Dienstag, 14. Oktober 2008

Selysses an Land

Schiffe, Boote, Barken

Für Christian Wirth, Sebaldianer und Skipper

no fugis, sempre et tocarà
algun naufragi, perque tu pertanys
al boirós oceà del món real.

Selysses wird, anders als sein antiker Vorfahr, kaum je auf einem Schiff angetroffen. Angebot und Konkurrenz der Beförderungsmittel sind neuerdings erheblich gestiegen. Selysses reist mit dem Zug, dem Flugzeug, vereinzelt auch mit dem Auto, am liebsten aber zu Fuß. Noch besser aber wäre er eigentlich, wie er bekennt, zuhaus geblieben. Das bedeutet aber keineswegs, Schiffe, Boote und Blicke auf die Seefahrt in ihren verschiedenen Aspekten würden fehlen im Werk. Bereits das mittlere Abteil des Elementargedichtes Nach der Natur, Und blieb ich am äußersten Meer, ist der Seefahrt des Georg Wilhelm Steller gewidmet. Das Saturnbuch ist eine Wanderung am Ufer des Meeres mit zahlreichen Blicken auf Schiffe, Boote und die Seefahrt in ihren verschiedensten Formen. Joseph Conrad, als der vielleicht bekannteste Verfasser literarischer Seestücke, hat ein eigenes Kapitel, in der Adelwartherzählung fahren die Auswanderer mit dem Schiff über den Atlantik, Ambros Adelwarth und Cosmos machen eine Schiffreise von Venedig nach Griechenland und Stambul und dann auf dem Landweg weiter nach Jerusalem. In All’Estero macht Selysses selbst eine Bootsfahrt von Venedig zur Lagune und man verabredet mit dem Bootseigner ein Wiedersehen in Jerusalem. Nicht alles aber, was einmal floß, ist noch Wasser, und worauf man steht, ist nicht immer fester Grund.

In Tyumen holen sie ihn aus dem Schlitten, schleppen sie seinen zur Hälfte versteinerten Leib aus dem Eis hinein in das Feuer. Und blieb ich am äußersten Meer ist die Geschichte eines auf die Vorbereitung, die Durchführung und die Folgen einer Seefahrt - der vom dänischen Kapitän Vitus Bering im Auftrage Peter des Großen durchgeführten Großen Nordischen Expedition – geschrumpften Lebens. Tiefer betrachtet ist es aber weniger die Geschichte einer Seefahrt als die einer Vereisung. Man denkt an Bernhards Romanerstling Frost.

Das dem Seefahrer und Dichter Conrad gewidmete Kapitel in den Ringen des Saturns bestätigt diese Sichtweise. In der sibirischen Verbannung in Wolodga lernt er einen auf zwei Jahreszeiten, den weißen und den grünen Winter, reduzierten Jahresablauf kennen. Die Leichenstarre geht über in einen grauenhaften Marasmus. Im weißen Winter ist alles tot, im grünen Winter alles am Sterben (RS 128). Conrads Seefahrerleben, so wie in der Erzählung vorgestellt, spielt sich vorwiegend im grünen Winter der Tropen ab und es sind, zumal im Kongo bedrückende Bilder des Sterbens. Er kehrt dann noch einmal in den weißen Winter der Ukraine zurück. Als der Schlitten anruckte, begann für mich, begleitet von dem leisen gleichmäßigen Schellengeräusch, eine Winterreise zurück in die Kindheit. Wie früher, vor langer Zeit, sah ich die Sonne über die Ebene sich senken. Eine große, rote Scheibe, senkte sie sich in den Schnee, als ginge sie unter über dem Meer. Geschwind fuhren wir in die Dunkelheit hinein, in die unermeßliche, an den Sternenhimmel angrenzende weiße Wüste, in der wie Schatten die von Bäumen umstandenen Dörfer trieben (RS 140 f). – Das Schiff ist zum Schlitten geworden, oder umgekehrt.
Das Thema der Vereisung tritt in Sebalds Werk auch losgelöst von dem der Seefahrt auf. Neben Vernichtungsvisionen durch Feuer und Brand stehen solche durch Kälte. Wir denken daran, daß bei Dante im innersten Inferno Satan selbst eingefroren in einem Eisblock überdauert. Zurück zur Seefahrt, die nicht allein ins Eis und nicht nur in einen grünen Winter, sondern auch unmittelbar ins Feuer führen kann.

Der 28. Mai 1672, dieser denkwürdige Tag, an dem dort draußen die holländische Flotte aus dem über der See treibenden Dunst auftauchte und das Feuer eröffnete auf die in der Bucht von Southwold versammelten Schiffe. Später, als die Schlacht ihren Fortgang nahm, als die Pulvermagazine explodierten und einige der geteerten Schiffsleiber bis an die Wasserlinie herabbrannten, wird alles eingehüllt gewesen sein in einen beizenden, gelbschwarzen über die gesamte Bucht sich wälzenden Rauch. Selbst gefeierte Seeschlachtenmaler vermögen, trotz einer durchaus erkennbaren realistischen Absicht, keinen wahren Eindruck vermitteln, wie es auf einem der mit Gerät und Mannschaften bis zum äußersten überladenen Schiffen zugegangen sein muß, wenn brennende Masten und Segel niederstürzten oder Kanonenkugeln die von einem unglaublichen Leibergewimmel erfüllten Zwischendecks durchschlugen. Die erlittene Pein, das gesamte Werk der Zerstörung übersteigt um ein Vielfaches unser Vorstellungsvermögen, ebenso wie es nicht auszudenken ist, was für ein enormer Aufwand an Arbeit vonnöten gewesen sein muß, um die ja von vornherein größtenteils zur Vernichtung bestimmten Fahrzeuge zu bauen und auszurüsten (RS 94ff).

Anders als in Dantes Hölle ist das Feuer in der Sebaldschen Seefahrt doch die weitaus stärkere Qual. Das Eis und das Erfrieren scheinen sogar eine geheime Sehnsucht des Dichters zu sein. Schließlich identifiziert er sich über das Eis nicht nur mit Georg Wilhelm Steller, sondern in der schönstdenkbaren Weise auch mit seinem Namenspatron: Sand Sebolt entfacht im Herd eines um Holz geizenden Wagners ein Feuer aus Eiszapfen. Immer ist diese Geschichte von der Verbrennung der gefrorenen Lebenssubstanz für mich von besonderer Bedeutung gewesen, und ich habe mich oft gefragt, ob nicht die inwendige Vereisung und Verödung am Ende die Voraussetzung ist dafür, daß man, vermittels einer Art schwindelhafter Schaustellerei die Welt glauben machen kann, das arme Herz stünde noch in Flammen (RS 107). Auch sind die Schneeszenen weitaus weniger eindeutig als die von den Bränden und schwanken gleichsam zwischen Vernichtung und Schutz: Ich dachte an den Wunsch, den ich als Kind immer gehabt hatte, daß alles zuschneien möge, das ganze Dorf und das Tal bis zu den obersten Höhen hinauf, und daran, daß ich mir vorstellte damals, wie es wäre, wenn wir im Frühjahr wieder auftauten und hervorkämen aus dem Eis (AUS 58).

Ein verbindendes Element der Schiffahrt ins Eis zu Forschungszwecken und derjenigen in den Krieg und ins Feuer sind der gewaltige Aufwand und die gewaltigen jeweils notwendigen Vorbereitungen. Als Steller 1736 tatsächlich den ersehnten Auftrag erhielt, der Beringschen Expedition sich anzuschließen, war diese bereits zehn Jahre zuvor in die Wege geleitete Unternehmen in Jakutsk auf dem einhundertneunundzwanzigsten Grad östlicher Länge angelangt. Steller bewältigte die fünftausend Meilen im Ablauf der dreieinhalb Jahre, die Vitus Bering noch brauchte, um bis auf den letzten Nagel alles mit kleinen sibirischen Packpferden über das Jablonoigebirge ans Meer von Ochotsk zu bringen (NN 46f). Die zerstörende Kraft von Wissenschaft und Technik, auch schon besungen als Entfesselung der Produktivkräfte, und das Verschwinden des Menschen in seinen Artefakten werden von Sebald überall und nicht zuletzt auch im Umkreis der Schiffe aufgespürt.

Die frühe Auswanderung vor dem Hitlerkrieg erfolgte noch auf großen Seeschiffen, freilich nicht notwendig zum Entzücken der Passagiere. Der Onkel erzählte von seiner Überfahrt mitten durch die Februarstürme hindurch. Es ist zum Fürchten gewesen, wie die Wellen sich aus der Tiefe hervorhoben und wieder zurückgerollt kamen. Nur schwarzes Wasser, tagaus und tagein, und das Schiff, wie es schien, die ganze Zeit auf demselben Fleck. Wohler wurde mir erst wieder, als wir durch die Narrows in die Upper Bay hineinfuhren. Das Schiff war langsamer geworden. Ich spürte eine schwache Brise an meiner Stirn, und indem wir der Waterfront uns annäherten, wuchs Manhattan vor uns höher und höher aus den jetzt von der Morgensonne durchdrungenen Nebeln heraus (AW 119f). Seither aber sind die Seeleute und mithin die Seefahrt im eigentlichen Sinne abhanden gekommen. Der Sailor’s Reading Room, eine gemeinnützige Einrichtung, dient, seit die Seeleute am Aussterben sind, in erster Linie als eine Art maritimes Museum (RS 114). Dem gestrandeten Selysses aber ist der Sailor’s Reading Room bei weitem der liebste Ort. Besser als sonst irgendwo kann man hier lesen, Briefe schreiben, seinen Gedanken nachhängen oder, während der langen Winterzeit, einfach hinausschauen auf die stürmische, über die Promenade hineinbrechende See (RS 115).

Der Seefahrer an Land. Auf ernstliche Seefahrt verzichtet Selysses, ab und zu ein triviales Übersetzen mit der Englandfähre, das ist alles. Aber schon das schicksalhafte erste Übersetzen Austerlitz’ mit der Fähre PRAGUE wird, im krassen Gegensatz zum Aufbruch im Prager Bahnhof und zur Ankunft in der Liverpool Station, erzählerisch überhaupt nicht ausgeführt. Dabei war es womöglich die erste Seefahrt des Knaben Austerlitz überhaupt, die schon einen tiefen Eindruck und eine entsprechende Erzählspur hätte hinterlassen können.

Das verschüttete Seefahrerherz des Selysses schlägt aber noch, sei’s in Freude oder in Furcht, und so wird ihm immer wieder das Land zur See. Ich habe die Gare du Nord oder die Gare de l’Est aufgesucht, um das Einfahren der Dampflokomotiven anzuschauen oder das leise Davongleiten der hellerleuchteten, geheimnisvollen Pullmanzüge, die in die Nacht hinausfuhren wie Schiffe auf die unendliche Weite des Meeres (AUS 53). Das Martinsheim ist ein langgestrecktes massives Gebäude aus dem 17. oder 18. Jahrhundert. Durch die tief in das Mauerwerk eingelassenen, vergitterten Fenster konnte man auf die Kronen der Bäume hinabsehen, die das stark abschüssige Gelände an der rückwärtigen Seite des Heimes bestanden. Es war als blicke man auf ein wogendes Meer. Das Festland, schien mir, war bereits hinter dem Horizont versunken. Ein Nebelhorn dröhnte. Weiter und weiter zog das Schiff auf das Wasser hinaus. Aus dem Maschinenraum herauf drang das gleichmäßige Schüttern der Turbinen (SG 53). Insbesondere an Tagen, an denen der Wind, was nicht selten vorkommt, den Regen über diesen gänzlich ungeschützten Plan treibt, meint man, durch irgendein Versehen auf das Deck der Berengaria oder eines anderen Ozeanriesen geraten zu sein und wäre wohl nicht im erstaunt, wenn auf einmal, unter Aufdröhnen eines Nebelhorns, die Horizonte der Stadt Paris gegen den Pegel der Türme im Gleichmaß mit dem die Wellenberge durchquerenden Dampfer sich höben und senkten oder eine der winzigen Figuren , die sich unklugerweise an Deck gewagt haben, von einer Sturmböe über die Reling gefegt und weit über die atlantische Wasserwüste hinausgetragen würde AUS S. 393).

Der Gigantomanie der Architektur sind in Sebalds Werk lange und insbesondere das Austerlitzbuch geradezu bestimmende Passagen gewidmet, die Gigantomanie der Schiffe, Öltanker und Containerschiffe, riesige Kreuzfahrtschiffe, ist sozusagen schon jenseits der Seefahrt und der Menschheit angesiedelt und wird beschwiegen. Erwähnenswert sind nur die schwimmenden Pendants von Feldhütte, Häuschen des Schleusenwärters und Kindervilla, den bevorzugten Architekturerzeugnissen (AUS 31), also kleine küstennahe Schiffe, Segler, allenfalls Dampfsegler, Boote und Barken.

Der Übergang von der wohlgelittenen Architektur zur wohlgelittenen Seefahrt wird von der Krummenbacher Kapelle geleistet, die den Dichter rührt durch ihr winziges Ausmaß und durch die von einer ungeschickten Hand um die Mitte des 18. Jahrhunderts gemalten Kreuzwegstationen. Die Krummenbacher Kapelle ist so klein, daß mehr als ein Dutzend auf einmal gewiß nicht ihren Gottesdienst verrichten oder ihre Andacht üben konnten. Ich setzte mich eine Zeitlang hinein in dieses gemauerte Gehäuse, und bald kam es mir vor, als befände ich mich in einem Kahn auf der Fahrt und überquerte das große Wasser. Der feuchte Kalkgeruch verwandelte sich in Seeluft, ich spürte den Zug des Fahrtwinds an der Stirn und das Schwanken des Bodens unter meinen Füßen und überließ mich der Vorstellung einer Schiffsreise aus dem überschwemmten Gebirge hinaus (SG 195). Die imaginierte Fahrt über das Wasser wird zu einer Fahrt durch die Zeit zurück in die Kindheit. Die Türme und Türmchen der Allgäuer Kirchen und Kapellen waren für den very young writer für lange Zeit die einzigen Segel am Horizont. Kapellen wie die von Krummenbach gab es zahlreiche um W. herum, und vieles von dem, was ich damals von ihnen gesehen und gespürt habe, wird in mir geblieben sein, die Angst vor den dort abgebildeten Grausamkeiten nicht weniger als in seiner Unerfüllbarkeit der Wunsch nach einer Wiederholung der in ihrem Inneren herrschenden vollkommenen Stille (SG 196).
Schrecken und vollkommener Frieden, Attribute des Sakralen und der Seefahrt zugleich, verbunden im Begriff der Christlichen Seefahrt, im 17. Jahrhundert entstandener Ausdruck, erstmals belegt im Titel zweier in Kopenhagen erschienener Andachtsbücher für Seeleute, mit dem die Verbindung zwischen Christentum und Seefahrt in bewusster Unterscheidung zur heidnischen Seefahrt betont werden sollte. Das Menschenleben als Fahrt über die Meere, nicht ohne Grund folgt Selisse dem Ulisse vorzugsweise nur halluzinatorisch aufs Wasser. Dante läßt die letzte Seefahrt des Ulisse in der Katastrophe enden und schließt damit das Kapitel der vorchristlichen Seefahrt: Tre volte il fé girar con tutte l'acque; a la quarta levar la poppa in suso e la prora ire in giù, com'altrui piacque, infin che 'l mar fu sovra noi richius. Aber der Läuterungsberg der Christenheit kann, nur wenige Gesänge weiter, dann doch nur über die grausame See erreicht werden: Per correr miglior acque alza le vele omai la navicella del mio ingegno,che lascia dietro a sé mar sì crudele; e canterò di quel secondo regno dove l'umano spirito si purga e di salire al ciel diventa degno.

Kähne, Boote und Barken, allenfalls Dampfsegler: Den allmählich ausführlicher werdenden Eintragungen ist zu entnehmen, daß Ambros und Cosmos Ende August mit einem Dampfsegler in Richtung Griechenland und Konstantinopel von Venedig abgegangen sind. 6. September: Von Kérkyra aus über Ithaka und Patras in den Golf von Korinth. Die Heimat des Odysseus wird besucht, seine Reiserouten werden gekreuzt. Gestern am Vormittag ab Piräus. Große Schwärme von Kormoranen. Heute morgen durch die Dardanellen. Nach Auszahlung des Triestiner Kapitäns vorerst abgestiegen im Pera Palas. Pera, sagt der Empfangschef auf meine Frage, pera heißt jenseits. Jenseits von Stanbul. Die Reise mit dem Endziel Jerusalem wird dann auf dem Landweg fortgesetzt (AW188 ff).

Ich selber bin an jenem Abend des 31. Oktober mit einem Venezianer namens Malachio ins Gespräch gekommen. Gegen Mitternacht fuhren wir mit seinem Boot, das draußen vor der Mole lag, den Drachenschweif des Großen Kanals hinauf, an der Ferrovia und am Tronchetto vorbei, hinaus auf das offene Wasser. Vor uns lag der verglimmende Glanz unserer Welt. Er habe in der letzten Zeit viel nachgedacht über die Auferstehung und frage sich nach der Bedeutung des Satzes, demzufolge unsere Gebeine und Leiber von den Engeln dereinst übertragen werden in das Gesichtsfeld Ezechiels. Der Motor sprang wieder an, das Boot hob und senkte sich mit den Wellen. Malachio steuerte das Boot zu meinem Hotel zurück. Das Boot machte eine Kehre im Wasser. Malachio winkte noch einmal und rief: Ci vediamo a Gerusalemme (SG 69ff).

Jerusalem, zweimal gleichsam über See angesteuert, der Tempel der Heiligen Stadtzweimal in Miniatur nachgebaut, im neunten Teil des Saturnbuches und in der Auracherzählung, Disraeli nennt Manchester die wundervollste Stadt der Neuzeit ein himmlisches Jerusalem (NN S. 83), was aber folgt auf Manchester, dessen Niedergang wiederum in der Auracherzählung ausgeführt ist. – Das Jerusalemmotiv würde ein eigenes kleines Sebaldstück erfordern.

Vor hundert Jahren verschwand hier Edward Fitzgerald, der Übersetzer Omar Khayyams. In schon fortgeschrittenen Alter bestieg er eines Tages sein Boot, segelte mit festgebundenen Zylinder hinaus auf die Nordsee und ward nie mehr gesehen (NN S. 93). Die Leben FitzGeralds ist dann ausführlich im achten Teil des Saturnbuches geschildert. Selysses selbst ist ein Erdoberflächenmann, liebt aber die Erdoberflächenflüchtlinge, die Flieger, die gleich den Mauerseglern, den Boden am liebsten nie wieder berühren möchten, den Major Wyndham Le Strange, der, um sich nach unten zu verflüchtigen, in seinem Garten eine Höhle ausgehoben hat, in der er dann tage- und nächtelang gesessen ist gleich dem heiligen Hieronymus in der Wüste (RS S. 83), und eben FitzGerald, der die Erde endgültig auf dem Wasserweg verläßt.

Die Flieger haben ihre natürlichen Gefährten und Vorbilder in den Vögeln, die Seefahrer in den Fischen, aber es ist keine glatte Parallelität. Das immer aussichtslose Verhältnis von Mensch und Natur, von Mensch und Kreatur ist im Element des Wassers noch um einiges aussichtsloser für uns.
Die Vögel treffen wir hospitalisiert und im Zustand traurigster Verwahrlosung, wir treffen sie aber auch als Glorie um den Heiligen Major Wyndham Le Strange, und wir treffen sie als Teil des Paradieses Andromeda Lodge. Aber selbst das Paradies gründet auf einer zerstörten Meeresfauna: diese Pracht sei durch unsere Sammelleidenschaft und andere, gar nicht wägbare Störungen und Einflüsse nahezu völlig vernichtet (AUS S. 135). Im wohl als berühmt zu bezeichnenden Heringskapitel des Saturnbuches ist der scheinbare Sieg des Menschen über die Natur als unübersehbares Menetekel seines eigenen Verderbens an die Wand geworfen.

Der Herausgeber des Nachlaßbandes Campo Santo unterteilt in Prosa und Essays und geht dabei ein wenig unbedacht vor. Zumindest zwei der so genannten Essays gehören in die Abteilung Prosa verlegt, Moments musicaux und Scomber scombrus oder die gemeine Makrele. Die beiden Segel waren im Westwind gebläht, und wir setzten den Kurs – der Eingangssatz der Makrelenerzählung läßt geradezu aufschrecken: Wir kennen den einsamen Wanderer Selysses, wir kennen ihn im Zwiegespräch, wir kennen ihn auch in etwas größeren, zumeist flüchtigen Gruppen dann aber exakt benannter Individuen, wir kennen ihn nicht als Teil eines unbestimmten Wir. Es handelt sich um eine Seglercrew, das Meer, auf dem wir alle schwimmen, macht alles anders.

Und auch die Makrele, von der erzählt wird, ist ein ganz anderer Fisch als der Hering, sie gehört bekanntlich zu den gefräßigsten Fischen. Ihr steifer, torpedoförmiger Leib, dessen Hauptmerkmal eine hypertrophisch ausgebildete, die Wendigkeit stark einschränkende Muskulatur ist, treibt sie in gerader Bahn ständig voran. Auszurasten ist ihnen so gut wie unmöglich. Dadurch geraten sie offenbar auch an Land. Dank der semantischen Zweitbelegung des französischen maquereau finden wir die Makrele an der Kassa eines Bordells sitzend. Die bedrohlichen Bilder des Hieronymus Bosch mit ihrer Vermischung von Menschen- und Fischleibern treten vor Augen, die Erzählung selbst wechselt über zu einer Gravüre von Grandville, auf der ein halbes Dutzend besonders kaltblütiger Fische, angetan mit gestärkter Hemdbrust, Krawatte und Frack, an einer gedeckten Tafel sitzen, im Begriff, einen ihrer Artgenossen zu verspeisen oder, was kaum weniger furchtbar wäre, einen von uns. Die Erzählung ist insgesamt eine Phantasie über zwei Makrelenbilder Jan Peter Tripps.

Gegen Ende finden wir Selysses wieder auf seinem seemännischen Vorzugsplatz, den an Land mit Blick auf das Meer: Wir waren längst vom Fischzug zurückgekehrt und schauten am festen Land noch einmal auf das graue Meer, als es mir scheinen wollte, als glitte draußen etwas Dreieckiges dahin. Ein Segel or else the fin of that great fish? Der Große Fisch, der Große Weiße Wal, der Mensch im Kampf mit der übermächtigen Natur, der Leviathan, der Mensch im Kampf mit sich selbst. Bei noch so vielen Siegen, gewinnen kann der Mensch, können wir (auch am Ende der Erzählung wieder das alle umgreifende Wir) nicht: that great fish we will never net passing us far out at sea. Wir möchten uns aufschwingen wie die Vögel und am besten den Mauersegler gleich den Boden nie wieder berühren, aber der große Fisch draußen wird uns verschlingen vorab in der Weise unseres Todes. Die Heiligen erheben sich nicht mehr, und die Engel können nicht aufhören mit ihrem Weinen. – Eine kleine Turnübung im Motivgefüge.

Weitere Blicke auf die Seefahrt vom sicheren Land aus, weitere mythisch-mystische Momente: Als meine Augen sich an das sanfte Zweilicht gewöhnten, konnte ich das Schiff sehen, das aus der Mitte des Sonnenfeuers hervorgekommen war und jetzt auf den Hafen von Porto zuhielt, so langsam, das man meinte, es bewege sich nicht. Es war eine weiße Yacht mit fünf Masten, die nicht die geringste Spur auf dem reglosen Wasser hinterließ. Knapp war sie an der Grenze zum Stillstand und rückte doch so unaufhaltsam vor wie der große Zeiger der Uhr. Das Schiff fuhr, sozusagen, entlang der Linie, die das, was wir wahrnehmen können, trennt von dem, was noch keiner gesehen hat. Vielleicht eine Stunde lag das Schiff hell leuchtend in der Finsternis, als warte sein Kapitän auf die Erlaubnis, einlaufen zu dürfen in den hinter den Calanches verborgenen Hafen. Dann, als die Sterne schon über den Bergen hervortraten, drehte es ab und fuhr so langsam, wie es gekommen war, wieder davon (CS S. 49f). Wer es gelesen hat, kommt nicht umhin, an Aleksandr Grins Feenmärchen Alyje parusa zu denken, die Geschichte von dem Schiff mit den Purpursegeln, das den Prinzen bringt. Auch hier offenbar der Gesandte einer eher wohlwollenden Macht, un prince extraterrestre de quelque sorte, der Messias womöglich, der dann aber, da niemand ihn erkennt und empfangen will, wieder fort fährt. Auf der realistischen Ebene ist es ein Spiel mit Stillstand und Bewegung, das nur das Wasser mit uns spielen kann. Ein Spiel der Zeit, die stillzustehen scheint, und doch unaufhaltsam ihr Werk verrichtet.

Ähnlich, das gleiche Suggestionsmuster und doch anders: Draußen auf dem bleifarbenen Meer begleitete mich ein Segelboot, genauer gesagt schien es mir, als stünde es still und als käme ich selber, Schritt für Schritt, so wenig vom Fleck wie der unsichtbare Geisterfahrer mit seiner bewegungslosen Barke. Der Himmel verdunkelte sich zusehends. Wolkenbänke schoben sich weit hinaus über das jetzt von weißen Streifen durchzogene Meer. Die Barke, die solange sich nicht fortbewegen wollte, war auf einmal verschwunden (RS 84f). Nicht aus sprachlicherVerlegenheit, die er nicht kennt, wechselt der Dichter von Segelboot zu Barke, und nicht ohne Vorbedacht stattet er sie mit einem Geisterfahrer aus. Der Bezug ist hergestellt zur Barke des zugleich toten und lebendigen Jägers Gracchus, die die Schwindel.Gefühle von vorn bis hinten durchfährt. Und nun kreuzt Gracchus vor der Küste Ostengland, in seinem schweren alten Kahn, verhältnismäßig niedrig und sehr ausgebaucht, verunreinigt, wie mit Schwarzwasser ganz und gar übergossen, noch troff es scheinbar die gelbliche Außenwand hinab, die Masten unverständlich hoch, der Hauptmast im obern Drittel geknickt, faltige, rauhe, gelbbraune Segeltücher zwischen den Hölzern kreuz und quer gezogen, Flickarbeit, keinem Windstoß gewachsen (Kafka, Tagebücher, 6.4.1917). Gracchus, ambivalent wie der Schnee, grauenhaft für ewig aufgehängt zwischen Leben und Tod und doch auch zu beneiden um seine immerwährende Fahrt über das Wasser.

Nur die kleine Seefahrt ist zu retten, die große ist verdammt wie so vieles, fast alles. Die Arche, die uns retten sollte, hat ihrerseits den Zustand eines zwergenhaftenen Hausboots angenommen: Eine Kuh und einen Ochsen gab es, zwei Gänse und so weiter. Weiße Tauben umflogen das kleine Haus, das mit seinem geschindelten, vielfach geflickten, für die Gegend ganz ungewöhnlichen Walmdach einem auf der Hügelkuppe gestrandeten Schiffchen gleichsah. Und jedesmal, wenn ich dort vorbeikam, schaute grad der Vater der Romana, der ein verschmitzter Mensch gewesen ist, wie der Noah aus der Arche zu einem der winzigen Fenster heraus (SG 257).

Nicht vergessen werden darf schließlich das älteste geschichtlich belegte Miniaturbeispiel der bemannten vorchristlichen Seefahrt, Moses, mit dem alles begann, wie er in seinem Kästchen nilabwärts durch das Schilf treibt, yn yr hesg ar fin yr afon, wie Austerlitz es in der kymrischen Sprache wiedergibt, die er als Kind erlernt hatte. Wir nutzen die Gelegenheit zum erweiterten Ruhm der keltischen Sprachen, ein bitter nötiges Preislied angesichts ihres traurigen und zutiefst zu beklagenden Niedergangs: chuir i measc na n-eilestram ar bhuach na habhann é, so heißt die gleiche Stelle, etwas großzügiger ausgeschnitten, in der irischen Bíobla Naofa.

Flieger

Due Geraldi e un Douglas sull’ali dorate
i en Joan, verwegener Freund & sicherer Flieger

Je mehr einzelne Motivfäden man im Werk Sebalds verfolgt, desto schwieriger wird es, sie auseinander zu halten. Sie auseinander zu halten, kann natürlich auch gar kein ernsthaftes Ziel sein, denn die Dichte der Textur beruht nicht zuletzt darauf, daß die gleichen Erzählelemente verschiedenen Motivreihen angehören. San Giorgio con capello di paglia ist zugleich Heiliger und Kunstwerk, Tauben sind Tiere und Flieger. Irgendwann im Verlaufe fortgesetzter Betrachtung der Prosawerke Sebalds ist der Punkt erreicht, an dem das Interesse an Überschneidungen dieser Art und an der Fügung der Motivketten in den Vordergrund tritt. Die im Marbacher Katalog zur Sebaldausstellung Wandernde Schatten erstmals veröffentlichten Fragmente zum Anflug auf Korsika (S. 159 bis 175 des Katalogs) erlauben vor dem Hintergrund der Wiederaufnahme und Weiterverarbeitung verschiedener Motivreihen im Austerlitzbuch einen tiefen Einblick in die Motivverknüpfungsarbeit des Dichters.


Der Pilot im ersten Anflug auf Korsika (S. 159 bis 166) heißt Gerald Ashman, er zerfällt im Austerlitzbuch anstandslos in Gerald Fitzpatrick und James Mallord Ashman. Der Pilot im zweiten Anflug (S. 166 bis 175) heißt Douglas X. Er hat bei Licht besehen gar keinen Namen, Douglas war ein seinerzeit bekannter Flugzeughersteller und ist insofern neben X eine weitere abstrakte Chiffre für einen Flieger. Douglas X ist noch im Zustand blasser Planung, sein Nachfolger ist die Figur mit dem instabilen Namen im Austerlitzbuch, zunächst Dafydd Elias und dann eben Austerlitz. Die Flieger Gerald Ashman, Gerald Fitzpatrick und Douglas X haben nur wenige alle drei verbindende Motive, eins besteht im Broterwerb an einem Institut in Genf. Für Gerald Ashman und Douglas X liegt diese Tätigkeit in der Vergangenheit, sie sind im vorgerückten Alter und können mit dem Verdienten ihre Flugleidenschaft finanzieren. Gerald Fitzpatrick ist jung und kommt während der Zeit am Institut in Genf bei einem Absturz mit seiner Cessna als Liebling der Götter ums Leben.

Was berechtigt zu der wagemutigen Behauptung, Douglas X sei der Vorläufer des Austerlitz? Die Verwandtschaft ist mit bloßem Auge kaum zu erkennen. Douglas ist der Flug- und damit Wegbegleiter des Selysses und redet die gesamte Flugstrecke belehrend auf ihn ein. Eine auch nur annähernd eintönige und unattraktive Erzählstrecke findet sich im veröffentlichten Werk Sebalds nicht - ein Geschenk besonderer Art für den Sebaldianer, zeigt sie ihm doch, daß er dem Autor, an dessen veröffentlichten Werk er kaum einen Makel findet, gleichwohl nicht verblendet gegenübersteht. Die Veränderungen auf dem Weg zum Austerlitz sind frappierend. Austerlitz ist nicht der Wegbegleiter des Selysses, die Wege der beiden kreuzen sich nur immer wieder auf das Überraschendste, sie sind gründlich aus der Monotonie ihrer Flugzeugzelle befreit. Belehrung findet auch im Austerlitzbuch statt, Selysses bezeichnet Austerlitz ausdrücklich als den ersten Lehrer überhaupt, dem er zuhören konnte seit seiner Volksschulzeit. Es ist mir bis heute gegenwärtig, mit welcher Leichtigkeit seine von ihm sogenannten Denkversuche mir eingingen (AUS 52). Tatsächlich aber ist Austerlitz nur selten belehrend, meistens erzählt er ohne jede didaktische Absicht von Stationen seines Lebens in Bala, Stower Grange und Andromeda Lodge in Wales, aus Prag und Theresienstadt in Böhmen und aus London und Paris.

Austerlitz hat die Flugfunktion aufgegeben, Gerald Fitzpatrick und James Mallord Ashman stehen ihm aber als jetzt separate Flugnachfolger zur Seite, Selysses gerät dadurch gleichsam in die dritte Erzählreihe. Douglas ist praktisch vergangenheitslos, Austerlitz ist erdrückt von seiner Vergangenheit. Das sehr einfache Erzählschema des zweiten Anflugs auf Korsika, bei dem es nicht bleiben konnte, ist zum Austerlitzbuch hin also gewaltig aufgearbeitet. Schließlich waren Takt und Rhythmus des Erzählvorgangs, die in den Schwindel.Gefühlen und den Ausgewanderten durch den vierfach neuen Einsatz, in den Ringen des Saturn durch die zehn in sich unterschiedlichen Kapitel zu erheblichen Maß vorgeprägt waren, im Austerlitzbuch mit komplizierteren Mitteln zu erreichen.

Douglas beschränkt seinen Vortrag während des Flugs im wesentlichen auf flugnahe Themen, er erwähnt die Luftpioniere Amelia Ehrhart, Lindbergh und Exupéry, den Adlersternennebel, und er geht auf die Vorzüge des Nachtflugs ein. Es ist klar, daß er ausschließlich mit Themen dieser Art sich als Begleiter und Lehrer des Selysses auf Dauer nicht bewähren konnte. Zugleich ist Douglas aber eine erzählerische Reaktion auf Gerald Ashman, den Piloten des ersten Anflugs auf Korsika, der beschwert von den gebündelten, im Austerlitzbuch dann auf Gerald Fitzpatrick und James Mallord Ashman verteilten Motiven keine Höhe gewinnen konnte.

Gerald Fitzpatrick erbt von Gerald Ashman die Anfänge der Flugleidenschaft in dem Interesse für Fluginsekten und Vögel und er erbt vor allem die Bewunderung für die Tauben: Die Tauben rangierten immer obenan, nicht nur aufgrund der Geschwindigkeit, mit der sie die längsten Strecken zurücklegen, sondern auch aufgrund der vor allen anderen Lebewesen sie auszeichnenden Kunst der Navigation. Bis heute wisse niemand, wie die in einer solchen Leere auf die Reise geschickten Tiere, denen gewiß in der Vorahnung der ungeheueren Entfernung, die sie überwinden müssen, beinah das Herz vor Angst zerspringt, den Ort ihrer Herkunft anpeilen (AUS 168f). Er erbt ferner das zum Paradies erhobene Andromeda Lodge Er erbt von Douglas den Adlernebel, der in Austerlitz mit einem grandiosen Einblick in das kosmische Geschehen zu einem Höhepunkt der Erdabgehobenheit ausgebaut wird.

James Mallord Ashman bekommt anstelle von Andromeda Lodge Iver Grove zugewiesen mitsamt dem Billardzimmer, in dem die Zeit stillsteht, und dem Glockenturm, in dem sie vernichtet wird, ein Motivhöhepunkt des Uhrenthemas: Eine stumme Wut sei in ihm aufgestiegen, und ehe er auch nur wußte, was er tat, habe er draußen auf dem hinteren Hof gestanden und mehrmals mit seiner Flinte auf das Uhrentürmchen der Remise geschossen, an dessen Zifferblatt man die Einschläge heute noch sehen könne (AUS 157ff).

Wiederholt schon ist in den bisherigen Betrachtungen eine Verwandtschaft des Flieger- zum Lehrerthema angeklungen. Die leidenschaftlichen Flieger Gerald Ashman, Gerald Fitzpatrick und Douglas X ähneln in ihrer Begeisterung den leidenschaftlichen Lehrern Paul Bereyter und André Hilary. Zugleich werden Gerald Ashman und Douglas unterrichtend und unterweisend tätig, Gerald Fitzpatrick macht als Schüler in Stower Grange die Bekanntschaft Dafydd Elias’ alias Austerlitz.

Douglas spricht während des Flugs in einigermaßen aufdringlicher, gänzlich sebalduntypischer Weise vom Abbruch der Prokreation: Die einzig wirkliche Freiheit, die wir, vom Selbstmord abgesehen, vor anderen Tieren haben, ist ja die, uns nicht fortzupflanzen, & es wundert mich ständig, wie wenig sie wahrgenommen wird. Die Regungen des Sympathicus sind anscheinend unkontrollierbar. Mir selbst sind Liebesgeschichten, bis auf wenige, beinahe metaphysische Ausnahmen, grundsätzlich absurd vorgekommen. Was mich betrifft, so lebe ich nur, um von der Erde abheben zu können (172 f). Die Elemente dieser Suada sind im Austerlitzbuch sämtlich in das Innere des Erzählvorgangs gedrückt und dort ohne Verlust aufbewahrt. So sind Austerlitz' Liebesgeschichten sowohl mit Adela Fitzpatrick als auch mit Marie de Verneuil wohl zu den genannten beinahe metaphysische Ausnahmen zu rechnen.

Wir gehen dem Motiv der Prokreation anhand des Lehrerthemas nach und wollen es hier nicht wiederholen. Ein spezielles Luftfahrtthema der Fortpflanzung kommt im Austerlitzbuch noch hinzu. An einer Stelle ist von den Mauerseglern die Rede (AUS 144), die, einmal aufgestiegen, nie wieder zur Erde zurückkehren. Das ist biologisch einigermaßen korrekt, wenn man von der Prokreation absieht. Kopulationen, immerhin, erfolgen auch in der Luft. Die evolutionäre Bedeutung solcher Begattungen „on the wing“ ist schwer zu erklären, da es nachgewiesenermaßen auch zu Kopulationen in der Bruthöhle kommt und sich die Frage stellt, welchen Grund es haben kann, dass sich die Vögel dabei einem solchen Risiko aussetzen. Fliegende Nester aber kennen auch Apus apus und die anderen Apodidae nicht. Die Brutdauer kann zwischen 18 und 27 Tagen liegen. Die Partner wechseln sich beim Brüten ab und brüten offenbar zu annähernd gleichen Teilen. - Im Austerlitzbuch wechselt der Mauersegler also aus dem Bereich der Biologie in den der Symbolik. Sie tun es den Fliegergestalten gleich und leben nur, um von der Erde abheben zu können.

Wird die Prokreation des Unbelebten zum Hohngesang auf die ausbleibende im Menschenleben? Gerald sprach von riesigen Regionen interstellaren Gases, die sich zu gewitterwolkenartigen, mehrere Lichtjahre in den Weltraum hinausragenden Gebilden zusammenballten und in denen, in einem unter dem Einfluß der Schwerkraft ständig sich intensivierenden Verdichtungsprozeß, neue Sterne entstünden, dort draußen gebe es wahre Kinderstuben von Sternen (AUS 171). Der metaphysische Auslaß führt, wie in der Tradition, nach oben und findet nur die Leere der Physik. Das metaphysische Verlangen wird zu einer Frage des Stils: Wenn er, mitsamt seiner Fracht, auf den Kreisen seiner Prosa höher und höher getragen wird wie ein Segler auf den warmen Strömungen der Luft, dann ergreift den Leser ein Gefühl der Levitation (RS 30).

Montag, 13. Oktober 2008

Lehrer

Kaum Schüler, keine Kinder

Hurt once and for all into silence.
A long pain ending without a song to prove it.
Über Sebalds Leben ist wenig bekannt in der Öffentlichkeit, er wurde im Allgäu geboren, war nach der Einschulung, wie die meisten von uns, längere Jahre Schüler auf den verschiedenen Stufen des Bildungswesens und dann lange Zeit Hochschullehrer in England, wo er auch, noch im Lehramt wenngleich wohl schon mit dem Gedanken, es aufzugeben, bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Eigentlich hatte er sich aber bereits auf spektakuläre Weise aus dem Lehrberuf verabschiedet, denn längst wissen wir ja, daß der Dichter, anders als früher angenommen, der Antipode des Lehrers ist. Aber muß man Dichter werden, um als Hochschullehrer kein Lehrer zu sein?

Der sebaldnahe Erzähler des Austerlitzbuches, Selysses, bekennt: Zu Beginn meines Studiums in Deutschland hatte ich von der seinerzeit dort amtierenden, größtenteils in den dreißiger und vierziger Jahren in ihrer akademischen Laufbahn vorangerückten und immer noch in ihren Machphantasien befangenen Geisteswissenschaftlern so gut wie gar nichts gelernt (AUS 51f). Dieser Student zumindest hatte keine Lehrer an den Hochschulen. Eingangs des Saturnbuches werden liebevoll zwei Hochschullehrerportraits gezeichnet. Michael Parkinson zeichnete sich aus durch eine Bedürfnislosigkeit, von der manche behaupteten, daß sie ans Exzentrische grenzte. In der Sommervakanz machte Michael regelmäßig lange, mit seinen Ramuzstudien in Verbindung stehende Reisen zu Fuß durch das Wallis und das Waadtland. Oft, wenn er von einer solchen Reise zurückkam oder wenn ich den Ernst bewunderte, mit dem er stets seine Arbeit verrichtete, schien es mir, als habe er, auf seine Weise das Glück gefunden in einer inzwischen kaum mehr denkbaren Form von Bescheidenheit (RS 15). Janine Rosalind Darkyns wird in ihrem Arbeitszimmer von Papier überwuchert. Vor Jahren bereits war Janine von den immerfort anwachsenden Papiermassen auf ihrem Schreibtisch gezwungen gewesen, an andere Tische auszuweichen. Diese Tische, auf denen sich in der Folge ähnliche Akkumulationen vollzogen hatten, repräsentierten sozusagen spätere Zeitalter in der Entwicklung des Papieruniversums Janines (RS 18). Janine Darkyns ist Romanistin und vor allem Flaubertforscherin: In einem Sandkorn im Saum eines Winterkleides der Emma Bovary hat Flaubert die ganze Sahara gesehen, und jedes Stäubchen wog für ihn soviel wie das Atlasgebirge (RS 17).

Zwei Hochschullehrer, wie es scheint, ohne Schüler, jedenfalls bleiben sie unsichtbar. Oder macht das den wahren Hochschullehrer aus, die einsame geistige Leidenschaft, die die Schüler aus der Distanz mitreißt? Wir wären nahe beim traditionellen deutschen Hochschulideal, das in diesen Tagen gerade in den Gully gegossen wird. Austerlitz hat eine Dozentur inne an einem Londoner kunsthistorischen Institut, die er dann für seine privaten Recherchen aufgibt. Für den Austerlitzerzähler wird er seit seiner Volksschulzeit der erste Lehrer überhaupt, dem er zuhören konnte. Es ist mir bis heute gegenwärtig, mit welcher Leichtigkeit seine von ihm sogenannten Denkversuche mir eingingen (AUS 52). Hier ist eine Lehrer-/Schülerkonstellation ganz ohne pädagogisches Gefälle dargestellt, während der ebenfalls angesprochenen Volksschulzeit muß es ein wenig anders gewesen sein.

Die Volksschulzeit ist in der Erzählung Paul Bereyter festgehalten. Er ist einfach zum Unterrichten von Kindern geboren gewesen – ein echter Melammed, der aus einem Nichts heraus die schönsten Schulstunden halten konnte (AW 83). Die Unterrichtsmethodik entspricht weitgehend dem, was auch die neuere Pädagogik empfiehlt: Offene Fenster, frische Luft, Anschauungsunterricht, Förderung der Schwachen, das letztere allerdings in unorthodoxer Form: Nach einem stillschweigenden Blickwechsel führte ich geschwind sein fragmentarisches Werk zu Ende, wie ich in den zwei Jahren, die wir von diesem Tag an noch nebeneinander saßen, einen Gutteil seiner Rechen-, Schreib- und Zeichenarbeiten erledigt habe. Der Paul hat an unserer Kooperation nichts auszusetzen gehabt (AW 47). In der Erzählung fließen diese Unterrichtselemente freilich unmittelbar aus der Empathie des Paul Bereyter: auch wir in der Schule hatten ausschließlich nur vom Paul gesprochen wie von einem vorbildlichen ähnlichen Bruder (AW 43), - während die offizielle Pädagogik die gleichen Elemente als technisierbar und persönlichkeitsunabhängig verstehen muß.

Im Austerlitzbuch finden wir Paul Bereyter wieder, zum Sekundarschullehrer avanciert und unter dem Namen André Hilary. Die walisische Erziehungsanstalt, in die Dafydd Elias geschickt wird, heißt Stower Grange, der Direktor, ein gewisser Penrith-Smith, der in seinem verstaubten Talar ohne Unterlaß, vom Morgen früh bis spät in die Nacht ziellos in den Schulgebäuden herumwanderte, war ein hoffnungslos zerstreuter, vollkommen geistesabwesender Mensch, und auch die übrige Lehrerschaft setzte sich zusammen aus den absonderlichsten Existenzen, die größtenteils über sechzig waren oder an irgendeinem Gebrechen litten. Das Schulleben hielt sich mehr oder weniger von selber in seinem Gang, eher trotz als dank der in Stower Grange wirkenden Pädagogen (AUS 88f). Dem jungen Dafydd Elias alias Austerlitz taugt dieser Stand der Dinge alles in allem nicht wenig, gleichwohl aber ist auch André Hilary ungemein wichtig für ihn. Hilary ist von einer ähnlichen pädagogischen Leidenschaft beseelt wie Bereyter, die sich freilich, dem Wechsel von Primar- zur Sekundarschule entsprechend, schon weniger auf die Zöglinge als auf den Unterrichtsstoff richtet und daher eher, fast schon wie bei den beiden Hochschullehrern, als wissenschaftliche Leidenschaft zu charakterisieren ist. Die Empathie für seine Schüler ist allerdings nicht geringer als die des Paul Bereyter. Im Fokus der wissenschaftlichen Leidenschaft Hilarys befindet sich die Gestalt Napoleons, das Glanzstück war dabei zweifellos die Schlacht von Austerlitz. Den meisten von uns haben sich die von Hilary gehaltenen Geschichtsstunden nicht zuletzt deshalb tief eingeprägt, weil er des öfteren, wahrscheinlich wegen eines Bandscheibenleidens, an dem er laborierte, auf dem Rücken am Fußboden liegend seinen Stoff vortrug, was wir in keiner Weise als komisch empfanden, denn Hilary sprach gerade dann mit besonderer Deutlichkeit und Autorität (AUS 106). Das Liegen am Boden symbolisiert offenbar unter anderem eine Umkehr der pädagogischen Situation, die gleichwohl unbeschadet fortbesteht.

Grundschule, Sekundarschule, Hochschule: Das allmähliche und möglichst schleunige Schwinden der Pädagogik als Grundvoraussetzung einer humanen Existenz, durchaus kein umstürzlerisches Konzept, sondern eher das, was alle dachten, bevor es dann ganz anders kam und letztendlich zum Transfer der einzig verbleibenden seriösen Strafandrohung aus dem Justiz- in das Bildungssystem im Begriff des Lebenslangen Lernens, ohne Schuld, ohne Proceß und ohne Vergebung, so wie Kafka es sich schon gedacht hatte.

Pädagogische Theorien sind aber nicht die Aufgabe der Dichter und nicht das Interesse ihrer Leser, wir müssen die Angelegenheit noch um einiges tiefer legen. Lehrer stehen zwischen den Generationen, den Eltern und den Kindern, und ein nicht geringer Teil ihrer Aufgabe besteht darin, den sich unweigerlich auftuenden Bruch zu mildern. Sebald selbst, dafür gibt es zahlreiche Hinweise im Werk, hat den Bruch besonders heftig erlebt, umso wichtiger wurden ihm Großvater und Lehrer. Austerlitz hat dreifache Eltern, die paradiesischen in Prag, die es gilt, aus der Erinnerung rückzugewinnen und dort zu bannen, die gutmeinenden, auf ihre Art aber höllischen Pflegeeltern in Bala, Wales, und die wiederum paradiesische Adela, Herrin von Andromeda, die freilich angesichts ihres geringen Altervorsprungs zwischen Mutter und Geliebter changiert.

Nicht zuletzt bedingt durch den gewaltigen Generationsbruch zwischen Kriegs- und Nachkrieggeneration ist die Prokreation in Sebalds Werk praktisch zum Erliegen gekommen. Das ist besonders auffällig beim Lehrpersonal, das von seiner Aufgabe her in besonderem Maße auf die jeweils nächste Generation angewiesen ist, damit aber auch besonders tief in den Verhängniszusammenhang gerät, und bei Sebald an seiner Aufgabe verzagen muß. Michael Parkinson und Janine Rosalind Darkyns sind als Erzählfiguren, wie immer es um ihre realen Vorbilder bestellt gewesen sein mag, kinderlos. Bereyters Leben schien auf die Verbindung mit Helen Hollaender aus Wien und eine traditionelle Familiengründung zuzulaufen, das Dritte Reich ließ es dann aber nicht zu. Bei Austerlitz hätte sich allenfalls die „Adoption“ Geralds noch enger gestalten lassen können. Beide, Austerlitz und Bereyter, sind im weiteren Verlauf mit einer „vornehmen Französin“ in der Tradition des Minnesangs liiert, Damen, die zugleich aber über die unerläßliche Erdenschwere verfügen. Die eine heißt Marie de Verneuil und kommt aus dem französischen Kernland, die andere ist Mme. Landau aus der Welschschweiz. Das Thema der Lady in Distress ist auf den Kopf gestellt, die Ritter sind in Not und die Damen können lindern aber nicht wirklich helfen. Im Austerlitzbuch kommt es in Marienbad zu einer Nacht in Liebe, unklar bleibt, ob es eine Liebesnacht im üblichen Sinne wurde. In Marienbad ist selbst Goethe, wenn auch wider sein Erwarten und Hoffen, unfruchtbar geblieben, nach Sebalds Einschätzung im übrigen auch als Literat: Die berühmte drei & zwanzigstrophige Elegie, mir aber wollte es nicht recht gefallen, dies herrliche Geflecht verschlungener Minnen (LW 81). Nur wenig entfernt, in der nordböhmischen Stadt Dux, im Schloß des Grafen Waldstein wird ein anderer Roué und wahrer Priap der beginnenden Moderne in traurig sterilem Zustand aufgefunden: Die Puderperücke hatte er beiseite gelegt, und sein eigenes, schütteres Haar schwebte als Zeichen gewissermaßen der Auflösung seiner Körperlichkeit, wie ein kleines weißes Wölkchen über seinem Haupt. Die linke Schulter ein wenig hochgezogen schrieb er ununterbrochen fort. Man hörte nichts als das Kratzen der Feder, das nur aussetzte, wenn der Schreiber ein paar Sekunden lang aufschaute und die wäßrigen, für die Ferne schon halb blinden Augen nach der Helligkeit richtete (AUS 292). Die Helligkeit schlägt unvermittelt um in das Dunkel der Vernichtung: Nur an der nachtfahlen Seite des Firmaments zeigten sich ein paar Sterne, rußig blakende Lichter. Südwärts, in einem weiten Halbrund, erhoben sich die Kegel der erloschenen böhmischen Vulkane, von denen ich in diesem böhmischen Traum wünschte, daß sie ausbrechen und alles ringsum überziehen möchten mit schwarzem Staub (AUS 293f).

Ajaccio und Moskau

Eine haltlose Spekulation

Die Marbacher Ausstellung Wandernde Schatten ist eine große Freude für den Sebaldverfallenen, mehr vielleicht noch als die Ausstellung selbst aber der in allen seinen Einzelheiten tadellose Katalog, enthält er doch, neben vielem anderen, so umfangreiche Entwürfe des aufgegeben Korsikabuches, daß es möglich wird, seine Umrisse zu erahnen. Die an verschiedenen Stellen deutlich nur vorläufigen Entwürfe erfordern auch eine gewisse Korrektur der Vorstellung, man würde sich in Sebalds Prosa immer gleich wohl fühlen, ganz gleich wie und worüber sie geht. Mancher, der unvorbereitet die Lektüre des Austerlitzbuches aufgenommen hatte, konnte zunächst mutmaßen, es sei ein Buch ausschließlich über Bahnhöfe und wäre es zufrieden gewesen. Einige der nicht fertiggestellte Prosatexte geben jetzt aber eine Vorstellung davon, welche Mühe es war, die fertigen an die Oberfläche zu heben.

Michael Niehaus weist in seinem sehr schönen und allseits erhellenden, ebenfalls im Marbacher Katalog enthaltenen Aufsatz darauf hin, daß Sebald, der der Romanform aus dem Weg ging, seine Prosastücke gleichwohl überzeugend figurieren mußte mit Personen, die eine hinreichende Distanz zur Erzählstimme ausweisen. In der Tat sind die Erzählpassagen, in denen die Stimme des Selysses allzu sehr mit der eines Gleichgesinnten in eins fließt, oft die weniger befriedigenden. Das betrifft etwa den siebten Teil der Ringe des Saturn mit dem Besuch bei Michael Hamburger. Die größte Distanz und oft auch ein besonderes Erzählglück ergeben sich sozusagen von selbst bei historischen Personen, zumal wenn es sich um solche handelt, die in China wohnen und dort herrschen.

In den Aufzeichnungen aus Korsika, Zweite Fassung wird Gerald Ashmann als ausdauernder Flugbegleiter des Selysses in eine Position gebracht, die schon ein wenig auf die des Austerlitz vorbereitet, und es ist klar, dabei konnte es nicht bleiben. Mit seinem Hintergrund, der im wesentlichen aus seiner unbändigen Fluglust besteht, konnte er nicht der Vergil sein, der Dante-Selysses durch Hölle und Himmel führt. Einsperrt, wie die beiden sind, in die enge Flugzeugzelle fließen die gleichgerichteten Ansichten der beiden Flieger sozusagen rettungslos zusammen. Niehaus erwähnt, daß in den in Campo Santo veröffentlichten Korsikatexten nur ephemere Gestalten wie die der Kassiererin in der Casa Bonaparte figuriert sind, freilich aber ist an der enormen, rhythmusgebenden, die Augen und Ohren immer wieder neu öffnenden Bedeutung ephemerer Gestalten in Sebalds Prosa festzuhalten. Irgendwie sind sie ja auch alle ephemer, die Reise- und Wanderbekanntschaften, nicht nur die Empfangsdamen, sondern auch Conrad, Swinburne und die Kaiserin inmitten ihrer Seidenraupen, so daß man von den kleinen und den großen Ephemeren sprechen müßte. Der Zutritt zu einem kleinen Flugzeug, das bereits auf Reisekurs ist, bleibt ihnen jedenfalls verwehrt, sie können nicht helfen. Im Austerlitzbuch finden wir Gerald wieder, angenehm reduziert, zersplittert und zugleich angereichert um eine konkrete Jugend, eine Familie u.a. - Einzelheiten des Übertrags vom fallengelassenen in das veröffentlichte Buch sind in dem gleichfalls im Katalog enthaltenen und gleichfalls sehr schönen Aufsatz Ulrich von Bülows ausgeführt.

Mit dem Austerlitzbuch kommt Sebald der selbstgezogenen Grenze, wonach sein Medium die Prosa und nicht der Roman ist, bis zur Verletzung nahe, und die gewiß müßige Frage, ob er nicht vielleicht doch besser beim Korsikabuch geblieben wäre, meldet sich auf lästige Weise. Der auf Seite 218 erscheinende Kapitelplan ist kaum vollständig, man kann schwer glauben, daß Sebald nicht die Gestalt Napoleon Bonapartes zur Raumgewinnung genutzt hätte, und daß er, dem in den Ringen des Saturn eine Spielzeugeisenbahn für die Fahrt nach China reichte, nicht bis Moskau gelangt wäre, um dort Tolstoi und andere Russen zu treffen. Tschechow war er ja bereits auf sehr schöne und traurige Art in Deutschland begegnet, mit einer allerletzten Sehnsucht nach Rußland im Herzen:


Wie der Morgen graut,
legt ihm der Arzt
Eis auf das Herz,
gibt ihm Morphium
und ein Glas Champagner.
Ans Heimreisen dachte er (LW 70)


Müssen sich vielleicht die Freunde der russischen Literatur, ohne daß sie es schon wissen oder jemals mit Sicherheit wissen würden, mehr noch als andere grämen über das liegengelassene Projekt?

Donnerstag, 18. September 2008

Land & Wasser

Entfaltung und Einfaltung in Lyrik und Prosa

Im Nachwort zum aus dem Nachlaß herausgegebenen Lyrikband Über das Land und das Wasser zitiert der Herausgeber Sebald mit den Worten: Mein Medium ist die Prosa – und schränkt das mit Hinweis auf die fortgesetzte lyrische Produktion des Autors ein. Man mag darin zunächst Marketing für das Buch und allenfalls an zweiter Stelle einen Dissens zwischen Autor und Herausgeber sehen. Jedenfalls wird, wer den Prosadichter Sebald liebt und sich auf dem Boden der Lyrik generell unsicher fühlt, gern der Selbsteinschätzung des Autors folgen. Er wird dem Herausgeber dann auch großzügig nachsehen, daß er nicht mit offenen und obendrein mit gezinkten Karten spielt, das vollständige Zitat lautet nämlich: Mein Medium ist die Prosa und nicht der Roman – ein Unterschied, den zu betonen Sebald allen Anlaß hatte. Prosa ist also gar nicht der Lyrik konfrontiert, die Idee, sie, die Lyrik, könne sein endgültiges Medium sein, lag Sebald wohl eher fern. An dieser Stelle soll jedenfalls keine nähere Beschäftigung mit der Lyrik stattfinden, es sollen nur einige Reflexe ins Auge gefaßt werden, die entstehen, wenn man die Lyrik auf die Prosa projiziert.

In der angelsächsischen Kritik ist Sebald als easy read charakterisiert worden. In der Tat gibt es kaum einen zeitgenössischen Autor, der sich vergleichbar, wie es scheint, um eine ganz und gar klare und ungetrübt durchsichtige Prosaoberfläche bemüht wie Sebald. Immer wird noch ein zusätzliches klarstellendes Wort eingefügt, noch ein weiterer erläuternder Halbsatz aufgeklappt. Die Klarheit der Oberfläche zieht aber sichtbar-unsichtbar das ganze vielgestaltige Dunkel der Welt hinter sich her. Man könnte glauben, Sebald habe erst mit der Veröffentlichung künstlerischer Prosa begonnen, als dieses Prosaideal für ihn feststand und auch erreichbar war. Der Einsatz fand mit den Schwindel.Gefühlen denn auch gleich auf dem höchsten, nicht mehr zu übertreffenden, sondern nur noch zu variierenden Niveau statt. Wie verhält sich dazu die Lyrik.

Das erste Gedicht in dem Band lautet:

Schwer zu verstehen
ist nämlich die Landschaft,
wenn du im D-Zug von dahin
nach dorthin vorbeifährst,
währen sie stumm
dein Verschwinden betrachtet.

Weder entfaltet noch eingefaltet, ein Augenblick der Evidenz mit einer durchaus durchsichtigen Bedeutungsschicht überzogen, die aber, wie die spätere Prosa, das Dunkel der Unverständlichkeit im Nacken hat (Schwer zu verstehen...). Der knappe Vers enthält mit dem Reisen ein Generalthema der Prosa, und auch die Inversion, die den Blick vom Leblosen auf das Belebte lenkt, wird zum Prosathema: Was mich beunruhigte war die an sich unsinnige Vorstellung, daß die durch diese Verschuppung ihrer Oberfläche gewissermaßen ans Lebendige heranreichende gußeiserne Säule sich erinnerte an mich (AUS 319/320).

Einige Gedichte weiter (LW 10):

Versiegelt die Absicht
bewahrter Zeichen.
Durch Regen gereist
verwischt die Adresse.
Vermute das „Wiederkehr“
am Ende des Briefes!
Zuweilen gegen das Licht
erscheint: „der Seele“.

Eine Annäherung an das vermutete Prosaideal der Oberflächenklarheit hat auf den wenigen Seiten, die zwischen den beiden Gedichten liegen, nicht stattgefunden, die Sprache ist deutlich nicht entfaltend, sondern eingerollt, verrätselt.

Ganz anders sieht es aus bei der späten, parallel zur Prosaproduktion, man kann vermuten: zur Entspannung entstandenen Lyrik aus. Ein besonders ansprechendes Beispiel ist die auf das 1999 datierte Marienbader Elegie. Es ist eine Schriftstellervignette ähnlich der Rousseaus im Landhaus, Stendhals und Kafkas in den Schwindel.Gefühlen oder Chateaubriands und Swinburnes in den Ringen des Saturn. Es ist die gleiche Mischung kollegialer Nähe zu Mitgliedern der Glücks- und Leidensgemeinschaft der Schreibenden, äußerster Dezenz der Annäherung, aber auch einer leicht spöttischer Distanz, die freilich umfassend auf die seltsamen Handwerke des Schreibens, des Lebens und des Liebens zielt und insofern selbstreflexiv den Autor selbst bewusst immer mit einbezieht. Noch weitergehend sind auch wir einbezogen, denn stilistisch sind wir alle als Teilnehmer einer Comédie Humaine verstanden. Dabei ergibt sich speziell an dieser Stelle zusätzlich Entlastung für alle, die dem Mittelteil der Trilogie der Leidenschaft nicht ohne ein gewisses hilfloses Stirnrunzeln gegenüberstehen:


Mir aber wollte es
nicht recht gefallen
dies herrliche Geflecht
verschlungener Minnen.

....Ein
Faksimile davon habe
Ich heute gesehen im Museum
Von Marienbad nebst
ein paar anderen Sachen

die mir viel näher
gingen & unter denen
eine Dochtschere gewesen
ist & ein Siegellacksatz,
ein Ablegeschälchen aus
Papiermaché & eine Feder-
zeichnung Ulrikes...

Wenn das Gedicht insgesamt als eine Wortwelterinnerungen zu charakterisieren ist, so gleitet es dann hin zu den aus den stummen Dingen des ANTIKOS BAZAR, auf den Selysses allenthalben stößt und aus denen sein Blick die tieferliegenden Erinnerungen der Wortlosigkeit löst. Man kann mutmaßen, daß in einem parallelen Prosatext die Entfaltungen noch über tausend Blütenblätter weiter gegangen wären. Die Nagelprobe ist möglich an zwei Gedichten, zu denen es eine derartige Prosavariante gibt. Dabei kann es natürliche nicht um absolute Maßstäbe gehen, da Lyrik ganz allgemein als eine einfaltende und Prosa demgegenüber als ein entfaltende Literaturform zu kennzeichnen wäre. Das Interesse zielt vielmehr auf das Verhältnis einer nur schwach einfaltenden, eigentlich schon entfaltenden Lyrik zu einer extrem entfaltenden Prosa.

Viele der Gedichte sind offenbar auf Reisen entstanden, einige von den späteren offenbar auf Reisen, die zu Prosazwecken unternommen wurden. Die Entstehung der Marienbader Elegie möchte man einer Reise in die Tschechei zuordnen, die für das Austerlitzbuch notwendig war. Man stellt sich den Dichter einsam in einem Hotelzimmer vor, wie er versucht, die rastlos sich bewegenden, noch nicht in Prosaform gebrachten Stoffmengen, die ihm den Schlaf rauben, durch das Gedicht zum Schweigen zu bringen, eine persönliche Mentalhygiene also. Der Beginn des Gedichtes In Bamberg:

In Bamberg
liege ich schlaflos
in einem steinernen
Haus (76)

scheint diese Phantasie zu bestätigen.

Das Gedicht New Jersey Journey (60) verarbeitet in der angenommenen Art Material der Erzählung Ambros Adelwarth:

Eine zerdehnte Katastrophe
der Strom des Verkehrs
Überholvorgänge die eine Ewigkeit
währen todessüchtige Blickwechsel
mit den wildfremden Menschen
auf der anderen Spur

Im Prosatext ist die Todessehnsucht verschwunden, und es wird daraus eine der bei Sebald gar nicht seltenen Stellen, wo die Klarheit der Prosa vor einem semantisch hellen, geradezu spaßigen Hintergrund steht, hier umso schöner, als die Helligkeit von dunklen Menschen ausgeht: Die Überholvorgänge verliefen so langsam, daß man, während man Zoll für Zoll sich nach vorn schob oder zurückfiel, sozusagen zu einem Reisebekannten seines Spurnachbarn wurde. Beispielsweise befand ich mich einmal eine gute halbe Stunde in Begleitung einer Negerfamilie, deren Mitglieder mir durch verschiedene Zeichen und wiederholtes Herüberlächeln zu verstehen gaben, daß sie mich als eine Art Hausfreund bereits in ihr Herzgeschlossen hatten, und als sie an der Ausfahrt nach Hurleyville in einem weiten Bogen von mir sich trennten, da fühlte ich mich eine Zeitlang ziemlich allein und verlassen (AW 154). Das Überholen, auf deutschen Autobahnen, wenn es nach dem Willen und der Absicht der Verkehrsteilnehmer geht, eine Sache von Sekundenbruchteilen, hier fast in den Stundenbereich gedehnt: ganz offenbar ein gefundenes Fressen für Sebalds Entfaltungskunst, mit dem knappen Aufklappen in der Gedichtform konnte er noch längst nicht zufrieden sein.

Die Überholszene ist in der Erzählung in die Fahrt nach Ithaca New York verlegt, die weiteren Szenen des Gedichts verbleiben auch in der Prosaspiegelung in New Jersey. Dem Gedicht entsprechen in der Erzählung im wesentlichen die Seiten 104 bis 130.

Getrieben von der Sehnsucht
nach den Brüdern der grauen Vorzeit
erhebt sich aus dem Flughafen Newark
ein Jumbo über Lagunen und Sümpfe
über ein rauchendes
Riesengebirge aus Müll
und die ungezählten Lichter der Raffinerien

Gleich außerhalb des Flughafengeländes wäre ich um ein Haar von der Straße abgekommen, als ich über einem dort aufgeworfenen wahren Riesengebirge aus Müll einen Jumbo wie ein Untier aus ferner Vorzeit schwerfällig in die Luft sich erheben sah. Er zog einen schwarzgrauen Rauchschleier hinter sich her, und einen Augenblick lang war mir, als habe er die Schwingen bewegt (AW 105).

Die Entfaltung geht weniger in den Umfang, als daß, wie schon beim Überholvorgang, eine Veränderung der Tonlage ins Entspannte, Freundlichere, fast Heitere stattfindet. Mit dem Beinaheunfall (wie dürfen uns von Sebalds schlimmen persönlichem Schicksal nicht in der literarischen Wahrnehmung beirren lassen) wird ein wenn auch nur leichter Slapstickeffekt erzielt. Schon in Verona, auf dem Corso Cavour, wäre Selysses fast dem Verkehr zum Opfer gefallen, als er einem herrenlosen Hund nachschaut (SG 139). Sebalds Humor ist längst nicht so deadpan wie der Buster Keatons, den niemand jemals hat lachen sehen, für viele aber anscheinend unsichtbar.

Krüppelholz meilenweit
Telegraphenstangen Blaubeerfelder
eine sibirische Gegend
kolonisiert und verwildert
totgesagte Supermärkte
aufgelassene Hühnerfarmen
durchgeistert von Abermillionen
von Frühstückseiern
bergend die unentzifferten Seufzer
einer ganzen Nation

Den ganzen Garden State Parkway entlang gab es nichts als Krüppelholz, verwachsenes Heidekraut und von ihren Bewohnern verlassene, teils mit Brettern vernagelte Holzhäuser, umgeben von verfallenen Gehegen und Hütten, in denen, wie der Onkel Kasimir mir später erklärte, bis in die Nachkriegszeit hinein Millionen von Hühnern gehalten wurden, die unvorstellbare Abermillionen von Eiern legten für den Markt von New York, bis neue Methoden der Hühnerhaltung das Geschäft unrentabel machten und die Kleinhäusler samt ihrem Federvieh verschwanden (AW 105).

Hier ist die räumliche Entfaltung wieder deutlicher, vor allem eignet sich der sozusagen de profundis hervorgestoßene lyrische Text erneut als Kontrastmittel, um zu zeigen, wie sehr der Erzähltext durch eine zwischengeschobene Erzählerinstanz, durch das zeitliche Nachschieben der Erklärung, durch ein wenig niedliche Vokabeln wie Kleinhäusler oder Federvieh auf Distanz und freundliche Verträglichkeit gebracht wurde.

Die im Gedicht festgehaltene Episode des Besuchs beim Onkel Kasimir und der Tante Lina gibt in der Erzählung nur den Rahmen ab für Gespräche über den Titelhelden Ambros Adelwarth, die Erzählung entfaltete sich insofern über lange Strecken in eine Richtung, für die die Projektion auf das Gedicht nicht ergiebig ist, Gedicht und Erzählung treffen sich dann abererneut:

Schnaps trinkend
erzählte er mir später
von der Eroberung New Yorks
Schnaps trinkend überlege ich
die Verzweigung unseres Unglücks
und die Bedeutung des Bildes
das ihn meinen Onkel
als Spenglergesellen im 23erjahr
auf dem neuen Kupferdach
der Augsburger Synagoge zeigt
was waren das für Zeiten

Der Onkel hatte zwei Gläser hervorgeholt und schenkte den Enzian ein, den ich mitgebracht hatte. In Deutschland sei er auf keinen grünen Zweig gekommen. Nur ein einziges Mal habe er, wie er mit der Spenglerlehre in Altenstadt fertig war, eine Arbeit gehabt, anno 28, als ein neues Kupferdach auf die Augsburger Synagoge gemacht worden sei. Das hier bin ich, sagte der Onkel Kasimir, indem er eine postkartengroße gerahmte Fotographie, die er von der Wand genommen hatte, mir über den Tisch zuschob.... (AW 117).

Anderntags fahren wir hinunter ans Meer
Seaside Park Avenue um zwölf Uhr mittags
menschleer die hölzernen side-walks
verbarrikadierte Stehrestaurants
im alpenländischen Stil Sommerhäuser
in denen die Zugluft umgeht
Segelboote klappernd vor Kälte
Dünen unterwandern die Stadt

Vor den haushohen braunen Wellen
des Ozeans macht der Onkel
vornübergebeugt in den Wind
mit seinem Polaroidapparat
noch ein Bild von mir

Die Straßen waren leer. Wir brauchten für die zwanzig Meilen bis an den Atlantik hinunter bald eine Stunde, weil der Onkel Kasimir so langsam fuhr, wie ich auf einer freien Strecke noch nie habe jemand fahren sehen. Im Hafen lagen dicht wie eine verängstigte Herde aneinandergedrängte Segelboote mit scheppernden Takelwerk. Der Buyright Store, der Pizza Parlour und der Hamburger Haven und auch die Wohnhäuser waren versperrt und hatten die Läden herabgelassen. I often come out here, sagte der Onkel Kasimir, it makes me feel that I am a long way away, though I never quite know from where. Dann holte er seine Kamera aus seinem großkarierten Überzieher heraus und machte diese Aufnahme, von der er mir zwei Jahre später einen Abzug schickte zusammen mit seiner goldenen Taschenuhr (AW 129f).

Das Motiv der extrem langsamen Fahrzeugbewegung, diesmal nicht relativ beim Überholen, sondern absolut, ist ein zweites Mal genutzt, wieder fühlt man sich in der Prosa, anders als im Gedicht, behütend bei der Hand genommen. Das Gedicht wirkt schon optisch so, als stände es in einem harten Wind, der von Osten in es einschlägt, in der Prosa bewegen wir uns hinter unsichtbaren schützenden Wällen.

Wenn schon die Marienbader Elegie als Nebenprodukt einer Prosaerkundungsreise gedeutet wurde, so gilt das umso mehr für Das vorvergangene Jahr (LW 65). Dem Gedicht entspricht eine konkrete Erzählstrecke im Austerlitzbuch (AUS 298ff). Der Lyrik/Prosakontrastbefund ist dem Wesen nach ähnlich wie bei der New Jersey Reise, aus einem Motorradfahrerfahrer im Gedicht werden zwei in der Erzählung, den vier Seiten Lyrik, allenfalls halbe Zeilen, werden zehn Seiten Prosa, dem kann im einzelnen nicht nachgegangen werden. Der Titel des Gedichtes ähnelt dem des bekannten Films Letztes Jahr in Marienbad. Dem könnte aber nur nachgehen, wer den bekannten Film auch kennt.

Das in den Gedichten durchgängig verwendete Zeichen & möchte man, weil man es nicht besser weiß, als eine Besonderheit des lyrischen Sebald verstehen, tatsächlich handelt es sich aber, wie dem Marbacher Katalog Wandernde Schatten zu entnehmen ist, um eine übliche Handschriftengewohnheit des Dichters, die bei der Veröffentlichung der Prosatexte dann aufgehoben wurde. Bei den Gedichten hat man davon abgesehen, Rücksprache mit dem Dichter war nicht mehr möglich. Es ist zweifellos ein anmutiges Zeichen, fast schon, als sei es dem kartwelischen Alphabet entlehnt.

Vorfahren

Kalender, Atlanten, Trödel und Aschenregen

Der Blick von der Milchstraße herab auf die öde
und schwarz im Weltall sich drehende, ausgebrannte
Ruine der Erde könnte fremder nicht sein, und doch
liegt die Kindheit, die wir auf ihr verbrachten,
kaum weiter zurück als der gestrige Tag.

Sebald nimmt Logis in einem Landhaus und lädt sich Freunde und Vorfahren ein. Im Gespräch mit ihnen offenbart er mehr über den gedanklichen und biographischen Hintergrund seiner Erzählkunst als an anderen Orten. Hebel wird als Kalendermacher eingeführt und sogleich wird erläutert, der eigene Großvater, dessen Sprachgebrauch in vielem an den des Hausfreunds erinnerte, habe die Gewohnheit gehabt, auf jeden Jahreswechsel einen Kemptner Calender zu kaufen, in welchem er dann die Namensfeste seiner Verwandten und Freunde, den ersten Frost, den ersten Schneefall, den Einbruch des Föhns, Gewitter, Hagelschlag und ähnliches mehr mit dem Tintenblei vermerkte (LL 13f). Der Kalender des Großvaters bringt eine verlässliche Ordnung in die Welt, ähnlich wie auf dem höheren Niveau derjenige Hebels: Dem blind und taub sich fortwälzenden Prozeß der Geschichte hält er Begebenheiten entgegen, in denen ausgestandenes Unglück entgolten wird, auf jeden Feldzug folgt ein Friedensschluß, jedes Rätsel, das uns aufgegeben wird, hat eine Lösung, und in dem Buch der Natur, das Hebel vor uns aufschlägt können wir studieren, daß selbst die kuriosesten Kreaturen, wie zum Beispiel die Prozeßspinner und die fliegenden Fische ihren Platz haben in der aufs sorgfältigste austarierten Ordnung (LL 17).

Was einen weiteren Gast im Landhaus, Robert Walser, anbelangt, so erinnerte er mich unwillkürlich immer an meinen Großvater Josef Egelhofer, mit dem ich als Kind stundenlang oft durch eine dem Appenzell in vielem verwandte Gegend gewandelt bin (LL 135). Mit Jan Peter Tripp, auch er zu Gast im Landhaus, hat Sebald posthum den Band Unerzählt herausgebracht. Auf dem Einband findet sich ein Portrait, das Sebald mit Walser und also, wegen der Ähnlichkeit der beiden untereinander, zwangsläufig auch mit dem Großvater überblendet. Ein ähnliches Bild muß der Lukas Seelos vor Augen gehabt haben, denn natürlich sei es überhaupt nicht das Kind gewesen, an das ich ihn erinnert habe, sondern der Großvater, der denselben Gang gehabt habe wie ich und beim Herauskommen aus der Haustür gerade so wie ich zunächst stehengeblieben sei, um nach dem Wetter zu schauen (SG 229f).

Erzählerisch aufgegriffen wird der gedanklich-biographische Hintergrund am unmittelbarsten in den Schwindel.Gefühlen. Im Zug unterwegs nach Mailand holt Selysses den „Beredten Italiener heraus, ein im Jahre 1878 in Bern erschienenes Hülfsbuch für Alle, welche in der italienischen Sprache schnelle und sichere Fortschritte machen wollen. In diesem Büchlein ist alles aufs beste geordnet, so als setze die Welt sich tatsächlich bloß aus Wörtern zusammen, als wäre dadurch auch das Entsetzliche in Sicherheit gebracht, als gäbe es zu jedem Teil ein Gegenteil, zu jedem Bösen ein Gutes, zu jedem Verdruß eine Freude, zu jedem Unglück ein Glück und zu jeder Lüge auch ein Stück Wahrheit (SG 119). Auf schlichteste Weise also die gleiche Weltberuhigung, die vom Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreund ausgeht.

Im Café Alpenrose, wo der Großvater die Tanten Babett und Bina trifft, um mit ihnen Karten zu spielen, vertreibt sich der kleine Selysses währenddessen die Zeit mit einem alten Atlas und zumal mit dem Blatt, auf dem die größten Ströme und die höchsten Erhebungen der Erde ihrer Länge beziehungsweise ihrer Höhe nach angeordnet waren (SG 242). Auch hier also die große weite Welt auf engem Raum zusammengefaßt und ihrer Gefahren beraubt. Der gleiche Blickwinkel von einem festen, gesicherten Punkt, heiße er ruhig Heimat, in die Weite der Welt ergibt sich auch aus der in drei großen Folianten untergebrachten Ansichtskartensammlung der Engelwirtin, die sich der kleine Selysses oft stundenlang anschaute. Das gab im Verlauf der Zeit eine lange topographische Litanei aus Ortsnamen wie Chur, Bregenz, Innsbruck, Altausee, Hallstatt, Salzburg, Wien, Pilsen, Marienbad, Bad Kissingen, Würzburg, Bad Homburg und Frankfurt am Main. Auch italienische Karten gab es zahlreiche aus Meran, Bozen, Riva, Verona, Mailand, Verona, Mailand, Ferrara, Rom und Neapel. Eine davon (und die wollen wir uns besonders merken) zeigte den rauchenden Kegel des Vesuvs (SG 213f).

Ein weiterer bekannter Logisgast ist Gottfried Keller, bei ihm wird neben anderem die Sammlerleidenschaft hervorgehoben (LL 112), die ihn einerseits als barocken Poeten der Vergänglichkeit kennzeichnet, andererseits ist dem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wie ein Lauffeuer um sich greifenden Hochkapitalismus (LL 104) mit den verdämmernden Dingen, die aus dem Verkehr gezogen sind und ihren Warencharakter längst eingebüßt haben, ein Bild entgegengesetzt aus jener früheren Zeit, in der die Verhältnisse der Menschen zueinander noch nicht über Geld geregelt waren: Ein Bündel vergilbter Papiere mit Rezepten und Geheimnissen, ein Fläschchen mit Hoffmannstropfen, ein anderes mit Kölnischem Wasser und eine Buchse mit Moschus; eine andere, worin ein Endchen Maderdreck lag, und ein Körbchen aus wohlriechenden Palmen geflochten, sowie eines aus Perlen und Gewürznägeln zusammengesetzt. (LL 113). – Die Buchse mit Marderdreck scheint in ihrer Abseitigkeit auch für Sammlerkreise unmittelbar zu den sieben verschieden geformten, nicht mehr als zwei bis drei Zoll hohen Bakelitdosen zu leiten, von denen jede, wie es sich zeigte, den sterblichen Rest einer der hier in diesem Haus an das Ende ihres Lebens gekommenen Motten enthielt (AUS 241).


Zeugnisse der Sammlerleidenschaft sind zahlreich in Sebalds Erzählungen, am meisten Wirkung gezeigt hat der ANTIKOS BAZAR in Theresienstadt: Kristallene Schalen, Keramikvasen und irdene Krüge, ein blechernes Reklameschild, das die Aufschrift Theresienstädter Wasser trug, ein Seemuschelkästchen, eine Miniaturdrehorgel, die kugelförmiger Briefbeschwerer, in deren Glassphären wunderbare Meeresblüten schwebten, ein Schiffsmodell, eine Art Korvette unter geblähten Segeln, ein Trachtenkittel aus einem leichten helleinenen Sommerstoff, die Hirschhornknöpfe, eine überdimensionale russische Offiziersmütze und die dazugehörige olivgrüne Uniformjacke mit den goldenen Schulterstücken (AUS 283).

Daß der Erzähler sich in unmittelbarer Nähe des Ghettomuseums Theresienstadt für Hirschhornknöpfe erwärmen kann, ist ihm übel angekreidet worden. Ganz offenbar teilt Sebald nicht die offiziell verordnete Haltung gegenüber dem Holocaust, wonach die Menschheit, im Prinzip gut unterwegs in Richtung Demokratie, Menschenrechte und Völkerverständigung, lediglich, von kleineren Stolpereien und Knieabschürfungen abgesehen, ein Mal zwischen 1933 und 1945 auf ihrem Weg verbrecherisch umgestoßen und übel zu Fall gebracht wurde. Die tieferreichende und, was die Grundstimmung anbelangt, konträre Sicht ist, daß 1933 nur ein weiteres Mal eine dunkle, der Moderne fest eingegrabene rabenschwarze Komponente ausgeschwitzt wurde.

Das Verhängnis ist schon langandauernd und nicht behebbar. Das Gespräch mit Hebel im Landhaus endet damit, daß der Ätti, unterwegs mit dem kleinen Knaben an der Hand, den Untergang der Stadt Bern und der Welt imaginiert. Ätti kann im Schweizerdeutsch sowohl Vater als auch Großvater bedeuten oder, abstrakter, auch alter, gutmütiger, etwas altmodischer Mann (von Greyerz/Bietenhard, Berndeutsches Wörterbuch). Ganz offenbar ist es auch der kleine Selysses, der unmittelbar aus dem Mund seines Großvaters vernimmt: Der Belche stoht vercholt, der Blauen au, as wie zwee alti Türn, und zwische drinn isch alles uße brennt, bis tief in Boden abe. D’Wies het ke Wasser meh, s’isch alles öd und schwarz (LL 40). Sebalds erwachsene Helden stehen in keinem geschützten Raum und erfahren die Weite der Welt nicht handgerecht aus Kalendern, Atlanten und Postkartensammlungen, sie sind typisch die Ausgewanderten, in den Orbit geschleudert, und schauen von dort herab auf die öde und schwarz im Weltall sich drehende, ausgebrannte Ruine der Erde (LL 40f). Den Ausgewanderten bleibt gleichwohl die Sehnsucht nach der Enge der Herkunft. Dr. Selwyn kommt das Heimweh im Verlauf der letzten Jahre mehr und mehr an. Ich sehe, wie der Kinderlehrer im Cheder, den ich zwei Jahre schon besucht hatte, die Hand auf den Scheitel legt. Ich sehe das ausgeräumte Zimmer. Ich sehe mich zuoberst auf dem Wägelchen sitzen, sehe die Kruppe des Pferdes, das weite, braune Land, die Gänse im Morast der Bauernhöfe mit ihren gereckten Hälsen (AW 31). Die Gänse sind aus ihrem Verschlag verschwunden. Bald darauf werden sie teilweise mit kochendem Fett eingegossen. Ein paar Frauen kommen aus dem Dorf zum Federschleißen. Sie sitzen in der kleinen Kammer, jede mit einem Haufen Federn vor sich, und schleißen bald die ganze Nacht. Alles schaut aus wie eingeschneit. Aber am Morgen, wenn wir wieder aufsteigen, ist die Kammer so sauber und federlos, als wäre nichts gewesen (AW 307).

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts konnte es für einen Augenblick so scheinen, als sei der Menschheit eine neue Kindheit geschenkt worden, die sich verlängern ließe zum richtigen Leben. Der Augenblick ist schnell verflogen. Zur Fundierung dieser Sicht greift Sebald, getreu seiner Neigung zum Demodierten, auf leicht ergraute Theorielagen ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert zurück (LL 104), die alle Schuld beim „Kapitalismus“ sahen, obwohl er zum Umkehrschluß wohl kaum bereit war, die Überwindung der kapitalistischen Wirtschaftsform, wie immer das aussehen soll, könne die Welt ins Lot bringen. Ein interessantes Apercu in diesem Zusammenhang ist, daß Luhmann, so als habe auch er beim Ätti gelernt, von den erloschenen Vulkanen des Marxismus spricht, um dann selbst den gemeinten beängstigenden Umstand, daß die ins Rasen geratene moderne Gesellschaft auf Bremsen irgendwelcher Art nicht mehr anspricht, mit feineren Theoriemitteln herzuleiten.


Sebalds Werk läßt sich insgesamt als ein Bremsversuch lesen, der um seine Vergeblichkeit weiß, dem Leser aber Zeit zum Atemholen schenkt. In der Tat werden die verdämmernden Dinge im ANTIKOS BAZAR den Zeugnissen rasenden Unheils im Ghettomuseum Theresienstadt entgegengehalten, und auf diesem Gegensatz wird der Platztausch der Lebenden und der Toten vorbereitet. Die Toten: Es schien mir auf einmal mit der größten Deutlichkeit so, als wären sie nicht fortgebracht worden, sondern lebten, nach wie vor dichtgedrängt in den Häusern, in den Souterrains und auf den Dachböden, als gingen sie pausenlos die Stiegen auf und ab, schauten bei den Fenstern heraus, bewegten sich in großer Zahl durch die Straßen und Gassen und erfüllten sogar in stummer Versammlung den gesamten, grau von dem feinen Regen schraffierten Raum der Luft (AUS 289). Und die Lebenden: Einmal, als ich mich umwandte, sah ich, daß die Fahrgäste in den Schlaf gesunken waren, ausnahmslos. Mit verrenkten Leibern lehnten und hingen sie in ihren Sitzen. Dem einen war der Kopf nach vorn gesunken, dem anderen seitwärts oder in den Nacken gekippt. Mehrere röchelten leise (AUS 290).

Die Toten sind lebendig und die Lebenden sind tot. Der Aufenthalt in Theresienstadt endet mit einer Untergangsvision, die diejenige des Ätti geradezu wiederholt: Südwärts, in einem weiten Halbrund, erhoben sich die Kegel der erloschenen böhmischen Vulkane (jetzt wissen wir auch warum wir uns die Bildkarte vom Vesuv besonders gemerkt haben), von denen ich mir in diesem bösen Traum wünschte, daß sie ausbrechen und alles ringsum überziehen möchten mit schwarzem Staub (AUS 294). Asche senkt sich gleichermaßen über die Lebenden und die Toten, Gerechtigkeit ist hergestellt, Frieden eingekehrt. Aber es ist ja nicht das letzte Wort der Erzählung.

Sonntag, 7. September 2008

Selysses und Bekysseus


Ins nächste Dorf zu reiten,ohne zu fürchten, daß - von unglücklichen
Zufällen ganz abgesehen - schon die Zeit
des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden
Lebens für einen solchen Ritt
bei weitem nicht hinreicht.


Jeder Leser bildet im Laufe der Zeit einen Kreis von Favoriten aus, der Kreis wird zunächst wachsen, dann aber, jedenfalls nach Sebalds Auffassung, mit zunehmenden Alter wieder enger werden, man braucht dann nur noch wenige, die besonders zuverlässig sind. Manch einer mag sich dann selbst wundern, was bei ihm übrig geblieben ist, als Konzentrat sozusagen, etwa dann, wenn Sebald sich in diesem engen Kreis einiger weniger mit Beckett vertragen muß, zwei Dichter, mag der erste Eindruck sein, wie sie unterschiedlicher nicht sein können: der Satzasket und geniale Satzstolperer und der Meister der ausufernden Satzlandschaften souveräner Makellosigkeit. Eine unmittelbare Verständigung zwischen den beiden, auf die man zurückgreifen könnte, fehlt. Der Ältere konnte den Jüngeren nicht kennen, Sebald hat mit Hilfe von Jan Peter Tripp Becketts Augen in den Band Unerzählt aufgenommen, die Bildunterschrift erlaubt lange tiefe Meditation, ohne daß aber Sebalds Beckettbild dabei klare Umrisse gewinnen würde: Er wird Dich bedecken mit seinem Gefieder & unter seinem Flügel dann ruhest Du aus.
Man kann es dabei bewenden lassen und sich still über die Spannweite des eigenen Begreifens freuen. Andererseits stößt freilich schon oberflächliche Reflexion auch auf Verbindendes. Beide, Sebald und Beckett, versprühen wenig Optimismus und können auch nicht als Matadore positiven Denkens gelten. Beide sind philosophische Dichter in dem Sinne, daß es ihnen um letzte Fragen der Stellung des Menschen in der Welt geht, keiner von beiden beschäftigt sich mit dem, was, zumindest nach der Auffassung demokratischer Politiker, „die Menschen wirklich interessiert“ oder sie gar betroffen macht, noch greifen sie Themen auf, „die in der Luft liegen“. Sebald lädt dabei allerdings zu Mißverständnissen ein, viele finden, falls überhaupt, den Zugang zu ihm über die Beurteilung des Luftkrieges oder die Frage, ob der Angriff auf Alfred Andersch nun gerechtfertigt war oder nicht, halten Austerlitz dann für ein halbdokumentarisches Werk über den Holocaust und sind für die Dichtung verloren.


Wir wollen uns aber von diesen eher allgemeinen Erwägungen lösen und stattdessen ein kleineres, ursprünglich in englischer Sprache verfaßtes Prosastück Becketts: D’un ouvrage abandonné (1957, in Tetes-Mortes, Les Éditions de Minuit 1972) gleichsam rückblickend mit den Augen und dem besonderen Orientierungsvermögen des Sebaldianers lesen.

In dem knapp zwanzigseitigen Prosastück erinnert sich ein gealterter Beckettscher Wanderer, nennen wir ihn Bekysseus, an drei anscheinend beliebig aufgerufene Tage aus seinem Leben. Erinnerung, da sind wir zweifellos auf gutem Sebaldboden. Debout au petit matin, ce jour-là, jétais jeune alors… Also eine Rückkehr zur Jugend, wenn nicht zur Kindheit, das passende Sebaldstück ist Ritorno in patria. Wie im Ritorno führt der Weg zurück in die Kindheit durch Landschaft: Beau matin frais, clair trop tot comme si souvent – ohne daß natürlich eine grandiose Schilderung in der Art des Sebaldweges von Oberjoch nach Wertach (vgl. den Aufsatz Sebaldweg in dieser Sammlung) erreicht oder irgend angestrebt wäre. Weiter wie im Ritorno begegnet Federvieh (vgl. den Aufsatz Vynwry in dieser Sammlung): Des oiseaux j’en ai vu de ma vue percante voler si haut, si loin –, wenn auch die positiven Konnotationen fehlen (Les canards c’est peut-etre le pire), aber das ist nicht weiter bemerkenswert, da Beckett alle positiven Konnotationen an der Oberfläche seiner Prosa zuverläßlich abdreht. Die Mutter am Fenster gibt einerseits den Blick auf das Innere der Wohnung frei (ma mère blanche et si mince laissait passer mon regard jusqu’au fond sombre de la chambre), verstellt ihn aber andererseits durch ihr Gezappel im Fensterrahmen (si seulement elle avait pu rester tranquille et me laisser contempler). Im Ritorno sind umgekehrt die Eltern ganz und gar hinter der Zimmereinrichtung verschwunden: Die Anschaffung einer standesgemäßen Wohnzimmereinrichtung, die nach einer ungeschriebenen Vorschrift akkurat den Geschmacksvorstellungen des für die damals sich formierende klassenlose Gesellschaft repräsentativen Durchschnittspaars entsprach, hatte für die Eltern nach einer in mancher Hinsicht nicht leichten Jugend wahrscheinlich den Augenblick markiert, in dem es ihnen vorkam, als gäbe es doch eine höhere Gerechtigkeit. Dieses Wohnzimmer bestand also aus einem massiven Wohnzimmerschrank .... (SG 210f). Beide Heimkehrende vermeiden, auf die eine oder andere Art die Eltern, und: Une veine que mon père soit mort quand j’étais encore jeune, sinon j’aurais pu finir professeur - genau das, was dem anderen, nehmen wir für einen Augenblick die reale Gestalt, unterlaufen ist.

Der zweite Tag steht im Zeichen des Schimmels: C’est là le seul cheval entièrement blanc dont je me souvienne, ce que les Allemands appellent un Schimmel si j’ai bonne mémoire, ah jeunot quelle vivacité, quelle faim de connaissance, Schimmel, joli mot pour une oreille anglaise. Der Sebaldianer hat sogleich das große Gemälde von der Schlacht auf dem Lechfeld vor Augen, wo der Fürstbischof Ulrich mit seinem Schimmel über einen am Boden liegenden Hunnen hinwegreitet und auf dem auch alle Pferde diese irren Augen haben (SG 227, Bild 228).

Eh bien d’abord tout va bien , pas d’histoire, rien que la violence et puis ce cheval blanc, quand soudain je piquai une rage des plus sauvages, proprement aveuglante: die Wut ist, als Zustand des Außersichseins zu den Schwindelgefühle zu rechnen. Il fut un temps où j’essayais de me soulager en me tapant la tete contre quelque chose, mais j’y ai renoncé. – In der krankhaften Haltung eines Wesens, das sich zum ersten Mal von der Erde erhoben hat, stand ich gegen die Glasscheibe gelehnt (RS 13).

Jamais aimé personne à mon avis, je m’en souviendrais. Die Unfähigkeit zu lieben, ein weiteres Sebaldthema, erinnert sei nur an Jacques Austerlitz und Marie de Verneuil.

Und doch eine Liebe: J’ai l’amour du mot, les mots ont été mes seules amours, quelques-uns. Und andererseits : Je dois peut-etre signaler ici que je ne parlais jamais à personne, mon père a du etre le dernier à qui j’ai parlé. Sebalds Bücher sind voll von Berichten über die Wortlosigkeit und die Lust und die Qual des Umgangs mit den Worten, und wir, die Leser, wissen, warum wir die beiden Autoren lieben: Weil in ihren Texten jede andere möglich Spannung zurücktritt hinter der Frage, welches das nächste Wort sein und welche Gestalt der nächste Satz haben wird. Und so ist es denn auch bei der Arbeit hier eine größere Freude, die Zitate abzuschreiben, als die eigenen Worte zu setzen, die nicht im gleichen Glanz erstrahlen wollen.

Aller en enfer, c’est la grace que je demande – die Hölle ist dem Sebaldianer nicht fremd, er ist versucht, das Austerlitzbuch als danteske Höllenwanderung mit kurzen Einblicken ins Paradies zu lesen.

Oh sans cette affreuse bougeotte (Ludovic Janvier hat in einem Anhang zu seinem Buch Pour Samuel Beckett am Thema der Unruhe die engen Bezüge zu Pascal herausgestellt) que j'ai toujours eue j'aurais vécu ma vie enfermé dans uns grande pièce vide à échos, avec une grande pendule ancienne, rien à écouter et à somnoler, le coffre ouvert pour que je puisse voir le balancier, suivant des yeux son va-et-vient, et les poids de plomb pendillant et plus en plus bas jusqu'à ce que je me lève de ma bergère et les remonte, une fois par semaine. – Hier berühren wir ganz offenbar einen zentralen Überschneidungsbereich. Bougeotte, Reise- und Wanderzwang, ist ein festes Merkmal des Sebaldschen Helden. Selysses durchwandert fieberhaft Wien (All’estero in SG), Manchester (Max Aurach in AW), Austerlitz das nächtliche London. Wie Grillparzer finde ich an nichts Gefallen, bin von allen Sehenswürdigkeiten maßlos enttäuscht und wäre, wie ich oft meine, viel besser bei meinen Landkarten und Fahrplänen zu Hause geblieben (SG 62). Zum Uhrenthema sei auf den Aufsatz Uhren in dieser Sammlung verwiesen.

Der Wanderer benötigt eine angemessene Ausrüstung. J’ai mon baton à la main, tout en allant mon chemin – auf dem Bild im Austerlitzbuch können wir den Stock des Selysses deutlich erkennen, freilich fehlt bei Sebald die obsessive Beschäftigung mit dem Zubehör, sei es der Regenschirm oder der Wetterfleck.

Becketts Text endet mit einem Gang durch hohes Farnkraut: Je suis là-haut dans les fougères, sabrant de droite et de gauche avec mon baton à en faire gicler les gouttes et jurant. Qu’elles sont grièches ces grands fougères, presque du bois, tiges terribles, vous arracher la peau des jambes à travers le pantalon. – Und auf der anderen Seite: Der Fußpfad führte um den Verhack herum, durch eine Ginsterböschung auf die Anhöhe der Lehmklippe hinauf und dort in geringer Entfernung von dem stets von Einbrüchen bedrohten Rand des festen Landes zwischen Adlerfarnen hindurch, von denen die größten mir bis an die Schultern reichten (RS 83, Bild 84).

Selysses und Bekysseus, Wanderpaare wie Didi und Gogo, Mercier und Camier, Selysses und Austerlitz, oft zu zweit, immer einsam: Simplement j’allais mon chemin toujours, mon corps faisant de son mieux sans moi. Im Aufsatz Bedürfnislosigkeit hatten wir gezeigt, wie sehr der typische Sebaldheld dem Beckettschen angenähert ist, der Major Le Strange, der Hochschullehrer Michael Parkinson und auch Jacques Austerlitz, dieser wiederum verschmolzen mit Ludwig Wittgenstein, der allein schon durch sein bekanntes Geständnis, ihm sei egal, was er esse, Hauptsache nur, es sei immer das gleiche, unmittelbar Beckettformat bewiesen hat, gern hätte er sich auf carottes à l’Estragon festlegen lassen. Wer vor vierzig Jahren mit Beckett trainiert hat, war dreißig Jahre später auf die Begegnung mit Sebald bestens vorbereitet.

Das vorgeführte Spielchen ist von Beckettscher Clownerie infiziert, niemand sollte es allzu ernst nehmen.