß.
Wenn, wofür einiges spricht, die Dummheit der anderen ein wichtiger Punkt ist in den Erörterungen der Sandler, ergäbe sich eine Brücke zum ansonsten ganz anders gelagerten Fall der als Saaleschifferin getarnten Philosophin Güpatia. Selysses besteigt das am Ufer liegende Boot, in dem die Bootsführerin bislang vergebens auf einen Passagier gewartet hatte. Diese Dame stammte aus Bergama im einstmals hellenischen Teil der Türkei und diente bereits seit einer Reihe von Jahren bei der Kissinger Flußschiffahrt. Es zeigte sich bald, daß die Fährfrau das Boot auf dem kleinen Fluß nicht nur bestens zu manövrieren verstand, sondern daß sie darüber hinaus eine Person war, die durchaus Bedenkenswertes über den Lauf der Welt zu äußern hatte. Von dieser ihrer kritischen Philosophie gab sie mir einige äußerst eindrucksvolle Proben, die alle in der von ihr mehrmals wiederholten These gipfelten, daß nichts so unendlich und so gefährlich sei wie die Dummheit. Der Einfluß Einsteins und Kants ist unverkennbar. Einstein: Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit. Das Theorem der unendliche Dummheit, wirft, so eingängig es auf den ersten Blick scheint, eine Reihe schwerwiegender philosophischer Fragen auf. Wie kann, so die erste Frage, ein endliches Wesen wie der Mensch Unendliches in sich tragen. Wie, so eine zweite Frage, ist die Unendlichkeit der Dummheit zu bewerten, nachdem die Vernunft sich als allzu endlich erwiesen und den philosophischen Stoßseufzer: Nie wieder Vernunft! provoziert hat. Sollte gar das Heil nicht von der Vernunft, sondern von der Dummheit zu erwarten sein? Immerhin, Erasmus darf in diesem Kontext nicht fehlen, ist ihr philosophischer Lobpreis längst schon verfaßt worden. Bei Kant hatte es noch geheißen: Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Wie ist es zu bewerten, so die dritte Frage, daß die unendliche Dummheit offenbar die ursprünglich von der ehernen Moral besetzte Stelle eingenommen hat; oder war das eine schon immer das andere, Moral so gefährlich wie Dummheit? Leider hat Selysses es versäumt, die Flußphilosophin mit diesen und anderen Fragen zu konfrontieren. Die Ausführungen der Schifferin seien bei ihm auf Verständnis gestoßen, heißt es, offenbar aber nicht auf uneingeschränkte Zustimmung. Seine Vorbehalte und weiterführenden Gedanken behält er für sich. Aus unserer Sicht wäre anzuführen, daß der Mensch das einzige Lebewesen ist, dem ernstlich der Vorwurf der Dummheit gemacht wird, bei Zecken, Raben, Katzen und Bonobos würde dieser Vorwurf ersichtlich ins Leere laufen. Vielleicht hat sich der Mensch mit der Selbstkategorisierung als Homo sapiens schlicht und einfach übernommen, und die Rüge der Dummheit - nicht anstelle ihres Lobs, sondern anstelle der neutralen Betrachtung menschlicher Begrenztheit - ist nichts als der Katzenjammer nach dem Fest.